Absolution – 24 – Die Einbrecher

Ganz egal was auch passiert: Das Leben ist kein Film. Paul war wegen diesem unberechenbaren Ereignis nicht „schlagartig nüchtern“. Ganz im Gegenteil. Seine Versuche in diesen besonderen Bereich seiner Traumwelt einzudringen hatten ihn immer mehr und mehr Speed nehmen lassen, so dass er nur ziemlich prall im Sessel hing. Wie der berühmte Boxer in den Seilen. Seine Balkontüre war von einem Rollladen verschlossen, den er zwar bis ganz unten heruntergelassen hatte (um vor neugierigen Blicken aus höheren Wohnungen geschützt zu sein), den er aber nicht komplett geschlossen hatte. Die Lichtritzen des Rollladens waren noch immer geöffnet. Pauls lethargischer nach hinten verdrehter, praller Kopf konnte die Konturen einer Person erkennen, die versuchte zwischen den Ritzen hindurch zu sehen. Das war absurd. Paul befand sich im ersten Stock. Welcher Einbrecher bricht am helllichten Tag im ersten Stock in eine Wohnung an? Und welcher Trottel würde dabei so einen Krach veranstalten? Paul bewegte sich nicht. Er sah weiter auf den Schatten und stellte sich tot wie ein Tier. Das Video in seinem PC war auf „Pause“ gestellt. Wer zu Hölle? War das sein Nachbar?

Sein Nachbar von unten war ein komischer Kerl. Paul konnte die ganze Nacht die Musik anhaben. Er konnte die ganze Nacht schwatzende Leute durch sein Treppenhaus gehen lassen. Er konnte auch tagelang zu lange seine Mülltonne auf der Straße stehen lassen. Alles kein Problem. Das Einzige was Paul für diesen Kerl nicht tun durfte war, sein Auto zu nahe an den Audi des Nachbarn stellen. Die Beiden hatten Stellplätze nebeneinander. Aber trotzdem musste Paul sein Auto mindestens (mindestens!) 30 Zentimeter weiter rechts von der Trennlinie abstellen, sonst gab es Ärger mit dem Nachbarn. Da spielte es auch keine Rolle dass Paul immer sehr vorsichtig aus seinem Auto ausstieg. Oder dass der Nachbar niemals Beifahrer hatte. Nein. Es ging dem Typen einfach nur darum, dass Paul seinem Auto fern blieb. Und Paul tat es. Denn wenn er es nicht tat. Wenn er etwa 15 Zentimeter näher oder gar AUF der Trennlinie parkte, stand mit absoluter Sicherheit ein 50 Jähriger mit Bierbauch und Cappy vor seiner Türe, der – egal um welche Uhrzeit – Paul aus seiner Wohnung klingelte, ihn schließlich dazu drängte, sein Auto „um zu parken“, also es 15 Zentimeter weiter nach rechts zu stellen. Wenn sich Paul somit einen Irren vorstellen könnte, der nachmittags auf seinen Balkon klettern würde, konnte er sich nur seinen Nachbarn vorstellen. Diesen Psychopathen. Der nichts im Leben zu haben schien, außer diesem blöden Auto. Diesen scheiß Audi. Den er auch noch die ganze Zeit mit angeschalteten Nebelleuchten fuhr. So. Als wäre er etwas Besseres. Und Paul war deutsch genug gewesen um nachzusehen, ob man die im NORMALFALL überhaupt anhaben darf, die Nebelleuchten: Es ist nicht erlaubt.

Es pochte noch einmal an der Türe. Der Rolllanden schwang plastisch umher. Nein. Das war nicht sein Nachbar. Paul. Bewegte sich noch immer nicht. Saß still wie eine Eidechse. Er traute sich nicht einmal zu blinzeln. Denn er hatte den zweiten Kerl bemerkt, der versuchte durch das Wohnzimmer-Fenster hinein zu ihm hinein zu sehen. Was zur… War das Wirklichkeit? Geschah das gerade hier tatsächlich? Oder?… War das wieder so eine abgefahrene Phantasie?…

„Hey!“ rief der, der gegen den Rollladen pochte. „Ich kann sie sehen! Kommen sie mal her!“

Drei Dinge fielen Paul schlagartig ein. Erstens: Die wenigsten Einbrecher siezen ihre Opfer. Zweitens hatte ein Gerüst an seiner Hauswand gelehnt, als er von der Arbeit zurück kam. Über dieses waren die Einbrecher auf seine Etage gelangt. Ziemlich clever… Und drittens: Waren das gar keine Einbrecher. „Ich kann sie sehen! Sie sitzen da! Und sind… Kommen sie einfach mal her!“ Denn drittens erinnerte sich Paul daran, dass er vor ein paar Tagen ein Flugblatt in seinem Briefkasten hatte, in dem die Anwohner wegen den Malerarbeiten dazu aufgerufen waren, die Balkone zu räumen. Paul hatte seinen Balkon leer geräumt. Er hatte nur vergessen das Thermometer seines Vormieters aus der Wand zu schreiben.

„Können sie das hier wegmachen? Können wir das wegwerfen?“

Paul stellte sich weiter tot. An der Türe hatten sie nicht geklingelt. Jetzt hieß es zu warten wer früher aufgibt. Die. Oder er. Und egal ob sein Herz bis zu seinem Hals schlug. Ganz gleich ob er total durch war und die Kontrolle über diese Situation verloren hatte. So hatte er doch Zeit. Er würde ganz sicherlich nicht nackt aufstehen, seine Drogen wegräumen, den Porno weg-xen und dann zu den Handwerkern hinaus gehen. Einfach tot stellen. Und dieses peinliche Worst-Case-Szenario überstehen. Wie hätte er auch damit rechnen können, dass diese Typen an einem Freitagnachmittag zu Streichen beginnen würden?

