Das Südufer-Festival 2017 in Friedberg – Rückblick

Was im Jahr 2017 vollkommen normal ist, war in meiner Jugend unmöglich: Heute kann man jedes Wochenende im Sommer auf ein anderes Festival gehen. Ja. Es gibt inzwischen sogar Festivals, auf die man auf zwei Wochenenden hintereinander gehen kann. Schließlich war man eh die ganze Woche da. Diese Vergnügungssucht der Europäer ist eine ziemlich einzigartige Entwicklung, wo man jetzt leicht den Moralischen spielen kann. Belassen wir es bei der Erkenntnis, dass es „früher“ nur zwei, drei Festivals in Deutschland gab, die den Namen auch verdienten (gerade was das Organisatorische angeht), heute ist das komplett anders. Dass dabei die Exklusivität verloren geht und man sich nicht mehr besonders besonders fühlen muss wenn auf ein Festival geht, ist eh klar. Aber. Ich halte das auch für etwas Gutes. Dieses Elitending ist ja auch immer ein wenig seltsam und baut auch ganz strange Strukturen auf, so wie der Irrglaube, wie man sich auf einem Festival verhalten muss.

Da muss dann unbedingt gesoffen und gekifft werden wie ein Loch. Da muss dann Flunkyball und was weiß ich gespielt werden. Da muss Dosenbier getrunken, billige Wurst gegrillt und Körperlich derbe gestunken werden; wie auch immer: Festivals gelten mit ihren Verhaltensregeln denen sich die Besucher dort auferlegen, fast schon wie wirede Sekten. Und weil ich mich schon immer für etwas Besseres hielt, bin ich froh dass die Proletisierung auf den kleinen Festivals noch nicht so weit fortgeschritten ist. Der Trend geht zur Nachhaltigkeit und weg von den Träumen des Prekariats, in seinem eigenen Müll ungeschützt aber anonym zu vögeln. Und wenn man richtig Bock hat es sich mal außerordentlich würdelos zu geben, geht das auch auf so einem Festival wie am Friedberger Südufer. Denn wenn man will, geht das überall. Der saublöde Gruppenzwang ist dann aber weg.

Das „Südufer Festival“ ist nicht nur ein kleines Festival. Im ersten Jahr  würde ich es sogar als ein „Familien-Festival“ bezeichnen. Alles sehr gesittet und auf einem vernünftigen, freundlichen Spaß-Niveau.

Ich war nur am Samstag und das Publikum bestand vornehmlich aus Jugendlichen und deren Onkeln und Tanten, die ohne Bedenken ihre kleinen Kinder mitbringen konnten, die dann selig im Kinderspielplatz Sandburgen bauten. Ich gebe ja zu: Das klingt jetzt schon Hardcore-Konservativ. So schlimm war es dann aber auch nicht. Es war einfach ein schöner Tag am Badesee, an dem sich keiner die Hände schmutzig machte. Okay. Das klingt immer noch ziemlich schlimm. Ist es aber nicht. Die Frage ist halt was man will. Und wie wir so da saßen. Das kalte Bier in unseren Henkelbechern. Und sahen. Wie sich die frischen Jugendlichen ohne Zorn amüsierten, badeten, chillten. Während die ersten Älteren am Techno-Floor zu Tanzen begannen (heute würde man wohl Electro-Floor sagen). Im spirituell schönen Sommer-Licht. Da. Da war die Welt schon ziemlich in Ordnung.

Diese Wahrheit ist dabei rein aus der Retroperspektive gewonnen. Weil. Ich mag das tatsächlich gar nicht so. Diese verdammte Hitze. Und dieses Leute-Kennenlernen. Selbst bin ich ja auch ein ziemlicher Idiot. Am Ende des Tages jedoch war alles gut. Man gab neuen Bekannten gerne die Hand und versprach sich ein Wiedersehen. Und nickte im Nachhause-Gehen den Tag freundschaftlich hinterher. Das hat Spaß gemacht. Wo lernt man auch sonst Leute kennen, die einen bereitwillig in ihrem angrenzenden Schrebergarten mit Gartenhäuschen zum Grillen aufnehmen, die einem einen Dübel von dem von  uns selbst mitgebrachten Gras anbieten, die ihr Bier an uns verschenken, uns dabei erzählen wie toll und einzigartig es war bei den Anfängen von Techno mit dabei gewesen zu sein, und können dann, nachdem man diese Menschen und ihre Post-Hippie-Attitüde schon komplett super gefunden hat, auf die Frage was sie arbeiten antworten können: Ich baue Panzer. Hä? 😀 Leopard 2. Wie geil ist das denn? So sind wir Bayern.

