Das ewige Leben

Ich habe mir gestern den Film „Das ewige Leben“ mit Josef Hader angesehen, ganz, obwohl ich nur die Anfangssequenz sehen wollte. Der vierte Film um Simon Brenner (gespielt von Josef Hader) beginnt damit, dass der Brenner am Bodensatz der Gesellschaft angekommen ist. Er ist seit Jahren arbeitslos, ist nicht mehr sozialversichert, hat kaum Anspruch auf Rente und ist selbstverständlich finanziell total abgebrannt. Familie hat er auch keine die sich um ihn kümmern könnte, doch beim Thema „Familie“ erinnert er sich an ein altes Haus welches er geerbt hat, in Graz, zu welchem er in der erwähnten Eröffnungsszene mit dem Zug fährt.

Es schüttet wie aus Kübeln und als der bis auf die Knochen durchnässte Brenner das Häuschen erreicht, hat dieses ein Loch im Dach (durch das es natürlich hineinregnet) und keinen Strom. Er setzt sich an den dunklen Küchentisch, blickt ins Nirgendwo, und setzt dann, um im Haus wenigstens etwas gegen die Kälte zu unternehmen, seine Wintermütze auf. Dann wird der Titel des Filmes eingeblendet, quasi als Kommentar zur Szene: „Das ewige Leben“.

Dieses Bild fand ich schon damals im Kino ungeheuer traurig und stark.

Gestern fragte ich mich, wieso wir das überhaupt wollen: Ewig Leben. Denn unterbewusst leben wir so, als würden wir es ewig können, dieses leben,  auch wenn wir es vielleicht gar nicht bewusst wollen. Alle wollen krampfhaft lange leben, ganz egal wie lebenswert dieses Hiersein überhaupt ist. Oder ob es. Sich dabei nicht eher um einen Fluch handelt. Dieses scheinbar ewige Leben.

Wenn man jung ist hält man sich für unsterblich. Man denkt nicht allzu viel über die Zukunft nach und geht an seine Körperlichen und Physischen Grenzen, ohne Gnade und Rücksicht auf sich selbst; man nimmt die Verluste gerne in Kauf. Wenigstens war das in meiner Jugend so. Vielleicht war das noch eine andere Generation. Keine Ahnung. Oberflächlich wird heute auf jeden Fall viel mehr vernünftelt.

Die Zukunft und die mit ihr verbundenen Probleme sind weit entfernt und man denkt recht wenig an die unterschwelligen Ergebnisse seines Handelns. Zwar habe ich immer gewusst, dass mein Tun Konsequenzen haben würde, richtig geglaubt habe ich es aber nie. Wer wollte schon ernsthaft 50 werden?

Am liebsten wäre ich einfach mit 27 tot umgefallen. Ein finaler Schlag gegen mich Selbst, oder anders ausgedrückt: Die Erlösung.

Dieses Feeling von damals hing damit zusammen, dass ich mit mir und meinem Leben unglücklich war und ich es mir schwer mit allen möglichen Mitteln „besorgte“, um die Trauer und den Schmerz zu überspielen, nicht das Leben zu leben, das ich gerne hätte. Unterbewusst wollte ich vielleicht gar nicht mehr leben, auf jeden Fall (und ganz sicher) nicht ewig. Das Leben läuft in Wellen ab, in Phasen, und das ist kein Geheimnis. Irgendwie weiß das jeder, dass es gute und schlechte Tage gibt, sehen und verstehen will das dann aber auch irgendwie kaum jemand. Bist du in einer schlechten Phase, glaubst du, dass es nie wieder besser werden kann, und auch in guten Zeiten bist du blind für das Unglück, welches vielleicht schon vor deiner Türe steht. Ich wusste nie wo ich in 5 Jahren bin.

Die Freunde um mich herum bekamen Kinder, finanzierten Häuser, bauten sich ein bürgerliches Leben auf, und ich blieb immer 20 Jahre alt und goss die Kübel meines Daseins achtlos ins Nichts. Was für eine überschwänglich gute und sorglose Zeit, und doch: Was für eine Verschwendung.

Jetzt sitze ich da, mit meinem abgenutzten Körper und schon jetzt mit den Folgen meines Tuns (kaputter Rücken, meine nervöse, unausgeglichene Art) und will mich gar nicht mehr verschwenden, sondern im Gegenteil, alles festhalten und gutmachen, was ich verschwendet habe, nur leider kann man ausgeschüttetes Wasser nicht mehr mit den Händen zurück in den Eimer kratzen.

Mir tut es nicht leid was ich 13 Jahre meines Lebens getan habe, ich würde es aber gerne anders gemacht haben, schonender, angenehmer, für mich und für die Menschen, die mich heute ertragen müssen. Die Zeit kann man aber nicht umkehren. Wohl aber kann man daran arbeiten.

Ich sehne mich nach der bürgerlichen (wenn auch nicht gleich konservativen) Ruhe die ich so lange so sehr abgelehnt habe und freue mich auf ein besseres, geordneteres Leben. Ironie, Ironie. Nun wo ich schon lange, aber immer noch glücklich, verliebt bin, will ich plötzlich ewig leben. Und spüre doch jeden Tag auf eine andere Weise, dass das nicht der Fall sein wird.

Das Leben ist Fluch und Glück zugleich. Und man braucht jemanden im Leben, um das eigene Dasein in den koordinationslosen Gewässern der Möglichkeiten auf Kurs zu halten. Das Leben braucht einen konstanten Sinn. Denn egal was für überbordende Erfahrungen du einmal gemacht hast. Du kannst sie doch nicht mitnehmen. In das Später. Wenn du alt, greise und wund an deinem Küchentisch sitzt und das scheinbar ewige Leben als Last, oder aber als schöne Offenbarung erlebst. Denn auch in Zukunft zählt nur das JETZT, und ob es lebenswert ist. Genauso wie mit und vor 20 Jahren. Nur gab es damals eine Gegenwart ohne Vergangenheit. Heute und in Zukunft wird es nur eine Gegenwart durch Vergangenheit geben. Und ich freue mich darauf. Und bin dankbar, dass der Zug noch nicht abgefahren.

