Der Status quo zu „Verlorene Jungs“ und wie über Techno-Leute berichtet wird

Wie so mancher Blogger vor mir (und sicherlich auch in Zukunft) versuche ich nach einer langen Korrekturphase meinen Roman „Verlorene Jungs“ zu „verkaufen“. Wäre ja ganz praktisch mit dem Hobby Geld zu verdienen. Hobby? Der Blog, der die Ur-Suppe war aus der mein Roman entsprang, war ein Jahrzehnt lang mehr als nur mein Hobby. Es war ein Herzensprojekt. Dann: Zack! „Blog.de“ geht den Bach runter und all das was man sich über so viele Jahre aufgebaut hat, ist einfach so weg. Und ich hadere wirklich mit mir, dass ich ausgerechnet zu WordPress umgezogen bin. Zwar habe ich hier, nachdem ich nach dem „Blog.de“ im Limbus des Internets verloren gegangen ist, so gut wie alle meine Follower und Freunde verloren habe, wieder neue Freunde auf und über WordPress gefunden, ebenso Blogs die ich gerne lese. Jedoch bin ich beim Thema „Kommentieren“ etwas faul geworden. Auch dieser unsägliche „Like“-Button hätte sich WordPress sparen können… Aber kommentiert muss werden wenn man eine neue „Reichweite“ aufbauen will. Doch ich will mich auch nicht anbiedern. Oder aufdrängen. Neue Freunde finden ist im Digitalen Bereich ein mühsames Ausschlussverfahren. Denn selbst wenn mich die Themen interessieren, werden sie halt nicht von den Leuten geschrieben, die man einmal ins Herz geschlossen hat und jetzt irgendwo im Nirvana des Netzes der unbegrenzten Möglichkeiten tätig sind. Oder vielleicht auch nicht. Wahrscheinlich wäre eine Plattform aus Deutschland besser gewesen; mich beschleicht bei WordPress das Gefühl, dass wir zwischen den ganzen Amerikanern und was weiß ich woher die Menschen hier kommen, einfach untergehen. Die deutsche WordPress-Enklave funktioniert zwar. Sie ist aber auch ein zu sehr in sich geschlossener Kreis.

Eigentlich wollte ich ja über den Roman sprechen.

Letztes Wochenende war ich mit Freunden auf dem „Ikarus-Festival“. Ein Techno-Festival. Dort wurden mir wieder einmal vor Augen und Ohren geführt, dass es einen Markt für meinen Roman gibt. Auf dem Festival wankten eben keine Stricher und Hyper-Junkies in der Gegend herum, die keinen Plan mehr vom Leben haben und sich wortwörtlich in die Hosen machen vor lauter unvorstellbarer Zerstörtheit. Wie es ansonsten so ist in der „Literatur“, wo Romane gerne mal Untertitel tragen wie „Meine Horrorjahre in der Techno-Bewegung“ oder „“Ehebruch, Ecstasy und Electro – mein langer Weg zurück in das Leben“. Nein. Auf dem Ikarus waren ganz normale Leute: Stephan aus Ulm. Und Jessica aus Heidelberg. Zum Beispiel. Die habe ich dort getroffen und für gut befunden. Die Zwei waren nicht zusammen unterwegs und ich bin nicht extra los gewankt um Menschen wie sie zu finden. Die trifft man halt. Während man irgendwo ansteht. Entlang geht. Eine Zigarette raucht. Oder ganz klassisch beim oder nach dem Tanzen. Stephan und Jessica sind kein Paar. Ich traf sie nicht zusammen zur gleichen Zeit. Ein paar Stunden vergingen bis ich nach Jessica den Stephan traf. Und dann haben wir dann da so geredet. Mehr oder weniger locker über Drogen und wie das so ist mit dem normalen Leben. Kein AUSFRAGEN. Das funktioniert nicht. Sondern so mit Jägermeister am Mundwinkel. Während sich da ein Gespräch entwickelt. Und ich war ja auch neugierig gewesen, ob sich Leute REPRÄSENTIERT fühlen von den Medien. Wie über sie gesprochen wird. Über die normalen Leute. Die halt ein paar Jahre feiern gehen. Und dann halt nicht mehr. Wir sind ja kein Abschaum.

Nein. Repräsentiert fühlt sich der kleine Tänzer nicht durch die Filme und Serien über das Thema. Von den Büchern auch nicht. Obwohl da natürlich viele kluge Sätze geschrieben wurden. Über das Feiern. Geile One-Liner. Doch die Wahrheit. Die findet man dort selten; wenn dann „Wahrheit“, dann halt immer die viel zu krass kaputte Wahrheit. Siehe „Berlin Calling“, „Der Nachtmahr“, wo dann halt auch gleich wieder die „Verrücktness“ durch die Drogen das Thema ist. Nicht das Glück. Denn die Menschen nehmen den Müll doch nicht weil sie so geil davon verrückt werden. Nein. Sondern. Weil es Beides ist: Der Spaß und seine Schatten.

