Absolution – 7 – Der Pfad der Dämmerung

Den richtigen Zustand der phantasiert/realen Euphorie zu erreichen war zu seinem Lebensziel geworden. Alles andere war nur Beiwerk. Und konnte er nun, so wie es jetzt geschah, in sich selbst und in seiner Traumwelt onanierend wegdämmern, war ihm so, als würde sich seine Persönlichkeit auflösen. Er war nicht der verschwitzte Typ der sich Stundenlang vor dem Rechner seinen Schwanz rieb und massierte bis dieser blutig und an den Seiten merkwürdig geschwollen war (wie ein Gesicht, dem man einen gezielten Schlag versetzt hatte); Paul war gar nicht da. Paul war weg. Paul war fort. Sein Körper war nur eine Hülle. Ein Gefäß in dass er zurückkehren musste: Irgendwann. Nein. Der echte Paul war weg. Der echte Paul erzählte sich Geschichten. In diesen erotischen, eindeutigen Geschichten ging es nicht nur darum mit Frauen den Akt zu vollziehen. Es ging um Alles. Um das Ganze darum herum. Er sah nicht nur die Göttin und die Lust. Das hatte ihm schnell nicht mehr ausgereicht. Nein. Um die Lust zu erleben, musste ein ganzes Universum erfunden werden. Eine Parallelwirklichkeit. In der er ein Szenario entwarf, aus dem die Lust entspringen konnte. Sein chemisch verbesserter, übereuphorisierter Verstand schrieb den Frauen Biografien auf die Seele, Charaktereigenschaften, Wünsche, Ängste und Nöte, warum sie in diese Situation gekommen war, was sie wollten, was nicht und was sie zusammen erlebten. Der Sex war immer nur Sex. Und es wäre gelogen gewesen wenn dieser Sex nicht wichtig wäre. Er war tatsächlich der Dreh- und Angelpunkt des ganzen Geschehens. Viel wichtiger erschien ihm aber die erfundene Person hinter seinem Begehren. Eine Person. Eine Frau. Die er nach seinen eigenen Wünschen erschaffen konnte. Paul merkte es nicht einmal, dass er sich zwar nach Sex und Zuneigung sehnte. Es ihm aber die größte Lust verschaffte, Gott zu spielen. Die größte Befriedigung war es. Allmächtig zu sein. Nicht nur irgendein kleines Rädchen im Getriebe einer Welt die ihn nicht brauchte um sich selbst zu erhalten.

 

Er sah gar nicht mehr nicht auf den Bildschirm. Seine Augen waren lächerlich lustvoll zur Wohnungsdecke verdreht. Während er von einer Katha träumte, von der er mehr wusste, als von der echten Katha selbst. Er begehrte einen Körper, der perfekter war, als der es von Katha jemals sein konnte. Und doch. War er der ihre. Er verzehrte sich nach ihrem Schamgefühl, welches er tiefer und intensiver spüren konnte, als es jemals möglich gewesen wäre, wenn er wirklich mit ihr in einem Bett gelegen hätte. Paul schrieb ihr seine Gedanken auf ihre Seele. Und konnte so ihre eigenen lesen. Es war das ultimative Verständnis zwischen Mann und Frau. Da waren keine Grenzen mehr. Sie verbanden sich zu einem Wesen. Einem Wesen voller Perfektion. Unter dem Kick einer Drogen, die sein Herz fliegen ließ… Er war nicht mehr der kleine Junge der von seiner Mutter verlassen wurde… Er war…

 

Nichts erschreckte ihn schlimmer als wenn er in solchen Momenten aus seinen Träumen gerissen wurde. Er toste auf und sein Herz blieb drei Sekunden stehen. Paul. War unfähig zu atmen. Er stand in seinem Sessel. Dabei hatte nur sein Handy einen Nachricht empfangen. Erschüttert sah er sich um. Das Video auf dem Bildschirm lief Tonlos weiter. Da standen noch die zwei Flaschen Wasser. So gut wie unberührt. Daneben eine Packung Taschentücher. Irgendwo dahinter. War sein Handy. Das vibriert hatte. Warum auch immer. Irgendwer. Von der Außenwelt hatte sich eingemischt. Paul wischte sich mit seiner Hand über sein verschwitztes Gesicht. Lehnte sich wieder in den von seinem Schweiß durchnässten Sessel zurück. Einen Moment lang konnte er seinen eigenen Gestank riechen. Er zwang sich einen Schluck Wasser zu nehmen. Und sah dann auf sein Handy. Sein Blickfeld war verschwommen. Er konnte die Buchstaben kaum entziffern.

