Contact Festival 2017 – Rückblick und Festival-Kritik

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Dieses Jahr gab es gar keine Club-Nacht für mich. Da muss man doch was machen. Aber Nacht und so? Geht das denn nicht auch ein klein wenig anders? Schließlich bin ich 37. In dem Alter wird man beim Ecstasy kaufen schon von seinem jugendlichen Dealern gesiezt. Also warum nicht auf das verhasste Contact-Festival, bei dem ich vor ein paar Jahren einmal war. Damals gab es ein paar ordentliche Defizite in der Organisation. Es war aber auch nicht alles schlecht. Wenn es damals wie gestern nur nicht so kalt gewesen wäre… Dezember bleibt halt leider auch Dezember.

Es ist kein Geheimnis, dass ich von dem Echelon-Veranstalter nicht viel halte. Miese Preispolitik. Abzock-System „Getränkemarken“, welches man dieses mal „Token“ genannt hat, nur das Prinzip bliebt das gleiche. Außerdem konnte man die Becher nicht überall zurückgeben (nur gegen neu gefüllt austauschen) und die übrigen Marken  auch nicht da zurückgeben wo man sie gekauft hatte – sondern irgendwo ganz woanders. Die Token waren auch nicht beschriftet wie viel der einzelne Wert war (Klasse Idee halbe Tokens mit drauf zu machen, die an der einen Bar als volle akzeptiert wurden, woanders nicht) und man hatte im Prinzip überhaupt keinen wirklichen Überblick was man noch für Möglichkeiten hatte und wann man neue holen musste. Klar kam ich/wir schon gut angetrunken an. Doch sollte ein System auch für die Berauschten Sinn machen: Denn wir sind eure Kunden.

Die Schließfächer anstelle einer normalen Garderobe empfand ich als eine gute Idee. Der Raum war schön beheizt und man konnte immer ran wenn man wollte. Nur. 8 Euro für ein Schließfach? Da passten auch nicht „locker“ drei Jacken rein, wie man noch auf Facebook getönt hatte. Es ist Winter verdammt! Da passte gerade mal eine Winterjacke rein, und ein Pulli! Zu den 8 Euro kamen auch noch 5 Euro Schlüsselpfand. Dieser Pfand war das Einzige was Sinn machte…

Ne. Dass dieser Veranstalter uns tief in die Taschen greifen würde war zu erwarten.

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Die Idee mit den kostenfreien Decken zum über die Schultern legen fand ich gut. Hätten ein paar mehr sein können. Und. Was sagt es über ein Festival aus, bei dem man Decken braucht um nicht zu erfrieren? So oft sind wir dann auch nicht zwischen den Hallen gependelt. Im Kesselhaus drüben waren wir einmal. Und in diesem neu gebauten (schönen Glaskasten) auch. Optisch waren die Aufbauten okay bis hübsch. Leicht spacig. Es gab endlich auch einen kleinen Chillout-Bereich. Zum Hinsitzen. Das war angenehm. Und so manch einer nutzte die Sitzgelegenheiten. Um unter den Decken. Verschmitzt lächelnd. Drogen zu nehmen.

Über die Anlage im Zenith-Bereich wurde schon so viel gelästert: Zu Recht.

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Aber ich war ja mit Freunden da. Um Freunde-Sachen zu machen. Das funktionierte sehr gut und wir hatten Spaß an uns. Ganz besonders auf der Hinfahrt. Im Laufe des Tages flaute das ab. Der ganze Alkohol und … Machten es anstrengend. Derselbe Level ist selten zu halten. Schön aber das gleiche Niveau überhaupt mal gehabt zu haben. Jeder hat so seine Wünsche an die Nacht. Jeder seine Erwartungshaltung. Die Schnittpunkte verwischen manchmal und man muss sich mit weniger zufrieden geben.

Wir waren ja auch schon mittags aufgebrochen um gegen 15 Uhr 30 Rodhad zu hören. Der war mir aber zu dröhnend bassig. Nichts wofür man jetzt unbedingt früh anreisen musste. Hat man den gehypten Mann von vor zwei Jahren auch mal gehört. War ordentlich. Nicht mehr.

Ebenso wie bei Reinier Zonneveld. Drüben. Im Kesselhaus. Da war die Stimmung viel komprimierter, geballter. Hier hatte die Crowd auch schon zu der frühen Tageszeit Bock. Die Hände waren schon oben und… Na ja. Mehr ist von einer Crowd 2017 nicht zu erwarten. Also Hände oben, ein wenig Geschrei: Gute Sache.

