„The OA“ Ein Gefühl und ein Trailer zur Serie

Während meines Heimaturlaubs sehe ich mir auf Netflix die Serie „The OA“ an. Dabei fällt mir auf, wie komisch es ist, dass man die Geschichten die man dort sieht, in deren Universum sofort als „wahr“, „echt“ und „real“ anerkennt, während wir in unserem Universum überhaupt nicht an Geschichten glauben, sondern nur an Fakten… Als gäbe es keine Grauzonen der Vernunft…

Keine Angst, ich zitiere jetzt nicht Hamlet, sondern stelle nur den Trailer online.

Tel Aviv, Strand- und Party-Stadt, ein Erlebnisbericht

Schon vor Jahren wurde ich durch Guy Gerber im positiven Sinn auf Israel aufmerksam. Obwohl. Dass der gute Mann ein Israeli ist, wurde mir erst einige Jahre später klar, als ich seine Produktionen längst lieben gelernt hatte. So ist das mit elektronischer Musik: Von Desinteressierten mag sie als kalt und Gesichtslos interpretiert werden. Kann man so sehen. Man kann es aber auch so begreifen, dass bei dieser Form von Musik jegliche Stände und Kategorisierungen aufgehoben werden. Zwar klingt elektronische Musik in Vietnam anders als in Lateinamerika oder in Italien, doch die Konturen und Umrisse in den Spielarten verschwimmen und gehen ineinander auf, egal ob der Beat nun schnell ist, für sich hin tröpfelt oder die Synths lauter oder leiser sind. Es braucht keine Texte, keine poltische Message und erst recht keine Hautfarbe um elektronische Tanzmusik zu verstehen. Du musst nicht glauben zu wissen was cool/hip, angesagt  oder Gangsta ist. Du lässt es einfach laufen. „Gesichtslose“ Musik hat mehr Vorteile  als der Sound vieler Idole, die entweder irgendwann sterben müssen oder lebendig verfallen und währenddessen zu einer Karikatur ihrer selbst werden.

 

Auch Guy Gerber produziert diesen „gesichtslosen“ Sound, nur als KALT kann man ihn beim besten Willen nicht kategorisieren.

Ich folge ihm seit ein paar Jahren auf Facebook (was ich bei nicht gerade vielen DJs mache) und mich beeindruckten die Fotos die er aus seiner Heimat Tel Aviv postete. Und wie wenig diese Bilder mit meinen Assoziationen von Israel zusammen passten.

Tel Aviv ist der Sommer/Sonne/Strand- und Party-Bereich des Landes und tritt sehr westlich orientiert auf. Fast schon zu westlich. Ich hatte mir die halbe Millionen Einwohnerstadt – sorry – arabischer, basarischer vorgestellt, auch wenn es in Richtung Jaffa, der Altstadt von Tel Aviv, solche Ecken gibt, die jedoch touristischer Natur sind.

Wäre man blind für die Gesichter der Menschen dort, die selbstverständlich jüdisch anmuten, könnte man sich in einer westlichen Großstadt wähnen. Ein wenig berlinerig sieht Tel Aviv aus, oder wie Hamburg oder Köln, in ihren gechillten Ecken.

Die Skyline der Stadt ist weltbekannt, in der Menge mit den  spacigen Wolkenkratzer ziemlich futuristisch und kann, wenigstens als Postkartenmotiv mit seinen Hotels die direkt an das Meer gebaut sind, mit Rio konkurrieren. Der Strand ist wunderschön, sauber,  und das Wasser außerordentlich klar. Und auch das Klima im Oktober ist super angenehm. Und ich bin keiner, der auf Hitze steht. Dort aber ist diese Mittelmeerische Hitze, die sich nicht aufdrängt, eher einschmeichelt. Mit 30 Grad.

Am Positivsten am Strand empfand ich überraschenderweise die Menschen. Die Israelis sind tolle Strand-Menschen, da sie nicht wie Proleten auftreten; kein Gegröle, keine fetten Anlagen, kein übermäßiger Alkohol-Konsum. Die nervigsten, lautesten Menschen dort waren die Ausländer. Selbst die Kinder der Israelis sind besser und ruhiger erzogen, als die Meisten die ich kenne. Und so was feiert jeder Urlauber (und ich im Speziellen) mit einem gechillten Lächeln auf der Strandliege leise sehr ab.

Von Freitagabend (Sonnenuntergang) bis Samstagabend (Sonnenuntergang) ist Shabbat, also Feiertag und in dieser Zeit sind die Strände gefüllt,  während nach dem Abtauchen der Sonne Party gemacht wird.

 

Wir haben sehr viele junge Leute in Tel Aviv gesehen. Und am Strand auch außerordentlich hübsche Frauen (die hübscheste Frau hatte ich ja eh mitgebracht 😉 ). Kein Wunder also dass die Stadt ein sehr aktives Nachtleben besitzt. Ob Tel Aviv aber „eine der besten Partystädte der Welt ist“ wie man dort vollmundig behauptet, wage ich zu bezweifeln. Man muss aber auch dazu sagen, dass mir Sommer, Sonne, Strand und Kultur wichtiger waren, als die Nächte durchzumachen, schließlich habe ich ein sehr, sehr hartes Arbeitsjahr hinter mir, da war mir Erholung wichtiger als die Nächte durchzutanzen. Zwar hatte ich mir den angesagten Techno-Club „The block“ im Internet ausgespäht, und „Roman Flügel“ aus Deutschland wäre dort auch als Identifikationsfigur am Start gewesen, wir einigten uns dann doch auf die Touristischere Variante, wir buchten den „pub crawl“.

Beim „pub crawl“ wird man von einem Guide durch 4 oder 5 Locations in Tel Aviv gelotst, bekommt dort je einen Shot umsonst, freien Eintritt und muss nicht in der Warteschlange stehen.

Ja, ja. Das haben wir uns jetzt auch gedacht: Das kann voll furchtbar werden. Wurde es nur nicht.

Erstens hätten wir die Bars/Clubs alleine niemals gefunden. Die Eingänge sehen aus wie Hinterhof-Zugänge, oft ohne einem Namensschild darüber. Tel Aviv ist da sehr erfinderisch und verwinkelt. Dagegen haben Berliner Clubs Eingangsschilder wie das „Titty Twister“ in „from dusk till dawn“.

Zweitens handelte es sich bei den Läden wirklich um angesagte Locations, was man nicht nur daran spürte dass die Orte immer so gut gefüllt waren, dass man sich zur Bar durchkämpfen musste, nein, als wir rauskamen standen im Schnitt 30 bis 40 Leute an, die nicht mehr hinein durften.