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Alkohol ist die Lösung

Es ist ein guter Brauch jeder Augsburger Profimannschaft, zu verlieren wenn ich ihm Stadion bin. Keine Ahnung warum das so ist, denn trotz allem sind die Vereine auf dem Papier immer erstklassig. Gestern war die Ausnahme von der Regel. Die Augsburger Panther fegten die Hamburger Freezers mit 4 zu 1 vom Platz. Ihr erster Auswärtssieg.

Nicht das ich, nicht das wir, große Eishockey-Fans wären; wie so oft sollte es einfach mal wieder was „anderes“ sein.

Ansonsten denkt man gar nicht darüber nach, wie viele tausende, wie viel Millionen Menschen auf der ganzen Welt sich an Wochenenden oder in der Arbeitswoche,  ihren nicht Mainstream-Hobbys hingeben, sich in irgendwelchen Sport-Kathedralen einen hinter die Binde gießen, sich in Wäldern verkleidet mit Schwertimitaten verprügeln, zu für andere seltsamer Musik noch merkwürdiger zu bewegen, in „ihren“ Swinger-Club gehen oder nur mit den Kumpels von der Freiwilligen Feuerwehr abhängen; Menschen machen diese für anderen komischen Dinge die ganze Zeit und sehen darin, wenn nicht gleich ihren Lebensinhalt, ihren Ausgleich zum ganzen Wahn der Arbeits- und Familienwelt.

Da muss ich gleich an den Ulrich Seidl Film „Im Keller“ denken.

Wir haben nicht unser Ding. Sind nirgendswo hängen geblieben. Heute also: Eishockey.

Ich war vor ein paar Jahren schon einmal im Augsburger Panther Stadtion gewesen – dem Curt-Frenzel-Stadion – und hatte es zwar ein Dach, nur leider keine Wände. Und so eine Wintersportart ist gerade im Dezember sehr, sehr kalt, was auch ein Grund dafür sein kann, weshalb die Stimmung dort immer sehr gut war.

– Gegen die Kälte.

Im Jahr 2015 haben sogar die Augsburger ein schönes Stadion (mit Wänden), mit allem möglichen Schnickschnack. Das Spiel war gut. Die Leute okay. Auch wenn man sich selbst natürlich immer ziemlich fremd fühlt gegen die hierherkommenden Gewohnheitstäter und Ultras. Dazu gehören wir bei so Veranstaltungen nie, wie auch?

Und da sind wir jetzt beim Punkt der Geschichte angelangt.

Nüchtern kann ich solche Massenevents kaum ertragen.

Ich.

Bin dann auch schwer zu ertragen.

Nüchtern sein langweilt dann einfach. Natürlich habe ich in meinem Leben mehr als genug Drogen genommen aber das ist jetzt auch schon ne Weile her. Trotzdem muss ich, wie Millionen Deutsche und sicherlich Milliarden Menschen auf diesem Erdenrund, ein Bier in der Hand und eines in der Kehle haben um mich entspannen zu können. Und. Um in solchen Veranstaltungen aufgehen zu können.

„Für mittendrin statt nur dabei“ bedarf es für mich des Angeschickertseins. Keiner Volltrunkenheit, es genügt der berühmte gewisse Level.

Darüber denkt man mit Mitte dreißig gar nicht groß nach, wenn man vor einigen Jahren noch eine Flasche Wodka mit einem Gram Speed innerhalb einer Stunde plattmachen konnte. Alkohol gehört dazu. Er ist Lebensgefühl. Und früher war eh alles schlimmer, hefiger, totaler (ehemalige Drogensüchtige haben immer ihren eigene NSDAP-Mitgliedschaft und ihren persönlichen zweiten Weltkrieg hinter sich).

