Das Haus der kalten Ecken

Der „Jonas Komplex“ von Thomas Glavinic ist wie ein Triptychon geschrieben. Eine der drei Geschichten handelt von einem kleinen Jungen, einem Schachgenie, dass, wie es das Klischee über „Schachgenies“ und „Genies“ im Allgemeinen  in der Literatur oft an sich hat, ein einsamer Außenseiter ist, der zuhause niemand hat und auch dort draußen, in der großen Welt, streifen ihn die Menschen nur wie Geister, die kommen und gehen, aber niemals längere Zeit bei ihm bleiben, ähnlich Reisebekanntschaften, die auch immer nur kurz auftreten und verschwinden.

Dieser Junge, der erinnert mich schwer an mich selbst. Wahrscheinlich geht das vielen Kindern so, die dieses insgesamt eher mäßige Buch lesen. Es ist eben auch ein Buch über die Einsamkeit und wie man damit umgeht. Wie man alleine gelassen wird oder die Einsamkeit sucht; der Junge sucht sie nicht. Er hat den Drang am Leben teilzunehmen und geliebt zu werden. Doch da ist nur die kalte, leere und für ein Kind viel zu große Wohnung, die in der Tatsächlichkeit der Erwachsenen eher schmal bemessen zu sein scheint, da sie, im Gegensatz zum Knaben, eine Ahnung davon haben, dass ihnen die ganze Welt offen stehen könnte.

 

Das Kind kennt jeden Winkel dieser vertrauten Wohnungszelle, in der es darauf wartet bis jemand kommt, der es, wenn auch nicht gleich liebt, zumindest füttert. Geschieht das nicht, wenn keiner da ist, es nicht einmal die Perspektive gibt um diese oder jene Uhrzeit „jemanden“ anzutreffen, was häufiger vorkommt als es sich die helikopternden Eltern der Gegenwart vorstellen können, sucht man sich halt irgendwo im Haus etwas zu Essen, Konservendosen mit irgendeinem eingelegten Obst, alte Kekse, zur Not auch einen vertrockneten, zumindest leicht süßen Tee… Und erforscht auf diesen Expeditionen alle verstecken Winkel des Hauses, entdeckt Dinge und verstaubte Ecken, die von Erwachsenen längst vergessen wurden. Ein Haus kann eine komplette alte Welt sein. Voller Erinnerungen, ohne Gegenwart. Das Haus ist einfach da, in all den Stunden, in denen es keine Freunde gibt, da die etwas Besseres zu tun haben, an jenen nicht enden wollenden Nachmittagen, an denen DIE was mit ihren Eltern machen und man selbst nur das nervige Kind ist, dass in der heilen Welt anruft – und genervt abgewimmelt wird: „XY hat keine Zeit.“ „Schade…“ Ich nämlich schon… Viel zu viel davon…

 

Wenn Vater zuhause ist, ist er betrunken. Er hat es ja auch nicht leicht. Das hört das Kind aus seiner betrunkenen Stimme heraus. Die Frau weg. Und die anderen „Weiber“ machen nur Ärger. Wohin ist die schöne Familie die man sich aufgebaut hat? Da ist nur dieser fremde Junge im eigenen Haus, der weder mit ihm noch mit sich selbst etwas anzufangen weiß… Das Kind, dessen Namen man selbst ausgesucht hat, ist zu einem Fremden herangewachsen.

Ich erinnere mich noch an die Abende, als mein Vater im Essenzimmer schlief. Sturzbetrunken, den Kopf auf der Tischplatte. Schnarchend. Niedergestreckt wie ein gefällter Baum. Neben sich das halbleere Weizenbierglas. Daneben das immer gleich wieder ganz leere Schnapsglas. In dem „Bärwurz“ war. Dieser seltsame klare Schnaps aus der Steinflasche, der einen abgestanden apathischen Geruch aus dem leeren Glas heraus atmete. Der Junge hatte kein Mitleid mit Vater; der auch nicht mit ihm. Denn wenn Vater nicht kaputtgetrunken im Esszimmer am Tisch lag, machte er Radau. Der Junge bekam es ab, da er zu jung zum Davonlaufen war. Seine größeren Schwestern hatten es da einfacher. Sie waren alt genug und konnten je nach Belieben aus den Ruinen der Familie davon fahren, oder sich zumindest abholen lassen.   Von tapferen Rittern in schnellen Wagen mit lauter Musik. Nena sang. „Ich geh mit dir wohin du willst“.

 

Vater war kein Schläger, aber auch kein Mann des Wortes. Und vielleicht taten sie gerade deswegen der jungen Seele so weh, da die Worte nicht geschwollen gewählt waren, sondern schwer und bloß waren wie die Tatzen eines Bären, die auf ungeschützte nackte Haut schlagen. Dass der Junge nichts wert ist, darf es sich häufiger anhören. Schlecht erzogen sowieso. Und die Schuld darüber trägt die Mutter… Das typische Blahblah des gepeinigten und verlassenen weißen Mannes.