Drittens bekamen wir für die 20 Dollar Tour-Gebühr ein Bier und die  4- 5  Shots frei. Das ist wichtig. Denn Alkohol ist Sau teuer in Israel. In den Clubs zahlten wir zwischen 6 und 8 Euro für ein 0,33 Liter Bier (und ja, das Bier dort kann man wenigstens trinken), da kommt dann noch 10 Prozent Trinkgeld dazu. Ein Vollrausch ist also eher nicht drin, außer man gönnt sich was und deswegen fand ich es im Nachhinein gut lieber einmal und damit richtig wegzugehen.

Viertens wird man von der Touri-Leitung gleich mit der Gruppe bekannt gemacht und hat weniger Berührungsängste. Zwar verabschiedete sich der sympathische Erfinder der Tour recht schnell wieder, und die angehende Schauspielerin die die Tour dann übernahm, war dann doch um ein vielfaches weniger motiviert als ihr Chef, aber wir lernten sehr unterhaltsame und motivierte Leute kennen, die aus den unterschiedlichsten Ländern kamen (Brasilien, 2 mal USA, 2 mal Italien, einmal Finnland und Deutschland – und wir) um ein wenig Spaß zu haben.

Da war es dann auch ganz gut dass sich unsere Tour-Leiterin nicht allzu sehr für uns interessierte 😉 Wir mussten uns also gegenseitig die Zeit versüßen und das klappte dann für mein Gefühl sehr gut, auch wenn die Oberflächlichkeit der Beziehungen zueinander selbstverständlich im Vordergrund stand. Scheißdrauf. Ich hätte nie gedacht das ich mit Italienern so viel Spaß haben könnte 😀

 

Hier trafen dann natürlich zwei Weltbilder aufeinander: Hostel versus Hotel. Wir wollten eher Ruhe und Entspannung und keine nervige Hostel-Situation, was die Hostel-Leute in unserer Gruppe gar nicht verstanden; so lernt man doch keine Leute kennen! Ja eben doch. Nur auf eine andere Art. Und in unserem Hotel wurden wir im Gegenzug schief angesehen, als wir die Sauf-Tour buchten, so ist das halt mit den Weltbildern.

Es war. Auf jeden Fall. Ein gelungener Abend.

 

Wir waren in 4 Bars/Clubs.

Wir trafen uns im „Sputnik“, das ein wenig berlinerig sein wollte. Verschlunge Räumchen mit schön draußen, locker gechillt. Angenehme elektronische Musik. Kennt man aus Köln oder Hamburg, in deren guten Momenten. Nur nicht abgefuckt genug um sich mit Berlin vergleichen zu lassen, was der Tour-Veranstalter gar nicht so recht glauben mochte: Wie, hier ist es nicht schäbig genug?

Weiter ging es in eine Hip-Hop-Bar (das „Jimmy, who?“) mit Club-Atmosphäre. Hier wirkte der Alkohol schon und die Verbrüderung war im Gange. Ein wenig Galgenhumor dabei, die Italiner: „Ah, the german guys! You´ve never expected to pay 8 euro for one beer, he?“ Die Schauspielerin sah lieber ins Handy und so blödelten wir alle zusammen mit dem Willen zum Wahnsinn auf der Tanze herum. Wir hörten und tanzten in der gleichen Nacht dreimal zu J Lo. Ich glaube das sagt viel über den Musikgeschmack in Tel Aviv aus.

Auch die nächste Bar, das „Radio“ war HipHop. Riesiger Tresen. Shots im „private room“ in den wir durften (in dem NICHTS war, sehr private). Dann zur letzten Adresse.

Das „Lima“. Das kam sehr Pop-prollig herüber (Hallo J Lo) und mir reichte es dann langsam mit der Tour, obwohl mit dem „Breakfast“ noch ein Techno-Club auf uns gewartet hätte. 2 Uhr nachts  sollte genügen (alter Mann der ich bin…). Wir wollten am Tag danach nicht zu sehr kaputt sein. Dieser für mich namenlose Kommerz-Laden entpuppte sich dann noch als Schwulen- und Lesben-Treffpunkt in dem meine Freundin die Props bekam, die eine schöne Frau dort bekommen sollte. Das gab  der Location auch noch eine gewisse Wendung.

Klar bin ich jetzt kein Party-Insider was Tel Aviv angeht wenn man gerade mal 5 Stunden dort im Nachtleben verbringt, 4 Türen hin oder her, für einen Einblick hat es aber gereicht und deswegen würde ich die Tour weiter empfehlen.

Das ich dort keine elektronische Musik miterlebt habe ist im Hinblick auf meine Israel Sozialisierung durch Guy Gerber ein wenig schade, ich habe nur schon mehr als die meisten Menschen zu den verschiedensten Stile dieser Musik gefeiert, über fast 2 Jahrzehnte hinweg, in ganz Deutschland und auch woanders, und glaube da jetzt nicht mehr viel zu verpassen. Berlin finde ich ja auch schon sehr langweilig was das angeht…

Die Israelis sind mir jetzt auch nicht gerade als spektakuläre Tänzer aufgefallen (bei den Schwulen ging es wie zu erwarten am Meisten ab, was sowohl das Abgehen als auch das Auftreten anging), motiviert waren sie aber. Wer weiß, vielleicht sind sie dort Partymäßig so weit, wie sie sich jetzt fühlen. Es ist eine sehr junge Stadt und man muss verstehen, dass dort wo wir gefeiert haben vor einigen Jahrzehnten nicht nur Sprichwörtlich Wüste war. Gebt denen noch ein wenig Zeit.

 

Es war also eine gute Mischung aus Kultur-Urlaub, Strand und Party. Tel Aviv hat alles zu bieten, was man sich wünscht. Okay. Außer vielleicht eine U-Bahn, das wäre dann schon noch ein wenig geiler, mit. Wären nicht die enormen Probleme die dieses Land hat, wäre der Party- und Urlaubstourismus sicherlich viel, viel höher. Uns hat das ja auch ein wenig abgeschreckt. So bleibt Israel ein Land das von allem etwas zu bieten hat und aus dem man im Kopf und im Herzen sehr viel mitnimmt, ob man das nun muss, soll hat jeder selbst entscheiden.

 

Man darf halt nicht in Angst leben und sich immer und ständig die Geschichte vom Terror und Tod erzählen lassen, harte Kontrollen am Flughafen oder am Einkaufszentrum hin oder her. Das ist die Crux und die Antwort auf meine Ausgangsfrage (siehe letzter Text), was uns Israel zum Thema Alltäglichen Terror zu sagen hat. Ob die Deutschen so sein könnte, ich weiß nicht.

