Frohes Neues euch Leuten

Während ihr wahrscheinlich gerade runter, ach was, ne, RICHTIG drauf kommt bin ich schon wieder am Arbeiten und ein wenig habe ich das auch gemacht die letzten zwei Urlaubswochen: Arbeit am „Text zur Nacht“, Arbeit an meinem Roman, um finanzielle unabhängig von meinem Broterwerb zu werden und um nur noch an Texten arbeiten zu müssen… Jetzt nicht ganz im Ernst, doch das mit dem Herumwerkeln stimmt. Ein Viertel habe ich schon, nur leider das leichte Viertel… Vielleicht wird es deswegen hier ein wenig stiller. Schließlich kann man nicht überall gleichzeitig sein.

 

Ich stehe beim Korrigieren vor einem Luxus-Problem, denn ich habe viel zu viel geschrieben und muss jetzt meine Feinde „Rotstift“ und „Radiergummi“ ansetzen um da mal kräftig umzuräumen. Ihr wisst ja was ich für ein Plappermaul bin und das muss ich jetzt selbst ausbaden… Schreiben selbst ist viel leichter als zu kürzen. Irgendwie erscheint Alles wichtig zu sein, da es ja um das gesamte Ding geht, um „die totale Wahrnehmung der Sucht“; Roman und Ratgeber in Einem. Und kaum habe ich mich dafür entschieden einiges in die Tonne zu klopfen, nehme ich später im Text doch nur wieder Bezug darauf… Schwierig, schwierig…  Gar nicht so dumm was ich früher auf Droge geschrieben habe. Nur auch nicht wirklich gut genug.

 

Also ein frohes neues Jahr von mir und bis demnächst. Man liest sich bestimmt 🙂

Der Text zur Nacht – Versuch eines Nachworts

Irgendwann blickt man auf dieses vertraute, plötzlich scheinbar fremde Leben zurück, und wundert sich, wundert sich darüber, wie krank und zerstört man damals war, wie verloren, und wie wenig Hilfe und Unterstützung man bekam, von denen, die man liebte, brauchte und für die man auch selbst dagewesen war. Zwar hatte man immer wieder – so weit wie möglich – ein Geheimnis aus der Sucht gemacht, doch jetzt, Jahre später, wo der Kopf langsam aufgeht wie ein verkrampfter, verzogener Muskel der vom Bewusstsein gedehnt und reaktiviert wird, jetzt, wenn ich die Gespräche mit meinen langjährigen Freunden suche und ich von ihnen und vor mir zugebe, wie absolut verloren, krank und Drogensüchtig ich war, wie unnormal dieses Leben, mein Leben, von statten ging und mit wie viel Gewohnheit und Normalität wir an die Sache herangingen, absolut blind für die Wahrheit: Dass wir krank und hilflos waren, den Fluss hinab trieben wie ein ausgedörrte Zweige, die sich durch einen kleinen, seichten, nicht einmal starken, Windstoß vom Baum des Lebens lösten, herab fielen, da die Verbindungen ohnehin nicht mehr stark zum gesunden Baum-, Trieb- und Knospenwerk zu nennen gewesen wären.
Ja. Ich war krank. Wir alle waren das.

Ebenso wahr ist es, dass wir natürlich selbst schuld an unserer Krankheit waren. Wir hatten die Realität auf eine zu leichte Schulter genommen, hatten uns selbst überschätzt, was aber spielt das für eine Rolle, wenn man am Ende wirklich nur krank und fertig ist, woher diese Krankheit kam? Hat denn der Suchtkranke, ebenso wie derjenige, der an einer Geschlechtskrankheit leidet, nicht das gleiche Recht auf Versorgung und Hilfe verdient wie jener, der eine Krankheit durch Unachtsamkeit oder aus ihm nicht nachvollziehbaren Quellen? Auch, wenn man eindeutig persönliche Fehler gemacht hat? Aber es ist schwer in unserer Gemeinschaft zwei Dinge gleichzeitig anzuerkennen: Fehler UND Krankheit? Das geht schwer zusammen in der halbherzigen Toleranz eines scheinbaren Perfektionismus, der uns allerorts indoktriniert wird…

Da war diese Zeit, in der ich gar nicht mehr Leben wollte. Wozu auch? Es gab nichts was mich hielt, was mich glücklich machte. Kein Wunder dass ich damals zu Rauchen begann… Da waren nur die Drogen und das Trauma, dass dieses Nachtleben der einzige Anker zum Dasein sein konnte und das Nachtleben ist nun einmal eine schwere Geliebte, da sie einen aufzehrt und einen mit kurzer Lebenserwartung zurücklässt – und ja natürlich, irgendwo hat man sich doch frei dafür entschieden. Ein Paradox, ja. Doch war diese Entscheidung nicht das eigentliche Hauptmerkmal der Krankheit? Und ist es nicht mehr als logisch dass man sich im Krankheitsfall an das Umfeld hängt, in dem man sich auskennt, dass man liebt?

