Tödliche Pflanzen

In einem Glückskeks stand neulich (vor einem Jahr?): „Es ist nicht die Arbeit die dich umbringt, es sind die Sorgen.“ Reaktion: Großes Harlekin-Gelächter mit weinendem Auge. Ist aber so. Die Arbeit frisst dich nicht auf, das ist Unsinn, sie kannibalisiert dich nicht. Niemand wird aufgefressen. Es ist mehr so wie im Pflanzenreich. Die Fauna kämpft nämlich auch, wir sehen nur nicht genau genug hin. Nicht mit Giften. Okay, vielleicht auch. Aber ich habe nie verstanden was es einer Pflanze hilft wenn derjenige der sie aufisst später kotzt und stirbt – dann ist es für die Pflanze zu spät und auch vorbei. Was bleibt ist die Warnung für alle anderen Tiere, die daraus – ist das möglich? – irgendetwas gelernt haben. Durch das Gift. Nein. Ich meine die Pflanzen, die keine Kommunisten sind.

Die meisten Pflanzen… Ich meine so mit Blättern und Fotosynthese… Die meisten Pflanzen also kämpfen durch Wachstum gegeneinander. Ja wirklich. Die starke, robuste Ellenbogen-Pflanze wächst einfach über die kleine, nette schüchterne Pflanze hinweg und stiehlt der dann das Sonnenlicht, worauf das nette Pflänzelein verkümmert und stirbt. Das ist meine Metapher für Arbeit. Das ist Burnout. Das ist Kapitalismus. Daher der Satz: „Die Arbeit wächst mir über den Kopf.“

Auf- und weggefressen wird da also gar keiner. Sonst wäre es doch einfach.

 

Der Trick ist, sich nicht in den Schatten stellen zu lassen. Und es ist nicht nur die Arbeit mit den Chefs, Kollegen und dem ganz vielen SELBST was dich in den Schatten stellt, es sind besonders die Freunde, die Familie und die Umgebung. Man hat ja so zu sein, solche und solche Wünsche zu haben und weil man die halt hat, muss man da durch. Sonst wird das nichts mit XXY. Wozu eigentlich? Niemand liebt dich mehr weil du so bist wie sie dich wollen. Besonders nicht du dich selbst. Es ist nur leichter so zu sein wie die anderen. Und dabei ist es doch so unendlich schwer.

Eine Revolte von uns ist nicht zu erwarten: Wir sind viel zu müde um aktiv aggressiv zu werden.

 

Heute verstehe ich die Hippies. Ihr Davonlaufen von der Wirklichkeit beinhaltet Mut.

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Erdbeben ändern nichts

 

Heute war bei Spiegel ONLINE Schlagzeile, dass die durch das Erdbeben zerstörte Region in Italien mit 50 Millionen Euro wieder aufgebaut werden soll. Das konnte ich gar nicht begreifen, diesen Wahnsinn. Da sind noch nicht einmal alle Toten geborgen und schon sagt der Mensch: „Das wird schon wieder“, knallt Millionen raus und baut genau da wieder hin, wo die Natur absolut eindeutig und überzeugend dem Mensch seine klitzekleine Endlichkeit aufgezeigt hat. „Erdbebensicher“ nennt sich das dann was „Mensch“ da vorhat. Nun gut. Ganz Tokio wurde auf einer fault line errichtet und man hat dort schon einigermaßen sichere Architektur errichtet, die bestimmte Erschütterungen aushalten kann (was sie ständig beweist, schließlich bebt es dort häufig) – bei einem großen Beben hilft das nicht viel.

Weshalb muss der Mensch also genau wieder dorthin, wo er weiß dass er irgendwann ins Unglück stürzen muss?

Von „Wahrscheinlichkeitsrechnung“ will ich jetzt gar nichts hören. Denn die Wahrscheinlichkeit dass genau dort etwas passiert ist nach einem großen Beben geringer als vorher, nur, sie ist immer noch gegeben, jetzt sogar bewiesenermaßen und faktisch. So eine Region wieder bewohnbar aufzubauen ist wie eine Wette auf die Zukunft; eine Wette auf das Leben deiner Kinder und Enkelkinder: Was juckt mich das Elend in 100 Jahren? Wenn es passiert heißt man seine Ignoranz dann einfach eine „Katastrophe“.

Okay. Diesen Trend fährt jeder von uns. Wasser in Plastikflaschen statt Mehrwegglas und das am Besten noch aus Frankreich. Tiefer brauche ich da in die Materie gar nicht einsteigen, denn jeder weiß worauf ich hinaus will: Juckt nur keinen.