Es ist ja auch schwer für einen Niemanden wie mich ein Buch zu verkaufen. Hab nicht studiert. Kenne keine wichtigen Leute, habe also kein Vitamin B. Und wenn ich mir die Bücher so ansehe die ich im Schrank habe, auch zum Thema Techno und Jugendkultur, da sind es dann halt die Medienpanzer wie Moritz von Uslar oder Tobias Rapp (oder gleich Rainald Goetz), die mindestens schon einmal irgendwo fest bei einem riesigen Medienimperium gearbeitet oder häufiger veröffentlicht haben, bis schließlich ihr eigenes Buch über das Herzensthema heraus gebracht wurde. Da ist jetzt auch kein Neid dabei. Moriz von Uslar – super sympathisch kommt der rüber. Das Buch Tobias Rapp fand ich zwar nicht so geil, folge ihm trotzdem auf Facebook. Ne. Darum geht es nicht. Ich glaube nur, dass es einfacher ist wenn man schon wer ist und dann zu Mister X oder Mister Y sagen kann: „Du, ich hab hier auch was geschrieben. Was LÄNGERES. Schau dir das doch mal an.“ Vielleicht sind das nur Verschwörungstheorien von mir. Leicht möglich, was weiß ich schon wie das funktioniert? Vom Gefühl her aber ist der Feuilleton mit seinen Lieferanten schon so ein in sich verschworener und verwobener Bereich, dass man Normalproleten wie mich gar nicht ernst nehmen will (was man übrigens auch dadurch merkt, wie man von den Verlagen TEILWEISE behandelt wird. Teilweise). Während MIR jedes Mal ein Schaudern beim Ingeborg-Bachmann-Preis über den Rücken läuft was da für Gestalten auflaufen, wer da beurteilt und wie sich alle verwursten lassen. Das kann man sich gar nicht anschauen. Wie die sich gegenseitig aufeinander einen runter holen. Der ERLESENE Kreis.

Und dann wundern sich die gleichen Leute auch noch darüber, dass immer weniger gelesen wird. Und wenn dann. Das Falsche. Ja eben weil ihr an den Leuten, an der Wahrheit vorbei redet. Weil man heutzutage glaube ein Studium und ein wenig Wikipedia-Recherche würden ausreichen um in jedem Thema gleich Fachfrau oder -mann zu sein. Es reicht nicht Bildungsbürger zu sein… Klar können die Schreiben. Sonst wären die nicht da im Fernseher und würden… VORLESEN. Bei aller Freundschaft: Nichts ist langweiliger als eine Lesung. Selten ist ein Buch so gut, dass man gleich Seitenweise daraus vorgelesen bekommen will. Es geht aber nicht nur um das Schreiben. Sondern darum, ob die Leute auch was ZU SAGEN haben. Denn es reicht halt nicht (und da spricht der Handwerker aus mir) wenn man handwerklich gut arbeiten kann, weil man das von ehemals wichtigen Leuten beigebracht bekommen hat. Denn am Ende wird das was man erschaffen kann nur ein Imitat dessen, was man an der Uni gelernt hat. Es fehlt leider der besondere Moment. Es mangelt an gelebter Erfahrung die Ding anders anpacken zu können oder auch nur zu wollen. Nicht an Schreiberfahrung. Nicht an Büchererfahrung. Nicht einmal an Lebenserfahurng. Es fehlt der Mut sich von diesem ganzen Akademischen Quatsch zu lösen. Deswegen sind diese Bücher auch so tot. Und sollte dann doch mal einer um die Ecke kommen und seine Wahrheit aus sich herauspressen. Eine Wahrheit die schmutzig ist, weil sie ECHT ist. Unbequem. Dann… Ja dann… Leider… Klingt das nicht danach als könnte es sich gut verkaufen. Es muss ja so oder so sein. Am Besten wie… Weil die Leute das so nicht mögen… Wenn…

Und dann wundert man sich noch. Das keiner mehr eure Lügen lesen will.

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Absolution – 28 – Flüchtlinge im Dschungel

Während Pauls Abwesenheit in der realen Welt, waren die Ma-Fag nicht untätig gewesen. Sie hatten die Gruppe aufgespürt, zu denen die Frauen gehören, die Paul und Paco auf ihrer Jagd entdeckt hatten. Insgesamt handelt es sich bei der Gruppe um 20 bis 30 Leute. Vertriebene, wie sie selbst sagten. Sie nennen ihr Volk selbst „Mi-Cock“. Der Name ihres Anführers ist Murdock. Murdock ist ein großer, weißer Mann. Der Anführer der Vertriebenen trägt einen vollen, großen Bart zu seiner Glatze. Und ist im Gegensatz zu den Ma-Fag unglaublich weiß. Fast schon nordisch. Sein Körper scheint ein einziger Muskel zu sein. Wie die Hauptfigur aus dem Videospiel; „Kriegsgott“, kommt Paul in den Sinn. „Thanos“ oder so glaubt Paul sich zu erinnern. Murdock und sein Volk sehen in diesem Dschungeldorf wie Programmierfehler aus: Die Nordmänner in den Tropen. Trotz seiner stattlichen Erscheinung steht Murdock vor den Ältesten wie ein Häufchen Elend. Seine Schultern sind tief eingesunken. Sein Blick ist leer und blass wie seine Haut, die von den Urwald-Mücken als ein Leckerbissen angesehen und regelrecht verspeist wird. Neben ihm steht seine rechte Hand. Ebenfalls eine Eiche von Mann. Ebenfalls ein guter Wikinger-Darsteller.