Natürlich liebte Vater ihn. Der Junge ihn auch. Es ging nicht um einen Mangel an Liebe und Verständnis. Die Situation war es, die grausam war. Wäre da nur jemand gewesen, der sowohl Vater als auch Sohn gesagt hätte, dass Situationen nur vorrübergehende Erscheinungen sind. Und wirklich: Mit den Jahren lernten sie nebeneinander her zu leben. Irgendwann war dieses finstere Mittelalter ihres Lebens vergessen. Für den Vater auch vergeben, was für das Kind unmöglich geworden war, da sich diese finstere Mittelalter der Isolation in seine DNA einbrannte, wie es bei Kindern landläufig der Fall ist. Und aus dem Kind wurde Mann. Und Mann lernte zu Trinken. Aber niemals, noch kein einziges Mal in meinem Leben, habe ich mich mit meinem Vater betrunken. Obwohl ihm das unglaublich viel bedeuten würde.

„Zuhause“ habe ich nie vermisst.

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Die richtigen Augen

Gestern (wieder einmal: gestern) bin ich dann noch zum Augenarzt. Kurz Warten, kurzer Sehtest, wieder Warten. Dann nimmt mich eine unfreundliche Frau mit zum nächsten Warteraum, wo in so einer Art Sitzgruppe 15 bis 20 Leute beisammen sitzen. Hier macht mir eine Frau mit der Ansage: „Brille abnehmen, Kopf zurück und zur Decke schauen“ Augentropfen in meiner Kuckerchens. Ohne Erklärung, einfach so, weil man den ganzen Tag Leuten die Augen volltropft. Dabei bleibt sie konstant unfreundlich. Die Frau ist genervt von ihrem Job, macht ihn aber trotzdem; deswegen habe ich nie die Frage verstanden wie das möglich war, damals mit den Nazis, wieso da alle mitgemacht haben – ist doch klar, siehe hier, wo man miesgelaunt das Programm durchzieht.

Vorher noch, im Auto, hatte mir mein Vater erklärt, er habe das auch einmal gemacht, in München sei das gewesen, da habe man ihm die Augen vollgetropft und er habe so dermaßen nichts gesehen, dass er gleich beim Herausgehen aus der Praxis gegen den erstbesten Türstock gelaufen sei. So blind war er gewesen.
Da kommt auch schon wieder die unfreundliche Frau, die gerade mit ihren Arbeitskolleginnen so viel nebenan gelacht hatte, und gibt genervt meinen Augen den nächsten Einlauf, nur um wieder von drüben mit ihren Kolleginnen über irgendwas zu lachen.

Ich gucke mich so um, sehe und verstehe, dass ich natürlich nicht der Einzige bin, der sich diesem Prozedere unterzogen hat, was man gut daran ausmachen kann, dass die jungen und alten Leute um mich herum wahnsinnig große Pupillen haben, so als wäre sie auf XTC oder einer anderen Droge; man kommt sich vor wie im Jahre 2002 des Herren, so als befänden man sich auf der „Mayday“ in der Chill-Out-Zone, wo man ebenfalls nur von druffen hektischen Schwarzlochaugen angestiert wurde. Das ist lustig. Ein wenig lächerlich auch. Klar. Wir bekommen die Pupillen erweitert damit der Arzt gleich besser erkennen kann, ob die Netzhaut oder so beschädigt ist. Dennoch ist es grotesk, wie wir hier so sitzen, so scheindruff, und ohne dass sich jemand daran stören würde. In mir denkt es: „Wieso kann die Welt nicht immer so sein? So friedlich und tolerant zueinander? Während man mit großen Pupillen so in der Runde sitzt und sich anschweigt oder unterhält. Komisch. Die großen Pupillen sehen zwar wahnsinnig bedrohlich aus, für mich assoziiert sich mit ihnen aber auch eine gewisse Friedlichkeit. Wahrscheinlich muss man auch ein wenig wahnsinnig sein, um friedlich mit seiner Umwelt umgehen zu wollen.“ Und wie ich das so vor mich hindenke, wird mein eigenes Sichtfeld verschwommener, Lichtempfindlicher und weniger total vom Begreifen her, aber auch nicht richtig fokussiert. Die Tropfen lassen meine Pupillen anschwellen und obwohl ich diesmal keine Drogen genommen habe, sagt mein Verstand meinem Gehirn, dass man sich doch auch wohlfühlen muss, wenn man große Pupillen hat, ganz egal warum die nun so groß sind.
Die Reaktion: Mein konditioniertes Gehirn schüttet Endorphine aus. Nicht viele – aber ein netter Nebeneffekt war es schon.