Ein Ding ist dort das große Zusammengehörigkeitsgefühl und das haben wir in Deutschland nicht. Vielleicht noch nicht. Die Kulturen sind in Israel auch nicht so durchmischt wie bei uns. Es liegt nun einmal auf der Hand, dass man dort vermehrt auf gewissen Menschen (Juden) trifft und das schafft eine andere Aura, als in unserem Land, dass sich lange nicht einmal moralisch darauf einigen konnte, ob wir hier ein Einwanderungsland sind oder nicht. Ob wir weltoffen sein wollen oder nicht. Dagegen haben wir hier zum Glück keinen gemeinsamen Feind, der uns vernichten will… Die Situation lässt sich nicht eins zu eins umlegen. Lehren muss und sollte man allerdings ziehen. Denn ganz gleich wie man zu Israel steht: Einen Lernwert hat diese Gesellschaft dort. Sogar einen ziemlich großen.

 

 

 

Israel – ein sicheres Urlaubsland? Ein Erlebnisbericht

Diesen Urlaub zusammenzufassen wird verknappt nicht möglich sein. Sie können also ruhig die Sicherheitsgurte öffnen, die Sitze verstellen und diese Reise auf mehreren Etappen angehen. Das zieht sich jetzt. Ich werde dabei nicht nur einen, sondern zwei Einträge zu unserem Israel-Urlaub schreiben. Jetzt zum Thema „Angst und Sicherheit“. Und das andere Mal über „Party und das schöne Leben“.

 

„Sicherheit“ war vor grob einem Jahr auch das Thema, warum ich begann mich für Israel zu interessieren. Es war die Zeit der ungezügelten Zuwanderung (keine Anführungszeichen) und niemand in Deutschland konnte wirklich sagen, was in den nächsten Monaten geschehen würde und was in den Jahren noch auf uns zukommt, welche Herausforderung die sogenannte „Flüchtlingskrise“ uns noch bringen würde und wird (nebenbei: Krisen sind normalerweise kurzzeitige Ereignisse die enden. „Krise“ ist hier „Neusprech“ und in diesem Fall sind schnelle Lösung  wohl nicht zu erwarten).

Wir wissen das „Köln“ passiert ist und wir wissen auch, dass der Begriff „Köln“ keiner weiteren Erklärung bedarf, wenn man mit den Geschehnissen des Jahres 2016 vertraut ist. Ich fragte mich damals, wie unser Land auf solche Ereignisse reagieren würde und die folgenden Anschläge und Terrorakte der letzten Monate, die in ein befestigtes Oktoberfest mündeten, bestätigten mich in unserem längst gefassten und gebuchten Entschluss, nach Israel zu reisen. Dabei ist es ganz gleich wie man nun zum Staate Israel steht: Jeder muss zu geben, dass dieses Land die meisten Erfahrung mit dem Umgang mit Terror im Alltag und dessen Bewältigung besitzt.

Kann oder muss unser Land, unser Europa auch so werden wie Israel?

Das war meine Fragestellung. Und weiter: Ist dieses sogenannte „Heilige Land“ überhaupt so, wie es uns die Tagesschau unser ganzes Leben lang eingeredet hat?

Einen Urlaub in Israel zu machen kam und kommt für viele Leute in meiner Umgebung mit Wahnsinn gleich, denn seit wir denken können steht Israel für Terror, Mord und Schrecken. Eine No-Go-Area. In der es keine wirkliche Sicherheit gibt. Egal ob in Jerusalem – der heiligsten Stadt der Welt, an der vier Weltreligionen auf einem Quadratkilometer aufeinander kollidiere -, oder auch ein paar Stunden entfernt in diesem winzigen Land, sei es in Tel Aviv, Betlehem oder in Hebron. Oder was weiß ich wo. Treffen kann es dich überall. (Wessen Schuld das ist und die politischen Fragen lasse ich zuerst einmal außen vor. Hier geht es nur um die Tatsache, dass dieses Land so ist, wie es ist). Die Statistik zeigt aber auch: Erwischen kann es dich auch in einem Einkaufszentrum in München.

 

Nichtsdestotrotz waren wir davon überrascht, dass das Gate-F am Terminal 1 nach Israel am Münchner Flughafen nicht nur von Polizisten mit Automatischen Gewehren gesichert wird, sondern auch, dass das „Gate F“ weit, weit abseits vom normalen Flughafenbetrieb liegt und allen Anschein nach nur dafür erdacht und erbaut wurde, um potentielle und wirkliche Gefährder (tolles Neusprech) vom normalen Münchener Alltag fernzuhalten; es fühlte sich so an, als wäre der Plan das hier abseits des normalen Betriebes ruhig was passieren kann, ohne dass es noch mehr Opfer (Kollataralschäden) gibt, die dann gar nichts mit Israel zu tun hätten. Das war der erste Eindruck. Und es machte einen großen.

Die Einlasskontrollen  dabei waren normal. Gründlich. Aber normal.

Die nächste Auffälligkeit zum Thema Sicherheit war, dass wir eine dreiviertel Stunde (oder war es eine halbe?) vor Ankunft in Tel Aviv angegurtet auf unseren Sitzen bleiben mussten. Nicht das sonst noch jemand auf der Toilette eine Bombe baut.

Dann waren wir da.

Bei unserem ersten, abendlichen Spaziergang lernten wir sofort, dass Israel vor allem eines ist, nämlich teuer. Nicht alles, doch die meisten Waren dort sind selbst für mich als Deutschen nicht gerade billig. Mit Dienstleistungen sieht es dann wieder anders aus. Warum erwähne ich das noch unter dem Oberbegriff „Sicherheit“? Das liegt für mich auf der Hand: Wenn du in einem Land lebst das von Feinden umgeben ist, steigt selbstverständlich auch der Aufwand, um Waren sicher ein und aus zu transportieren, das kostet einfach.

 

Ansonsten merkt man in Tel Aviv nicht allzu viel von den unglaublichen Problemen, die dieses Land hat. Bis auf Kleinigkeiten (das war vom Feeling her so ähnlich wie bei unserem letztjährigen Besuch in Kiew. Wo wir vom Krieg auch so gut wie nichts merkten). Okay. In Tel Aviv wird vor manchen Einkaufszentren  von einer selbst bezahlten Security  in alle Taschen geschaut. Ebenso bei öffentlichen Einrichtungen wie Museen, wo die Besucher auch noch kurz wie am Flughafen durchleuchtet werden. Mehr ist mir jetzt nicht aufgefallen.

