Die Betäubungsmittel-Revolution

Ich bin nicht dafür und werde es niemals sein, dass Drogen jeglicher Art so legalisiert werden wie die Volksdroge Alkohol, die ich selbst viel zu oft und aus Gewohnheit in mich hinein schütte. Irgendwann einmal im „Text zur Nacht“ habe ich mal geschrieben, dass jedes Ereignis im Leben besser ist, wenn man ein Bier in der Hand hat; und dieser Irrglaube ist für mich eine Tatsache.

 

Niemals werde ich dafür sein, dass die Leute Cannabis so kaufen können wir Alkohol, z.B. Päckchenweise beim Rewe. Ein Verkauf sollte, selbst wenn er legal ist, reguliert ablaufen: Auch bei Alkohol. Ich werde es nie für gut heißen wenn ein 13, 14 oder 17 Jähriger irgendwo legal kiffen kann, selbst wenn es in der Gegenwart viele Bereiche in Deutschland gibt, wo das Gang und Gäbe ist. Auch Erwachsene sollten nicht überall Drogen konsumieren, jedoch mitführen dürfen. Kriminalisierung hat uns weder gerettet noch weiter gebracht.

Für mich persönlich  ist es ein großer Schritt zu sagen, dass man im Prinzip alle Drogen legalisieren sollte, denn dagegen war ich immer. Das hat auch viel damit zu tun, dass irgendwelche Vollidioten, die gerne kiffen, sagen, wie geil das doch ist und jeder Mensch dadurch besser wäre und die Gesellschaft supertippitopi würde, wäre Kiffen legal. Nein. Deswegen bin ich nicht dafür. Ich bin dafür, da der Krieg gegen die Drogen so nicht funktioniert.

 

Als langjähriger Drogensüchtiger bin ich für sauberen Stoff und dagegen, dass Leute wegen Eigenkonsum-Mengen eingesperrt werden. Von den zigtausenden die in Lateinamerika wegen des Drogenhandels und denjenigen, ganz egal wo auf dem Planeten, die ob des Konsums leiden oder gar daran zugrunde gehen ganz zu schweigen.

Die oben erwähnte Argumentation der Cannabis-Legalisierer hat ein Problem: Man nimmt Drogen nur bis zu einem gewissen Punkt freiwillig und zum Spaß. Irgendwann kommt meistens der Punkt wo die Sucht den Lebensrhythmus vorgibt, was von den Legalisierungsbefürwortern gerne übersehen wird: Ja, es gibt auch die Drogensucht. Man kann die Menschen leider nicht nur der Selbstverantwortung überlassen, denn aus persönlichen Erfahrungen weiß ich, dass die Sache irgendwann und dafür sehr schnell ins Rutschen kommen kann. Wie kann man also überhaupt für eine Legalisierung eintreten, wenn das Beispiel Alkohol zeigt, wie schlimm die Geschichte werden kann, mit Tausenden von Toten  jedes Jahr auf der Seite der Konsumenten? (oder Tausende Hirntote-Kiffer? Oder Blödgefeierten – Unwort – Ravern?)

 

Alkohol ist ein gutes Beispiel, da es ein schlechtes Beispiel ist. Hier hat sich gezeigt, wie eine Legalisierung nicht funktioniert. Aber. Aus diesem Beispiel kann man lernen. Ich finde, wenn man Substanzen erlaubt, muss das nicht heißen, dass man sie auf einen Standard erlaubt, wie Alkohol. Ganz im Gegenteil. Man muss bei einer XTC- oder Cannabis-Legalisierung den Alkoholkonsum, also den Verkauf eindämmen. Jeder bekommt von mir aus einen bestimmten Monatsbedarf zugesprochen, den er über die Krankenkasse abrechnen kann, Schimpfwörter wie RFID-Chips könnten  da weiterhelfen. Lacht nicht. Was fürs Kiffen ein Modell ist, muss Zwangsläufig auch ein Modell für Alkohol werden. Kontrollierte Abgabe, anders geht es nicht.  Natürlich lässt sich auch so ein System umgehen (Kumpel kauf mir mal was auf deinen Vorrat), das wird aber immer so sein.

 

Der Weltstaat müsste keinen Krieg gegen die Drogen inszenieren, der ohnehin mehr Leben kostet als rettet. Millionen, ach was Milliardengeldsummen könnten gespart werden und ich würde sie in Prävention und Aufklärung stecken. Während ich hier sitze wird in meiner Landeshauptstadt das Oktoberfest abgehalten, und warum nicht dort große Kampagnen gegen den Alkoholkonsum starten? Bringt nichts? Stimmt nicht. Mit dem Rauchen ist es doch genauso. Vor 50 Jahren hätte man mich auch ausgelacht wenn ich Raucher vor die Tür geschickt hätte: Heute ist es Normalität. Der stete Tropfen… Ihr wisst schon. Und die Quote derer die zu Rauchen anfangen sinkt auch immer weiter, Anti-Drogen-Kampangen funktionieren also, wenn man sie zielgerichtet und auf hohem Niveau führt.

 

Ich gönne jedem seinen Drogenrausch, solange es ein RAUSCH ist und keine Gewohnheit, wenn es also schon gar nicht mehr kickt und man es trotzdem macht. Deswegen soll jeder das Recht haben einmal oder zwei Mal im Monat sich mit LSD oder was weiß ich abzuschießen. Doch nicht im Verborgenen, nein, an Orten wo er auch Hilfe bekommt, wenn es mal nicht so gut läuft mit dem Draufsein. Das Stigma des Drogenkonsums muss weg und schon erreicht man wieder viel mehr Menschen, die man heute als verloren  ansieht.

Drogenkonsum an sich soll nichts Gewöhnliches werden, nicht so wie: Mir ist langweilig und ich gehe jetzt mal zur Tanke und hole mir nen Wodka Gorbatschow aus der Dose. Drogen sollten Event-Charakter haben und dann auch toleriert werden.

Dabei wird es immer einen Schwarzmarkt und menschliches Elend geben. Immer. Nur muss man die Möglichkeit einer humanen Gesellschaft erhalten. Und warum soll ÜBERWACHUNG in jedem Fall etwas Schlechtes sein?

 

Das Ganze ist natürlich ein Hirngespinst, ein wenig von Utopia darf man aber wohl auch noch träumen, oder? Und vielleicht sollte man den Staat nicht immer auf allen Ebenen verteufeln und Regulierung nicht gleich als die Zerstörung der persönlichen Freiheit begreifen. Manchmal wissen doch andere was besser für dich ist. Mutti hatte ja auch nie ganz Unrecht.

 

Legalisiert wird werden. Früher oder später. Auf die eine oder andere Art. Und ich bin gespannt  was dieser anstehende Tabu-Bruch für eine Gesellschaft generiert. Denn mit der Drogenlegalisierung ist es wie mit dem Etablieren der freien und offenen Sexualität im letzten Jahrhundert.

Heute leben wir in ein durch sexualisierten Gesellschaft. Ich kann mir überall Sex kaufen, ansehen und selbst für umsonst ins Internet stellen. Vor Jahrzehnten war noch eine Nacktszene im Kino ein Skandal – wie wird es dann erst mit der legalen Massenverbreitung von Drogen sein? Ich. Bin ja kein Freund der übermäßigen Sexualisierung, die bei uns allerorts anzutreffen ist. Ich finde, diese Form von Sex fehlt es an Würde und Anstand, was sich auch mit dem Respekt auf meinen (schlimm/schönes Wort) Nächsten überträgt. Denn das ist doch die Frage liebe Regulierungsfreien Legalisierungsbefürwörter: Was wird mit der Gesellschaft geschehen, wenn ihr alles frei nehmen dürft? Seid ihr wirklich so naiv zu glauben, dass dann alles besser wird?

Meiner Meinung nach hat der Respekt dem anderen gegenüber mit einem höheren Maß an (Sexueller)Freiheit nicht gerade zugenommen. Im Gegenteil. Was wird nach der sexuellen Revolution, die Drogenrevolution hervorrufen? Werden wir noch unverantwortlicher werden? Und wird das Wort „Freiheit“ nur noch mit „Marktfreiheit“ gleichgesetzt?