Ich hätte zu dieser Zeit sicherlich auch keine Hilfe angenommen. Dafür war ich viel zu arrogant, selbst bezogen und blind. Später ist irgendwann und damit eh egal. Und irgendwie hing man die ganze Zeit mehr im Gestern als in der Gegenwart fest; trauerte um alte Liebe, seien es Frauen, Freunde, Musik und Familie. Drogensucht ist wie eine alte Platte, die immer wieder an der gleichen Stelle springt. Man hängt fest.
Also nein. Ich will mich gar nicht beschweren, dass meine Freunde, meine Familie nicht für mich da waren, da sie es a) teilweise gar nicht wusste und b) ich diese Hilfe gar nicht angenommen hätte. Wundern muss ich mich aber dennoch, dass einen nie jemand zur Seite genommen und gefragt hat: „Du Fleming? Ist mit dir alles in Ordnung? Kann ich etwas für dich tun?“ Und um noch ehrlicher zu sein könnte ich nicht einmal sagen, ob das nicht doch jemand versucht hätte…

Ich wollte nicht mehr leben, gefangen im süßen Thanatos, dabei fühlte ich mich so unglaublich lebendig, leuchtete, glühte so stark aus meinem Innersten heraus, dass ihr, die keine starken chemischen Drogen genommen habt, das wahrscheinlich gar nicht verstehen könnt. Ich fühlte mich so lebendig, wohlwissend dass ich mich damit zugrunde richtete und gerade dieser absolut überzogene, grenzenlose Drang sich lebendig zu fühlen, war das größte Symbol meines Todestriebes; lieber jetzt und sofort verglühen, als mit den Konsequenzen meines Daseins klar kommen zu müssen, das war meine Formel, auch wenn ich sie erst jetzt entschlüsseln kann. Denn diese Krankheit ist wie ein großes Bild, dessen ganze Ausmaße man erst erkennen kann, wenn man zwei Meter zurücktritt.
Es war nicht alles schlecht – ach was, so etwas zu sagen ist Unsinn. Alles war super, schön, Übermenschen überlebensgroß. Man hatte die besten Freunde, die schönsten Träume und war von den tollsten Frauen umgeben. Und das war nicht nur Lüge, schlecht und asozial wie einen die Drogen-Prävention der 80ger und 90ger Jahren beibringen wollte, das war auch die Wahrheit. Würde ich alles noch einmal so machen, hätte ich die Chance dazu? Nein, sicherlich nicht. Deswegen gibt es selbstverständlich dennoch Momente die ich niemals hergeben wollen würde, die so unglaublich wichtig und schön waren und es in meinem Herzen immer noch sind. Und auf der anderen Hand ist all das Leid was ich verursacht habe, dass mir unendlich leid tut, für das ich mich schäme und selbst nicht verstehe; Drogensucht und Krankheit ist eine Sache, aber was getan wurde, wurde von mir getan und da gibt es keine Ausreden. Dazu muss man stehen.