Die Menschen gehen dort mit einer geschäftsmäßigen Gelassenheit um. Es gehört zu ihrem Alltag, das ist halt so. Keiner macht großes Aufsehen und es herrscht der gelebte Konsens, dass wenn es der Sicherheit dient auch in Ordnung ist. Und das ist die israelische Antwort auf meine Frage, wie sie gelernt haben mit dem Terror umzugehen: Gelassenheit. Es ist schwer zu glauben dass „der Deutsche“ damit ähnlich umgehen könnte. Eines Tages hat aber auch jedes Volk dieses Denken in ihre DNA übernommen.

Der Israeli an sich ist ohnehin ein unglaublich netter und gechillter Kollege. Die quatschen dich freundlich an und sind sofort außerordentlich hilfsbereit, wenn du als Touri Probleme hast (da reicht es auch schon nur nen Stadtplan in der Hand zu haben und schon will dir jemand helfen). Gesprochen wird dort zwar hebräisch, doch bis auf die meisten Busfahrer 😉 sprechen so gut wie alle dort ein sehr gutes Englisch.

Befremdlicher weise lässt sich aber auch sagen, dass der Israeli ein sehr stressiger Zeitgenosse ist, gerade im Straßenverkehr. Kaum sitzt er in oder auf etwas das Räder hat, ist es vorbei mit der Chilligkeit und die Hupe gilt als einziges doch dafür dauerpräsentes Kommunikationsmittel (da wird wirklich an einer roten Ampel gehupt, damit der vor einem weiß, dass es gleich Grün wird und man dann bitte zügig weiterfährt…).

In Jerusalem sieht die Lage dann doch ein wenig anders aus. Nicht nur, da wir in einer Feiertagswoche dort waren, und an einem der 3 wichtigsten Feiertage der Judentums überhaupt. Am Busbahnhof (in Israel fährt man fast überall mit dem Bus hin) wird natürlich zu allererst der Rucksack durchleuchtet, dann darf man rein. Drinnen ist – und von diesem Klischee hat sicherlich schon jeder gehört – alles voller Soldaten und Soldatinnen.

Die Wehrdienstzeit in Israel beträgt (so wurde mir es gesagt und ich glaube das jetzt mal) 3 Jahre und betrifft beide Geschlechter gleichermaßen. Da sitzen dann also Teenager neben dir im koscheren Mc Donalds mit ihren Automatischen und Halbautomatischen Gewehren auf dem Schoß und schieben sich ihr Fast-Food-Essen rein. Die Flinte am Mann (oder bei der Frau), immer Einsatzbereit. Das Magazin dafür steckt nicht darin. Das liegt wie ein Spielzeug neben dem Smartphone.  Wie ein Mode-Accessoire. Da sitzt man dann also mit fast normalen Teenagern zusammen. Nur dass sie Armee-Kleidung tragen und bewaffnet sind. Komische Situation, doch auch daran gewöhnt man sich überraschend schnell. Man kennt es ja. Aus dem Fernsehen.

In der Altstadt von Jerusalem, dort wo die Weltreligionen aufeinander treffen, sieht man noch mehr Militär und Polizei, gerade wenn man an einem der wichtigen Feiertage des Judentums aufschlägt, so wie es bei uns zufällig der Fall war (und nein, das wussten wir vorher nicht). Wir kamen mit dem Taxi nicht einmal bis zum Eingang der heiligen Stadt und mussten uns erst mal den Weg suchen, da die Zufahrtsstraßen gesperrt waren. Sicherheit wohin man sah.

Wir. Die wir noch nie da waren, und wahrlich keine Helden sind, nein, im Gegenteil, die sich über alles Mögliche und manchmal auch Unmögliche Sorgen machen, wussten jetzt vorher auch gar nicht, ob man in der heiligen Stadt überhaupt so herumlaufen kann. Ohne Touri-Führer. Schließlich kannten wir fast nur Bilder von Blut und Mord aus Jerusalem und es war schon ein wenig mulmig dort hinzufahren. Es gab keine Warnung des Auswärtigen Amtes und von neuerlichen Messerattacken und Schießereien hatten wir auch nichts mitbekommen, dann würde doch auch nichts schiefgehen, oder?

Tat es auch nicht. An normalen Tagen kann man auch ohne Profi durch die Altstadt von Jerusalem flanieren. Dir geschieht als Tourist rein gar nichts. An normalen Tagen… Die Frage ist nur, welcher Tag ist normal und welcher nicht?

Wir hatten einen professionellen Guide dabei, der leider nur russisch sprach (dessen ich nicht fähig bin und ich auf eine Übersetzung angewiesen war) und so wurde das auf einer anderen Ebene für mich kompliziert, nicht auf der Gewaltebene. Aber ich muss zugeben, dass ich mich schon sicherer mit Jemanden fühlte, der auch im ERNSTFALL weiß was zu tun ist.

Viele Backpacker und Israelis mögen mich mit meinen deutschen Sorgen, mit meiner German Angst vielleicht auslachen: Macht nur. Ich wurde wie bereits oben erwähnt Jahrzehnte lang von Fernsehbildern zum Thema Jerusalem und Israel konditioniert, da hat man nun einmal gewisse Bedenken und Bilder im Kopf. Dagegen wollte ich mich nie wehren, denn das ist ja auch durchaus die Wahrheit die man da präsentiert bekommt, nur halt nicht die Ganze. Wenn man jedoch wissen will, wie es wirklich ist, muss sich halt selbst ein Bild machen. Deswegen würde ich unser Mütchen zu dem Thema zwar auch nicht zu hoch hängen, aber ich finde schon das eine gewissen unlogische Selbstüberwindung dazugehört, auf der Suche nach Erkenntnis in ein Land zu fahren, von dem man eingeredet bekommt, man kommt dort im besten Fall nur mit Kratzern raus. Die Wahrheit sieht ganz anders aus. Und die muss man erst finden. Wenn man sie denn finden will (uns geht es so gut in Deutschland, warum sich also den Stress machen?)

Wir hatten einen wunderschönen Tag in Jerusalem. Erfuhren viel über die Stadt. Ich habe an der Klagemauer zu  Gott gesprochen (im Gegensatz zum Islam darf im Judentum jeder zu den wichtigen Stätten ihrer Religion). War an dem Ort an dem Jesus Christus gekreuzigt und begraben wurde. Da fühlt man als Christ und als Mensch schon einen ganz besonderen Vibe. Das möchte ich nicht verpasst haben. Auch wenn gerade an einem Feiertag die Möglichkeit einer Eskalation der Gewalt potentiell höher war als gewöhnlich.

Wie gesagt. Ich schreibe noch einen zweiten Blog-Eintrag über Israel und da werde ich darauf eingehen, wofür das Land auch steht: Nette Menschen, Freundlichkeit, wunderschöner Strand und Lebensfreude.