Fantastisch unsere Ignoranz.

 

Wir sind so im Großen, wie wir im Kleinen sind.

 

Eine Freundin, fast geschieden und nicht mehr ganz frisch getrennt, bekommt ihr Leben nicht mehr auf die Reihe, nachdem sie sich nach der Trennung genau das zurückholt, was ihr Jahrelang gefehlt hat, obwohl sie ihrer eigenen Aussage nach zuhause mit ihrem Mann schon zu viel davon hatte. Sie holt sich die Männererlebnisse, „die Liebe“, die ihr immer fehlte. Und macht nur Mist, rennt mit ihren Liebhabern und Kindern von einem Desaster in das Nächste, auf der Suche nach genau dem, was sie sowohl verloren, als auch geopfert hat: Die familiäre Sicherheit, die sie vorher hatte. Und ich bin gewillt zu sagen: Dann lass es doch einfach. Lass alles bleiben und such dir (mit Kindern, die kann man nicht wegdiskutieren) neue Perspektiven, neue Träume und neue Aufgaben. Und nicht wieder genau die gleichen Probleme, die sie als Lösungen empfindet: Männer. Sie stürzt sich in kurzfristige Liebschaften bis vom Erdbeben der Realität alles platt gemacht wird und sie selbst dazu sagen muss: „Ja furchtbar! Habe ich aber vorher gewusst…“ Und macht genauso weiter. Stur der Wahrscheinlichkeitsrechnung ihres Herzens folgend.

 

Wir Leute halten so viel auf unsere Vernunft, negieren sie aber bei jeder Gelegenheit. Es liegt darin, dass wir in der Vergangenheit Perioden der Sicherheit erlebt haben und zu diesen zurückwollen. Die Erfahrung hat uns gelehrt das es sicherer ist in der Heimat zu bleiben, egal ob sie räumlich oder emotional ist, und selbst wenn uns vor Augen geführt wird, dass dem nicht der Fall ist, halten wir daran fest. Wir „kennen“ nichts anders, obwohl wir wie uns darüber im Klaren sind, dass es vieles anderes gibt in dieser riesigen Welt dort draußen.

 

„Heimatverbunden“ nannte das heute Morgen ein Arbeitskollege und ich kann nicht verstehen was daran gut sein soll, wenn man gerade seine Kinder begraben hat oder einen Teil deiner Seele. Die Heimat und was du dafür hältst, die bringt dich um. Sie ist kein Allheilmittel. Aber wir haben Angst vor der Fremde, mehr sogar, als vor dem Tod oder vor dem Unglück, solange die Gefahr keine andauernd gegenwärtig ist (sonst wären unsere Nachbarn ja auch keine Flüchtlinge). Hier hat „Heimatverbundenheit“ wohl mehr mit „Gottvertrauen“ zu tun als sich manch einer eingestehen würde. Und die Erinnerung ist die Heimat, die wir niemals verlassen können.

Früher war eben doch alles besser. Und wird es immer bleiben.

 

Orlando – Was ist mit der Anteilnahme?

Ich hab ein wenig gewartet und habe über die „Ereignisse“, über das Morden in Orlando, nachgedacht. Es sollte bekannt sein dass dort ein fanatischer Mörder in einem Schwulenclub, dem „Pulse“, 50 Menschen erschoss und fast genauso viele verletzte.

Wie vor ein paar Monaten bei dem Konzert der „Eagles of death metal“ wurde hier konkret, sogar noch konkreter, meine Lebensart angegriffen, wobei das nichts mit meiner sexuellen Orientierung zu tun hat. Das Nachtleben war mein Leben und ist noch immer meine Lebenseinstellung und auch wenn ich in meinem Dasein nicht viel in Schwulenclubs unterwegs war tanzte ich fast zwei Jahrzehnte zu Musik, die nicht nur sehr tolerant jeder Art von Sexualität gegenüber war und ist, nein es geht noch weiter, denn House und Techno ist von den Schwulen groß gemacht worden. Meine Anteilnahme ist bei den Opfern. Wirklich.