Und zum Glück.

Will ich immer noch nicht so sein, wie die anderen.

Im U-Boot

An den guten Tagen vergesse ich es. Ich blinzle kurz. Unbewusst. Dann ist diese Ahnung auch schon wieder vorbei. Wie ein Auto das an der Seite deines Sichtfeldes eine Sekunde lang deine Aufmerksamkeit erregt. Du wendest kurz den Kopf in die Richtung, siehst aber nicht wirklich hin.

Keine Gefahr. Kein Grund, um aus dem tiefen Schlaf der Alltäglichkeit aufzuwachen.

Der unbewusste Alltag ist unser Glück. Unser Lebensfluss, der uns vorantreiben lässt. Und doch ist er nur ein närrischer, infantiler Schlaf, der uns all jenes ausblenden lässt, was uns verfolgt.

Das sind die guten Tage.  Und es ist ein Segen, dass die guten Tage in der Mehrzahl sind.

In anderen Momenten, an den anderen Tagen, ist es unerheblich ob ich mich in einem Gebäude oder unter freiem Himmel befinde. Räumlichkeiten spielen keine Rolle, da der Raum nicht mich oder dich umgibt, wie man vielleicht denken könnte, sähe man die Welt mit Kinderaugen. Es ist doch eher so, dass wir mit unserem Bewusstsein den Raum um uns herum schaffen. Ihn mit Leben füllen. Ich weiß auch gar nicht, ob dieser Welten-Raum (unsere Häuser, Gassen, Berge, Wüsten, die Tiefen des Meeres oder all die kalten Monde, die wir jetzt noch nicht Sehen können) wirklich existiert, wenn keiner da ist um ihn zu betrachten.

Ich. Bin der Raum. Denn ich bin das Wesen, welches den Raum erst zur Realität macht.

Dann knirscht und knackt es. Ein bisschen wie das Knacken von Sehen, und dabei doch sehr metallisch. Wie schwitzige Hände, die ein Blech flach nach innen drücken. So stark, dass die Luft aus den unsichtbaren Rohren gedrückt wird, die uns umgeben, bis unter der Anpressungskraft die Luft stöhnend entweicht. Ich weiß, dass klingt verrückt, doch wir, jeder von uns ist, sind umgeben von einem gigantischen Rohrleitungssystem. ..

Hin und wieder kommt Migräne dazu. Meistens nicht. Diese Migräne besteht aus Schmerzen und einer Lichtempfindlichkeit, die vom Inneren meines Schädels gegen meine Stirn drückt. Ich kann dann Blitze sehen, helle Waben, die sich über mein Augenlicht legen. Das ist der andere Druck. Der Schmerz, der aus mir herauskommt.

Denn unser Dasein besteht aus zwei Druckbarrieren, die sich meistens die Waage halten: Der Druck von außen, der auf den innen Druck unserer Schädel trifft. Sind beide Kräfte gleich stark, merken wir gar nicht, dass hier zwei Mächte am Werk sind, die aufeinander einwirken. Da ist es wie mit der Anziehungskraft der Sonne, oder des Mondes. Solange da nicht aus den Bahnen läuft, nehmen wir es gar nicht wahr.

„Stress“ ist der Auslöser, der das Gleichgewicht der Kräfte durcheinander bringt. Die Arbeit. Die Freundin. Der Herzkranke Vater. Die Zukunft. Die Wünsche und Süchte, die man dachte überwunden zu haben. Die animalische Geilheit. Die Sorgen des Alltags. Der Jahreszeitwechsel. Das Sodbrennen. Die Lipome unter der Haut. Die Qualen unserer Mitmenschen, die auf uns einprasseln. All das bringt das Kräfte-Verhältnis durcheinander. Und dann kann ich die Geräusche hören. Und unter Schmerzen, dieses merkwürdige Licht in meinem Kopf sehen.

Jeder ist sein eigenes U-Boot. Angefüllt mit einer Besatzung von Experten, die Alle wissen was zu tun ist, um das Boot auf Kurs – und wichtiger – am Laufen zu halten. Da werden Wartungsarbeiten ausgeführt. Maschinen repariert. Befehle angenommen. Torpedos geladen und in Position gebracht. Nicht selten wird auch geschossen. Im Prinzip aber taucht unser U-Boot fast blind mit veralteten Karten durch eine trübe, undurchsichtige schwarze Suppe, halb blind mit überholter, prähistorischer Technik, mal höher, näher an der Meeresoberfläche, so dass wir fast das Licht der Sonne sehen können, meistens jedoch tief im Marianen-Graben unseres Erlebnishorizonts, wo kaum mehr ein Leben möglich ist; der Druck ist einfach zu hoch. So ungeheuerlich groß, dass er einen zerquetschen kann, ganz egal wie viele Überdruckventile unsere Besatzung auf und zudreht.

Kein Wunder das wir ständig Tabletten gegen unsere Schmerzen fressen.

Das sind die anderen Tage.

Wenn du auf einer Wiese liegst. Und sich der Himmel ein wenig nach innen wölbt. Bis die Schmerzen in deinem Kopf beginnen unerträglich zu werden.

Leider. Lassen sich manche Dellen nicht mehr ausbeulen. Bis wir schließlich zum „Herren Doktor“ rennen und flehen: „Doktor, Doktor ich werde verrückt!“

2Kinderzimmer, Küche, Bad

Eines dieser typischen Klischees:

Frau trifft Mann. Mann heiratet Frau. Frau bekommt Kinder. Probleme in der Ehe. Frau fühlt sich eingeengt in ihrem EINEM Leben. Frau trifft anderen Mann. Frau verlässt Ehemann UND Kinder. Okay, dass die Frau die Kinder verlässt ist eher selten, hier aber der Fall. In meiner Familie. Vermutlich ist das ein Zeichen von Feminismus. Von Emanzipation. Denn die bedeutet ja auch, Gleichberechtigung beim Arschlochsein.