Die Handvoll „Mi-Cock“ hatten sich kaum bis gar nicht gegen die Gefangennahme durch die Ma-Fag gewehrt. Warum erklärt der geschlagene Gigant auf die Frage Kamyors:

Wir sind schon lange auf der Flucht. Sehr lange… Wir mussten unsere Heimat aufgeben. Unsere Ländereien. Alles.“

Weshalb?“ fragt einer der Ältesten. „Bringt ihr Krankheiten in den Wald?“

Nein. Nein…“ Murdocks Stimme ist hart und rau. „Wenn man so will haben wir versucht die Krankheit zurück zu lassen… Wir fliehen vor einem Feind, der größer und stärker ist als alles was…“ Sein Blick geht ins Nichts. In den Dschungelhimmel. „Wir hatten keine Chance…“

Wer ist euer Feind?“ Kamyor lehnt sich nach der Frage nach vorne. „Diese Vierarmigen Kreaturen?“

Gramon? Nein Gramon war… Ein Freund von uns… Ein Beschützer… Ein…“ Murdocks Blick sucht unter den Ma-Fag den Mörder Gramons. Doch für ihn sehen alle Ma-Fag ziemlich gleich aus. Noch nie hat er ein Volk wie das ihre gesehen. „Unser Feind sind… Ist… Es sind Kreaturen die vor nichts Halt machen. Sie sind nicht so wie wir… Sie sind auch nicht wie ihr… Sie sind… Anders… Und wir können sie nicht besiegen…“ Sein leerer Blick schweift über das Häufchen, dass der Stamme der Ma-Fag für ihn ist. „Auch nicht zusammen… Wir waren einst 5 bis 6 Mal so viele wie ihr… Wir hatten keine Chance.“

Unruhe breitet sich unter den Ma-Fag aus. Auch Banyardi wird unruhig. Seine Heldentat scheint schon vor Jahren verblasst zu sein. Was für Kreaturen müssen das sein, die so ein physisch starkes Volk vertreiben können?

Euer Krieg geht uns nichts an“, es ist Masiyo der spricht. Der Nachfolger von Kamyor in der Rolle des Dorflehrers. „Wir haben keinen Streit mit deinen… Kreaturen. Eure Probleme sind nicht die unseren.“ Die Ma-Fag nicken. Das Ganze ist nicht ihr Problem. Warum es dazu machen?

Ihr versteht nicht. Selbst wenn ihr uns ihnen ausliefert, wird sich nichts ändern. Selbst wenn ihr euch von ihnen versteckt, werdet ihr nicht davon kommen. Nicht einmal in diesem Wald… Auch wir haben keinen Streit mit ihnen. Wir haben versucht mit ihnen zu verhandeln! Aber… Mit Dämonen kann man nicht verhandeln.“ Erneute Unruhe. Die erst damit endet, als Murdock fortfährt: „Es geht nicht darum wer wir sind und wer ihr seid… Es geht darum, DASS wir sind…“

Die Unruhe nimmt Tumultartige Formen an. Ma-Fag springen auf und schreien Murdock an. Sie schreien sich gegenseitig an. Sie diskutieren laut, fuchteln mit den Händen – ein Verhalten, dass die Ma-Fag ansonsten nicht zeigen. Das besonne Dschungelvolk ist dabei den Kopf zu verlieren. Feinde als solches kennen sie nicht. Sie kennen Zwistigkeiten, Reiberein, auch Mordanschläge von anderen Stämmen. Monster und Soldaten jedoch sind ihnen fremd.

Wir müssen gemeinsam fliehen“, der zweite Mann der Mi-Cock hat zum ersten Mal gesprochen. „Das ist unsere einzige Rettung.“ Auch der zweite Mann der Mi-Cock sieht aus wie ein Nordmann. Lange blonde Haare. Breite Schultern. Hübsches Gesicht. Paul würde es nicht wundern, wäre sein Name „Sven“.

Für euch ist es ein Segen uns getroffen zu haben. Und es hätte nicht zu dem voreiligen Kampf kommen müssen! Das war ein Irrtum! Aber jetzt müssen wir zusammen arbeiten! Wir haben nicht viel Zeit!“ Nach seiner Rede steht „Sven“ impulsiv mit offenen Armen vor dem Rat der Ma-Fag.

Schweig!“ Kamyor steht vor lauter Erregung auf. „Wer hat dir erlaubt zu sprechen! Führt die Gefangenen fort! Wir müssen uns beraten…“

Die Nordmänner nicken unterwürfig und werden abgeführt.

Kamyor: „Was haltet ihr davon?“

Die Stimmen gehen durcheinander: „Ich weiß nicht…“ „Die Lügen doch! Die wollen uns doch nur verunsichern und uns später selbst überfallen!“ „Seht ihr was das für Riesen sind? Wer sollte diese Leute vertreiben?“ „Aber was ist mit dem Monster das Paco getötet hat?“ „Ja! Was ist wenn es MEHR von ihnen gibt?“ „Wir sollten sie erst einmal einsperren…“ „Wie wollte ihr denn so viele Leute verpflegen?“ „Wir haben genug für uns. Weil wir der Wald sind. Aber der Wald kann nicht alle ernähren!“ „Am Ende werden sie uns töten und uns unsere Frauen wegnehmen!“ „Aber was ist wenn sie die Wahrheit sagen?!“ Stille.

Banyardis Hand geht an sein Kinn. Das schlimmste Szenario ist wirklich, wenn sie die Wahrheit sagen…

Die Diskussion geht weiter: „Wir müssen die Bedrohung selbst mit eigenen Augen sehen!“ „Ja. Wir müssen Späher aussehenden!“ „Die Wachen verdoppeln!“ „Wir sollten die Männer und Frauen der Mi-Cock trennen.“ „Genau! Die Frauen gehören uns! So will es der Brauch!“ „Wir haben sie besiegt! Wir werden auch andere besiegen!“ „Lasst uns ihre Frauen nehmen, bevor sie die unseren nehmen!“ „Wir können sie nicht alle verpflegen. Lasst uns die töten, die keinen Nutzen für uns haben!“ „Aber wir können doch nicht einfach Leute umbringen, die Schutz bei uns suchen! Wir sind doch keine Mörder! Sind es nie gewesen!“ „Wenn wir nicht klug handeln, werden wir selbst unter ihren hungrigen Mündern leiden.“ „Der Wald ist zu klein für alle!“ „Nein! Das ist er nicht!“ „Wir müssen gute Gastgeber sein!“ „Wir müssen die Wahrheit heraus finden!“ „Schickt sie doch einfach weg! Sie sagen doch, sie wollen eh nicht hier bleiben!“ „Damit sie uns nächste Nacht ermorden können?“

