Absolution 47 – Die Wahrheit über die Mi-Cock

„Wir konnten sie nicht in der Schlacht besiegen. Unsere tapfersten und mutigsten Krieger mussten ihr Leben lassen, doch sie konnten sie nur aufhalten. Uns Zeit verschaffen. Ein Sieg war unmöglich. Ein solcher Feind war uns noch nie begegnet. Andere skrupellose Königreiche, die unser Land wollten, jawohl. Doch solche Bestien? Ich weiß was du fragen willst, Paul. Wie sehen diese Bestien aus? Doch diese Frage ist nicht eindeutig zu beantworten. Und ich weiß, wie verrückt das klingt. Sie müssen doch Gesichter haben. Arme, Beine, eine Körpergröße, vielleicht einen Schwanz! Doch niemand kann es mit Genauigkeit sagen. Nur, dass sie für jeden der sie sieht, ein anderes Aussehen besitzen… Vielleicht macht genau das ihren Schrecken aus? Manche sehen riesige Spinnen, Insekten oder anderes Getier. Andere berichteten von Reptilien, die gebaut waren wie Menschen. Nur vollkommen nackt und… Glitschig. Wieder andere sahen ganz normale Menschen, nur mit pechschwarzer Haut und wulstigen Lippen. Krause Haare. Menschen wie du und ich… Nur… Schwarz…. Die einen erzählten von Feuerfontänen, welche sie spien. Andere sprachen nur von normalen Hieb- und Stichwaffen… Ich weiß nicht ob diese Berichte den eigenen Phantasien oder unzähligen Einzelerlebnissen entsprangen. Vielleicht war alles davon wahr. Vielleicht auch nichts… Ich kann nur sagen, dass wir keine Möglichkeit hatten, diesen Feind zu besiegen. Noch nie habe ich meinen Vater so hilflos gesehen. Er ist ein stolzer Mann, Paul. Jemand, der auf alles entweder eine Antwort weiß, oder zumindest jemanden findet, der sie ihm gibt. Solche Monster kannte nicht einmal er. Keiner von uns. Wir haben nicht einmal einen Namen für sie. Wir nennen sie Monster oder Dämonen. Es gibt keinen Ausdruck für sie, der ihnen gerecht werden würde. Was ist schon eine Bestie?“

„Hast du denn gar keinen von ihnen gesehen?“

„Ich… Ich will nicht darüber sprechen… Mit ein wenig Glück siehst du sie vielleicht nie. Mit ein wenig Glück haben wir dich ganz umsonst hierhergeholt.“

„Und ohne dieses Glück?“

„Ich muss dir nun wirklich von Thorfinn erzählen. Thorfinn war der Sohn von Klove. Sie Beide gehörten unserem Stand von Weisen an. Dabei musst du wissen. Unser Volk teilte sich vor gar nicht allzu langer Zeit noch in drei verschiedene Stände. Wir lebten in Einklang miteinander. Jeder diente dem anderen, doch keiner hätte ohne den anderen überleben können. Jeder hatte in seinem Stand eine genaue Aufgabe, die er zu erfüllen hatte. In diese Aufgaben wurde man hineingeboren. Ehelichungen zwischen den Ständen waren verboten.“
„Wieso?“

„Weil es sich nicht gehört, wenn die Tochter eines Weisen einen Arbeiter heiratet.“

 „Wieso?“

„Ich… Verstehe deine Frage nicht? Es ist so.“

„Und wieso ist es jetzt nicht mehr so?“

„Da unser Volk in dieser Form nicht mehr existiert. Was hier angekommen ist, sind nur noch die Scherben unseres Volkes. Jetzt sind wir alle gleich. Bis wir wieder einen Ort zum Leben gefunden haben, in der sich die Stände neu errichten können. Vor der Flucht gab es für jedes Problem eine Lösung, in Form einer Person. Wie ich schon sagte. Jeder hatte eine Aufgabe. Ein Mi-Cock ohne Aufgabe gibt es nicht. Alles war genau aufgeteilt.“

„Es gab die Weisen, die Arbeiter. Und wer war der dritte Stand?“

„Die Feuerwächter. Sie lebten in den Bergen…“

„Ich hätte jetzt den Adel erwartet. Die Herrscher.“

„Das sind die Weisen. Wer sollte denn sonst befehlen, außer den Weisen? Worüber lachst du?“

 „Ach… Unsere Völker sind sich unterschiedlicher als du dir vielleicht vorstellen magst.“

„Wieso? Erzähl mir von deinem Volk! Ich will alles wissen! Bitte erzähl mir von dir!“

„Öhm… Ach… Erzähl mir zuerst von Thorfinn. Ehrlich gesagt kann ich dir nicht genau sagen, wieviel Zeit mir bei euch bleibt. Ich weiß nicht wie ich es beeinflussen kann, hier zu sein oder gehen zu müssen. Ehrlich gesagt wollte ich bisher immer nur wieder weg… Ich verstehe ohnehin nicht wie das Alles funktioniert.“

„Es ist Magie.“

„Nun. Das ist eine etwas dürftige Erklärung. Denn selbst wenn es so etwas wie Magie gäbe, muss sie nach irgendwelchen Gesetzen funktionieren. Selbst Zauberei hat einen Ursprung, der mit irgendwelchen Umständen verbunden sein muss.“

„Magie ist wie die Sonne. Sie ist immer schon dagewesen.“

„Oh… Glaub mir… Die Sonne ist von meinem Volk gut erforscht worden.“

„Ihr wart auf der SONNE?“

„Ne. Ne, ne. Wir haben sie beobachtet. Den Mond haben wir besucht… Du musst wissen, dass mein… VOLK, ähm die Fähigkeit hat die Erde zu verlassen.“

„Den Mond! Magie!“

„Nein… Es ist… Eine besondere Form von Magie. Vereinfacht gesagt gibt es mehrere Orte wie die Welt in der wir leben. Du hast eine davon gesehen. Ich auf jeden Fall. Als ich deine Kugel berührt habe, sah ich eine weitere Welt, du natürlich auch.“

„Die große Kugel?“
„Genau. Die Sonne ist so etwas ähnliches.“
„Wir müssen sie finden.“

„Wen? Die Sonne?“

„Nein, die anderen Kugeln!“

„Ich… Verstehe nicht…“

„Wir müssen sechs Kugeln finden. Diese hier, ist nur eine davon.“

„Es gibt noch fünf… Wo sind sie?“

„Deswegen haben wir dich gerufen. Du musst mir helfen die Kugeln zu finden!“

„Wie soll ich denn?… Ich hab keine Ahnung wie ich diese Dinger finden könnte.“

„Ist dir irgendetwas aufgefallen als du hierhergekommen bist? Ist dir irgendein Ort besonders vertraut?“
„…“

„Irgendwas?!“

„Tja… Ganz ehrlich… Mir ist nichts aufgefallen.“

„Du wirst es sicher noch verstehen…“

„Was hat das mit dieser Thorfinn-Geschichte zu tun? Und was bringt es alle 6 von diesem Kugeln zu besitzen.“

„Wenn wir alle 6 Kugeln haben, können wir die Dämonen besiegen.“

„Und wie?“

„Das weiß ich nicht. Das hat Klove uns nicht verraten.“

„Wo ist Klove? Ist er bei Thorfinn?“
„Sie sind Beide gestorben. Klove wurde gefressen.“

„Das ist übel. Und Thorfinn?“

„Ich… Ich weiß es nicht… Er ist in ein Licht gegangen.“

„Der Logik aller Filme nach lebt er also noch…“

„Film?“

„So nennen wir unsere Überlieferungen. Wir erzählen sie uns zu unserer Unterhaltung.“

„Thorfinn sollte das Medium sein, durch das wir die Pforte in deine Welt öffnen. Klove wusste wie groß die Bedrohung ist. Er hat sogar seinen eigenen Sohn geopfert… Ban… Paul. Nachdem was ich gesehen habe, glaube ich nicht an ein Überleben von Thorfinn…“

