Stereotyp – 2 – Nietzsches Drogen hatten längst zu wirken begonnen

Paul verließ seinen Sitzplatz und holte sich an der Bar von einer mit silbernen Glitzer im ganzen Gesicht bestückten und geschminkten Transfrau unbestimmbaren Alters ein „Bio-Bier“. Nach dem ersten Schluck aus der Flasche konnte Paul zwar nicht herausschmecken was an diesem Bier „Bio“ sein sollte, um jedoch nicht aufzufallen stellte er keine Frage nach der Andersartigkeit dieses Bieres zu anderen Bieren und gab dafür der Transfrau einen vollen Euro Trinkgeld. Überraschenderweise freute sich die Dame über das Trinkgeld so sehr, dass es Paul schon wieder leidtat es gegeben zu haben. Scheinbar war es in diesen Hippie/Hipster-Kreisen alles andere als normal mehr für andere auszugeben, als nötig.  Irgendwie war es gar nicht so einfach in so einem Club nicht aufzufallen. Wenigstens wenn man so auftrat die Paul. Zwei Räume und einen Pulk von lachenden, schwatzenden und lauftanzenden Menschen später, machte er an einer mit grünem Flokati überzogenen Sitzecke halt und setzte sich abermals zu den Techno-Raver-Leuten. Es war nicht mehr ganz so laut wie an dem Platz mit dem Kachelofen, so dass auch die Technoschrei-Affen sich viel weniger anschrien als gerade eben. Der Bass wummerte nur dumpf abgeschirmt durch die dicken Wände vom Nebenraum her. Paul nahm einen Schluck von seinem Bio-Bier; der Gerstensaft tat ihm richtig gut. Vielleicht war es nicht die klügste Idee sich hier und jetzt in der „Wilden Barbara“ zu betrinken. Doch das Bier half ihm trotzdem den Stressdruck auf seinen Kopf zu vermindern. Wie lange müsste er wohl hierbleiben? Missmutig sah Paul umher. Die Techno-Raver würden sicherlich noch mindestens bis Montagmittag durch die Räume der „Barbara“ stolpern. Zeit hatte Paul also genug. Es erzeugte ein sehr ironisches Gefühl in ihm sich geradehier vor der Polizei zu verstecken, denn bis vor 5 Stunden hätte er noch über die als von einigen als „geschützten Räume“ bezeichneten Techno-Clubs Berlins gelacht. Dem zum Trotz war durch die Geschehnisse dieses Tages die „Wilde Barbara“ für ihn zu einem ebensolchen geschützten Zufluchtsort geworden. Darauf gab er sich noch einen Schluck Bio-Bier. Auf die Ironie. Auf Berlin.

„Wusstest du, dass Ungarn die meisten Pornodarsteller pro Millionen Einwohner hat?“ Die Frage galt nicht Paul, auch wenn der Kerl rechts neben ihn Paul angesprochen hatte und ihn dazu ansah. Tatsächlich sprach der Kerl mit Bürstenhaarschnitt und einem tatsächlichen Friedrich Nietzsche Oberlippenbart mit der Dame, die eine Sitz-Etage hinter Paul saß, doch da der Nietzsche-Bart-Träger durch seinen offensichtlichen Zustand nicht mehr fähig war sich mit seinem Körper ganz zu ihr umzudrehen ohne von der Sitzecke zu fallen, blickte er dafür im Austausch Paul an. Nietzsches Drogen hatten längst zu wirken begonnen.

„Sollen wir?“ Paul machte mit seinen beiden zwei Zeigefingern eine Tauschgeste auf sich und die junge Frau hinter ihm, worauf der Kerl mit Nietzsche-Bart nur den Kopf schüttelte:

„Ich glaubäää… Die Annalena macht eh gerade Pause.“ Dabei kniff der verstrahlte Technodepp die Augen zusammen um die genaue Situation bei seiner Freundin zu entschlüsseln. Auch wenn er sie sicherlich weder aus diesem Winkel, noch mit diesen Augen, erkennen konnte.

Paul überlegte eine Sekunde lang, in welcher er den Kopf ein paar Zentimeter in Richtung „Annalena“ wendete, ob er sich zu der Frau umdrehen sollte. Dann beließ er es doch dabei. Lieber nahm er noch einen kräftigen Schluck aus der fast leeren Bierflasche.

„Wusstest du?“ fragte der Typ von rechts. Paul ignorierte den Nietzsche-Kerl mit seinem offensichtlichen Laber-Flash, bis Nietzsche schließlich mit seinem Gesicht so nah an Paul herankam, so dass dieser den jenen nicht mehr ignorieren konnte und der Kerl die Frage einfach noch einmal wiederholte: „Wusstest du?“

„WAS! Weiß ich?“ Paul hatte Nietzsche immer gehasst. Wieso konnte die Welt ihn nicht einfach in Ruhe lassen? War der Tag denn nicht so schon schlimm genug? Mussten die banalen Leben der anderen immer aus ihren Mündern sprudeln? Konnte denn keiner sehen, wie scheiße es Paul gerade ging?

Der Typ grinste ihn an: „Wusstest du das Lewandowsko 90 Prozent aller Tore beim Fc Bayern schießt? Hä? Wusstest du?“
„Nein! Ich habe es nicht so mit Fußball.“

„Ist aber so. Weißt du? Und ich denke mir… Ja… Ich denke mir. Ich meine“, der Typ kramte eine Zigarette hervor und bot auch Paul eine an, der mit einem Auch-schon-egal-Gesichtsausdruck die Fluppe nahm und diese sich von dem Kerl anfeuern ließ, „was ich meine. Ist“, fuhr der Nietzsche-Kerl fort, „WARUM bricht dem Lewandosko keiner die Beine? Verstehst du? Ich meine. Im Fußball steckt so viel Geld! Hat der irgendwie so Personenschützer? Ich meine. Wenn man dem die Beine bricht, wer schießt dann die Tore für den FC Bayern? Und. Ich meine. Wo würden die dann in der Tabelle stehen? Da geht es doch um MILLIONEN! Ich meine. Ist doch krass. Neunzig Prozent aller Tore! So viel Geld! Wettmafia! Champions League!“