„Vielleicht arbeitet der?“ meinte die zweite, viel jüngere Stimme. Anscheinend der Lehrling.

„Arbeiten. Sehr witzig.“

Die Beiden standen an seinem Balkon und starrten durch die Ritzen auf Paul mit seinem schlappen, heraushängenden Schwanz. Der wiederrum sie anstarrte.

Irgendwann gaben sie auf. Sie lösten sich von dem Balkon und arbeiteten weiter. Paul drehte sich um. Machte den Ton leiser. Nahm wieder seinen Penis in die Hand. Und machte mit seiner Arbeit weiter.

Paul ist zurück im Dorfe der Ma-Fag

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Absolution – 21 – Die Anarchie in Gedanken

8.

Als Paul am nächsten Tag in seinen von Schweiß durchnässten Bettlaken erwachte, stand diese eine Frage vor ihm, total wie der brennende Busch aus der Bibel, imposant wie dieser Monolith aus „2001“: „Warum hast du sie nicht vergewaltigt?“ Paul. Fragte sich selbst nicht wie und wann er eingeschlafen war. Genauso wenig wie er wissen wollte, wann er den PC ausgeschaltet hatte und in sein Bett ging. Diese banale Vergangenheit voller Ursachen und Wirkungen war ihm unwichtig. Obwohl er sich normalerweise in diesen Nächten an das huschige Prozedere des Ortswechsels wenigstens schemenhaft erinnern konnte… Im gewohnten Regelfall war die größte Verwunderung nach dem Erwachen, dass er überhaupt eingeschlafen war. Denn die wichtigste und schlimmste Nebenwirkung seiner Lieblingsdroge war die ewige Schlaflosigkeit. Wie viele Tage hatte er in seinem Leben damit verbracht, sich selbst in den Schlaf zu treiben? Es müssen Wochen echter Lebenszeit gewesen sein, in denen er versucht hatte sich und die Droge zu überlisten, bis er langsam zu fallen begann und sein Bewusstsein endlich verstummte. Gestern. Vorhin. War er einfach so eingeschlafen. Und das nicht einmal durch den erlösenden sexuellen Höhepunkt, der als einziger die Fähigkeit besaß seine inneren Lichter wie ein Magier auszuknipsen. Es war „einfach so“ passiert.

Paul wendete sein feuchtes Kissen, das sich unter dem Bettbezug durch seine nächtlichen Aktionen schon längst karamellgelb verfärbt hatte, und starrte in die von seinem Kopf aufgewühlte Dunkelheit seines Schlafzimmers. „Wieso habe ich sie mir nicht… GENOMMEN?“ Hätte er es getan, wäre es kein Verbrechen gewesen. Nur eine Phantasie. Nichts weiter. Und an Phantasien war nichts Schlechtes. Die Gedanken sind frei. Ebenso, wie die Geilheit. Es wäre weiß Gott nicht das erste Mal gewesen, dass er sich eine Frau in seinen Träumen NAHM. Und in diesem Träumen hatte es ihnen später immer gefallen. Mehr oder weniger. Dafür hat man ja auch Phantasien. Um das ausleben zu können, was einem die Wirklichkeit nicht nur verwehrt; da es in Wirklichkeit nicht nur moralisch falsch, sondern gar ein Verbrechen ist. Paul war nie ein  Verbrecher. Nur ein Süchtiger. Was zählt schon ein Verbrechen in Gedanken, dass man nie ausführt? Von dem man sich nicht einmal träumen lassen würde, es in die tatsächliche Tat umzusetzen? Genau. Gar nichts. Natürlich durfte man nie mit irgendjemanden darüber sprechen. Nein. Das durfte man nicht. Man konnte ja auch zu niemand sagen, dass man manchmal gerne seinen Chef oder seine Frau töten könnte. Das sind nur Emotionen. Neandertaler-Regungen. Die nichts mit der zivilisierten Welt, die wir kennen, lieben und achten, zu tun hat. In unseren gesellschaftlichen Umgängen miteinander sind wir an das Gesetzbuch gebunden. An Konventionen. Die das Zusammenleben ermöglichen. Diese Errungenschaft macht uns zu gleichen Teilen frei, als auch unfrei. Sie schützt uns vor Übergriffen und verschiebt die Freiheit der Anarchie in unsere Träume. Und warum zum Himmel besaß er dann in seinem Traum von gestern Abend nicht die Wut sich diese Frau zu nehmen? Er hatte getötet für sie. Sein bester Freund war dafür gestorben. Sie war der Preis dafür. Sie war der Mittelpunkt des Schwarzen Loches seiner Phantasien. Sie war die Singularität, um die sich all seine sexuellen Wünsche drehten. Wer war sie? Und wie konnte sie sich seiner mentalen Gier entwinden?

Wäre sein Traum wie ein Konzert seiner Lieblingsband von dem er phantasierte, dann hatte er sich vorgestellt wie es ist am Morgen aufzuwachen, in die Arbeit zu gehen, dort alle möglichen Dingen zu tun erledigen, um sich danach  weiterhin vorzustellen wie es ist danach nachhause zu kommen, zu duschen, in sein Auto zu steigen, zu parken, vor dem Konzert Freunde zu treffen, sich anzustellen, Bier zu holen, um dann Schlussendlich das Konzert gar nicht zu besuchen. Die ganze Vorstellung machte keinen Sinn. Wie ein Flugzeug das nicht fliegen kann. Wie ein Fußballspiel ohne Ball. Das war im Prinzip nicht dramatisch. Nur unlogisch. Und Paul schob es auf die Drogen, die ihn wohl verwirrt hatten. Vielleicht war er auch zu lange wach geblieben. Da kann so etwas schon einmal passieren. Auch. Wenn es noch nie passiert war… Irgendetwas Unbekanntes schien in ihm zu sein. Etwas. Was ihm im Weg stand. Dass er nicht erklären konnte… Eine unbekannte Kraft hatte ihn von seinem imaginierten Lustgewinn abgehalten.