Meine Freundin hält mir natürlich immer vor, dass man auch ohne Alkohol Spaß haben kann. Da gebe ich ihr Recht. Nur warum sollte ich versuchen ohne Alkohol Spaß zu haben, wenn ich ihn garantiert MIT haben kann? Seien wir doch mal ehrlich: Jede Sportveranstaltung, egal im Stadion oder vor der Glotze, ist besser wenn man ein Bier, Wein oder was weiß ich in der Hand hat.

Alkohol hilft uns los zu lassen.

Ich weiß nicht in welcher Welt ihr lebt. In meiner Welt muss man schuften wie ein Irrer, um durch den Tag zu kommen. Und hin und wieder ein wenig Alkohol zum Entspannen zu trinken, ist für mich Normalität. Er hilft zu vergessen. Loszulassen. Und in dem Punkt kann ich auch jeden Kiffer verstehen, wenn er es einfach zum Entspannen. Braucht. Jeder klardenkende Kiffer oder Alkohol-Trinker sollte dabei auch die Einstellung haben, dass er froh wäre, den Alkohol NICHT zu brauchen. Es ist nur die Welt, die einen dazu treibt.

Das klingt nach einer Ausrede. IST eine Ausrede. Und doch auch die Wahrheit.

Selbstverständlich will ich nicht dauernd breit sein. Ich will nicht damit vor meinen Problemen davonrennen. In gewissen Situationen MUSS und will man auch nüchtern sein. Zum Beispiel würde ich nie hier auf Droge an dieser Tastatur sitzen, weil ich einfach nichts lesbares produzieren könnte. Auch kann ich nicht einmal nach einem Bier ein Buch lesen. Nein. Alkohol und Drogen machen NICHT Alles besser. Es hilft nur den Lebensdruck zu senken, gerade in Situationen wie gestern. Denn ich kann mich nicht sofort supernüchtern in ein Stadion stellen wie gestern, und mich dort nicht erst einmal deplatziert fühlen. Ich brauche mindestens zwei Bier, um meine eigenen Kritiker-Radar herunterzufahren um die Menschen um mich herum in ihrem Fetisch zu akzeptieren und um ein Teil von ihnen zu werden.

Nüchtern bin ich eher ein zurückhaltender Charakter, angeschickert nicht. Wahrscheinlich liegt mein Denk-, mein Emotionsfehler darin, dass man sich in jede Situation hinein fühlen muss, um daran Teil haben zu müssen. Wenn ich aber NICHT Teil habe, werde ich als ein unmöglicher Charakter beschrieben, der einem alles schlecht macht…

Das letzte Drittel des Eishockey-Spiels war das Beste. Die Fans gerieten außer Rand und Band. Die donnernden Gesänge wurden noch einmal unfassbar lauter, einnehmender… Aus der Menge auf den Rängen wurde eine kraftvolle Singularität, die wie ein Mann agierte. Keiner krakelte aus der Reihe.  Die Hände hoben sich nach dem Vorbild und Diktat des großen, unsichtbaren Choreographen, der überall seine Fäden zieht. Alle hüpften im Einklang umher. Frauen. Männer. Kinder. Alt und jung. Und auch wenn die Kinder nicht betrunken waren, so eiferten sie doch dem betrunkenen Vorbild ihrer Erziehungsberechtigten nach, denn im letzten Drittel eines Eishockey-Spiels (welches mit Unterbrechungen ziemlich lange dauern kann) sind die meisten Fans eh nicht mehr nüchtern. Wieso auch? Denn entweder haben sie gerade gewonnen, verloren… Oder Alles stellt sich als ein unglückliches Unentschieden heraus.

Der modifizierte Frauenkörper oder: Frauen sind wie Cannabis

Hier mal ein kleiner Text-Versuch zu meinem neuen Roman. Ist frei weg von der Leber geschrieben und muss natürlich noch umgebaut werden. Aber für den Blog tut es das 😉