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Kölsch wollte ich unbedingt hören. „Opa“ ist ein Mörderbrett und wurde nach einer Stunde von dem Mann mit Hut auch herausgehauen. Dass der Act aus Dänemark (nein, nicht aus Köln) mehr ist als ein One-Hit-Wonder bewies das darum herum aufgebaute Set. Ich fand es sehr tanzbar und es machte mir sehr viel Spaß. Es war mit das beste Set an diesem Tag. Ich war frisch und unverbraucht. Es war Zeit den Schuh fliegen zu lassen. Neben dem alten Rein/Raus-Spielchen: Rauchen und Token kaufen.

Weil meine Leute ein wenig lädiert und ich eh schon im Reiseleiter-Modus war, schob ich sie im Laufe des Tages von Bühne zu Bühne. Das ging ganz gut, weil noch nicht sooo viel los war. Ein wenig nervig war das Aufgepasse auf seine Leute zwar schon. Gehört aber halt dazu wo Gläser gekreuzt werden.

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Wir (na ja, vielleicht mehr ich) tanzten und hörten (eher die anderen) bei Uros Umek zu. Den Umek hatte ich auf meinem letzten Contact gerne gehört und auch diesmal enttäuscht er mich nicht. Sein Sound war schon immer treibender und flippiger als der normale Techno-Kram. Nicht ganz so kühl, nicht ganz so bolzig, schön 4 to the Floor mit einer leichten Prise musikalischer Gewürzmischung. Nicht das beste Set des Slowenen. War aber okay.

Süß war das back to back Set von Adam Beyer und Ida Engberg neben an. Das Schweden-Pärchen. Das war natürlich schön Bass und Rhythmus orientiert. Ein wenig holzig, ein wenig doof: Wunderbar 😀 Nicht der höchste Schwierigkeitsgrad für den Körper. Genau richtig schön zum Grinsen und Mitbouncen.

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Leider werden die Leute die auf Techno-Veranstaltungen gehen immer fauler. Man darf die gar nicht auf der Tanzfläche beobachten. Das ist eine Entwicklung die ich schon seit Jahren kopfschüttelnd kommentiere. Gestern waren die Leute aber schon extrem faul. Vielleicht. Liegt es aber auch an den Drogen. Die werden immer stärker, immer konzentrierter. So dass man gar nicht mehr die Energie hat wie ein Irrer zu dancen. Schade. Denn gerade so was musste man beim Set von Klaudia Gawlas machen. Sonst macht die Frau doch gar keinen Sinn!

Es macht immer Spaß mit ihr. Mit ihrer harten Form von Techno. Die Art von Techno, die mich vor 18, 19 Jahren zu der Musik brachte. Trotzdem (und gerade deswegen): Nach all den Jahren empfinde ich den Sound als ein wenig öde. Das kenne ich schon in- und auswendig und habe ich gerade in den Nuller Jahren viel besser gehört. Überhaupt und sowieso hat mich das musikalische Programm des Contacts daran erinnert, wie sehr ich mit dieser Art von Musik durch bin. Ja, ich liebe den ganzen Scheiß. Ja, we never stop living this way. Trotzdem muss man doch auch nicht beim immer gleichen Geknüppel stehen bleiben. Es gibt so viele verschiedene Formen von Techno (ich verwende den Begriff immer noch wie jemand aus dem Jahre 2000), von elektronischer Musik, dass ich mich mehr nach Abwechslung sehne. Die auf dem Contact nicht gegeben war. Klar ist es auch geil ein straightes Techno-Event im Jahre 2017 zu haben (es gibt ja immer noch genug davon, zum Beispiel die Time Warp in Mannheim), ich find´s dann halt ein wenig fad. Deswegen war´s das auch für uns und diese Party.

Hat Spaß gemacht. Nur mehr im Nachhinein als wirklich in der Zeit als wir da waren.

 

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Das Südufer-Festival 2017 in Friedberg – Rückblick

Was im Jahr 2017 vollkommen normal ist, war in meiner Jugend unmöglich: Heute kann man jedes Wochenende im Sommer auf ein anderes Festival gehen. Ja. Es gibt inzwischen sogar Festivals, auf die man auf zwei Wochenenden hintereinander gehen kann. Schließlich war man eh die ganze Woche da. Diese Vergnügungssucht der Europäer ist eine ziemlich einzigartige Entwicklung, wo man jetzt leicht den Moralischen spielen kann. Belassen wir es bei der Erkenntnis, dass es „früher“ nur zwei, drei Festivals in Deutschland gab, die den Namen auch verdienten (gerade was das Organisatorische angeht), heute ist das komplett anders. Dass dabei die Exklusivität verloren geht und man sich nicht mehr besonders besonders fühlen muss wenn auf ein Festival geht, ist eh klar. Aber. Ich halte das auch für etwas Gutes. Dieses Elitending ist ja auch immer ein wenig seltsam und baut auch ganz strange Strukturen auf, so wie der Irrglaube, wie man sich auf einem Festival verhalten muss.