Und weil es Paul egal war nickte er nur und sagte: „Ja. Das hast du schon recht.“ Darauf nickte der andere Kerl auch nur. Wohlwissend jemand gefunden zu haben, der ihn verstand. Die beiden rauchten. Währenddessen zogen die jungen Leute schreiend und tobend an ihnen vorbei. Viel weniger wild und hedonistisch wirkend als sie sich in diesem Moment selbst gerade fühlten. Mit ihren Bieren in der Hand und den chemischen Substanzen in der Nase. Dazu die gängigen klischeehaften Instagram-Bilder über sich und dieser Welt im Kopf, die ihnen vorgaben wie sie diese Welt zu sehen und zu erleben hatten. Alle Leute hier waren offensichtlich mit den gleichen Wünschen aufgeladen, die nur vom eigenen Sex und Erfolg handelten. Und ebenso sehr wie sie sich danach verzehrten, verleugneten sie ihre eigenen Triebe den anderen Menschen gegenüber. Dies hier, war die Hippie-Hölle. Die dunkle Seite des Mondes. In der jeder sich selbst vorgaukelte nach einer subjektiven, persönlichen wie allgemeinen Freiheit zu streben – um am Ende nur zu wollen, was jeder erstrebt. Das war weder schlimm, nur menschlich. Jedoch unendlich langweilig. Eine Jugend im Swinger-Club. Und wenn sie dann erwachsen wurden, wollten sie gerade deswegen das Haus am See. Wenigstens hatte Paul so immer über diese Berghain-Trottel gedacht. Die „Wilde Barbara“, die nach Jane Fonda in „Barbarella“ benannt war, füllte sich mit jeder Minute mit noch mehr glücklich grinsenden Jugendlichen. Die ausgelassene Stimmung der einfachen Leute strömte regelrecht in die für sie heiligen Räume. Selbst Paul konnte fühlen, wie sich der Club mehr und mehr mit weltvergessener Euphorie und bedingungslosem Feierwillen auflud. Überall waren Männer, Frauen, Musik; Hände, Gläser, Gelächter. Alles war und schien in Bewegung und konnte nicht die Finger voneinander lassen.

„Und frohen Jahrestag!“, lachte ihn der Kerl mit dem merkwürdigen Bart plötzlich euphorisch an, nachdem der sich kurz um seine Freundin Annalena gekümmert hatte. „Ja dir auch!“ lächelte Paul den Typen verkniffen an, der ihn darauf gleich herzlich und warm umarmte. Darüber musste Paul tatsächlich Lachen. So weit weg war die Welt dort draußen für ihn inzwischen schon. Die Bahn. Die Bullen. Die Hunde. Vielleicht ein Hubschrauber… Es war doch eh schon alles egal. Egal und unabänderlich. Was das Gleiche war… Nun war er hier. In Sicherheit.

„Deiner Freundin“, meinte Paul mit dem rechten Daumen nach hinten. „Geht es der gut?“

„Ist nicht meine Freundin! Sie ist meine Schwester!“

„Ah, okay? Geht es der gut?“

„Sie ist meine Schwester!“ brüllte der Schreiaffe und schüttelte dabei dumm seinen Kopf hin und her.
Darauf musste Paul wieder Lachen, diesmal sogar ehrlich. Vielleicht waren diese Techno-Clubs gar nicht mal so übel wie er immer gedacht hatte. Wahrscheinlich war es in diesen Zeiten gar nicht einmal die schlechteste Wahl vor der Wirklichkeit in die Drogenbeseelte Dummheit dieser Szene zu fliehen, um einfach nur zu Tanzen und Schwachsinn daherreden. Und wenn Paul irgendwo sicher vor der Polizei sein sollte, dann sicherlich an solch einem Ort. Weiß Gott: Es bestand sogar die Möglichkeit, dass ihn vorhin niemand gesehen hatte. Schließlich war Paul mindestens eine, wenn nicht zwei Stunden lang danach in der Schlange vor der „Wilden Barbara“ gestanden, um sich in der Menge zu verstecken. Zur Erinnerung: In diesen Clubs werden am Eingang sogar die Handykameras abgeklebt! Sogar Mark Zuckerberg musste draußen bleiben. Was sollte Paul jetzt noch passieren? Dass was geschehen war, konnte er ohnehin nicht mehr rückgängig machen.  Vielleicht brauchte er nur ein weiteres Bier. Und noch eines. Und noch eines. Und noch… Immerhin hatte er es bis hierhin geschafft. Auch wenn… Paul stellte sein leeres Bier auf den Boden, zu seinen Füßen. Für ihn hätte es schlimmer kommen können. Er nickte unbewusst ein wenig zu dem stumpfen Techno-Beat mit, der nicht aufhören wollte durch die Wände zu wummern. Hier und da fiel ihm eine hübsche Frau auf. Klar. Das alles war immer noch saublöd, hier. Aber. Wer nicht draußen ist, ist drinnen.

„Wir sind ja ewig angestanden“, laberflashte der Nietzsche-Imitator ihn wieder mit seiner nassen Aussprache voll.

„Ja, ich auch. Normal“, gab Paul zurück.

„Ja ne! Anna… Lena… Und ich waren fast drin. So richtig fast drin. Ganz vorne. Nur noch die Security-Schranke. Dann kamen die Bullen zu den Türstehis. Und dann war erst mal zu. So direkt vor uns. Ich meine. Da haben wir zwei richtig Pech gehabt. Halbe Stunde! Halbe Stunde noch mal. Standen wir da. Man kann schon richtig Pech im Leben haben. Ich meine. Wir waren ja fast drin.“

Paul wurde es schlagartig eiskalt. Die Welt zog sich ebenso zusammen wie seine Brustkorb. Ebenso wie seine Kehle. Er hielt die Luft an und japste mit dünner Stimme: „Was wollten die Bullen denn?“
„Ach!“ gab Nietzsche angewidert zurück. „Nix wichtiges. Bullenzeug. Suchten halt irgend so einen… Deppen. Irgendwas mit nem Zug. Wohl da hat sich… Da hat sich wohl irgend so ein Idiot vor den Zug geworfen. Meine ich. Irgendwo. So ein Kerl.“

Pauls Bewusstsein erinnerte sich mit einem Mal an den Schock, den er vor ein paar Stunden erlitten hatte. Noch einmal fühlte er den Aufschlag. Dieses dumpfe Klatschen, welches die Bahn erzeugt hatte, was sich ganz anders anhörte, als in einem Film. Durch die Erzählung des Nietzsche-Typen war es für Paul so, als würde die Zeit mit einmal stehen bleiben. Die Techno-Raver froren in ihren Bewegungen auf den Flokati-Bänken und im schummrigen Flur ebenso ein, wie die Musik aus den Boxen und das Licht aus den Computern. Selbst Pauls Herz verkrampfte sich, als wäre sein Herz eine Schallplatte und eine große, böse Hand Dämonenhand hätte sich auf den Plattenspieler des Lebens gelegt um mit dem erwartbaren dumpfen, stöhnenden Geräusch die Platte anzuhalten. Ein Horrorgefühlmoment der ganz besonderen Klasse. Die Welt stand still. Und es tat weh.