Es war im Prinzip kein großes Wunder, dass er der Sex-Sucht verfallen war – virtuell, real, das spielte keine wirkliche Rolle. Denn in Wahrheit waren wir eine voyeuristische Gesellschaft geworden, in der unabhängig vom Beziehungsstatus unablässig sexuelle Impulse und Verlockungen auf uns einprasselten. Das ganze virtuelle Leben, welches mehr und mehr das „reale“ verdrängte, war durchsetzt von Paarungssignalen, denen der Urmensch im entwickelten Mensch hilflos ausgeliefert war; nackte Werbung überall, Schönheit ohne Ende. Und es war ja nicht nur „normale“ Schönheit der ein einsamer Mann oder Frau die ganze Zeit ausgeliefert war, nein, es war eine ständig optimierte Grazie, der permanent nachgeholfen wurde, um noch eine höhere Rattenfängerische Wirkung zu erzielen, nicht nur durch die berühmten Software-Programme ala Photoshop, nein, das war nur die Spitze des Eisbergs. Den Einfluss der Schönheitsindustrie, die anfangs „nur“ durch Make-Up die Frauen und später die Männer optimierte, begann durch die Schönheitschirurgie die Natur zu „verbessern“ und machte dort weiter, wo die Mode mit ihren ebenfalls Wahrnehmungsverändernden Verpackungsstrategien nicht mehr weiter konnte, da sie zwar den Körper betonen, jedoch nicht nachhaltig verändern konnte.

In der Werbe-Industrie gibt es den Begriff der „Jolts“. Ein Jolt ist ein „technisches Ereignis“, welches unsere Aufmerksamkeit einnimmt, „das den Geräusch-, Gedanken- oder Bilderfluss unterbricht“ (Aus „Culture Jamming – Das Manifest der Antiwerbung“ von Kalle Lasn) wie ein lautes Geräusch in einem Film, ein schneller Filmschnitt, eine andere Kameraperspektive. Wir können nicht mehr einfach nur vor der Glotze sitzen und uns einen Film ansehen, der nicht gejolted wurde, da er uns als zu langweilig erscheint, siehe moderne Marvel-Filme contra eines Filmes von Rainer Werner Fassbinder aus den 70ger Jahren – egal welcher, denn: Vor 30 Jahren reichten den Fernsehmachern 10 Jolts pro Minuten um bei ihrem Publikum keine Langeweile aufkommen zu lassen: Zu MTVs Hochzeiten waren es 60 Jolts pro Minute. Der Wert hatte sich also versechsfacht. Und wenn unsere Jolt-Dosis zu niedrig ist, langweilen wir uns und fangen an im Fernsehen herum zu zappen, um durch das ständige Umschalten unsere eigene Jolt-Dosis zu erhöhen (siehe „Culture Jamming“).

Es gibt aber nicht nur „technische Ereignisse“ in der Werbe-Industrie die uns jolten, sondern auch solche, die durch die sexuelle Optimierung hervorgerufen werden. Frauen stehen stundenlang vor dem Spiegel und modifizieren ihre Erscheinung mit ihren „kleinen Tricks“, um aus sich eine Schönheit zu zaubern, die der Herr Gott sich so nicht gedacht hatte; sie erhöhen selbst ihren Jolt-Wert.
Er war sich sicher: Es gab kaum einen Unterschied zwischen einem Jolt im TV und denen, die sich eine Frau auf den Körper pinselte oder mit anderen Hilfsmitteln auf den Leib zog.
Da gab es die kleinen, fast schon natürlichen Jolts wie gezupfte Augenbraunen, toll liegende Haare, dezenter Lippenstift, Ohrringe – die Basics. Dazu kamen je nach Situation (Wochenendparty oder gesellschaftliches Event) das besondere Parfum, das spezielle Oberteil, dass tiefen Einblick oder die Formen hervorhob, Push-Up, die Hautenge Hose oder der kurze Rock, und selbstverständlich die Stöckelschuhe, die für den perfekten Gang die Brust nach vorne drücken und den Po betonen. Und er war nur ein Mann und war sich sicher, dass es noch zig kleine Details und Raffinessen gab, die ihn zwar beeinflussten, welche er aber bewusst gar nicht wahrnahm. Eine Frau war also (wenn ihr danach war) eine Summe von „technischen Ereignissen“ geworden. Sie war überzogen von einer Maskerade aus Jolts um die Aufmerksamkeit aller Männer auf sich zu ziehen. Aber es ging hier ja nicht nur um EINE Frau, sondern um Alle… Jeder Mann (bleiben wir beim Mann da es sich bei ihm um einen solchen verstand, natürlich begannen Männer auch das Jolt-Spielchen zu spielen) war fast überall und die ganze Zeit von aufgepimpten Göttinnen umgeben – und dabei spielte es auch keine Rolle, wenn die Wissenschaft uns einschärfte, dass der Mensch psychisch noch immer die Altlasten des Urmenschen mit sich herumschleppte und gar nicht anders konnte, als sich davon angesprochen und erregt zu fühlen. Das ist doch der Trugschluss: Eine Frau sagt sich, dass sie selbstbestimmt ihrem Körper ausstellen darf wie sie es will. Schließlich ist es ihr Körper. In Wahrheit aber stellt sie nicht IHREN Körper aus, sondern einen Körper der durch Produkte von Kryolan, Oil of olaz, Gucci, Karl Lagerfeld oder gleich von Dr. Dr. Prof. Werner L. Mang auf ein Aufmerksamkeitslevel gepimpt wurde, der nicht nur ungebildete Männer blind werden lässt für jegliche Moral – und sie zwangsläufig zu Voyeuristen degradiert: „Anschauen erwünscht. Anfassen – nicht.“ Das war doch unmenschlich und unnatürlich. Und eine Zwickmühle. Entweder liefen die Frauen wie Nutten umher – oder in der Burka und machten auf „Überraschungs-Ei“. Beides schien verkehrt, da das Maß verloren gegangen war.