Wo Schönheit regiert, regiert der Faschismus

Alles muss gut aussehen. Besser: Alles muss richtig aussehen. Wer sagt das? Ich sage das, denn ich bin der kleine Mann in deinem Kopf, der Spion, den die Außenwelt in deine Vernunft gepflanzt hat. Dank Film, TV und vor allem Werbung (mein ewiges Thema) sind wir so indoktriniert worden, dass die Welt in ein gewisses Raster passen muss, sonst nehmen wir sie nicht ernst. Das beginnt beim sich stetig ändernden Schönheitsideal der Mode und geht weiter über die Politik und deren „Fortsetzung mit anderen Mitteln“, was auch ein Grund ist, weswegen manche unserer Mitmenschen es zum Beispiel es den bei uns hilfesuchenden Asylanten ganz rot und schlecht ankreiden, wenn sie ein neues Handy besitzen, womit sie zuhause im Krieg anrufen; besser wäre es für mich, den kleinen Mann im Kopf, hätten diese schwarzen Asylanten noch zerrissene Klamotten an und Handys, die Nokia einstmals in Bochum produziert hat. Das würde in mein Weltbild passen.

Sind solche Vorstellungen von Flüchtlingen und deren Mobilfunkgeräten dumm? Finde ich jetzt gar nicht, denn unsere Meinungen und unser Verständnis über Bilder und deren Aussagenkraft, ihrer Funktion, wurden uns Jahrzehntelang in die Innenseite unseres Schädels gemeißelt, ironischer weise von den ganzen Hilfsorganisationen die um unsere Spenden oder sogar um eine Patenschaft für schwarze Kinder mit aufgeblähten Bäuchen und mit Fliegen im Gesicht geworben haben. Jetzt sind diese Kinder plötzlich groß geworden, laufen hier über die Straße, und haben statt Fliegen im Gesicht ein nagelneues Smartphone am Ohr. Die Gutmenschenmedien kommen dann schnell mit einer Neid-Debatte daher (was teilweise stimmt), übersehen dabei aber auch gerne die Macht der Bilder, deren sie sich selbst bedienen.

Die Medien sind in einer Medienwelt selbstverständlich Teil des Problems. Einerseits wollen sie informieren und (leider) auch unterhalten, andererseits müssen sie auch mit anderen Medien um Aufmerksamkeit konkurrieren und geben dabei ihre „Ideale“ auf – für viele Kritiker der Medienlandschaft wird der Begriff „Ideal“ ohnehin nur noch ironisch verwendet. Wie bindet man also die Aufmerksamkeit der Zuschauer (Konsumenten) am besten an einen Beitrag? Genau, mit den Klischees von Worten und Bilder, idealerweise noch mit Über- oder Extraklischees, d.h. mit reißerischen Bildern – und mit einer Prise Sex und Humor. Das kann man jetzt einfach nur verteufeln und ablehnen, okay, dennoch hat die Berichterstattung durch die Medien eine gewisse Vorbildfunktion für unser Denken. Denn. Siehe oben. Die Art wie etwas gezeigt wird indoktriniert unser Verständnis davon, wie die Welt zu funktionieren hat.

Für manche ist das so schlimm, dass sie sich „alternative Medien“ suchen die zwar neue Denkansätze verfolgen, leider aber immer noch schlimmer politisch verortet und Klischee beladener sind, als all die „Mainstream-Medien“. Hier wird RICHTIG Meinung gemacht.

„Propaganda“ ist kein Kriegsbegriff mehr. Er ist ein Dauerzustand. Deswegen gibt es zu jeder Nachricht im Jahr 2015 eine oder gleich mehrere „alternative Sichtweisen“ auf den gleichen Bericht. Im Prinzip ist das eine gute Sache, denn es hat auch eine demokratische Komponente. Das Problem ist nur dass der Hauptteil der Propaganda nicht „vom Volke“ ausgeht, sondern von der Wirtschaft. Wir leben in einer kapitalistischen Welt die nach kapitalistischen Regeln funktioniert. Der, der das Geld hat (also nicht mehr DER Einzelne, sondern DIE Unternehmen) hat die Macht über die Bilder. Ein hohes Gut wie ich hier behaupte. Denn die Propaganda der Bilder, der schönen heilen (gar nicht neuen) Welt oder der Hölle auf Erden, kommt schließlich doch immer beim Volke an – und dem wird Angst gemacht. Angst vor der Zukunft. Und es ist genau diese Angst, die die Menschen mit Fremdenhass auf die Straße treibt oder sich in ihren Wohnungen oder auf ihren Partys und Urlauben einsperren lässt, wo sie auf Facebook einen „geilen Ausnahmezustand“ feiern und markieren, den es nur in ihrer Wahrnehmungsblase gibt. Denn wir sind Getriebene der Bilder. Wir fliehen vor ihnen in den Konsum um uns selbst einzureden, dass es gar nicht so schlimm ist.

Das die Politik sich schon längst an die Wirtschaft verkauft hat ist eine gängige Floskel. Denn ansonsten würde „unsere Kanzlerin“ sich auch zu den großen Themen bekenne und die Probleme „anpacken“. Zur Flüchtlingsproblematik hört man von ihr aber fast gar nichts. Nur dass die Rüstungsexporte mal wieder gestiegen sind und damit (über kurz oder lang) noch mehr Flüchtlinge nach Europa getrieben werden – und Europa ist unser aller Problem. Das sollten wir inzwischen verstanden haben. Da ist es natürlich leichter auf die Bilder der bösen Nazi-Demonstranten zu schimpfen und bei ihnen das Problem abzuladen, anstatt zu sagen, „Ja, na ja… Wenn wir weniger Waffen verkaufen, kommen wohl auch weniger Flüchtlinge zu uns, kostet halt Arbeitsplätze“. Und den Verlust von Arbeitsplätzen kann sich kein Politiker leisten. Arbeitsplätze sind seine goldene Währung zur Wiederwahl. Wir sind soweit gekommen, dass der Arbeitsplatz selbst zum Erhalt des Systems in dem wir leben nicht nur beiträgt, nein, er erhält das System. Was wäre eigentlich wenn die Leute in der Masse sagen würden: „Ich unterstütze mit meiner Arbeitskraft dieses System nicht mehr!“ und sie würden die Arbeit niederlegen? Das wäre doch die wahre Revolution in einem kapitalistischen System; dem Kapitalismus zu entsagen.

Natürlich und leider macht das keiner. Wir kennen ja die Bilder aus dem Assi-TV – so wollen wir nicht enden. Wir wollen unser „schönes Leben“, wollen uns Dinge leisten können wie, Kleidung, Urlaube, Partys, Drogen, Smartphones, Play Stations, Autos, oder auch nur um so viel essen zu können wie wir wollen. Verhungern müsste bei uns aber eigentlich keiner. Nur ist die Angst vor dem sozialen Abstieg eine der größten Hysterien, die in Deutschland umgehen. Ich kann das natürlich auch verstehen. Bin ja selbst ein Sicherheitsfanatiker. Und der Witz an der Geschichte ist ohnehin, dass immer mehr Menschen sowieso aus dem System Arbeit ausgeschlossen werden, da wir an einem Punkt angekommen sind, in dem das Geld seltsamerweise gar keine Arbeitskräfte mehr benötigt um sich selbst zu erwirtschaften… Deutschland ist keine Insel mehr. Und eine globale Revolte gegen den Kapitalismus wird es nicht geben. Denn während es uns gut genug geht um zu revoltieren, geht es anderen schlecht genug, um sich gerne in dieses System zu begeben und unseren Platz einzunehmen.

Hups.
Manche Texte flutschen einem ein wenig durch die Finger. Ich hatte vor, mehr über die Ästhetik der Bilder zu schreiben, wie wir abhängig sind von Vorgaben. Was schön ist. Und was nicht. Und was alleine durch seinen Look einen höheren Wert besitzt als Dinge die zwar nicht „schlechter verarbeitet sind“, nein, die einfach nur ein schlichteres Design besitzen, innerlich wie äußerlich. Von Menschen, die ihr Leben lang einsam und schlecht gefickt bleiben, nur weil sie nicht so aussehen wie unsere Photoshop-Schönheiten oder unsere Fernsehsternchen, die vor ihren Aufnahmen stundenlang an einem Ort verweilen, den man nicht umsonst die „Maske“ nennt…

Ja. Die Bilder nehmen uns unsere Phantasie. Sei es im Kino („das ist aber schlecht animiert“ – was so viel heißt wie: „Das glaube ich nicht“) oder auf der so genannten Straße, im Job, im Bett, im so genannten EIGENheim…
Die Bilder nehmen uns die Träume. Denn dort wo Schönheit regiert, regiert der Faschismus.