„War auch nur eine Vermutung…“

„Also? Hilfst du uns? Hilfst du dieser ganzen Welt zu überleben? Wenn du eine Belohnung benötigst ich… Ich habe natürlich bemerkt wie du mich ansiehst, und…“

„NEIN! Nein, nein… Ich weiß nicht… Du bist außerordentlich hübsch und… Ich… Ich… Weißt du… Jetzt… Jetzt wo das Ganze irgendwie real geworden ist… Also vorher, bevor ich die Kugel berührt habe… Da… Versteh mich nicht falsch. Du bist unglaublich geil… Aber jetzt… Nicht so… Nicht in der Realität…“

„Bin ich denn nicht nur eine weitere Frau für dich? Eine Wilde?“

„Ja… Und nein… Das warst du. Also du nicht echt für mich warst… Jetzt… Jetzt bist du für mich zu einem Menschen geworden… Ich weiß das klingt bescheuert…“
„Ist es wegen deiner Freundin? Wegen Techno?“

„Was?“

„Du meintest du liebst Techno.“

„Äh nein. Das ist. Das ist Musik. Doch da ist jemand. In meiner Welt… Egal… Weißt du. Irgendwie ist jetzt alles anders. Das alles hier“ Banyardis Arme machen eine ausholende Geste. „Ist plötzlich Wirklichkeit geworden… Du… Du hast mich überzeugt.“

„Also hilfst du mir?“

„Ja… Nur… Wie?“

„Das ist fantastisch! Wir müssen die Kugel finden, die hier im Dorf ist!“

„Hier im Dorf? Ich dachte wir begeben uns auf eine Reise oder so…“

„Das sind wir schon. Wir sind schon auf der Reise die Kugeln zu finden. Oder warum glaubst du ist ein Volk, dass so stark ist in der Gefangenschaft deiner Ureinwohner? Was denkst du warum wir hier sind?“

„Ihr… Ihr habt euch gefangen nehmen lassen?“ „War das denn nicht vom ersten Augenblick an offensichtlich?“

Absolution 45 – Fantasy ist ein Witz

15

„Was hast du gesprochen?“

„Ach scheiße…“

„Was du gerade zu mir gesprochen hast?“

Paul lacht Ylva über Banyardis Mund in ihr Gesicht: „Bin ich doch wieder hier. Ich glaub´s ja nicht.“

Ylva sieht ihn mit großen Augen an. Sie flüstert: „Wusste ich es doch…“
Wieder steht Paul im Körper des Wilden Banyardi im Urwald und wieder redet er mit Ylva, dem weiblichen Superwesen jeglicher Männerphantasien. Was für ein Zufall. Selbstverständlich schickt ihn seine Phantasie zu dieser heißen Mieze zurück und nicht zu den anderen Dschungelbewohnern. Was haben die ihm auch schon zu bieten? Nur hat Paul jetzt keine Lust mehr.

„Jetzt ist Schluss, YL-VA!“ grinste Paul sowohl amüsiert als auch genervt die Mi-Cock-Prinzessin an. „Ich hab keinen Bock mehr auf den ganzen Scheiß.“

„Banyardi! Was war der letzte Satz, den ich zu dir gesagt habe?“

Darauf zuckt er mit den Schultern. „Davon abgesehen, dass es mir total Wurst ist was Banyardi gerade gesagt hat, weiß ich es nicht. Okay?

„O… Was?“ Ylva macht erschrocken einen Schritt zurück. Doch. Ihre Augen bleiben neugierig. Sie ist weder so überrascht wie Paul es erwartet hätte, noch scheint sie Angst vor dem Wechsel in Banyardis Kopf zu empfinden.

„Ich wusste das in dir zwei Seelen leben“, mit dem Satz macht sie wieder zwei Schritte an Banyardi heran. „Ich wusste, dass die Zeremonie etwas gebracht hat. Nur das du… Und hier… Und erst jetzt…“

Paul schiebt Ylva sacht drei Schritte von sich weg. Sie war eindeutig zu nah gekommen, was sich für Paul noch immer sehr unangenehm anfühlt. Außerdem hat er jetzt eine Freundin.

„Ja, ja“, winkt Paul ab. „Zeremonie. Ma-Fag. Mi-cock. Blahblahblah. Gute Frau. Ich brauche all das nicht mehr. Ehrlich gesagt, denke ich, dass ich das nie gebraucht habe. Kein Plan was mein Unterbewusstsein das ausgeheckt hat.“

„Du verstehst nicht!“ Ylva will sich wieder auf Paul zu bewegen. Sie lässt es nach einer Sekunde des Zögerns. „Wir haben dich gerufen.“

„Natürlich habt ihr mich gerufen! Euch gibt’s ja auch alle gar nicht. Euch gibt es nur in meinem Kopf. Der denkt aber, dass er euch braucht. Das ist aber Bullshit. Ihr seid alle nur Projektionen meines…“ Paul muss schlucken. „Wahnsinns… Durch dich geile Sau kom-pen-SIERE ich nur irgendwas in meinem Kopf. Das ist jetzt aber vorbei. Ich bin jetzt nicht mehr alleine.“

„Wer bist du? Erzähl mir nur wer du bist! Sag mir ob du der bist, den wir gerufen haben?“
„Mann das war noch Zeiten als ich mir druff einen runterholen konnte und meine RUHE hatte… Wie soll denn das in Zukunft laufen? Ihr macht mir JEDES Mal meinen Film kaputt…“
„Wer glaubst du, dass du bist? Gerade warst du noch ganz anders. Gerade haben wir noch über den Dschungel gesprochen und…“

„Ich habe keine Ahnung von. DSCHUNGEL. Ich lebe im verdammten 21 Jahrhundert. In einem Haus (Paul formt mit zwei Finger ein Strichhäuschen in die Luft) und gehe ar-beiten. Kennt ihr ja nicht… Ich liebe TECHNO auch wenn jeder Idiot heutzutage ELECTRO dazu sagt. Ist komisch. Ich weiß. Ist aber so.“

„Wer ist diese Techno?“
Paul lässt den Kopf überzeichnet sinken: „Echt jetzt?“
„Wie ist ein Name? Dein richtiger Name?“
„Paul. Mein Name ist Paul.“

„Und du kommst aus einer anderen Zeit?“

„Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich vom gleichen Planeten komme wie ihr Wilden.“
„Paul, hör mir zu.“ Ylva geht wieder auf ihn zu, ergreift seine beiden Hände und blickt ihm von unten tief in seine Augen. „WIR haben dich gerufen, weil wir deine Hilfe brauchen. Die Mi-Cock sind der Grund weshalb du hier bist. Noch bevor die Monster uns überfallen haben, noch vor unserer Flucht, haben wir eine Zeremonie abgehalten um jemanden wie dich zu holen. Wir dachten, du würdest in den Körper von Thorfinn eintauchen… Der arme Thorfinn… Er…“

„Nichts davon ist wahr“, Paul reißt grob seine Hände aus Ylvas Griff. „Ist dir außerdem schon mal aufgefallen das es in jeglicher Unterhaltungsgeschichte immer einen ERLÖSER geben muss? Von Star Wars über Matrix bist zu Herr der Ringe. Das ist so DÄMLICH und unkreativ. Das ist alles Bullshit!“

„Was?“

„Das ist alles UN-SINN!“

„Bitte sei nicht so laut. Die Ma-Fag werden auf uns aufmerksam…“

„Na wenn schon?! Es GIBT keine Ma-Fag! Verstehst du? Ach… Wie solltest du das auch verstehen?…“
„Banyardi… Paul… Wir haben dich gerufen, damit du mir helfen kannst sie zu finden.“

„Was zu finden denn?“ Paul breitet seine Arme aus.“ „Was zum Teufel glaubt ihr denn hier finden zu können?“

Eine Hand legt sich auf Pauls kräftige Banyardi Schulter. Unwirsch dreht Paul sich um und wischt sie weg. Erschrocken taumelt Maya zurück. „Mein Sohn, was ist geschehen?“ Paul hält inne. Maya zu Sehen verändert etwas in ihm. Banyardis Gefühle zu seiner Mutter stürzen über ihn herein. Sofort bereut er es seine Mutter so brüsk behandelt zu haben. „Mutter… Ich… Ich wollte nicht… Ich wusste nicht…“ Und sofort sah er in ihren Augen, dass es gut war. Maya würde es ihm nicht allzu lange verübeln, aus der Rolle gefallen zu sein. Hierfür. Traf ihn keine Schuld.

