Fernweh

Die ersten, beiden Sachen, die ich mir mit 17 Jahren von meinem ersten Lehrlingsgehalt leistete, waren ein Fremdwörter-Duden und ein 1 Gramm Kokain. Damals dachte ich mir nichts über diese Konstellation, wogegen es heute eine schöne Metapher ist. Nutzlos, doch schön.

Der, dieser böse, schlechteste, älteste, beste Freund von dem ich die Droge in einem gefalteten Stück Papier gekauft hatte, hat sich gestern Abend nicht mehr gemeldet, was bei ihm kein Wunder ist, obwohl er es zugesagt hat sich nach der großen Land-Party mit Biertischgarnituren und Spanferkel, draußen beim Flugplatz, noch einmal zu melden, auf einen Absacker und auf eine Gute-Nacht-Zigarette.

Dafür sah ich mir auf Arté die Dokumentation über Jean Michel Jarre an und war gänzlich verzückt über all die Dinge, die ich nicht wusste und nun lernte, und so ließ ich mich mit meiner Dose „Wodka Gorbatschow Orange“ in der Hand auf dem Kanapee verzaubern.

Nachmittags war ich bei meiner Schwester gewesen. Erst in der Zahnarzt-Praxis, wo ich mich gut und small mit dem sehr adretten und äußerst höflichen, jungen und außerordentlich großgewachsenen Zahnarzt unterhielt der zum „Tag der offenen Tür“ geladen hatte, wir Beide total unaffektiert und dabei doch auf einen gewissen Stil bedacht, lachend, scherzend, immer kurz unter die Oberflächlichkeit der Konversation abtauchend, eine Szene wie bei Puschkin, Tolstoi oder Dostojewskij; Abendszene, große Gesellschaft mit kleinen Intrigen, von denen nicht jeder weiß.

Bei meiner Schwester „zuhause“ dann die große Geschichte, wie es dazu kam dass sie ihre Familie verließ, eine Anhäufung von dummen Zufällen, die schließlich darin gipfelten, dass die verheiratete Frau, meine Schwester, auf dem Bett ihres neuen Liebhabers saß, mit dem sie keine Zukunft wollte, sondern nur Flucht aus der Tristesse des Alltags, und ihr Ehemann sie – wie es auf dem Land leicht passieren kann – aufgespürt hatte, unten vor dem Haus stand und nach oben brüllte: „Schick meine Frau raus!“ Und daneben stand auch noch (ach Gottchen) ihre gemeinsame Tochter, meine Nichte, die der gehörnte Vater und Ehemann meiner ältesten Schwester gerade von der Jugenddisco abgeholt hatte und auf dem Nachhauseweg das Auto seiner Frau bei einem fremden und doch vertrauten Haus  stehen sah, weswegen er sehr emotional gehalten hatte, diese jugendliche Tochter stand also daneben und rief ebenfalls an die nackte, weiße Hauswand: „Lass meine MUTTER heraus!“

Kaputte Szene. Absolut.

Und oben meine Schwester, die noch gar nichts mit dem Liebhaber angefangen hatte, sich entscheiden musste, jetzt sofort, wie ihre Zukunft aussehen würde: Bleiben oder gehen?

Nun besuchte ich sie also gestern in dem fremden Haus, in dem sich diese Schmierenkomödie abgespielte. Sie erzählte und wir lachten – ungewiss war ihr dennoch ob der Zukunft.

Bei ihrem vom Gesetz her so genannten Ehemann will sie nicht bleiben, sie sagt es ihm schon seit Jahren, dennoch tut sie sich schwer ihre Familie vollkommen zu verlassen.

Die ganze Szene erscheint mir wie eine Episode aus „the affair“, diese amerikanische Serie, in der die Geschichte eines Betrugs aus zwei verschiedenen Perspektiven erzählt wird, teilweise identisch, andererseits krass unterschiedlich in der Wiedergabe, denn mein bald ehemaliger Schwager hat die Geschichte natürlich ganz anders und von seiner Warte aus erzählt.