Absolution – 26 – Dieser furchtbare Satz

Mich rechtfertigen…“

Müssen sich Helden denn rechtfertigen?2

Ich habe getötet… Paco wurde…“

Ihr habt den Stamm beschützt.“

Die Meinung einer Mutter über ihren Sohn ist unerschütterlich. Sie wird für immer das Gute in ihm sehen. Ganz egal was er auch macht. Ganz gleich wie er sich auch nennen mag. Er wird immer ihr kleiner Sohn bleiben. Nie ein Mörder oder Vergewaltiger. Eine seiner beiden Mütter hat sich für ihn entschieden. Das Gefühl der Liebe in seinem Herz zu seiner Mutter mag nicht abflauen. Während sich Paul im Stillen selbst nicht darüber im Klaren ist, ob diese bedingungslose Liebe nicht doch die Triebfeder für alles schlechte in der Welt ist. Diese Liebe, die die seinen total einschließt, sie behütet, sie niemals fallen lässt. Währenddessen sie alle anderen Menschen mit ihren Realitäten und Gewissheiten zu Lügner und Objekten verkommen lässt. Doch was hätten die Söhne mit den Frauen getan, wäre nicht das Beschützer-Tier auf den Plan getreten?

Banyardi steht auf. Der Zweifel in ihm kommt aus einer anderen Welt. First-world-problems. Der Krieger hingegen schreitet voran. Er verlässt die Hütte, deren Dach er noch letztes Jahr mit Paco erneuert hat. Die Hütte, die für jetzt und wahrscheinlich für immer sein zuhause sein würde. Kein vier- oder gar sechsarmiger Riese würde etwas daran ändern. Paco war nicht umsonst gestorben (da war er, dieser furchtbare Satz…). Sein Freund war ein Vertreter seines Stammes gewesen. Nichts ist in dieser Welt größer als der eigene Stamm. So wie überall unter den Göttermonden.

Im Dorfe der Ma-Fag lebt es sich nah beieinander. Hütte steht an Hütte. Fenster an Fenster. Die Ausgangspforten sind auf den den Dorfplatz gerichtet, auf welchem jetzt das große Feuer des Ältestenrates lodert. Angefacht von den Magieren und ihren Handlangern.

Die Köpfe der Kinder, die in den Hauseingängen sitzen und lauschen, was die Alten und Weisen zu sagen haben, dessen Sinn sie doch nicht verstehen, heben sich beim Anblick von Banyardi. Für die Kinder ist Banyardi ein Held. Ihre Gesichter hellen bei seinem Anblick auf. Jegliche Müdigkeit ist mit einmal aus ihren Wangen verschwunden. Dank Leute wie Banyardi würde es kein Leid in der Gemeinschaft geben. Dank ihm würde sie immer gut schlafen können. Würde ihre Mutter immer für sie da sein. Würden auch sie eines Tages zu Kriegern werden. Ehrenvolle Recken, die die Götter weiterhin stumm aber gnädig stimmen würden. Ihr Lachen ist entrückt und gläubig, noch mehr sogar bei den Jugendlichen, die als Hüter der Kinder mit in den Hütten zurück geblieben sind. Ihr Weltbild hat das Kindesalter längst verlassen. Ihre Gläubigkeit ist durch die Routine der Erwachsenenwelt ein Fels geworden. Paul. Erinnert das arrogante Grinsen der Ma-Fag Jugendlichen an die Beifallklatschenden Gesichter auf dem Wiener Heldenplatz, als…

Banyardi ist ein Symbol geworden. Seine breite, starke Brust gleicht einer wehenden Fahne.

Noch kann Paul die Worte der Ältesten nicht verstehen. Trotzdem erkennt er die Stimme von Kamyor. Ein weiteres Schlüsselerlebnis prasselt auf Paul ein. Kamyor. Wieder ploppen Polaroids wie Pop-Ups in seinem Kopf auf. Kamyor, der Dorfälteste. Der ehemalige Lehrer der Dorfkinder.

Absolution – 22 – Weltreisende Frauen, einsame Männer

Verwirrt. Verworren. Schälte er sich aus seinem eigenen Salzwasser und ging direkt in die Duschkabine. Duschen hilft. Duschen hatte immer geholfen. Ganz anders war es mit dem Blick danach in den Spiegel, der so gut wie nie half. Der im Gegenteil immer sagte: So kannst du nicht in die Arbeit gehen. Jeder kann an deinen wahnsinnigen Augen sehen wie drauf du noch bist… Dann zog sich Paul an und ging in die Arbeit. Und machte sie. Wäre doch im Leben nur alles so einfach wie die Arbeit machen. Die Arbeit war sein fester Anker. Gerade dafür hasste er sie. Sie war der Rahmen, der seinen Wahn in die Schranken wies. Manchmal. Ist es auch ganz gut sehr deutsch zu sein. Einfach nicht in die Arbeit zu gehen: Unvorstellbar. Ohne Arbeit kein Vergnügen. Zuviel Vergnügen: Keine Arbeit. In der Arbeit war er dann auch ganz der Arbeitsfleming. Angefüllt mit Bullshit-Problemen, die ihn aus seinen Wahnvorstellungen rissen. Wenn eine Maschine repariert werden muss, ist es egal ob man heute Nacht in einer Wichs-Vorstellung eine Frau nicht gehabt hat. So etwas. Nennt man Realität. Und einen guten Bezug dazu.