Heute sehe ich milder auf mich und meine Freunde. Nicht herablassend, nein. Die Distanz zur Vergangenheit macht mich nur zu einem reuigen, milderen Menschen. Wahrscheinlich hätte ich das früher „Altersdummheit“ genannt und vielleicht stimmt das ja auch. Was bleibt ist die Vergangenheit mit der man hadert und- da springt die Platte wieder – die man gerne einmal wieder zurückhaben würde, nur für ein paar Stunden, ein Wochenende, einen Tag. Doch das geht nicht. Ja. Man kann druff sein und sich in seiner eigenen Melancholie sonnen. Aber das bin nicht ich von damals, das bin ich der ich heute bin. Drogen machen aus dir vielleicht einen Zeitreisenden, nicht aber dein jüngeres Ich. Denn es reist immer der, der du an einem bestimmten Zeitpunkt ist mit der Zeitmaschine, und das ändert alles. Menschen sind Menschen, keine Symbole.
Was will ich eigentlich sagen?
Ich weiß nicht. Es gibt keinen Major Point auf den ich hinaus will. Würde nicht sagen das ich heute klüger bin als damals. Ich bin einfach ein anderer geworden. Der ebenso ein Arsch ist und sein kann, wie meine frühere Ausgabe. Heute begreife ich vielleicht besser, dass ich wahrscheinlich nicht so lange leben werde wie ihr anderen und vielleicht auch nicht so gut altern werde. Krebsrisiko, Spätfolgen. Plötzlich klingt das nicht mehr nach Abstraktion. Das klingt nach morgen. Übermorgen. Viel zu bald.
Selber schuld? Ich weiß nicht. Menschen haben gute Gründe um Drogenkrank zu werden. Und das sollte man ihnen nicht auch noch vorhalten, auch wenn es unmöglich ist mit Süchtigen nicht die Geduld zu verlieren. Ich will auch gar kein Mitleid haben. Ach Gott nein. Darauf bin ich gar nicht aus. Noch ist nichts passiert. Noch geht es mir gut. Doch wer einen Roman über seine Drogensucht verfasst, muss auch die späteren Kapitel im Auge behalten, in der sich die Perspektive gewechselt hat. Ich wollte ja nie bewundert, bemitleidet oder von besonders vielen Menschen gehört werden:
Von Anfang an wollte ich nur meine eigene Wahrheit erzählen. Und das ist ein verdammt großes Unterfangen.

Elektronische Weihnachten (Text zur Nacht Add-On)

Und dann lacht er dieses Lachen, dieses furchtbare, grausam eklige, widerliche Gelächter, das so klingt, als würde man selbst mit nackter Hand voll in frische, feuchte Scheiße greifen – und zudrücken. Ein röhrendes, Hirschenes Gelächter, tief aus seiner reibeisernen Rasselbande der Seele.  Ein wenig erstickend und dabei doch sehr ungebildet. Sehr frech, noch frecher als die anschließende Frage dazu: „Checkst du es?“

Natürlich checke ich es.

 

Wir sind gerade aus dem Haus Gottes raus und er vergleicht Religion mit Techno (oder EDM, das hängt davon ab, wie alt  – oder gebildet – ihr seid). Nicht gerade der neueste Vergleich versteht sich. Schon Doktorarbeiten wurden über das Thema verfasst: Der Disc-Jockey an Priester, hoch über den Massen, der von seiner DJ-Kanzel herab auf das Volk herab predigt, welches entrückt und in Trance der Sprache Gottes ausgesetzt ist (denn was anderes könnte die Musik sein, als die eigentliche Sprache Gottes?).

 

„Man sollte aber nicht elektronische Musik mit einem Gottesdienst gleichsetzen, sondern umgekehrt. Verstehste?“

„Mhm.“

„Also quasi so ein Weihnachtsgottesdienst als Twentyfourseven-Veranstaltung. Wie so n Festival. Nature One oder von mir aus (für die Dummen) Tomorrowland. Versteheste?“

„Mhm.“

„JEDE Stunde ein anderer Priester, so wie bei den DJs. (Mit verstellter Stimme Mayday-Announcer-Stimme) From Barbados! Priest Carl Cox!!! Verstehste?”
“Oh ja.”

“Und dann kommt der Carl noch oben und so: Oh yes! Oh yes! Oh yes! Und dann haut der voll seine Predigt raus. WAHRLICH ICH SAGE EUCH!“

„Hehe.“

„Und dann stehen da ein paar Ossis herum und maulen: Och Mann. Ick will lieber den DYÄH Rush hörn, wann kommt n derr?“

„Dein Ossideutsch ist auch so naja.“

„Egal. Verstehste? Und dann kommt Sven Väth auf die Bühne und der ist dann richtig gut, weißte, so wie früher? Und er so: WAHRLICH ICH SAG EUCH! GUDE LAUNE LEUDE!“ Alle drehen durch und Gott und Wiederauserstehen und Bombastisch… Und Mosaik-Fenster, voll auf Trip… Und so geht das dann weiter. Mit Camping und Heilsegnungen…“
„Heilsegnungen?“
„Und ALLE voll so am Abgehen: Halleluja! Und Ecstasy und Erlösung! Und voll die Liebe untereinander! Ohne Sex. Einfach nur so ne kindliche Drogen-Jesus-Liebe! Twentyfourseven! Verstehste? Und das Jesus Kind der Krippe! Und der Esel ist auch dabei! Und da kommen schon die Heiligen Drei Könige! Und Mürre… “