Paul zuckte in seinem Bett liegend mit seinen Schultern. Auf Drogen kann man halt auch sehr gut perplex sein.

Fünfundzwanzig Minuten später schellte sein Wecker. Kurzzeitig hatte er noch versucht an Katha zu denken. Doch in seinem Kopf hatte sich nur immer wieder das Bild der Pornodarstellerin „Lexi Belle“ geschlichen, als sie noch jung war. Die auf eine weltfremde Art Katha ähnlich sah. Paul konnte sich nicht mehr auf „die Echte“ konzentrieren. Aber das war jetzt auch schon egal.

Absolution – 19 – Die Frauen und das Monster

Pauls Augen erkennen  durch den von Pacos Lust zur Seite geschobenen Lendenschurz, dass dieser ähnlich denkt wie er. Mit aufrechter Brust und großer Erektion gehen die Mannknaben um den Wasserfall herum nach unten zu den Frauen. Auf dem Weg dorthin  zeigt sich, dass in Wahrheit nur zwei der fünf Frauen blond sind. Ihr Sonnenhaar hatte die anderen Frauen nur überstrahlt, die rote, brünette und schwarze Haare tragen. Die ganze pornotypische Farbpalette. Mit einem kreischenden Aufschrei der Überraschung zollen die Frauen den beiden Jägern Respekt. Selten. Fühlte sich Paul so männlich wie in diesem Moment. Wie er mit nackter, harter Pracht den Frauen entgegen schreitet, während die Damen sich wie kleine Häschen hinter Bäumen und Büschen, und sogar in das Gewässer am Fuße des Wasserfalls flüchten. Von Paul nimmt ein unanständiges, ungeheures Gefühl der Macht Besitz, zu dem im  Vergleich das Erlegen des Dschungelschweins eine lächerliche Lappalie war. Nur Eine. Eine bleibt stolz stehen. Nur mit ihren Händen versucht sie ihre üppige Scham zu verdecken. Ihr Blick beeindruckt Paul. Er ist stark und gerade aus. Sie identifiziert die Männer als das, was sie erachtet. Als Eindringlinge die hier nichts verloren haben.  Diese da ist kein Häschen. Sie ist ein Tiger.

„Gramon!“ schreit sie. „Verteidige uns!“

Kaum hat die Herrin gesprochen, tritt ein vierarmiger Riese aus den Büschen hervor, der mit dem Rücken zu der Szene unter einem Baum gestanden hatte, so als ob er sich von der Nacktbaderei züchtig abgewendet hätte. Seine Haut ist bräunlich. Aus seinem Mund starren trockene Fangzähne. Die Muskeln seiner Oberarme sind dicker als die Oberschenkel Pacos und Pauls zusammen. Dazu misst er eine Kopfhöhe mehr als Paul. Sein Körper ist definiert wie die eines „Mister Universum“.  Die Bestie schnauft wild – und lächelt. Ein Monster mit Verstand. Mit eiskalten Augen. Er sieht aus wie ein verdammter Endgegner aus „Mortal Kombat“. „Gramon“ scheint kein Tier zu sein. Er ist viel mehr als das.  Der Anblick dieses Wesens ist für Paul so überraschend und erschreckend, dass ihn das Gefühl überkommt, dass sich der Raum um die Bestie zu krümmen scheint: Das kann doch jetzt nicht wahr sein… Ihr Lendenschurze senken sich. Sie umklammern ihre plumpen Speere. Paco. Nickt ihm zu. Es ist ein Moment vollkommener Klarheit. Niemand. Nicht die Frauen. Nicht die Jäger. Noch das Monster. Sagt etwas. Die Karten liegen auf dem Tisch. Worte können nichts mehr ändern.

„What the fuck…“, murmelte der reale Paul in seiner Mietswohnung vor sich hin.  Was ist denn HIER los? Unvermittelt versuchte er das Spiel, den Film mit seinen Händen  zu stoppen, doch da war kein Joypad der seine Befehle entgegennahm. Die Hände gehen ins Leere. Das Alles. War nur in seinem Kopf. Aber… „Was zum…“

Paul war total perplex. SOLCHE Visionen hatte er noch nie gehabt… Vielleicht… Lag es… An der Dosis… Wahrscheinlich war er nur zu NÜCHTERN. Die Wirkung des Speeds musste nachgelassen haben. Wie sonst könnte aus seinem geilen Film so ein Fantasy-Quark geworden sein? Und er MOCHTE NICHT einmal Herr der Ringe… Fantasy ist doch die überhaupt  dümmste Form von Unterhaltung. Er wälzte seinen mit kaltem Schweiß überzogenem Körper von seiner Sitzgelegenheit hinab, hinüber zu seinem Wohnzimmertisch, wo das wie nach einer Explosion verteilte Pep  auf dem Glastisch lag. Seine Finger drehten ein gelbes Stück Notizpapier zu einer Röhre. Danach zog er einen dicke Prügel, eine grobkörnige Line, von dem Bild seiner Nichten und Neffen, das unter der Glasplatte seines Tisches lag. Die beiden Kinder lächeln ihr eingefrorenes Lächeln. Er stürze ein Glas stilles Wasser hinterher. Wie er merkte, dass die Hälfte der Droge aus seiner Nase bröselte, hielt er sich den Riechkolben zu und sog mit Lungengewalt die trockene Chemie so tief und fest in sich hinein, wie er nur konnte. Ein kurzes Würgen (das so heftig war, dass er aufstehen musste und dann bis auf sein T-Shirt nackt im Raum stand) und ein Glas Wasser später, war auch dieses Problem gelöst. Es konnte weiter gehen.