Die Wahrheit ist

die Fifa ist korrupt, unsere Polizei und der deutsche Geheimdienst von Rassismus durchzogen, die Amerikaner überwachen uns, höhlen unsere u ihre Demokratie aus, die Russen halten uns für schwul u scheißen auf Freiheit und wie die USA auf Menschenrechte, der IS will uns alle unterwerfen, töten oder bekehren, im Mittelmeer ersaufen die Träumer, Assad tötet sein Volk, Berlusconi fickt kleine Mädchen, unsere Schuhe werden von kleinen Kindern genäht, der Klimawandel frisst uns auf, die Arten sterben und wir betreiben den Tieren gegenüber einen stetigen Genozid, jeden Tag mehr vergiften wir uns u den Planeten – und wie immer belügen uns die Politiker, die nur die Marionetten sind von Fonds u der Industrie, wobei sie sich nicht einmal Mühe geben uns ordentlich zu täuschen…

All das ist nur die Oberfläche des Problems. Krimskrams den jeder weiß. Die Haut auf dem Meer der Lüge, des Hasses u der Korruption.

Aber die Wahrheit u die Tatsache ist auch, das ich, ganz egal welche Haltung ich worüber vertrete, ein gutes, sicheres u behütetes Leben führe.

Die Wahrheit ist. Trotz. Und wahrscheinlich wegen all dem. Geht es Menschen wie uns viel zu gut.

Die Hippies tragen die Schuld für den ungezügelten Kapitalismus (Guerilla)

„Im Prinzip sind die Hippies daran schuld.“ Wir liegen auf dem Geld, am Boden, auf dem Rücken, nackt, und sehen hinauf zur Decke. Meine Freundin Angela, die sich unter dem Spitznamen „Guerilla-Schneiderin“ einen Namen gemacht hat, und ich.
„Sind die Hippies nicht an Allem schuld?“ lächle ich sie an. Es ist so viel Geld im Raum, das es danach riecht.
Geld stinkt nicht. Hat es nie getan. Sondern damit wie man es verdient oder was man damit anstellt. Das meinten auch die Römer, als sie den Ausdruck prägten.

„Nein wirklich“, sie dreht sich auf den Bauch um, lässt ihre wunderschönen Beine pendeln, „Ich habe viel darüber nachgedacht. Obwohl… Im Prinzip sind die Hippies zwar der Katalysator für die Probleme ihrer Nachkommen, aber ob sie richtig SCHULD sind… Nun… Ohne sie wäre es auf jeden Fall nicht passiert…“
„Was meinst du denn?“
„Ich meine, dass die Menschheit aus den Fehlern der Nazis mehr gelernt hat als aus den Errungenschaften der Hippie-Befreiungsbewegung.“
„Hm?“ Ich liebe es wenn sie mich über die Welt belehrt. Nein, ganz ehrlich. Kluge Frauen fand ich schon immer sehr sexy. Und auch wenn wir immer gesagt haben, dass uns Geld nicht interessiert, ist es dennoch verdammt sexy in der Wagenladung Geldbündel zu liegen – und dabei ist das nur der kleinste Teil dessen den wir „besorgt“ haben; das wahre Vermögen ist jetzt und für immer das digitale.

„Für die Hippies, den Beatles, die 68ger… Was weiß ich. Bevor der großen Glorifizierung der Jugend und der Abschaffung der alten, elterlichen Werten, bevor des Umsturzes, waren die Eltern das Maß aller Dinge. Ihnen hat man bedingungslos gehorcht und ihre Weisheiten nicht in Frage gestellt.“
„Ist doch gut dass sich das verändert hat.“
„Findest du? Sicherlich ist es gut dass sich das verändert hat, das Problem ist nur das Ausmaß. Durch die große gesellschaftliche Umwälzung dieser Zeit galten die Träume und Versuchungen der Jugend plötzlich mehr als die Vernunft und die Erfahrung des Alters.“
„Die Altersdummheit ist aber auch sehr weit verbreitet…“
„Jetzt lass mich doch mal fertig erzählen.“
Ich schweige und lächle.

„Natürlich ist weder das Eine, noch das Andere eine allumfassende Wahrheit. Dennoch war es ein Fehler sich ganz auf die Träume der Jugend zu stürzen und die Errungenschaften der Erwachsenen quasi über Bord zu werfen, was aber bei genauerer Überlegung kein Wunder ist, da die Jugend einfach viel geiler und sexier ist. Es ist nun mal schöner sich den ganzen Tag mit anderen Partnern zu paaren und dicht zu sein, als sich eine als verstaubt wirkende Moral einimpfen zu lassen. Wobei die Hippies selbst in ihrem Extremismus gar nicht das Problem waren, denn sie hatten gute Absichten. Es war das UMFELD der Hippies, die Mitläufer, die sich nur das Herauspickten, was ihnen gefiel und das Alles mit dem aufkeimenden Kapitalismus vermengten. Die Hippies selbst wollten nur durch Liebe die Welt verändern. Und die Menschen die im Kielwasser dieser Bewegung aufwuchsen, wollten dagegen nur die Vorteile der Hippies anwenden, die freie Liebe und die Erfüllung aller Wünsche – und wollten dennoch angepasst wirken und ein normales Leben führen; nur BESSER als ihr Umfeld. Das ist ein Widerspruch, weil sie die Ideale der Hippies nicht verstanden haben, es auch nicht wollten. Und aus diesem Widerspruch entstand der Egoismus unserer Zeit, ein Egoismus, der sich nur noch auf die pubertären Wünsche von Jugendlichen bezieht, verstehst du?“

Ich sehe sie ein wenig hilflos an.
„Also pass auf“, sie sieht mir dabei ins volle Gesicht, „Was wollen die Menschen heutzutage? Wollen sie Werte vermitteln? Die Welt verändern? Investieren sie in die Zukunft? Nein. Sie denken nur an sich. Die Familien denken nur noch an ihre eigene Familie und nicht mehr an die Gesellschaft an sich…“
„Früher war da noch das Vaterland.“
„Ein beschmutzter Begriff, ich weiß, doch wenn man aus dem VATERLAND die Gesellschaft in der man lebt macht, klingt das schon viel weniger Nazi mäßig, sondern eher grün konnotiert. Doch es sind nicht nur die Familien. Mit welchen Vorbildern wachsen unsere Jugendlichen auf? Mit lächerlichen Gangsta-Rappern und glorifizierten Sozialversagern, die vor allem eins nicht sind: Angepasst. Die Unangepasstheit als Ideal ist das größte Erbe der Hippies, doch während zu ihrer Zeit durch diese Leitbilder eine bessere, utopische Gesellschaft entstehen sollte, dreht sich heute ALLES nur noch um dich selbst und was du durch deine Unangepasstheit erreichen kannst. Der Verbrecher wird als klüger angesehen, da er hart ist und sich nicht anpasst, während alle anderen dumm sind, die das Gesellschaftsspiel mitmachen… Da sind nur Du und deine Individualität, die über allem steht; dein ganzes Leben dreht sich nur um dich, dich, dich. Der Mensch findet darin keinerlei Maß mehr. Die Leute wollen nur ficken und gefickt werden, Drogen fressen oder sich ein schönes, neues Haus ganz für sich alleine bauen, der Eindringling ist der Böse.“
„Besonders der Ausländer.“
„Eben, das Paradebeispiel des Eindringlings. Und meiner Meinung nach kommt das alles durch die damaligen Studenten der 60ger, 70ger Jahre, die die Hippies nicht verstanden haben, sondern sie im Gegenteil mit einem ungezügelten Kapitalismus verbunden haben, wir leben ja in einer Welt der Alt-Hippies, nur wurden aus denen keine Weltverbesserer, sondern Kapitalisten. Deswegen wurde die Welt im Gegenzug auch nicht wie beabsichtigt mit mehr LIEBE überzogen, sondern in Wahrheit immer kälter, brutaler mit immer noch weniger Moral gegenüber anderen Menschen. Die Ideale der 68ger kamen wie ein Bumerang zurückgeschossen und fraß die Kinder ihrer eigenen Revolution.“
„Wortwörtlich.“
„Daher kommt der ungezügelte Kapitalismus, da wir die Jugendlichen mit ihren Wünschen und Trieben zu unseren Göttern gemacht haben; und was machen Erwachsene die noch halbe Kinder sind? Genau: Sie fressen maßlos Süßes in sich hinein: Bis sie kotzen. Und so ist der moderne Mensch… Und keine Regierung der Welt hat sich nachhaltig dagegen wehren können, da die Versuchungen jung und geil zu sein, umgeben in einer Welt der ewigen und unbegrenzten Triebabfuhr, einfach zu verführerisch war… So gesehen war auch die totale Abschaffung des Ideals eines Nationalstaats ein Fehler, da die Menschen nichts mehr hatten woran sie sich festhalten konnten. Natürlich war es unaussprechlich furchtbar was die Nazis anstellt, doch mit der Zertrümmerung des Gemeinschaftsgefühls, spätestens nach dem Ende der DDR, ist die Maßlosigkeit der Selbstüberhöhung und die Verachtung des Nächsten immer weiter voran geschritten. Die Menschen wollen am Ende gar nicht in einer freien Welt leben – sie wollen nur freier sein als alle anderen…“
„Du willst also damit sagen, dass die Hippies den gleichen Effekt auf den Kapitalismus hatten, wie auf die Drogen?“
Diesmal sie: „Hm?“
„Na am Anfang war Drogennehmen Erleuchtung und eine Verbindung mit der Natur – bis sich später die Leute nur noch aus stumpfer Lust abschossen um sich einen Kick zu verschaffen: Nur sich selbst und sonst niemand anderen, auch noch auf Kosten der anderen, die man beklaute oder gleich ganz um die Ecke brachte.“
„Nun ja. So ähnlich. Jedenfalls ist die Welt seit damals süchtig nach der Jugend. Ja. Es geht im Prinzip nicht einmal um die Drogen selbst, sondern darum, was der Mensch damit verknüpft: Und das ist die Jugend. Die Jugendhörigkeit ist der Quell allen Übels, da es einfach eine unreflektierte Lebensform ist. Nach mir die Sintflut. Und jetzt mach die Beine breit.“
„Aber doch nicht immer. Es gibt doch viele Leute die sich da Gedanken machen und engagieren!“
„Genau. Es wird wieder versucht umzudenken. Nur reicht das nicht. Besonders weil das Denken infiltriert wurde. Denn wo früher der Ausgangspunkt die Vernunft durch die Stammesältesten war, ist jetzt der Ausgangspunkt Internetpornografie und so viel Spaß wie möglich zu haben – koste es was es wolle.“
„Nicht das die Stammesältesten immer Recht gehabt haben.“
„Natürlich nicht! Doch es macht doch mehr Sinn sich gegen eingefahrenes Denken der Älteren selbstbestimmt aufzulehnen um sich damit weiterzuentwickeln, anstatt erst durch ein zu viel an allem – ein täglicher Kindergeburtstag der Wunscherfüllungen – zu kämpfen, um dann festzustellen: So geht es nicht weiter….“
„Das Problem ist also die Dekadenz…“
„Ja… Die Entartung von einer zuerst tollen Idee ist bei allen Entwicklungen das größte Problem…“