 

Für jetzt und zum Thema Angst und Sicherheit verlassen wir das Land gleich mal wieder mit dem Rat, möglichst früh vor der Abreise den Flughafen von Tel Aviv aufzusuchen, denn die Sicherheitsvorkehrungen beim sichersten Flughafen der Welt benötigen natürlich Zeit, sie beginnen sogar auch schon auf der Autobahnzufahrt dorthin.

Zum normalen Check-In und der Passkontrolle kommen noch ein, zwei Stationen, bei denen du persönliche Fragen über dich ergehen lassen musst (Wer deinen Koffer gepackt hat. Ob du alleine reist. Wie lange du deinen Partner kennst. Und in unserem Fall sogar, ob wir zusammenleben. Ob man Waffen dabei hat). Man bekommt eine Karte mit einem Code für eine Sicherheitsschranke, und dann hat man es auch schon geschafft. Und ehrlich gesagt ist man nach einer Woche in Israel auch schon absolut daran gewöhnt, durchleuchtet und befragt zu werden. Nur die Vorstellung das unser Kofferschloss geknackt werden würde falls man beim Durchleuchten etwas VERDÄCHTIGES findet, sagte uns nicht zu.

Über die Politik Israels und ihr Verhalten zu den Palästinensern will ich mich eigentlich gar nicht auslassen, auch wenn ich zwangsläufig als denkender Mensch eine Meinung dazu habe. Wahr ist auf jedem Fall, dass wir in diesem Urlaub nur eine Seite der Medaille gesehen haben, und zwar die schön strahlende und leuchtende, die einen auch durchaus blenden kann.

Meine Freundin hat einen schönen Gedanken angestoßen, als sie meinte, dass Israel im Gegensatz zu uns die Probleme direkt vor der Haustür hat, während sie bei uns schön weit weg sind. Und da gebe ich ihr vollkommen recht. Man kann und muss vieles verurteilen was dieser Staat macht (Gaza-Streifen und/oder Siedlungspolitik – was da geschieht geht zum Beispiel gar nicht), man sollte jedoch auch ehrlich sein und begreifen, dass wir hier im Prinzip nichts anderes machen. Nur sind durch die Globalisierung das Leid und Elend das wir mit unserer Lebensweise und unserem Konsumverhalten verursachen weit weg. Ich will damit nichts relativieren oder schönreden. Dennoch ist es doch so, dass Israel auch eine Metapher für die erste Welt ist, die die restliche Welt beherrscht, kleinhält und ihre Lebensart aufzwingt. Aber wie würde ich bei uns wählen, wenn in Köln meine Freundin angegangen oder gar vergewaltigt worden wäre? Sicherlich ebenso rechts wie das die Israelis momentan machen, die durch ihren Scheißlangen Militärdienst und was sie dort erleben natürlich in eine poltische Richtung geleitet werden, aber auch unter der ständigen Bedrohung und echten Terror leben müssen.  Das Alles ist nicht so einfach. Man kann nicht einfach nur sagen, die sind die Bösen und machen alles falsch. Wir müssen wirklich den Balken im eigenen Auge erkennen, bevor wir den Splitter in den Augen der anderen bekritteln. Das ist nur leider viel zu leicht daher geschwätzt. Denn Gutmenschentum funktioniert halt manchmal leider nicht. Denn man darf nicht vergessen, dass Jerusalem eben auch ein Synonym dafür ist, dass verschiedene Religionen seit Jahrzehnten dort zusammenleben, und eben kein Multikulti daraus wird, sondern Generationen währender Hass…

Soweit für jetzt. Der Partyteil kommt demnächst.

(Dieser Beitrag enthält Fotos aus dem „TLV Museum of Arts“, zu denen ich keine Recht besitze)

 

Abenteuer-Urlaub in Israel?

Noch eine Woche Arbeit, dann beginnt unser Urlaub in Tel Aviv. Israel ist eine merkwürdige Entscheidung für einen Urlaub; nein, ist es nicht.

Seit ich mich erinnern kann hat mir das Fernsehen eingeredet, dass Israel das gefährlichste Land der Welt sei. Unzählige Minuten Nachrichten-Spots und Bilder von Tod, Mord und Trauer. Das seit Jahrzehnten umkämpfteste Gebiet der Welt, mit keinem Ende in Sicht. Wenigstens suggerieren das die Bilder. „Der Nachrichtensprecher macht ein ehrliches Gesicht.“ Und gleichermaßen – wie immer – ist das ganze Unsinn. Tel Aviv hat den sichersten Flughafen der Welt, ist Touristengebiet und die Stadt ist, auch wenn der Strand dort nicht gerade schön sein soll, ein erreichbares Sommerfeeling-Urlaubsziel. Auf Tel Aviv hatte ich wegen Guy Gerber Lust. Dem mehr oder weniger Weltbekannten DJ aus Tel Aviv. Ich folge ihm bei Facebook. Und die Bilder von dort, von den Partys, dem Meer und den fröhlichen Leuten interessierten mich.

Dort wird auch nicht seltener gestorben als irgendwo anders. Der Tod kommt und geht. Das ist aber überall so. Kein Grund um sich Sorgen zu machen. Ying/Yang-Philosophie. Wir lassen uns von dem bisschen Terror doch nicht unterkriegen! Und sterben muss man sowieso. Es geht doch darum, wie du gelebt hast, ihr Hasen.

Ich weiß, das ist pathetisch. Das liegt vermutlich auch daran, dass ich viel Ahnung vom guten Leben habe (keine Anführungszeichen) und so gut wie gar keine vom Tod. Dabei stimmt es doch auch: Man darf nicht nur in Angst leben. Angst vor dem Chef, der Zukunft, dem Ableben… Was weiß ich…

Letztes Jahr waren wir in Kiew. Auch das hatte einen gewissen Touch von Abenteuer-Tourismus. In ein Land zu reisen, in dem ein „eingefrorener“ Krieg ist. Wobei es einfach nur schöne Tage in der Ukraine waren. Kiew ist eine tolle Stadt, auf seine Art. Mit Tel Aviv wird es ebenso sein, nur, wir Kiew wohl um ein vielfaches billiger zu bereisen gewesen sein…

Wenn du einen Job machst, der dir nicht mehr viele geistige Freiheiten lässt (was man in meinem Blog  herauslesen kann, den Verfall der geistigen Möglichkeiten – da war ich selbt unter Drogen noch flexibler), sollte man woanders eine gewisse Form von Freiheit mit gleichzeitiger Gefahr suchen, auch, wenn dieses Abenteuer vor allem nur eines ist: Es ist Einbildung. Das Leben geschieht nur in unseren Köpfen. Also bilden wir uns mal kräftig ein, verrückt und Abenteuerlustig zu sein – was ich schon lange nicht mehr bin 😉

Die Arbeit ein Martyrium. Der Urlaub ein Abenteuer.