Später fragt mich mein Vater, ob ich denn noch genug sehen könne um mich frei und alleine zu bewegen. Daraufhin schreite ich souverän an ihm vorbei und hole aus der Garderobe der Praxis, die voll ist mit schwarzen Jacken, zielsicher meine schwarze Winterjacke hervor: Kein Problem. Das ist der Unterschied zu mir und meinem Vater, dass ich es gewohnt bin solche Augen zu haben, daher kann ich in diesem „Zustand“ sehen, während er damals regelrecht blind war. So ist das im Leben: In den unterschiedlichsten Situationen gibt es Sehende und Blinde, ganz egal wie es um unsere Gesundheit bestellt ist. Man muss nur die „richtigen Augen“ haben, wie Hunter S. Thompson es nannte. Dabei gibt es Dinge, die ich nie richtig erkennen werde, während mir andere auf den ersten Blick schlüssig sind, bei anderen Menschen ist es umgekehrt oder anders. Die „richtigen Augen“ sind Erfahrungswerte, geeicht am Kausalitätsprinzip, Sehen (und das damit verbundene Verstehen) hat viel mehr mit vergangenen Erlebten zu tun, als wir uns eingestehen wollen.

Noch später auf der Geburtstags-Überraschung!-sparty fällt es mir schwer mich mit meinen Freunden zu akklimatisieren. Der Tequila wischt zielgerecht die Unterschiede weg, bis wir alle ganz gleich und banal sind.

Stimme frisst Feuer

Es war die Nacht in der sein Vater ihm von den Monstern erzählte. Zwar sagte er nicht ausdrücklich „Monster“, doch so wie er über diese Menschen sprach, konnten sie gar nichts anderes sein: Monster. Wesen, die zwar äußerlich so ähnlich wie Menschen aussahen, doch unter ihrer Haut ein böses, schwarzes Geheimnis tragen mussten, ein Geheimnis ebenso schwarz wie ihre Haut selbst. Der Junge kannte das aus dem Fernsehen. Hatte gehört von den Außerirdischen, den Körperfressern, den Körperwandlern, die Besitz von den Menschen ergreifen, um irgendetwas unaussprechlich BÖSES zu tun. So eine Geschichte erzählte ihm gerade sein Vater. Wenigstens. War es dass, was er verstand: Diese Menschen seien anders als sie.

Sie gingen den Berg hinauf, den sogenannten „Hexenberg“, von dem der Junge so gern im Winter mit dem Schlitten hinab sauste, wenn auch nur von der Spitze, die von einer Waldkrone umwachsen war, die der Glatze eines Mönches ähnelte. „Hexenberg“ wurde die Kuppel wegen ihrer Spitze genannt, auf dem alljährlich das Sonnenwendfeuer entzündet wurde. Neben, hinter und vor seinem Vater war noch der Herr Müller mit seinem Sohn. Auch die Gottschalks waren dabei. Und die Olbrichts. Es waren nur die Väter mit ihren Söhnen, Mütter und Töchter konnte der Junge nicht ausmachen. Alle Väter waren in ein Gespräch mit ihren Kindern vertieft. Es war ein leises, tiefes, schwer geatmetes Gebrabbel durch den Wald, den Hexenberg hinauf.

Sein Vater erzählte ihm etwas von Ebola, dem Gaza-Streifen, dem Krieg in der Ukraine und der muslimischen Mörderbewegung aus dem Irak. Der Junge hatte davon im Fernsehen gehört. Auch von den sogenannten Flüchtlingen, die jetzt auch in die Pizzeria „Hirsch“ eingezogen waren, hier. Bei ihnen. In die Kleinstadt.
Schwarzen waren hier noch etwas Besonderes.
Im Grunde erzählte ihm sein Vater eine Gute-Nacht-Geschichte in der Form einer Episode „Tagesschau“. Vater, den der Junge „Pa“ nannte, sprach sachlich von dem Elend in der Welt, dem Gleichen, von dem auch der homosexuelle Tagesschau-Sprecher jeden Abend korrekt berichtete, bis er plötzlich all das (den Gaza-Konflikt, die Ukraine, Ebola usw. usf.) mit einem Wort zusammenfasste: „Angst.“ Das alles würde den Menschen in Deutschland Angst machen. „Zu Recht“, wie der Vater befand. Denn die Deutschen hätten etwas zu verlieren. Etwas, was sie sich über die Jahre erarbeitet hätten. Er sprach von Freiheit und von Reichtum, und der Junge nickte und schritt neben seinem Vater her, so wie es auch die Kinder von Olbricht, Müller und von Gottschalk es taten.