Und der Mann leidet viel mehr. Er habe doch Alles richtig gemacht. Alles für sie getan. Und so sehr man auch mitfühlt, so weiß man doch, dass genau dass das Problem war. Wer seine Frau auf den Händen trägt, dem fliegt sie irgendwann davon…
Selbstverwirklichung. Glück. Der Kerker Ehe. Die Tretmühle des normalen Lebens. Wer würde nicht gerne, einfach so, einmal mal wieder ganz neu anfangen? Ohne Kompromisse? Wenn nur nicht die Vergangenheit nicht wäre, eine Vergangenheit, die dich ansieht, mit den traurigen, leidenden Gesichtern deiner Kinder. „Der kleine Tod.“ So sollte man nicht den Orgasmus nennen, sondern das Empfängnis eines Kindes, am Ende des Ficks… Ich glaube, das wäre aufrichtiger.
Und wieso verdammt noch mal. Muss die Zukunft dann doch wieder mit einem neuen Kerl beginnen?… Warum brauchen Menschen immer diese Krücken, die ihnen am Ende dann doch ebenso wenig passen wie die alten? Wieso braucht man jemand, der einen bejaht und hilft?

Der (Ehe)Mann tut mir leid. Weil er nackt dasteht. Ganz hilflos, tragisch verletzt. Und sich nun um eine Vergangenheit kümmern muss, die eine ganz andere Zukunft hat, als vor ein paar Wochen. Die Kinder. Das Haus. Der Job. Alles ist nicht mehr das Selbe. Es ist beschädigt. Ein Krebsgeschwür schlummert in ihm. Das Licht hat sich bereits verändert. Und die Frau sollte eigentlich wissen, was mit ihnen Allen geschehen wird, denn ihre Mutter hat genauso gehandelt wie sie selbst; gerade, die Mutter. Die Person, wie sie nie werden wollte. Und nun…
Ich kann die Frau aber auch verstehen. Alles hinwerfen. Sich lebendig fühlen. Was ist schon richtig oder falsch? Die Familie? Der Neue? Im Rückblick gibt es kein Richtig im Falschen. Gerade nicht in der Beziehung und/oder der Familie. Die Vergangenheit ist schal geworden. Das Glas im Rückspiegel milchig. Alles nur nicht Hier bleiben. Weg. Aus dieser Enge. Raus aus der Umarmung deiner Liebsten, dieser Schlinge, die sich immer fester zuzieht, desto mehr man sich bewegt.
Erwachsenenprobleme.

Und die Kinder?
Die Kinder sind die Zukunft. Und wir wissen Alle, dass sie eine beschädigte Zukunft haben werden. Das ist unsere Schuld, denn es ist unser Egoismus. Wir wollten die perfekten Eltern sein. Die glücklichsten und umsichtigsten Erzieher. Und dann stolpert man doch über sich selbst… Denn so wie es kein Richtig im Falschen gibt, gibt es auch kein Ideal in der Realität. Unsere Möglichkeiten sind nur ein Scherbenhaufen unserer Träume; das Leben ist ein Kompromiss. Wem reicht das schon?

Und am Ende hat einer den anderen mehr geliebt. So ist es immer. Mit dem Mann. Der Frau. Mit den Kindern. Bis die Kinder selbst vergessen, warum sie Mami und Papi einmal so vergöttert haben. Und sich die Stille über ihre Beziehung legt. Da die Kinder selbst Eltern sind.

Es ist das alte Spiel. Immer wieder neu. Und niemals abgenutzt. Und wir reden von Glück, dass es bei uns so nicht ist. Und dabei wissen wir doch. Dass in unserem Glück die Saat für das gleiche Theaterstück liegt.
„Ich werde dich für immer lieben“.

Schmerz-Utopie

Ich bin ja total zusammengeschafft, gestern 12 Stunden Arbeit, heute 12 Stunden Arbeit, und weil ich die Redewendung so cool finde (hab ich mir ganz alleine ausgedacht), weiße ich noch einmal daraufhin, dass ich ein richtiger Mann bin und mein Geld nicht damit verdiene, virtuelle Probleme zu lösen; ich bin Handwerker – auch wenn dass die Meisten bei meiner Berufsbezeichnung nicht sofort sehen. Denn ich bin auch Fußwerker. Und Rückenwerker sowieso.

Seit fast einem Jahr plage ich mich mit meinem „kleinen“ Bandscheibenvorfall herum und die letzten Wochen konnte ich oft vor Schmerzen am Morgen kaum Laufen. Seit Dienstag bin ich wieder bei meinem blinden Physiotherapeuten und der Mann schafft mit seinen Händen wahre Wunder. Und komisch, obwohl ich seitdem wie irre schufte und dabei schwitze wie ein Tier (bei 40 Grad Innenraumtemperatur), bin ich die ganze Zeit gut drauf. Meckere kaum. Lache. Versöhne die Anderen. Mache Witze. Und schon nach kurzer Zeit wusste ich auch, woran das liegt: Weil ich kaum mehr Schmerzen habe. Mein Körper fühlt sich so fit an, wie schon seit Langem nicht mehr, was sicherlich auch daran liegt, dass ich mehr Sport treibe als früher.
Warum ich das erzähle? Nun, mir gefällt die Vorstellung, dass die Menschen nur deswegen schlecht gelaunt und böse sind, weil sie Schmerzen haben, und sich darüber gar nicht klar sind, dass sie wegen den Schmerzen solche Arschlöcher sind. Das hieße: Würde man die ganze Menschheit heilen, wären Alle gute Menschen, nett und versöhnlich also. Klingt doch schön, oder?
Lasst mir heute meinen Glauben 🙂

Leiden verbindet

Die nächsten zwei Wochen bin ich noch in der Reha wegen meiner Bandscheibe. Das ist eigentlich ganz locker und nicht unansprechend. Ich mag die „Anwendungen“, die Kurse. Etwas Nordic Walking, Bewegungsbäder (Wassergymnastik), Krankengymnastik, Fitnesskram, Massagen, usw. usf. Dagegen kann man nichts haben, auch wenn man sich manchmal etwas lächerlich vorkommt. Doch. Es soll ja helfen. Und wer Schmerzen hat der will dass ihm geholfen wird. Schmerzen machen gefügig, dankbar und anspruchslos. Das Problem ist für mich nicht das Programm der Therapie, sondern die Menschen.