Die Bands? Wie die Bands eigentlich waren? Sorry Leute. Bin noch total verpennt. Habe sehr viel Schlaf nachholen müssen. Die Bands  (vornehmlich eine) waren besser als erwartet. Die „Nihils“ mit ihrer Pop-Electro-Art gefielen mir sehr gut. Erinnerten mich an die „Foals“. Und das ist nicht allzu schlecht. Wenn die Nihil-Jungs mal einen Hit schreiben, ist das restliche Programm von ihnen ein gutes Rahmen-Programm dafür.

Schluss machte „Lola Marsh“ an der Hauptbühne. Die vielleicht gar nicht schlecht waren. Mit ihrer Super-Sau-Blöden-Attitüde jedoch komplett albern und unerträglich auftraten. Bei so einer Band ist es sogar ein Fehler so viele Klicks auf You-Tube zu haben. Selbst wenn sie vom Sound her sicherlich sehr gut in die heile Kinder-Welt des „Südufer-Festivals“ passten.

Dann doch lieber wieder rüber zu den Druffis. Denn ohne Druffis geht es wohl nicht. Muss das denn jetzt? Was soll das denn hier? Mach doch mal langsam. Man muss doch nicht überall… Und jetzt halt doch bitte mal mein Bier. Ich will ein Foto machen.

 

Die See-Stage lag wortwörtlich im See. Der Sound war okay. Nicht wichtig. Im Moment gerade richtig. Durchdrehen wollte ja eh keiner. Sei es beim Set von Aril Brikha. Oder bei den Jungs von Auto.Matic-Music. Die so sehr ihr Label geworden sind. Dass sie schon gar keine Namen mehr auf den Time-Table drucken. Obwohl die für Auto.Matic überraschend gut auflegten. Der Aril gefiel mir sogar noch besser. Da schmofte man dann herum. Mit den Alten und jenen, die es gerne wären. Erzählte sich Geschichten. Lachte sich an. Und ließ die Vergangenheit einen netten Onkel sein, an dem sich die Gegenwart zum Glück nicht mehr messen musste. Wie das ganze „Südufer-Festival“, gerade weil es das erste Mal überhaupt veranstaltet wurde, keinen Maßstab hatte. Es war einfach ein chilliger Tag mit Freunden. Nichts Legendäres. Nichts Unvergessliches. Doch wenn man in ein paar Wochen oder einem Jahr daran zurück denkt, erinnert man sich an einen schönen Tag. Was will man mehr?

Advertisements

Die „Sportfreunde Stiller“ im Roxy in Ulm, es war der 29.04.2017

20170429_210728

Jetzt auch noch die „Sportis“? Ja. Inzwischen gehe ich überall hin. Hauptsache. Es macht Spaß. Ein (bezahlter) Besuch bei den Sportis ähnelt meinem einstmaligen Konzert-Besuch bei Scooter: Das ist so weit weg von mir selbst, dass man es einfach mal gemacht haben muss. Also kaufte ich mir im Vorfeld die 6 Lieder von ihnen die mir schon immer irgendwie (heimlich) gefallen haben und hörte sie hoch und runter. Dabei stellte ich fest, dass ich diese Lieder wirklich mag. Ja. Viel zu poppig und softrockig für meinen gängigen Geschmack, na und? Man kann ja nicht immer den gleichen Mist hören. Und bei „Geschenk“ geht mir einfach das Herz auf, egal wie kitschig das Lied auch ist.

Mit den Wochen freute ich mich richtig auf den Auftritt und ganz besonders darauf, die Texte mitsingen zu können, denn seien wir mal ehrlich, wann kann man schon noch catchy deutsche Texte aus sich heraus singen?

Wie es dann oft so ist hatte ich am Tag des Geschehens gar nicht übermäßig Bock. Schon mittags in Ulm angereist und dort viel herumgerannt, viel zu viel gut gegessen und dann auch noch vorgetrunken – ich bin ja keine 35 mehr…

20170429_211001

Grob geschätzt passen so 2000 Leute in das „Roxy“, was natürlich sehr kuschelig ist – und anstrengend. Ich war jetzt schon auf hunderten Konzerten und ich musste gestern feststellen, dass man bei den Sportis genauso schlecht durch die Menge von Punkt A zu Punkt B laufen kann, wie bei den Einstürzenden Neubauten; bei den Neubauten wird extrem viel gestarrt und jeder Quadratmeter verteidigt, bei den Sportis haben dass die meist weiblichen Fans ebenso gehandelt. Komischer coincidence bei gerade diesen nicht sehr ähnlichen Bands.