Und es war schon weiter gegangen.

Der Kampf gegen die Bestie ist im vollen Gange.  Die gute Nachricht ist: Die Bestie blutet bereits. Der untere, rechte Arm hängt schwer zerfetzt herab. Auch der obere linke ist schwer in Mitleidschaft gezogen. Noch besser. Der obere linke Arm behindert den sich darunter befindlichen Arm. Das sieht gut aus. Die Jungs schlagen sich wacker. Die schlechte Nachricht ist: Auch Paco und Paul haben mit Verletzungen zu kämpfen. Sie…

Der reale Paul auf seinem Sessel in seiner Wohnung sagt sich: Momentchen Mal. Muss das denn hier weitergehen? Könnte er denn nicht einfach in ein anderes, in ein erotischeres Abenteuer abtauchen? Was soll dieser ganze Unsinn? Dennoch wollte er wissen, wie es weiter geht… Und immerhin gab es dort auch noch die Frauen… Mal sehen wohin ihn das noch führen würde… Er könnte ja einfach ein neues Filmchen starten und sich damit von dieser Geschichte befreien. Sowie er aber seinen durch die Drogen polternden Herzschlag an seiner Kehle spürte, wusste er, dass er wissen musste, wie die Geschichte ausging.

Wieder tauchte er in sich hinab.

Fast trifft ihn das Beil aus der rechten Klaue am Kopf. So gerade noch, mit mehr Glück als Verstand konnte er noch abtauchen. Ein Reflex, der ihm das Leben rettet. Wo kommt überhaupt das Beil her? Paco nutzt den Angriff dazu, um „Gramon“ in den Rücken zu fallen. Mit aller Kraft stößt er seinen Speer so hart und tief in dessen Rücken, dass die Frauen aufkreischen. Das hat gesessen! Auch „Gramon“ stöhnt auf. Die Bestie bäumt sich schmerzverzerrt auf, nicht aber ohne noch dem auf dem Boden liegenden Paul einen Tritt gegen den Hals zu versetzen. Ob dies von der Bestie nun geplant war oder nicht ist Paul egal. Eine brutal schmerzende Sekunde lang glaubt er, dass der Vierarmige ihm den Kehlkopf zertrümmert hat. Die Schmerzen lassen Paul fast ersticken.

„Gramon“ wirbelt herum und packt Paco blitzschnell mit seinem gesunden linken Arm. Mit dieser Wendigkeit und Geschwindigkeit hatte Paco nicht gerechnet. Nie hätte er gedacht, dass das Monster ihn nach dieser Attacke noch so schnell und leicht erwischen könnte. Er ist  unvorsichtig gewesen. Und er ist sich darüber im Klaren, dass er damit sein Leben verwirkt hat. „Gramon“ hebt das Beil mit seiner rechten, gesunden Hand. Nun ist es an Paul seinen alten Freund zu retten. Nur er ist noch dazu in der Lage einzugreifen, seinem Freund zur Seite zu stehen. Ebenso wie er es schon in tausenden Filmen gesehen hat. Der Hauptdarsteller ist in einer schier ausweglosen Situation. Er ist an ein Auto gekettet, dass auf einen Abhang zurast. Er führt einen Kampf gegen eine Übermacht, die er nicht gewinnen kann. Oder aber ein Gewehrlauf ist auf ihn gerichtet: Der Abzug wurde schon betätigt. Die Kugel fliegt dampfend in Zeitlupe aus der Mündung. Im Hintergrund hören wir einen dumpfen Knall. Doch da ist der tapfere Freund mit dem „niemand mehr gerechnet hat“, der den Held in letzter Sekunde rettet und alles wieder ins Lot bringt. Nur. Der Tritt gegen den Hals hat Paul nicht nur weites gehend kampfunfähig gemacht, sondern ihn auch noch zu weit vom „Gramon“ und seinem Freund Paco  fortgeschleudert, als dass er noch eingreifen könnte. So lässt „Gramon“ mit aller Kraft sein Beil auf seinen Freund Paco fallen und trifft ihn tief in die linke Schulter. Paco brüllt vor Schmerzen auf, während die Bestie das Beil unter einer Blutfontäne schon wieder aus seinem Freund heraus reißt. Pacos glorreicher linker Arm, mit der Hand, mit der Paul und er eins Bruderschaft geschlossen hatten, fällt samt Schulterblatt unbedacht zu Boden. Lapidar, geräuschlos, wie ein Kissen, dass von einem Sofa fällt. Der nächste Beilhieb trifft Paco mitten im Schädel, womit das Schreien endgültig beendet ist. Die Frauen: Jubilieren. Das Beil bleibt in Pacos Kopf stecken. So als ob sein Freund versuchen würde, wenigstens damit ein paar Sekunden für Paul zu ergaunern. Paul. Kann nicht glauben was gerade passiert ist. Und doch schafft er es auf die Beine zu kommen. Seinen Speer zu nehmen. Und das Monster damit im Hals zu treffen. Ein Glücksstoß. Nicht mehr. Und auch nicht weniger. „Gramon“ bricht in sich zusammen, als sich die Schlagader öffnet. Paul geht auf die Knie. Neben ihm sackt die Bestie in sich zusammen.

Wie konnte das nur passieren?

Es spielt eine Rolle, von wem wir sexuell belästigt werden

Die schlimm dümmsten Beiträge zu einem Thema, welches gesellschaftlich kontrovers diskutiert wird, haben diesen Ton, von wegen: „Ich will nichts beschönigen, aber…“ Dennoch wird mein kleiner Text genau in jene Sparte rutschen. Dabei will ich gar nichts falsch machen – was die schlimmsten Kommentare zu einem Thema überhaupt sind. Wir sind hier aber bei „Strategien gegen Vernunft“, da muss man auch einmal im Halbjahr auf gängige weise unvernünftig sein.