Mittags rum war Paul meistens ausgenüchtert genug um sich wie ein normaler Mensch zu verhalten. Ab dann ging es. Und die drogeninduzierte Sex-Sucht spielte keine Rolle mehr. Normalerweise. Heute war da dieser kleine nagende Gedanke, dass etwas nicht gestimmt hatte heute Nacht… Verdammt noch mal… Was war es nur gewesen? Irgendwie war Paul sich selbst fremd gewesen. Was auch immer das bedeutete. Diese unbestimmte Gefühl blieb dennoch eindeutig.

Auf dem Nachhauseweg rief Chris an: „Hey was geht?“

„Ja was geht Mann?“
„Paul, du kannst doch nicht die gleiche Frage mit der gleichen Frage beantworten.“

„Jaaa… Nicht viel halt.“

„Was machstn?“
„Ja nix. Latsche gerade von der Arbeit heim. Bin ziemlich durch.“

„Das ist gut. Ich komme gleich mal rüber bei dir,“

„Was?“
„Was?“

„Ja wie jetzt? Wollte eher was wegpennen.“
„Schlaf ist doch Kommerz.“

„Deswegen komme ich auch von der Arbeit.“

„Ok Herr Kommerzienrat, bleibe auch nicht lange. Bringe auch n Six Pack mit.“
„Ja dann.“

Der. Hatte ihm gerade noch gefehlt. Nicht Chris an sich. Sondern Menschen überhaupt. Pauls Plan war es gewesen original heute Nacht noch einmal durchzumachen. Nicht wegen der Drogen und seiner Geilheit (was dasselbe war). Nein. Paul wollte klären was da heute Nacht los war. Ob er die Kontrolle über seine… Aber das war doch allzu lächerlich. Das konnte man nicht einmal aussprechen. Ein paar Lines und ein paar Filmchen würden ihn wieder auf Spur bringen.

Chris war schon da als Paul zu seiner Wohnung kam. Und das war gut, dachte sich Paul. Umso früher der da ist, desto schneller ist der auch wieder weg.

Oben in Pauls Wohnung stank es so sehr nach kaltem Schweiß und Selbstbefriedigung, dass Chris sich erst einmal eine Zigarette anmachte. Kommentare waren nicht angebracht. Dafür hat man Freunde.

Die Bierflaschen machten: Plopp!

Chris erzählte Paul von seiner alten Freundin Bea, die wieder im Lande war:

„Bea ist der egoistischste Mensch den ich kenne. Dabei ist sie unglaublich sympathisch. Krass, irgendwie… Sie ist kein falscher aufgesetzter Charakter, sie handelt nicht aus…  Berechnung, auch wenn man das meinen könnte. Sie spielt nicht mit ihrer… Aura. Blödes Wort. Du weißt schon. Ihre sympathische Art ist ihr einfach angeboren. Weißt du? Ein wenig setzt ihr Gegenüber es ihr aber auch einfach voraus, durch diese… Wohl-Fühl-Aura die Bea ausstrahlt. Du hast sie ja auch mal getroffen… Klischees werden vom Gegenüber gesehen und in Details gefunden, die unweigerlich da, in Wahrheit aber nicht frappierend wichtig sind. „Bea, die Hippie-Tussi“. Das sagen doch alle, die sie sehen.

Die „Hippie-Tussi“ bezieht sich auf ihren Kleidungsstil, die Batik-Klamotten, die alten, wirklich abgewetzten und gealterten Jeans, die nichts mit künstlich abgeschrubbten Designer-Jeans zu tun haben. Das merkt man doch gleich. Die ist einfach real. Und selbstverständlich ist sie die Hippie-Tussi (er zieht das Wort ins Lächerliche) wegen ihrer blonden langen Haare, die ihr bis „über den Arsch gehen“.  (Die beiden Kerle lächelten). Trotz dieser langen Haare erinnert sie gar nicht an eine deutsche Frau, nicht an die… Wie hieß die aus Rossellini? Die Lorelei! Ne. Bea kommt irgendwie amerikanisch rüber. Zudem lacht sie viel. Und sie ist gut anzusehen. Ihr Anblick und ihr sorgloses Auftreten wirft uns zurück in die 60ger Jahre des vergangenen Jahrhundert, als alles möglich zu sein schien und die Menschheit in eine neue Zeitrechnung aufbrach. Was kommt wohl nach der Revolution?

Die Frage war nicht ob es ein Utopia geben würde, sondern nur, wie schön es werden wird, oder etwa noch schöner als man sich vorstellt konnte? Keiner dachte an Dystopien… Keiner dachte an den Kater danach. Dass alles noch viel schlimmer kommen könnte, als es vorher war. Keiner hatte ein Auge für das, was hinter dem blonden Hippie-Mädchen steckte, das lachte, strahlte und meinte, man solle sich locker machen… Denn zu jedem Image das wir so sehen wollen, wir gelernt haben es zu sehen… Ach fuck. Bei jedem von uns gibt es eine wahre Geschichte, die nicht viel mit dem Bild zu tun haben, was wir der Gesellschaft zeigen. Hinter jedem Symbol steckt ein Mensch.