 

In Folge des miesen und feigen Anschlags habe ich bei irgendeinem Online-Medium, verlinkt über Facebook, einen bewegenden Artikel gelesen, in denen der Autor, selbst homosexuell, darauf pocht, dass das kein Anschlag auf „unsere gemeinsame Lebensart“ war, sondern auf die der Homosexuellen. Die Begründung ist gut: Der schwulen Club ist der Ort, an dem homosexuelle Männer (oder auch lesbische Frauen) sich endlich frei fühlen können, ohne sich beobachtet und in eine Ecke gestellt fühlen zu müssen. Der Gay-Club als „sichere Zone“, in welcher man Vorurteilsfrei der sein kann, für den man vor der Tür verspottet oder wenigstens belächelt wird. Und mit dem Anschlag auf diese sichere Zone hat der Mörder versucht den Menschen  die letzte Sicherheit zu nehmen, an Orten, in denen sie sie selbst sein können.

Wie gesagt, eine gute Begründung.

 

Ich bemängele dennoch die Ausgrenzung der Anteilnehme, die einem normalen, mitfühlenden Hetero wie mir da entgegentritt. Natürlich hat der Autor Recht. Und er hat allen Grund um wütend zu sein und hier eine konkrete Linie zu ziehen: Überall ihr mit euren Vorurteilen und Klischees – hier wir. Das macht alles Sinn.

Anteilnahme sollte man dennoch nicht ablehnen.

 

Im Normal- und Glücksfall werde ich niemals spüren, wie es ist vergewaltigt zu werden, wie es ist in einem Krieg zu leben, wie es ist wenn Freunde und Familie einen gewaltsamen Tod sterben. Ich werde so Gott will niemals wirklich hungern müssen. Oder von Fremdenhass verfolgt werden. Ja ich weiß, ich, du, wir haben sehr privilegierte Leben. Auch wenn der eine oder andere zu einem besonderen Kreis zählt. Dem Kreis der Geschändeten. Dem Zirkel der Verachteten. Der Gruppe der Traumatisierten. Ich will das jetzt nicht auf „jeder hat seine Last zu tragen“ herunter brechen, ein wenig geht es dennoch darauf zu.

Das Problem an diesen Kategorisierungen ist nur, dass durch dieses Grüppchen-Denken andere ausgeschlossen werden. Wisst ihr, ich weiß nicht wie es ist ihr zu sein, wie könnte ich? Dabei weiß ich dennoch wie es ist, ein empathischer Mensch zu sein.

Schmerzen und Leid definieren dich. Sie stellen dich abseits und in diesem Abseits stehen noch andere Menschen und ja, mit ihnen kann man geschlossen gegen die Gesellschaftlichen Konventionen an leben, um das zu sein, was im Prinzip jeder von uns ist: Normal. Jeder auf seine Art. Das ist ja auch etwas Gutes. Die Gruppe gibt Zuspruch, Halt und du findest Gleichgesinnte. Man sollte sich nur nicht in seiner Gruppe abschotten und sich – auch wenn man es auf der einen Hand natürlich ist – für etwas Besonderes halten und dadurch wieder Leute ausschließen, denn das ist die Kehrseite der Medaille: Auf Ausgrenzung erfolgt in einer Minorität nur wieder Ausgrenzung der Majorität und so sollte es nicht sein. Wenn Menschen Anteilnahme, ehrliche Anteilnahme ablehnen, stoßen sie den Anteilnehmenden vor den Kopf: Und stoßen ihn in die falsche Richtung. Auf bedingungslose Akzeptanz und Anteilnahme sollte man eben genauso damit reagieren. Denn wenn wir die Schmerzen, das Leid und die Schmach nur für uns und unsere Gruppe postulieren, stoßen wir die anderen von uns fort, was einen Teufelskreislauf zur Folge hat.

 

Ja. Nein. Ich werde es zum Glück nie erleben meine Sexualität unterdrücken und verstecken zu müssen. Das macht mich zu einem glücklichen Menschen. Dafür bin ich dankbar. Und ich weiß dass es bei manchen von euch nicht so ist. Aber deswegen sollten wir uns dennoch gegenseitig erlauben, mitfühlend mit den anderen zu sein. Denn der Mangel an Mitgefühl für uns (auch für uns selbst) treibt uns nur weiter auseinander. So wie es jeden einsamen Versager, der später als Amokläufer endet, von uns weggetrieben hat.

Die neuesten Attentate auf die Freiheit

Ich glaube nicht dass ich etwas unglaublich Wichtiges oder gar Neues zu den Geschehnissen gestern in Paris beitragen kann. Und dennoch ist es wichtig in diesen Zeiten seine Meinung zu sagen, auch wenn man nicht derjenige ist, der die Debatte auf ein neues Level heben kann.