Im Gespräch mit seinen Freunden hatte er auf den verkürzten Punkt gebracht:
„Ein moderner Frauenkörper hat das gleiche Problem was heute Cannabis hat. Früher hat man sich Cannabis daheim auf dem Balkon angepflanzt – und er war angenehm und bekömmlich. Heute kauft man sich mit Chemikalien aufgemotztes und mit Genforschung optimiertes Gras, vielleicht sogar noch mit Blei besprüht um es schwerer zu machen; am Ende auf jeden Fall haben wir eine Droge, die natürlicher aussieht als das Zeug vom Balkon, aber eine zigfach höhere Wirkung beinhaltet – und ebenso mehr süchtiger macht. Frauen sind wie Cannabis geworden: Die Natürlichkeit ist dahin und wir sind dem hilflos aber gern ausgesetzt: Ohne an die Folgen zu denken. Klar kannst du wieder auf deine ungeschminkte Freundin vom Balkon umsteigen, aber du wirst immer mit hartem Schwanz auf die chemisch und modisch aufgejolteten Superschnitten blicken, die uns jolten und unserer Psyche genau die Reize gibt, nach denen sie giert, sie kann ja auch gar nicht anders. Und wenn du ehrlich zu dir bist wirst du dir denken: Warum ist meine Freundin nicht auch so? Ganz egal wie geil sie in Wahrheit ist. Weil der Neandertaler in dir mit seinen Trieben gar nicht klarkommen kann und lieber diese Pseudo-Play-Boy-Häschen haben will. Und ganz egal wie sauer deine Freundin dann auf dich sein will: Du kannst im Prinzip gar nichts dafür. Das ist das Produkt der sexuell/industriellen Revolution. Mann ist die ganze Zeit von Heißmachern umgeben, soll aber nicht einmal mehr gucken dürfen. Wisst ihr was? Das ist genau das was der Katholizismus immer wollte. Der Gläubige umgeben von Millionen Versuchungen. Aber am Ende bleibt er sich selbst und seiner Moral treu, bleibt beim wahren Glauben… Und er lebte glücklich aber ständig aufgegeilt bis an sein Lebensende… Am Arsch Freunde!“

Er sprach es nicht aus, dachte es sich aber: Die Schönheits- und Werbeindustrie stachelt zu Vergewaltigungen an.