„Eines Tages werden die Deutschen aussterben“, erklärte der Vater, „denn die Deutschen sind wie Pandas.“
„Ich mag Pandas“, lachte der Junge, obwohl er merkte, dass es nicht die Zeit für Späße war.
„Ich mag Pandas aus, Erich. (Der Vater lächelte ihn an) Jeder mag Pandas. Das Problem mit Pandas ist nur, dass sie behäbig und faul sind. Sie machen gerade dass was nötig ist. Sie gehen zu ihrem Essen, beschaffen es sich und liegen ansonsten sehr faul herum. So faul sogar, dass sie nichts dafür tun, damit kleine Baby-Pandas geboren werden. Das ist ihnen zu mühselig und dann müssten sie sich auch noch um die Babys kümmern, das strengt an und lenkt von sich selbst ab – und das ist auch der Grund, warum die Pandas langsam aussterben: Sie sind Egoisten.“ Auf die Nachfrage hin was das sei, erklärte der Vater es ihm.
Es gäbe aber auch noch andere Tiere im Dschungel und diese Tiere seien nicht so faul, was das Problem wäre. Sie zeugen viele Kinder, die den Pandas den Lebensraum und die Nahrung wegnehmen würden, so viel sogar, dass eines Tages nichts mehr für den Panda übrig bleiben würde. Ja. Eines Tages würden „die Anderen“, die Monster, den Pandas ihre Weltsicht aufdrängen und die Pandas wären die Sklaven der Anderen.
„Heute tarnen sie sich als Flüchtlinge, morgen aber wollen sie das Land übernehmen.“
Der Vater hielt die Fackel ein wenig vor sich her, so dass er den Weg zum Hexenberg erkennen konnte, doch vor allem sah der Junge die Gesichtszüge seines Erzeugers und Erziehers. Sein Vater. Schien besorgt zu sein.

„Wenn du einmal erwachsen bist“, fuhr der Vater fort, der, wie für alle Kinder, der klügste Mensch der Welt war, „werden die Anderen dir wahrscheinlich vorschreiben, was du im Fernsehen sehen darfst, wie sich deine Frau anzieht, an wen du beten und was du denken darfst: Willst du das?“
Der Junge verstand nicht ganz, doch er schüttelte den Kopf. Was er verstand war, dass die Monster bekämpft werden mussten.
„Wenn wir jetzt nichts tun, dann werden die Anderen uns eines Tages verdrängen.“
„Bist du sicher?“ fragte der Junge. „Oma und Opa sind doch auch aus dem Sudetenland geflohen?“
„Ja mein Kleiner. Das stimmt. Doch es gibt gute Flüchtlinge – und schlechte Flüchtlinge.“
„Woran unterscheidet man sie?“
„Daran, ob sie sich anpassen. Ob sie kommen und brav sind. Oma und Opa waren sehr brav.“

Sie hatten den Berg erreicht und dort war das Feuerholz schon weit aufgeschichtet. Die schwarze Flüchtlingsfamilie war um zwei Pfähle gebunden worden. Sie plärrten und schrien. Es waren die gleiche Schreie, die ihnen schon in der Heimat, wo sie verfolgt, geschlagen und geschändet wurden, nicht geholfen hatten. Sie hatten Angst, das konnte man sehen. Auch in der Dunkelheit. Herr Schmidt aus dem Supermarkt passt auf, dass sie nicht wegkonnten. Das Gewehr lag mächtig in seiner Armbeuge.
Der Junge sah die Menschen an und versuchte in ihren Augen, in ihren Gesichtern die versteckten Monster zu erkennen. Er sah sie nicht. Das waren doch nur Männer, Frauen und Kinder. Sein Vater legte beruhigend seine Hand auf die Schulter des Knaben: „Hab keine Angst. Es ist nötig. Damit du etwas lernst.“ Pa reichte ihm die Fackel. So wie die Gottschalks und die Obrichts ihren Söhnen die Fackeln reichten. Nur Herr Müller erzählte noch etwas.
„Aber bist du dir wirklich sicher?“ fragte der Junge ängstlich noch einmal seinen Vater.
Der Vater lächelte matt. „Sicher kann man sich nie sein. Die Zukunft ist nicht vorherbestimmt. Doch ich werde alles machen um meine Familie zu beschützen. Dein Wohl ist mir mehr wert als alles andere im Leben.
Wehret den Anfängen.
Weißt du was das heißt?“
„Nein“, schluchzte der Junge.
„Es bedeutet, dass du ein Feuer im Keim ersticken musst, bevor es ausbricht.“
Neben ihnen entzündeten wie auf Kommando die Olbricht Jungs das Feuer; die Olbricht Jungs, die vorgestern in der Schule noch Angst vor Spinnenweben gehabt hatten.
„Du musst mitmachen!“ rief Karl Olbricht zu ihm hinüber, „Nur ZUSAMMEN können wir die Dämonen besiegen!“
Erich schluckte – und nickte.
Die Familie aus Afrika schrie in den Flammen auf, biss das Feuer ihre Stimmen aufgefressen hatte. Kein Kind hatte sich der Probe ihrer Väter entzogen.

Sein Vater nahm ihn in den Arm und meinte, er sei stolz auf ihn. Und der Junge fragte seinen Vater:
„Hast du jetzt weniger Angst vor der Zukunft, Pa?“
Mit offenem Mund, sprachlos, sah der Vater seinen Jungen an. Der Hexenberg roch nach gebratenem Hühnchen.

