„Insekten auf Leichen“ Dr. Mark Benecke in der Stadthalle Gersthofen

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Weder von Deichkind, AnnenMayKantereit oder Thomas Meinecke bin ich ein großer Fan. Ebenso wenig von Mark Benecke. Eine gewisse Grundsympathie ist für alle Gruppen/Künstler vorhanden (die tatsächlich aus purem Zufalle alle DEUTSCH!!! sind). Eine „Muss-Veranstaltung“ war jedoch keine der vier Abende in diesen vergangenen zwei Wochen. Jetzt also noch Doktor Mark Benecke in der Stadthalle Gersthofen.

Der Anfang seines Vortrags war richtig Ramones mäßig: Bereits letztes Jahr ist der Point-of-No-Return überschritten worden, die Menschheit so wie wir sie kennen zu retten. Benecke sei nun immerhin seit 30 Jahren Biologe und in dieser Zeit seien dreiviertel (ich glaube es waren dreiviertel) aller Insekten-Arten ausgestorben. Davon würde sich das Bio-System des Planeten nicht mehr erholen. Hätte die Menschheit im letzten Jahr (2019) damit aufgehört zu Fliegen, mit dem Auto zu fahren und hätte dabei gänzlich auf tierische Produkte verzichtet, hätte die Menschheit so wie wir sie kennen noch eine Chance gehabt. Diese Frist sei nun abgelaufen. Inzwischen ging es nur noch darum, die Folgen für die Menschheit auf diesem Planeten durch den durch die Menschheit selbst ausgelösten Treibhaus-Effekt, zu minimieren. Blöd nur das niemand sein Verhalten ändert. Rums! Das ging ja schon einmal gut los. Er schob noch nach, dass es sich dabei um keine Vermutung oder Meinung handle, sondern um wissenschaftliche Daten. Und die Daten würden nicht lügen. Da kann Greta noch so sehr brüllen und die VW-Manager in der Bild-Zeitung noch so Lachen: Es ist rum. Wie und wann konnte Benecke als seriöser Wissenschaftler (und gleichzeitig – Ironie –  Vorsitzender der Partei „Die Partei“ in NRW) natürlich nicht sagen. Bei dieser Feststellung ging es ja nur um Tatsachen, die bereits geschehen seien. Die kann man zählen, messen und bewerten. Alles darüber hinaus sind Schätzungen.

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Das war schon einmal schön zu wissen, auch wenn wir deswegen gar nicht hergekommen waren. Der Gersthofer Stadtsaal war brechend gefüllt. Man saß gefühlt Haut an Haut mit seinem Platznachbarn und bei dem Altersschnitt in Gersthofen wäre es nicht gut für die meisten Besucher ausgegangen, würde hier Corona umgehen. Neben den älteren Besuchern gab es eine deutliche Hand an Leuten, die im Benecke-Stil herumliefen: Tätowiert. Gepierct. Und ordentlich getunnelt wie ein Torhüter beim Herauslaufen aus seinem Tor. Wie und wo da jetzt der Zusammenhang zum Benecke-Kult ist, warum man da tätowiert und bunte Haare plus Kutten-Pullover haben muss, um Benecke-Fan zu sein, kann ich nicht beantworten. So tief bin ich nicht drin im Benecke Universum.