„Ja. Is ja gud.“

„Und dann so Sankt Martins mäßig: Statt Mäntel werden Pillen geteilt! Oder NOCH BESSER: Auf den Pillen SIND kleine Mäntel eingeprägt, die man dann teilen kann! Voll GEIL! JAAAAAAAAAAAAAAAAAA!!!!!“

Und dann lacht er wieder dieses Scheiße-Lachen. Und ich denke mir. Eigentlich eine lustige Idee, wenn dieses Gelache nicht wäre.

Der Text zur Nacht (224) Gefangen im Limbus

Gehe ich los.

Alex versucht erst gar nicht mich aufzuhalten.

 

Ich schreite wie ein fremdes, außerirdisches Wesen durch die Party-Crowd. Bin ein Fremdkörper, der sich äußerlich nicht von seiner feiernden Umwelt unterscheidet,  auffällig nur für jene, die die Aura eines Menschen sehen können, die erspähen können, wie viel dunkler, finsterer und von mir selbst entfernter ich dem Hier und Jetzt inzwischen geworden bin, im Gegenspiel zu all den anderen Leuten hier – jung wie alt, Mann und Frau, nüchtern und dicht – die die Totalität ihrer Jetzigkeit bis an die Grenze ausleben; die Hände gehen nach oben. Und Sven Väth sieht, dass es gut ist. Gott lächelt. Und legt die nächste Platte auf.

 

Tatsächlich komme ich gar nicht weit.

Ich setze mich auf eine Bierbank nahe einer Fressbude, wo gerade noch, ganz rechts außen, ein Platz frei ist. Dort an der Kante. Hier setze ich mich neben grölende junge Leiber, die mich kurz und doch gar nicht wahrnehmen, so sehr sind sie mit sich selbst beschäftigt, damit, ihre eigene Jugend zu belachen (Lachen ist der Applaus der Jugend). Überall liegen Plastikschalen herum, aus denen „asiatische“ Nudeln gefuttert wurden.

Mein Blick geht frei ins Leere.

 

Es ist nicht einmal untypisch eine Art Depression auf Droge zu haben. Im Laufe des Textes ist es schließlich schon meine Zweite. Nur. Habe ich das normalerweise nicht so häufig, nicht an einem einzigen Wochenende.

Alle Menschen um mich kommen mir sehr fremd vor. Ich verstehe ihre Handlungen nicht mehr. Und am Allermeisten wundert es mich, dass nicht Alle sehen können, wie verletzlich und fremd ich ihnen geworden bin. Dieser Kontrast ist einfach die Härte; sich erst vor einem Moment mit Allem und Allen  so sehr verbunden fühlen, um dann im nächsten Moment wie eine abgetrennte Gliedmaße am Boden zu liegen, die weder begreifen kann was gerade geschehen ist und die sich dabei selbst noch für „lebendig“ hält. Mein Verstand hat  nicht mehr die Möglichkeit sich effektiv an „vorher“, an die gute Phase, zu erinnern, meine Gefühlshaushalt regelt das scheinbar von alleine.

Ich sinke immer tiefer in meinen eigenen Limbus.

Mein Verstand versucht sich gegen mein rohes, nacktes Unterbewusstsein zu wehren, doch es umhüllt mich und alles was ich bisher gewesen bin wie ein dunkler, schwarzer Nebel, in dem sich, wie in der Vision von John Carpenter, komische Figuren bewegen, zweidimensionale abstrakte Gemälde mit ehemals bekannten Gesichtern, vermischt mit lebendigte fremde, räumliche Plastiken, die ich nicht entschlüsseln kann.

 

Es ist nicht so dass ich die reale Welt, dass ich die Party hier in München nicht mehr wahrnehmen könnte. Alles ist noch da. Aber mein Bewusstsein der Gefühle irrlichtert durch diesen merkwürdigen Nebel, und diese komischen, unkenntlichen Gestalten die ich vor meinem emotionalen, inneren Auge sehen kann, sind Abbilder meiner Gedanken zu Personen die ich kenne; ich kann sie nur nicht verstehen, kann nicht entschlüsseln in welchem Bezug sie zu mir stehen. Weshalb sie mir einmal wichtig waren.