Ich will eine Ablenkung durch einen realen Kulturschock, keinen Müßiggang mit Massagen und anschließender Cocktail-Verkostung.

Nach Jerusalem werden wir wohl auch mal vorbei sehen. Das ist dann doch ein Unterscheid zu Tel Aviv. Mal sehen wie das so wird. Die Wiege der Religionen besuchen. Die Orte sehen, an denen mein Chef (Achtung Simpsons-Witz) Jemus gelebt haben soll.

Dabei bin ich kein erfahrener Tourist. Das Gewusel auf Arabisch anmutenden Märkten wird mich in den Wahnsinn treiben (selbstironisches Lachen hier). Auch Hitze finde ich furchtbar… Also ja, ich stelle mir das schon ziemlich geil vor dort drüben und drunten. In Israel. Wo nichts so ist wie ich es kenne und mag. Wo sonst kann man besser Urlaub von seiner eigenen Langeweile machen, von diesem Ich, das sich nur noch um seinen eigenen Lebenserhalt dreht, dass (Vorsicht Kant) nur noch seinem eigenem Bauche hörig ist?

Ihr wisst ja was Shia LeBeouf sagen würde

😉

Die Abwesenheit von Licht

Außerordentliche Dinge ausprobieren zu können, ist ein Privileg. Dabei muss man gar nicht auf den Mond reisen, mit 1000 Frauen schlafen oder von mir aus mit einem Sumo-Meister ringen können. Das Außergewöhnliche entsteht da und dort, wo man normalerweise nicht ist.

Als „Pokemon Go“ erschien, nahm ich mir die nächsten drei Wochen frei. In meinem Beruf geht das. Es gibt noch Jobs, bei denen sich Leute herumdrücken können und nicht jeder Arbeitnehmer wie ein gehetztes Tier durch eine Koppel aus Stein und Glas gehetzt wird. Freundin habe ich keine. Weshalb also nicht einmal etwas „besonderes“ ausprobieren. Nach Thailand fahren kann ja jeder.

Ich wohne in einem Dorf, das fast nur aus der dort angesiedelten christlichen Behinderteneinrichtung besteht (die immerhin fast 1000 vom Leben Benachteiligter Unterkunft gibt). Dort gibt es noch vereinzelte Geschäfte, solche Verschläge, die es schon immer gab, in einem Dorf, in dem gerade einmal ein 25 Quadratmeter großer Lebensmittelladen vorhanden ist (ein kleiner Edeka), nur kaum Sinn ergeben, Geschäfte wie „Schmidts Schusterei“, „Klaras Brautmoden“ und „Donderers Tischlerei“. Noch nie habe ich Leute in diese Geschäfte ein- und ausgehen sehen. Dennoch „florieren sie“, wenn man sich nach ihnen erkundigt.

In diesem Dorf gibt es überraschend viele Pokemons. Nicht nur Land-Pokemons, einfach viele. Und als dieses inzwischen Weltbekannte Spiel herauskam, war es mir am Anfang außerordentlich peinlich mit Anfang 30 an der Straßenecke neben einer behinderten Lehrgruppe zu stehen und virtuelle Viecher zu fangen, obwohl die geistige Behinderten oder die bezahlten Vertreter der Behindertenindustrie sicherlich schon einmal verrückteres gesehen haben.

Wie man es sich vorstellen kann ist an einem Ort wie diesem, einem gigantischen Reha- und Versorgungszentrum mit zigtausenden Quadratmeter voll Grünanlagen nachts überhaupt nichts los. Ein Eldorado für Vergewaltiger, wenn es hier irgendjemand gebe, den man vergewaltigen könnte. Früher zog ich immer einen Vergleich mit der Motorcity in Wolfsburg. Oder die „Warsteiner-World“, in Warstein. Gigantische Industrie- und Lebenskomplexe, in denen in der Nacht nicht nur tote Hose ist, sondern Hosen vor Langeweile gleich mit sterben würden. Jetzt, nach drei Wochen, würde ich diesen Vergleich nicht mehr ziehen.

 

Also nahm ich mir drei Wochen frei, ging schwer einkaufen und legte meinen Lebensrhythmus so, dass ich erst um 6 Uhr abends aufstand und erst in der Früh ins Bett ging. Denn das Außergewöhnliche für mich war nicht nur in friedlicher Ruhe Pokemons zu sammeln, nein, es ging mir darum ein paar Wochen gar keine Menschen mehr sehen zu müssen. Nicht Frau Bosch von gegenüber, die mir immer wieder gerne eine Gurke aus ihrem Garten schenkt. Keine Arbeitskollegen, keine Postboten, keine Freunde und erst Recht nicht meine Ex-Freundin.

Niemand.

 

Können sie sich vorstellen 3 Wochen lang wirklich GAR niemanden zu treffen?

 

Und plötzlich fühlt man sich doch wie auf dem Mond.

 

Die Nacht ist ja nicht leer, nur weil die Vielzahl der Personen, die unser Leben bestimmen, am  Schlafen ist. Zwar gibt es hier keine nächtlichen Putzabteilungen oder Überwachungsdienste (wozu auch? In Baden-Württemberg geht alles seinen strukturierten Gang und man kann auch am Tag saubermachen; Ordnung und sie zu schaffen ist hier nicht peinlich), es sind die Tiere, die die Herrschaft in der Nacht übernehmen. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie sehr das Tierreich die Welt der Menschen immer noch bevölkert, einfach nur weil  keiner hinsieht. Schon oft musste ich, dumm, starr, unaufmerksam für die echte Welt, im letzten Moment von meiner Pokemon-Jagd zur Seite springen, um nicht einen echten Igel oder Frosch zu zertreten. Unter den Augen von verschiedenen Katzen und Katern, die wie Könige mittig und faul auf der Straßen liegen und mich träge beobachteten.