Da ich ja von allen möglichen Menschen um mich herum das Prädikat „ruhiger geworden“ aufgestempelt bekomme, muss ich ehrlich sagen, dass ich mit den Menschen dort auch nachsichtiger umgehe als ich es noch vor einiger Zeit getan hätte. Nervig ist es aber schon. Diese Kultur über seinen eigenen Körper und den Schmerz zu erzählen. Ich weiß nicht ob das ein deutsches, oder allmenschliches Ding ist.

Zwischen den Anwendungen wartet man viel und da ist es natürlich naheliegend sich mit den ebenfalls wartenden Kollegialpatienten über die Wehwehchen zu unterhalten, worauf man dann schnell eine ganze Krankenakte rein gepresst bekommt, plus Narbenzeigen. Zusammen leidet es sich vielleicht besser als alleine, man jammert auch ausgelassener. Der nacherzählende Patient erscheint einem dabei sehr interessiert an der Medizinischen Behandlung, die seinem Körper wiederfährt und gewisse Lateinische Begriffe werden überall als Basics vorausgesetzt: „Das weiß man doch.“ „Bei mir haben sie das und das gemacht, aber natürlich nicht richtig.“ „Da habe ich so viel Pech gehabt.“
Ich hab natürlich auch Schmerzen. Nicht so schlimme wie die der meisten Menschen die ich treffe, nur bin ich leider auch oft halb so jung wie jene, mit denen ich darüber rede. Dennoch habe ich das Gefühl, dass diese Leute (ich vermutlich auch) sich immer mehr über ihre Krankheiten und Gebrechen definieren. Möglich, dass das sogar die Definition von altwerden ist: Die Ansammlungen des körperlichen Verfalls im Kontrast zur früheren kindischen Gesundheit, zu der man einfach nicht zurück kann, weil man eben dieses und jenes zu erleiden hat. Man definiert sich also über seine Behinderungen: „Ich kann ja nicht mehr.“ Mit einem sprachlosen „Aber früher“ hinten dran.
Es ist bestimmt beschissen alt zu werden. „Alt sein“ ist dagegen weniger schlecht, da man sich ab einem gewissen Alter mit alldem versöhnt hat, was altwerden bedeutet. Doch der Weg bis zu dieser äußeren Ruhe ist lang und schmerzvoll. Okay. Es macht natürlich schon Sinn sich dabei mit den Weggefährten des Gebrechens über diesen Prozess zu unterhalten. Aber man ist ja eben nicht nur die Krankheit. Das Leben ist mehr als Leiden.

So ist das aber. Über seine Handicaps kommt man leicht ins Gespräch und es kommt eine gewisse Form von Vertraulichkeit auf und es ist ja gut, dass man sich bei uns nicht dafür schämen muss, dass der Körper nicht mehr so ganz kann – obwohl einem schnell von außen vorgeworfen wird, man könne durch aus, man wolle nur nicht, was eine Frechheit ist. Junge, gesunde Menschen fehlt dafür aber auch das richtige Verständnis. Man muss vieles erst einmal am eigenen Leib erlebt haben, um es zu verstehen, bestimmte Dinge sogar immer wieder und wieder, wie es zum Beispiel mit dem Liebeskummer ist, den man als Außenbetrachter gern wieder verlernt zu akzeptieren, und kaum ist man selbst an der Reihe, sieht man die ganze Welt untergehen…

Der „Jugend- und Perfektionswahn“, der Leistungsirrsinn unserer Zeit tut sein möglichstes dazu. Nicht mehr Produktivsein ist eine gesellschaftliche Bankrotterklärung – nun, vielleicht ist auch dass der Grund warum der Deutsche so sehr über seine Krankheiten und Behandlungsmethoden Bescheid weiß: Weil er seiner geliebten Arbeit nicht mehr oder nur teilweise nachgehen kann. Und das rechtfertigen muss, gerade auch vor sich selbst. So blöd sind wir. So dumm erziehen wir unsere Kinder, und statt der dummen Angst vor dem Russen vor der Türe in meiner Kindheit, trichtern wir unseren Bälgern ein, dass die Chinesen viel Leistungsfähiger (und gesünder) sind als wir, weswegen noch mehr Leistung benötigt wird um „mitzuhalten“ (d.h. ehrlich übersetzt: Das Land so lange Konkurrenzfähig zu halten, bis man die dann sichere Rente bezieht – aber man will ja nicht an sich denken, nein, nein, es geht ja immer nur um die Kinder… ). Wir Deutschen brauchen wohl bis zu einem gewissen Grad auch die Angst um über die Runden zu kommen…

Ich habe noch zwei Wochen in der Schmerzindustrie und ich hoffe ehrlich, dass mir das auf lange Zeit etwas bringt…

Irgendwas geht immer

Eigentlich könnte es mir gar nicht besser gehen. Doch. Es geht immer etwas besser. Und wenn es nicht mehr geiler geht, dann geht irgendetwas (was auch immer) LÄNGER geiler. Zumindest noch ein wenig, bitte; bitte nicht aufhören…. Denn so ist das mit der Zeit. Irgendwann ist alles im Arsch, oder vorbei, oder vielleicht ist das aber auch das Gleiche, wenn etwas kaputt ist und damit vorbei. Die Zeit geht kaputt, so ist es wohl. Möglich, aber das es einfach nur der erlebende Mensch (du oder ich) ist, der kaputt geht, und die Zeit etwas absolut gesundes ist, das ständig, anständig und ewig fortbesteht wie das Universum selbst und wir in diesen Bruchteilen die wir erleben dürfen, die Zeit an sich als etwas krankes verstehen, da der Mensch etwas endliches ist, vergängliches, tragisches.