Und da liegen wir nun. Nackt. Frisch gefickt. In Mitten von all dem Geld das wir mit unserem Liebhaber Koji gestohlen haben. Werden ganz kurz ganz still. Bis sie sagt:
„Das wird auch unser Problem werden.“

Die Dummen gegen die Gutmenschen

Mit manchen Themen wird man wahrlich zugeschissen, oft hat das mit der zeitlichen Präsenz einer Problematik zu tun, seltener mit dem bloßen Zufall. Ich sage es gleich vorweg: Ja. Es geht mal wieder um Zuwanderung und dem Umgang damit, und noch einmal ja, bei dem Thema muss ich einfach öfters ran, da es mich so sehr ärgert. Hier sind wir also bei einer gegenwärtigen Problematik, die sich immer wieder auf die eine oder andere Art aufdrängt – es war auch ein wenig viel die letzten Tage:
Im „theater ulm“ (welches man kleinschreibt um bei den jungen Leuten gut anzukommen; hat nicht funktioniert, denn der Altersdurchschnitt war trotz unseren Anwesenheit bei gefühlten 66 Jahren) sahen wir uns das Stück „der goldene Drache“ an, in dem in einem virtuos modernen Erzählstil anhand eines asiatischen Restaurants gleichen Titels, mittels „Chungking Express“ mäßig verwobene kleine Geschichten, die Zuwanderung einmal mehr verhandelt wurde, was zwar nicht ganz gelungen, doch angenehm bemüht war.
Fatal schlecht dagegen der Beitrag in der „heute show“, der an Blödheit nicht zu überbieten ist, siehe hier:

Zuvor hatte ich noch das Grönemeyer-Interview in der SPEX gelesen, welches das Thema streift und wir uns in der Diskussion über Grönemeyer darüber einig waren, dass der Herbert zwar die richtige Haltung vertritt, er dennoch so dermaßen von außen auf das deutsche Schlachtfeld „Integration“ blickt, dass es schon wieder widerlich ist. Sorry Herbert, es hilft aber nicht in England zu leben und sich von außerhalb ein Bild über die deutsche Befindlichkeit zu erlauben; es ist schön dass du diese Haltung hast und im Gegensatz zu 99 Prozent der deutschen Musiker auch auf der Bühne lebst (wen haben wir denn da sonst noch außer Tocotronic?), diese künstlerisch abgehobene Einstellung zu Themen die dich aber nicht real betreffen ( schließlich lebt er in England und das sicherlich in einer Umgebung in der man leicht liberal und weltpolitisch verkünstelt denken kann) und zu dem du quasi nur sagst: Warum kann man nicht klüger sein und sich einfach lieb haben? Nun ja, das ist nicht des Rätsels Lösung.

Der Künstlerstandpunkt ist auch nah dran an dem der meisten Feuilletons (über die Abkanzlungen eines zwar medientechnisch genialen Jan Böhmermann habe ich mich hier zur Genüge ausgelassen und die Hass-Kampagne der BILD lasse ich jetzt auch mal weg), die so superliberal und verständnisvoll für die Flüchtlinge und voller Geringschätzung der Pegida-Menschen daherkommen, ist auch nicht hilfreich – siehe oben die Episode aus der „heute show“, an der ich mich jetzt ein kleinwenig aufhängen werde: Denn diese Haltung über die „Blödheit der Menschen“ verbreitert nur den Graben zwischen den Fronten.

Pegida ist für die sozialliberalen Intellektuellen eine Ansammlung an Dummheit und Menschenverachtung die kaum zu überbieten ist, umgekehrt sind für die Pegida-Leute die liberalen „Intellektuellen“ eine Bande von Gutmenschen, deren Wirken und Absicht an der Realität vorbeigeht; ich sage jetzt immer Pegida-Leute, nicht weil ich die Bewegung weiter im Gespräch halten will, sondern weil viele Leute so denken, ganz gleich ob sie dort mit marschieren oder sie nur im Kopf unterstützen, als Sammelbegriff also.
Wir haben da also einen Graben zwischen zwei Richtungen, die komplett aneinander vorbeireden. Die Gutmenschen und die Dummköpfe – wobei sich die Begriffe auch beliebig gegeneinander austauschen lassen.
Ich stehe in der Mitte. Wirklich. Denn ich verstehe die Sorgen und die Aufregung beider Parteien. Zwar bin ich für Zuwanderung, jedoch auch nur für eine maßvolle. Und mir ist durchaus klar, dass über kurz oder lang sich Europa nicht von den Problemen der Welt abschotten kann, erst recht nicht dadurch Kriege in der Nachbarschaft zu verdrängen um sich dann doch zu wundern, dass die Menschen von dort hierher flüchten. Ich unterscheide auch nicht zwischen „Wirtschafts- und Kriegsflüchtlingen“, da für mich nachvollziehbar ist, dass alle Menschen für sich selbst ein Recht auf Frieden und Wohlstand anstreben und deswegen vor Zuständen fliehen. Dennoch kann ich auch verstehen, dass der „normale deutsche Mann von der Straße“ nicht verstehen kann, warum er seinen Wohlstand teilen sollte, wieso er jetzt dafür sein soll, dass seine Kultur durchmischt wird und man nach und nach scheinbar (sicherlich auch durch den Populismus befeuert) das „aufgibt“, wofür man Jahrelang gekämpft hat, weshalb man jetzt „Juhu!“ schreien soll dafür, dass ich mich und meine Lebensweise nachhaltig ändern muss; auch wenn das nicht von heute auf morgen passiert sondern erst in 50 Jahren der Fall sein KÖNNTE.