 

„Pokemon Go“ wurde nach ein paar Nächten langweilig. Dennoch machte ich weiter. Weiterhin ging ich nach draußen. Es war die Menschenleere die mich anzog. Es ist leicht sich in der Wohnung einzusperren und die Welt nicht hineinzulassen. Wohl aber durch die Welt zulaufen und kaum jemanden zu treffen (ein Auto- oder Fahrradfahrer, ein Betrunkener, oder Beides), keinem Mensch-Tier in die Augen sehen zu müssen, das hatte schon etwas…

Auf der einen Seite wurde mir Mitte der zweiten Woche ein wenig mulmig. Es macht mich aber auch süchtig. Diese Stille. Diese Freiheit. Diese Einsamkeit. Ich fühlte mich wie ein Forscher auf der dunklen Seite des Mondes, während der Rest der Menschen auf der hellen Seite herum krakelt und sich für die Meister des Universums hält, ignorant dafür, was es sonst noch zu erforschen und zu fürchten gibt. Ich fühlte mich wie in einer Parallelwelt, die ich „Freiheit“ nannte. „Ich mache drei Wochen Urlaub in Freiheit“, sagte ich mir. Und ich erschrak dabei ein wenig vor dem Klang meiner eigenen Stimme.

 

Paradoxerweise verflog meine Angst vor der Dunkelheit nicht vollständig. Zwar wurde es besser, nur hin und wieder hatte ich das Gefühl, verfolgt oder beobachtet zu werden. Ich erklärte mir das so, dass mein Verstand etwas kompensieren wollte. Da ich nun einmal NICHT mehr ständig von Leuten umgeben war, suchte mein Verstand einen Ausgleich und BILDETE sich ein, dass da jemand sei. Lange ignorierte ich den Impuls darauf auch körperlich zu reagieren, dann drehte ich mich doch um, schlagartig, und suchte mit meinen Menschenaugen die Dunkelheit ab. Aber da war nichts. Nur dann, wenn ich in die Dunkelheit hinein starrte… Ich weiß nicht… Es erklärt sich wohl am Leichtesten mit Nietzsches Parabel von dem Abgrund,  der, wenn ein Mensch lange genug hinunter starrt, in den Menschen zurückstarrt.

Mit der Dunkelheit ist es genauso.

Nur kann man vor einem Abgrund davon laufen. Die Dunkelheit verfolgt dich. Es ist sogar egal ob du dich in ein Haus rettest, eine Sparkassen-Filiale z.B. oder in dein eigenen Wohnort, wo dir jeder Winkel bekannt und von dir eingerichtet und damit ausgeleuchtet wurde: Die Dunkelheit ist immer da. Sie geht nicht weg, selbst wenn du das Licht anknipst. Die Dunkelheit. Die Finsternis. Ist wie ein Nebel, der nur kurz nicht zu sehen ist, doch nie verschwindet.

 

An meinem letzten Abend, einem Samstag, zwang ich mich – es war eine Mutprobe – hinaus auf das Feld zugehen. Es gibt zwar eine Straße, zwei Kilometer entfernt, die die beiden Nachbardörfer verbindet, ich aber wollte den Feldweg nehmen, der auf verschlungenen Pfaden die gleiche Richtung einschlägt, jedoch auch in verschiedene Himmelsrichtungen auswuchert, am über zwei Meter hohen Mais vorbei. Vor bis zur Mitte, wo der hölzerne Jesus steht, vor dem ich schon als Kind Angst hatte. Dieser blutende Mann aus Holz machte mir schon immer Angst. Der Schmutz der Witterung machte seine Gesichtszüge nur noch realer. Und der Erlöser hatte von seinem Schrecken nichts eingebüßt. Dem war ich mir sicher. So ging ich also, nachdem ich den Ort drei Wochen lang extra wegen ihm gemieden hatte, absichtlich nach draußen. Ich wollte keine Angst mehr vor der Dunkelheit haben. Und als ich dann schließlich dort war, war es ein wenig freaky, es war aber auch nicht schlimm. Dort oben das Mondlicht. Die Sterne. Hier unten das Symbol des aufgehängten Toten, der nicht wirklich tot ist. Der wieder kommt…  Und ein paar Kilometer entfernt die Lichter der Dörfer. Links und rechts von mir. Dazwischen viel Nichts.

Ich wendete mich wieder um und wollte zurückgehen, hörte aber von irgendwoher vom Feld, Leute lachen. Sicherlich waren es irgendwelche Jugendliche, die in einem Bauwagen, an einem kleinen See oder sonst wo unter freien Himmel, am Feiern waren. Als ich jung, im selben Alter war hatten wir das auch getan. Und Mann, das war gar keine schlechte Zeit gewesen. Ich entschloss, zur Feier der Nacht. Da einfach einmal vorbei zu gehen. Ich hatte es überstanden. Warum nicht einen Rum-Cola aus einem schlecht gespülten Plastikbecher trinken. Vielleicht hatten die auch einen Joint. Irgendwie würde man sich schon einig werden. Ich sehnte mich plötzlich nach menschlicher Gesellschaft. Sogar nach der von der zurückgebliebenen Landjugend.

Also wieder los. An hohen Mais-Quadern vorbei, immer den Geräuschen nach. Weiter. Vorwärts ins Nichts. Das Holz-Jesus-Erlebnis steckte halb bewusst, halb unterbewusst in meinen Knochen, und meine Nerven waren doch mehr angespannt, als ich es mir eingestehen wollte. Das Gefühl nahm zu.

Überall schien es plötzlich zu Rascheln, zu Fiepsen, der Mais zu knacken. Horrorfilme aus meiner Kindheit kamen mir in den Sinn. „Kinder des Korns“, so ein Stephen Kind Mais-Horror-Sekten-Film. Oder „Kinder des Zorns“? Auf alle Fälle war der Mais mit Blut befleckt und die Kinder hatten mit stumpfen Sicheln jeden über dreißig…. An „Signs“ musste ich denken. Und das ich Angst hätte, einfach so in die Reihen der Maisstauden zu treten. Der Mais kam mir vor wie ein Labyrinth der  Angst. Nicht das ich mich dort verlaufen oder verloren gehen könnte. Nein. In meiner lebhaften Fantasie würde ich dort vor lauter Enge und Leere ersticken.

Endlich war der Mais hinter mir. Ich traute mich nicht ihm nachzusehen. Mais kann wie Abgründe und Finsternis sein… Glauben sie es mir.

Ich ging an dunklen, leeren Felder-Parzellen vorbei, hinüber zu einem Gebüsch und ich wurde mir langsam unsicher, ob ich überhaupt in die richtige Richtung laufe. Sicherlich schallt die Party über das ganze Tal hinweg, in dem ich mich befand. Hallte umher. Aber. So falsch konnte ich nun auch nicht liegen. Und. Umkehren durch den Mais war keine Option. Nicht wenn es nicht sein müsste. Also weiter. Immer weiter, weiter durch die Dunkelheit, sich selbst dazu zwingend, nicht über Tiere und Tollwut nachzudenken; Tollwut ist in Mitteleuropa schon seit Jahrzehnte ausgestorben, ist aber auch eine verrückte Krankheit, quasi DIE Geisteskrankheit an sich, die spät oder lange nach einem Biss ausbrechen kann, unweigerlich zum Tode führt und Menschen absolut verrückt aber auch extrem ruhig macht, verbunden mit dem Drang andere Menschen zu BEIßEN! Um sie mit der Krankheit anzustehen! Wahrscheinlich kommen daher die Horrorgeschichte über ZOMBIES! Lebende Totgeweihte, die andere Menschen beißen. Und wer weiß woher die Behinderungen in meinem Heimatdorf denn in Wahrheit kommen! Und wenn ein entlaufender Beißer von dort, hier und jetzt… usw. usf.; es klappte also nur bedingt mit dem Ignorieren von zu viel Gedanken.