Für mich ist Benecke eher so bekannt aus der Richtung „Roche und Böhmermann“ (oder war es „Schulz und Böhmermann“?) wo der Herr Doktor der Biologie recht schelmisch von seiner Arbeit erzählte. Kurz zusammengefasst lautete auch der Titel der Veranstaltung: „Insekten auf Leichen.“ So „Schweigen der Lämmer“ mäßig. Dh. Der Benecke ist für die Polizei tätig und ist darin geschult zu wissen und zu untersuchen, wie lange (aha) diese oder jene Made, Milbe, was weiß ich, in der Leiche lebt um weiterhin festzustellen, wann die arme Frau oder Mann denn genau verstorben ist. Das ist ein interessantes Thema. Jedoch. Glaube ich auch. Dass viele Leute auch einfach wegen dem Benecke-Kult die Veranstaltung besuchten. Ehrlich gesagt kann ich verstehen, warum dieser Mann beim Volk beliebt ist. Er hat das Auftreten eines positiv Verrückten und macht einen interessanten Job, den nun wirklich nicht jeder machen kann. Ich hatte mir ein wenig Infotainment erwartet. Ging dann trotzdem nicht ganz befriedigt aus der Vorstellung heraus. Meine Frau, die ebenfalls Doktor ist, war auch nicht ganz überzeugt. Nicht über den Inhalt des Vortrages. Sondern über die Form. Der Vortrag war ehrlich gesagt nicht besonders gut. Sorry Benecke. Es war alles ziemlich konfus und ohne Rhythmus aufgebaut. Mal sprang er hier hin bei einem Thema. Mal dorthin. Manche Zuschauer hatten ein Problem mit dem ungeheuren Tempo, mit dem Benecke sprach, welches er auch nicht minder konnte (Aufregung?) oder wollte (ich mag es ja wenn die Leute schnell sprechen. Ich kann auch schnell zuhören). Zudem wunderte es mich, dass am Anfang keine Warnung ausgesprochen wurde, wie krass die Bilder auf einige Leute wirken können. Klar. Der Vortrag war ab 16 Jahren freigegeben und da musste man sich von vorneherein bewusst sein, dass man da die eine oder andere Leiche sehen würde. Trotzdem. Wenn man was für die breite Masse macht, kann man doch sagen: „Okay, wenn es euch zu krass ist, dann geht einfach raus. Ist ja nicht jeder Tatortspezialist.“ Stattdessen reagierte Benecke geradezu überreizt auf jede Regung aus dem Publikum.

Durch das Medium „Film“ hat man (wenn man denn will) sicherlich schon die wüstesten Phantasien gesehen, die Menschen über den Tod in den Sinn kommen. Doch. Und da habe ich was gelernt. Sieht man im Kino immer eine cleane Version des Todes. Da sind selten zigtausend Maden auf einer Leiche. Das hat mich dann doch überrascht, wie madig so Leichen seien können. Ich war jetzt nicht wegen einem Voyeuristischen Trieb da. Nicht einmal aus einem Wissenschaftlichen. Der Benecke war angesagt und wir gingen einfach hin. Doch als wir dann schon wieder im Auto zurücksaßen, mussten meine Frau und ich uns schon wundern, wie schlecht und wirr der Vortrag vorbereitet war. Und schließlich kostete ein Ticket 33 Euro. Da kann man doch wenigsten mal ne vernünftige Power-Point-Präsentation erwarten, ohne läppischen Bildschirmschoner. Gerade meine Frau, die wie gesagt im wissenschaftlichen Bereich tätig ist, war von der Form enttäuscht. Der Vortrag war weder locker, noch gut strukturiert.

Gut. Das kling jetzt nach einem ziemlichen Verriss. Stimmt so auch nicht. Es war sehr interessant und über so ein Thema hört man jetzt nun wirklich nicht alle Tage etwas. Die Form und die Umsetzung waren nur ziemlich schwach (dennoch würde ich noch einmal zu einem seiner Vorträge gehen). Den Benecke-Fans wird das nicht aufgefallen seien. Denn. Und da machten die 33 Ocken wieder Sinn. Mark Benecke nahm sich sehr viel Zeit für seine Fans und machte ordentlich grinsend mit jedem von ihnen ihr Foto (zu bestaunen auf Instagram). Kleine Geschenke wie die oben eingefügte Karte inklusive. Gefühlt (nicht gemessen und gezählt) hätte der Herr Doktor einiges an seinem Vortrag optimieren können. Klar. So fühlte es sich sehr familiär und einzigartig an. Aber… Ne…

Fotos durften bei dem Vortrag keine gemacht werden, was absolut nachvollziehbar war. Schließlich wurden echte Fälle gezeigt. Ich weiß auch gar nicht, wer solche Bilder mit gutem Gewissen verbreiten will. Trotzdem war es strange wie der lächelnde Benecke dem Publikum drohte, sie im Fall der Fälle zu verklagen. Ja natürlich. Entschuldigung. RECHT hat er wenn er so etwas sagt und er MUSS es selbstverständlich auch. Wenn da nur leider nicht dieser komische Tonfall gewesen wäre. Ein guter und charismatischer Typ mag er sein. Vielleicht halt nicht vor 2000 Leuten.