„Wer hat sich vor den Zug geworfen?“ war Pauls Frage, als er wieder die Kontrolle über sich zurückgewann und seine innere Schallplatten jaulend wieder anlief. Viel schneller und hektischer als noch gerade bevor sie gestoppt wurde. Sein Herz raste.

„Keine Ahnung“, Nietzsches Hände nahmen die Ahnungslos-Haltung an. „Weiß nicht. Ich meine. Niemand kennt seinen Namen.“

Paul stand im gleichen Moment auf, wie die Panik aus seinen Fingerspitzen gleich einem Stromschlag in seinen Kopf schoss. Die Raver-Welt längst wieder aus ihrer Starre gelöst. Es war laut. Hektisch. Unübersichtlich. Wild. Und… Dumm. Und in diese dumme, laute Wildheit der „Wilden Barbara“ sagte Paul zu sich und zu niemanden anderen in den Krach des Planten „Barbara“ der ihn umschlossen hielt: „Ich kenne seinen Namen.“

Dies ist die Geschichte von Paul Fleming. Tatsächlich beginnt seine Geschichte weder an diesem Tag, noch wird sie hier enden. Ebenso wenig ist Paul Fleming sein echter Name.

Bemerkenswert

Die Bücher "Absolution" und "Verlorene Jungs" von Paul Fleming umsonst in ihrem eBook-Shop

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Ich habe muss für die „Umsonst-für-alle-Variante“ entschieden, da eh nicht viel Geld für mich dabei herausspringt und ich lieber gelesen werde, als mehr schlecht als recht 10 Euro im Monat damit zu verdienen.

Viel Spaß damit!

Der, der ich heute bin

Ich komme aus der Dusche. Trockne mich mehr oder minder gut ab. Gehe in mein Schlafzimmer. Setze mich auf mein Bett. Gefühlt ist das Bad meine letzte Bastion gegen die Schreckensherrschaft des „Entertainment“. Gefühlt habe ich nur hier mein Handy nicht in der Hand. Den Rechner oder den Fernseher nicht am Laufen. Die Play Station am Stöhnen. Im Bad. Da hat man alle Hände und Köpfe voll zu tun. Da ist Ruhe. Von „Jamaika“. Von Wolfenstein. Von Netflix. Vom Alk. Vom Konsumrausch. Ja. Die Duscherei mit ihren Instandhaltungsmaßnahmen nervt gewaltig.

Vor meinem Bett ist DER Schrank. Der einzige Schrank in unserer Wohnung, der diesen Namen verdient. Ich ziehe ihm eine Schublade aus seinen Eingeweiden. Blicke in das Wirrwarr seines Inneren, das aus unsortierten Socken besteht. Es sieht aus wie eine echte Bauchgrube. Meine Hände suchen zwei „Gleiche“. Der Kopf sieht zu. Und wie die Hände ihre Finger tief in Wolle und Kunststofffasern  stecken, glaube ich einen Stempel auf der Innenseite meines rechten Handgelenks zu erspähen. Zweiter Blick: Da ist kein Stempel. Woher auch? Ich bin doch gar nicht aus gewesen. Ein Lächeln stiehlt sich auf meine Lippen. Ja. Ich war die letzten Tage immer „an“.

„Stempel“ bedeutet für mich Nachtleben. Ausgehen. Die große Feirerei. Und da sitze ich nun. Nachdem ich mir den Schmutz der Arbeit abgewaschen habe. Denke an Früher.

Als „Früher“ noch „Jetzt“ war, dachte ich an die Zukunft, so wie es in dem wundervollen Manga „Planetes“ abgebildet ist, an eine bestimmte Szene:

Ein Arbeiter. Der Mann oder Vater einer der Hauptfiguren. Repariert ein Windrad. Eine richtige Windkraftanlage. Dutzende Meter über dem Boden. Im nächsten Paneel sieht der Leser eine dunkle Rückblende, in welchem derselbe Arbeiter, sichtlich jünger, auf einem Punk-Konzert wie ein Irrer zur Sache geht. Totaler Abgehnismus. Zerbrochene Flaschen. Stahlketten als Schmuck. Stage diving. Krach.  Die totale Zerstörung. Nah am Tod. Nah am Leben. Er war der Frontsänger. Rock´n Roll.

Auf der nächsten Seite liegt der Held altersweise an ein Windrad gelehnt. Er raucht und ist mit sich selbst zufrieden. Dem Leser wird klar, dass dieser Mann zwei Leben gelebt hat, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Aber auch. Dass der gezeichnete Mann mit seiner Vergangenheit im Reinen ist.

Daran muss ich denken, während ich dem nicht vorhandenen Stempel hinterher lächle. An die Partys. An den Rausch. An die Freunde. An den Wahnsinn. An die damalige Normalität um die Jahrtausendwende – und das Jahrzehnt danach. Diese ständige Ausnahmesituation in die ich mich damals hinein manövriert hatte. Eine Situation die sowohl lächerlich als auch lebensgefährlich war. Eine einstmals alternativlose Lebensphase.

Ich finde eine passende Socke zu der ersten, die ich in der Hand halte. Mein Ying zu meinem Yang.  Nicke. Und bin einen Moment lang genau der, den ich mir damals erträumt habe. Ein Kerl. Mit seiner Vergangenheit. Aber auch mit einer neuen Zufriedenheit. Aus dem Gefühl von damals, als ich den Manga zum ersten Mal las, ist meine Wahrheit geworden. Mein altes Ich wäre zufrieden mit mir.