Die sozialliberalen Intellektuellen sagen die Pegida-Köpfe sind unmenschlich und es gehe ihnen nur um Wohlstand um Geld, während die Pegidas im Gegenzug diese Worte ganz anders verwenden, denn auch sie fühlen sich in ihren menschlich kulturellen Werten bedroht und dass sie für das Überleben der Fremden ihren für sie mickrigen Lebensstandard noch senken müssen, während der Flüchtling auf ihre Kosten zu höherem Wohlstand kommt; der arme Flüchtling der alles aufs Spiel setzt um zu überleben wird also gegen den armen Hartzer ausgespielt (der zwar auch nicht mehr Geld bekommen würde, wenn es die Asylanten nicht gäbe, doch immerhin hätte er nicht den politisch geschürten Neid auf den Flüchtling, der „Alles in den Arsch geschoben bekommt“, wie man den Leuten glauben macht) kurz: Der kleine Mann wird gegen den kleinen Mann ausgespielt. Und die Politik unternimmt überhaupt gar nichts dagegen, noch einmal: Überhaupt gar nichts!
Es wird einfach keine politische Integrationsarbeit geleistet.

Angela Merkel und die ihren sparen nicht nur finanziell Deutschland und Europa kaputt, sondern durch ihren Mangel einer Vision einer Zukunft in Europa spart sie sich auch auf, etwas für die Integration der Menschen miteinander zu unternehmen – und die SPD gibt weiter den Steigbügelhalter der Wirtschaft und nicht der Mittelschicht, ja, verurteilt diese noch ob ihrer Sorgen (Zuwanderung, TITIP usw.), wohl weil die CDU mit ihrer Strategie so erfolgreich ist und man eine dicke Scheiben vom Wahlkuchen abhaben will. Die Linke steht schon wieder – „haha“ – zu weit links und ist nicht fähig oder willens als Vermittler zwischen den Gräben der Integrationspolitik zu vermitteln; die Grünen könnten es aufgrund ihres Status in der Gesellschaft sogar, sind jedoch ebenfalls nicht fähig diese Rolle einzunehmen, da sie einfach zu feige und profillos sind.
Man merkt was ich mir wünschen würde: Einen Vermittler, gern auch einen politischen, der die Integrationshasser mit den –befürwortern zusammenbringt.

VERSTÄNDNIS IST KEINE EINBAHNSTRAßE.
Man muss die Pegida-Befürworter verstehen können, wie die Gründe der Menschen in den reichen Süden zu fliehen. Und man darf nicht einfach nur den Rassismus einer nationalsozialistischen Deutschland von vor 70 Jahren mit dem Rassismus gleichsetzen, der heute auf den Straßen unterwegs ist, da die Verteufelung von Menschen die Angst haben und sich nicht gehört fühlen, sie noch weiter in die Arme echter Rassisten treibt. Ebenso wie man Verständnis dafür haben muss, dass Menschen durch die ungeheure Not in ein Land fliehen, wo sie im Prinzip kaum jemand haben will – die könnten sich auch ein schöneres Leben vorstellen.

Die Asylanten-Bewegung ist keine kontrollierte geplante oder politische Bewegung. Die Leute fliehen einfach vor Missständen nach Europa, weswegen zwar immer wieder Bilder von sterbenden Flüchtigen in den Medien sind, sie aber so plastisch dargestellt werden, dass viele Menschen kein Mitleid mit ihnen haben. Diese Kultur-Flucht aus Afrika und vielleicht bald auch aus dem Süden Europas läuft weder gezielt noch geplant ab, es gibt dafür keine Organisation, doch es sollte sich eine Organisation gründen, die sich zumindest den generellen Themen annehmen kann, so eine Art Publicity-Organisation, welche mit beiden Seiten reden und wirken kann – mit der Öffentlichkeit und mit den Flüchtlingen selbst. Dafür sind „linke“ Organisationen teilweise unbrauchbar, da sie nur unreflektiert gegen die gleichen Dinge wettern wie immer: Die NAZIS und den ungezügelten Kapitalismus; das sind selbstverständlich die Wurzeln unserer Probleme, aber man kann die Welt nicht nur in diese zwei absoluten Feindbilder einordnen, dafür ist die Welt zu kompliziert geworden.
Und verdammt noch mal auch mit Pegida sollte man reden! Mit jemanden reden bedeutet nicht seine Meinung anzunehmen. Denn wo nicht gesprochen wird, werden Dinge unterstellt, gelogen und das hilft einzig und alleine den Demagogen und den Scharfmachern.

Am besten wäre es, hätte die Asylanten-Bewegung ein Gesicht. So was wie einen Mandela, einen Martin Luther King oder von mir aus auch Rudi Dutschke. Eine anerkannte, glaubwürdige, integere Person, so dass man nicht mehr pauschalisieren muss und keiner mehr „von dem Ausländer“ spricht. Wir leben im Medienzeitalter und um hier und jetzt etwas zu bewegen, muss man mit und gegen sie arbeiten. Weg also von den Effekthaschenden Bildern, die nicht dafür gemacht wurden um über die Welt zu berichten, sondern um sie in „gut“ und „schlecht“ einzuteilen – oder in dumm und Gutmenschen.
Es gibt so viele Splitterverbände für alles Mögliche, so viele gut gemeinte Energie und auch so viel Hass auf beiden Seiten, dass man jemand bräuchte, der das kanalisiert. Merkel wird das nicht tun. Die hat den kleinen Mann von der Straße, so wie den kleinen Mann im Flüchtlingsboot schon längst vergessen und als unwichtig kategorisiert. Ja. Nein. Unmenschlich sind für mich in dem Fall nicht jene die dazu eine Haltung haben, sondern die, die keine dazu haben – oder sie nicht zeigen.

Wer den Sturm sät, wird Kreutzer ernten – Teil 3

Der Huber Franz wollte ein großer Tennisspieler werden, seufzte Kreutzer nachdenklich und versonnen, wehmütig, fast schon affektiert dafür, dass er seine eigene Kreutzer-Rolle so gut drauf hatte, denn sehr authentisch war der Kreutzer schon immer gewesen, wollte er immer sein, nur merkte er nicht in seiner jugendlichen Aufgesetztheit, dass ein authentischer Mensch immer auch ziemlich autistisch und festgefahren daher kommt, uninspiriert, weswegen man auf der anderen Hand wieder froh sein konnte, dass es Kreutzer nur selten gelang, authentisch und bei sich zu sein, deshalb wohl dieser kleine affektierte Schlenker in seinem pathetisch, versonnen Seufzen, auch und obwohl ihm der Huber Franz wahrlich sein halbes Leben lang ein guter, manchmal sogar ein bester Freund war und durch seinen frühen wortwörtlich schlagartigen Tod am Baum auch bis ans Lebensende von K. immer sein würde.
Anna hatte Mitleid mit Kreutzer.

Ja, das war sein Traum gewesen, Franzes, die Tennisspielerei, sich einmal mit den Besten der Besten messen zu können – und sie zu schlagen. Davon hatte Franz viel gesprochen, wenn er nach dem Training, nicht mehr verschwitzt sondern frisch geduscht und quietsch fiedel mit Kreutzer in der Garage der Hubers saß, wo Franz an seinem Moped herumdrehte und schraubte, Sachen und Wissen einsetzte um das Werk vom Hersteller zu verbessern, also um das Moped schneller und lauter zu machen; warum LAUTER hatte Kreutzer nie verstanden, nun, er musste ja nicht alles verstehen. Doch Kreutzer mochte diesen Kontrast: Da der Tennis-Sport, wo sich zwei Leute ganz in weiß wie Gladiatoren versuchen im körperbetonten Rasenschach zu besiegen, während der Huber Franz später verdreckt mit billigen Bier von Goldkrone aus der PET-Flasche an seiner alten Maschine herum geschraubt hatte, was doch wohl das genaue Gegenteil vom Sportler sei, dass müssen man doch wohl so sehen… Zwei Herzen schienen in Franzes Brust zu schlagen. Doppelherz. Das wäre ein guter Spitzname für ihn gewesen.