Da muss dann unbedingt gesoffen und gekifft werden wie ein Loch. Da muss dann Flunkyball und was weiß ich gespielt werden. Da muss Dosenbier getrunken, billige Wurst gegrillt und Körperlich derbe gestunken werden; wie auch immer: Festivals gelten mit ihren Verhaltensregeln denen sich die Besucher dort auferlegen, fast schon wie wirede Sekten. Und weil ich mich schon immer für etwas Besseres hielt, bin ich froh dass die Proletisierung auf den kleinen Festivals noch nicht so weit fortgeschritten ist. Der Trend geht zur Nachhaltigkeit und weg von den Träumen des Prekariats, in seinem eigenen Müll ungeschützt aber anonym zu vögeln. Und wenn man richtig Bock hat es sich mal außerordentlich würdelos zu geben, geht das auch auf so einem Festival wie am Friedberger Südufer. Denn wenn man will, geht das überall. Der saublöde Gruppenzwang ist dann aber weg.

Das „Südufer Festival“ ist nicht nur ein kleines Festival. Im ersten Jahr  würde ich es sogar als ein „Familien-Festival“ bezeichnen. Alles sehr gesittet und auf einem vernünftigen, freundlichen Spaß-Niveau.

Ich war nur am Samstag und das Publikum bestand vornehmlich aus Jugendlichen und deren Onkeln und Tanten, die ohne Bedenken ihre kleinen Kinder mitbringen konnten, die dann selig im Kinderspielplatz Sandburgen bauten. Ich gebe ja zu: Das klingt jetzt schon Hardcore-Konservativ. So schlimm war es dann aber auch nicht. Es war einfach ein schöner Tag am Badesee, an dem sich keiner die Hände schmutzig machte. Okay. Das klingt immer noch ziemlich schlimm. Ist es aber nicht. Die Frage ist halt was man will. Und wie wir so da saßen. Das kalte Bier in unseren Henkelbechern. Und sahen. Wie sich die frischen Jugendlichen ohne Zorn amüsierten, badeten, chillten. Während die ersten Älteren am Techno-Floor zu Tanzen begannen (heute würde man wohl Electro-Floor sagen). Im spirituell schönen Sommer-Licht. Da. Da war die Welt schon ziemlich in Ordnung.

Diese Wahrheit ist dabei rein aus der Retroperspektive gewonnen. Weil. Ich mag das tatsächlich gar nicht so. Diese verdammte Hitze. Und dieses Leute-Kennenlernen. Selbst bin ich ja auch ein ziemlicher Idiot. Am Ende des Tages jedoch war alles gut. Man gab neuen Bekannten gerne die Hand und versprach sich ein Wiedersehen. Und nickte im Nachhause-Gehen den Tag freundschaftlich hinterher. Das hat Spaß gemacht. Wo lernt man auch sonst Leute kennen, die einen bereitwillig in ihrem angrenzenden Schrebergarten mit Gartenhäuschen zum Grillen aufnehmen, die einem einen Dübel von dem von  uns selbst mitgebrachten Gras anbieten, die ihr Bier an uns verschenken, uns dabei erzählen wie toll und einzigartig es war bei den Anfängen von Techno mit dabei gewesen zu sein, und können dann, nachdem man diese Menschen und ihre Post-Hippie-Attitüde schon komplett super gefunden hat, auf die Frage was sie arbeiten antworten können: Ich baue Panzer. Hä? 😀 Leopard 2. Wie geil ist das denn? So sind wir Bayern.

Die Bands? Wie die Bands eigentlich waren? Sorry Leute. Bin noch total verpennt. Habe sehr viel Schlaf nachholen müssen. Die Bands  (vornehmlich eine) waren besser als erwartet. Die „Nihils“ mit ihrer Pop-Electro-Art gefielen mir sehr gut. Erinnerten mich an die „Foals“. Und das ist nicht allzu schlecht. Wenn die Nihil-Jungs mal einen Hit schreiben, ist das restliche Programm von ihnen ein gutes Rahmen-Programm dafür.

Schluss machte „Lola Marsh“ an der Hauptbühne. Die vielleicht gar nicht schlecht waren. Mit ihrer Super-Sau-Blöden-Attitüde jedoch komplett albern und unerträglich auftraten. Bei so einer Band ist es sogar ein Fehler so viele Klicks auf You-Tube zu haben. Selbst wenn sie vom Sound her sicherlich sehr gut in die heile Kinder-Welt des „Südufer-Festivals“ passten.