Hm. Jetzt habe ich anderthalb Seiten ganz schon gelästert. Obwohl ich es insgesamt gut und lehrreich fand. Auch meine Frau Doktor. Es hätte halt nur auch so viel besser sein können. Gelernt habe ich doch so einiges. Besonders diese Point-Of-No-Return-Geschichte gibt zu denken und wird hängen bleiben. Und noch mal: Ja. Ich würde noch einmal hingehen und es auch anderen Leuten raten. Nur für die Kulisse und das Geld was da investiert wurde, kann man mehr Kundenservice, das heißt eine bessere Erzählung erwarten. Und nein. Das hat nichts mit Neid zu tun. Von mir aus hätte der nette Herr Doktor doppelt so viel Geld an diesem Abend verdienen können. Ich gönne dem Mann wie jeder anderen Person alles.

Helmut Schmidt, der Passivmörder

(Das Plakat habe ich vor drei Jahren in Köln fotografiert)

In der Arbeit höre ich oft diesen Satz: „Helmut Schmidt hat auch geraucht wie ein Loch und wurde 96 Jahre alt.“ Für das Rauchen war der Mann bekannter als für seine Politik. Er rauchte immer so, als wäre es das Schönste und Geilste im Leben. Wo er wollte. Genüsslich. Von niemanden ergriffen, außer von sich selbst. Wobei sich mir immer die Frage aufdrängte, ob der Herr Ex-Kanzler Schmidt mit seinem demonstrativen Rauchen durch seine Schlechte-Vorbild-Funktion mehr Leute getötet hat, als er bei der Erstürmung der „Landshut“ retten ließ? Denn auch wenn der Schmidt mit seiner Raucherei fast 100 Jahre alt wurde. Sind möglicherweise (wer weiß es?) 1000de Leute durch seine Raucherei zum Weiterrauchen animiert worden. Klar. Am Ende entscheidet jeder selbst ob er raucht oder nicht (ich habe dieses Jahr noch keine einzige Zigarette geraucht). Dennoch. Kann man durch eine falsche Vorbildfunktion mehr Schaden anrichten, als dass man es im Leben wieder gut machen kann. Oder nehmen wir Stallone in Rambo. Stallone hat (soweit wir wissen) nie einen Menschen abseits der Leinwand getötet. Aber wie viele Soldaten haben ihren Helden Rambo nachgespielt und Leute niedergeschossen und sich wie er gefühlt?

Das könnt ihr jetzt lächerlich finden. Jedoch. Wenn auch nur ein Soldat wegen Rambo getötet hat. Und wenn nur ein Mensch sich wegen Schmidt zu Tode geraucht hat. Was sagt das dann über unsere Helden aus?

Die Betäubungsmittel-Revolution

Ich bin nicht dafür und werde es niemals sein, dass Drogen jeglicher Art so legalisiert werden wie die Volksdroge Alkohol, die ich selbst viel zu oft und aus Gewohnheit in mich hinein schütte. Irgendwann einmal im „Text zur Nacht“ habe ich mal geschrieben, dass jedes Ereignis im Leben besser ist, wenn man ein Bier in der Hand hat; und dieser Irrglaube ist für mich eine Tatsache.

 

Niemals werde ich dafür sein, dass die Leute Cannabis so kaufen können wir Alkohol, z.B. Päckchenweise beim Rewe. Ein Verkauf sollte, selbst wenn er legal ist, reguliert ablaufen: Auch bei Alkohol. Ich werde es nie für gut heißen wenn ein 13, 14 oder 17 Jähriger irgendwo legal kiffen kann, selbst wenn es in der Gegenwart viele Bereiche in Deutschland gibt, wo das Gang und Gäbe ist. Auch Erwachsene sollten nicht überall Drogen konsumieren, jedoch mitführen dürfen. Kriminalisierung hat uns weder gerettet noch weiter gebracht.