Der Platz muss also „verteidigt“ werden und da steht mal also Stunden vor Anpfiff  dumpf in der Menge und langweilt sich. Merkwürdig ist: Ich bin summa summarum bestimmt schon Wochenlang vor Bühnen herumgestanden und habe auf Band-Auftritte gewartet. Jedoch vergisst man diese Zeit im Nachhinein immer wieder komplett und stellt sich eine Woche später wieder total gelangweilt und doch motiviert für das nächste happening an.  Zum Glück bin ich ein Trinker.

20170429_200545

Die Vorband der „Sportfreunde Stiller“ waren die „Kytes“. Austauschbarer Softrock auf einem angenehmen Niveau. Eine dieser idealen Vorbands die im Prinzip alles richtig machen. Nur kam ich mit der Art des Sängers nicht ganz klar, der mir ein wenig zu selbstbesoffen und bayrisch überheblich rüberkam – auch wenn er gut singen konnte. Aber. Das war mein Problem. Die machten dass ganz gut und waren mit dem Herzen dabei, was an den wenigsten Konzertbesucher vorbei ging. Außer vielleicht an Empathielosen Monstern wie mir.

Die Sportis kamen dann um 5 nach 9 auf die Bühne. Wir standen auf der „Peter“-Seite und dann ging es mit einer der beiden neuen Singles los (die andere kam eh danach), dazu wurde noch die heute du gerade vom FC Bayern eingetütete deutsche Meisterschaft gefeiert. Wenigstens von den Sportis. Dass da nicht jeder mit ihnen „Juhu!“ rufen muss ist klar und auch okay, und daran sieht man dass die Band zwar gefallen will, hier aber auch klare Kante zeigt. Mir gefällt so etwas. Auch wenn ich den FC Bayern scheiße finde.

20170429_211119

Gepackt hat es mich dann erst bei „New York, Rio, Rosenheimer“, einen meiner 6 Songs die ich hören wollte und die ich auch alle 6 präsentiert bekam. Das hat richtig Spaß gemacht und für „meine“ Songs haben sich die 40 Steine schon gelohnt.

Würde mich jemand fragen ob die „Sportfreunde Stiller“ eine sehr gute Band sind, könnte ich das gar nicht beantworten; und so geschah es dann auch. Sänger Peter fragte ziemlich am Ende in die Menge, ob denn alle Spaß hätten und ich machte mit meiner Hand die „Na ja“-Bewegung. Ich bin fast 2 Meter groß und stach da wohl aus der Menge der kleinen Mädchen ziemlich heraus, ob ich wollte oder nicht. Darauf meinte Peter, nachdem er den Mann neben mir abgefeiert hatte, dass der HERR daneben wohl nicht ganz überzeugt sei – also ich. Das stimmte aus folgendem Grund: Die Sportis haben tolle Lieder, bloß nur nicht genug davon. Zwischendurch kommen halt so austauschbare Rockblasen, die auch von der Vorband hätten sein können. Wenn man Fan ist  feiert man die Stücke selbstverständlich mit ab, als „Besucher“ (wie ich mich jetzt mal bezeichne) waren diese Stücke aber nur sehr mau und ich sehnte mich währenddessen nach einem alkoholischen Kaltgetränk. Aus Spaß sagte der Peter, jetzt fühle es sich von mir unter Druck gesetzt. Dabei war es genau anders herum.