Dann doch lieber wieder rüber zu den Druffis. Denn ohne Druffis geht es wohl nicht. Muss das denn jetzt? Was soll das denn hier? Mach doch mal langsam. Man muss doch nicht überall… Und jetzt halt doch bitte mal mein Bier. Ich will ein Foto machen.

 

Die See-Stage lag wortwörtlich im See. Der Sound war okay. Nicht wichtig. Im Moment gerade richtig. Durchdrehen wollte ja eh keiner. Sei es beim Set von Aril Brikha. Oder bei den Jungs von Auto.Matic-Music. Die so sehr ihr Label geworden sind. Dass sie schon gar keine Namen mehr auf den Time-Table drucken. Obwohl die für Auto.Matic überraschend gut auflegten. Der Aril gefiel mir sogar noch besser. Da schmofte man dann herum. Mit den Alten und jenen, die es gerne wären. Erzählte sich Geschichten. Lachte sich an. Und ließ die Vergangenheit einen netten Onkel sein, an dem sich die Gegenwart zum Glück nicht mehr messen musste. Wie das ganze „Südufer-Festival“, gerade weil es das erste Mal überhaupt veranstaltet wurde, keinen Maßstab hatte. Es war einfach ein chilliger Tag mit Freunden. Nichts Legendäres. Nichts Unvergessliches. Doch wenn man in ein paar Wochen oder einem Jahr daran zurück denkt, erinnert man sich an einen schönen Tag. Was will man mehr?

Absolution – 3 – Verliebt in Sarah

Paul folgte seinem Freund Chris. Sie wanden sich wie zwei Schlangen ihre Bahn an den stehenden oder tanzenden Leuten vorbei. Paul folgte Chris. Denn er war viel zu druff um die Initiative zu ergreifen. Er traute sich aus einem natürlichen, inneren Bedürfnis heraus nicht einmal die anderen Club-Besucher auch nur mit seinem Körper zu streifen. So zart fühlte sich seine berauschte Seele an. Die Misubishis hatten ihn ganz „gentle“ gemacht.

An der breiten und langen Club-Bar waren ein Bestell- und ein Anlehnplatz frei. Paul lehnte sich erschöpft beseelt an. Chris bestellte die Getränke. Irgendwie schien Chris alles zu machen. Immer. Die ganze Zeit. Dabei und vielleicht gerade deswegen bekam er nicht den Respekt den er dafür verdient hätte. Merkwürdig. Dass das Nichts-Tun für andere mehr Respekt auslösen kann, als sich selbst hinzugeben. Das Bier das Chris Paul reichte war super kalt und von Wasser beschlagen, so als ob der Barkeeper direkt in eine Fernsehwerbung gegriffen hätte um es dann Chris zu geben. Dieses Bier. War in diesem Moment. Das beste Getränk der ganzen Welt. Paul war Chris unendlich dankbar dafür. Doch Chris wollte auch etwas für sein Geschenk. Etwas ungleich wertvolleres: Chris wollte das Paul zuhörte. „Zuhören“ ist kostbarer als „Sprechen“.

So hörte Paul Chris Worten zu. Die nicht gerade eine große Überraschung verbargen. Denn Chris war verliebt in Sarah. Genau. In die Sarah. Die Schönheit ihres Clans. Die Frau. Die so fantastisch aussah, dass sie mit ihrem Aussehen jede Club-Tür für sie öffnen konnte.

Sarah war der mächtigste Mensch den Paul kannte. Das war schon immer so gewesen. Sarah hatte diese Macht, diese Aura, die die Welt um sie herum krümmt. Die sie in diesem ganz besonderen Licht darstellte. Sarah war schön, wenn nicht fast perfekt. Sarah war das Schönheitsideal. Nicht eines dieser Schönheitsideale, die sich im Laufe der Jahrzehnte ändern, so wie es sich von großen Brüsten und breiteren, „weiblicheren“ Hüften zu schlanker Taille, breiten Wangenknochen und Laufstegsehnigen Schultern entwickelt. Nein. Sarah würde immer als Schönheit betrachtet werden, vielleicht mal mehr oder weniger. Aber ihre Schönheit würde die Jahrhunderte überstehen, ganz egal wie der Feminismus auch abgehen würde: Ihre fantastische Äußerlichkeit würde sie immer objektifizieren.