Das Spiel habe ich gestern live im Fernsehen mit verfolgt, sowie die betroffene Berichterstattung zu den Anschlägen von dem ziemlich hilflosen Sportreporter Matthias Opdenhövel und einem am Boden zerstörten Mehmet Scholl. Heute habe ich viel auf Facebook zu dem Thema gelesen, Phoenix gesehen und nach all dem ist mir klar, dass ich nichts mehr sagen kann, was nicht schon ein anderer vor mir gesagt hat – und ich finde gerade das bemerkenswert, dass die meisten von uns ziemlich gleich ticken, wir solche Taten (egal wo auf der Welt) verurteilen und echte Pazifisten sind, was bedeutet dass wir nie eine Waffe in die Hand nehmen würden um unsere Ansichten durchzusetzen, wobei wir sicherlich auch in der komfortablen Lage sind, dies nicht tun zu müssen. Dennoch: Fast jeder in unserer Gesellschaft lehnt die Gewalt ab und ich finde, dass das ein gutes Zeichen von uns ist, ganz egal wie das von Außen auch wahrgenommen wird.

„Die großen Terroranschläge“ und Katastrophen seit dem 11.09.2001 nehme ich wie die meisten Leute immer auf dieselbe Art und Weise wahr, nämlich vor dem Fernseher oder dem PC (egal in welchen Ausführungen, Hosentaschenpassend oder nicht), gebannt, scrollend und zappend. Leider ist da auch schon eine gewisse Abstumpfung und Gewohnheit mit dazugekommen. Denn es handeln sich im Prinzip immer um die gleichen, überflüssigen Bilder von grundlos traumatisierten Menschen und Politiker mit ernstem Blick; grundlos deswegen, weil diese Anschläge den Attentätern nichts gebracht haben, außer dass die Gesellschaft immer mehr zusammensteht, wie es bisher der Fall war.

Auf der anderen Seite habe ich mehr Sorge vor dem was jetzt kommen wird, als dass ich über diese Mordtat betroffen wäre, vor allem ob nun wieder die „Sicherheitsvorkehrungen verstärkt werden“ und  wie wird die Gesellschaft reagieren, gerade in diesen Zeiten in denen wir viele Flüchtlinge aufnehmen? Denn. Ich kann sehr gut verstehen wer jetzt Angst davor hat sich den Terror ins eigene Haus zu holen. Dazu habe ich diesen Banner auf Facebook gesehen, der das Dilemma gut zusammenfasst:

(Die Rechte für das Bild liegen nicht bei mir. Sie sind aber auf ihm abgedruckt)

Die Vernunft wird in dieser Debatte nicht immer die Oberhand behalten und es liegt an uns die Debatte richtig zu führen (und ja, ich bin mir der Ironie bewusst, dass ich hier „gegenvernunft“ heiße, das bedeutet jedoch nicht unvernünftig oder dumm zu handeln/zudenken, nein, es bedeutet gegen die Vernunft, die man nicht mehr hinterfragt und der man blind folgt).

Die größte Anzahl von Todesopfern sind in der Nacht bei dem Konzert der amerikanischen Band „Eagles of death metal“ zu beklagen, die meiner Einschätzung nach einfach als Symbol für Amerika (da es sich um eine amerikanische Rockband handelt) und deren Lebensstil herhalten mussten; sollte es dabei tiefere Zusammenhänge geben, bin ich gespannt.

Es ist sicherlich nicht das erste Mal das ein Rockkonzert in einer Halle oder ein DJ-Gig in einem Club von fanatischen Mordkommandos angegriffen wurden, und viele Todesopfer und Schwerstverwundete zu beklagen sind, wenn auch ansonsten nicht direkt im Herzen Europas.

Die Band selbst kannte ich gestern noch gar nicht, obwohl sie schon auf mindestens einem Festival spielten, dass ich besucht habe (das war damals das Southside im Jahre 2012). Im Zuge der Vorgänge habe ich heute einmal dort hinein gehört und fand die Band gar nicht mal so übel, was somit folgerichtig für mich und mein Umfeld bedeutet würde, das ich/wir dort auch einmal hingehen könnten oder würden. Nicht gleich nach Paris. Aber wenn sie einmal in München oder in Bochum/Köln gespielt hätten, wäre ein Besuch im Bereich des Möglichen gewesen. Die Band an sich wird jetzt nichts für die Tat können, ich will nur darauf hinaus, dass diese Ereignisse ein direkter Anschlag auf meinen Lebensstil sind. Es ist nicht einfach nur ein willkürliches Attentat auf einen Zug oder einen Bus in dem die Mörder möglichst viele Todesopfer erreichen wollten: In diesem Fall geht es eindeutig um unseren westlichen, freiheitlichen Lebensstil.