Vater und Sohn

Sollte er die Wahrheit sagen? Die Wahrheit? Was ist das eigentlich? Nein wirklich: Was ist das?…
Sein Blick schweift in der Ferne. Dabei spürt er die Augen seines Jungen auf sich. Die Wahrheit… Es ist gefährlich die Wahrheit zu sagen. Und dabei meint er nicht die hohlen Wahrheiten, die viele von uns ausspuken und so tun, als wären sie ein großes Geheimnis. Diese Wahrheiten sind nur Stammtischparolen, trübe Meinungen die uns bitter erscheinen, weil wir glauben, dass wir etwas „Besonderes“ verstanden hätten – diese Wahrheiten aber gibt es nicht. Das ist nur Frust. Und Unvermögen. Nein. Doch. Echte Wahrheiten setzen etwas in Bewegung. Gelebte Erfahrungen sind Wahrheiten. Nicht Träume oder Theorien…

Er schüttelt den Kopf. Fast muss er Lachen. Er hatte an Guttenberg gedacht. Denn das ist typisch für die Politik. Politiker verhalten sich in solchen Situationen wie kleine Kinder. Wie die Grünen mit ihrer Vergangenheitsbewältigung: Es wird nur das zugegeben, was eh schön öffentlich ist. Mehr rückt keiner raus. „Salami-Taktik“ sagt man dazu, in der Hoffnung, dass am Ende dieser Taktik der Ast nicht ganz abgeschnitten wurde, an dem man sich klammert. Vielleicht kommt man ja noch einmal davon. Wer weiß? Ist doch besser als die Wahrheit zu sagen, und was ist das schon? Die Wahrheit? Oder der Hoeneß? Seine Wahrheit ist bestimmt, dass er doch genug für die Menschen getan, genau! Er hat eine große Firma, gibt Leuten Lohn und Brot, Sicherheiten. Und dann noch der FC Bayern, der ein Pool von Träumen für die Menschen ist, nicht nur in Deutschland – sondern weltweit! Fußball verzaubert die Menschen! Entrückt sie von ihrem Alltag! Fußball ist das einzig wahre Weihnachtsfest für die ganze Familie… DASS ist die Wahrheit! Die Wahrheit ist aber auch. Das Andere. Was man nicht so gerne sieht…

Sein Blick wandert hinüber zu seinem Jungen, der ihn mit rotem Gesicht aufgewühlt ansieht. Er versteht sein Kind. Er war selbst auch einmal Kind gewesen; wer so etwas sagt, der sagt es weniger zu seinem Gegenüber, sondern mehr zu sich selbst, weil er eben nicht mehr Kind ist, weil er eben nicht mehr wirklich weiß was das heißt, Kind zu sein, sondern eben nur nachfühlen kann, erahnen kann, was er aus der Verschüttung des Erwachsenseins, das auch immer ERNST sein bedeutet, heraus zu buddeln vermag. Doch. Er kann sich so weit zurück erinnern, dass sein Sohn es doch bitte besser haben sollte, als er es gehabt hatte.
Sein Mund öffnet sich.

Und denk doch einmal an Margot Käßmann. Unser Paradebeispiel. SIE hat die Wahrheit gesagt – und was ist darauf passiert? Hohn und Spott. Das was immer passiert. Idioten wie Harald Schmidt machen noch heute Witze über sie, obwohl sie die Stärke gehabt hatte, die Wahrheit zu sagen, Fehler einzuge… Ja… Sollte er, der Vater, seinen Fehler eingestehen? DASS ist die Frage! Dass ist die Wahrheit um die sich alles dreht; die Wahrheit des Sohnes ist davon nicht zu unterscheiden.
Dann kommen die Worte wie von selbst.

Das moralische Dilemma in dem sich der Sohn befindet, ist kein Drama. Nicht für den Vater auf jeden Fall. Der Vater weiß aber, dass seine Antwort Auswirkungen haben wird, weit über dem hinaus was sein Sohn in den nächsten Tagen machen wird. Es ist eine Weichenstellung, die weit über Morgen und Übermorgen hinausreicht. Es geht darum, ob der Vater seinem Sohn dazu rät, so zu werden wie er, obwohl er WEIß, dass es ihn (den Vater) nicht glücklich gemacht hat. Sollte er seinen Buam zu so einem rechtschaffenden Narren wie sich machen, oder sollte er ihm die Wahrheit eintrichtern, die Wahrheit (sein Erleben!), dass eben nicht die Moralischen es weit im Leben bringen, sondern die Starken, die über Leichen gehen, dass eben jene die Frauen abbekommen, die Machos, nicht die Frauenversteher wie er, die „keine Gefühle“ verletzen wollen und etwas auf Freundschaften gaben, die ein paar Jahre später sowieso zerbrachen wie Seeuntaugliche Scharbracken, die man fälschlicherweise in der Hitze der Jugend für unsinkbar hielt? Was hatte er denn gewonnen mit all seiner Rücksicht? Seinem dialektisch Gedenke ohne Ellenbogenwahrheiten? Was war ihm geblieben von all den Freunden, die schließlich auch nur neben ihm alt wurden wie er, das heißt auf die langweiligste und abstoßenste Art und Weise, während sie über die Eroberungen ihrer Jugend sprachen, die sie eben NICHT gemacht hatten? KÖNNTE ER SICH DOCH NUR STATT DER MORAL UND DES ANSTANDES FÜR UND GEGENÜBER DEN FREUNDEN FÜR DIE ERINNERUNG AN UNENDLICHE LUST UND TRIUMPHE ENTSCHEIDEN! DANN WÄRE SEIN LEBEN SO WIE ER ES VERDIENT HÄTTE! REIN! UND OHNE SCHULD!
Freundschaften erkalten. Ein Traum auf den du verzichtet hast, niemals…