Die Sportis sprechen zwar sehr locker mit dem Publikum (was sie häufiger und sehr sympathisch machen), ich halte aber ein Gespräch mit jemanden auf einer Bühne der 15 Mal lauter ist als du selbst für absolut sinnlos, da es immer von oben herab geschieht und es keine gleichgestellten Gesprächs-Parteien sind, weswegen man als In-der-Menge-Steher eh auf die eine oder andere Art den Kürzeren zieht (sehr analytisch ausgedrückt). Deswegen machte ich eine aufpeitschende Handbewegung und er sagte irgendwas davon, dass ich es wohl „härter“ wollte. Und im Prinzip stimmt das auch. Nur wollte ich es nicht „Sportfreunde Stiller hart“, sondern einfach nur härter und vor allem besser 😉

Der Witz ist, dass sie mit „Applaus, Applaus“ und „Ich roque“ genau das brachten was ich hören wollte. Nur sind diese Songs leider nur die Kirschen auf der Sahnetorte. Also ist meine Antwort darauf ob ich das bekommen habe was ich mir von dem Konzert erhofft habe und ob ich die Band für sehr gut halte ein klares „Jein“. Es war richtig und spaßig dorthin zu gehen. Aber nein. Noch mal brauche ich das leider nicht, obwohl ich manche Songs von ihnen abfeiere, vor mich hin singe und fast schon mechanisch dazu meine Freundin küssen muss.

20170429_212440

Die Zugaben schenkten wir uns, denn es wurde schon alles gespielt was wir hören wollten; wozu also noch Songs anhören die einem eh nicht gefallen? Und ein „54, 74, 90…“ mit Bayern München Konfetti-Regen (siehe Facebook) brauche ich nicht. Das Lied ist eines ihres Schlechtesten und wie die Ironie oft so spielt ist es ihr erfolgreichstes.

Sollte es mich mal wieder auf ein Festival verschlagen und da stehen irgendwo die Sportfreunde auf der Bühne herum, würde ich wieder hingehen. Ein Muss ist die Band leider nicht. Nicht einmal als Fc Bayern Fan würde ich behaupten. Ihre Daseinsberechtigung und ihren Platz in der deutschen Pop-Geschichte haben die drei Jungs allemal. Und ich hoffe dass sie noch lange weiter machen und guter Lieder schreiben. Sich aber auch weiterhin Kritik gefallen lassen 😉

„The OA“ Ein Gefühl und ein Trailer zur Serie

Während meines Heimaturlaubs sehe ich mir auf Netflix die Serie „The OA“ an. Dabei fällt mir auf, wie komisch es ist, dass man die Geschichten die man dort sieht, in deren Universum sofort als „wahr“, „echt“ und „real“ anerkennt, während wir in unserem Universum überhaupt nicht an Geschichten glauben, sondern nur an Fakten… Als gäbe es keine Grauzonen der Vernunft…

Keine Angst, ich zitiere jetzt nicht Hamlet, sondern stelle nur den Trailer online.

Das stehlende Pferd?

Nach dem Kabarett war vor dem Konzert. Und was macht man zwischen Kabarett und Konzert? Eben, man geht essen. Beim Essen im Abraxas ging irgendwie alles schief. Wir bekamen die falschen Getränke, keine Salate und als der dann nachgereicht wurde auch kein dazugehöriges Baguette, was nervte. Nur meine drei Jägermeister klappten verdammt gut.

Mieser Service. Dabei hatte natürlich ich das Restaurant vorgeschlagen. Ich beschwerte mich und dann bekamen wir das genaue Gegenteil: Die Verantwortliche fiel aus allen Wolken, als sie von dem Drama hörte, dass wir kein Baguette bekommen hatten! Vor Entsetzen berührte sie mich gleich am Ellenbogen und sah mich so entgeistert an, wie mich die Leute nicht mehr angesehen hatten, seit der Zeit als publik wurde, dass meine Mutter gestorben war: „Sie haben kein Baguette bekommen?…“ Als wollte sie sagen: „Woran ist sie denn gestorben?“

Aus dem schlechten Service wurde ein extrem guter. Viele Entschuldigungen ihrerseits und  dazu eine köstliche Nachspeise, von der wir natürlich wissen wollten, was das denn nun auf dem Teller sei? Der Kellner: „Na da fragt ihr mich jetzt was…“
Kurz: Unsere Stimmung war überraschend gut als wir in den Vorführraum des Abraxas schlichen.

 

Das Konzert hatte schon begonnen. Eigentlich sollte dort irgendwer anderer spielen, der Gig wurde aber krankheitsbedingt abgesagt. Dafür traten Rainer Gruber & the stealing horse auf. Das Ersatzkonzert war für umsonst und wir dachten uns: Umsonst ist gut; war es nur nicht. Es war mit das schlimmste Konzert auf dem wir je waren.