Geilheit ist die kleine Schwester von Sucht

Ich lese immer noch die „Die Juliette Society“ von Sasha Grey. Ihr Buch gefällt mir sehr gut. Witziger weise nicht wegen der Hard-Core-Sex-Szenen, es ist ihre Philosophie dahinter die mich fesselt. Damit wollte ich keine Erwartungshaltung aufbauen, darüber schreibe ich ein anderes Mal.
Mir ist nur gerade aufgefallen, wie anstrengend es ist geil zu sein. Nicht dieses entspannte Lebensart als Deichkind die sie mit „Leider geil“ auf den Punkt gebracht haben, leider aber auch vollkommen am Ziel vorbeigeschossen sind; das hat ja nichts mit „geil sein“ zu tun, sowie der Ausdruck „geil“ als Zustimmung zu einem Umstand oder einem künstlerischen Werk (Musik, Film, Bild, Buch, Spiel – egal) absolut schwachsinnig ist. Das findet man „toll“, dem stimmt man zu, das kann einen sogar überraschen und gefällt einem deswegen auf eine ungewöhnliche Art, doch mit „geil“ hat das nichts zu tun. Gar nichts. So denken Kinder, die von „Geilheit“ so viel Ahnung haben wie von „Weitsichtigkeit“ (was hat mein Handeln für Folgen…) oder „Ironie“ – gar keine.

„Geil sein“ ist meiner Definition nach die kleine Schwester von Sucht: Man braucht etwas un-be-dingt. Das hat nichts mit „Bock haben“ oder sich nach was sehnen zu tun. Hier geht es um MUSSmussMUSS. Um jetztJETZTjetzt. „Geil sein“ ist nicht nur animalisch, es ist auch das komplette Gegenteil, nämlich übermoralisch. Es fegt die ganzen kleinen Moralitäten weg, an denen man die den ganzen Tag klammert, an welchen man den Kompass seines Lebens ausrichtet.
„Geil“ bedeutet auch nicht gleich „Sex“. Das denken wir nur, da wir zu sehr durch den Blick der Pornografie auf Sex geblendet sind, die uns vormachen will, dass der einzig wahre Sex nicht der Liebessex ist, sondern der geile doch niemals endende Rammel-Sex wäre.
Nein. Doch. Ich glaube das wirklich: Geilheit ist die kleine Schwester von Sucht. Denn der Sucht kann ein Mensch alles opfern. Sie kann sein ganzes Leben auffressen – und er wird dabei verzückt lächeln solange er dabei ein Gefühl der Befriedigung empfindet. Beides geht nur um den chemischen Kick, wobei der sexuelle durch die Körperchemie entsteht, während der Drogeninduzierte Rausch dem Körper zugeführt werden muss, weshalb die Drogen länger anhalten, da der Reiz nicht so schnell verfliegen kann. Der Kater danach kann der Gleiche sein, da man sowohl durch Sucht als durch Geilheit Taten vollbringt („Entscheidungen“ kann man es fast nicht mehr nennen) die man im Nachhinein ungeschehen machen will. Und man muss nicht den Kausalitätsbegriff definieren um zu wissen, dass das unmöglich ist.

Beides geht vom Gehirn aus. Beides lässt sich steuern. Gegen Beides kann man Maßnahmen ergreifen, selbst wenn man von Beiden gleichzeitig abhängig ist. Und doch wird der Mensch es später immer wieder bereuen und mit sich hadern, dass man sich die eine oder andere Chance hat entgehen lassen… Genz egal wie dumm und selbst zerstörerisch es in der Situation auch gewesen wäre. Jeder will MEHR, doch die Vernunft sagt: „Nein.“ Und das ist wichtig und richtig. Dennoch glaube ich, dass das auch der Grund ist warum die meisten von uns ihrer Jugend hinterher trauern: Weil man vieles einfach zulässt und einfach durchzieht, ohne Rücksicht auf Verluste, ganz egal wie sehr wir uns später dafür hassen. Vermutlich. Ist dies eines der Dinge, die den Menschen ausmachen, ohne dass wir es uns eingestehen wollen… Und wer das ganz ablehnt und verdrängt, der lehnt auch das Menschsein ab… Der ist heilig. In den meisten Fällen nur scheinheilig. Komisch: Die Sucht und ihre kleine Schwester sind mir dagegen tausendmal lieber…

Das „Vertrauen“ welches sich Geliebte gegenseitig aussprechen, ist ein Versprechen darüber, die Sucht und die Geilheit im Zaum zu behalten. Denn – oh ihr armen Romantiker – am Ende und hin und wieder strebt der sexuelle Trieb im Menschen nicht nach einer zwei Staatenlösung: Er will nach Möglichkeit ALLES.