Ich sehe Bobby. Und Andi. Die mir fremd sind. Sehe Caro verbeihuschen und kann ihren Schmerz spüren. Sehe Sierra, wie der Lacht. Und Alex steht bei ihm. Sie lachen zusammen. Blaue Haare gehen aus dem Bild…

 

„Ich will nachhause…“ Wimmert es in meinen Limbus hinein. „Einfach nur nachhause…“ Es hallt durch die leeren Hallen meines Herzens und verebbt ungehört in meinem erfrorenen Unterbewusstsein. Tief im schwarzen Loch meines Limbus… „Bommerland ist…“

 

Und dann sehe ich am Ende meine Ex. Und ich bin einfach nur sprach- und hilflos… Klein. Zerstört. Zerdrückt und erkaltet wie eine Kippe am Straßenrand.

Ich weiß, dass das Alles, dieser ganze Müll, die ganzen Drogen, der ganze verrückte und gestörte Scheißdreck, ja, mein ganzes Leben, nur mit ihr zu tun hat. Nur mit IHRihrIHR. Und ich weiß, dass ich ihr im ganzen Text keine einzige wirkliche Zeile gegönnt habe. Sie, um die sich alles dreht, mein ganzer Wahn, meine ganze Zerstörtheit. Und doch kam sie einfach nicht vor.

Und obwohl sie es war die mich belogen und betrogen hat. Sie es war, die mich abservierte. Sie es war, die mich austauschte wie eine Glühbirne. Herrscht in meinem nackten Unterbewusstsein das Gefühl vor, dass es Alles meine Schuld war, dass ich verantwortlich bin für all das was zwischen uns schiefgelaufen ist; die Drogen, die Lügen; wie ich meinen Konsum, meine Krankheit vor ihr verheimlichte, wie ich diesen kalten, dunklen Keil zwischen uns trieb, wie harter Stahl, der ein Herz spaltet… Und obwohl das Ganze nun schon jahrelang her ist und eigentlich – verdammt nochmal – vergessen gehört, sage ich zu ihr:

„Es tut mir leid.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach einer Unendlichkeit im Limbus, nach einer Ewigkeit der Leere, blinzle ich. Nehme die ravende Gesellschaft um mich wahr. Wie sie tanzen, lachen und sich freuen. Junge, frische, geile Weiber. Starke Burschen mit geschwollenen Muskeln und Egos. Alle sehen aus wie aus einem Video-Clip. Frisch gestilt und ausgeruht. Jung und kräftig. Die Zukunft und die Gegenwart in einem Moment vereint.

 

Und da sitze ich. Alt und zerstört. Selbstvergessen und irritiert, wo denn schon wieder der ganze Dreck unter meinen Fingernägeln herkommt.

Springteufel

Was würdest du tun, wenn dein Leben als einziger Witz wahrgenommen werden würde? Was würdest du machen, wenn jeder über dich lacht? In dein Gesicht, nicht einmal hinter deinem Rücken? Wie würdest du reagieren wenn du die Last deines Versagens nicht mehr ertragen könntest?

 

Seine Lösung war, der zu werden, den die Leute sehen wollten. Er lachte einfach mit, ist doch ohnehin alles ein riesiger Scherz. Das ganze Leben. Und wenn man lange genug über sich selbst und die eigene Unfähigkeit gelacht haben würde, hören die Leute bestimmt auch damit auf. Schließlich wird jeder Witz einmal alt… Glaubte er. Dabei hatte er die Grausamkeit der Menschen unterschätzt. Denn nichts fühlt sich für jemanden, der sich selbst in verschiedenen Situationen erniedrigt fühlt (im Job, in der Schule, auf dem Sportplatz, im Bett), verlockender und vergnüglicher an, als den zu treten, der unter einem steht.

Ein Clown ist ein Clown ist ein Clown. Und wenn jemand für uns einmal eine Rolle spielt, dann lassen wir ihn dort nicht mehr heraus. Er wird zu „Jack in the box“.