Aber der Vater hält sich für einen guten Vater. Er sagt seinem Sohn dass, was er denkt was ein guter Vater sagen sollte. Wenigstens denkt er es. Der Sohn solle dem besten Freund verzeihen. Man kenne sich doch seit Kindestagen. Ihr wart doch immer Freunde gewesen. Und nun. Wegen diesem Mädchen. Es gebe doch noch andere. Bestimmt handelte es sich doch um ein Missverständnis – und so weiter und so fort.
Es sind genau jene Worte, die sein Vater auch zu ihm gesagt hätte. Vielleicht hat er es sogar, wahrscheinlich hat er es nur vergessen. Und er hasst sich dafür, dass er diese besänftigenden, moralisch abwägenden Worte spricht. Und nicht jene voller Hass und Geringschätzung. Dieses furchtbaren, aber doch gerechtfertigten Egoismus, der die ganze Zeit auf die eigene Brust hämmert und brüllt: „MEINS! MEINS! MEINS!“ Und den besten Freunden zur Seite stößt und sich das Mädchen nimmt, dass sowohl der Vater als auch der Sohn niemals haben werden, weil sie sind, wie sie sind, wer sie sind und immer sein werden.

Jesus ist der Sohn Gottes

Was wusste mein Vater eigentlich von mir? Zu wenig. Natürlich.
Ich erinnere mich noch genau wie er mich immer zum Go-Kart mit geschleppt hat. Das habe ich gehasst. Nur weil ich als Kind „Sport“ machen wollte. SPORT! Mit dem Auto im Kreis fahren ist kein Sport! Genauso wenig wie Dart… Ich meinte etwas mit meinem Körper. Mit jemand zusammen. Nicht mit dem Auto im Kreis fahren… Das lag nur daran, weil er so ein großer Schumacher-Fan war.
Den hatte er einmal gesehen. Als der noch ein Kind war, also der „Michael“. Er hat mir die Geschichte tausendmal erzählt gehabt, wie der damals… Und so schleppte er mich mit zum Go-Kart fahren. Wie ich es gehasst habe… Diesen Zwang, den er auf mich ausgeübt hat. Als Kind hast du ja keine Macht…

Jetzt tragen sie den Sarg vorbei und der Pfarrer erzählt gleich wieder die immer gleiche Geschichte, wie auf jeder anderen katholischen Beerdigung auch, dass mein Vater jetzt im Himmelreich ist… Das ist doch gelogen… Gab es da nicht noch das Fegefeuer? Und warum sollte der Alte überhaupt in den Himmel kommen? Gläubig war er ja nicht. Also nur weil er seine Kirchensteuer brav bezahlt hat? Nun. Deswegen sind wir ja auch hier. Dürfen wir ihn hier beerdigen. Immerhin.
Aber es ist doch Unsinn, dass Gott alle Menschen liebt. Darum geht es doch GERADE beim Glauben, dass gerade diejenigen die ungläubig sind, draußen bleiben müssen. Und plötzlich kommt der Jesus daher und erzählt eine Geschichte davon, dass der Schäfer die ganze Herde im Stich lässt, nur um das „verlorene“ Schaf zu retten. Was ist eigentlich mit den coolen Schafen, die alles richtig gemacht haben?

Das Kartfahren ist ja nur so ein Ding. Nur ein Teil von… ALLEM. Warum musste er mich in dieses kleine Auto zwängen? Noch heute mag ich das Autofahren nicht und wenn ich mit dem Auto auf Montage bin, frage ich immer nach einer langen Fahrt, wo denn hier die Go-Kart-Bahn sei – nur um zu zeigen wie bescheuert „Motorsport“ ist. Ja. Motor-Sport. Das ist ein Sport für Motoren, nicht für Menschen.