Ich schließe die Schublade. Ziehe die Socken an. Dann gehe ich rüber zu meiner Freundin, ohne auch nur einen Moment weiter an die Szene zu denken.

Planetes - Manga

Ecstasy für Mama und Papa

Ich mach‘ mir die Welt – widdewidde wie sie mir gefällt …

 

Vor etwa 2 Jahren schrieb mich auf Facebook eine Frau an, die ich nicht kannte. Wenigstens glaubte ich es in der ersten Zeit, dass ich sie noch nirgends getroffen oder gesehen hätte. Durch ihre Hartnäckigkeit und bei genauerer Betrachtung „kannte“ ich sie dann doch, aus einem anderen Leben. Sie war die Freundin eines Bekannten, nur ist sie die Frau. Keines wirklichen Freundes, einer jener Partyjünger, die man als alter Raver in seinem Umfeld hat und „der halt irgendwie dabei ist“, so wie ich für ihn halt irgendwie dabei war. Ein Freund von Freunden. Man geht zusammen in der Gruppe weg, kennt sich oberflächlich. Tanzt zusammen. Klinkt die Teile. Hat Spaß. Und „Auf Wiedersehen“.

Seine Freundin hatte ich vielleicht 2 bis 3 Mal getroffen und deswegen kaum eine Erinnerung an sie, nur das er sie im Feierkontext kennen gelernt hatte, in einem Club in München in den wir fast jedes Wochenende fuhren. Dann war das Pärchen weg. Irgendwas mit eigenem Kind. Bis hierhin eine normale Geschichte Ende 90ger, Anfang der Nuller Jahre.

 

„Auf Facebook schreiben einem immer die falschen Leute aus der Vergangenheit“ dachte ich mir damals, oder wie oft hat dich schon eine scharfe Mieze angeschrieben, in die du vor vielen Jahren verliebt warst und die jetzt, aus Gründen, die sie selbst kaum kennen kann, jetzt also ganz plötzlich auch sehr an dir interessiert ist; und selbstverständlich sieht sie noch BESSER aus als damals, nicht gealtert, sondern gereift, gerade da, wo es wichtig ist… Also nein. Solche Geschichten schreibt Facebook nicht. Wenigstens bei niemanden den ich kenne. Obwohl ich dort mit einigen Hochstaplern und Lügnern befreundet bin.

 

Die Frau, deren Name und Gesicht mir nichts sagte, holte mich über ein Bild ihres Mannes in das Boot unseres gemeinsamen Verständnisses: Aha. Oh je. Das ist „der schnelle Tobi“.

Der schnelle Tobi war niemals so schnell und so sehr auf Drogen wie der Name vermuten lässt. Nur hin und wieder halt, ein lustiger Kerl, der mir jedoch wie erwähnt immer ein wenig fremd geblieben ist.

Sie würden wieder feiern gehen, ob ich da mitmachen würde? Ich so als alter Haudegen.

Und ich im Kopf so: „Na ja… Muss jetzt auch nicht sein…  Es gibt ja auch Gründe warum das auseinander ging. Eigentlich hab ich schon Freunde. Aber. Unhöflich will ich auch nicht wirken.“ Feiern heißt hier, also wieder mit Drogen. Das war ganz klar herauszulesen. Was nicht schlimm ist, da kenne ich ganz andere, aber Leute die Kinder haben und nach 15 Jahren (Scheiße sind wir Alle alt geworden!) wieder damit anfangen, davon habe ich noch nie gehört. Irgendwie klingt das asozial. Irgendwie kaputt. So mit Kindern. Da stimmt doch was nicht. Doch auch aber dem Argument, dass man jetzt 15 Jahre clean war und jetzt wieder ein bisschen Spaß haben möchte, konnte ich folgen. Schließlich waren die 15 Jahre brav. Da sollte man jetzt doch mit Drogen umgehen können… Bei mir sind und waren es keine 15 Monate her.

Also schob ich diese Reunion eine Weile vor mir her. Hin und wieder Geplausche über den Facebook-Messenger, bis irgendwann doch die Party kam, wo man sich traf.

 

Eine Open-Air-Party auf der die beiden Schatten aus der Vergangenheit mit Freunden druff herum bogen, ich dagegen wie immer gut angetrunken, insgesamt: Alle freundlich und offen. Und da machte es „Klick“. Viel Gerede über Früher. Und noch mehr Verwunderung darüber, dass man im Gegensatz zu damals sich jetzt so PRÄCHTIG versteht. Jeder für sich war halt doch nicht nur gealtert, sondern gereift. Erwachsenen Spaß hatten wir zusammen, gerade und weil wir nicht nüchtern waren.

Gerne mal wieder.

 

Meine anderen Freunde, die, die Frau vom schnellen Tobi und ihn selbst noch von früher kannten, jetzt auch Kinder haben nur keine Drogen mehr nehmen, waren skeptisch. „Drogen? Mit Kindern?“ „Die nehmen die Drogen ja nicht MIT ihren Kindern. Die haben das super unter Kontrolle und sind super nett. Die brauchen halt wieder ein wenig WÜRZE in ihrem Leben.“ „Ich weiß ja nicht… So mit Kindern… Da ist doch irgendwas im Busch. Und irgendwann lernt sie dann jemand kennen und lässt ihn stehen.“ „Warum ausgerechnet sie? Wurscht… Sollen wir nicht mal gemeinsam mit denen was machen? Denn eigentlich sind das früher EURE Freunde gewesen, nicht meine.“ „Ja klar. Super. Cool. Machen wir dann irgendwann mal.“ Dazu kam es natürlich nie.

Bei mir schon. Ich ging mit denen feiern und mochte sie sehr. Ihre offene und nette Art. Man fand sich gegenseitig super sympathisch. Hatte den gleichen schwarzen Humor. Und kam gar nicht mehr davon los sich darüber zu wundern, dass man sich jetzt im Gegensatz zu früher so toll versteht; absolut unverständlich schien das zu sein und ebenso groß war die Freude darüber, dass das jetzt so anders ist. Ein paar Stunden später dann, auf XTC, in der totalen Prallness. Verstand man sich natürlich total und super gut. Nur vorher. Komisch. Vorher hatte man sich sogar noch besser verstanden. Ohne die Drogen im Kopf. Eine gelungene Nacht.