Meine Schwester fährt des Öfteren „heim“ zu ihrer Familie. Erst neulich schlief sie auf dem Sofa ein. Wachte auf. Ihr junges Mädchen neben sich und hatte die ganze furchtbare Szene vergessen. Sie wachte einfach nur in IHREM Haus auf, in dem sie über ein Jahrzehnt gelebt, die Möbel ausgesucht und sogar bezahlt hatte, ja, sie war kurz davor einfach nach oben zu gehen und sich ins frühere Ehe-Bett zu legen, dann aber sagte die furchtbare Stimme der Vernunft zu ihr: „Das ist nicht mehr dein Zuhause.“

Für mich ist es schwierig sich mit den Problemen meiner Familie auseinander zu setzten, weil es DIE Familie für mich nicht gibt. Und mit echten, emotionalen Problemen würde ich alles machen, nur nicht sie nach außen tragen. Ich würde meine Probleme ertragen wie „ein Mann“; wenn einer meiner Freunde zu mir kommt und sich wegen einer Frau ausheult, habe ich fast nur Verachtung für ihn. Ich. Würde es niemals machen.

Wir waren schon immer eine kaputte Familie. Auch wenn mein Vater durch die Im-Nachhinein-ist-Alles-gut-geworden-Brille unsere Vergangenheit idealisieren will, was ich nicht so sehe. Im Gegenteil. Im Nachhinein verstehe ich erst langsam, wie kaputt wir alle waren und dadurch sind. Und ich finde das auch ganz gut so. Denn dadurch kann ich besser Denken, Fühlen und vor allem Lieben.

Meine Freundin sagt mir gern, ich sei in Wahrheit kein Land- sondern ein Stadtmensch, was ich gestern meiner Schwester erzählte, angesprochen wegen dem Wunsch wegzuziehen, und sie meinte darauf, dann müsse sie doch auch ein Stadtmensch sein, schließlich sei sie unter dem selben Dach aufgewachsen wie ich.

Ich meinte dazu nur: „Nein. Das bist du nicht.“

Wir tauschten Blicke. Ließen es gut sein. Und nach ein paar Minuten umarmte ich sie und ging. Ließ sie ein wenig hilflos zurück und sie sagte noch: „Wer weiß wo wir uns das nächste Mal treffen, wo ich dann leben werde.“

Den Rest des Wochenendes habe ich viel gelesen, den Manga „I am a hero“, in „Klage“ von Goetz und Lookalikes von Thomas Meineke, von dem ich bisher nur die Vertonung mit Move D kenne.

In „Lookalikes“ geht es um Doppelgänger, die sich irgendwie wie ihre Originale verhalten, ganz herausgefunden habe ich das noch nicht. Und wenn man das so liest und über seine Familie nachdenkt, hat man das Gefühl, dass  wir alle „Lookalikes“ sind, nicht von Prominenten wie Shakira, Justin Timberlake oder Josephine Baker (oh wunderbare, gehasste Josephine…) sondern von uns selbst. Lookalikes wohin man sieht.

Es ändert sich Alles. Es ändert sich nichts. Das dachte ich gestern früh, als mein türkischer Hausmeister schon wieder den Rasen mähte und ich mich darüber ärgerte, wie jedes Mal, wie es wohl immer sein wird; von Flüchtlingswahrheiten bekommt man hier in der Kleinstadt NICHTS mit. Das Leben tropft einfach so dahin. Nun. Na ja. Du bekommst was du erschaffst.

Heute Abend werden dann noch die Filme weggeguckt. Auswärts.

Es fehlt an Geist. Es fehlt an Romantik. Die Leute verehren einander nicht mehr. Und dazu las ich in Meinekes Buch eine Stelle, die er selbst zitierte, sehr schön wie ich finde:

Wunderschöner Kitsch in Zeiten der Hardcore-Pornografie. Wo wir wieder beim Anfang wären. Bei meinem alten Freund, der glaubt, dass das Leben nur aus Essen und Ficken besteht (darüber hat er mich gestern sicherlich vergessen)

Nein.

Das sehe ich zum Glück anders.

Auch wenn man sich dafür an manchen Wochenende zuhause verschanzen muss.