Wir haben direkt aneinander vorbeigelebt, der Vater und ich. Nie hat er mich verstanden; wollte mich wohl auch nie verstehen. Immer musste ALLES so sein wie er wollte. Und „er wollte ja nur mein Bestes“… Jaja. Das Beste wird aber nicht von einem ANDEREN entschieden, sondern von einem selbst! Und so war es kein Wunder, dass…
Und nach einem halben Jahr hat er dann ja auch gecheckt, dass es nichts ist für mich, mit dem Kart. Mit dem Schumacher schon gleich gar nicht. Er war jetzt kein Eislaufmutter oder so. Das hätte er mit mir auch gar nicht durchziehen können. Auch wenn er es immer wieder versucht hat… MIR seinen Stempel aufzudrücken. Pf…

Jetzt erzählt der Pfarrer WIRKLICH davon, dass der Alte jetzt im Himmel ist. Was weiß der Pfaffe denn von meinem Alten? Musste der mit dem zusammenleben? Wie kann dieser Mensch über jemanden urteilen, den er nicht kennt? Andauernd! Nein… ICH kannte ihn, wie er mich damals in der Kindheit angeherrscht hat. Das weiß nur ich…
Und in den letzten Jahren habe ich ihn gar nicht mehr besucht. Okay… So gut wie nie… Ist er doch selbst schuld. Irgendwann rächt sich ALLES. Er wusste ja nichts über mich. Mein Sohn: Der Fremde.
Wobei.
Jetzt.
Wo ich weiß, dass er da in dem Sarg liegt, finde ich es schon etwas schade, wie alles gelaufen ist. Ich meine: Er hat es verdient! Er war in meiner Kindheit… Aber trotzdem hätte ich ihm noch gern gesagt, dass… Ja… Also nicht das es mir leid tut, so ein Unsinn! Sondern… Dass wir… Na ja…
Vielleicht…

Jesus, der Sohn Gottes, sagte auch andere Dinge, die der Vater so nicht gesagt hat. Der Vater war ja eher der Rächer-Typ: Auge um Auge. Und der Sohn erzählte dann plötzlich was davon, dass Gott die Liebe sei. Das passt doch nicht. Vielleicht… Wahrscheinlich… Kannte Jesus seinen Vater auch nicht richtig. So wie ich. Bei meinem… Und vielleicht ist das ganz normal. Das Väter und Söhne ihre Missverständnisse haben. Aneinander vorbeireden. Und sich eigentlich gar nicht kennen. Weil sich ihre Weltbilder im Weg stehen… Und vielleicht – scheiße, jetzt werde ich wirklich sentimental, das wollte ich doch bei der Beerdigung bleiben lassen – müssen beide Parteien einander kennen lernen wollen. Denn was wusste ich schon von meinem Vater? Da muss es doch mehr gegeben haben, außer dass er mich nicht kannte, oder?

Die Stimme des Vaters

Die Menschen haben nicht nur eine Stimme. Sie gebrauchen viele. Je nach Situation.
Am Bekanntesten ist die „Kinderstimme“, mit denen manche Erwachsene gern mit oft fremden Kindern sprechen, so als ob diese sie dann besser oder lieber verstehen würden. Dann die „Ausländerstimme“ bei der das „gebrochene Deutsch“ des Gegenübers imitiert wird, wodurch aus den Sprachschwierigkeiten des Gegenübers ein gefühlt „ausgekotztes Deutsch“ wird. Manchmal verändert man auch unbewusst den Akzent, was der Fall ist wenn man z.B. mit einem alten Bekannten aus einem Regionalkreis spricht, in dem man einst gelebt hat. Und natürlich die Art wie man mit seinen Freunden spricht, ganz im Gegensatz zum kriecherischen Ton, den man bei seinen Vorgesetzten anschlägt. Es ist ein in sich witziger Satz:
„Sprache sagt viel über den Sprechenden aus“.
Sprechen ist ausufernde Psychologie, denn die Art wie man miteinander spricht gibt Auskunft über unsere Denkweise. Wen wir akzeptieren. Wen ablehnen. Oder gar begehren. Je nach Situation, so die Stimmlage.

Die Kinderstimme.
Um zum Anfang der Geschichte zurückzukommen und genau dort zu beginnen: Noch schlimmer als die Kinderstimme bei Kindern einzusetzen, ist für meine Empfindung der Versuch bei einem erwachsenen Menschen damit etwas zu erreichen, was des Öfteren geschieht, wenn man von vertrauten Personen um etwas gebeten wird. Ich empfinde das als herabwürdigend. Es macht mich aggressiv, denn nur weil jemand zu mir spricht als wäre er a) ein Kind oder b) er hält mich für eines, wird sich das nicht positiv auf meine Reaktion auswirken: (Wiederholung) Im Gegenteil.

Am Fatalsten ist es von seinem Vater in der Kinder/Bettlerstimme angesprochen zu werden. Ich weiß nicht was schimmer war, ihn die Kinderstimme auspacken zu hören oder dagegen wie er zum ersten Mal vor mir im Vollrausch kotzte.
Ich erinnere mich merkwürdig gut daran, wie ich zum ersten Mal den Suff meines Vaters WIRKLICH erlebte (also davon wusste). Mein Bruder meinte: „Vater ist betrunken“. Woraufhin mein Vater sich einen Spaß darauf machte mich durchs Haus zu jagen. Lachend, eigentlich. Doch da mein Vater damals eher ein Fremder für mich war, erschreckte es mich nur. Für mich schien er auf einmal wahnsinnig geworden zu sein…
In meiner Not versteckte ich mich unter dem Tisch vor ihm. Unter der Eckbank wo es einen kleinen hohlen Raum gab, in dem ich als Kleinkind gepasst hatte. Nun nicht mehr wie ich in meiner Panik feststellen musste. Und seine Arme waren lang. Ich hatte Angst vor meinem betrunkenen Vater. Nicht davor dass er mich schlägt. Sondern vor seinem Wahn.