Das war schon in ihrer Kindheit so gewesen, in ihrer Jugend, sowie auch zu diesem Zeitpunkt im Club, wo sie eine Frau in der zweiten Hälfte der 20ger war. Nur war sie ebenso verloren an das Märchen von Peter Pan, wie es die „verlorenen Jungs“ in der Geschichte waren. Sarah war nicht Wendy. Denn Wendy hat Peter Pan nie geliebt…

Sarah wollte nie erwachsen werden. Und ihr unbedingter Wille Spaß zu haben, machte aus ihr eine sehnige, blonde Drogenschönheit, ohne Kinder, ohne festen Mann und obwohl sie einen hatte, doch nie zu jemanden mit festen Wohnsitz. Sarah war wie ein Groupie der Rolling Stones: Seit einer Ewigkeit on Tour. Bis die Tour der Lebensinhalt wird.

 

Sie wollte immer nur Spaß haben, so wie alle das wollen, und was spräche schon dagegen? Nur wenn einem durch das Aussehen alle Türen offenstehen und man überall in dunklere und hellere Ecken vordringen kann, verändert das einen. Die Macht wird zu einer Natürlichkeit. Und plötzlich wird man von seiner Umgebung „leicht“ genannt. So werden Menschen schnell beurteilt, die leicht im Leben voran kommen. Die Dinge geschenkt bekommen weil sie etwas ausstrahlen. Weil sie etwas bekommen können, was für uns unerreichbar ist. Sie werden zu „leichten Frauen“, da es für uns so unfassbar schwer erscheint, das Gleiche zu bekommen. Und ganz egal ob das stimmt oder nicht, solche Behauptungen können zu Prophezeiungen werden, denen wir nicht entkommen können.  Nur fragt hinterher niemand, ob zuvor die Henne oder da Ei da war. Später, war Sarah immer so gewesen.

 

Getuschelt wurde schon früh. Das ist die Kehrseite der Schönheit. Sie nennt sich „Phantasie“. Denn wer so aussieht, bei dem stellen sich die Jungs und besonders die Mädchen, alles vor. Ihr Urteil ist ebenso klar, wie vernichtend es ist. Sarah war für ihr Umfeld immer wie eine Griechische Göttin: Makellos und doch menschlich.  Viel zu menschlich. Personifiziert. Besonders wenn man ein Mädchen ist, das gerne Lacht. Und mit den „bösen Jungs“ (die wie immer nur die ein wenig „älteren Jungs“ waren, sich aber ganz böse fühlten und gaben) mitgeht. Die Phantasie der anderen machte Sarah zu dem, was sie noch gar nicht war. Das fing klein an.

Sarah war die Erste, die Jungs auf den Mund küsste. Sie war die Erste, die mit Zunge küsste. Und selbstverständlich war sie die Erste, die ihn in den Mund nahm.

 

Nicht dass Sarah selbst solche Geschichten über sich erzählte. Nein. Auf jeden Fall nicht zu Anfang. Aber was soll ein Kerl der mit so einer klassischen Schönheit intim wird, denn anderes erzählen? Der blöde Kerl muss die Schönheit auf sein Niveau herunterziehen. Er muss sie beschmutzen um in ihrem Licht nicht zu verglühen. So wurde geredet. Nach und nach. Mehr und mehr. Und irgendwann dachte sich unsere Sarah, dass wenn sie schon von keinem mehr als Heilige betrachtet wird, sie auch keine sein muss. Sie wollte Spaß haben, sich amüsieren und was sprach dagegen? War es denn wirklich so eine Bürde im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen? Sarah war nicht dumm. Kein Mensch ist wirklich dumm. Und nur ein anderes Weltbild als andere zu haben, macht dich nicht zu einer dummen Schlampe. Das sagen nur Leute, die neidisch sind, die sich einer komischen Moral unterwerfen, weil sie innerlich hässlicher sind als in ihrem durchschnittlichen Äußeren. Manche Leute wollen dich einfach nur mit Dreck bewerfen, um dich auf ihr Niveau herunterzuziehen.

 

Es ist  nicht leicht eine Schönheit unter den Gewöhnlichen zu sein. Es ist nicht leicht von jedem angestarrt und reduziert zu werden. Da spielt es auch keine Rolle ob man die Situation einfach als leicht und gegeben betrachtet, ob man über sie hinweg lächelt. Was einem auch wieder als gewisse „Begrenztheit“ ausgelegt wird. Schöne Menschen tun sich viel schwerer gemocht und als „authentisch“ betrachtet zu werden, als der Durchschnitt. Schönheit hat immer auch den Ruf der Falschheit. Und der Stumpfheit. Das mag sogar stimmen, nur liegt diese „Falschheit“ nicht in der DNA der Schönheit begraben. Die „Falschheit“ liegt darin, dass man das Richtige im Falschen ist. Die Perle im Durchschnitt. Und so wird eine Perle vom Pöbel gerne aus Unwissenheit und Verachtung als „Fälschung“ deklariert und deklassiert, ohne dass sie sich überhaupt die Mühe machen sie wirklich anzusehen. Es ist leicht darüber zu urteilen, was man niemals haben wird.