Ich kann mich noch gut an die Stimmung nach dem 11.September erinnern  und wie wir das Wochenende danach trotzdem zu Sven Väth ins Heizkraftwerk gefahren sind und eine wirklich krasse und unvergessliche Party abfeierten. Und auch wenn ich jetzt nicht mehr 21 bin, so würde ich ein solches Party-Trotzverhalten als die richtige Reaktion auf das Massaker in Paris ansehen.

Man darf jetzt keine Angst bekommen und sich nicht dieses Weltbild der Unterdrückung und Angst aufdrängen lassen. Natürlich sind Konzerte und Partys oberflächliche Welt- und Kulturbilder, ebenso wie Mode, Musik und die Kunst an sich; nichts davon braucht man für das nackte Überleben. Aber es geht darum was wir mit diesen Begriffen verbinden, unseren freiheitlichen und vor allem toleranten Lebensstil, miteinander zu feiern, zu tanzen und zu lachen, auch wenn das nicht immer als Speerspitze des intelligenten Verhaltens herhalten kann und darf. Ich bin sicherlich der Letzte der den Hedonismus der Nacht unreflektiert über alles andere stellt, bin keiner der jeglichen Anstand und Würde an der Garderobe abgibt. Nichtsdestotrotz bleibt die Möglichkeit es zu tun, eine Basis unserer Gesellschaft. Das ist die Freiheit des Individuums sich ausleben zu können. Das ist die Freiheit der Kunst. Nicht zu vergessen die Gleichstellung der Frau und sexuell Andersorientierter.

Ich hoffe nicht dass diese verklemmten Mörder uns soweit bringen, dass wir Angst haben müssen auf Großveranstaltungen zu gehen, die dafür gedacht sind, uns Freude zu bereiten; ja, ich hoffe sie können uns nicht unsere Freude selbst nehmen. Leider leben wir in einer Welt, in der unsere Werte immer wieder auf die Probe gestellt werden und jetzt heißt es, solche Situationen auszuhalten. Und daran zu wachsen.

Von solchen Durchhalteparolen kann man heute bestimmt so einige im Netz finden, sei es darum. Wir sind keine Schweigende Masse. Und was ist richtiger, als wenn viele das Gleiche sagen?

Beißende Hunde beißen

Sowohl meine Freundin als auch ich wurden diesen Sommer von Hunden gebissen. Von verschiedenen Hunden, an verschiedenen Tagen. Wir waren spazieren, hatten sie nicht provoziert, nein, wir hatten sie ignoriert was für so ein Aufmerksamkeitsgeiles Viech heute voll Provokation genug ist.

Die Bisswunden waren weder groß noch schlimm, der Schmerz dennoch unreal real und stetig. Es fühlt sich so an, würde dich eine große Wäscheklammer packen. Die Verwunderung darüber einfach so gebissen werden zu können, ist schlimmer. Noch schlimmer. Aber. Ist der Umgang der Hundehalter mit der Situation.

Ich fordere. Dass jeder Hund. Der einen Menschen beißt. Sofort vom Halter, der sich so gerne „Herr“ nennen lässt, geschlagen, getreten oder in einer sonstigen Form gemaßregelt wird. Kommt er dieser brutalen Gewalt gegen den Hund nicht nach. Tritt Anhang B in Kraft und das Tier muss bei der dafür zuständigen Behörde abgegeben und unter Qualen und Schmerzen vergast werden.

Dabei spielt es keine Rolle, wie und ob der Hund es schon VORHER einmal getan hat. Und es ist auch egal, wie sehr ihr diesen Hund liebt und was er euch bedeutet; eure Liebe interessiert mich nicht. Denn sie ist kein Maß und Ersatz für den Schmerz, den der Gebissene wiederfährt. Für die Unsicherheit, wenn das nächste Mal ein Hund auf dich zu rennt.

Ein Hund ist ein Tier. Das ist mir vollkommen klar. Und Tiere sind keine Menschen. Sie funktionieren nicht nach unserer Vernunft, sie haben ihre eigene. Und ich weiß man könnte das jetzt mit der großen oder kleinen Hundepsychologie kommen und erklären, WESHALB der bissige Hund bissig war, ja, ich weiß auch, dass das Vieh im Prinzip nichts für seine mangelhafte oder schlechte Erziehung kann, dennoch ist es mir vollkommen egal wer die Schuld trägt: Entweder wird das Viech sofort bestraft oder anschließend getötet, wie es sich gehört.