Ja, doch. Es könnte mir schon besser gehen… Emotional bin ich dabei so aufgeräumt wie schon seit Jahren nicht mehr und absolut glücklich, doch der Körper streikt zur Zeit und fordert dass ein, was man ihm Jahrelang nicht gegeben hat. Ruhe, darum geht es. Denn wenn man einmal die Ruhe vernachlässigt hat, zahlt man dafür einen Preis. Seinen Preis. Ich hab im Moment – nach dem Gehörsturz und dem Leistenbruch – einen Bandscheibenvorfall, fresse Diclofenac und habe Schmerzen, fast den ganzen Tag. Kein höllischen Schmerzen; manchmal jedoch schon.
Ich will mich aber gar nicht beschweren oder ausheulen. Wozu auch? Wann ist man denn richtig gesund? Es ist doch immer etwas da oder eben nicht. Etwas, was stört, verstört, zerstört und nicht so NORMAL ist, wie man es gerne hätte. Irgendein Unwohlsein ist da doch immer. Das Gejammere darüber, dass das „immer mir“ passieren muss auch. So ist das nun einmal. Diese „Aufs“ und „Abs“. Am Ende macht man doch wieder gerne weiter mit dem Leben, mit einem selbst, so wie man ist, egal wie man sich auch „verändert“ hat. Ich bin glücklich, weiß aber auch, wie nervig das klingt für Menschen, die dieses Gefühl selbst gerade nicht haben… Egal. Auf jeden Fall will ich mir von diesem körperlichen, wortwörtlichen Gebrechen nicht mein Glück nehmen lassen. Denn das man verblasst und kaputt geht, das gehört leider dazu.

Natürlich hätte ich klüger sein müssen. Hätte mich in der Arbeit nicht für „unersetzlich“ halten sollen, denn jetzt wo ich krankgeschrieben bin, geht es ja auch.
Das Zahnrad der Arbeit und des Kapitalismus geht trotzdem weiter, auch ohne mich und hin und wieder braucht man einen gehörigen Schmerz um das wieder einmal zu verstehen. Das Seltsame dabei ist, dass der körperliche Schmerz allerorts mit Verständnis betrachtet wird, psychische Schmerzen aber gerne abgetan werden. Immer noch und vielleicht sogar für alle Zeit. Das mag daran liegen, dass jeder einen schmerzenden Körper kennt, aber nicht alle die Hölle der Depression und Einsamkeit. „Depression, das kennt man in Afrika gar nicht“, die Phrase habe auch ich schon oft genug gebracht, aber ob man in Afrika einen Bandscheibenvorfall als so schlimm und schmerzhaft ansieht wie bei uns, ist nicht überliefert. Wenn es aber das Eine gibt, muss es auf irgendwelche Art auch das Andere geben. Da ist doch logisch. Menschen, sind sich ähnlich. Sind sich in ihren Grundzügen doch total identisch, egal ob wir wie Schneeflocken Alle unterschiedlich aussehen…
Wenn ich von mir auf andere schließe, dann ist mir sogar das körperliche Leiden (wenn das Leben in einem erträglichen Teil vom Schmerz bestimmt wird – und wir reden hier von einer hohen Schmerztoleranz) auf eine gewisse Art doch lieber, als die totale Einsamkeit und Verbautheit der Existenz.
Natürlich kann man das nicht vergleichen; Beides will ich nicht wirklich haben.
Dennoch – ganz romantisch betrachtet – habe ich lieber körperliche Schmerzen im Kreis der Liebende /Liebe, als eine Werther ähnliche Einsamkeit, die dir das Salz in der Suppe nimmt und dich alles wegwerfen lässt. Ich weiß. Man kann das nicht vergleichen. Doch man kann es sagen, worauf die Leute vielleicht verstehen können, was man meint.

Gesund ist man nie so ganz. So oder so. Und irgendeine Krankheit geht immer. Man sollte dankbar sein. Aufrecht. Und voller Hoffnung.

Die Rebellion gegen das Verfügbare (Guerilla)

Er mag seinen Nachbarn nicht. Obwohl. Sie einiges gemein miteinander haben. Ähnliches Alter. Beide Rentner. Beide noch „rüstig“. Das Wort „gemein“ bedeutet ja „einfach“. Hier sieht man: Diese drei Punkte sind der kleinste gemeinsame Nenner, auf die man diese beiden Herren herab brechen kann.
Denn sein Nachbar hat nie gearbeitet. Auf jeden Fall nicht so wie er. Büroarbeit ist keine Männerarbeit. Es ist die Verwaltung von Arbeit, keine richtige Arbeit. So sieht es das… Und doch ist es SEIN Nachbar, der ihm gegenüber hochnäsig ist. Nicht er ihm gegenüber. Gott bewahre! Er weiß was Anstand ist. Er braucht keine hochgestochenen, lateinischen Worte. Er ist einfach. Er ist gemein mit den Menschen… Ach… Ihm fehlt die Arbeit.

Es war keine großartige Arbeit. Nur eines von diesen Dingen, die die Welt am Laufen hält. Handwerk. Ein Werk das mit den Händen vollbracht wird, und mit dem Kopf. Etwas Geschick, etwas Mühe, etwas Zeit, und ja, auch etwas Anstand. Mehr braucht es dazu nicht.
Er war „Meister“ gewesen, doch was heißt das schon? Nun. Er war eine Art Chef gewesen und er würde sagen, kein allzu schlechter. Einer von jenen mit einem offenen Ohr, dabei aber auch mit einer harten, jedoch ruhigen Hand. Er hat weder immer geschrien, noch immer geschwiegen. Er sah sich immer als „fair“ an; so fair wie ein Mensch sein kann, der sich Mühe gibt. Mit Fehlern und Misserfolgen, mit „Phasen“, insgesamt aber „Okay“. Menschlich. Und er steht ganz offen dazu: Ihm fehlt diese Zeit, als die Menschen noch auf ihn hörten.
Sein Wort war ja nicht Gesetz gewesen, sondern immer eine Richtlinie. Keine Verhandlungsbasis, doch etwas was man auch verhandeln konnte. Man nahm ihn ernst. Doch jetzt. Jetzt ist er nur noch der Alte… Dabei nicht einmal ein „Opa“.