Für mich persönlich  ist es ein großer Schritt zu sagen, dass man im Prinzip alle Drogen legalisieren sollte, denn dagegen war ich immer. Das hat auch viel damit zu tun, dass irgendwelche Vollidioten, die gerne kiffen, sagen, wie geil das doch ist und jeder Mensch dadurch besser wäre und die Gesellschaft supertippitopi würde, wäre Kiffen legal. Nein. Deswegen bin ich nicht dafür. Ich bin dafür, da der Krieg gegen die Drogen so nicht funktioniert.

 

Als langjähriger Drogensüchtiger bin ich für sauberen Stoff und dagegen, dass Leute wegen Eigenkonsum-Mengen eingesperrt werden. Von den zigtausenden die in Lateinamerika wegen des Drogenhandels und denjenigen, ganz egal wo auf dem Planeten, die ob des Konsums leiden oder gar daran zugrunde gehen ganz zu schweigen.

Die oben erwähnte Argumentation der Cannabis-Legalisierer hat ein Problem: Man nimmt Drogen nur bis zu einem gewissen Punkt freiwillig und zum Spaß. Irgendwann kommt meistens der Punkt wo die Sucht den Lebensrhythmus vorgibt, was von den Legalisierungsbefürwortern gerne übersehen wird: Ja, es gibt auch die Drogensucht. Man kann die Menschen leider nicht nur der Selbstverantwortung überlassen, denn aus persönlichen Erfahrungen weiß ich, dass die Sache irgendwann und dafür sehr schnell ins Rutschen kommen kann. Wie kann man also überhaupt für eine Legalisierung eintreten, wenn das Beispiel Alkohol zeigt, wie schlimm die Geschichte werden kann, mit Tausenden von Toten  jedes Jahr auf der Seite der Konsumenten? (oder Tausende Hirntote-Kiffer? Oder Blödgefeierten – Unwort – Ravern?)

 

Alkohol ist ein gutes Beispiel, da es ein schlechtes Beispiel ist. Hier hat sich gezeigt, wie eine Legalisierung nicht funktioniert. Aber. Aus diesem Beispiel kann man lernen. Ich finde, wenn man Substanzen erlaubt, muss das nicht heißen, dass man sie auf einen Standard erlaubt, wie Alkohol. Ganz im Gegenteil. Man muss bei einer XTC- oder Cannabis-Legalisierung den Alkoholkonsum, also den Verkauf eindämmen. Jeder bekommt von mir aus einen bestimmten Monatsbedarf zugesprochen, den er über die Krankenkasse abrechnen kann, Schimpfwörter wie RFID-Chips könnten  da weiterhelfen. Lacht nicht. Was fürs Kiffen ein Modell ist, muss Zwangsläufig auch ein Modell für Alkohol werden. Kontrollierte Abgabe, anders geht es nicht.  Natürlich lässt sich auch so ein System umgehen (Kumpel kauf mir mal was auf deinen Vorrat), das wird aber immer so sein.

 

Der Weltstaat müsste keinen Krieg gegen die Drogen inszenieren, der ohnehin mehr Leben kostet als rettet. Millionen, ach was Milliardengeldsummen könnten gespart werden und ich würde sie in Prävention und Aufklärung stecken. Während ich hier sitze wird in meiner Landeshauptstadt das Oktoberfest abgehalten, und warum nicht dort große Kampagnen gegen den Alkoholkonsum starten? Bringt nichts? Stimmt nicht. Mit dem Rauchen ist es doch genauso. Vor 50 Jahren hätte man mich auch ausgelacht wenn ich Raucher vor die Tür geschickt hätte: Heute ist es Normalität. Der stete Tropfen… Ihr wisst schon. Und die Quote derer die zu Rauchen anfangen sinkt auch immer weiter, Anti-Drogen-Kampangen funktionieren also, wenn man sie zielgerichtet und auf hohem Niveau führt.