„Sexuelle Belästigung“ ist das Thema 2017. Es ist eine große und ebenso wichtige Debatte, die da geführt wird. Diese Debatte läuft nun auch schon so lange, dass ich gar nicht mehr darauf eingehen will, wie und durch was sie in Gang gesetzt wurde. Das ist bekannt. Die Frage die mich und alle Männer und Frauen damit am Meisten beschäftigt ist (oder sie sollte es sein) was mein Part in diesem Spiel ist, also wie habe ich mich verhalten? Was habe ich getan? Was nicht? Und wenn dann, was habe ich daraus gelernt?

Ich war nie ein Heiliger, dachte jedoch, mich bei dem Thema auf die Seite „der guten Männer“ stellen zu können. Frauen habe ich immer respektiert und habe sie seit jeher als gleichwertig zu Männern gesehen. Sie waren für mich nie Freiwild, auch wenn ich sie natürlich objektifiziert habe. Ich glaube, dass es in Gedanken auch gar nicht möglich ist, dass nicht zu tun. Gerade in der Jugend, wenn die Hormone der Verstand nahezu überwältigen. Die Frage ist dann nur, was man herauslässt. Wie man damit umgeht. Es ist ja und sollte nie ein Verbrechen sein, wenn man durch einen Mitmenschen geil wird. Das gehört zum Menschsein dazu. Gedanken, Wünsche und Triebe sind frei. Und auch jetzt fallen mir sofort einige Frauen ein, deren Körper und Aussehen nicht anders als in meine geistige Kategorie „Gerät“ passen. Das hatte bei mir nur immer auch mit einer gewissen Form von Anbetung zu tun, als in dem Wunsch Frauen zu erniedrigen, d.h. auf mein Niveau herunterzuholen. Etwas, was die Machtmenschen mit Minderwertigkeitskomplex in Hollywood und sonst wo getan haben. Ja. Ich glaube dass die falsche Ausübung von Macht so gut wie immer mit einem Minderwertigkeitskomplex zu tun haben, von dem keiner von uns frei ist. Wir kommen nicht als fertige Menschen auf die Welt sondern machen uns zu denen, die wir sind; in diesem Zusammenhang vermeide ich die Formulierung: „Wir werden zu etwas gemacht.“ Das mit den äußeren Einflüssen die uns formen ist natürlich richtig. Hier will ich aber diese Ausrede nicht gelten lassen. Denn selbst wenn wir von außen beeinflusst und geformt werden, liegt es doch an uns was wir daraus machen. „Ich konnte nicht anders“ ist beim Charakter keine Ausrede. Denn wenn wir dachten wir konnten nicht anders, liegt es auch daran, dass wir den leichteren Weg in unserer Entwicklung gewählt haben. Man muss nicht alternativlos ein Verbrecher oder Drogensüchtiger werden, nur weil man in solchen Kreisen aufgewachsen ist. Jeder hat die Wahl. Doch ganz gleich was diese Wahl am Ende mit uns gemacht hat, ist in uns dieser kleine Punkt, dieser kleine oder große Haufen an Erfahrungen, an Komplexen, die unser späteres Verhalten in Machtpositionen erklärt. Es ist keine Rechtfertigung zu sagen, dass weil wir in der Jugend ausgelacht oder nicht gefickt wurden, wir im späteren Leben genau deswegen Frauen erniedrigt oder misshandelt haben. Oder Männer. Es ist keine Rechtfertigung. Aber eine Erklärung. Menschen sind nie von Grund auf Böse. Sie haben Gründe für das was sie tun. Auch wenn im seltensten Fall die Gründe schlimmer sind als das folgende Resultat daraus. Ich glaube diese Gründe, diese Komplexe, häufen sich über die Jahre, über die Jahrzehnte an, werden immer größer und größer, da wir sie nie verarbeiten wollen, da es zu peinlich ist, darüber zu sprechen, und irgendwann ist der Berg aus der Wut der Jugend oder der Kindheit groß genug, um ein ihm angemessenes Verbrechen zu begehen. Und wie es so ist mit Verbrechen für die man nicht bestraft oder belangt wird (das ist ja schon so als Kind wenn man zum ersten Mal lügt), handelt man wieder so. Okay. Das ist jetzt mal wieder ganz schöne Küchenpsychologie. So aber. Erkläre ich es mir. Ich, der gar keine Ahnung davon hat in einer Machtposition  anderen Menschen gegenüber zu sein.

 

Und selbst das ist eine Lüge. Sicherlich war auch ich schon in Machtpositionen Leuten gegenüber, habe es so aber nicht wahr genommen. Und ich weiß auch, dass ich mich nicht immer korrekt verhalten habe. Sei es Freunden gegenüber, die ich Alpha-Männer mäßig dominieren musste. Oder Frauen gegenüber, die ich nicht immer korrekt behandelt habe. Ich glaube nicht, dass ich ein TÄTER bin. Aber wahrscheinlich ist es auch so, dass ich selbst das gar nicht einschätzen kann. Keiner kann von sich selbst sagen, ob er Täter ist. Das müssen die anderen entscheiden. Ich selbst kann nur sagen, ob ich nicht doch einige Dinge im Leben hätte anders machen sollen.