Hättet ihr das Tier geliebt wie ihr immer behauptet – Mehr als einen Menschen! Mein bester Freund! – hättet ihr es auch erziehen müssen. Die Strafe bekommt das Vieh, die Schuld ist für euch.

Auch wenn die Tollwut bei uns als ausgestorben gilt, kann ein Hundebiss tödlich sein. Stichwort: Tetanus.

Auge um Auge. Zahn um Zahn.

Jeder Angriff muss zu Ende gedacht werden.

Die Halter waren beide Male „total verwundert“ und konnten es gar nicht fassen, „das hat er noch NIE gemacht!“ Unternahmen aber: Gar nichts.

Der Eine bei mir nahm nach der Biss-Attacke nicht einmal seinen Köter an die Leine, obwohl ich das von ihm verlangte.

Und wir wissen ja auch, wie die Geschichte ZUHAUSE für die „Herren“ endet. Da muss man gar nicht dabei sein:

Man erzählt dem Lebenspartner das der Hund mit dem ach so schnuckeligen Namen jemanden gebissen hat, worauf die Verwunderung noch einmal kurz multipliziert wird. Dann wird der Vorfall vergessen. Der Hund bekommt sein Fressen. Und man tut so als wäre nie etwas geschehen.

Der Mensch ist ein Ignorant und der Hund sein ausführendes Organ.

Nachtrag:

Ich habe gestern auch den halben Abend mit nem Hund gespielt, so ist es nicht. Bin kein kategorischer Hundehasser 😉

Man kann wohl sagen ich bin so gut wie nichts kategorisch

Vom Hallenbad in der Kleinstadt

Nach meinem vierten von insgesamt 4 Migräne-Anfällen an diesem Wochenende, gingen wir in das örtliche Freibad. Fähig dazu war ich nur, da mir meine Freundin noch eine dieser Ukrainischen Verbesserungs/Schmerztabletten gab, die hierzulande nicht nur indiziert, sondern wirklich VERBOTEN sind. Damit sollte ich das Geschrei der Kinder ertragen können, die fröhlich wie Babys mit den Armen rudern oder plump wie Pinguine vom Beckenrand springen würden. Meine Wahrnehmung wurde ein wenig – anders. Gegenständlicher. Die Winkel schienen gerader zu werden. Überflüssig zu erwähnen: Meine Freundin lenkte den PKW zum Bad.

Dort angekommen stand da erst einmal einer der Russen der mich vor Jahren verprügelt hatte, mit seinem dicken Porsche, der sehr passend ist zu seinem FETTEN Körper; es war einer dieser Porsche-Geländewagen, wo man als Normalverbraucher nur den Kopf schütteln kann: Was will man mit einem Porsche Geländewagen? Das klingt so als würde man sagen, „Ja, ich bin fett, und ich weiß es“. Das ist wohl Wahrhaftigkeit, aber eben genau das Gegenteil davon, wofür ein Porsche steht.

Im Hallenbad-Gebäude bei der vier-fach Turnhalle, war ich seit meiner Kindheit nicht gewesen. Man hatte wohl renoviert über die Jahre. Die Brille legte ich ab und folgte dem Körper meiner Freundin ins Wasser. Das Schwimmbecken ist sehr klein und (fast) in der Mitte abtrennt. In Schwimmerbereich und Nicht-Schwimmer. Wir Schwimmer: Schwammen ein paar Bahnen. Die Tabletten schützten mich vom Schall aus den Kehlen, aus den Mündern der Glückskinder, die schrien und krakelten, als ob es keinen Morgen gäbe, wobei, die jeden Tag bei Gelegenheit so schreien; wie ist das eigentlich? Machte eine glückliche Kindheit ein glückliches Erwachsenenleben unmöglich? Oder umgekehrt?