 

Aus Andi wurde so ein Clown. Das hatte auch viel damit zu tun, dass er nicht so wie die anderen Arbeitssklaven sein wollte. Andi wollte die ewige Party. Immer auf Speed oder LSD wollte er sein, was bedeutet, immer anders als andere Menschen zu denken, zu fühlen und zu handeln, diese Leute, die nur hin und wieder Drogen nehmen – oder gar nicht. Immer dicht zu sein eckt auf Dauer zwangsläufig an, denn wir leben in einer paranoid nüchternen Welt; „paranoid nüchtern“ deswegen, da die „normalen“ Menschen anderen Menschen ihren Rausch verzeihen, wenn er nur hin und wieder eintritt. Doch wer  aus diesem Rahmen des Arbeits- und Ruhetags Rhythmus heraus fällt,  ist für uns schon ein Freak. Jemand. Der sein Leben nicht mehr unter Kontrolle hat. Und was macht man mit so einem Kerl? Wie nennt man den? Wie viel Respekt haben wir für solche Menschen?

 

Am Schlimmsten waren für Andi nicht die Beleidigungen, das „Nicht-Ernst-Nehmen“ seiner Weltsicht oder das Gelächter. Viel furchtbarer waren diese ständigen Belehrungen, wie man dies und das zu machen hätte, diese arroganten Sprüche von angepassten Spießern, die, seien wir ehrlich, selbst gerade so über die Runden kamen in einer Welt voller Regeln und Gesetze, die sie auch nicht gänzlich verstanden und vor allem nicht zu ihrem Vorteil nutzen konnten und dennoch vehement so taten, als würden sie ihre Leben so-viel-besser auf die Reihe bekommen als er; dabei wollte der Andi nicht nur nicht so sein wie sie, er konnte es auch nicht. Er kam aus seiner eigenen Philosophie nicht mehr heraus, denn wenn du einmal in deiner eigenen Welt gefangen bist, kannst du dich ohne Hilfe daraus nicht befreien, wie eine Fliege in einem umgedrehten Glas, die nicht begreifen kann, was nicht stimmt, weshalb sie da nicht mehr heraus kommt.

Gutzureden hilft da nichts.

Die Fliege im Glas ist dabei ebenso wenig dumm wie Andi es anfangs war, denn ein Mangel an Verständnis ist kein Mangel an Intelligenz, da sowohl die Fliege als auch Andi Fähigkeiten und Möglichkeiten die Welt zu entschlüsseln besitzen, die all uns Spießern für immer verborgen bleiben. Uns. Steht unsere Vernunft im Weg.

 

Eines Tages entschied sich Andi – aus Hilflosigkeit- dann doch für die Dummheit. Er war ja auch nicht so „klug“ wie all die anderen und wenn er es doch war, wollten sie es ohnehin nicht sehen. Wieso nicht einfach die Rolle spielen, die der große Unbekannte für ihn vorgesehen hat? Und schnell begriff er, was für Vorteile es hat wenn niemand großes von dir erwartet: Du kannst so tief fallen wie du willst. Andi entdeckte dadurch, die Freiheit Alles tun zu können was er wollte. Es erwartet ja auch niemand was anderes von dir. Denn „erst wenn wir alles verloren haben, haben wir die Freiheit alles zu tun“.

 

Diese Freiheit aber, ist ein Gefängnis. Dummheit ist ein Gefängnis.

Und die einzige Hilfe die er von seinem Umfeld bekam, war Gelächter über seine Situation. Ja. Er hatte schon lange keine Freundin mehr gehabt. Ja. Er hatte seinen Job verloren. Ja. Er wohnte wieder bei seinen Eltern. Ja. Die Arbeitsagentur und die Zeitarbeitsfirma hatten ihn über den Tisch gezogen. Ja. Er musste in den Knast wegen NICHTS, da er es auch nicht besser wusste und konnte um sich herauszureden. Ja. Er hatte nie Geld. Ja. Er hatte schon lange keinen Führerschein mehr. Und ja: Er hatte eindeutig ein Drogenproblem, welches er nur lachend als das Nonplusultra der Philosophien darstellte. Und ja. Andi ist 35 Jahre alt.

 

Das Alles nagte an ihn. Auch wenn er es nicht sagte. Vielleicht kannte er dafür inzwischen gar keine Worte mehr. Seine Räusche wurden nur noch extremer. Niemand verstand mehr sein Gelalle, denn betrunken sein geht immer und in seinen Alkoholräuschen entblößte sich seine wahre Lebenssituation. Man hätte zuhören können. Man hätte helfen können. Aber man gab eh nichts mehr auf diesen Freak der ehrlich glaubte, dass „Freak“ kein Schimpfwort, im Gegenteil eine Auszeichnung sei.