Sex ist ein schwieriges Thema. Denn zuerst dreht sich alles um Sex. Und dann um Macht. Über diese beiden Themen kann man natürlich den Hauptbegriff LIEBE schreiben, doch die Liebe ist so ein heiliger, also ein schwammiger, Begriff, dass er alles und nichts aussagt…

Über mich selbst würde ich sagen, dass ich Fehler gemacht habe. Auch wissentlich. Ich daraus aber die richtigen Schlüsse gezogen habe. Ich war in meiner Schulzeit ja auch dass, was ich heute einen „Bully“ nennen würde. In meiner Jugend war ich schon ein ziemlicher Prolet und Alpha-Depp, der andere gemobbt hat. Das tut mir im Rückblick sehr leid. Aber ich musste das auch tun, um heute der zu werden, der ich bin. Das ist keine Entschuldigung. Doch es war leider ein Weg, den ich gehen musste. Wie gesagt. Niemand kommt fertig auf die Welt. Und wahrscheinlich ist dies die Erklärung dafür, warum wir Menschen keine Heiligen sind. Wir alle tragen die Narben der Vergangenheit an uns. Wir alle sind Täter und Opfer zu gleich. Auch und im besonderen in sexuellen Dingen. Daran müssen wir arbeiten. Und deswegen ist diese Debatte auch so wichtig.

Die eigentliche Sache, auf die ich mit dem ersten Absatz einleiten wollte, ist eine andere. Ich sah mir vorhin auf Bild (jaja) ein Textchen über die Prominenten aus Hollywood an, denen sexuelle Gewalt oder Übergriffe nachgesagt wurden. Und mir fiel auf, dass diese Machtmenschen entweder a) nicht gerade schön gewachsen waren, oder aber  b)  sie haben gleichgeschlechtliche Grenzen überschritten haben, also Homosexuelle Männer haben Heterosexuelle begrabscht. Auffällig ist doch – ohne das Thema bagatellisieren zu wollen – dass sich keine Frauen melden, die von den Brad Pitts dieser Welt sexuell belästigt wurden…

Absolution – 7 – Der Pfad der Dämmerung

Den richtigen Zustand der phantasiert/realen Euphorie zu erreichen war zu seinem Lebensziel geworden. Alles andere war nur Beiwerk. Und konnte er nun, so wie es jetzt geschah, in sich selbst und in seiner Traumwelt onanierend wegdämmern, war ihm so, als würde sich seine Persönlichkeit auflösen. Er war nicht der verschwitzte Typ der sich Stundenlang vor dem Rechner seinen Schwanz rieb und massierte bis dieser blutig und an den Seiten merkwürdig geschwollen war (wie ein Gesicht, dem man einen gezielten Schlag versetzt hatte); Paul war gar nicht da. Paul war weg. Paul war fort. Sein Körper war nur eine Hülle. Ein Gefäß in dass er zurückkehren musste: Irgendwann. Nein. Der echte Paul war weg. Der echte Paul erzählte sich Geschichten. In diesen erotischen, eindeutigen Geschichten ging es nicht nur darum mit Frauen den Akt zu vollziehen. Es ging um Alles. Um das Ganze darum herum. Er sah nicht nur die Göttin und die Lust. Das hatte ihm schnell nicht mehr ausgereicht. Nein. Um die Lust zu erleben, musste ein ganzes Universum erfunden werden. Eine Parallelwirklichkeit. In der er ein Szenario entwarf, aus dem die Lust entspringen konnte. Sein chemisch verbesserter, übereuphorisierter Verstand schrieb den Frauen Biografien auf die Seele, Charaktereigenschaften, Wünsche, Ängste und Nöte, warum sie in diese Situation gekommen war, was sie wollten, was nicht und was sie zusammen erlebten. Der Sex war immer nur Sex. Und es wäre gelogen gewesen wenn dieser Sex nicht wichtig wäre. Er war tatsächlich der Dreh- und Angelpunkt des ganzen Geschehens. Viel wichtiger erschien ihm aber die erfundene Person hinter seinem Begehren. Eine Person. Eine Frau. Die er nach seinen eigenen Wünschen erschaffen konnte. Paul merkte es nicht einmal, dass er sich zwar nach Sex und Zuneigung sehnte. Es ihm aber die größte Lust verschaffte, Gott zu spielen. Die größte Befriedigung war es. Allmächtig zu sein. Nicht nur irgendein kleines Rädchen im Getriebe einer Welt die ihn nicht brauchte um sich selbst zu erhalten.

 

Er sah gar nicht mehr nicht auf den Bildschirm. Seine Augen waren lächerlich lustvoll zur Wohnungsdecke verdreht. Während er von einer Katha träumte, von der er mehr wusste, als von der echten Katha selbst. Er begehrte einen Körper, der perfekter war, als der es von Katha jemals sein konnte. Und doch. War er der ihre. Er verzehrte sich nach ihrem Schamgefühl, welches er tiefer und intensiver spüren konnte, als es jemals möglich gewesen wäre, wenn er wirklich mit ihr in einem Bett gelegen hätte. Paul schrieb ihr seine Gedanken auf ihre Seele. Und konnte so ihre eigenen lesen. Es war das ultimative Verständnis zwischen Mann und Frau. Da waren keine Grenzen mehr. Sie verbanden sich zu einem Wesen. Einem Wesen voller Perfektion. Unter dem Kick einer Drogen, die sein Herz fliegen ließ… Er war nicht mehr der kleine Junge der von seiner Mutter verlassen wurde… Er war…

 

Nichts erschreckte ihn schlimmer als wenn er in solchen Momenten aus seinen Träumen gerissen wurde. Er toste auf und sein Herz blieb drei Sekunden stehen. Paul. War unfähig zu atmen. Er stand in seinem Sessel. Dabei hatte nur sein Handy einen Nachricht empfangen. Erschüttert sah er sich um. Das Video auf dem Bildschirm lief Tonlos weiter. Da standen noch die zwei Flaschen Wasser. So gut wie unberührt. Daneben eine Packung Taschentücher. Irgendwo dahinter. War sein Handy. Das vibriert hatte. Warum auch immer. Irgendwer. Von der Außenwelt hatte sich eingemischt. Paul wischte sich mit seiner Hand über sein verschwitztes Gesicht. Lehnte sich wieder in den von seinem Schweiß durchnässten Sessel zurück. Einen Moment lang konnte er seinen eigenen Gestank riechen. Er zwang sich einen Schluck Wasser zu nehmen. Und sah dann auf sein Handy. Sein Blickfeld war verschwommen. Er konnte die Buchstaben kaum entziffern.