Die schwierigsten und leichtesten Wörter gibt man an seine Kinder weiter. Die große Liebe jedes Elternteils. Er wusste ja, dass die Phase kommen würde. Diese „Sturm und Drang“ Zeit. Dass es in einer gewissen Phase normal sein kann, in der die Eltern abgelehnt werden – was immer das auch bedeutet.
Vater kann ein undankbarer Job sein.
(Väter haben es in unserer Gesellschaft ohnehin schwieriger – seiner Erfahrung nach)
Du kannst dein ganzes Leben umstellen. Deine Freunde, deine Hobbys, deine Frau unter der Vaterschaft verlieren: Am Ende zählt nicht die Zeit, das Geld und vor allem natürlich die Liebe, die du in dein Kind investierst, sondern es ist jene eine, einzelne unbedachte Ohrfeige, die du deinem Kind gibst. Ganz egal, wie lange du sie schon unterdrückst hast. Völlig egal wie hilflos du dich danach fühltest.

Kinder sind wie Roboter. Jede Eingabe wird gespeichert. Jede Eingabe führt zu einer Reaktion, sei es auch nur zu einer Fehlermeldung, die im Unterbewusstsein hängen bleibt…

Vor den 60gern war das noch anders.
Die Eltern wurden nicht abgelehnt. Sie waren Vorbilder. Nicht immer und nicht jeder, doch insgesamt…
Es musste nicht jedes Königreich eingerissen werden, damit die Kinder sich einen neuen Irrsinn ausdachten, um sich „selbst zu verwirklichen“. Wohin hat die Selbstverwirklichung der Gesellschaft denn geführt? Zu Glück? Zu mehr Liebe?
Ja.
Es ist normal wenn die Eltern abgelehnt werden. Sie sind der erste und irgendwie auch der natürliche Feind. Gott und Teufel in einer Person. Es ist immer leichter die zu bekämpfen, die man liebt oder geliebt hat… Es ist eine Rebellion gegen das Verfügbare. Diktaturen in Afrika, den USA oder Lateinamerika sind nun mal selten greifbar. Deswegen muss das Etablierte herhalten. Es ist Ironie, dass es sich dabei um etwas handelt, was im Prinzip funktioniert. Mit all seinen Schwächen. Menschsein ist nun einmal menschlich. Man kann nicht unmenschlich sein. Doch warum muss es dann so oft so schnell grausam werden? Wieso gehen einem die Grausamkeiten auch so leicht von der Hand?
Seine Tochter hat er vor ein paar Tagen seit langer Zeit wieder gesehen. Kurz…

Am Ende hatte sie ihn verlassen. Das Kind, um das man sich immer so viele Sorgen gemacht hat, wenn es auch nur mal eine Stunde zu spät vom Unterricht kam, verließ ihn. Sie ging nach Frankreich. In die Mode-Industrie. Vor ein paar Jahren kehrte sie dann zurück. Verändert. Fast verwirrt wie ihm erschien. Sie nannten sie nicht mehr bei ihrem Namen. Angela. Sie nannten sie die „Guerilla-Schneiderin“. Vollkommen bescheuert…
Scheinbar hat sie aus der Rebellion eine Berufung gemacht. Und diese komischen Typen mit dem sie herumhing. Ein Japaner und ein anderer Kerl. Ganz nüchtern sahen die nicht aus. Die ganze Zeit lachten sie an den falschen Stellen… Vlt nehmen diese Freaks Drogen…

Wie macht man etwas richtig, wenn man etwas falsch gemacht hat?
Wie macht man etwas gut, wenn man nicht einmal wirklich weiß, was man falsch gemacht hat?
Ist man ein schlechter Vater, wenn die eigene Tochter einen nicht liebt? Auch. Wenn sie behauptet dass es mit ihm nichts zu tun hat. Sondern mit der Liebe an sich. Das Liebe nur ein Wort ist und kein Gefühl, dass wirklich jeder kennt? Weil man für Liebe bezahlen muss und die Meisten das nicht verstehen?

Er würde gerne Reden. Mit ihr. Und über sie. Er hätte gern wieder Macht. Und Einfluss. Verständnis. Mit und für sich.
Doch da ist nur der Nachbar, den er nicht leiden kann.
Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.
Und wenn man sich selbst nicht liebt?

Irreversibel

Wir haben uns seit 15 Jahren nicht mehr gesehen (das ist die Hälfte meines Lebens), und plötzlich steht man sich gegenüber. Von Angesicht zu Angesicht. Das ist keine Phrase.
Wirklich: Von Angesicht zu Angesicht. Augen, Seelen die sich treffen. Kein Blinzeln. Nur Schock und eine katapultartige Zeitreise in unseren Köpfen, zurück, nach damals… Während zwischendrin und seitdem soviel passiert ist, so unglaublich viel, was der Andere nicht wissen kann; was uns zu dem gemacht hat, wer wie jetzt sind.
Doch sind wir, jetzt, noch einmal 15 Jahre alt. Versteht das: Die Welt hat sich gerade um mein halbes Leben zurückgedreht. Ich bin jung. Dumm. Und unerfahren. Meine Knie sind weich. Meine Zunge gebrochen. Dann zieht sich das Gummiband der Wahrnehmung wieder zusammen, zurück in seine normale Ausgangsform, und schleudert mich wieder heimwärts in die Gegenwart.

„Hi…“
„Hi. Das haben wir schon gesagt…“
Ich blicke sie an. Wie sie dasteht. Das Mädchen von damals. Schon heute. Wie jung sie in ihren Augen geblieben ist. So unverkennbar. Während sie sich sonst verändert hat; na klar. Dabei: Noch immer ist sie schön, obwohl sie irgendwie krank wirkt.

„Für 20 Euro blase ich dir einen…“ meint sie.
Irgendwie schockt mich das gar nicht. Es tut nur weh…
„Früher hast du das umsonst getan“, antworte ich schlagfertig, verbittert – am Liebsten würde ich mich sofort dafür entschuldigen. Ich mache es nicht.
„Damals wusste ich auch noch nicht, dass du so ein Arschloch bist.“
Was soll ich darauf antworten? Ich weiß, dass sie Recht hat.
Sie nickt mir zu: „Komm mit.“
Und ich folge ihr.