„Das wiederholen wir mal!“

„Gerne!“

Ganz nah kam man sich da. So geöffnet wie man sich fühlt, wenn… In dieser emotionalen Ehrlichkeit der Dichtness, die die Grenzen zwischen dem Du und dem Ich verschwimmen lässt. Obwohl vorher fast noch besser war. Das Gespräch und das echte geteilte Lachen. Die Klarheit der Verständnis.

 

Meine anderen Freunde blieben dabei: Der schnelle Tobi? Geiler Typ, damals. Jetzt klingt das irgendwie so asozial… Da kann man kein Verständnis für haben. Jetzt. In dem Alter. Und du (also ich) hast halt keine Kinder. Lass mal. Da ist doch eh was im Busch.

 

Und ich verstand das gar nicht. Wie die Menschen kein Interesse an denen haben können. Obwohl ich anfangs selbst so war. Und jetzt. Voller Naivität. Wo ich doch so offen war. Wollte und konnte ich nicht erkennen, dass da eben doch mehr, dass es da eben doch Probleme gab, dass es da immer auch GRÜNDE geben muss, warum…

 

Und ich mach‘ mir die Welt – widdewidde wie sie mir gefällt …

 

Und deswegen ist alles gut gelaufen. Wir haben es allen anderen gezeigt. Den Zweiflern. Den konservativen Kleinfamilien-Fetischisten. Die aus ihrer Gefangenschaft, wie Dinge zu haben und zu sein sind, nicht heraus kommen können. Die mit dieser unterschwelligen Angst vor der Zukunft leben, nur nicht aus der Rolle zu fallen. In Panik vor jenen Erkenntnissen, für die man  einen Schritt zurückgehen muss, jedoch auch zwei nach vorne kommt.

Abenteuer enden nicht wie in Filmen mit der Hochzeit oder einer Geburt, mit Kindergarten und aufgeschlagenen  Knien, den ersten Pickeln und der Revolution gegen jene, die einen ihr Leben lang geliebt und erzogen haben. Da ist mehr. Da sind doch auch die Personen selbst. Der Typ, den sie früher „den schnellen Tobi“ nannten. Und die Frau, die er geheiratet hat. Eltern sind auch Menschen. Jeder für sich alleine. Und Beide zusammen.

 

Und ich mache mir die Welt… In meinem kunterbunten…

Bad Mum

In der Nacht ist sie mit ihren „alten“ Freundinnen unterwegs. Sie kennen sich seit bald 30 Jahren. Fast ihr ganzes Leben lang. Eigentlich waren sie Alle nie „Wooo!-Girls“ gewesen, doch das Herauskommen aus der Kindergärtlichen, Grundschulischen Tristesse machte sie dazu. Endlich konnten sie all das Fahren lassen, was sie sonst immer zu Räson brachte: „Wooo! Keine Kinder!“ Die Sekt-Gläser klirren aneinander: „Heute ist Kinderfrei! Woooo!“

Ständige, fürsorgliche  Liebe und ein gutes Vorbild-Sein ist anstrengend. Da braucht es hin und wieder… Sie weiß schon vorher, dass sie um spätestens 11 Uhr müden sein würde, da geht es den anderen ihrer Weiber aber auch nicht anders.

 

Früher – in einer Zeit bevor die Zahlen erfunden wurden und es demnach unmöglich ist, zurück zu rechnen, wie JUNG sie damals waren und wie viel Zeit vergangen ist – hatten sie doch auch die Nächte und Tage durchgemacht. Jedes Wochenende woanders. Frankfurt. München. Nürnberg. Würzburg. Manchmal auch Berlin. Kein Problem. Und waren sie heute denn nicht dass, was man heute eine MILF nannte? War das denn nicht ein Kompliment? Über 30 zu sein und immer noch potentiell erregend? Eine Hot-Mum? 30 ist heute doch kein Alter mehr. Auch, wenn sie das vor 10 Jahren selbst noch ganz anders sahen… Nein. Es liegt nicht an der Selbstwahrnehmung, und dass sie „nicht erwachsen werden“ wollten – dieses Prädikat haben die Kindsköpfigen Männer für sich gepachtet – DIE ZEITEN haben sich einfach verändert. So ist das doch. Und nicht anders. Wer hätte sich früher auch noch einen schwulen Außenminister und eine KanzlerIN vorstellen können? Und in dieser neuen Zeit, sind sie nicht mehr alt. Niemand ist mehr zu alt, wenn er sich nicht so fühlt. Oder man ist vielleicht über 40. Das sieht dann natürlich wieder ganz anders aus… Und die jungen Leute. Nun. Die sind halt einfach jünger, so wie sie schon seit 10 Jahren jünger waren.  Wen interessiert es? Und selber war man doch eigentlich blöd, dass man die alten Leute auf den Party immer schief ansah. Unreif war das. Und dumm.

 

Auf Sekt folgt Sekt. Folgt Bier. Folgt Wein-Schorle. Folgt ein Joint. Das war noch nie ein Problem. Heute natürlich auch nicht. Ist doch wie früher.

 

Nein, sie will nicht zu viel auf einmal. Und man muss das doch  verstehen: Auf was man die letzten Jahre, fast schon ein Jahrzehnt lang, verzichten musste! Immer Kind hier. Kind da. Und vorher die Schwangerschaft. Umzug. Vernunft. Erziehung. Jobwechsel. Teilzeit. Halbe Stelle – und die Kinder. Heute ist nun endlich heute. Und heute ist Kinderfrei; bei aller Liebe: „Woo!“

 

Sie tanzen sie, lachen, sie stoßen an. Bis ihr schlecht wird – das ist ja noch nie passiert. Wo kommt der denn jetzt her, der Helikopter im Kopf? Und alles dreht sich, dreht sich, dreht sich. „Ich weiß gar nicht woher das kommt“, murmelt sie noch zu ihren besten Freundinnen hin – und dann kotzt sie sich die Seele aus dem Leib. Lange. Laut. Und permanent. Nach einiger Zeit hat auch keine der besten Freundinnen mehr Lust ihre Haare zu halten oder sie aufzumuntern. Sie ist halt doch keine 20 mehr. Vielleicht fehlt es doch ein wenig an Training…

 

Währenddessen stehen die Freundinnen rauchend an der Seite und zucken mit den Schultern, tauschen Blicke und Wörter darüber, dass es doch wirklich ein jemand nervig ist, dass ihr das JEDES Mal passieren muss… Wenigstens einmal könnte sie sich doch vielleicht nicht übernehmen.