Es lag nicht einmal an der Musik, auch wenn dieses Folk/Blues-Zeug nur in bestimmten Stimmungslagen was für mich ist. Die Band war gar nicht so schlecht und Rainer Gruber schien als einziger von ihnen ein etwas routinierter Unterhalter zu sein, der mit seiner Erfahrung  und ein wenig Unterstützung den Gig auch allein hätte stemmen können. Das war nicht so schlimm. Mir gefielen sogar die E-Gitarren-Solos von dem Kerl, der aussah wie das Tier von der Muppet-Show; wann hört man in unserer Indie-Musik verseuchten Zeit noch ein brauchbares Gitarren-Soli? Eben.

Trotzdem schien die Band insgesamt einen herben Bad-Day zu haben.

 

Der Bassist zog ein Gesicht, als hätte ihn kurz vor dem Gig seine gesamte Familie verlassen (und seine Haare ihn gleich mit) was er augenscheinlich gerade jetzt in diesem Moment realisierte  und innerlich verarbeitete. Ebenso die Unterstützungssängerin war total apathisch und schien sich weit weg zu träumen, weg, weg, nur nicht hier… Auch die Damen am Keyboard und am Streichgerät waren irgendwie peinlich berührt, fahrig, nicht ganz konzentriert. Immerhin der Kerl am Schlagzeug versuchte mit dem Anführer dieses deprimierten Haufens – Rainer Gruber – ein wenig Spaß zu haben. Ein wenig. Hilfloses Lächeln. Nur das Tier war eine Bank. So ein Kerl, mit dem man beim Opel-Treffen fast eine Schlägerei anfängt und schließlich doch noch im Guten auseinander geht. Der war unerschütterlich.

Trotzdem.

Im Grunde konnte man dabei zusehen wie sich ein Haufen Musiker ordentlich schämte. Was war geschehen?

 

Gute Frage. Meine Vermutung ist, dass das Abraxas in Augsburg keine Konzert-, sondern eine Theaterbühne hat. Bei dieser Bühne sitzen die Zuschauer nicht davor, sie sitzen wie bei einem Miniatur-Stadion-Konzert in einem U dreiviertel rund herum – und die Band wie auf dem Präsentierteller. Verstecken: Unmöglich. Das ist meine Theorie.

Wer aber weiß was diesen armen Leuten wirklich widerfahren ist? Gar ein Szenario aus einem Horrorfilm? Wer wurde entführt und wen erpresst man damit, dieses Konzert zu geben? Kam es im Vorfeld zu peinlichen sexuellen Spannungen? Das GZ-SZ-Prinzip? Kannte sich die Band vlt überhaupt gar nicht (schließlich sind in dem Youtube-Video ganz andere Leute zu sehen?) und waren da nur Zufallsleute auf der Bühne? Waren Wetten verloren worden? Wir werden es wohl nie erfahren, weshalb alle so betreten auf den Boden starten, bis auf Rainer Gruber… Der Mann, den sie auch „stehlendes Pferd“ nannten…

 

Moment mal… Hieß so nicht der BÖSE in „Stirb langsam?“ 😀

Jess Jochimsen – Kabarett in Augsburg

Vorab einen schönen Tag der deutschen Einheit.

 

Vor diesem Tag, der eigentlich ein freudiges Ereignis sein sollte und von lauter Miesmuffeln „ironisch“ schlecht geredet wird, sind wir spontan ins Kabarett gegangen. Genauer, in die Kresslesmühle in Augsburg. Die Kresslesmühle sieht ein wenig so aus als hätte der bayrische Rundfunk die Innenausstattung spendiert, was durch das natürlich sehr klassisch anmutende  Kabarett-Publikum (Richtung Rentenalter mit hoher Tendenz zu Herz-Kreislauf-Beschwerden) exponentiell verstärkt wurde. Das passt alles so sehr wie die Faust aufs Auge, wie der alte VW-Bus auf nem Hippie-Festival. Das hat dann wohl so zu sein.

 

Jess Jochimsen (ja, das ist ein Tipp-Fehler auf der Karte, kann ja einmal vorkommen), kannten wir vor diesen Tag gar nicht. Morgens wischten wir in unserem Tablet herum und sahen uns ein Video von dem Mann an – wirklich, nur eines. Dieses:

Das genügte für uns um mit typischen Äußerungen ausgestattet („Scheiß die Wand an. Den schauen wir uns jetzt an.“) nach Augsburg hineinzufahren.