Deswegen mochte Sarah die Partydrogen. Nicht weil die Männer auf Drogen nicht weniger geil oder die Frauen auch nur ansatzweise weniger schnippisch und neidisch wären. Aber auf Drogen ist ab einem gewissen Punkt eh alles egal. Irgendwann kippt die Stimmung, alle fühlen sich gleich. Auf einer Situation unter Drogen, kann sich selbst eine Schönheit mit einem Normalo richtig normal unterhalten. Die Blödheits-Urteils-Schranke zwischen einander ist weg. Und du bist nur der, der du bist. Nicht einmal mehr Frau oder Mann. Es sind nur zwei Menschen die sich unterhalten. Die miteinander tanzen, rauchen, trinken… Es mag sein dass die Drogen Sarah nicht schöner machten, sie erlösten sie aber auch von ihrer Schönheit. Sie machte sie menschlich. Für sich und für andere. Wenigstens für eine gewisse Zeit. Bis zu der Zeit, in der das Herz eines Freundes auf sie aufmerksam wurde.

Chris sah in ihr nicht dass was die Leute über sie erzählen. Nicht einmal dass, was er über sie wusste. Chris sah nur die Göttin in ihr. Und das war es was er Paul erzählte. Der da so lehnte. Und nur zuhörte und doch gleich wieder vergas. Der das alles total schön fand was sein Freund ihm da erzählte – die Tablette wirkte immer stärker in ihm, anstelle an Kraft zu verlieren – und dabei doch sehr tragisch. Sarah. War einfach nicht die Liga von Chris. Im Guten wie im Schlechten. Und das Schlimme daran war, das Chris das wusste. Chris war bewusst, dass das Leben kein „romantische Komödie“ war, in der der Held irgendwann alle Grenzen überwindet. Ganz sicher war Chris auch kein Held.

Absolution – 2 – Tanzen auf Ecstasy

Paul, um den es hier gehen soll, tanzte bald schon wieder alleine auf der stickigen Tanzfläche des „Ultraschalls“.  Nicht wirklich „alleine“. Die Tanzfläche war voll und wenn man nicht achtgab, konnte man sehr schnell die Person neben sich anrempeln und in ihrem Tanz stören. Es waren noch nicht die Jahre der überfüllten, geradezu überrannten Tanzflächen. Noch akzeptierte man den Raum den der Nächste benötigte um sich zu entfalten. Noch trampelte niemand auf der Moral dessen mit den gleichen Rechten herum. Paul tanzte nur für sich. Dafür war er nach München gereist. Er hatte das mit seinen Freunden getan und ja, dieses Feierreisen war hauptsächlich ein Freundschaftsding. Dennoch waren es genau solche Momente wie diese hier, die ihn immer wieder in die Clubs der großen, großen Stadt zogen. Paul liebte es zu Tanzen. Paul liebte diese Form von Freiheit. Wenn keiner etwas von dir will und die Musik dich in eine andere Welt saugt. Dass war Pauls Urlaub. Seine Freiheit. Seine Liebe. Für ihn waren diese Geschehnisse vorhin – die Umarmung mit Katha, die Bildung des magischen Kreises – nur Episoden der Nacht. Schönes Beiwerk. Tatsächlich aber war er nur zum Tanzen hierhergekommen. Darum ging es.

 

Katha hatte ihn noch angelacht. Dann war sie in dem falschen Nebel verschwunden, der wie eine Wand auf der Tanzfläche lag. Rein faktisch sah Paul gar nichts. Da war nur der Sound. Und der dicke, dicke Nebel. Hin und wieder blitzte etwas. Ein Arm flog vorbei. Eine wüste Gestalt… Irgendwo… Wäre er noch fähig zu Assoziieren, hätte er an Carpenters „Der Nebel“ denken können. Oder an ein schottisches Hochmoor. „American Werewolf“. Oder so. Die Optik war auf jeden Fall sehr spuky. Aber das war ihm natürlich total egal. Das Ecstasy schob ihn brutal voran. Und er fand es schön gerade Katha bei sich gehabt zu haben. Die süße, schöne, kleine Katha. Mit ihrem ehrlich schönem Lachen. Und den gelockten Haaren. Eine Frau, ein Mädchen mit 20 Jahren. Das aus ihrem Herzen heraus strahlen konnte. Und nein. Das konnte nicht nur die Wirkung des Ecstasys sein. Die  so genannten „Teile“ machen Dinge ja nicht schöner, sondern nur offensichtlicher… Er könnte gar nicht sagen, ob das stimmte… Auf alle, alle, alle, alle Fälle ging es ihm sehr gut. Ihm ging es leuchtend… Blendend. Wunderbar.