 

Bea  ist eine Weltreisend. Dafür kennt man sie. Deswegen redet man über sie. Bea war schon auf jedem Kontinent der Welt, in dem die Sonne mehr Hitze produziert, als dass sie ruht. Afrika, Lateinamerika, Asien, Australien sowieso; Australien, dieses Schnellrestaurant für die Fernwehvortäuschenden. Der Kontinent der zerplatzen Träume, dem Bea jede realness abspricht, da „aussteigen“ dort industriell betrieben wird. Ganz im Gegensatz zu Afrika.

 

Bea war überall, wo jeder schon immer hinwollte. Sie stand auf jedem Postkarten-Klischee. Eroberte jedes kleine, versteckte, geheime Landschaftswunder, nachdem man sich sehen kann… Vom weißen Strand über die schwarzen Berge.  Die hat Nationen erkundet, die du bewunderst, und noch mehrere von jenen, vor denen du Angst hast. Bea hat die Welt gesehen und erlebt und kommt am Ende zurück und hat keinen einzigen Kratzer abbekommen… Ja. Am Ende war sie einfach nur wieder da, als wäre sie gerade nur 15 Minuten Kippen holen. Unsere Bea… In denselben Klamotten wie immer. Mit Augen, die uns sehen und gleichzeitig durch uns hindurch blicken. Wie lange war sie diesmal weg gewesen? Ach ja. 9 Monate. Und was bei uns so los war? Nicht so viel eigentlich… Bisschen Party. Bisschen Drogen.

Zwar fragt man dann viel nach: Was hast du alles erlebt? Was hast du gesehen? Wen hast du getroffen? Ging es dir gut? Wobei die Frage in Wahrheit lauten sollte: Was treibt dich immer wieder davon und warum hält dich hier nichts?

 

Bea ist in unserem Alter. Und sie hat kein Haus. Keinen festen Wohnsitz. Keinen Ex-Mann. Kein Kind. Neeee…. Die nicht. Niemals… Sie hat alle Freiheiten die wir nicht haben. Sie besitzt nichts. Und wird von nichts besessen. Das Einzige was wir mit ihr teilen ist eine Form der Vergangenheit. Sie ist hier geboren. Sie ist hier aufgewachsen. Sonst noch was?

Irgendetwas muss passiert sein. Damit…

 

Man kann nicht so leben ohne ein Egoist zu sein. Ich weiß nicht, gibt es eine gute Form von Egoismus? Eine verzeihbare, wie eine Krankheit für die man nichts kann? Du kannst nicht immer wieder dein bürgerliches Leben zurücklassen, alle Brücken abbrechen, die du in den Reisepausen errichtet hast und jenen keine Verletzungen zufügen, die sich dir nahe fühlen. Du kannst nicht immerzu fortgehen ohne Beziehungen in die Oberflächlichkeit gleiten zu lassen, in dem du sie einfrierst. Nur um sie zur passenden Gelegenheit wieder aufzutauen. Das muss man können. Das muss man wollen. Das muss man auch müssen, müssen.

Um tatsächlich frei zu sein, musst du egoistisch sein. Das ist die Wahrheit. Auch die Hippies waren egoistisch. Sie dachten weder an später, noch an ihre Eltern. Sie dachten nur an sich. Und wie unglaublich stark sie sich fühlten. Was sie bewegen und für sich erleben konnten. Und 70 Jahre später feiern wir immer noch ihren Mut…“

Okay. Auch wenn das kein feststehender Monolog war, sondern die Essenz des Gesprächs zwischen Chris und Paul, hatte sich Chris doch eine Menge Gedanken zu Bea gemacht. Nur. Jetzt schon bei der dritten Flasche „Warsteiner 0,33l“ angelangt. Brachte es Paul auf dem Punkt: „Was ist eigentlich mit Sarah?“ Denn Bea hin oder her. Große Weltreisende und Egoismus, lange blonde Haare – weiß der Geier was: Hier ging es nicht um SIE. Das ist ja das Ding an der Bea, die nie da ist. Sie ist nur eine Metapher für jemand anderen. Für den Egoisten, an den man nicht ran kommt. Die eine, die dich nicht sieht. Die, die man liebt. Die, die da ist.

„Puh“, machte Chris. „Das ist natürlich… Ich meine… Ich hab´s dir doch erzählt. Neulich. In München… Und dann die Geschichte im Bosporus…“

„Ja das war scheiße.“
„Ja scheiße… Irgendwie… Aber was will man machen?“

„Du musst mit ihr reden. Wie in jeder guten Beziehung.“

„Wir. Haben. Keine. Beziehung.“

„Ja darum geht es doch!“

„Und du und Katha?“

„Ich. Und? Katha?“

„Ja das ist doch genau das Gleiche!“

„Hä? Wie jetzt? Das ist doch…“

„Ach Paul…“

 

 

Absolution – 14 – Erfundene Erinnerungen

5.

Ein paar Stunden später saß er wieder mit brennenden Augen vor seinem Bildschirm.

Paul dachte an die Frauen die er gehabt hatte. Meistens an jene Zeit, als er noch ein Jugendlicher war und die Frauen Mädchen. An die Unschuld ihrer Berührungen. Dem schamvollen Ertasten. Dem Erforschen der eigenen Lust. Wie weit man zu gehen bereit war.