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Wer den Sturm sät, wird Kreutzer ernten – Teil 2

Kreutzer erzählte Anna während ihres „Spaziergangs“ eine absolut unpassende, überflüssig sowohl hanebüchene Episode, die er vor kurzen in seinem 17jährigen Leben erlebt hatte, als er mit der Bahn vom nahegelegenen Nachbarortsbahnhof „Leipheim“ nach Stuttgart gefahren war. Im Raucherabteil natürlich, obwohl Kreutzer selbst gar keinen Tabak rauchte, sondern in Wahrheit hatte er aus Gewohnheit dort Platz genommen, da ALLE seine Freunde Raucher waren, nur er selbst nicht, und sie somit JEDES MAL durch den Zug stürmten um einen Raucher-Platz zu bekommen wenn man mit dem Zug in DIE Stadt fuhr, ungemein wichtig war das dort zu sitzen, so als ob die wartenden Tabak-Junkies nicht schon am Gleis ihre Zigaretten eingeatmet hätten, oder haben könnten. Raucherabteile im Zug waren so etwas wie ein letzter Ort der Freiheit. Ein Sehnsuchtsort also, auf den der nicht Tabak rauchende Kreutzer konditioniert wurde. Angst vor Feuer, Tod oder Krebs gab es in diesen Abteilen nicht. Heute ein Unding, dieser Wagemut Feuer in geschlossenen Räumen zu entfachen.

Da saß Kreutzer also im vollbesetzten Raucherabteil und sah sich zwei alte Typen an – so zwischen 40 oder 50Lebensjahre war seine Schätzung – die am Gang nebeneinander saßen und nicht zusammen reisten. „Homosexuell“ sahen die Beiden aus und Kreutzer mit seiner Jugend glaubte bei all seiner Dummheit, Schwule am Anblick erkennen zu können.
Der Eine hatte eine penibel und gründlich rasierte Glatze, zu der er eine leuchtend rote Brille trug. Der Andere hatte einfach nur einen auffällig modischen Schal an, einen sehr großen Schal, wie sie damals noch NICHT üblich waren. Besonders nicht zu dieser Jahreszeit; ein Schal bei 20 Grad zu tragen war für Kreutzer ein Zeichen von ausschweifender Dekadenz – und ist es in Wahrheit für ihn auch heute noch. Diese Indizien reichten dem jungen Beobachter vollkommen, um die sexuelle Orientierung der beiden Männer im mittleren Alter zu bestimmen.
So weit. So gut.
Wenn diese Herren nicht – wenigstens sah das Kreutzer so – absichtlich versuchten sich NICHT anzusehen, sie ignorierten sich so penetrant gegenseitig, dass es einem fast schon wie ein Schrei in den Ohren schmerzte, gewiss: Die kannten sich irgendwoher! Da war sich der junge K. absolut sicher. Wahrscheinlich, so erzählte er es Anna, hatten sie sich anonym auf so einer schwulen Gang-Bang-Party kennen und ficken gelernt und waren nun peinlichst berührt darüber sich einfach so im Zug zu treffen UND dabei auch noch nebeneinander zu sitzen. Hätte Kreutzer die Geschichte HEUTE einer späteren oder anderen Anna erzählt, hätten sich die alten Stecher wohl über eine „Sex-App“ kennengelernt, obwohl Kreutzer, was er selbstverständlich betonte oder betont hätte, „Sex-Apps“, Gang-Bang-Partys als auch Swinger-Clubs als eklige Angelegenheit ablehnte, nicht nur um Anna vor dem Eindruck zu bewahren, dass er pervers sei, sondern einfach nur, weil er den Gedanken dort zu Gange zu sein als wirklich eklig und abstoßend empfand, denn in seinen pubertären Vorstellungen ging es beim „Akt“ maßgeblich um Würde, ja, Liebe ohne Würde war für ihn nicht vorstellbar, und damit würdeloser Sex auch nicht. In diesem Sinne: Ein guter und romantischer Kerl der Kreutzer.