Doch bevor du irgendeine Dummheit machst: Mach´s dir selbst. Und treffe dann eine Entscheidung.

Die Köpfe der Hydra

Nach und nach werden die „falschen Freunde“ immer weniger. Von machen habe ich mich getrennt, andere melden sich einfach nicht mehr. Mit „falschen Freunden“ meine ich die, durch welche ich mit Drogen in Kontakt kommen könnte. Nicht irgendwelche Drogen: Meine. So wie jeder richtig Süchtige Schrägstrich ehemaliger Suchtler (was fast das Gleiche ist) wollte ich nicht irgendwelche Drogen, sondern mein Lieblingszeug. Alle anderen Drogen waren nur Spielzeug. Zeitvertreib.

DIE Droge selbst ist wie eine Hydra, über welche mir nur das einfällt, wodurch die Hydra bekannt ist und immer als Metapher dient – die nachwachsenden Köpfe. In der Geschichte reicht es nicht die Köpfe abzutrennen, da sie wie gesagt nachwachsen, und lange Zeit habe ich nicht einmal versucht die Köpfe meiner Hydra abzuschlagen, ganz gleich ob es etwas gebracht hätte. Die Köpfe meiner Hydra waren für mich die Schädel meiner Freunde, durch die ich an den Stoff gekommen bin – und ich wollte Beides: Diese Freunde haben ja, trotzdem wollte ich aber auch mit den Drogen aufhören. Das ist verdammt schwer. Es ist sogar heute noch so schwer, dass es für mich fast unmöglich ist für einen Kumpel Stoff zu besorgen, ohne dann die ganze Zeit mit mir selbst ringen zu müssen, es nicht einfach selbst zu nehmen. Deswegen mache ich das auch nicht mehr (Stoff für andere besorgen), denn mit Vernunft hat das nichts zu tun was diese Geilheit auf den Zustand in mir auslöst. Nun ja. Sonst hätte man damit ja auch kein Problem…

Meine Hydra hat schon viele Köpfe verloren, es sind nur noch ein paar übrig geblieben und auch diese könnten mich noch immer beißen, wenn ich nicht aufpasse. Es ist immer gefährlich für Leute wie mich, Freunde zu haben die mehr als genug Geld und Möglichkeiten haben, die das Zeug verschenken könnten und manchmal auch wollen, weil sie „gerade Pause machen“, oder andere Freunde, die eine besondere Krankheit haben… Früher hätte ich mir die Finger geleckt nach solchen Möglichkeiten… Es war ein langer Weg. Am Ende ist das was man immer wollte genau das, wovon man sich fernhalten muss. Denn wenn heute noch das Scheißzeug auch nur einmal im Haus ist, dann spielt es keine Rolle mehr wie toll meine Freundin auch ist, was man sich für die Zukunft vorgenommen hat und all dieser vernünftige Erwachsenenkram… Das spielt einfach keine Rolle mehr, weil da etwas ist, was viel mehr Macht hat als Pläne, und Zukunft, und Sex… Das Unvernünftige… Ja Mann… Fast nichts hat so eine Präsenz, so einen starken Führungscharakter wie die Unvernunft. Sie ist die Gier hinter den Dingen. Sie ist dieses MEHRmehrMEHR. Sie lässt uns den anderen Menschen auf den Arsch und in den Schritt starren, macht uns geil auf Sachen, die wir vielleicht einmal bekommen können – doch selten behalten dürfen, denn immer das scheint am Köstlichsten, was man gerade nicht hat, haben sollte oder haben kann… „Ich wusste ja ich will nicht, doch ich wollte so sehr“… Und ganz schnell ist dann irgendwas an die Wand gefahren worden und mit etwas Glück ist es nur ein Auto und keine Beziehung. Und dann geht das Geschrei los. Innerlich (und äußerlich – bei den Waschlappen): „Hätte ich doch nur dies und das anders gemacht! Wie konnte ich nur?! Ich wollte doch nur DIESES EINE MAL! Es war so UNVERNÜNFTIG!“ Blah blah blah… Weil die Gier größer war als der Respekt vor dem, was man hat.