Er rief sich die Szenen nicht nur ins Gedächtnis, er erlebte sie noch einmal neu. Jedes Detail. Sogar jedes Atemgeräusch, jeder Blick… Jeden einzelnen Sieg, den er auf dem liebevollen Schlachtfeld der Sexualität  gewonnen hatte. Wie ein Geistkörper fuhr er zurück durch die Zeit, schlich unbemerkt in seinen jungen Körper, und schmeckte und erlebte die Mädchen und Frauen immer wieder neu. Und oh Wunder: Je häufiger er mit den Drogen durch die Zeit zurückreiste, desto mehr Details entdeckte er. Manchmal sogar ganz neue Situationen oder andere Tatsachen, als er sich noch vor einiger Zeit daran erinnern konnte. Das ging so weit, bis er irgendwann, verschwitzt, mit blutig geschürften Penis, in seinem nassgeschwitzten Bett lag, und sich fragte, was war denn nun wirklich passiert? Hatte die Droge ihm geholfen sich besser zu erinnern? Oder war der Drogenrausch nur eine zweite, bessere Wirklichkeit gewesen, die er sich ausgedacht hatte?

 

Er wusste. Wir erinnern uns in Wahrheit nicht so sehr an Erinnerungen. Erinnerungen erinnern sich an Erinnerungen; wir erinnern uns an eine Vision der Vergangenheit, die wir uns – jedes Mal wenn wir allzu fest daran glauben – ein wenig anders zu recht legen. Drogen sind nicht besonders gut um Wahrheit zu erforschen. Und doch… Vielleicht war es doch so gewesen, wie er es sich apathisch im Drogenrausch vorgestellt hatte. Sicherlich hatte er doch was mit dem Mädchen A gehabt – er hatte es nur vergessen gehabt…

Am nächsten Tag glaubte er sich wieder erinnern zu können. Ja. Nein. Das hatte er sich in seiner Drogengeilheit nur ausgedacht… Doch ein kleiner Makel blieb auf seinem Herzen zurück. Es hatte sich doch so real angefühlt. BESSER als die Realität. Und als er sich auf dem Wochenende darauf, und auf dem darauf folgenden wieder in diese Scheinwelt seiner Vergangenheit  begab, als die Szenarien immer bildlicher, größer und wahrhaftiger geworden waren, wurde er sich sicher, dass es so geschehen war wie er sich JETZT daran erinnerte. Sein Verstand musste ihn bisher belogen haben…

Er konditionierte sich und seine Erinnerungen neu – und merkte es nicht einmal. Auch. Wenn er immer mehr von sich selbst, von seiner eigenen Vergangenheit in Frage stellte. Da er mit niemanden darüber sprach, spielte es keine Rolle was er über seinen One-Night-Stand mit dem Mädchen XY dachte zu wissen. Doch langsam. Nach und nach. Hatte er das Gefühl, sich selbst nicht mehr trauen zu können. Was war denn nun wahr? Und was hatte er sich ausgedacht? Spielte das überhaupt eine Rolle? Die Grenzen. Die Verfugungen zwischen Traum und Wirklichkeit lösten sich nach und nach auf. Was keine große Reaktion in Paul auslöste. Ihm war es egal was wahr war und was nicht. Hauptsache er konnte es wieder und wieder durchleben. Seine Realität war wie eine Menge Filmmaterial. Filmmaterial und Nachdrehs, welches er erst im Schnitt zu einem fertigen Film zusammenfügte. Bis er am Ende nicht mehr wusste, wie die Original-Version ausgesehen hatte. War das denn so wichtig? Hatte das irgendeine Auswirkung auf sein Leben wenn er glaubte mit der oder der intim gewesen zu sein? War er das Produkt seiner Vergangenheit? Oder das Produkt seiner Einbildungen? Oder war er Beides? Es war doch egal ob Katha und er vor einem Jahr aneinander herumgefummelt hatten. Oder er Sarah schon einmal geküsst hatte. Ob Judith ihm damals einen geblasen hatte. Oder ob all das nur in seinem Kopf geschah. Er war er. Und die Frauen waren die Frauen. Und die Droge war die Droge. Er könnte ewig so weiter machen und dabei glücklich sein. Was war falsch daran?

 

Absolution – 8 – Die Nächte durchmachen

„Was machst du?“ stand da. Paul verstand nicht. Was hatten diese Worte, was hatte diese Frage zu bedeuten? Sie ergaben keinen Sinn. Und doch. War ihm in jeder Sekunde seiner Verwirrtheit bewusst. Dass ihm sein Freund Fettsack geschrieben hatte. Um mit ihm Kontakt aufzunehmen.

„Was machst du?“ Ja. Was tat er? Was geschah überhaupt mit der Welt? Paul sah sich in seiner Wohnung um. Dieses von ihm selbst eingerichtete Stillleben. Alles hier war unbelebt. Statisch. Konstruiert. Angefüllt mit einer Stille, die ihm die Luft nahm. Er traute sich kaum. Zu Atmen. Sein Körper schmerzte. Das hatte er sicherlich schon seit Stunden getan. Paul war nur zu weit von ihm entfernt gewesen. Seine Blase explodierte förmlich. Die Droge drängte danach in Sturzbächen ausgeschieden zu werden. Aber Paul saß einfach nur da. Total weg. Durch. Und drauf. Auf seinen Amphetaminen. Unfähig. Aufzustehen.

Er stand schließlich doch auf. Setzte sich auf seine Toilettenschüssel, zwängte seinen halb erigierten Penis hinein und ließ es laufen. Gefühlt eine halbe Stunde. Jede Sekunde. War zu lange. Er wollte nur wieder zurück. Zurück zu seinen Drogen. Zurück zu seinem Sessel. Zurück in seine Träume.

Er wusste was er tat. Warum musste man da nachfragen?