Absolution – 6 – Wunscherfüllung Internet-Pornografie

3.

Nachdem sie den Club verlassen hatten. Nachdem sie den Feierstrich des Münchner „Kunstpark“, eine Partyzone, im Osten der bayrischen Hauptstadt, verlassen hatten. Nachdem sie die U-Bahn zum Hauptbahnhof und von dort den Regionalzug bis 2 Stationen nach Augsburg genommen hatten. Nachdem sie auf dem Weg von München über Augsburg noch ein paar Lines nachgelegt hatten. Nachdem sie sich am Bahnhof unspektakulär mit ein paar Umarmungen getrennt hatten; die anderen machten noch Afterhour, nur Paul sagte, er würde nicht mitkommen. Nachdem Paul durch den Regen zu seiner Wohnung gelaufen war, die 2 Gramm Speed in seiner Faust wie Frodo den Ring umklammernd, zog er dort angekommen sofort die Vorhänge zu, und  machte Paul seinen PC an. Er schob  flink seinen Sessel vor den Rechner. Stellte schnell zwei Flaschen Wasser daneben. Warf im Gehen eine Packung Tempo-Taschentücher auf den PC-Tisch. Und riss dann endlich, endlich, endlich, sein Speed, das von ihnen so genannte „Pep“ auf, so dass es wie eine wunderschöne Miniaturlawine auf seinen Glastisch fiel.

Der ganze Weg zurück aus München war für Paul eine nicht  enden wollende Tortur aus Zurückhaltung gewesen. Eine bloße Anmaßung, eine Bestrafung durch den Prozess des Reisens, der ihn von diesem Moment hier ferngehalten hatte. Während sein Herz. Seine Seele. Und besonders sein Schwanz nichts anderes wollten als hierher zu kommen. Hierher. In die Einsamkeit: In die Freiheit. Da es unmöglich war die Reise zu beschleunigen, beschleunigte er nun umso mehr den Prozess des Drogennehmens, während er gleichzeitig die Rahmenbedingungen für das schuf, was er sich die letzten Stunden, die vergangenen Tage so sehr herbeigesehnt hatte. Was nun folgte war das abschließende Abtauchen in eine viel höhere und ehrliche Form des Rausches, als man sie unter Menschen mit ihren privaten Ansichten und den damit automatisch einhergehenden Urteilen erleben kann. Dies hier. War sein privater Kick.  Der niemanden etwas anging.

Das Pep bröselte noch ein wenig aus seiner Nase, als er sich auf den Sessel  warf und seine Unterhose auszog. Normalerweise achtete er auf jeden einzelnen Krümel den er konsumierte. Jetzt. Wo es endlich los ging. War es ihm egal geworden. Er wollte nur so schnell wie möglich SEINEN Film schieben. In sich selbst Abtauchen. Bei sich selbst ankommen. Die rechte Hand öffnete den Internet-Browser. Die linke lag auf seinem schlaffen Schwanz. Seine Augen, panisch weit aufgerissen, klebten auf der einzigen Lichtquelle im Raum. Seinem Bildschirm. Auf dem ihm Seiten angezeigt wurden, deren Bezeichnung mit dem Wort „porn“ begannen. Er klickte sich euphorisch durch einen bestimmten, vor wem auch immer versteckten, Ordner in seiner „Lesezeichen“-Leiste um das Traum-Programm im PC wie in sich selbst hochzufahren. In bestimmter Weise musste sich der Geist nun mit dem Internet verbinden. Die Phantasie-Welt der Porno-Industrie musste sich mit der Gefühlswelt von Paul verbinden. In der es Vorlieben und Wünsche gab. Sehnsüchte und bare Geilheiten. Bei der schier unzähligen Auswahl von Videos und Bildern musste Paul nun gerade die finden, die er benötigte um sich selbst von der Welt zu entkoppeln. Das richtige Video. Mit der richtigen Frau. Im richtigen Setting. Mit der exakt richtigen Laufzeit. Alles musste perfekt sein. Denn Träume machen keine Konzessionen. Und es würde nur Leute wundern die Paul Fleming nicht wirklich kannten oder verstanden, dass er sich Videos von Frauen ansah, die seinen Freundinnen Sarah und Katha auf eine gewisse Art sehr ähnlich sahen. Dies. Waren die privatesten Momente im Leben von Paul Fleming.

Plump betrachtet war es ein krasser und klarer Fall von der Sucht nach Internet-Pornografie und Drogen, ein Mischkonsum-Verhalten, welches noch von keiner wissenschaftlichen Richtung jemals erforscht wurde. Eine Grau-Zone, über die niemand gerne spricht, da das Bild eines erwachsenen Mannes auf Drogen der sich vor dem PC stundenlang seinen Schwanz wichst nicht gerade die Form von Wahrnehmung ist, die der arme kleine Wichser von sich auch noch in die Welt transportieren will. Doch wie es ist mit den Wahrheiten so ist, ist sie, wie ihre kleine Schwester, das Klischee“ weiterverbreitet als Mann und Frau sich zugestehen wollen. „Wer seinen Trieb verleugnet, verleugnet sich selbst“, heißt es, nur ist der Triebhafte der Coole und Angesehene, der seine Neigung im realen Leben Taten folgen lässt, ausschließlich in seinem Kopf; wo aber ist der Unterschied? Wo ist die Grenze zwischen realem Verhalten und imaginiertem, wenn es nur um eine einzige Sache geht, nämlich der Triebabfuhr?