Ich kenne das. Ich weiß das. Und ich traue mir nicht. So wie sich keiner selbst trauen sollte. Der Mensch mag nicht per se käuflich sein, doch irgendeine Schwäche, die hat jeder. Irgendwas in dir strebt nach etwas, was du gerne hättest, was im Gegensatz zu dem steht, was du dir aufgebaut hast. Und die Köpfe der Hydra klopfen an deine Tür. Im Supermarkt am Schnappsregal. Auf der Liegewiese im Freibad – während du mit deiner Frau, möglicherweise sogar mit deinen Kindern vorbei läufst. Die Junkies auf der Straße. Die alten Freunde in ihren Buden. Der verdammte Zigaretten-Automat vor deinem Haus… Überall Möglichkeiten. Andauernde Verlockungen.
MEHRmehrMEHR… Zuviel ist nie genug – und viel zu viel ist viel zu lange her.
Es gibt kein andauerndes Sättigungsgefühl. Deswegen ist da der tägliche Kampf. Um ALLES und gegen ALLES.

Der Barkeeper und die Legalisierung

„Wenn du Alkoholiker sehen willst, dann gehst du in eine Bar. Ganz klar. Natürlich saufen die auch zuhause, aber wenn du sie SEHEN willst, dann… Da treffen die sich dann.
Du weißt ja. Ich arbeite in einer Bar. Schenke Getränke aus. Kennst du sonst einen anderen Berufsstand, der einem Süchtigen das verkauft was er haben will? Ich meine so face to face nach dem Gesetz? Und dann lehnen sie sich zurück, schütten das Gift in ihre Hälse und Lachen und Weinen – oft auch im gleichen Moment. Es stimmt ja, dass ein Barkeeper auch zur Hälfte Psychologe ist. Irgendwie ist das wie in einem Therapiezentrum, und irgendwie überhaupt nicht, sondern das genaue Gegenteil… Verrückte Situation eigentlich.

Und wenn sie das Kiffen legalisieren, dann wird es so etwas wie diese Bars auch für sie geben, für die Kiffer. Das ist okay. Das ist nur logisch. Und sie werden rauchen. Und lachen. Und sich amüsieren. Doch irgendwann wird auch dem Barkeeper da, oder wie immer man das arme Schwein da dann auch nennt, klar, dass da immer die gleichen Fressen herumhängen. Ja… Es wird viel gelacht werden und wenn vielleicht auch nicht gleich geweint doch irgendwann da… Da wird es einen Punkt geben, wo das Lachen aufhört, und die Wahrheit ans Licht kommt. Und dann wird es genau der gleiche Scheiß sein. Genau der gleiche Mist wie in einer ganz normalen Bar:
Loser sitzen herum und reden über ihr Scheißleben.
Die Einen kommen mit ihrer Sucht klar. Und die anderen, sind die anderen…
Der Barkeeper wird die Gesichter erkennen. Wird bald wissen, wer zu welcher Sorte gehört. Doch auf den ersten Blick, wenn du in die Kneipe kommst, dann wirst du genauso wenig erkennen wer damit ein Problem hat, wie die Person selbst – die damit ein Problem hat.
Das ist so.

Weil die Menschen nicht gleich sind. Es kommt eben nicht jeder auf die leichte Art mit Rauschmitteln klar. Und fang jetzt bloß nicht damit an, dass „noch keiner an einer Hanfvergiftung gestorben ist“. Ich hab das wirklich nie kapiert, warum Drogen immer auf ihre Gefährlichkeit hin verglichen werden und die anderen Drogen natürlich immer die Bösen sind, und man sich den eigenen Mist schön schönredet.
Es geht nur darum, dass du immer wieder mit Menschen redest, die ihrem Leben hinterher heulen, weil sie nichts mehr auf die Reihe bekommen. Ganz egal was sie denken zu brauchen, um „klar zu kommen“. Und das ist die gleiche Kundschaft – egal was sie auch Rauchen, Rotzen, Spritzen, Trinken oder Fressen… Sie sind Artverwandte.

Ich gehe gern in Kneipen. Weil ich mir dort immer so verdammt stark vorkomme. Besser als die anderen. Denn ich komme damit klar, wetten?“