Wobei Kreutzer auch nie gedacht hätte, dass Franz in die Weltelite aufsteigen würde. Nicht dass er es seinem Freund nicht vergönnt hätte. Doch Franz fehlte für Kreutzers Befinden eine Sache die Alles ausmacht und entscheidet, nämlich den Druck und die Unterstützung seiner Eltern; an dieser Stelle versicherte K. seiner Freundin wie lächerlich das klingen mag, doch im modernen Profi-Sport geht es eben nicht mehr nur um „Dabeisein“, „Talent“ und „Durchsetzungsvermögen“, sondern auch viel mehr um Geld und Sponsoren. Im Prinzip ist es sogar egal wie gut man ist, denn am Ende entscheidet nicht das Talent, nein, vorher schon die Unterstützung und der Druck den man bekommt, der ist es, der den Ausschlag gibt und ganz gleich wie sehr man die Ballett- und Eiskunstlaufeltern auch verlacht mit ihrer bestialischen Zucht des kleines Genies das man gezeugt oder noch besser selbst auch sich herausgepresst hat so sind es doch sie die am Ende darüber entscheiden was später aus dir wird ob du an der Weltspitze stehst oder eben nicht denn nur in Filmen gibt es den Mythos des „Underdogs“ der viel zu spät mit dem Sport anfängt um am Ende des Plots all jene im großen Endspiel zu besiegen die den Sport oder den Wettkampf schon im Frühkindalter kannten ja es mag in den 70gern oder so Männer wie Chuck Norris gegeben haben die sogar von den Trainern wegen ihrer Unsportlichkeit nicht einmal in das Football-Team gewählt wurden und die es dann dennoch mit Fleiß und eiserner Disziplin allen Leuten beweisen und 3 oder was weiß Kreutzer facher Weltmeister im Karate werden heute aber ist das unmöglich weil ein Kind nicht mehr nur ein Kind und ein Sportler nicht mehr nur ein Athlet ja der ist doch nur noch eine Marke und ohne Marketing und einem Team um sich herum kann man es nicht mehr schaffen hatte der Huber Franz ja auch nicht deswegen war er auch alleine gegen den Baum gefahren niemandwardamitdabeigewesen…

Die Huber-Eltern hatten darauf bestanden das ihr Sohn zu aller allerst einmal sein Abitur machen sollte um dann zu sehen wohin die Reise führt und Kreutzer – der einfach nur noch redet und redete, absolut selbstvergessen und die sexuelle Spannung zwischen sich und Anna eine Weile lang verscheuchte wie ein Gigant eine Fliege – hatte nie verstanden warum das in Deutschland so sein musste weshalb ein Kind oder erwachsener Mensch es immer allen Leuten dadurch ZEIGEN musste dass er nicht nur eine Sache gut kann sondern ein Supermensch ist der auf allen Ebenen toll ist und dominieren kann und nach einem Erfolg immer auch mit etwas anderem Punkten muss um zu zeigen: Nein ich kann auch was anderes! Obwohl man doch in dieser anderen einen Sache schon längst seine Außergewöhnlichkeit unter Beweis gestellt hat…
„Wie Boris Becker!“ warf Anna ein. Dabei lachte sie. Fast wunderte es Kreutzer dass sie a) ihm zugehört hatte und sie b) überhaupt noch da war. Und dann setzte Anna fort, dass man dem auch nach dem Ende seiner Karriere auch immer vorgeworfen hatte, dass er nur Tennis spielen gekonnt hatte.
„Stimmt“, meinte Kreutzer. Denn immerhin war er davor der beste Tennis-Spieler der Welt. Das ist doch schon mehr als nur mal was. Das reicht doch auch.
Die Deutschen wollen halt immer noch die Supermenschen sehen, nach all den Jahren hatten sie nicht viel gelernt. Darauf musste Kreutzer Lachen. Da hatte Anna Recht gehabt. Die wunderschöne süße Anna… Sie verstanden sich. Deshalb waren sie so guter Freunde. Und da tut es halt gleich doppelt sehr weh, wenn man in einen seiner Freunde verliebt ist.

(wird fortgesetzt)

Herr Müller

So nenne ich den Mann jetzt einfach mal. Herr Müller war der super nette und sympathische Mann, der in meiner Kindheit in der Raiffeisenbank hinter Panzerglas saß und das Geld auszahlte, was man sich irgendwo anders vorher in der Bank hatte bestätigen lassen, handschriftlich, oder wenn es damals schon Computer gab (so um 1985 herum), konnte ich sie als kleines Kind einfach nicht sehen, oder, die großen Boxen und Bildschirme voller Technik waren nur kein Blickfang für einen ganz jungen Menschen wie mich, nicht wie heute, wo ja auch schon Kinder radikal und schon ein wenig brutal auf Technik getrimmt werden…

Da war also dieser Mann, der hinter Panzerglas saß und – auch wenn ich mich nur Schemenhaft an sein Gesicht erinnern kann – wie ein freundlicher Buddha in Anzug und 80ger Frisur unglaublich schnell das Geld vor meiner Mutter hinlegte und damit auszahlte was sie abheben wollte. Der Mann schien damals nichts anderes den lieben langen Tag zu machen und hatte deswegen eine ungeheure Fingerfertigkeit erlernt mit der er die großen Scheine auszahlte, eine Geschicklichkeit, die ich nur mit der Geschwindigkeit von Hütchenspielern vergleichen könnte, wobei ich Herr Müller nicht die negativen Attribute eines Hütchen-Spiel-Betrügers nachsagen wollen würde, denn Herr Müller zählte einem das Geld ja vor. Und schien dann nach dem Vorzählen auch immer super zufrieden gewesen zu sein, dass das mit dem Geld auszählen wieder einmal super geklappt hat und lachte mich an, vermutlich wegen meiner großen Augen ob seine flinken Finger.
Als Kind idealisiert man viel und zugegebenermaßen muss ich eingestehen, dass ich als Kind selbstverständlich auch von den Fertigkeiten eines Hütchen-Spieler positiv beeindruckt gewesen wäre, der mich in Wahrheit nur um mein Geld gebracht hätte…

Gerade eben war ich Geld abheben, gab die PIN-Nummer in den Automaten mit den vorher und dazwischen lachenden Werbebildern ein, und sah 6 Sekunden wartend in der Bank umher, die viel sauberer aussieht als in den 80gern; die Bank wurde seitdem so runderneuert, dass man fast schon von „Entkernung“ sprechen könnte, und nun findet man statt den schweren und staubfressenden dunkelgrünen Teppichen, sowie alten Lampen und überraschend wenig Licht dass durch die Außenfenster kam, einen hell er- und durchleuchteten Raum vor, mit einer Architektur die an Leichtigkeit erinnert, mit lauter schick und gut gekleideten Bank-Mitarbeitern, die immer sehr freundlich seien wollen, nur leider gar nicht so wirken, wenn man sich die Zeit über sie genauer nachzudenken, da sie einfach nur trainiert wirken, nicht ehrlich, sondern falsch und irgendwie ebenso automatisiert und unmenschlich wie die Maschine und dem Touch-Screen, wo die Bakterien auf dem Display der Leute, die vor mir Geld abgehoben haben, noch das menschlichste ist. Die Mitarbeiter haben bei mir überhaupt keine Chance, nicht nur, weil ich wirklich schon die eine oder andere schlechte Erfahrung mit der Bank machen musste, sondern auch weil sie für eine Art von Business arbeiten, dass nur als verlogen und hinterhältig gilt, was zwar mein Geld haben will, nicht aber um es zu vermehren sondern um mich auf eine extrafangante und elegante Art übers Ohr zu hauen. Das sind der Ruf und das Klischee über Banken und Versicherungen im Jahr 2015.

Wie gesagt. Damals war ich ein Kind und es ist freilich ein Unterschied ob man als kleiner Pimpf mit seinem Sparbuch voller Stempel zum netten Herr Müller kommt um mal ein paar Mark abzuheben, oder ob man schon seit Jahrzehnten erwachsen ist und alleine deswegen schon die Hinterhältigkeiten der Menschen erlebt hat, trotzdem fragte ich mich in diesen paar Sekunden als das Gerät rauschte um mein Geld herauszugeben, wie dass den passiert war, wie das entstand, dieses Misstrauen gegen die Bänker, und ob es an mir liegt, am Erwachsenwerden, oder ob die Bänker mit den Jahren wirklich unglaubwürdiger und hinterhältiger geworden sind – man hört doch so viel davon, dass langjährige Kundenbindung nichts mehr gilt, die Sicherheiten nichts mehr wert sind, von dem verzockten Geld wollen wir mal gar nicht reden. Und man muss für Alles Gebühren zahlen was früher einfach Service war, nein falsch: Das Wort „Service“ gab es gar nicht, das war einfach die Normalität.
Und weiterhin fragte ich mich, wenn man diesen Berufsstand heute weniger vertrauen kann als in der Zeit der goldenen Wirtschaftswunderjahren und der Wohlfühlzeit danach, wenn also diese Menschen wirklich vom eigenen Geld und den Weltmärkten also der Globalisierung korrumpiert wurden und sich ihre gesamte Einstellung zum Sparer geändert hat (der jetzt kein „Sparer“ mehr ist, sondern nur noch der Kunde, der Leistungen von der Bank will und es eben nicht mehr das Verhältnis gibt, in dem sich Sparer und Bank gegenseitig befruchten, weil sie voneinander abhängig sind, was keine Bank heute mehr zugibt, da es wohl als Zeichen von SCHWÄCHE gewertet wird), wieso also bringen wir immer noch unser Geld zur Bank? Nur weil es einfacher ist?