„Ich muss um Verzeihung bitten Mutter. Der Rat hat mich gebeten mit Ylva zu reden.“

„Welcher Rat mein Sohn?“

„Ähm. Kamyor hat mich gebeten.“

Absolution 43 – Die junge Christiane Paul

Katha lachte Paul an. Und die Welt lachte mit ihr.

Schon seit jeher hatte Kathas Äußeres Paul an die Schauspielerin „Christiane Paul“ erinnert. „Die junge Paul“, selbstverständlich nicht die alte. So ticken die Hormone. „Die junge Paul“ hatte es Paul seit jener Nacht angetan. Er hatte sie zufällig im Fernsehen gesehen, in jenen Tagen, als das Fernsehen für Pauls Generation noch existierte. Wie lange mochte das her sein? Fünf Jahre. Sechs Jahre. Eine Ewigkeit. Paul war ein noch junger Kerl gewesen, der es nicht nötig hatte sich vor dem Rechner in Träumen zu verlieren. Bestimmt würde der junge Paul, den alten verabscheuen, wenn er sein Schicksal antizipieren könnte.  

„Im Juli“ hieß der Spielfilm von Fathi Akin, in dem „die junge Paul“ und Moritz Bleibtreu einen Roadtrip nach Istanbul bewältigten, um nicht weniger als die Liebe zu finden. Der reale Paul hatte Katha gerade vor ein paar Stunden kennen gelernt gehabt und genau in dieser Nacht, in welcher dieser Film lief, kam er nachhause, was zu dieser Zeit noch das Haus seines Vaters war, und sah mit druffer, verliebt verschobener Optik „die junge knackige Paul“ aus dem Empfangsgerät lächeln. Nein. Strahlen. „Die junge Paul“ strahlte ihn aus dem Fernseher an – und Pauls Herz ging auf. Die Ähnlichkeit zu Katha schien ihm verblüffend, obwohl „die junge Paul“ in dem Film afrikanisch geflochtene Haar trug und ihre eindrucksvollen Titten doch ein wenig zu groß und saftig waren, um mit denen von Katha zu vergleichen gewesen wären. Tatsächlich war es der Körper der jungen Frau gewesen, welcher ihn nicht weiter durch das Programm zappen ließ. Gefangen nahm ihn letztendlich doch nur ihr Lächeln. Ihre Aura. Ihre einnehmende Ausstrahlung, die es Paul schon damals erschwerte, zwischen der echten Katha und der Schauspielerin zu unterscheiden. In diesem Moment, auf dem Sofa seines Vaters, wurde die Figur auf dem Bildschirm eins mit dem Mädchen, dass er gerade zum ersten Mal getroffen hatte. Fast automatisch spürte Paul eine ungeheure Verliebtheit in sich, die weit über die Banalität des Sexes hinausging. Ob das die Drogen waren? Oder ein Fingerzeig einer höheren Instanz? Nun. Das spielte jetzt keine Rolle. Ebenso, wie es in Zukunft keine Rolle spielen würde. „Die junge Paul“ im Film lächelte weiter. Sie wuchs im Film vor Pauls Augen zu einer Über-Frau heran. Nicht weil sie eine „Sex-Bombe“ war. Es war ihr offenes Schauspiel ohne Visier, dieser Blick, der gleichzeitig Mut und Verletzlichkeit ausstrahlte. Sie wirkte kokett devot, obwohl sie doch in jeder Situation die Zügel über den weiteren Filmverlauf in der Hand hielt… Sie war mehr Frau, als jegliche kalte Hollywood-Schauspielerin, die Paul jemals in der Flimmerkiste gesehen hatte. Sie war so, wie sich Paul eine komplette Frau vorstellte. Eine komplette Persönlichkeit, nicht nur ein lächerlich überzeichnetes Idealbild einer Frau. Sie war ein junges Mädchen und eine erwachsene Frau in einer Erscheinung. Und. Sie war auch Katha… Und Katha war „die Paul“.  

Der Name des Regisseurs war „Faith“ was so viel bedeutete wie Schicksal. Der Name des Hauptdarstellers „Bleibtreu“… Wie konnte der Film kein Zeichen sein? Selbst als Paul einige Monate später feststellen musste, dass der Name des Regisseurs keineswegs „Faith“ sondern „Fathi“ lautete. Nur spielte dieser Umstand schon lange keine Rolle mehr… Nun schon gar nicht mehr. Seine „junge Paul“ lag verschmitzt lächelnd in seinen Armen. Und Paul war am Ende seiner Reise angekommen. Hier dürfte Pauls Film nun enden. Katha und Paul lächeln sich verliebt an, während die Kamera Abschied nimmt. Abblende.

Absolution 36 – Der Fehler im Bild

Verfolgt von den misstrauischen Blicken der Einwohner spazieren Banyardi und Ylva durch das Dorf. Die Sonne gleitet dabei langsam auf die andere Seite des Planeten.

Ylva: „Ich weiß nicht ob das eine gute Idee ist mich so offen zu zeigen… Die Ma-Fag sehen mich sehr böse an.“ Ylva fühlt sich sichtbar unwohl und ist verunsichert. Ebenso wie die Ma-Fag selbst. Zwei Arten wilder Tiere treffen aufeinander, ohne abschätzen zu können, wer der natürlich stärkere von beiden ist. Am liebsten hätte Paul einfach schützend seinen Arm um Ylva gelegt. Auch für ihn ist es ein seltsames Gefühl, wenn auch von ganz anderer Art. Banyardis und seine Kräfte scheinen sich vereint zu haben. Er strotzt geradezu vor Selbstvertrauen, ohne seine intellektuelle Beherrschung zu verlieren. Er würde sich… Ylva gewachsen fühlen…

„Sie sehen nicht dich an. Sie sehen das, wofür du für sie stehst.“
„Und worum handelt es sich dabei? Um eine Gefangene? Um eine Sklavin? Um die Beute? Die Tochter des Anführers der Mi-Cock?“

„Sie sehen dich nicht als Person. Für sie bist du ein Symbol. Ein Symbol für etwas, was sie nicht kennen und nicht einschätzen können. Wir sind ein sehr zurückgezogenes und dadurch auch sehr friedliches Volk. Veränderungen sind wir nicht gewohnt. Alles was uns als neu erscheint, macht uns… Nicht gleich Angst. Nein, das wäre Unsinn so etwas zu sagen. Wir sind nicht schwach. Die Ungewissheit macht uns viel mehr vorsichtig.“

„Aber wir sind doch nicht euer Feind!“

„Solange wir die Feinde nicht gesehen haben, bist du ein Symbol für diese Feinde, denn ohne jene, wärst du nicht hier. Eure Anwesenheit bringt uns in Gefahr, auch wenn ihr nicht die Gefahr seid. Also erzähl mir von diesen… Wie habt ihr sie genannt? Bestien?“

„Dämonen. Es sind Dämonen, die uns heimsuchen.“ Ihr Blick geht bei den Worten einen halben Meter vor ihren zierlichen Füßen her.

„Handelt es sich dabei umso grüne Muskelpakete? Um Orks? Werden sie von einem riesigen Auge angeführt?“

„Von einem riesigen…. Auge? Nein. Das sind nicht die Dämonen, von denen ich spreche… Kennt ihr etwa ein riesiges Auge als Heerführer?“ Paul ist überrascht, wie sehr sie auf seinen Spruch einsteigt. Ironie ist in dieser Welt allem Anschein nach nicht weit verbreitet. Nicht dass die Nordfrau schon einmal etwas von Elben gehört haben könnte. Es war schon immer ein typischer Fehler Pauls, Frauen gegenüber Witze zu machen, die sie nicht verstehen können.