 

Inzwischen bricht und bricht sie weiter. All die Zeit hinfort die ihr durch die Kinder „verloren“ ging. All die Zeit, in der sie mehr Mutter als Frau war. Und sie bereut es inständig dass sie es heute wieder einmal ersucht hatte, keine Mutter von zwei „Kids“ zu sein, sondern eine Frau. Ihr war so unglaublich schlecht. Bitte lieber Gott…. Sie würde auch für immer eine gute Mutter bleiben… Wenn das nur endlich aufhört…

 

Tel Aviv, Strand- und Party-Stadt, ein Erlebnisbericht

Schon vor Jahren wurde ich durch Guy Gerber im positiven Sinn auf Israel aufmerksam. Obwohl. Dass der gute Mann ein Israeli ist, wurde mir erst einige Jahre später klar, als ich seine Produktionen längst lieben gelernt hatte. So ist das mit elektronischer Musik: Von Desinteressierten mag sie als kalt und Gesichtslos interpretiert werden. Kann man so sehen. Man kann es aber auch so begreifen, dass bei dieser Form von Musik jegliche Stände und Kategorisierungen aufgehoben werden. Zwar klingt elektronische Musik in Vietnam anders als in Lateinamerika oder in Italien, doch die Konturen und Umrisse in den Spielarten verschwimmen und gehen ineinander auf, egal ob der Beat nun schnell ist, für sich hin tröpfelt oder die Synths lauter oder leiser sind. Es braucht keine Texte, keine poltische Message und erst recht keine Hautfarbe um elektronische Tanzmusik zu verstehen. Du musst nicht glauben zu wissen was cool/hip, angesagt  oder Gangsta ist. Du lässt es einfach laufen. „Gesichtslose“ Musik hat mehr Vorteile  als der Sound vieler Idole, die entweder irgendwann sterben müssen oder lebendig verfallen und währenddessen zu einer Karikatur ihrer selbst werden.

 

Auch Guy Gerber produziert diesen „gesichtslosen“ Sound, nur als KALT kann man ihn beim besten Willen nicht kategorisieren.

Ich folge ihm seit ein paar Jahren auf Facebook (was ich bei nicht gerade vielen DJs mache) und mich beeindruckten die Fotos die er aus seiner Heimat Tel Aviv postete. Und wie wenig diese Bilder mit meinen Assoziationen von Israel zusammen passten.

Tel Aviv ist der Sommer/Sonne/Strand- und Party-Bereich des Landes und tritt sehr westlich orientiert auf. Fast schon zu westlich. Ich hatte mir die halbe Millionen Einwohnerstadt – sorry – arabischer, basarischer vorgestellt, auch wenn es in Richtung Jaffa, der Altstadt von Tel Aviv, solche Ecken gibt, die jedoch touristischer Natur sind.

Wäre man blind für die Gesichter der Menschen dort, die selbstverständlich jüdisch anmuten, könnte man sich in einer westlichen Großstadt wähnen. Ein wenig berlinerig sieht Tel Aviv aus, oder wie Hamburg oder Köln, in ihren gechillten Ecken.

Die Skyline der Stadt ist weltbekannt, in der Menge mit den  spacigen Wolkenkratzer ziemlich futuristisch und kann, wenigstens als Postkartenmotiv mit seinen Hotels die direkt an das Meer gebaut sind, mit Rio konkurrieren. Der Strand ist wunderschön, sauber,  und das Wasser außerordentlich klar. Und auch das Klima im Oktober ist super angenehm. Und ich bin keiner, der auf Hitze steht. Dort aber ist diese Mittelmeerische Hitze, die sich nicht aufdrängt, eher einschmeichelt. Mit 30 Grad.

Am Positivsten am Strand empfand ich überraschenderweise die Menschen. Die Israelis sind tolle Strand-Menschen, da sie nicht wie Proleten auftreten; kein Gegröle, keine fetten Anlagen, kein übermäßiger Alkohol-Konsum. Die nervigsten, lautesten Menschen dort waren die Ausländer. Selbst die Kinder der Israelis sind besser und ruhiger erzogen, als die Meisten die ich kenne. Und so was feiert jeder Urlauber (und ich im Speziellen) mit einem gechillten Lächeln auf der Strandliege leise sehr ab.

Von Freitagabend (Sonnenuntergang) bis Samstagabend (Sonnenuntergang) ist Shabbat, also Feiertag und in dieser Zeit sind die Strände gefüllt,  während nach dem Abtauchen der Sonne Party gemacht wird.

 

Wir haben sehr viele junge Leute in Tel Aviv gesehen. Und am Strand auch außerordentlich hübsche Frauen (die hübscheste Frau hatte ich ja eh mitgebracht 😉 ). Kein Wunder also dass die Stadt ein sehr aktives Nachtleben besitzt. Ob Tel Aviv aber „eine der besten Partystädte der Welt ist“ wie man dort vollmundig behauptet, wage ich zu bezweifeln. Man muss aber auch dazu sagen, dass mir Sommer, Sonne, Strand und Kultur wichtiger waren, als die Nächte durchzumachen, schließlich habe ich ein sehr, sehr hartes Arbeitsjahr hinter mir, da war mir Erholung wichtiger als die Nächte durchzutanzen. Zwar hatte ich mir den angesagten Techno-Club „The block“ im Internet ausgespäht, und „Roman Flügel“ aus Deutschland wäre dort auch als Identifikationsfigur am Start gewesen, wir einigten uns dann doch auf die Touristischere Variante, wir buchten den „pub crawl“.

Beim „pub crawl“ wird man von einem Guide durch 4 oder 5 Locations in Tel Aviv gelotst, bekommt dort je einen Shot umsonst, freien Eintritt und muss nicht in der Warteschlange stehen.