Wir lehnten unsere Körper mit roten Gesichtern an die unter Chlor-Wasser stehenden Fliesen im Nicht-Schwimmer-Bereich. Holten Luft. Der Schmerz klopfte ein wenig an meinem Kopf. Noch waren. Keine Lichtblitze zu sehen. Obwohl eine Frau neben uns mit ihrem kleinen Sohn vor sich (mit Taucherbrille) zu schreien begann, zu dem Mann, der neben dem Becken, an der Wandhohen Glasfassade saß: „Sie Perversling! Sie habe ich doch neulich erst am Spielplatz gesehen! Sie Pädophiler! Was starren Sie unsere Kinder so an?“ Und ich dachte mir, mhm, das SIE zeigt an, dass man trotz aller Entrüstung noch in Bayern ist.
Wir reckten unsere Köpfe zu dem Mann, der peinlich berührt und mit rotem Kopf dort auf der Bank der Gemeinde saß. Fast ganz nackt. In seiner Boxer-Short. Der wie ein Boxer von Worten immer mehr zusammengeknüllt und in die Kunststoffbank geschoben zu werden schien, so sehr schlugen die Worte auf ihn ein, denn nicht nur Frau A. sondern auch Frau B. bellte plötzlich los, auf diesem Mann mit Halbglatze und Bauch, ein untersetzter Perversling, wie man sich hier nicht nur erzählte, sondern skandierte. Die Frauen und Männer im gesamten Hallenbad in der Kleinstadt meines Ortes schrien ihn an, drohten ihm, schüttelten Fäuste wie Fernseh-Film-Statisten, bevor der Hauptdarsteller auftritt und die Sache übernimmt. Nur waren hier alle Hauptdarsteller. Besonders der so genannte Perversling. Und deswegen kaum auch niemand um die Sache zu klären.

Der stand auf. Hob, fast schon messianisch, die Arme und wollte dem Mob im Wasser Einhalt gebieten, dieser Hai-Brigade, die vor lauter Wut und dem Schütteln von Körpern und Fäusten – auch die Kinder waren dabei – das Wasser zum Tosen und Aufschäumen brachten, und brüllte seinerseits über die hallenden Eskapaden, dem Getöse der stehenden Fluten hinweg: „Aber! Aber! Aber!“ Er wollte widersprechen, das war sicher. „Aber! Aber! Aber!“ Die Arme sanken ein wenig. „Mein Sohn ist doch vor 2 Monaten gestorben! Ich vermisse ihn so sehr!“ Doch diese Wahrheit brachte das Fass der Wut zum Überlaufen, die Hai-Brigade schnappte sich den armen Mann, der auf weiß Gott welchen Art sein Kind verloren hatte, an den Beinen, so dass er mit dem Kopf auf die glitschigen Außenfließen schlug und aufbrach wie eine reife Melone – Ruck! Zuck! Zogen die Menschenfresser und -Verurteiler in einem Rutsch den zuckenden Leib ihres Opfers ins Wasser und zerrissen ihn, bis überall im Badewasser nur noch Blut zu sehr war.

Ich. Wollte noch bevor die Menge sich auf ihn stürzte verteidigend zu seiner Hilfe eilen, das Wort „Solidarität“ lag selten klar und wahr auf meiner Lippen, da sprang das Kind von Frau A. von hinten auf meinem Kopf und tauchte mich lachend unter – danach konnte ich ihm nicht mehr helfen. Zu viel Blut war schon verloren worden. Und wir standen darin. Wie in einer menschlichen Lache aus Wein.
Und die einzige Reaktion des Bademeisters war, eine Prise Chlor ins Wasser zu geben, um es zu reinigen.

Die Hochzeit meines Vaters

Eines Tages kann man sich gar keine Nachrichten mehr im Fernsehen ansehen. Die Welt scheint immer schlechter zu werden. Krieg gab es zwar schon immer und ich glaube nicht dass es nach Mao, Hitler und Stalin noch eine Möglichkeit gibt den Härtegrad der Verbrechen gegen die Menschlichkeit noch zu erhöhen. In unserer Gegenwart jedoch, in unserer Zukunft sowieso, gibt und wird es scheinbar immer mehr Menschen geben, die sich gegenseitig Gewalt antun können und dies auch machen werden. Das ist eine ganz einfache Rechnung: Umso mehr Menschen, desto mehr Grüppchenbildungen und Individualisierung des Denkens wird es geben, so dass es für Gruppen und Einzelne immer mehr „Andere“ geben wird, die man als Feinde ansehen, hassen, verdammen, verletzten und am Ende töten kann, wirklich KANN, nicht könnte. Das viel zu viel an Menschen sorgt für noch mehr Tod und Hass…. Heute in Damaskus, im Jemen, übermorgen woanders und überall. Und wir sind unfähig dafür Lösungen zu finden, nicht nur weil es uns zu gut geht (was dennoch stimmt), sondern auch weil die Menschheit die Globalisierung noch nie unter Kontrolle hatte und deswegen nicht schnell genug auf die Probleme reagieren kann die sich daraus ergeben, und wenn sie es versucht nur alte Lösungen auffährt ohne zu begreifen, dass eine sich ständig ändernde Welt andere Lösungen braucht, als eine Welt im Stillstand, mit den immer gleichen regionalen Problemen…