Kabarett ist ja immer so eine spezielle Sache für mich. Das letzte Mal war ich bei Hagen Rether in diesem Umfeld und dortmals sind ein Freund und ich bei der Halbzeit-Pause gegangen. Ganz furchtbar war dieser Auftritt. Dieses unglaublich nervige, arrogante, superlinke, von oben herab dozierende Veganer-„Ich-habe-Recht“-Gelaber, verbunden mit dem typischen Vibe der zahlenden, anwesenden Kundschaft, der beinhaltete dass bei den „Maßregelungen“ alle gemeint sind, nur nicht die an diesem Ort Anwesenden; grauenhaft Bildungsbürgerlich stumpf, das können wir alle doch besser. Doch die Leute gehen nun einmal nicht ins Kabarett um sich schlecht zu fühlen oder etwas zu LERNEN, nein, sie gehen dorthin um zu Lachen und ihre Intelligenz bestätigt zu wissen: „Aha, da habe ich wieder genau das gehört was ich eh schon meine – nur lebe ich halt nicht so. Blöd. Aber lustig.“ Irgendwo muss es auch eine enttäuschende Daseinsform sein, dieser Kabarett-Beruf.

 

Jochimsen arbeitete sich in und neben seiner Lesung auch an den typischen Kabarett-Problemen an: Politik. Erziehung, Flüchtlinge und die Angst vor ihnen, die Tretmühle des Kapitalismus und die Vorherrschaft der Denke der alten weißen Männern in unseren Köpfen, die nicht wollen das sich ihr Leben ändert, was selbstverfreilich absoluter Unsinn ist, denn das Leben ändert sich doch die ganze Zeit, das IST doch das Leben…

 

Schelmenhaft hat der Jess das gemacht. Pointiert, lustig und natürlich auch entblößend. Mit seinem Akkordeon hat er dabei das Kabarett auch nicht neu erfunden. Dennoch war es besser als „nett“. Es war gut.

Ich selbst befinde mich – hier schon nun wirklich viel zu oft erzählt – in einer blöden Arbeitspsychischen Lage und da sprach mich der Auftritt mehr an, als vielleicht noch vor zwei Jahren. Gerade die Fragen nach der Zukunft die er stellte machten Eindruck: Wie stellt sich jeder von uns seine Zukunft vor? Und, was würde er gerne noch erreichen?

In einer Medienwelt in der die Nachrichten laut Bild-Online gar nicht mehr getippt sondern durch den Geschwindigkeitswahn und –druck nur mehr als Live-Videos gepostet werden sollen und man als Konsument ständig dem Druck der Gegenwärtigkeit ausgeliefert ist (sich ausliefern lässt), denkt man ja auch wirklich gar nicht mehr weiter als bis zum Feierabend oder bis ans nächste Wochenende. Oder den nächsten Urlaub. Auf die Frage: „Wo siehst du dich in 10 Jahren?“ Haben wir die Antwort eingeredet bekommen, dass das unmöglich geworden sei zu beantworten. Wir leben doch in so einer schnelllebigen Zeit! Ist doch eh bald alles wieder ganz anders… Nur… Stimmt das überhaupt? Und ist das eine gute Ausrede für mich und für dich keine Vision von der Zukunft zu haben?  Denn: Ich habe wirklich keine…

Das gab mir schon zu grübeln.

 

Lustig war es natürlich auch, viel Haha. Der Erzählstrang hielt sich aber auch gut im Gleichgewicht. Gutes Kabarett ist halt, wenn nicht nur Geschimpft oder Gelobt wird. Wenn man etwas mitnimmt und sich dennoch gut unterhalten fühlt. So gesehen hat der Jess alles richtig gemacht. Auch wenn ich selbstverständlich nicht alles unterschrieben hätte was er sagt. Angenehm war es halt.

 

Besonders gut war der letzte Satz: „Die beste Rache ist ein gutes Leben.“ Das mag zwar nicht neu sein (Marcus Wiebisch z.B. hat den Spruch auch schon gebracht), es ist aber auch einfach wahr. Man sollte sich nicht so sehr gefangen nehmen und sich einspannen lassen. Dadurch. Könnte man sich viel freier fühlen. Die ganze Zeit. Und nicht nur bei 2 Stunden im Kabarett – unterbrochen von einer viel zu langen Pause.