 

Ich gönne jedem seinen Drogenrausch, solange es ein RAUSCH ist und keine Gewohnheit, wenn es also schon gar nicht mehr kickt und man es trotzdem macht. Deswegen soll jeder das Recht haben einmal oder zwei Mal im Monat sich mit LSD oder was weiß ich abzuschießen. Doch nicht im Verborgenen, nein, an Orten wo er auch Hilfe bekommt, wenn es mal nicht so gut läuft mit dem Draufsein. Das Stigma des Drogenkonsums muss weg und schon erreicht man wieder viel mehr Menschen, die man heute als verloren  ansieht.

Drogenkonsum an sich soll nichts Gewöhnliches werden, nicht so wie: Mir ist langweilig und ich gehe jetzt mal zur Tanke und hole mir nen Wodka Gorbatschow aus der Dose. Drogen sollten Event-Charakter haben und dann auch toleriert werden.

Dabei wird es immer einen Schwarzmarkt und menschliches Elend geben. Immer. Nur muss man die Möglichkeit einer humanen Gesellschaft erhalten. Und warum soll ÜBERWACHUNG in jedem Fall etwas Schlechtes sein?

 

Das Ganze ist natürlich ein Hirngespinst, ein wenig von Utopia darf man aber wohl auch noch träumen, oder? Und vielleicht sollte man den Staat nicht immer auf allen Ebenen verteufeln und Regulierung nicht gleich als die Zerstörung der persönlichen Freiheit begreifen. Manchmal wissen doch andere was besser für dich ist. Mutti hatte ja auch nie ganz Unrecht.

 

Legalisiert wird werden. Früher oder später. Auf die eine oder andere Art. Und ich bin gespannt  was dieser anstehende Tabu-Bruch für eine Gesellschaft generiert. Denn mit der Drogenlegalisierung ist es wie mit dem Etablieren der freien und offenen Sexualität im letzten Jahrhundert.

Heute leben wir in ein durch sexualisierten Gesellschaft. Ich kann mir überall Sex kaufen, ansehen und selbst für umsonst ins Internet stellen. Vor Jahrzehnten war noch eine Nacktszene im Kino ein Skandal – wie wird es dann erst mit der legalen Massenverbreitung von Drogen sein? Ich. Bin ja kein Freund der übermäßigen Sexualisierung, die bei uns allerorts anzutreffen ist. Ich finde, diese Form von Sex fehlt es an Würde und Anstand, was sich auch mit dem Respekt auf meinen (schlimm/schönes Wort) Nächsten überträgt. Denn das ist doch die Frage liebe Regulierungsfreien Legalisierungsbefürwörter: Was wird mit der Gesellschaft geschehen, wenn ihr alles frei nehmen dürft? Seid ihr wirklich so naiv zu glauben, dass dann alles besser wird?

Meiner Meinung nach hat der Respekt dem anderen gegenüber mit einem höheren Maß an (Sexueller)Freiheit nicht gerade zugenommen. Im Gegenteil. Was wird nach der sexuellen Revolution, die Drogenrevolution hervorrufen? Werden wir noch unverantwortlicher werden? Und wird das Wort „Freiheit“ nur noch mit „Marktfreiheit“ gleichgesetzt?

Falsche Familienmitglieder

Warum sterben dieses Jahr so viele Stars? Lemmy Kilmister. Prince. David Bowie. Muhammed Ali. Götz George. Der verdammte, einzigartige Muhammed Ali. Onkel Buds Spencer.

Seiner Vermutung nach hat diese Häufung mit der Popularisierung bestimmter Teile der Gesellschaft zu tun. Populäre Gesellschaftschichten gab es schon immer. Am Anfang der Stammesführer. Dann Könige. Prinzen. Später wurden sogar Frauen wichtig. Es handelte sich dabei nur immer um einen eingegrenzten Bereich. Eine Elite. Und heute, ach was, seit Jahrzehnten, dank dem Kino, Radio, dank dem Fernsehen gibt es immer mehr populäre Menschen in unserer Wahrnehmung. Einen König und einen Promi unterscheidet bei nüchterner Betrachtung nicht viel: Beide leben und handeln durch die Aura, die ihnen andere zusprechen. Jeder ist nur ein Mensch, dessen Macht ihm andere zusprechen und ihn deswegen achten. Ein König ist auch nur ein Mensch. Und nicht einmal Brad Pitt wer Besonderes. Und da wir in einer popularisierten Gesellschaft leben die irgendwann ihren Anfang nahm und in welcher theoretisch jeder berühmt werden kann, ist es kein Wunder das man schließlich an einen Punkt gelangt, an denen die Stars von Gestern beginnen reihenhaft weg zu sterben. So ist das, wenn man inflationär mit dem Begriff, vor allem mit dem Gefühl für  „große Menschen“ umgeht.