 

Als er begann im hellen, dicken Wolkennebel im Keller des Ultraschalls zu tanzen, wunderte er sich fast, wie leicht sich die gerade so schweren Arme fühlten, wie angenehm zart er sie zum harten Beat um seinen Körper gleiten lassen konnte. Er fühlte sich wie eine schwebende Sternschnuppe. Ein elektrisch geladenes Teilchen… Teilchen… Haha. Dabei musste er schmunzeln… Ohne auch nur eine Sekunde mit dem Getanzte innezuhalten. Ein Sonnenteilchen voller Glück. Und ja. Ihm war klar wie klischeehaft druff das schon wieder klang. Aber das war er. Ein Wesen voller Glück. Voller Energie. Jenseits von Gut und Böse. Ein Schmetterling. Ein Engel. Von sich selbst. Und von der Welt. Völlig losgelöst.

 

Er tanzte.

 

Der Nebel wurde mal mehr, mal weniger. Und bei dem Versuch die gekachelte Tanzfläche der alten Industrieanlage zu ein wenig zu durchlaufen. Verlief er sich… Auf diesen 30 Quadratmetern. Irrte er umher. Sah und trag niemanden. Was vollkommen unmöglich war. Und dabei war es doch auch ganz egal. So gut war das Gute. So schön war das… Schöne… Er würde gerne jetzt… Katha in die Arme nehmen. Gar nicht mehr. Nur einander festhalten. Und glücklich sein. Jenseits von Sex. Jenseits von allen Versprechen. Jenseits von Bindungen oder Zeit. Einfach nur hier, und jetzt. Und gut.

Er blieb stehen. Und tanzte weiter.

Nichts destotrotz zauberte es Paul ein Lächeln auf seine Lippen, als er neben sich Chris wahrnahm. Chris schien ihn – möglicherweise – schon eine Weile zu beobachten. Ob der Zeitraum in diesem Moment eine halbe oder gar fünf Minuten ausmachte, spielte in diesem Zustand keine Rolle. Pauls Verwunderung war kurz und sofort verflogen. Er mochte Chris. Auf Droge sowieso noch mehr als ohnehin. Was kein Grund für Paul war das Tanzen einzustellen. Sein Körper machte einfach weiter und wenn Chris Lust dazu verspüren würde, würde er mitmachen. Chris aber stand einfach nur da und rauchte seine Zigarette. Paul konnte und wollte auch gar nicht wirklich erkennen, was für ein Gesicht der Chris da zog. Es spielte auch gar keine Rolle. Die Musik, die Bewegung und die Droge bereiteten ihm genug Vergnügen um einfach weiter zu machen. Und als der im Untergrund weltberühmte DJ eine noch aufpeitschendere Platte spielte, musste Paul Chris einfach angrinsen. Dazu beschleunigte er seine Bewegungen. Chris grinste ihn aufmunternd an. Bis. Bis Chris sich zu ihm vorneüberbeugte und leicht nass in sein Ohr brüllte: „Lass mal hochgehen!“. Ohne zu Zögern nickte Paul seinem Freund zu. Er war inzwischen so drauf, dass jede Aktion eine gute Aktion zu sein schien. Das zweite Ecstasy-Tablettchen mit dem Misubishi-Symbol zu essen war ihm in dem Moment vor 20 Minuten wie eine blöde Idee vorgekommen – natürlich hatte er es trotzdem gemacht. Hatte die von einem dunklen Drogenimperium selbst gestanzte Tablette aus Chris verschwitzter schmutziger Hand in seinen Mund genommen. Sie hinunter gespült.

„Hochgehen“ war eindeutig ein Ausdruck dafür um an die große Bar zu gehen.

Absolution – 1 – Mit Freunden beim Feiern

„Was ist los mit dir?! Träumst du?!“ Katha streifte ihre Haare hinter ihr linkes Ohr zurück. Lachte ihn dabei an. Das Sekunden genau programmiert Licht der Scheinwerfer huschte über sie hinweg und erleuchtete ihr von innen heraus strahlendes Gesicht. Er huscht über ihre großen lachenden Augen. Ihren wunderbaren Mund mit den fröhlich entblößten Zähnen. Dann war das Licht fort. Nur das Lachen blieb. Ein Lachen. So einnehmend und wunderschön, dass es kein Licht benötigt um vorhanden zu sein. Paul strahlte zurück. Das Scheinwerferlicht war nun mit ihm. Einen Augenblick lang fühlten sie sich wie zwei große schöne Sonnen, die ihr Feuer ineinander reflektierten. Unvermittelt nahm irgendwer den anderen in die Arme. Es spielte auch gar keine Rolle, wer die erste Bewegung machte. Denn bei solchen Umarmungen gibt es keinen Auslöser. Nur das Gefühl einen Menschen den man mag in seinen warm verschwitzen Armen zu halten. Der Techno-Sound hämmerte über sie hinweg.