Ja, ja. Das haben wir uns jetzt auch gedacht: Das kann voll furchtbar werden. Wurde es nur nicht.

Erstens hätten wir die Bars/Clubs alleine niemals gefunden. Die Eingänge sehen aus wie Hinterhof-Zugänge, oft ohne einem Namensschild darüber. Tel Aviv ist da sehr erfinderisch und verwinkelt. Dagegen haben Berliner Clubs Eingangsschilder wie das „Titty Twister“ in „from dusk till dawn“.

Zweitens handelte es sich bei den Läden wirklich um angesagte Locations, was man nicht nur daran spürte dass die Orte immer so gut gefüllt waren, dass man sich zur Bar durchkämpfen musste, nein, als wir rauskamen standen im Schnitt 30 bis 40 Leute an, die nicht mehr hinein durften.

Drittens bekamen wir für die 20 Dollar Tour-Gebühr ein Bier und die  4- 5  Shots frei. Das ist wichtig. Denn Alkohol ist Sau teuer in Israel. In den Clubs zahlten wir zwischen 6 und 8 Euro für ein 0,33 Liter Bier (und ja, das Bier dort kann man wenigstens trinken), da kommt dann noch 10 Prozent Trinkgeld dazu. Ein Vollrausch ist also eher nicht drin, außer man gönnt sich was und deswegen fand ich es im Nachhinein gut lieber einmal und damit richtig wegzugehen.

Viertens wird man von der Touri-Leitung gleich mit der Gruppe bekannt gemacht und hat weniger Berührungsängste. Zwar verabschiedete sich der sympathische Erfinder der Tour recht schnell wieder, und die angehende Schauspielerin die die Tour dann übernahm, war dann doch um ein vielfaches weniger motiviert als ihr Chef, aber wir lernten sehr unterhaltsame und motivierte Leute kennen, die aus den unterschiedlichsten Ländern kamen (Brasilien, 2 mal USA, 2 mal Italien, einmal Finnland und Deutschland – und wir) um ein wenig Spaß zu haben.

Da war es dann auch ganz gut dass sich unsere Tour-Leiterin nicht allzu sehr für uns interessierte 😉 Wir mussten uns also gegenseitig die Zeit versüßen und das klappte dann für mein Gefühl sehr gut, auch wenn die Oberflächlichkeit der Beziehungen zueinander selbstverständlich im Vordergrund stand. Scheißdrauf. Ich hätte nie gedacht das ich mit Italienern so viel Spaß haben könnte 😀

 

Hier trafen dann natürlich zwei Weltbilder aufeinander: Hostel versus Hotel. Wir wollten eher Ruhe und Entspannung und keine nervige Hostel-Situation, was die Hostel-Leute in unserer Gruppe gar nicht verstanden; so lernt man doch keine Leute kennen! Ja eben doch. Nur auf eine andere Art. Und in unserem Hotel wurden wir im Gegenzug schief angesehen, als wir die Sauf-Tour buchten, so ist das halt mit den Weltbildern.

Es war. Auf jeden Fall. Ein gelungener Abend.

 

Wir waren in 4 Bars/Clubs.

Wir trafen uns im „Sputnik“, das ein wenig berlinerig sein wollte. Verschlunge Räumchen mit schön draußen, locker gechillt. Angenehme elektronische Musik. Kennt man aus Köln oder Hamburg, in deren guten Momenten. Nur nicht abgefuckt genug um sich mit Berlin vergleichen zu lassen, was der Tour-Veranstalter gar nicht so recht glauben mochte: Wie, hier ist es nicht schäbig genug?

Weiter ging es in eine Hip-Hop-Bar (das „Jimmy, who?“) mit Club-Atmosphäre. Hier wirkte der Alkohol schon und die Verbrüderung war im Gange. Ein wenig Galgenhumor dabei, die Italiner: „Ah, the german guys! You´ve never expected to pay 8 euro for one beer, he?“ Die Schauspielerin sah lieber ins Handy und so blödelten wir alle zusammen mit dem Willen zum Wahnsinn auf der Tanze herum. Wir hörten und tanzten in der gleichen Nacht dreimal zu J Lo. Ich glaube das sagt viel über den Musikgeschmack in Tel Aviv aus.

Auch die nächste Bar, das „Radio“ war HipHop. Riesiger Tresen. Shots im „private room“ in den wir durften (in dem NICHTS war, sehr private). Dann zur letzten Adresse.

Das „Lima“. Das kam sehr Pop-prollig herüber (Hallo J Lo) und mir reichte es dann langsam mit der Tour, obwohl mit dem „Breakfast“ noch ein Techno-Club auf uns gewartet hätte. 2 Uhr nachts  sollte genügen (alter Mann der ich bin…). Wir wollten am Tag danach nicht zu sehr kaputt sein. Dieser für mich namenlose Kommerz-Laden entpuppte sich dann noch als Schwulen- und Lesben-Treffpunkt in dem meine Freundin die Props bekam, die eine schöne Frau dort bekommen sollte. Das gab  der Location auch noch eine gewisse Wendung.

Klar bin ich jetzt kein Party-Insider was Tel Aviv angeht wenn man gerade mal 5 Stunden dort im Nachtleben verbringt, 4 Türen hin oder her, für einen Einblick hat es aber gereicht und deswegen würde ich die Tour weiter empfehlen.

Das ich dort keine elektronische Musik miterlebt habe ist im Hinblick auf meine Israel Sozialisierung durch Guy Gerber ein wenig schade, ich habe nur schon mehr als die meisten Menschen zu den verschiedensten Stile dieser Musik gefeiert, über fast 2 Jahrzehnte hinweg, in ganz Deutschland und auch woanders, und glaube da jetzt nicht mehr viel zu verpassen. Berlin finde ich ja auch schon sehr langweilig was das angeht…

Die Israelis sind mir jetzt auch nicht gerade als spektakuläre Tänzer aufgefallen (bei den Schwulen ging es wie zu erwarten am Meisten ab, was sowohl das Abgehen als auch das Auftreten anging), motiviert waren sie aber. Wer weiß, vielleicht sind sie dort Partymäßig so weit, wie sie sich jetzt fühlen. Es ist eine sehr junge Stadt und man muss verstehen, dass dort wo wir gefeiert haben vor einigen Jahrzehnten nicht nur Sprichwörtlich Wüste war. Gebt denen noch ein wenig Zeit.