Lemmy war der Fuck-Off-Rebel. Prince und David Bowie standen für die Befreiung der Sexualität durch Musik. Götz George war der, der die „Scheiße“ aus Duisburg Salonfähig machte. Ali war der erste schwarze Superstar. Und Buds Spencer war… Der HELD unserer Kindheit. Was zum Teufel das auch  bedeuten soll.

Auf eine gewisse Art waren sie alle Vorbilder. Prototypen dafür, was wir sein wollten. Nicht jeder im Einzelnen. Keiner war ein Held. Zusammengenommen jedoch waren sie DIE Helden, die unsere Gesellschaft einschneidend geprägt haben. In einer Zeit wie unserer, in denen es keine realen Vorbilder mehr für Menschen gibt, waren sie wenigstens die Hologramme davon. Man darf ja auch nicht vergessen, dass kaum einer von uns diese Leute wirklich gekannt hat. Sie standen einfach nur für etwas – und das reichte schon. Sie waren jemand für uns, mit Visionen aufgeladenen Leuchttürme unserer Wünsche.  Ja, im Prinzip waren sie eigentlich nur Wunschvorstellungen für uns, wie zuvor Sagenhelden oder andere Leute, die es in Wahrheit gar nicht geben musste. Mit Bedeutungen aufgeladene Monolithen der Austauschbarkeit.

 

Er ist traurig bei jeder einzelnen Todesnachricht. Egal ob Lemmy, Prince oder Bowie. Er fühlt jeden dieser Tode wie den Verlust eines Familienmitglieds. Diese Stars waren immer für ihn da gewesen. Diese Helden hatten ihn immer umgeben. Sie hatten sich nie beschwert wenn er launisch oder wütend war. Sie hatten ihm immer das Richtige eingeflüstert, zu jeder Lebenslage. Nicht so wie seine echten Freunde und Verwandte.

Fakt ist doch, dass er öfter Götz George dabei zugesehen hatte wie man Menschen behandelt, als seinem großen Bruder. Es stimmt auch, dass er mehr Zeit dabei verbrachte hatte als Kind Buds Spencer bei seinen zweifelhaften Abenteuern zuzusehen, als mit seinem eigenen Großvater zu verbringen. Und sein Großvater war weit weniger gewalttätig als dieser aggressiver Italiener, der zwar in sich zu ruhen schien, doch viele Leute zusammenschlug.  Und sein Großvater war im Krieg gewesen. Er hatte häufiger mit Prince und David Bowie über den Wolken geschwebt, als mit seinen Freunden. Und mit Lemmy konnte man so wunderbar krass rebellieren.

Ja. Jede einzelne Todesnachricht hatte ihn mehr geschockt als die Beerdigungen aller seiner Großeltern. Seine Großeltern waren alle nur irgendwelche Menschen gewesen. Sie lebten und starben – für nichts. Für was hatte dagegen ein Lemmy Kilmister gelebt! Oder der unglaubliche Muhammed Ali!

 

Er weiß nichts von meiner Meinung, dass wir Menschen nur so wahrnehmen, wie wir sie mit Wert aufladen. Welche Macht wir ihnen zugestehen. Und würde ich ihm die Frage stellen, weshalb er nicht seinen Großvater mit diesen Werten bedacht hat, würde er mich nur verwirrt ansehen. Was hat das Eine denn mit dem Anderen zu tun?

Schon in seiner Kindheit hat er sich von seiner Familie abgewandt und eine neue gefunden. In diesem Punkt kommt das „Superstar“-System einer Sekte gleich.