War mein Vater ein Held für mich als Kind? Womöglich. Väter sind für die meisten Kinder starke Riesen, die mit ALLEM klar kommen. Meiner machte zudem Jiu Jitsu, unterrichtete den Sport sogar einst in der Selbstverteidigungsschule eines Freundes. So ein Vater ist für ein Kind natürlich absolut unbesiegbar.
Doch Helden sind keine Übermenschen. Sie sind nur Menschen. Und selbst der größte Held strauchelt irgendwann. Seht in die Comics. Eigentlich geht es darum in jedem einzelnen Comicstrip (Spiderman, Batman usw. usf.): Helden sind auch nur Menschen – „Weltretten“ hin oder her (außer Supermann, der nicht von der Erde kommt und sich deswegen wie ein Superimmigrant – angepasster als Clark Cent geht es wohl nicht – gebärdet, was in Deutschland gut ankommen würde; falsches Thema). Früher oder später wird das jedem Kind klar und womöglich ist das auch ein Grund (scheiß auf Freud) weswegen wir unsere Väter eines Tages ablehnen, denn die überhöhte Liebe, Achtung, Verehrung unserer Kindertagen schlägt in das genau Gegenteil um. Das kommt nicht selten vor, wenn man enttäuscht wird: Es ist leichter zu hassen. Wenn man geliebt hat.
Es ist ein Irrtum der Kindheit, das die eigenen Eltern auch das sind, was sie nicht zu können vermögen. Eine Verrücktheit, die schmerzhaft geradegebogen wird.

An manchen Tagen, da habe ich ihn gehasst. Den Vater. Weil er so viel besser war als ich. Weil er in all den Punkten Erfolg hatte, die mir abgingen. Sei es seine Fertigkeit mit den Händen. Oder sein Umgang mit den Frauen. Wahrscheinlich wollte er mich nur motivieren, doch das genaue Gegenteil war der Fall. Ich sah nur das, was ich nicht war – und was er spielend meisterte. Gefördert wurden meine Talente nie. In seiner Welt hatte ich keine, da es eben ANDERE waren, als die Seinen; deswegen zählten sie nicht.

Vielleicht hatte auch er nur Angst. Möglich, dass er mich genauso kleinreden musste, wie ich es später (auch jetzt) tat. Wir können die Größe anderer Menschen nicht akzeptieren, also stutzen wir sie auf unsere Größe herab. Obwohl. Wir stutzen die Menschen nicht: Wir fällen sie. Und wenn wir das nicht können, dann treten wir auf sie, wenn sie am Boden liegen.

Als meinte Mutter weg war, ergab sich mein Vater dem Suff. Ich weiß noch, wie er sich im Esszimmer immer so volllaufen ließ, bis er mit seinem Kopf auf dem Tisch einschlief. Freitag für Freitag. Samstag für Samstag. Und mit den Jahren wurde aus Freitag und Samstag Wochentage. Das war die Zeit, als aus dem Helden, der ein Tyrann geworden war, ein Versager wurde. Nichts ist so grausam wie Mitleid. Es soll herabwürdigen, meint Nietzsche. Doch ich hatte Keines. Helden kotzen nicht. Und jammern dir auch nicht die Ohren mit der Kinderstimme voll, was ihnen alles so leid tut. Auch dieser Spruch stimmt: „Rechtfertigungen würdigen den Menschen herab“.
So ändern sich die Zeiten. Damals, als er noch der starke Tyrann war, da begann ich zu stottern wenn ich mit ihm sprach, da ich in meiner Unsicherheit zu viel im gleichen Moment reden wollte. Nun. Hatte ich damit gar keine Probleme mehr. Obwohl es nichts mehr zu sagen gab.

Die Stimmen die wir benutzen, sind wie die einzelnen Masken, die wir tragen.

Wir wollen verstanden werden. Das ist der Grund, warum wir reden wie wir reden. Weshalb wir unsere Masken wechseln. Es gibt weder für jede Situation die passende Stimme, noch die passenden Worte. Es gibt nur das, was geschehen ist und gerade geschieht – und was wir daraus machen.

Eines Tages müssen wir verstehen, dass wir nicht größer dadurch werden, wenn wir andere klein machen. Und wir damit aufhören müssen, permanent „Nein“ zu unserem Gegenüber zu sagen, ganz egal was er erzählt. Wir müssen unsere Stimme finden. Die Stimme. Die nicht nur darauf wartet, dass der andere zu sprechen aufhört, sondern auch zuhören kann.
Unsere Stimme. Unsere eigene Tonlage.