Als er in sein Wohnzimmer zurück kam ging hinter den Rollläden schon wieder die Sonne unter. Wie lange war er jetzt wach? Gestern. Heute. Waren sie doch in München gewesen. Er konnte sich nicht genug konzentrieren um diesen Worten Bilder in seinem Verstand zuzuordnen. Es waren nur Worte. München. Feiern. Freunde. Geschehnisse die auch einem anderem passiert seien könnten. Eine Nacherzählung von Tatsachen. Nichts, was ihm selbst passiert sein musste. Er zwang sich einen Schluck Wasser zu nehmen. Dann noch einen. Seit heute Morgen hatte er kaum etwas getrunken. Zu tief war er in seiner Traumwelt versunken gewesen. Zu weit war er von seinem Körper entfernt gewesen. Und die Nacht davor gab es nur Jägermeister. Und XTC. Man könnte ja vielleicht etwas essen? Paul machte sich noch zwei krumme, brockige Lines, von der er nicht einmal die Erste gänzlich in sich einsaugen konnte. Was er aber einatmete, versuchte sein Körper, sein Verstand, der unsichtbare Dritte in ihm wieder abzustoßen. Pauls Körper verkrampfte sich. Brechreiz kam auf. Er würgte seine Zunge aus seinem Schlund heraus während er sich die Nase zu hielt, um ja nichts von dem kostbaren Dreck zu verlieren, der seine Eintrittskarte in einer bessere Welt war. Chemische Lava lief seinen Hals hinunter. Er spülte mit Tränenden Augen nach. Auf seinem Sessel atmete er erleichtert auf. Das hatte er doch ganz gut hinbekommen. Und versank noch viel schneller und beschleunigter als zuvor in seine Traumwelt.

Um etwa ein Uhr nachts entschied er sich noch seine letzte Line zu nehmen. Dann musste Schluss für heute sein. Schließlich musste er um 6 Uhr für die Arbeit aufstehen. Diese eine „Nase“ noch. Dann würde es gut sein. Dann würde es reichen. Eine „Gute-Nacht-Nase“. So zum Einschlafen. Das war ein Scherz: „Gute-Nacht-Nase“. „Nasen“ bringen einen niemals ins Bett.  Aber es war auch eine seiner innersten Überzeugungen. Paul war verschwitzt und eklig von der ganzen Onanierrerei. Ausgepowert. Ausgetrocknet. Ausgehungert. Um 20 nach 4 zwang er sich selbst ins Bett zu gehen. Aber auch ohne Computer verfolgten ihn die Bilder. War seine Traumwelt noch ganz bei ihm. An Schlaf war nicht zu denken. Keine Chance. So etwas wie Reue kam in ihm auf. Verzweiflung. Über seine eigene Dummheit. Wie war denn DAS jetzt schon wieder passiert? Und warum war es so klar gewesen? Wenn nur nicht die blöde Außenwelt wäre. Wenn er nur für immer hier bleiben könnte…

Das Problem auf diese Art Drogen zu nehmen ist, dass keine Erinnerung oder Befriedigung an das Getane zurück bleibt. Du kannst keine Kicks oder gutes Gefühl mit in den Tag nehmen. Der Traum ist vergessen sobald er beendet ist. Fotos und Filmaufnahmen sind dem Gehirn nicht gestattet. Und ein klein wenig erschrak Paul immer wieder, wenn um 6 Uhr sein Wecker schellte. Jedes Mal war es ein wenig überraschend. Obwohl er seit Stunden darauf gewartet, sich davor gefürchtet hatte. Dann schleppte er sich – wie immer – durch seine Wohnung, die er irgendwie doch in der Nacht ziemlich verwüstet hatte obwohl er nichts nennenswertes getan hatte, sah sich – wie immer- im Spiegel an und stellte – wie ebenfalls immer – fest, so nicht in die Arbeit gehen zu können. Mit diesen riesigen, beschissen großen Pupillen. Dann öffnete er wie immer seine Duschkabine und machte sich mit zittrigen Händen fertig für den Arbeitstag.

 

Frohes Neues euch Leuten

Während ihr wahrscheinlich gerade runter, ach was, ne, RICHTIG drauf kommt bin ich schon wieder am Arbeiten und ein wenig habe ich das auch gemacht die letzten zwei Urlaubswochen: Arbeit am „Text zur Nacht“, Arbeit an meinem Roman, um finanzielle unabhängig von meinem Broterwerb zu werden und um nur noch an Texten arbeiten zu müssen… Jetzt nicht ganz im Ernst, doch das mit dem Herumwerkeln stimmt. Ein Viertel habe ich schon, nur leider das leichte Viertel… Vielleicht wird es deswegen hier ein wenig stiller. Schließlich kann man nicht überall gleichzeitig sein.

 

Ich stehe beim Korrigieren vor einem Luxus-Problem, denn ich habe viel zu viel geschrieben und muss jetzt meine Feinde „Rotstift“ und „Radiergummi“ ansetzen um da mal kräftig umzuräumen. Ihr wisst ja was ich für ein Plappermaul bin und das muss ich jetzt selbst ausbaden… Schreiben selbst ist viel leichter als zu kürzen. Irgendwie erscheint Alles wichtig zu sein, da es ja um das gesamte Ding geht, um „die totale Wahrnehmung der Sucht“; Roman und Ratgeber in Einem. Und kaum habe ich mich dafür entschieden einiges in die Tonne zu klopfen, nehme ich später im Text doch nur wieder Bezug darauf… Schwierig, schwierig…  Gar nicht so dumm was ich früher auf Droge geschrieben habe. Nur auch nicht wirklich gut genug.

 

Also ein frohes neues Jahr von mir und bis demnächst. Man liest sich bestimmt 🙂