K. erzählte die Geschichte mit so viel Verve, Gesten und Details, dass Anna gut amüsiert über die Episode lachen musste, besonders lustig schien sie den Part zu finden, in der sich Kreutzer über die Körpergröße der Männer lustig machte. Kreutzer, der selbst fast 2 Meter maß, machte sich gern über kleine „Männchens“ lustig, zwar auch um seine eigene männlich Imposanz hervorzuheben, doch in Wahrheit störte ihn dieser Gestus von kleinen Männern, die einem andauernd irgendwas beweisen wollen, was wirklich und ehrlich absolut nervig ist, besonders wenn man selbst groß ist und dauernd irgendein Zwerg daherkommt, der einem seine „innere“ Größe aufs Auge drücken will, nur weil man selbst einen Minderwertigkeitskomplex hat durch das ständige Aufschauen zu Leuten wie Kreutzer, die auch nichts dafür können, dass sie so weit wuchsen wie sei mussten.
Noch mehr aber hätte sich Anna darüber gefreut, wenn Kreutzer einfach mal die Klappe gehalten und dafür vielleicht sogar ihre Hand genommen hätte, ganz still und warm, doch der junge Mann redete einfach nur weiter vor sich hin, ohne konkrete Ahnung darüber, dass das was er sich von Anna erhoffte, ja erträumte, nur im Stillen passieren oder in die Wege geleitet werden könnte. Aber Kreutzer dachte und fühlte die ganze Zeit, dass er Überzeugungsarbeit bei Anna leisten müsste, ohne dabei zu bedenken, dass sie bereits sehr wohl ziemlich von ihm überzeugt und es Zeit für den nächsten Schritt geworden war.
Keiner dieser Schritte, die Kreutzer neben ihr her machte.
Später wollten sie sich noch gemeinsam auf eine Picknick-Decke setzen. Darauf. Und deren Wirkung. Hoffte Anna. Oben am „Berg“. Dort oben, wo man über die Stadt blicken kann.

So lange palaverte Kreutzer in einem Wald voller Bäumen dessen Namen er nicht kannte einfach weiter fort und wie er da die vielen, vielen Bäume so in der Gegend herumstehen sah, musste er auch noch die Geschichte darüber erzählen, dass er nicht verstehen konnte, warum man überhaupt Bäume am Straßenrand wachsen ließ, denn 100 gefällte Bäume sind doch weniger wert als ein Kerl wie der Huber Franz, der mit seiner 80ger in der Kurve ins Schlittern kam und „am Baum endete“, wie man hier so sagt.

Die Erinnerung. An den sich selbst totgefahrenen Huber Franz. Den die Beiden kannten. Gekannt hatten. Ein lebhafter, junger Kerl mit gewinnenden Lachen und nicht nur auf dem Moped großen Temperament, mit diesem herzlichen Lachen, viel zu jung – das war er gewesen… Ihr Freund… Der Huber Franz… Mit dem Kreutzer seine halbe Kindheit verbrachte hatte und jetzt einfach nicht mehr da war….
Die Erinnerung an den verstorbenen Freund und den Tod an sich schloss Kreutzers Mund nachhaltig, worauf sie endlich schweigend nebeneinander hergingen, nur nicht mehr in der Stimmung, die Kreutzer und Anna sich erhofft hatten – wie war denn das jetzt wieder passiert?

(Wird fortgesetzt)

Gescheiterte Romantiker

Nach wie vor bin ich zu romantisch veranlagt. Das kommt davon wenn man durch Hollywood-Filme erzogen und sozialisiert wurde; in jedem Film eine glückliche Liebesgeschichte. Vlt ist dass das Problem meiner Generation an sich.

Die Kerle sind nach dem Scheitern einer Beziehung wie desillusionierte Prinzen/Helden, die in Waschlappige Depressionen verfallen. Und die Frauen halten sich für Prinzessinnen, obwohl sie sich im Prinzip nur wie Schlampen benehmen; man wirft sich so lange weg bis man endlich „Mister Right“ trifft – auch wenn er es gar nicht ist, denn irgendwann sind die Frauen genauso desillusioniert wie die Männer und geben sich mit sonstwem zufrieden.

Wo ist die Nachhaltigkeit? Wo ist die Haltung in der Liebe?