„Nur Gerüchte… Ähm… Es sind auch keine lebenden Untoten, die aus dem ewigen Eis gekommen sind und den Winter mit sich bringen? Weiße Wanderer oder so?

„Nein…“
„Hm… (zu sich selbst) Gibt’s denn sonst noch etwas relevantes?“

„Ich kann dir nicht folgen…“

„Äh ja. Erzähl mir lieber von eurem Volk.“

„Wir sind ein Volk von Seefahrern. Wir sind weit gesegelt um bis zu euch zu gelangen. Die Dämonen haben uns gejagt.“

„Haben die Dämonen auch Schiffe? Bauen Dämonen Schiffe?“ Paul lächelt während des ganzen Gesprächs. Er weiß gar nicht was los ist. Das Ganze ist aber auch allzu lächerlich. Warum zum Henker muss sich sein Verstand gerade eine Fantasy-Geschichte ausdenken?

„Einige Schiffe scheinen sie erbeutet zu haben. Viele Dämonen können fliegen. Doch ihr Anführer… Ich glaube, dass er ihr Anführer war. Kam zu uns mit einem Schiff. Ein schwarzes, von innen her brennendes Schiff.“
„Von innen her brennend? Respekt…“

 

Die Zwei drehen immer wieder eine neue Runde durch das kleine Dorf der Ma-Fag, von denen sie inzwischen gar nicht mehr beachtet werden. Schnell haben sie sich an den gerade noch ungewohnten Anblick gewohnt. Die Mütter und Großmütter lassen sogar noch ihre Kinder zum Spielen nach draußen, die tobend und lachend herumtollen, während dem die Sonne hinter den gigantischen Urwaldbäumen versinkt. Ylva lächelt zu dem Anblick der Sprösslinge. „Schöne Kinder habe die Ma-Fag. So süß und lebhaft…“

Banyardis und Ylvas Weg bleibt bei der ganzen Zeit der gleiche. Vorbei an den Ställen der Nutztiere, die sich die Ma-Fag halten. Vorbei an dem Platz der Riten. Hinüber zum großen Lagerfeuer, dass selbstverständlich auch heute heiß lodert. Bis nach hinten zu der Wohnsiedung, die von Wachtürmen in Bäumen umstellt sind. Dann wieder auf der anderen Seite zurück in Richtung der Ställe. Der frühe Abend mit der dazu verbundenen Dunkelheit schafft ein angenehmes Klima. Es ist. Fast schon zu schön hier.

„Wundert es dich eigentlich gar nicht, dass ihr, ein Volk, das so weit gesegelt ist, die gleiche Sprache spricht, wie unser Dschungelvolk?“

Ylva sieht ihn abschätzend an. Könnte das eine Falle sein die Paul ihm stellen will?

„Welche… Welche Sprache sollten wir denn sonst sprechen, wenn nicht diese?…“

Sie bleibt stehen, neigt den Kopf ein wenig zur Seite: „Bist du wirklich der gleiche Mann, der Grammon erschlagen hat? Der gleiche Mann, der mich vorgestern besucht hat? Du wirkst so…“

„Anders? Nun. Vielleicht muss ein Mann sich verändern um ein Volk zu verstehen, dass er nicht kennt. Vielleicht muss man ein anderer werden, um andere zu begreifen.“

„Das ist es nicht was ich meine… Du siehst aus wie er… Aber…“

„Ich bin hier um euch zu helfen. Wirklich. Und es wäre eine Lüge, würde ich behaupten, dass ich damit nicht auch uns helfen will.“

„Dann hört uns zu! Kämpft mit uns! Schließt euch uns an! Nur gemeinsam können wir…“ Ylva nimmt Banyardi/Pauls Hand bei ihrem Aufruf und sieht ihn mit Augen an, in denen ein Mann versinken kann. „Vielleicht nicht gerade siegen… Aber Überleben! Wir wollen doch alle das Gleiche! Frieden!“

„Es ist nur schwer für uns, wenn wir die Bedrohung nie gesehen haben.“
„Das ist doch dumm! Ihr müsst uns glauben!“

„Das ist nicht dumm. Das ist nur natürlich! Wir…“

Eine Gruppe der Ma-Fag Kinder rennt lachend auf die Beiden zu. Mit großen Augen, jedoch heiter, rennen sie auf die Frau mit den gelben Haaren und der weißen Haut zu. Kinder kennen keine Berührungsängste. Sie umringen Ylva und versuchen ehrfürchtig, doch rasend neugierig, mit nur einem Hauch angeborener Kinderangst vor Fremden, die blonde Frau zu berühren. Ylva lacht und lässt es zu. Sie strahlt beim Anblick der Kinder über ihr ganzes Gesicht. Und die Kinder. Sie Lachen zurück. Ylva geht auf die Knie, macht Späße mit den Kleinen, während Paul die Szene beobachtet.  Paul ist sich nicht sicher: Ist das Show? Will sie sich bei den Mi-Cock beliebt machen? Vermenschlichen?

Die stolze Nordfrau nimmt eines der Kinder auf ihre Arme, drückt es an ihren großen Busen. Und fängt für alle, für die Kinder, für Banyardi und sicherlich auch für sich selbst, vollkommen unerwartet an zu weinen. Ylva drückt das Kind wie irr an sich und heult laut jammernd los. Nicht wie eine tapfere Frau, die sie nur vorgibt zu sein, sondern wie eine Mutter, Tante oder Freundin, die alles verloren hat; da fällt es Paul wie Schuppen von den Augen. Wie hatte er das übersehen können?

„Kinder…“, murmelt er vor sich hin. „Es sind die Kinder…“

Ylva weinende Augen treffen verwundert auf die Seine. „Ihr habt keine… Ihr nennt euch ein ganzes Volk. Aber ihr habt keine Kinder bei euch! Was ist euren Kindern passiert?“

Ylva lässt den erschrockenen Jungen wieder auf den Boden hinab, wo sie vollkommen in sich zusammenbricht und in einen stillen Heulkrampf verfällt.

Absolution 34 – Feminismus im Dschungel

Trotz allem entwickelte sich zwischen Ylva und Banyardi ein kurzes Gespräch, nach dem sich Banyardi befähigt fühlte den Plan umzusetzen. Merkwürdig: Sie machte ihm Mut machte seinen Plan durch zu ziehen. Da war etwas in ihrer Art, in ihrer Bereitschaft das Gespräch mit ihm zu suchen. Vielleicht lag es daran, dass Banyardi und Masiyo die Ersten waren, die ihr und den Frauen Möglichkeit gaben, selbst zu handeln, für sich selbst zu sprechen und nicht nur Spielball der übermächtigen Männer zu sein.  Ylva bat um mehr Wasser, ausgewogenere Nahrung und machte sogar Vorschläge zur Optimierung der Toiletten-Situation, ohne den Verdacht aufkommen zu lassen, sie und ihre Mitinsassinnen könnten durch ihre Ideen Möglichkeiten zur Flucht erhalten. Es handelte sich allesamt um realistische Vorschläge, die Banyardi gerne annahm und teils selbst auf Rat von Masiyo vorgebracht hätte, um das Vertrauen der Gefangenen zu erschleichen.