Ich wolle nur noch schnell die „Tagesschau“ sehen und dann im heißen Badewannenwasser „Mehr als laut – DJs erzählen“ von Jürgen Teipel lesen, dazu analog das Buch „Analog“ (ich weiß ich bin sehr witzig) von Thomas Meineke, nur wenn man gerade im Fernsehen das blanke Elend der Menschheit gesehen hat, das Flüchtlingslager in Jarkmuk, welches UN-Generalsekretär Ban wörtlich als „innersten Kreis der Hölle“ bezeichnet hat, fühlt sich die Lektüre von DJ-Erzählungen schon im Vorfeld absolut banal an. Auch wenn ich weiß, dass das einfach nur eine gewisse Art von Leben ist, um die es dort geht, DJ-Leben halt, Wohlstandsleben, ähnlich wie meines und ganz gleich wie sehr die erzählenden DJs ist diesem Spoken-Words-Büchlein um die Welt jetten und überall Freude und Party verbreiten, während sie die tollsten Orte und Menschen kennen lernen, so ist ihr Leben im Flieger und im Club vielleicht sogar noch banaler als mein eigenes, denn es ist ein Missverständnis wenn man annimmt, dass ein Leben dadurch weniger banal ist, nur weil man durch die Welt fliegt…

Heute war die Hochzeit meines Vaters, so heißt ja auch der Eintrag. Es war ein schöner Tag und wir hatten ein nettes, friedliches Familienfest, bei dem wie immer die Kinder die Stimmung gemacht haben – vlt doch lieber die Kinder, als nur der Alkohol. Auch das kommt mir jetzt banal vor. Hochzeiten sind banal, Familien, Wünsche… Alles ist banal, selbst unsere Träume, unser Lachen, unser Glück – und doch ist es so viel wert und kostbar, wenn man es mit dem Leben derer vergleicht, die weniger bis nichts haben, die gerade verhungern, verdursten, verbluten… Verrecken… Das Glück ist banal… Ebenso wie der Tod… Ich weiß nicht… Wenn man abgestumpft genug ist, dann vermutlich auch der Tod…

Wir entscheiden selbst was uns wichtig ist, das ist ein Zeichen unserer Freiheit, das Komische ist nur, dass wir uns für so merkwürdige Dinge entscheiden, offensichtliche Banalität wie das neueste Smartphone, oder andere banale Sachen, wie an einen Gott zu glauben und deswegen damit zu beginnen den zu hassen und zu erniedrigen, der vor dir steht, den man nicht wegdiskutieren kann, den man sogar anfassen könnte, und den man am Ende vlt totschlägt, weil man eine andere Vorstellung von einem „richtigen“ Leben im Kopf hat, als der arme Hund vor dir, der an etwas anderes GLAUBT und ebenso wenig weiß wie du. Dabei: Wer nicht mehr über „richtig“ oder „falsch“ diskutieren kann, wird immer zum Täter; ja, es ist wirklich banal wegen seinen Überzeugungen – die man meistens auch nur von anderen hat – zu töten. Das ist so alt wie die Menschheit selbst. Wir sind Hinterwäldler mit weiterentwickelten Steinschleudern und WLAN…

Wir waren heute zwei Familien bestehende aus banalen Menschen, die sich banale Dinge sagten, über banale Witze lachten und banale Essen aßen. Unser Trink- und Rauchverhalten war banal. Auch unsere Beziehungen, unsere offen ausgetragene Liebe zueinander. Das ist nichts Besonderes. Auch wenn jeder von ihnen auf eine gewisse Weise ein Teil von mir ist. Und wir Alle – jeder einzelne Mensch auf dem Erdball – in Wahrheit ein verficktes Unikat. Sogar unsere hochgeschätzte Subjektivität ist eine Banalität, da jeder Mensch einzigartig ist… Es hängt damit zusammen, wer wir sind und was wir sein wollen… Es geht wie so oft um „Respekt“, denn Respekt macht aus uns mehr als nur irgendwelche austauschbare Leute, sondern echte Menschen…
Und ich respektiere die Entscheidung meines Vaters, mit 67, nach einem Jahr der Trauer, seine Langjährige Lebenspartnerin zu ehelichen. Ich finde, dass das Wichtig ist. Ihre Entscheidung. Sowie die meine.
Und nein: Heute kein Happy End.