Ich lief  und lief. Hinaus in die Nacht. In die Dunkelheit. Nachdem ich wochenlang keinen wirklichen Menschen gesehen, geschweige denn GESPROCHEN hätte, um (Ironie, Ironie) jetzt auf eine Party zu gehen, die ich – was total abstrus war – ums Verrecken nicht finden konnte. Nein. Ja. Ich stand mitten auf einem Feld und hier war nur ein großes Baum. Eine Kastanie. Der einzige Baum den ich erkenne. Riesig groß und gigantisch im Mondlicht. Wie Kino-Regisseure den Baum des Lebens zeigen würden. Und noch immer die Stimmen und das Gelächter der Party. Aber hier war nichts.

Noch ein paar Schritte. Nur um den Baum herum. Und auf der anderen Seite des Baumes. Da fand ich etwas. Keinen Baumwagen. Keinen See und auch keine Leute. Da stand einfach, einfach so am Boden im feuchten Gras, ein silberner alter Kassettenrekorder aus den 80ger Jahren, einfach so im Gras, aus dem – voll aufgedreht – die Partygeräusche herauskamen. Eine Aufzeichnung, von viel Zugeproste, Lachen. Und Tara. Panik schnellte in mir hoch, noch höher als ich es mir jemals, Maisfeld hin, Tollwut her, hätte vorstellen können.

Der Kassettenrekorder war SO laut und die Party klang so echt und… Um mich herum… Wie echt, alles…  Als würde ich schon längst vor einer Bar stehen… So klar und real… Und ich dachte mir: „Ausschalten. Einfach nur ausschalten! Wer weiß wer dieses Dinge hier hin und wozu….“ Und dann machte es ZACK! Wie es bei alten Kassettenrekordern der Fall ist. Der „Play“-Knopf schnellte in die Höhe und es kehrte Grabesstille ein.

 

Als ich mich ängstlich umsah erwartete ich eine Horde von Menschen, Hunderte von ihnen hinter mir zu sehen, die grinsend auf mich zeigten: Und mich dann auslachten.

Urlaub im Grenzgebiet

„Freilassing“ ist ein seltsamer Name für ein Erstaufnahmelager.

 

Den einzigen Fall vom Rassismus in unserem Urlaub im Grenzgebiet Deutschland/Österreich, erlebte ich in Salzburg. Ein Bettler kniete nahe des Weihnachtsmarktes beim Dom am Boden, die Hände wie eine Muschel vor sich bittend geöffnet, und eine Gruppe von Mittvierzigern passierte den Mann, der allem Anschein und Vermutungen nach ein Flüchtling war. Eine Frau aus der Gruppe gab dem Bettler ein paar Münzen, worauf die andere Dame aus der Entourage lauthals auf sie ein brüllte: „Schämts euch dem was zum gebn! Schämts euch! Wenns wenigstens a Weißer wär!“ Und wütend schnaubend und dann – ich habe das nicht mehr vernehmen können weshalb – lachend, stürmten sie weiter. Triumphierend. Es war ungefähr 14 Uhr 30. An „Heilig Abend“.

Das war also der berühmte Österreichische Rassismus von dem David Schalko so voll erzählt hatte.

 

Es war der letzte Tag unseres Kurzurlaubes, den wir in Bad Reichenhall, im Grenzgebiet verbracht hatten. Mit dem Zug kamen wir  während unseres Tagestrips nach Salzburg durch Freilassing und sahen vom Fenster aus nur ein normales bayrisches Städtchen. Ruhig, aufgeräumt, einladend, schön. Keine Ausnahmesituationen. Nur im Zug selbst eine Schaffnerin, die freundlich zu ausländisch anmutenden Bahnreisenden meinte: „Ah, ihr habt´s bestimmt die Schülerkarte“. Worauf diese lachten. Ja, ja. Haha. Schülerkarte. Mehr war da nicht.

Und wir wunderten uns gestern, als wir in den „Nachrichten“ auf Pro 7 Bilder aus der Erstaufnahmeeinrichtung Freilassing sahen; irgendwie geht dieses ganze Vertriebenending total an uns vorbei, es hat keinerlei Auswirkungen auf uns.

Denn. Wir sind in den letzten Monaten weder belästigt worden. Noch wurden wir ärmer. Noch fühlten wir uns in der Unterzahl. Nur. Ein beschaulicher Urlaub im Grenzgebiet. Der jegliche Propaganda die das Internet und die –idas (Pegida, Legida, usw.) verbreitete, ad absurdum führte.

 

Es war so schön, dass wir sogar noch eine Übernachtung drangehängt hatten, in diesem viel zu warmen und dadurch herrlichen Winter. Wir erklommen unter Schweiß und Wehklagen einen vereisten Berg, auf dem man an den ungesicherten Stellen 1500 Meter die  Steilwänden hinabstürzen konnte, genossen oben die sagenhafte Aussicht und vertrödelten einen ganzen Tag in der größten und besten Therme, in der wir jemals waren. Der perfekte Kurzurlaub in einem perfekten Hotel mit perfektem Wetter. Und kurz. Für ein paar Tage. Waren die Sorgen des Alltags vergessen. Darauf trank man auf dem kleinen Christkindlesmarkt noch einen warmen Pflaumenschnaps.

 

Ein wenig fühlte ich mich in meiner Kleinstadt die letzten Monate, als der Fernseher dröhnte und das Internet tobte, wie in einer künstlichen Blase, die von dem „Aslyanten-Strom“ verschont blieb. Alles schien an einem vorbeizugehen. Wieso zum Geier war es möglich, dass das auch hier im Grenzgebiet der Fall war? Ganz einfach, weil in Wahrheit weder mein Heimatkaff von den kriegsinduzierten weltpolitischen Umwälzungen ausgeschlossen blieb, noch Bad Reichenhall oder Freilassing. Es zeigt sich nur jetzt schon, dass die Apokalypse der Vorstellung wie immer überzeichneter ist, als die Tatsachen der Gegenwart.