Ylva selbst glich keiner der Frauen, die Banyardi in seinem Leben kennen gelernt hatte. Sie schien nicht nur hübsch und durch ihre blütenweiße Haut exotisch zu sein. Zudem strahlte sie eine Form von Bildung und Weisheit aus, die dem Dschungelkrieger fremd sein musste. Im ersten Augenblick stieß ihn ihr selbstbewusstes Verhalten ab. Denn für wen hielt sich dieses Weib schon? Wozu sind Frauen denn gut, außer den Tätigkeiten nachzugehen, die auch ein verkrüppelter und Jagduntauglicher Krieger ausführen könnte? Wäre da nicht dieses Funkeln in ihren Augen. Dieser matte Glanz, der dem Krieger unterbewusst Ehrfurcht einflößte. Banyardi hatte in seinem ganzen Leben das Dorf nur verlassen, um im Wald zu jagen und dort einige Tage, selten auch ein paar Wochen, zu überleben. Instinktiv spürte er, dass Ylva mehr gesehen und erlebt hatte, als er sich vorstellen konnte. Ihre selbstbewusste Aura schien nicht die einer alten erfahrenen Frau zu sein, die sie augenscheinlich auch nicht war; für Banyardi waren alte Frauen die einzigen, die weise und nicht wie Hühner handelten. Frauen bekamen in der Welt der Ma-Fag keine besondere Form von Aufmerksamkeit, schon gar nicht so etwas wie „Bildung“. Es bliebt für Banyardi einfach unmöglich, Ylva in eine ihm bekannte Schublade zu stecken, im Gegensatz zu ihrem einladenden, erotischen Äußeren. Sie nicht auf ihre großen Brüste und ihr bezauberndes Gesicht zu reduzieren, erwies sich für den wilden Krieger als wahre Mammutaufgabe. Denn es war die einzig logische Reaktion, die sich einem Mann wie Banyardi aufdrängte. Der Wilde sah sich so einer doppelten Herausforderung gegenüber, in dem er sich nicht einfach die Frau nehmen konnte, die ihn so sehr erregte (obwohl er ihr Volk im Kampf besiegt hatte und es nach dem Gesetz sein Recht gewesen wäre) und er auch noch versuchen musste, auf irgendeine Art ein Vertrauter dieser fremden Lebensform zu werden, deren Riten und Gebräuche er nicht kannte – und für die er sich als echten Mann auch gar nicht interessierte. Dazu kam das Problem, in dieser Situation sein Gesicht nicht zu verlieren, denn plötzlich, in der direkten Auseinandersetzung mit Ylva, wog das Urteil der faulen Ma-Fag-Krieger vor dem Bambusgehege sehr viel für den tapferen Krieger. Banyardi wollte vor ihnen nicht als Schwächling oder Gespött dastehen, der sich zu „weibisch“ verhielt. Kurz: Es war eine wirklich vertrackte Situation für ihn, die er – so wie es seine Art als Mann war – tapfer zu beherrschen suchte.

Zu seinem Glück gab sich Ylva diplomatisch und in keinster Weise trotzig. Möglich, dass die heißfeuchte Dschungelluft und die Tristesse des Gefängnisses sie längst gebrochen hatten. Oder, wie der stolzer Krieger Banyardi annahm, war sie sich trotz allem darüber klar, dass er der Mann und Sieger in ihrer Beziehung war. Und sie nur eine Frau.

 

Jetzt. Bei seinem zweiten Besuch. Muss sich Paul bei dem Anblick der in der Nachmittagsschwüle dämmernden Wachen wundern, dass die eingesperrten Frauen sich nicht schon längst aus ihrer weitläufigen Bambuszelle befreit hatten. Das Gehege in welchem die Frauen sich befinden, ist überaus weitläufig und von der einen Seite auf der die zwei Ma-Fag-Krieger liegen, schwer einsehbar. Es müsste den jungen Mi-Cock-Damen ein Leichtes sein, unbemerkt daraus zu entkommen. Schließlich handelt es sich bei dem Gefängnis um ein altes Ziegengehege, dass erst im Nachhinein und notdürftig zu einem „geschlossenen“ Bereich umgewandelt wurde; mit ein wenig Phantasie oder auch nur mit vereinter, grober Kraft könnten sie ohne weiteres diesem schmutzigen Gehege entkommen. Nur. Wohin sollten sie auch fliehen? Im Dschungel wartet der sichere Tod auf sie. Zweifellos muss ein Mensch im Wald aufgewachsen sein, um dort überleben zu können. Selbst wenn man die ganzen giftigen Pflanzen und mörderischen Tiere außeracht lassen könnte, würde ein unerfahrener Mensch dort bald verdurstet sein. Durch diesen Umstand, ist das Gefängnis in welchem sich die Frauen befinden, nur ein Symbol für die tödlichen Gefahren, die außerhalb der Stäbe auf sie lauern. Die Zyniker unter den Ma-Fag würden sagen, dass der Käfig zum Schutze der hilflosen Frauen errichtet wurde – und zu nichts anderem.

Auch wenn niemand gerne seiner persönlichen Freiheit beraubt ist, schien die Situation im Käfig recht gut zu sein. Das angesprochene Wasser ist gebracht worden und die hygienischen Zustände beurteilt Paul als den Umständen angemessen. Auf den ersten Blick wirken die etwa 2 Dutzend Frauen und Mädchen auf Paul überraschend ausgeruht, geradezu erholt. Einige von ihnen Lachen und scherzen sogar so lange, bis sie Banyardi/Paul erblicken, worauf sie schnell verstummen und ihre Blicke auf den Boden werfen. Banyardis Auftritt macht Eindruck. Der halbnackte Krieger schreitet mit geschwellter Brust auf seine Gefangenen zu.

 

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Absolution 33 – Eine Welt ohne Schauspieler

Eine dreiviertel Stunde, eine Flasche „Fritz Kola“ und 0,6 Gramm eher mäßiges Pep später, befindet sich Paul wieder im Körper Banyardis. Was die letzte Zeit mit einer starken psychischen Anstrengung verbunden war, gelang ihm nun, ohne dass er es forcieren musste. Er musste es nicht einmal wollen. Der Übergang vollzog sich ähnlich des Einschlafens, denn wie zu Beginne eines Traumes konnte sich Paul nicht an den Moment des Wechsels in einen anderen Bewusstseinszustand erinnern. Es war wie durch eine offene Tür ins Paradies zu treten, nach dem er sich nach dem ganzen Wirrwarr mit Katha außerordentlich sehnte. Plötzlich war die „andere Welt“, wie Paul sie unterbewusst schon bezeichnete, jene geworden, in der er sich sicherer und behüteter fühlte, als in seinem tatsächlichen Leben. Die Fronten waren ebenso geklärt, wie die Ziele. Warum konnte es im normalen Leben nicht genauso sein? Warum konnte er nicht einfach Kathas Held sein? Und warum wusste er nicht einmal für sich, ob er das überhaupt wollte?

Kaum war er in Banyardis muskulösem, wildem Körper angekommen, fühlte er sich endlich bei sich selbst angekommen. Die Verwandlung „in“ Banyardi war wie ein Upgrade zum Superhelden. Banyardi kennt keine Zweifel. Keine Furcht. Banyardi ist ein Fels. Ein Mann wie ein Nietzsche Zitat, dessen „Formel meines Glücks“ lautete: „Ein Ja, ein Nein, eine gerade Linie, ein Ziel.“

Banyardi würde sich die Frauen so nehmen wie er wollte. Er würde sich auch niemals lächerlich machen. Niemals wanken. Niemals zweifeln. Banyardi stand über der Meinung der anderen. Seine Welt war einfach und deswegen voller Hoffnung.

 

Die Welt der Ma-Fag liegt schon in der Dämmerung. Der Krieger ist auf dem Weg zu den gefangenen Frauen der Mi-Cock. Erschüttert über dieser Erkenntnis öffnet er dumpf seinen Mund und bleibt stehen, denn: Noch nie wusste Paul, was Banyardi vorhatte und woher er kam. Bisher war Paul immer einfach nur in die Welt der Ma-Fag eingetaucht, ohne auch nur im mindesten zu wissen, was sein Auftrag ist. Er war einfach nur immer dagewesen. Mitten im Geschehen. Jetzt ist sich Paul bewusst, indessen Banyardi seinen Weg fortsetzt, dass er auf den Weg zu den gefangenen Frauen der Mi-Cock ist, die von den männlichen Gefangenen separiert worden waren. Und. Banyardi hatte bereits eine weitere Begegnung mit Ylva geführt. Die blonde Frau vom Wasserfall, die den Jungen mit so stolzem Blick Paroli geboten hat. Die Tochter Murdocks.