Diese Woche war es dann soweit, und dieser kleine Artikel hier reichte als Auslöser:

 

„Hängetrauma!“ lachte sein Arbeitskollege als er den Beitrag las und zeigte auf Andi. „Das kann man auch gut zu dir sagen! Du Nicht-Ficker! Hängetrauma mit abgestorbenen Schwanz!“

Es war Zufall, dass Andi das Messer in der Hand hatte. Doch schließlich war gerade Brotzeit. Und es war einfach ein Witz zu viel.

Keiner hätte es Andi zugetraut. Er war ein wenig dumm. Okay. Aber gewalttätig?

Die Kurbel war überdreht worden. Der Clown hatte die Kiste verlassen.

 

Der Text zur Nacht – Add-on: Das Wiedersehen

Manchmal kann dich die Vergangenheit auf die unspektakulärste Art einholen, die du dir gar nicht vorstellen kannst. Nicht dass die Dinge in meinem Leben ihr Kommen mit einer Sirene oder gleich einer Explosion ankündigen würden. Doch in banalen Leben wie unseren, sind selbst die Überraschungen trivial.

Es war beim Bäcker. Sonntag in der Früh.

 

„Ja hey, Servus!“ freute sich der Typ mit seinem Neon-Cap und Klamotten unter der viel zu grellen trendigen Jacke, die mich an einen Motion-Capture-Anzug denken ließen, obwohl er nicht einmal Ansatzweise die  Figur dafür hatte. Er war sichtlich erfreut. Verzog dann dennoch ein wenig unglücklich sein Gesicht: „Wie war noch dein Name?“

Ich lachte kurz: „Fleming.“

Er euphorisch: „Ah ja! Fleming!“

Nun hätte ich wohl seinen Namen sagen müssen, doch ich hatte keine Ahnung mehr wie er hieß. Es war mir auch egal. Ich tat nur so als würde ich seinen Namen kennen, Floskel: „Wie geht´s?“
„Blen-dend“, war seine Antwort und viel dann sofort mit der Tür ins Haus: „Ich war ja 4 Jahre weg. Psychiatrie. Depressionen und so.“

Ich: „Mhm.“ Das war ein wenig viel an Information. Schließlich standen wir „in der Reihe“ vor einem Bäckerei-Tresen, der nur von uns und zwei weiteren Kunden vor uns besucht war.

 

Er ging einen Schritt auf mich zu und sprach halblaut – doch immer noch ZU laut für die nicht gerade private Atmosphäre hier – drauf los, wegen dieser Vertrautheit zwischen uns, die nicht und nie existierte und die nur ehemalige, jetzt „geheilte“ (sags auf Französisch: )  Psychoter wie er fühlen können: „Und seit 2 Jahren keine Drogen.“ Zwinkerte. Ein echtes, Filmreifes Klischeezwinkern. Das galt mir. „Und du?“

Ich: „Ich? Ähm. Ja… Mir geht es auch gut.“

Die Verkäuferin lachte.

 

Wir hatten früher einen gemeinsamen Freund. Nur wir Zwei hier. Waren niemals Freunde gewesen. Ich konnte ihn in Wahrheit noch nie leiden. Doch die Erinnerung biegt so manche gebogene Straße gerade und man sieht sie in einem anderen Licht. Schließlich, auch wenn wir uns weder ähnlich waren, noch Kumpels, haben wir etwas gemeinsam: Wir haben eine „gewisse“ Zeit hinter uns; wir haben Beide unsere persönliche Katastrophe überlebt und überstanden. Auch wenn wir unterschiedlich aus der Geschichte heraus kamen. Er: Psychiatrie. Ich: Normalität. Das hätte auch anders laufen können…

Unsere Vergangenheit, in der wir uns immer wieder über den Weg liefen, gleicht einem Banküberfall, wobei der Eine dadurch ins Unglück gestürzt ist, während der Andere seine Schäfchen deswegen ins Trockene gebracht hat. Das Schicksal nimmt nie den gleichen Weg.

Die Ironie ist wirklich: Ohne meine Drogen-Vergangenheit wären mir viele gute Sachen später nicht passiert. Sie hat mich zu dem gemacht, der ich bin… Das Leid und die Krankheit kann durchaus auch für etwas gut sein.

 

Dann kaufte jeder seine paar Semmeln und wir nickten uns am Ausgang noch zu. Er meinte noch: „Grüß Andi von mir wenn du ihn siehst“. Andi. Unser gemeinsamer Freund. Die Quelle.

