Sido Tour 2014 in Stuttgart, es war der 4.4.2014

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Wenn man aufwacht und sich maßlos ärgert, dass man jemanden keine aufs Maul geschlagen hat, ist eindeutig etwas falsch gelaufen. Man kann dann natürlich so argumentieren wie man es in dem Moment vor sich selbst tat, als man die ganze Zeit absichtlich von hinten gestoßen und angerempelt wurde, bis es zu einem lächerlichen Handgemenge und Wortgefecht kam, bis man wieder ebenso dastand wie zu vor (seine Freunde trennten uns und verhielten sich fair und okay) – und wieder angerempelt wurde; die Argumentation nicht einfach nach hinten zu fassen (er stand einen halben Meter über mir), seinen fetten kleinen Körper mit der hässlichen Fresse mit einem Schwung nach vorne zu ziehen, worauf der besoffene Depp Hundertprozentig das Gleichgewicht verloren hätte und neben mir auf den Boden geknallt wäre, worauf ich ihm gerne den einen oder anderen Tritt verpasst hätte, war, dass so etwas im ersten Moment zwar genau das ist, wonach sich der Mann in mir sehnt, Mann jedoch auch weiß, wie viel Ärger das am Ende mit sich bringt, nicht wegen der Freunde des Typen und das man sicherlich auch eine aufs Maul bekommen würde, sondern weil man dann schnell angezeigt wird und strafrechtlich belastet. Das klingt nach einer Ausrede, doch die Vergangenheit hat mich genau das gelehrt. Es ist ja nicht das erste Mal und die erste Situation in der man (oder ein Freund) so dermaßen saublöd von einem Deppen dumm angemacht wurde, und das Schlimme für mich war nicht dass ich vom letzten Viertel des Sido-Konzerts nicht viel mitbekommen habe (bin ja kein Sido-Fan), sondern wie entwürdigt man sich nach so etwas fühlt, ganz gleich ob man den Typen beim Rausgehen nicht kleinbei, sondern noch Worte mit auf dem Weg gab.
Das Schlimmste aber ist, dass dieser Spack heute Morgen aufwachte und sich wie der große Held fühlte. Und deswegen ärgere ich mich. Ich kann zwar psychologisieren und feststellen, dass der Typ im richtigen Leben einfach nur ein kleiner Verlierer mit berechtigtem Minderwertigkeitskomplex ist, der in solchen Moment glaubt auf dicke Hose machen zu müssen.

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Das Intro ist ein netter Einspielfilm von mehreren Minuten, in dem Sido von Moritz Bleibtreu entführt, auf einen Stuhl gebunden und erpresst wird, 500 Tausendeuro für seine Freilassung löhnen soll, ansonsten erschießt er (Bleibtreu) ihn. Sido weigert sich mit den Worten, das er sich nicht verkauft – und wird erschossen. Daraufhin geht sein Weg in die Hölle, wo er in einer grotesken Bar-Szene auf den Teufel trifft, der ihn aus der Hölle zum Konzert schickt – nach Stuttgart, worauf der Teufel das Publikum explizit anspricht und dann kommt dieser „Ich-kann-euch-nicht-hören“-Kram: Auftritt Sido.
Das ist witzig und nett gemacht, gar nicht billig, wenn auch geklaut (von hier, wie ich mir sagen ließ) und zeigt an, was für ein Typ Sido war und jetzt ist. Er war ja nie wie Bushido (für den er oft gehalten wird) der sich als Gangsta präsentiert und gegen den Staat und „Opfer“ hetzt. Nö. Sido war und ist mehr Gossen- und Unterschichten-Musik (kein Möchtegern-Verbrecher-Sound), die sich aber nicht nur damit begnügt die Herkunft zu thematisieren, sondern auch eine menschliche Entwicklung mitmachte, die dem amerikanischen „Vom-Tellerwäscher-zum-Selfmade-Millionär“ nicht unähnlich ist, weswegen man Sido gerne vorwirft, er hätte sich eben verkauft. Stimmt nicht. Das hat nur etwas mit einer falschen Erwartungshaltung zu tun.

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Die erste Hälfte des Konzerts war so, wie ich mir Hip-Hop 2014 als Laie vorstellen würde. Es gab einen guten Groove der einen mitnicken ließ, ansprechende Wortspielkunst (sowohl im Vortrag als auch im Inhalt) und ein paar Gastsänger, die das Konzert schon etwas poppig werden ließen. Nichts kaputt bis dahin, haute mich aber nicht von den Socken, und als Nicht-Fan braucht es dann schon etwas mehr um sich wirklich catchen zu lassen. Das geschah (oder hätte passieren können) dann mit den alten Songs und den Hits. Das ging gut rein und war immer eher lustig und unterhaltsam, als „harte Musik“. Natürlich gab es einige Fans, die das Ganze als „harte Lebensphilosophie“ missverstanden und sich dann wie Gangsta fühlten – siehe der Depp hinter mir – aber da kann man nichts machen. Und wenn sie die Menschen in Ruhe lassen: Sollen sie doch. Diese harten Stuttgarter Ghettojungs….

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Das Publikum war sehr jung, doch nicht so jung wie ich es befürchtet habe. Hat mich jetzt nicht so gestört wie Sido (der einen Monat jünger ist als ich 😛 ), der darüber ein paar Witze und Sprüche machte. Am Ende wird es ihm reichlich egal sein wer seine Gage bezahlt und wen er mit seiner Message erreicht, da spielt das Alter keine wirkliche Rolle – außer für die Alten, die sich dummerweise oft auch für die „Klugen“ halten.
Er hatte das Publikum gut im Griff und machte auch ein paar von diesen Publikum/Band-Rockstar-Nummern, doch auch das so souverän und gar nicht arschkriecherisch und anbiedernd wie das manchmal der Fall ist. Nur von der Light-Show und den Show-Effekten hätte ich mir etwas mehr erwartet, was aber wie gesagt daran lag, dass ich bei so einem Konzert nicht ganz nach vorne und in die Mitte musste und nur Zuschauer war.
Es hätte ein guter Abend werden können, wurde es nicht, doch da können die Veranstalter nichts dafür. Noch mal muss ich da aber auch nicht hin.

Jetzt ist auch der Punkt erreicht, wo ich nicht mehr zu lauter Bands gehe, die ich eigentlich gar nicht hören will, sondern nur aus Interesse mal vorbei gesehen habe – jetzt will ich mal wieder schwitzend im Wahnsinn stehen und dem Affen Zucker geben. Doch vorerst. Lege ich jetzt die Füße hoch und genieße es nichts zu machen.