So oder so. Herr Müller habe ich seitdem nie wieder gesehen. Vermutlich ist er gestorben. Oder seine inzwischen zittrigen Hände werden im Altersheim versteckt.

Die Konjunktur der Seele

Wirtschaftszyklen sind wie Jahreszeiten. Der Winter ist die Depression, der Frühling die expansive Phase, der Sommer die Hochkonjunktur und der Herbst als Rezession leitet wieder die nächste Depression ein. Diese Aufteilung ist variabel, je na subjektiven Befindlichkeiten.

Heute in der Sonne spazieren zu gehen und die kalte böse Depression abzuschütteln, die hier nicht allzu weit von den Alpen entfernt immer ein wenig länger andauert als im Rest Deutschlands, fühlte sich wirklich wie eine expansive Phase an, die Sonne baut Vitamin D im Körper auf, das Grübeln lässt nach. Und das Lächeln kehrt zurück. Wobei es immer erst einer Depression (hier als psychische Kategorie) bedarf, damit es wieder aufwärts geht. Ja. Ich finde das so sehr normal, dass ich es mir gar nicht anders vorstellen kann. Nur Sonne wie Kalifornien oder nur Winter wie in Sibirien – das kann doch nicht zu einem ausgeglichenen Gemüt führen. Und nein, das heißt jetzt nicht, dass am bayrischen Wesen die Welt genesen soll. Aber: Ich tue mir schwer mit der Imagination eines Ortes, an dem der Sommer niemals endet. Die Mischung macht es aus. Die Dosis. Ja, der alljährliche Sommertag würde meiner Seele Wunden kosten…

Aber der Mensch passt sich an, verändert sich, sich und sein Wissen und seinen Umgang damit, was heute als empirisch belegt gilt, war vor 4000 Jahren unvorstellbar und ist in 50 Jahren vlt wieder ebenso lächerlich wie vor 4000 Jahren. Ja. Selbst wenn der Mensch von seiner Physis dem Menschen zu Zeiten Christi gleicht, so ist es doch vor allem der Blick und das Wissen des Menschen auf sich selbst, die seine Psyche und seine Umgebung bestimmen. Deshalb glaube ich. Dass Zeit, Ort und Erfahrung darüber bestimmen, was für uns wahrhaftig oder natürlich ist. Empirische Untersuchungen von vor 100 Jahren betreffen zwar den äußerlich anatomisch gleichen Menschen wie heute, doch unser ganzes Lebensumfeld ist das des Jahres 2015, sind die Probleme des Jahres 2015 – und auch die LÖSUNGEN die wir versuchen anzuwenden (oder darüber debattieren) sind immer vom Jetzt bis in die tiefste Vergangenheit unserer menschlichen Erfahrungen, die auch – man nennt das BEWIESEN – zu einer Veränderung unseres Erbguts führen. Deswegen ist der Mensch heute eben nicht der vor 100 Jahren. Auch wenn er so aussieht. Ein Mensch von vor 5000 Jahren hat nicht die Möglichkeiten seine Probleme auf meine Art zu lösen – oder umgekehrt. Desweiteren habe ich ganz andere Probleme, alleine schon durch die Genetik und äußeren Einflüsse als er. Kenne andere Hochs und andere Tiefs, und deswegen treffen mich psychische Ungereimtheiten mehr als es bei unseren Vorfahren möglich war. Ja. Der Fächer der Möglichkeiten öffnet sich für die Menschheit immer weiter, mit jedem Tag, jedem Gedanken und jeder neuen oder wiederholten Erfahrung, bis die Fächer sich vlt eines Tages schlagartig schließt…

Nur dem Wirtschaftssystem der Jahreszeiten sind wir alle unterworfen, damals wie heute. Obwohl. Stimmt gar nicht. Der Klimawandel wird die nächste Eiszeit fressen – und die letzte Eiszeit hat das Gefüge der Menschen und Tiere auch ganz schön aus der Bahn geworfen (wobei es da die Theorie gibt, dass durch den modernen Ackerbau schon die letzte Eiszeit von vor ein paar tausend Jahren ausfiel, also dass es schon den Klimawandel gibt, seitdem es den modernen Menschen gibt – kann man googeln, ist interessant), vielleicht braucht der gesamte Planet selbst solche Phasen, über die Jahrtausende hinweg: Depressionen und Hochkonjunkturen des Glücks. Ying und Yang. Was weiß ich. Außer. Dass heute ein schöner Tag ist.

Wer den Sturm sät, wird Kreutzer ernten – Teil 1

Kreutzer maß ungefähr 17 Jahre, als er mit Anna wandern war. Für ihn bedeutete „Wandern“, einfach loszulaufen, irgendwo und in Wahrheit nirgendwohin, ein Spaziergang, im wahrsten Sinne des Wortes, doch als er Anna in ihrer Wanderausrüstung sah wurde ihm unmittelbar klar, dass für Anna wandern, wirklich WANDERN bedeutete, wir sprechen also von der vollen Jack Wolfskin Ausrüstung, von den schweren Schuhen bis zur Thermo-Mütze. Kreutzer dagegen trug denselben fleckigen Bundeswehr-Parka, den er immer trug. Den mit den durchgebrochenen und zerrissenen Innentaschen, in dem er allen möglich Unrat mit sich herumschleppte, so Kram, was andere Menschen in alten Schubladen in längst vergessenen Schränken auf dem Dachboden liegen haben, wie Streichhölzer, Notizbücher, alte Kinotickets oder Fetzen aus Zeitungen. Der Parka, also, auf dem er von einem Jahr mit Edding lauter Doors-Texte geschrieben hatte und den er nie noch nie gewaschen hatte, was natürlich nichts mit seinen gefälschten schwarzen Graffitis der amerikanischen Band zu tun hatte; Kreutzer wäre nicht einmal auf die IDEE gekommen das Ding zu waschen. Wieso auch?

Auch auf seinem Rücken war ein Rucksack geschnallt, in dem aber im Gegensatz zu dem von Anna auch nur Bier war. Viel zu viel Bier. Jetzt aber wirklich. Das Ding war verdammt schwer, drückte an unzähligen Stellen in den Rücken und klimperte hin und wieder wie dumpfe Clowns-Manschetten, mit halb tauben Schellen daran. Überflüssig zu erwähnen, dass der Rucksack nicht von „Jack Wolfskin“ war, sondern vom „Nahkauf“, einem lokalen Anbieter von Krimskrams aller Art, unten, nein drüben auf der anderen Seite des Städtchens, und sich kein Mensch, am Wenigsten Kreutzer selbst, dafür interessiert, welche No-Name Firma aus China oder Indien das Ding verbrochen hatte. Doch das Bier war wichtig. Wirklich. Und auch das Gewicht des Rucksacks hatte seinen Sinn und es war vollkommen okay das Kreutzer deshalb nicht zu knapp schwitzen musste. Denn das Gewicht, wie der Parka und sein schlecht rasiertes Gesicht mit dem unregelmäßigen Bartwuchs waren ein Symbol für seine Männlichkeit, denn so stellte sich Kreutzer einen Mann vor: Schwer schuftend und vom Leben gezeichnet; hart. Ein harter Mann. Ein echter Kerl. Nicht „so was in der Art wie“, sondern: Genau so ein Typ.