Wie findet man Vertrauen zu einer Person, die man gefangen hält? Über die man verfügen und richten könnte, wie es einem beliebt? Die Ältesten hatten entschieden: Durch Menschlichkeit – und Schwäche. Menschlichkeit signalisierte der Mann, der vor ihren Augen ihren Beschützer, wenn das Biest nicht sogar ihr Freund war, getötet hatte, in dem er sich auf die gleiche Stufe stellte, wie die Gefangene. Er ermahnte die Wärter der Gefangenen sie gut zu behandeln und sprach davon, dass auch die Ma-Fag eines Tages Geflüchtete sein könnten, sollten die Mi-Cock recht behalten. Würden die Wachen es denn nicht auch wollen, dass ihren Frauen kein Leid zugefügt werden würde? Würden sie selbst denn nicht Obdach bei Fremden finden wollen, würden sie vertrieben werden? Und was wäre wenn es tatsächlich diesen einen großen Feind gäbe, gegen den sie alle zusammenstehen mussten, ganz egal aus welchem Teil der Welt die künftigen Alliierten kommen würden? Das müssten sich die Wachen doch einmal klarmachen!

 

Tatsächlich war das alles nur Show für die Gefangenen, denn noch niemals hatte ein Bübchen wie Banyardi den tapferen Kriegern der Mi-Cock überhaupt irgendetwas zu sagen gehabt. Bei den Mi-Cock gab es eine klare Rangordnung, die an das Alter geknüpft war, nicht an Erfolge. Was für Erfolge außer der Jagd könnte so ein Wald-Volk schon vorweisen könne?  So nickten die Krieger nur müde und sahen erschöpft vor lauter Langeweile in den Urwald. Sollte er doch reden, der Kleine.

Noch viel schlimmer als das Schauspiel der Wachen war der Beginn dieser ganzen Szene, die sich Masiyo ausgedacht hatte. Sie sollte als Türöffner zum Vertrauen der Gefangen benutzt werden. In diesem Szenario stürzte sich Masiyo als Vergewaltiger auf die eingesperrten Weiber, vor welchem Banyardi die Frauen retten sollte. Dadurch würde Banyardi als tapferer Held und Retter der Frauen ihre Gunst erwerben. Jedoch geriet die Aktion genau zu der Farce die eintreten musste, wenn sich zwei Ureinwohner vornehmen, Theater zu spielen, ohne jemals auch nur ein Schauspiel gesehen zu haben, nein, ohne überhaupt zu wissen, was Theater ist. In der Welt der Ma-Fag gibt es zwar gewissen Riten und Feste, die sich jedoch ausschließlich an den Jahres- und Mondzeiten, sowie an den Brunftzeiten der Tiere orientieren. Das Wort „Schauspieler“ gibt es un Dorf nicht. Wozu auch? Die Ma-Fag sind ehrliche Leute, denen es gar nicht in den Sinn kommt dem Gegenüber etwas vorzuspielen. Schließlich kennt im Ma-Fag-Dorf jeder jeden und es ist geradezu lächerlich seinem Nachbarn, der ohnehin alles über einen weiß, eine große Lügengeschichte vorzuspielen. Gerade deshalb empfand Masiyo seine Geschichte auch als so genial: In seiner Welt hatte er etwas erfunden, was es bei den Ma-Fag nicht gab. Das „So tun, als ob“. Schließlich kannten die Mi-Cock die Ma-Fag nicht, wie sollten sie also zwischen Wahrheit und dem Schauspiel unterscheiden können? Eine geniale Idee für einen Dorflehrer, der niemals das Dorf verlassen hatte. Masiyo ist wahrlich ein großer Geist. Ein Visionär, der etwas erdacht hatte, was kein Ma-Fag vorher auch nur denken konnte. Der Plan MUSSTE einfach funktionieren.

 

Das traurige Ende der Geschichte war ein absolut überzogenes, grauenvolles Schauspiel von Masiyo und Banyardi, dessen Lächerlichkeit seines Gleichens suchte. Alles daran improvisiert. Nichts war einstudiert (auf den Gedanken vorher zu üben, wären die beiden Wilden nie im Leben gekommen). So ging schief was schiefgehen konnte. Das Timing stimmte nicht. Der Mut zu Aktion fehlte total. Dass sie sich nicht versprochen und damit gänzlich verraten hatten, war schon alles. Hätten sie wenigstens die Wachen in ihre Idee eingeweiht doch die lagen einfach nur gelangweilt in der Sonne und verzogen keine Miene, als Banyardi theatralisch und mit großen Worten (und wenig Kraftaufwand) den Erektionslosen Masiyo von Ylva riss. Masiyos Gesicht war bei der ganzen Geschichte rot wie eine Tomate ob der Peinlichkeit, Ylva überhaupt so nahe zu kommen. Noch nie hatte der alte Dorflehrer eine andere Frau berührt als seine eigene. Schon gar nicht so eins junges und pralles Weib wie Ylva. So gab der „Vergewaltiger“ nach dem Eingreifen des Heldens auch sofort auf und trollte sich. Nicht in Hast, Furcht oder mit sonstigen großen Gesten: Er ging einfach davon, als hätte er gerade ein Bier von einer Bar geholt. Nach dem Motto: „Meine Aufgabe ist erledigt. Ich geh dann mal nachhause.“  Die ganze Szene war furchtbar unglaubwürdig und Banyardi hatte kurz das Gefühl, das Ylva und die Frauen es sich verkneifen müssten laut los zu lachen, als Masiyo – wenn auch nicht gleich pfeifend – vollkommen gechillt seines Weges ging.

Paul stöhnte im Kopf Banyardis peinlich berührt auf, als ihm diese Farce gewahr wurde. Absolut lächerlich.

Mein Roman auf Bookrix

Hallo Jungs und Mädels. Oder Mädels und Jungs. Klingt vielleicht besser. Nach jetzt doch schon einiger Zeit offline vom Blog wollte ich mich mal wieder zurückmelden. Und Mann! Habe ich schon immer diese Beiträge in Blogs gehasst, wenn man einen alten Blog aufruft und sich da irgendein sonstwer „zurück meldet“. Nur. Um dann ganz von der Bildfläche zu verschwinden. Jetzt bin ich wohl genauso ein Trottel. Tatsache ist aber, dass ich inzwischen drüben bei Bookrix meinen Roman „Verlorene Jungs“ hochgeladen habe.

Bookrix hatte ich gar nicht auf dem Schirm. Meine Frau hat mir davon erzählt, nachdem ich schon vom Kraftakt einer  Romanveröffentlichung  die Schnauze voll hatte. Denn. Die Verlage wollten ihn nicht. Was eigentlich okay ist. Würde ansonsten nur Qualitätsscheiß veröffentlicht werden – was meiner Meinung nach definitiv nicht der Fall ist. Oder aber der Ausdruck „Qualitätsscheiß“ trifft wie die Faust aufs Auge auf die Strategien und Bücher des Deutschen Büchermarktes. Das Zeug ist über weite Strecken so selbstverliebt (in Bezug auf Gestaltung, Branchenvisionen, wie – ganz schlimm – der grottige Inhalt), dass es für mich unlesbar geworden ist. Und ich dann doch irgendwie Bock hatte mein Werk irgendwie rauszuhauen. Nicht das ich erwarten würde damit viel Geld zu verdienen. Leider werde ich wohl noch ein paar Jahrzehnte ehrlicher Arbeit nachgehen müssen. Auch okay. Aber da wir zum Glück in Zeiten leben, in denen jeder seine eigene Vision eines Buches, Textes, Videos, Films, Sounds, was weiß ich veröffentlichen kann, fand ich es nur richtig meinen „Text zur Nacht“ in irgendeiner Weise online zu stellen. Und zwar nicht als Fortsetzungsromans. Sondern als abgeschlossenes Werk.