Ja Paul war sich sicher: Wer seinen Trieb verleugnet, verleugnet sich selbst. Und das war genau dass, was er tat.

 

Dieses wiederholte Verhalten zog einige Probleme nach sich, Erklärungsnöte, denn das Problem wenn man Freunde hat die einen mögen und leider so gut wie nie schlafen, ist ihre Sorge um einen oder wenigstens eine virtuelle Dauerpräsenz, wenn sie denn nicht ganz auf dem eigenen Sofa verschraubt erscheinen und man sie, ganz gleich wie geil einen die Drogen in den letzten Stunden schon gemacht haben, nicht aus dem eigenen Haus bekommt um sie endlich loszuwerden. Und Amphetamine machen relativ schnell geil.

Jetzt mussten also Ausrede her oder Tabula Rasa Entscheidung, um zu seinem einsamen Frieden vor dem PC zurückkehren zu können; „zurückkehren“ deswegen, da die Stunden vor dem PC, die an ihm abperlten wie Sekunden, ihm nach und nach als die wahre Lebensessenz erschienen. Bald fühlten sich sein zombiehaftes Verhalten und seine Flucht in sexuelle Träume an als die „bessere“ Art von Leben, eine Art von Leben, in dem es kein NEIN gab, und selbst wenn, dann war es ein inszeniertes Nein, welches er als großer Regisseur leicht in ein JA umdrehen konnte.

Häufig  hielt er einfach seine Freunde aus bis in die Morgenstunden um sie dann hochkant rauszuwerfen. Er sei – Haha – müde. Das klappte zwar manchmal ganz gut, doch nie ohne Nachdruck, da die Freunde die wie Blutegel in seiner Wohnung hingen, noch bei ihren Eltern wohnten und nicht mit Druffi-Augen nachhause gehen wollten. Somit musste vor der endlich erwarteten Meditation vor dem PC erst einmal gestritten werden. Und das war eklig und anstrengend. Besonders, da er im Prinzip eine ehrliche Haut war und es nicht mochte seine Freunde anzulügen.

Die weitausbessere Möglichkeit war es, sich die Drogen schon im Vorfeld zu beschaffen um sich dann nach der Arbeit am Wochenende einzuschließen und vor der ganzen Welt zu verleugnen.

„Ja ich bin krank.“

„Mir geht es nicht gut.“

„Kopfweh.“

„Magendarm“

„Müde“.

„Keine Lust.“

„Ein anderes Mal.“

„Familientag.“

Oder es gab gar keine Antwort.

 

Das Problem mit Methode Nummer 2 war nur, dass er schon so tief dem Sog seines Mischkonsums und seine Sehnsucht auf Erlösung in seinen Träumen verfallen war, dass es nur schwer möglich war bis Arbeitsende am Freitagnachmittag mit dem Konsum zu warten. Und unter der Woche Drogen zu nehmen barg nicht nur das Problem eine ganze Nacht vor der Arbeit nicht geschlafen zu haben, sondern in seinem speziellen Fall auch das Desaster, sich die ganze Nacht wie irr wundonaniert zu haben, was zudem einer Sportlichen Leistung gleichkam, wie eine Etappe der Tour de France zurückzulegen – und danach Arbeiten zu gehen. Davon war er heute noch weit entfernt. Noch hatte er mehr als genug Zeit. Dafür brauchte er nicht auf die Uhr zu sehen. Denn noch schien die Sonne auf seine Festung der Einsamkeit. Drogen- und Pornografie-Süchtige bemessen ihr Leben nicht nach Minuten und Stunden. Sie fühlen nur noch die Tageszeiten.

 

Noch war es nicht so weit. Noch sahen die Pornodarstellerinnen nicht einmal ganz so aus wie die Frauen die Paul wirklich begehrte. Ähnlichkeiten waren durchaus vorhanden. Aber noch waren sie nicht mehr als plumpe Schlampen die vor der Kamera ihre Würde ablegten. Dagegen konnte etwas unternommen werden. Sportlich sprang er auf und legte sich eine weitere Line, einen echten grobkörnigen Prügel aus Speed, und saugte sie wild entschlossen in seinen Riechkolben hinein. Zuviel ist ja selten genug. Schließlich war er sich darüber im Klaren, dass er der Katha seiner Träume, der wahren Katha, die echter war als die Frau die er vor ein paar Stunden umarmt hatte, nur noch ein paar Milligramm entfernt war. Denn wer einmal auf Drogen zu träumen begonnen hat versteht: Der Rausch ist die bessere Realität. Ist der klarere Traum. In der Hyperrealität des Traumes ist alles geordnet, richtig und unerschöpflich. Dies war der Olymp. In der er ein Gott unter Göttinnen war. Dies war der Harem seiner Seele. Der durch kein falsches Wort, durch keine falsche Geste, durch keine Laune von irgendwem zerstört werden konnte. Dies. War die Perfektion in Gedanken. Die sich echter anfühlte als die Wirklichkeit. Denn wenn man einmal begriffen hat, dass sich das ganze Leben nur im Kopf abspielt, weshalb sollte man sich dann noch mit einer unzureichenden, unbefriedigten Wirklichkeit zufrieden geben? Einer Wirklichkeit, in der man nur einer unter vielen ist? In der man Regeln und Konventionen einhalten muss um ein Abbild davon zu bekommen, was man sich eigentlich erträumt? Die objektive Wirklichkeit war immer ein Fehlerhaftes Zugeständnis an die anderen. Dies hier. War die reine Lust. Das hier. War alles was er wirklich wollte. Dies. War Paul Fleming.