Sie trennten sich voneinander und tanzten ein wenig wild zu dem Techno-Beat. Wie man es seit jeher so macht. Miteinander. Und jeder für sich alleine. Bis einen weiteren Augenblick später, die anderen Freunde von irgendwoher absolut plötzlich zu ihnen kamen und sich mit ihnen freuten. Und tanzten. Es war einer dieser Momente, in dem sich die gesamte sichtbare Welt daran erfreute, vorhanden zu sein. Selbst der falsche Nebel freute sich. Ebenso wie die von warmen Schweiß nassen Fließen an den Wänden. Aus den Maschinen klackerte dazu stakkato mäßiges Geklacker. Während der Beat und der Bass ihren Körpern automatische Bewegungen vorgaben. Überall war Rhythmus. Eine heitere Diktatur. Alles was geschah, musste so geschehen. Geschah ohne Kraftaufwendung. Ohne Plan. Ohne Wiederstand. Ein unbeteiligter Beobachter, ein Vernunft- und Tagmensch, mochte die Szene in dem finster verrauchten, stinkenden Techno-Club als hart, kalt und rau, gar „Lebensfeindlich“  missverstehen, was nur daran liegen könnte, dass er das Glück in den Menschen nicht verstand. Dieses Treiben hier war alles andere als kalt und rau. Es war alles andere als lebensfeindlich. Es war das pure Glück. Ein Himmelreich. Unter der Erde. In einem alten Industriekeller. Den wahrhaftig. Die Gebrüder Grimm hatten gelogen. Und Kinder haben keine Ahnung von den Märchenlandschaften der Erwachsenen.

Dann schrie irgendwo wer. Und plötzlich schrien alle mit. Im programmierten Licht. Im inszenierten Nebel. Im Geschepper der Maschinen. Ein Gefühl wie im Garten Eden.

Irgendwer von den Freunden hatte Wasser dabei; es wird herumgereicht. Alle freuen sich. Ja geil jetzt! Wasser! Bis die Flasche leer war. Kein Wunder dass es am Ende nicht der schöne Miguel war der den letzten Schluck aus der Flasche nahm und dann ein wenig überrumpelt in seiner Dichtheit damit herum stand. Es war Chris. Der kleine deplatzierte Chris. Der schon immer nie ganz zu einer Gruppe gehört hatte und durch seine Erlebnisse und Erfahrungen einen viel reflektierten Charakter mit sich herumtrug als der gutaussehende Miguel. Miguel, der Südländer. Der Student. Ein Sammelsurium an Charme und Bildung, die sich profaner weise nie bis in seine Seele erstreckte. Natürlich war es Chris der ein klein wenig überfordert mit der leeren Glasflasche dastand. Im Nebel umher blickte. Bis er schließlich ein paar Meter entfernt einen Stehtisch erspähte und die Flasche dort hintrug. Währenddessen hatte sich Miguel längst zwischen die Frauen geschlichen und je eine mit einem Arm umfasst. Natürlich hatte er den letzten Schluck für Chris „übrig gelassen“. Zum Wassertragen war er zu wichtig. Auch wenn er das selbst gar nicht mehr wahr nahm. Chris kam zurück und stellte sich an die Seite.

In dem Kreis den sie nun bildeten gab es kein wirkliches Gespräch. Auch wenn ein paar Fetzen durch den brülllauten Sound hin und her gerufen wurden. Sie lachten sich nur an. Glücklich. Verstehend. Dicht. Es war jetzt genau der richtige Zeitpunkt nachdem sie zusammen und jeder für sich das Ecstasy genommen hatten, dass Chris in einer fast einstündigen Suche im Club aufgestellt hatte. Wahrscheinlich war dies auch der richtigste und genauste Zeitpunkt ihrer gemeinsamen Freundschaft, wie sie druff so im Halbkreis dastanden. Wie das Auge eines Orkans. IM Auge eines Orkans. Der aus ihrem eigenem Glück und  dem aufgewühlten Darumherum bestand. Tosend und still zugleich. Sicherlich würde sich ihre Freundschaft nie wieder so klar und intensiv anfühlen wie in diesem ehrlichen Moment auf Droge. Nichts könnte jetzt. In diesem Augenblick  der klarsten Wahrheit. Ihren Kreis durchbrechen.

Und dann war es auch schon wieder vorbei.