Auf Bookrix kann man seine Werke für die dortige Gemeinschaft online stellen oder verkaufen. Die Bookrix-Betreiber bieten es für ein paar Prozente auch an, euer Buch in alle möglichen E-Book-Vertriebe zu bringen. Wofür ich mich entschlossen habe. Natürlich ist das jetzt nur von meiner Frau und mir lektoriert – so what? Wenigstens konnte ich so meine Version der Wahrheit, meine Vision eines Romans online bringen. Natürlich beinhaltet das kleinere Fehler. Dafür zahlt man dann aber auch weniger Geld, als über 20 Euro für ein blödes Buch von Helene Hegemann (welcher Irre kauft denn so was?).

Klar.

Bookrix ist mehr auf (wie ich die letzten Tage bemerkt habe – das ist aber keine abschließende Meinung) junge Leute ausgelegt. Oder eher so Groschenromane. Ich will nicht sagen, dass ich da reinpasse. Das meine ich jetzt gar nicht abwertend. Das meiste was da steht, könnte ich gar nicht selbst schreiben. Aber. Ich habe halt eine andere Vorstellung davon, was ein Buch sein soll. Und deswegen passe ich da im Moment sehr gut hin. Weil ich da machen kann was ich will. Auch. Wenn die Themen dort  (viel Romantik und Fantasy) nicht meine sind. Gibt man da „Drogen“ oder „Techno“ ein – werden kaum bis gar keine Treffer in der Suchleiste angezeigt. Dann ist das halt so.

Hier im Blog will ich trotzdem aktiv bleiben. Na ja. Vielleicht ein wenig aktiver als die letzten Monate. Nächstes Jahr ziehen meine Frau und ich von einer Wohnung in ein Haus. Und vielleicht. Finde ich dort mehr Ruhe zum Schreiben als hier in der kleinen Wohnung.   Auf jeden Fall habe ich endlich Ideen wie es bei „Absolution“ weitergehen soll (da hatte ich gerade einen ziemlichen Hänger).

Soweit erst einmal.

Absolution – 32 – Gehen wir noch zu dir?

Sie verließen den Club nicht allzu spät (4 Uhr morgens) und fuhren mit der Bahn zurück. Katha und Paul taten so, als wären sie normale Freunde, während Sarah sichtlich von Miguels Annäherungsversuchen genervt war. Miguel erzählte ständig Geschichten um irgendwie doch noch interessant auf Sarah zu wirken, auch wenn seine Erzählungen an Belanglosigkeiten kaum zu überbieten waren; nur die über Story einer ihm bekannten Lesbe fand echten Anklang und Diskussionsbedarf. Die beschriebene Lesbe sei (laut Miguels dramatischer Darstellung, bei der er nicht aufhören konnte zu betonen, wie absolut wahr die Geschichte sei) ständig schwanger, da sie – Hölle Kleinstadt – ständig mit Typen ins Bett stieg, da es „auf dem Dorf“ keine LGBT-Szene gab, zu der sie sich zählen und von der sie zehren konnte.

Tatsächlich hasst sie Männer mit ihren dummen Schwänzen. Es ist eine megamiese und eklige Situation. Sie ist nur so einsam, dass sie dann doch jeden über sich drüber lässt“, erklärte Miguel Achselzuckend.

Das ist ja wohl das Dümmste was ich jemals gehört habe“, verdrehte Sarah ihre Augen.

Aber es ist wahr!“

Sarah weiter: „Du hast doch gar keine Ahnung wie sich eine lesbische Frau fühlt! Die würde doch niemals! Das ist doch lächerlich! Aus Einsamkeit!“
Katha seufzte: „Ich kann schon verstehen aus sexueller Not lesbisch zu werden.“ Sie lachte noch schnell ein wenig falsch ihrer Aussage hinterher.

Was weißt DU denn davon lesbisch zu sein?!“ ging Miguel Sarah an. „Die Story ist wahr!“

Das ist doch nur eine Männerphantasie!“ lachte Sarah Miguel aus und die Frauen lachten zusammen.

Vielleicht ist das ganze Leben nur einer Männerphantasie“, setzte Paul mit einem schiefen Lächeln hinzu. Worauf nun Miguel zu Lachen begann und Paul, der gar nicht verstehen konnte warum, High-Five geben wollte. Es war wie immer: Keiner verstand irgendwen und alle redeten aneinander vorbei.

Die Umarmung zwischen Katha und Paul war merkwürdig und schön zu gleich. Dann öffnete sich die Zugtüre, worauf Miguel und sie aus Pauls Blickfeld entschwanden. Paul glaubte noch, bevor sich die Türe mit dem typischen mechanischem Rucken schloss, zu hören, wie Miguel sagte: „Ich hab die Alte doch AUCH geknallt!“

Vielleicht. War auch das nur eine Einbildung gewesen.

Puh“, seufzte Paul. Das war ja irgendwie eher beschissen gelaufen.

Ja… Puh…“, meinte Sarah mich hochgezogener Augenbraue. „Du bist´n Idiot.“

Wieder sein schiefes Lächeln. „Ja… Das bin ich wohl…“

Weißt du noch als wir in Stuttgart waren? Bei Carl Cox?“

Klar weiß ich das. Der war suuuper.“

Genau. Was du aber nicht mitbekommen hast, war, dass Katha dich da schon die ganze Zeit wie blöde Angegraben hat.“

Echt? Ja… Ne… Das weiß ich nicht mehr… Das denkst du dir doch gerade aus… Das ist doch… Monate her…“
„Du Idiot. Ich saß hinter euch im Zug zurück, als Katha zu dir sagte, dass ihr zwei doch bestimmt noch zu dir gehen würden. Und du dann so (verstellte Männerstimme) WAS WOLLEN WIR DENN BEI MIR??!!! NENENE! ICH GEHE JETZT SCHÖN ALLEIN NACH HAUSE! ES REICHT JA WOHL LANGSAM MIT FEIERN!“

Wirklich?“ Ein kurzes, echtes Lachen. „Das habe ich überhaupt nicht überrissen…“

Weil du ein Idiot bist. (Pause) Weißt du. Katha ist ein zu gutes Mädchen als dass sie das verdient hätte… Und das wird sie auch nicht ewig mitmachen.“

Die Haltestelle kam und sie stiegen aus.

Du bist´n Idiot Fleming“, sagte Sarah noch während der Abschiedsumarmung. Als sie sich getrennt haben zuckte Paul wieder mit den Schultern: „Ich weiß…“
„Irgendwann wird sie weg sein. Du… Magst sie doch? Oder?…“

Ich mag sie sogar sehr.“

Dann hör auf so ein Idiot zu sein!“

Wirst du mich jetzt immer so nennen?“

Oh ja. So lange bis du die Sache hinbekommen hast. Und hör auf dich ständig zuhause einzusperren. Warum auch immer…“

Ich hab dich lieb.“

Fick dich Paul.“

Lachend und Kopfschüttelnd trennten sie sich.

Auf dem Nachhauseweg war Paul klar wie der Tag weitergehen würde. Der PC und das Speed warteten schon auf ihn. Und trotzdem war er fassungslos darüber, dass er die Avancen Kathas nicht gerafft hatte, sondern heute wie damals nur nach Hause wollte, um weiter in seine Träume zu fliehen. Träume von Katha. Träume von der Zukunft. Träume davon, es beim nächsten Mal besser zu machen.

Nicht um des Sex willens.

Für die Liebe.

Auf gar keinen Fall würde er in die Welt der Ma-Fag zurückkehren. Für so einen Unsinn hatte er nun wirklich keine Zeit. Er musste sein Liebesleben auf die Reihe bekommen.

Nein. Sein ganzes Leben.

Absolution – 31 – Angst vor Frauen

11.