Ich: „Das kann ich nicht. Ich mache nichts mehr mit Andi.“ Darauf dachte er 3 Sekunden nach, lächelte und sprach: „Ist vielleicht besser so.“

 

Als ich dann schließlich nach Hause fuhr, zu meiner Frau und den perfekten Kindern, viel mir sein Name ein: Petkovic. Nur wir nannten ihn Skinny… Skinny Petkovic.

Was Drogen und Medikamente aus einem Menschen machen können.

Der Text zur Nacht (223) Ich will nachhause.

Vielleicht sind es auch nur die Drogen.

„Zuhause“. Dieses Wort trage ich oft in meinem Herzen, es stolpert regelmäßig aus meiner Seele, nicht aber weil ich „Zuhause“ angekommen bin, nein, es ist die Sehnsucht nach einer Heimat, die ich längst verloren habe und bewusst gar nicht mehr kenne.

Selbst als ich noch bei meinem Vater wohnte, oder jetzt, wenn ich in meinen gemietet vier Wänden sitze, kommt oft und unvermittelt dieser Satz daher, manchmal denke ich ihn nur unbewusst aus meinem Ich heraus. Manchmal spreche ich ihn auch in die Stille meiner Einsamkeit: „Ich will nachhause.“

Dabei weiß ich gar nicht. Wo das sein soll. Wo ist das? Dieses Zuhause?

Heimat ist für mich ein verlorener, ein zerstörter Begriff. Wie ein Vertriebener aus einem Garten Eden, ohne Möglichkeit zurückzukehren. Wie ein Flüchtling, der in Wahrheit ein Vertriebener ist, und nur nachhause will, zu seiner damals noch intakten Familie; nachhause in die Vergangenheit. Bevor der Krieg des Erwachsenwerdens mich für immer entstellte.

(Denn die Menschen erlangen durch das Erwachsenwerden keinen Charakter wie man fälschlicherweise glaubt; „Charakter“, „Erwachsen“, das sind nur Begriff für die Vernarbungen unseres inneren Kindes, für die Entstellungen unserer Reinheit).

Ich weiß nicht wo ich daheim bin. Vielleicht nehme ich deswegen Drogen. Obwohl… Ja… Nein… Ich weiß es nicht. Sicher ist nur, dass ich keines dieser Opfer sein will, deren Psychologie so einfach gestrickt und damit erklärbar wäre: Ja klar, die Kindheit ist daran schuld.

Das Trotz-Ich in mir lässt ein Kausales Nachdenken über mich selbst nicht zu.

„Heimat“ war für mich schon immer ein anderes Wort für „Erlösung“ gewesen…

Leider gibt es keine Erlösung mehr.

Ich will nachhause…

„Doch Bommerland ist abgebrannt“…

Ich will nachhause… In das Tal meiner Erinnerungen. Wo Maikäfer fliegen und blühen.

Wie oft flüchtete ich schon von sonst wo (aus der Schule, der Arbeit, von Freunden, Feinden und Gliebten) zu dem Ort an dem ich lebte, mein Jugendzimmer, eine meiner Single-Wohnungen, nur um dort schreckliche Einsamkeit unter Menschen oder alleine vorzufinden, doch keine Ruhe vor den Stürmen der Seele, vor dem unbewussten Bewusstsein am falschen Ort, in der falschen Zeit zu sein.

Das Herz und seine Seele sind die einzigen Koordinaten, nach denen wir in  der Raumzeit manövrieren können.

Heimat. Erlösung… Ich weiß nicht. Vielleicht geht es auch nur um Vergebung…

Ich will nachhause.

Zurück in die Kindheit. Wo man bedingungslos lieben und geliebt werden kann. Nachhause in die Unschuld…

Denn wisst ihr? (Seufzen) Es fällt mir nicht leicht es euch so zu sagen: Aber ich habe viele schlimme Dinge getan… Wirklich schlimme Dinge… Gegen Menschen die ich liebte. Auch wenn ich es nicht wollte. Gar nicht… Doch ich habe es getan… Es ist meine Schuld. Nicht die von jemand anderem.

Es war immer meine eigene Schuld.

Der Finger zeigt auf mich: „Durch meine Schuld. Durch meine Schuld. Durch meine große Schuld…“

Hier schließt sich die Türe.

Ich entwinde mich aus Alex Umarmung.