Der Mensch ist die größte Naturkatastrophe aller Zeiten

Im Jahr 2020 trifft sich eine Gruppe von Jugendlichen in einem Waldstück im Osten Deutschlands. Manche von ihnen sind mit den Bus gekommen, ein paar mit dem Zug, doch  so gut wie Alle wurden von ihren Eltern zu dem Fernreisemittel ihrer Wahl gebracht; einige wenige wurden direkt von ihren Müttern und Väter am Treffpunkt abgesetzt. Von diesem Treffpunkt aus sind sie lachend einen Kiesweg entlang marschiert, der sie in einen wunderschönen Mischwald führt. Die Stimmung ist ausgelassen und heiter, keiner der Teilnehmer der Gruppe wird außen vorgelassen, man fängt sich Stimmungsmäßig gegenseitig auf, treibt sich an, obwohl man sich nur von einem sozialen Netzwerk kennt (nein, nicht Facebook – das gibt es 2020 nicht mehr). Wer sie sieht könnte meinen, sie kenne sich schon ihr ganzes Leben.

Das Waldstück in welches sie wollen, gehört Hendricks Vater, der vermögender Studienrat ist und diesen Wald von seinem Vater geschenkt bekommen hat. Die meisten der Eltern der Kinder sind aus der mittleren Oberschicht, Bildungsbürger, auch wenn einige von ihnen nicht in Deutschland geboren sind, sondern mit der Flüchtlingswelle von vor ein paar Jahren hierher kamen; die Eltern haben ihr Glück gemacht und die Kinder einen guten und schnelle Anschluss gefunden.

Ein Lagerfeuer wird geplant und Holz aus der Umgebung herangeschleppt. Die ganze Zeit über wird viel gelacht, auf kleine und große Bildschirme gezeigt, sich gegenseitig fotografiert und in sozialen Netzwerken geteilt. Die Stimmung ist so ausgelassen wie sie nur sein kann, wie es ohne Alkohol und Drogen überhaupt möglich ist, nicht einmal sexuelle Interferenzen stören das lustige Beisammensein.

Als der Mond sich langsam den Steilhang empor pirscht, packen die zwanzig bis 30 Jugendliche, die keine Frauen und Männer, jedoch auch keine Mädchen und Jungen mehr sind, ihre Wahlgegenstände aus.

Eine Vielzahl der Jugendlichen haben sich – wie sie es im Internet gegoogelt haben (ja, Google gibt es noch) – einen dicken, biologisch einwandfreien Hanfstrick besorgt. Einige haben Messer, andere Tabletten, nur Verena hat eine Pistole dabei, von der sie nur nicht weiß, ob sie sie auch wirklich benutzen kann; ob nicht jemand aus der Gruppe ihr helfen könne, wenn sie sich nur anschießt? Könnte ihr jemand dann in den Kopf schießen damit sie nicht leiden müsse?

„Ja klar! Kein Problem!“ Die Gruppe ist voll und ganz auf ihrer Seite. Schließlich treffen sie sich hier um das Leiden zu erleichtern. Der strebsame Issam sichert ihr zu ihr ins Gesicht zu schießen, sollte es Probleme geben, auch wenn er es nicht gerade als besonders ökologisch empfindet, Stahl zu verwenden. Er bietet auch gerne einen Strick an. Verena strahlt über das ganze Gesicht und dankt ihm.

Um Punkt 12 ist es dann soweit. Die ersten tapferen Jungen und zwei Mädchen klettern unter dem johlenden Applaus der übrigen Gruppe auf die große Kastanie hinauf, die die ganze Zeit über die lustige Gesellschaft mit ihren wunderschönen Ästen beherbergt hat. Und schon im nächsten Moment –  Schwupdiwup – baumeln die Jugendlichen erstickend und röchelnd an den Ästen, wo sie (Ironie, Ironie) durch das Unterbrechen ihres Blutkreislaufs teilweise ihre ersten, doch in jeder Hinsicht stärksten Orgasmen erfahren. Dann hängen sie dort wie tote Fische.