Katha, Sarah und Miguel entführten Paul ins „Abseits“, einen kleinen Club in Augsburg, den nur Eingeweihte kannten. Dort legte ein Bekannter von Miguel vor 20 anwesenden Besuchern auf, der sich (in Anspielung an den Weltbekannten DJ) „Dick-Son“ nannte. Die Vier hingen dort herum, gaben sich gegenseitig Getränke aus und Pauls Freunde stellten die gute Laune zur Schau, die Paul in dieser Zeitperiode der Übernächtigung und Erschöpfung vollkommen abging. Er war einfach zu platt und zu zerstört, dazu empfand er sich selbst als viel zu große Peinlichkeit, als dass er auf „gute Laune“ machen konnte. Zudem scheiterte jeder Versuch irgendwie „besonders“ auf Katha zu wirken. Es war wie verhext. Versuchte sie mit ihm zu Reden, ging ihm fast unverzüglich der Gesprächsstoff aus, viel zu groß war die übernächtigte, leer gewichste Ödnis in seinem Kopf. Machte er eine zweideutige, lieb oder erotisch gemeinte Anspielung (die er sich schwer aus dem Brachland seines Verstandes erkämpft hatte), kam er mit ihrer begeisterten Reaktion nicht klar. Tanzten sie zusammen, fühlte Paul sich lächerlich, wie ein Troll, der nur dämliche Gesten vollführte – am Liebsten wäre er einfach davon gelaufen – währenddessen Katha eisern an seiner Seite blieb. Katha wollte Paul. Was Paul absolut überforderte. Das Problem war eindeutig nicht, dass er Katha noch erobern müsste. Das Problem war viel mehr, dass Katha bereits (wie auch immer er das geschafft hatte) erobert war und Paul einfach nicht mit der Situation klar kam. Was für die meisten Männer ein Geschenk darstellt, erschien Paul in seinem gegenwärtigen Zustand als unlösbare Aufgabe. Er stand sich selbst im Weg. Die Wünsche der Drogen hatte ihn an diesen Punkt gebracht.

Und die Drogen retteten ihn.

Das Ecstasy entspannte sie. Und schon war es nichts besonderes mehr Katha in den Arm zu nehmen, und sogar auf einer abgelegenen, dunklen Bank mit ihr zu kuscheln. Das XTC half Paul über den Wahn und Paranoia hinweg, dass das Speed aufgebaut hatte. Alles schien gut. Alles erschien bereinigt. Der Bass wummerte über ihre Köpfe hinweg. Die Lichtorgel blitzte um ihre Köpfe. Ihr Lachen wurde zum Kettenbrief. Da war es wieder, dieses Gefühl von Freundschaft und Liebe, dass alles überdauern würde… Überdauern sollte. Überdauern müsste… Paul sah Katha verliebt an. Und sie ihn. Junge Menschen. Totally in Love zueinander. Vereint durch echten Gefühle ihrer Herzen, die in diesem Moment im Gleichtakt miteinander schlugen. Vereint durch die Funkenden Eruptionen, die nur die chemische Industrie garantieren kann. Sie sahen sich an und versanken ineinander. Einen Moment lang… Zwei Momente zu lange… Drei Momente zu lange… Und es geschah…

Er hätte einfach nur seinen Mund auf den ihren drücken müssen. Hätte einfach nur seine Zunge um ihre Tanzen lassen sollen. Er hätte einfach nur einen Moment keine Angst vor gar nichts haben müssen. Weder vor sich. Vor seinen Gefühlen. Vor Katha. Vor der Peinlichkeit. Seiner Unfähigkeit. Seiner Wahrheit… Paul hätte einfach nur dass tun müssen, wovon er so viele Nächte im Delirium geträumt hatte. Doch als die Momente zu lange anhielten – selbst auf dem Ecstasy, das Glücksmomente so unglaublich lang und schön bis ihn alle Momente zu dehnen vermag – war es vorbei. Paul lächelte schief. Fragte Katha nur, ob sie nicht Tanzen wolle, worauf die Enttäuschung in ihren Augen aufblitze, gleich einem Erdloch, dass plötzlich und von keinem Wissenschaftler vorhergesehen eine ganze Kleinstadt verschluckt und erledigt, gleich einem Arzt, zu dem die Angehörigen eines Unfallopfers voller Hoffnung rennen, der aber nur vom Misslingen der Operation und der Grenzen der Medizin berichten kann, gleich einem Ertrinkenden, der feststellen muss, dass es nichts gebracht hat bis zum letzten Moment und mit allen Kräften um sein Leben zu kämpfen.

Katha seufzte über all den Lärm des Technoclubs hinweg. Es war ein geradezu Bibliches Seufzen.

Irgendwie…“, brachte Paul noch hervor. „Ich komme heute einfach nicht so ganz klar.“

Ich weiß“, erklärte Katha darauf, „das ist es ja. Du kommst halt nie besonders gut klar…“

Aber ich würde es gerne…“

Dann mach doch…“

Ich weiß nicht wie… Du hast halt was besseres verdient.“
„Du bist so ein…“ Sie lächelte ihn mit großen Drogenaugen an. Voll Verständnis und aller verlorener Hoffnung zugleich. Dann blinzelte sie. Stand auf und ging hinüber zu Sarah, die ein paar Lärmmeter entfernt mit irgendjemanden an der Bar stand. Irgendwas wurde geredet, worauf Sarah den Kopf schüttelte und schüttelte und wütend wurde. Paul sah dem zu. Innerlich weinend. Vernichtet. Dabei extrem drauf und erfüllt von den Drogen. Der lächerlichste Zustand, den man sich vorstellen könnte. Am Liebsten wäre er von einer Brücke gesprungen. Nur hatte er nicht einmal die zur Verfügung. Paul wollte einfach nur gehen. Paul wollte einfach nur bleiben. Paul wollte im Erdboden verschwinden. Und er wollte zu Katha hinüber gehen und sagen, dass es ihm leid tue. Was auch immer. Dass es ein Missverständnis sei. Welches auch immer. Die Frauen sahen ihn an. Er sah zurück. Und nichts geschah.

Sekunden wurden zu Ewigkeiten. Jede Minute zur Folter.

Paul versuchte einen klaren Gedanken zu fassen. Sein Bestreben glich der einer Kompassnadel, die sich krampfhaft einnorden wollte und sich dabei hilflos im Kreis drehte, ohne auch nur den Hauch einer Ahnung zu haben, wo Norden denn nun lag und was es überhaupt helfen sollte, die Richtung zu finden. Mehr als ein „Katha ist toll. Ich ein Idiot“ konnte er in sich selbst nicht finden. Er fühlte sich ebenso verzweifelt, wie er drauf war. Ein wirrer, taumelnder Zustand. Voller Schmerz und Glück, wie ein 14 jähriger Jugendlicher, der zum ersten Mal in seinem Leben sagenhaft unglücklich verliebt ist. Die ganze Zeit hatte er zu Katha und Sarah hinüber gesehen und dennoch stand die Frau seiner Träume mehr plötzlich als überraschend neben ihm, als er es für den Hauch einer Sekunden verstehen konnte. „Dann lass uns halt Tanzen“, lächelte sie ihn an. Mit ihren wunderschönen, wunderschönen druffen Augen. Für sie war das ja auch nicht leicht. Ebenso so verstrahlt, wenn auch nicht übernächtigt wie Paul; jede Beziehung hat zwei Seiten, zwei Geschichten, hunderte Perspektiven.

Es wurde getanzt.

Tanzen muss nicht immer leicht und fröhlich sein. Nicht immer locker und glücklich. Es kann von der Last der Lebens und den Umständen der Gegenwart beschwert sein, während es sich dumm und falsch anfühlt.

Wie kann man in so einem Moment nur Tanzen?

Wie kann man jetzt nur so tun, als wäre nichts gewesen?

Bis es dann geschieht. Bis die Bewegung und die Musik. Bis der Brettharte Sound einer amtlichen „Adam Beyer“-Platte. Alle Zweifel fürs erste Mal zur Seite schiebt. Und man sich wieder ernsthaft ehrlich anlächeln kann. So als wäre das Vorhin nicht gewesen. Als würde es nur die Zukunft geben.

Tanzen ist das Erste-Hilfe-Pflaster des Kosmos.