Gern hätte ich ihre bleiche und dünne Hand genommen. Diese weibisch/kindischen Finger, die sie sich erhalten hat. Aber ich kann es nicht. Es wäre nicht richtig.
Wir gehen unter die Stadtbrücke, auf der wir uns – wirklich zufällig – getroffen haben. Über uns rauschen (hier klingt es nach „brettern“) die PKWs über uns hinweg. Unter der Brücke bleiben wir stehen.
„Hast du zwanzig Euro?“

Neben uns fließt ein Fluß. Er ist verdreckt. Umgekippt. Tot. Doch er stinkt nicht.
Ich nicke.

Unvermittelt geht unser Blick nach oben. Zur Mitte der Betonbrücke. Über uns „brettern“ immer noch die Autos.
Eine Stahlstrebe scheint sich verbogen zu haben. Falsch. Sie verbiegt sich in diesem Moment.
„Was ist das?“ fragt sie mich. Verwundert. Nicht ängstlich.
„Ich glaube“, bringe ich hervor, „Ich glaube es sind Ermüdungserscheinungen. Der Stahlbeton. Der Stahl. Es gibt nach.“
„Aber, aber… wie kann das sein?“
„Irgendwann bricht alles zusammen. Nichts ist für die Ewigkeit. Weder der Mut. Noch die Liebe. Noch der Hass. Nicht einmal das Vergessen. Alles verendet an Materialermüdung.“

Nachdem ich das gesagt habe, bricht grollend die Brücke zusammen. Wir. Stehen darunter. Sehen nach oben. Wanken keine Sekunde. Warten hier. Sehenden Auges. Und kurz bevor die Tausende Tonnen von Stahl, Beton und Schutt uns zermalmen denke ich, dass ich gerne ihre Hand gehalten hätte. Vielleicht wäre das meine Rettung gewesen.

Antichrist – Filmkritik

Wie es oft so ist mit dem Skandal: Wenn man auf ihn wartet, dann kommt er nicht.
„Antichrist“ ist ein Lars von Trier Werk, das aus der Reihe tanzt, dabei aber nicht untypisch ist, wenn man seine frühen Werke (gerade seine „Europa“-Triologie) kennt. Denn während seine letzten famosen Werke moralische Lehrstücke waren (die nie den gerade Weg, oder auch gern den unmoralischen Trampelpfad nahmen, um am Ende auf einen ernüchternden, moralischen Schluss zu kommen), die auf eine klare Aussage hinausliefen, wahrlich daraufhin arbeiteten (der Zuschauer muss durch eine Art „Katharsis“ gehen), gibt es im „Antichrist“ keine klare, entwaffnende und einzig schlüssige Antwort – oder doch?

Handlung:
Während SIE und ER sich lieben, stürzt ihr Kind aus dem Fenster und stirbt. Während ER mit seiner Trauer umzugehen versucht, bricht SIE zusammen, und verfällt in eine Depression. Um dieser Depression zu entkommen suchen sie den Ort auf, der ihr am meisten Angst macht. Dort will ER (seines Zeichen Psychologe) SIE therapieren, obwohl ER sich bewusst ist, dass der Psychologe Abstand zu seinem Patienten halten sollte. Dieser Ort ist „Eden“, eine Hütte im Wald, in der es nach und nach zur Eskalation kommt…

Das Beste vorweg: Über die Schauspielerische Leistung gibt es kein Diskussion. Charlotte Gainsbourg hat in Cannes für ihre Leistung den Darstellerinnenpreis bekommen, und auch William Dafoe ist eine Bank, wenn es um die überzeugende Darstellung eines Charakters geht. Immerhin ist der Film ein zwei Schauspielerstück, und diese Aufgabe stemmen sie famos, gerade weil sie (so wirkt es) an ihre Grenzen gehen.

Auch die Bildsprache ist gediegen, traumatisch, fast schon zu schön für einen Lars von Trier Film, die dabei aber sehr beeindruckt und gefangen nimmt – seit seinem Erstling „The Element of Crime“ (1984) sah kein Trier mehr so gut aus. „Eyecatcher“ gibt es einige, und auch die „Krassheit“ der Bilder (für mich eher die Tierszenen, als die der ausufernden und schonungslos Gewaltmomente), sind nicht platt inszeniert. Es packt, es hält einen fest – mehr als nur Unterhaltung, manchmal fast schon Kunst.

Das Problem (und wir reden hier über einen Lars von Trier Film!) ist für mich die Handlung, die in ihrer Aussage für mich reichlich konventionell bleibt; nicht die Handlung an sich, denn es ist für mich nachvollziehbar, dass der Film für einen Handfesten Skandal bei den Filmfestspielen von Cannes sorgte, doch die moralische Tiefe, die ungeheuere Ausgefeiltheit des Autorenregisseurs blitzt nur selten auf, und dies eher in Bildmomenten, als in Erzählerrischen Können.

Überhaupt: Warum sie überhaupt den Ort, der ihr am meisten Angst macht, aufsuchen müssen, ist für mich ein Rätsel, denn, was hilft das den Schmerz über den Tod ihres Kindes zu überwinden?
Dort angekommen, und nach den ganzen Psychologenspielchen und kleinen Hinweisen kommt schließlich heraus, womit SIE sich bei ihrem letzten Besuch beschäftigt hatte. Die Dissertation, die sie dort schrieb, sollte über den Mord an Frauen im 16 Jahrhundert handeln. Die Arbeit an diesem Werk, die Beschäftigung mit den Quellen, brachte SIE zu der Überzeugung, dass die Frauen wirklich das Böse beinhalteten, so wie SIE selbst. Hier in der Natur (es fällt der Satz: „Die Natur ist die Kirche des Satans“) wird dieses Böse aus ihr herauskatalysiert, und treibt sie zu ihren Taten, symbolisch unterstützt von drei Tieren (passend zu den Kapiteln des Filmes, in der „Antichrist“ von Trier typisch unterteilt ist).
So kann man den Film lesen (gerade durch die Schlussszene, in der hunderte Frauen den Hügel bedrohlich hinaufstürzen), muss man aber nicht.