Kurz mal ins Internet gekotzt

„Wir müssen unbedingt KETAMIN nehmen!“

„Wie? Was? Ne du… Lass mal.“

„Ja wie jetzt? Das ist voll lustig! Da kann man nicht mehr Sprechen! Wir haben uns so kaputt gelacht. Mann, Mann… Wenn der Fleming nur dabei gewesen wäre, habe ich mir da gedacht. Aussprechen konnte ich es ja nicht…“

„Ne du… Ich bin 35…“

„FÜNFunddreißig fünfunddreißig 35… Ist doch egal.“

„Ich habe keinen Bock mehr auf neue Drogen. Ich will einfach nur das was ich kenne, und gut. Obwohl. Eigentlich will ich gar nichts. Eigentlich will ich nur meine Ruhe…“

„Das bist doch gar nicht DU der da aus dir spricht! Das ist deine FREUNDIN.“

„So ein Blödsinn. Hör mir auf mit deinem Pferdeberuhigungsmitteln.“

 

Ich mache Skype zu.

Ganz schön anstrengend, diese Videostream-Konferenzen vom bayrischen Land nach Berlin. Irgendwo sind diese Gespräche auch immer mehr Zeitreise als mir lieb ist. Hm.

Die Gedanken schweifen ab. Danke Alice Wunder mit deinem Ecstasy-Monat. Schon ist man wieder im Thema drin. Gestern wir Beide noch am Handy. Und mir fallen die von ihm selbst gesprochen Worten von Rainald Goetz bei seinem „Heute morgen“-Hörbuch ein, die Stelle wo es heißt:

 

„Und so liege ich da also in der Hell-Night im Suicide, im Garten, des nach Klo-Containern stinkenden Outdoor-Suicides, unter den Bäumen im Gras, irgendwo bei oder unter den sogenannten Hackeschen Höfen, in Mitte, wie hier gesagt wird, in Berlin, und breche da vor mich hin, und denke: das paßt schon. Das tut mir jetzt gut.

Irgendwann hört das Würgen auf, die Krämpfe werden seltener, und ich schaue ruhig auf den quer im Bild liegenden Baumstumpf, Baumstamm vor mir. Zu erschöpft, das jetzt genauer zu untersuchen, zu verstehen. Von hinten kommt wer, fragt, ob er helfen kann, und ich drehe mich ganz leicht hoch mit aller Kraft, vorsichtig, und sage sehr geordnet: „Nein, vielen Danke. Ich raste nur ein bisschen hier.“

 

Daran muss ich denken und weiß mich zu erinnern, dass auf XTC nicht einmal das Kotzen schlimm war. Nicht gerade angenehm, nur auch nicht schlimm. Die Droge ist wie die Mama die vorbei kommt – die MA-MA ich niemals hatte – die aufwischt und sagt: „Jetzt ist aber wieder gut.“ Und das ist es dann auch. Kein Drama. Der Rausch geht weiter.

 

Blöde Melancholie. Und doch. So wie ich hier sitze und daran zurückdenke, hier, in meiner Baseball-Jacke. Bin das noch ich?

 

Tags darauf sehen meine Freundin und ich „Batman versus Superman“. Ich mag den Film; sie schaut gelangweilt ins Handy. Ich mag die Erzählung wegen diesem Konflikt zwischen Übermensch und Mensch, auch wegen dieser Vorstellung, das quasi ein Gott unter uns weilt und wir deswegen unsere gesamte Existenz hinterfragen (witziger weise lese ich im Moment auch noch „Es ist nicht leicht ein Gott zu sein“ von den Strugatzki-Brüdern, ähnliches Thema). Mir egal wie andere den Film werten. Filmfehler hin oder her.

Superman, der Supermann, der eigentlich nur ein normaler Farmer-Junge sein will. Und Batman, das traumatisierte Millionärs-Kindchen, das immer Superheld sein will. Und ist. Nur ausgestattet mit einer einzigen, doch allzu weltlichen  Superkraft: Er ist unermesslich reich.

Interessanter Konflikt…

Das sind auch die zwei Herzen die in meiner Brust schlagen: Auf der einen Seite will man auch FÜMPFund30 noch Superdrogen-Feierman sein. Auf der anderen der brave Kerl mit studierter Freundin, der sich auf seine Bildungsbürgerlichkeit einen herunterholt und leicht abschätzig die Nase rümpft, wenn neben ihm eine Drogenleiche liegt. Total lächerlich. Das Männer immer Beides sein wollen und nichts davon richtig können.

Ich dachte. Ich kotze das schnell mal ins Internet. Dann ist wieder gut.