Die Gruppe unten gesteht es sich nicht zu erschrocken zu wirken (auch wenn sie es in Wahrheit natürlich sind) und singen gemeinsam an der Gitarre ein Lied über kleine Tiere, dass sie aus dem Kindergarten kennen. Um ein Uhr sind die nächsten dran, sie schneiden sich die Pulsadern auf, bis ihr Blut sich mehrere Meter weit spritzend in die Sommernacht  verliert. Sie kippen einfach nur bibbernd, blas und ängstlich um.

„BAMM!“ Erschrocken fahren die 4 Übrigen herum. Dabei hat sich Verena nur in den Kopf geschossen. Alles ist gut gegangen. Worauf Issam sich seinen Strick nimmt.

Die drei Übrigen haben ihre biologischen Gifte schon lange genommen und warten, während der Morgen dämmert, darauf, dass die Wirkung einsetzt.

Am Morgen ist keiner mehr am Leben.

Seit dem Jahr 2019 gibt es eine Jugendbewegung, die sich klar gegen die „Errungenschaften der Menschheit“ stellt und dagegen protestiert. In ihrer Sicht der Dinge ist der Mensch das schlimmste Virus auf Erden. Nichts ist grausamer und uneinsichtiger als der Mensch. Und der Mensch kann nicht auf normalen Wegen von seinen Eigenarten geheilt werden. Die einzige Möglichkeit wirklich etwas zu unternehmen, um all die kleinen süßen Affen, Pandas und Eisbären zu retten, ist die letzten Konsequenz, die einzig wesentliche Korrektur: Der Mensch muss sich selbst dezimieren um das Leben auf Erden zu retten. Ihr Tod ist der ultimative Beitrag zur Erhaltung der Schönheit der Natur und zur Rettung der Artenvielfalt.

Die Zeit des Redens, der nachhaltigen Ernährung, das Ablehnen tierischer Produkte und der lächerlichen Facebook-Bilder mit erhobenem Zeigefinger sind vorbei:

Jetzt werden Konsequenzen gezogen!

Nervige, sterbende Familienmitglieder

Das Schlimmste am Deutschsein überhaupt, ist dieses: „Ach scheiße, wir haben doch einen Thailand-Urlaub gebucht und gerade jetzt wo wir wegfliegen wollen ist unsere Oma/Mutter/Opa/Vater dabei ihrem/seinem langjährigen Krebsleiden (oder sonstigen) zu erlegen, GERADE DA wo wir in den Urlaub wollen…“ Man traut es sich nicht auszusprechen, doch im Kopf ist da auch noch ein: „Hätte die/der nicht schon ein paar Wochen früher oder später sterben können?“

Dabei meint man das ja gar nicht böse und vergisst zudem auch nicht, dass man jenem sterbenden Menschen nicht nur zu Dank verpflichtet ist für all das was man in der Kindheit/im Leben von ihm an Zuneigung bekommen hat, dennoch hat man sich mit dem Sterben dieses Menschen abgefunden – und der Zeitpunkt ist einfach blöd…

Ich weiß nicht ob das was generell Deutsches ist, es ist mir nur schon oft begegnet, wie sie oft auch bei mir selbst, aber auch in meiner Familie oder im Bekanntenkreis. Vielleicht ist das generell Deutsche an der Geschichte nicht das man unbedingt in den Urlaub will und sich so sehr darauf gefreut hat (wir sind ja Verreise-Weltmeister oder so was), sondern in Wahrheit ist es eher der Umstand, dass unser normales 24/7 Leben so ein dermaßen umfassender Kerker aus Pflichten und Zwang ist, dass wir uns auf diesen Lichtpunkt im Leben (den Urlaub) so sehr freuen, dass wir zumindest den Tod gern als etwas PLANBARES hätten, da der Tod nicht nur unfair zu dem ist, den er auf seiner Liste hat: Er ist es auch zu uns…

Undankbar und moralisch falsch klingt es aber dennoch. Sicherlich ist es das auch. Andere Kulturen sind da menschlicher. Sie verstehen dass 3 Wochen Bahamas weniger wert sind, als das Lebenswerk eines Großvaters…