Der zentrale und wohl wichtigste Satz ist „Chaos regiert“, und unter dieser Perspektive kann auch der Film gesehen werden, denn es gibt viele verschiedene Möglichkeiten das Szenario zu deuten, denn seihen wir doch mal ehrlich: Manche Frauen beinhalten das Böse, und deswegen kommt es zu dieser Horrorgeschichte im Wald? Netter Stoff für einen Horrorfilm aus den Siebziger Jahren, aber für einen Kunstfilm? Ein Lars von Trier Film, der mit zu den bewiesenermaßen wichtigsten Regisseuren Europas und seine Generation zählt?

Neben der „böse Frauen“ Geschichte, gibt es auch noch den Kampf Mann gegen Frau an sich, oder auch den, zweier Systeme (Emotionalität gegen Vernunft – Chaos regiert…), oder gehört das Alles zur selben Storyline, wie die ursprüngliche Geschichte? Die Bilder stehen für sich. Sie stehen sogar weit fester, als das Fundament des Werkes, und erdrücken es teilweise, denn was geboten wird, ist mehr als harte Kost, so hart sogar, dass die Frage ob der Film „Kunst“ oder „simpler Horror“ ist eigentlich schon von der FSK beantwortet wurde, denn dass der Film trotz krasser Szenen, wie die Selbstbeschneidung ihrer Klitoris, oder einen Bluttriefenden Samenerguss, die explizit und in Totalaufnahmen gezeigt werden, und eben nicht herausgeschnitten wurden, zeigt an, dass die FSK diesen Film für „Kunst“ hält.

Von Trier Filme waren nie nett. Sie taten immer weh, grauenhaft sogar. Die meisten seiner Filme schaut man sich einmal an, und dann nie wieder. Sie sind toll, sie sind ergreifend, sie sind traurig (wer da nicht weint, ist kein Mensch), aber warum sollte man sich das noch einmal antun? Dabei wurden bisher aber nie brutale Blutszenen gezeigt, sondern die Logik des Films war die der Grausamkeit, manchmal sogar dann, weil sie eben nicht zeigten, was geschah (die Vergewaltigungsszenen in „Breaking the Waves“, oder auch in „Dogville“, die man nicht zu sehen bekommt, doch allein das Wissen darum, schmerzt, die derbste gezeigte Einstellung ist meiner Meinung nach die Erhängungsszene in seinem Musical „Dancer in the dark“ mit Björk – das einzige Musical, in dem es (von Trier) „keine Liebe gibt…“), oder weil man mit den Figuren so sehr mitfieberte, und sich über sie das ganze Leid des Welt ergoss… Das tat weh, aber die Gewalt zu zeigen, war unnötig, es hätte die Wirkung wahrscheinlich sogar noch abgemildert: Keine Szene ist so grausam wie das, was wir im Kopf und im Herzen fühlen, wenn wir eben NICHT genau wissen, was passiert. Und dies ist mit ein Problem von Antichrist. Zwar ergötzt sich der Film nicht an der Gewalt oder setzt die Bilder inflationär ein, aber letztendlich hilft sie ihm auch nicht weiter, am Ende mag sie ihn sogar in seiner Entwicklung behindern.

Irgendwie erwartet man den ganzen Film lang, dass es zu einer sinnvollen Aufklärung kommt (das ging auch meiner Begleitung so, die sonst keinen Film von ihm kannte), und dies liegt nicht nur an seinem bisherigen Schaffen, sondern auch an der Art, wie der Film inszeniert ist. Der Zuseher nimmt die Handlung für voll, er fühlt sich herausgefordert, und auf eine bestimmte Art auch angesprochen. Er will das „Rätsel“ lösen, er will wissen, warum sie so handelt, wie sie es tut, warum diese bestimmte Symbolik verwendet wird, und warum es von Metaphern nur so wimmelt – man sucht nach mehr, weil man mehr vermutet, weil man mehr erahnt, als einen Horrorfilm. Es ist wie mit losen Anhaltspunkten, die in der Luft liegen, denn z.B., der Tod des Kindes, der Auslöser der ganzen Geschichte, tritt immer mehr und mehr in den Hintergrund, fast in Vergessenheit, bis gegen Ende ihre Perspektive auf das Geschehen (die Anfangssequenz wird noch einmal gezeigt, mit einem kurzen bösen, wissenden Blick von ihr) geändert wird, was einfach nur schlechtes Erzählen ist, wenn man in eine bereits gezeigte Einstellung Änderungen vornimmt – ein bisschen erinnert mich der Film an David Lynchs „Lost Highway“, den ein anderer Regisseur (ich weiß nicht mehr wer) einmal „als Betrug am Zuschauer“ ansah, da er eben keine Lösung bietet. „Antichrist“ ist da ähnlich, obwohl er eine Lösung hat, die aber nicht ausreicht; ein Film ist nicht automatisch tiefsinnig, wenn er nicht Alles ausspricht, der Zuschauer kann ihn aber dazu machen…

Eines steht fest:
Lars von Trier schrieb das Drehbuch, um eine Depression zu verarbeiten, eine Depression, die ihn in eine Schaffenskrise geführt hat, und heraus; dabei kann der Zuschauer ihn begleiten, doch „dieser Weg wird kein leichter sein“.

„Antichrist“ ist bestimmt nicht der beste Film des Autor/Regisseurs, aber ich nehme einmal an, dass er mit zu seinen kommerziell erfolgreichsten Filmen zählen wird (einfach weil er ein Skandälchen ist, sehr viel Intimaufnahmen, Sex und derbe Gewalt beinhaltet, das verkauft sich gut) – hoffentlich hat er nicht das Gefühl, dass der „Erfolg ihm Recht gibt“.
Ich werde mir „Antichrist“ (im Gegensatz zu manch seiner anderen Filme) noch einmal ansehen, und ihn noch einmal auf mich wirken, ihn noch einmal versuchen zu verstehen – schlecht ist der Film auf keinen Fall. Er ist spannend (was sehr gut über die Soundeffekte gesteuert wird), super gemacht und gespielt – ein Vorzeigeprojekt für andere Regisseure, aber für ein Lars von Trier Film nicht so gewaltig und nieder plättend, wie ich es gehofft hatte.