Wäre Kreutzer heute 17, wäre er sicherlich nicht so ein Poser geworden, sondern einer dieser Newage-Posern, die ins Fitness-Studio rennen um ihren Körper zu stählen, um dann die Fotos auf Instagram oder Twitter hochzuladen, um möglichst viele Follower, Fans und Freunde zu bekommen, die drei „F“ der Gegenwart, die addiert das „F“ ergeben, welches jedem jungen geilen Sack im Teenager-Alter durch den Kopf schwirrt wie gläubigen Sektenmitgliedern der Erlöser. Heute lacht Kreutzer über die Jugendlichen Waschlappen, die statt Bücher Gewichte stemmen und sich selbst inszenieren um möglichst viele „Likes“ zu bekommen. Doch wenn Kreutzer zu sich ehrlich wäre, würde er zugeben, dass er in seiner Jugend wenn auch nicht genauso, doch ähnlich dachte. Für jeden Jugendlichen geht es bis zu einem gewissen Grad um Selbstdarstellung – gerade auch, wenn er eben nichts darstellen will. Nur vor Anna. Vor der hübschen Anna. Da wollte er einen Mann darstellen. Und es wäre gelogen dass es kein gutes Gefühl gewesen wäre, als Kreutzer für Anna unsichtbar in seinen zerrissenen Taschen mit den Händen seinen „Nothammer“ umschloss, den er aus demselben Bus gestohlen hatte, mit dem er jeden Tag nachhause fuhr. Mit Anna.
So ein „Nothammer“ ist dazu die Fensterscheibe eines Busses oder Zuges einzuschlagen, wenn die Türen verschlossenen sind und eine Not-Situation herrscht. Mit so einem schönen roten Nothammer aus Kunststoff, kann man aber auch schöne Löcher in die Schädel von anderen Schlagen, besonders in ihre Wangen, auch wenn Kreutzer keine Ahnung hatte, warum es ausgerechnet die „Wangen“ sein mussten, wahrscheinlich, weil es besonders fies ist jemanden die Wangenknochen zu brechen. Das Jochbein. Natürlich nicht Anna Jochbeine – Anna selbst war so schön, er konnte es sich nicht einmal vorstellen, mit ihr etwas Schmutziges zu tun. Gott hatte sie einfach nur erschaffen, damit die Menschheit sie anhimmeln konnte…

Anna. Anna war viel zu gut für ihn, wenigstens sah das Kreutzer so. In Wahrheit fand Kreutzer, dass JEDE Frau oder JEDES Mädchen zu gut für ihn gewesen wäre. Kreutzer war einfach kein Macho, so sehr er auch einer sein wollte. Und wenn er versuchte „cool“ und „männlich“ zu sein, dann redete er in Wahrheit nur einen Haufen Unsinn daher, der zwar einen erstaunlich guten Eindruck auf die Mädchen und Frauen machte, nur war Kreutzer selbst so sehr verunsichert, dass er das gar nicht mitbekam. Für ihn lief es nie „gut“ mit Frauen, in seiner kleinen Kreutzer-Welt. Deswegen war es fast schon symbolisch wie er neben Anna jetzt einfach nur daher lief. Nicht mehr. Immer nur nebenher: Sie in ihrer Wanderausrüstung. Er: Ein schüchterner Schwätzer der sich hinter seinem abgerissenen Image versteckte. Es war für ihn auch absolut unvorstellbar, dass auch Anna schüchtern und verklemmt sein könnte. Anna. War doch so natürlich und so sehr sie selbst, dass…
Bei all seinen Augen für Anna, hatte er in Wahrheit nur seine eigenen Unzulänglichkeiten im Blick. Und deswegen redete er. Quatschte er die ganze Zeit. Pausenlos. Ohne das zu genießen was Anna vielleicht für ihn vorgesehen hatte, einen ruhigen, möglicherweise sogar intimen Ausflug in die Natur. Doch Kreutzer war zu blöd um das zu sehen. Er sah eh nur Anna.

Von der Natur und der Ruhe hatte er natürlich überhaupt keine Ahnung. Ein Baum war einfach nur ein Baum. Nichts mit Ahorn oder Birke. Das waren für ihn auf ewig unbekannte Bäume, wie man sie halt vom Sehen her kennt. Sie zu unterscheiden ist doch absolute Zeitverschwendung. Wozu auch? Das war zu viel Realität, und Realität ist natürlich immer erst mal langweilig wenn man 17 ist. Wenigstens fast immer.
Wobei. Vorher. Als er das Bier vom „Nahkauf“ geholt hatte – gerne hätte er noch eine Flasche Berentzen „Saurer Apfel“ gekauft, nicht für sich, sondern weil Mädchen auf das süße Zeug stehen, nur leider, leider war Frau Koch an der Kasse und die verkaufte nichts an „Minderjährige“, und wie böse sie immer das MINDER aussprach, so dass man sich gleich minderWERTIG fühlte – war vor ihm so ein Typ im Rollstuhl gewesen, den er schon einmal im „Nahkauf“ gesehen hatte, der damals mit seiner „Hilfe“, so einer Art „Pfleger“, einkaufen war, der die ganze Zeit nichts anderes zu tun hatte, als seinen Gehilfen zu maßregeln und zu korrigieren, ohne Unterlass, voll unausstehlich, die ganze Zeit. Von oben herab, aus dem Rollstuhl heraus. Vorhin war also der Behinderte ohne Pfleger unterwegs gewesen und wurde 5 Minuten später prompt von einem Mini-Van unten an der Straßen übersehen und „zusammengefahren“, wie man hier so sagt. Und Kreutzer hatte sich gedacht: „Das geschieht dem Arschloch ganz Recht“. Während sich Kreutzer überhaupt gar nicht schlecht vorkam bei dem Gedanken, sondern eher vollkommen bestätigt. Es musste doch einen Gott geben, wenn man arrogante Behinderte auf offener Straße überfährt. Das ist die Realität – und gar nicht langweilig.
Die Natur hier aber: Langweilig. Dort ein Strauch der nur Strauch ist. Dort ein Baum neben einem anderen. Nadelbaum neben Laubbaum. Man spricht wohl von einem „Mischwald“. Soweit. Kannte sich Kreutzer noch aus.

Vieles sagte Kreutzer die ganze Zeit. Auch um Anna zum Lachen zu bringen. Was er aber nichts ansprach, war seine Verwunderung über Annas Outfit. Nicht das Anna so was nicht tragen konnte. Glaubt man Kreutzer, dann konnte Anna ALLES tragen. Anna. Von hinten wie von vorn: A.N.N.A.
Nur fand er, ganz tief in sich drin ohne Anna auch nur EINE SEKUNDE kritisieren zu wollen, diese ganze wahnsinnige Spezialisierung von ALLEM ehrlich gesagt, zum Kotzen. Kann man denn nicht einfach so mal losspazieren? Muss es einer dieser haltungsgerechten Rucksäcke sein, die man oben UND unten quer über den Körper vermachen muss? Muss es atmungsaktive Kleidung sein, die aber 100 Prozentig vor Regen schützt? Geht es denn nicht eine Nummer kleiner? Muss es denn immer dieses Profizeug sein, neben dem der Normalverbraucher mit Bundeswehrparka, Doors-Zitaten und dem Rucksack voller Hanf-Blatt-Aufnäher (der mehr als unbequem war, man bedenken das Bier) wie ein Idiot aussieht?

Und was sollen immer und überhaupt diese Spezialisierungen? Dieses wahnhaft Detaillierte? Warum zum Beispiel musste es Wodka mit Feige oder Wodka mit Apfel sein? Wieso konnte man nicht einfach nur ein Bier trinken? Weshalb musste immer alles so kompliziert sein? Lag das an der Globalisierung von der seit Neuestem alle sprachen? Weil jeder Depp auf der Welt jetzt seine eigene Nische hatte und die den anderen Deppen verkaufen musste, um somit etwas Besonderes zu sein, ohne einen wirklichen Beitrag für die Welt zu leisten?
„Früher“ gab es einfach „Brot“, „Kaffee“ und „Bier“. Heute gibt es Weizenroggenbrot, in weißen oder braunen Mehl, mit oder ohne Körner. Ein Kaffee war seit „Star Bucks“ (in dem er nie war, von dem Kreutzer aber gehört hatte) etwas, in das man alles schütten konnte, vom Schokoriegel über die Kirsche bis zum Speiseeis. Und das gute alte Old-School-Bier wird heute mit „Cola“ oder gleich „Grapefruit-Lemon“ verbessert… Was ist aus der Normalität geworden? Was aus dem Gewöhnlichen? Aus einfachen, gerade Menschen. Typen. Wie Kreutzer. Und es war ja nicht mehr nur das. Die Zeiten in denen man als Autodidakt (und dafür hielt sich Kreutzer natürlich, auch wenn er das Wort nicht kannte) es weit bringen konnte, waren vorbei, auch wenn sich die Gesellschaft diesen Umstand erst 20 Jahre später eingestehen konnte. Alles war „speziell“ also kompliziert geworden. Und Kreutzer blickte da einfach nicht mehr durch, tat aber so, als würde er über dem Stehen, eine logische Reaktion eines Jugendlichens. Und nicht einmal das konnte sich Kreutzer eingestehen.
Doch. Davon. Sprach. Kreutzer nicht.

(Wird vorgesetzt)