 

Es war also eine gute Mischung aus Kultur-Urlaub, Strand und Party. Tel Aviv hat alles zu bieten, was man sich wünscht. Okay. Außer vielleicht eine U-Bahn, das wäre dann schon noch ein wenig geiler, mit. Wären nicht die enormen Probleme die dieses Land hat, wäre der Party- und Urlaubstourismus sicherlich viel, viel höher. Uns hat das ja auch ein wenig abgeschreckt. So bleibt Israel ein Land das von allem etwas zu bieten hat und aus dem man im Kopf und im Herzen sehr viel mitnimmt, ob man das nun muss, soll hat jeder selbst entscheiden.

 

Man darf halt nicht in Angst leben und sich immer und ständig die Geschichte vom Terror und Tod erzählen lassen, harte Kontrollen am Flughafen oder am Einkaufszentrum hin oder her. Das ist die Crux und die Antwort auf meine Ausgangsfrage (siehe letzter Text), was uns Israel zum Thema Alltäglichen Terror zu sagen hat. Ob die Deutschen so sein könnte, ich weiß nicht.

Ein Ding ist dort das große Zusammengehörigkeitsgefühl und das haben wir in Deutschland nicht. Vielleicht noch nicht. Die Kulturen sind in Israel auch nicht so durchmischt wie bei uns. Es liegt nun einmal auf der Hand, dass man dort vermehrt auf gewissen Menschen (Juden) trifft und das schafft eine andere Aura, als in unserem Land, dass sich lange nicht einmal moralisch darauf einigen konnte, ob wir hier ein Einwanderungsland sind oder nicht. Ob wir weltoffen sein wollen oder nicht. Dagegen haben wir hier zum Glück keinen gemeinsamen Feind, der uns vernichten will… Die Situation lässt sich nicht eins zu eins umlegen. Lehren muss und sollte man allerdings ziehen. Denn ganz gleich wie man zu Israel steht: Einen Lernwert hat diese Gesellschaft dort. Sogar einen ziemlich großen.

 

 

 

Das Obstwiesenfestival 2016 mit u.a. Antilopengang

Das Obstwiesenfestival 2016.

Das was? Obst-Wiesen? Festival? Ist das so mit Hump-da-da-Blechmusik, Trachten und Obstlern? Drehst du jetzt völlig ab?

Nö. Obwohl ich dort schon einige Obstler getrunken habe.

Ich war durchaus überrascht als ich das Plakat zum Festival auf der Toilette in der „Kantine“ gesehen hatte: Blood Red Shoes, die Nerven, Antilopengang, Algiers… Auf dem OBSTwiesenFESTIVAL bei Ulm – und das Ganze sogar noch umsonst. Ja richtig, echt umsonst.

Nun ja. Wir kennen diese „Umsonst“-Festivals. Da bekommt man, wofür man bezahlt hat, nämlich einen alten… Schlechte Bühnen, miese Planung, katastrophale Bands und wenn es denn ein Camping gibt, ist es unter dem Niveau des Französischen Russlandfeldzugs von 1812.

So ist das Obstwiesenfestival (OWF) nicht.

 

 

 

Da war ich sogar richtig beeindruckt was die Veranstalter hier auf die Beine gestellt haben. Nur das Parken und das Campieren musste bezahlt werden (weiterhin selbstverständlich für die Versorgung des leiblichen und geistigen Wohls) und dafür bekam man einiges geboten. Jetzt mal abgesehen von den internationalen und nationalen Bands, die zwar keine Big-Player sind (es vielleicht aber noch werden), dafür aber richtig gute Musik machen; ich habe auf vielen Bezahl-Festivals schon viel schlechtere Bands ertragen müssen, bis der Headliner die ganze Chose gerettet hat. Das ganze Festival-Gelände war natürlich sehr klein, wohl aber mit sehr viel Liebe zum Detail geplant worden, besser als bei vielen 30 Euro-Festivals.

„Familiär“ ist so ein Wort dass sich in dem Zusammenhang bei Festivals gerne aufdrängt, was natürlich ein absolut abgetragenes  und überbelastetes Klischee ist, denn nicht jedes Festival kann familiär sein; und wieso überdehnt man überhaupt den Begriff „familiär“, wenn es im Privaten, in der Familie dieser Ausdruck nur noch sehr selten gibt? Es bedeutet in dem Zusammenhang einfach eine gewisse Lockerheit, gepaart mit dem Respekt vor der Leistung und dem Verhalten anderer, gemischt mit nicht allzu großer, das Individuum nicht einengender Professionalität. Chillig soll es halt sein.

Und das ist das OWF – bis auf diesen debilen  Flammkuchenverkäufer, der mich angewichst hat weil ich mich vor dem Regen unter seinem Dach untergestellt habe, obwohl ich nur darauf wartete, bis meine Freundin einen seiner vor Bakterienwimmelnden Produkte gekauft hat. In der Hölle ist ein Extraplatz für Typen wie dich reserviert.

 

Ja, es hat später geregnet – da kann aber kein Veranstalter was für. Und diese Festival-Session hat es in diesem Bereich schwer erwischt, nicht nur uns gestern.

 

Die gesamte Musik auf der Party hat mir gefallen. Angefangen von „Isolation Berlin“, die mich an vergangene 80ger Jahre Deutschrockzeiten erinnerten und einfach ordentlich klangen. Drüben im Zelt, auf der zweiten Bühne gefielen mir Bosco Rogers noch besser.

 

Nach all den Indie-Rock-Jahren (um dem viel zu viel davon) war es eine angenehme, ja, schon richtig fällige Erleichterung eine gute Mischung aus Rock´n Roll und Blues Rock zu hören, in der endlich mal wieder die Gitarre mehr Luft und Platz zum Atmen bekommt (man nennt es „Solo“ oder auch Leadgitarre). Der Sound war englisch poppig rockig eingängig und die Köpfe und die Schultern des Publikums wackelten und nickten. Zudem war es als männlicher Publikumsbesucher auch mal eine erfreuliche Abwechslung, eine „Nico“-mäßige Rasseblondine im engen Kleidchen an den Synths zu sehen. Gibt eh genug Sausage-Party auf den Bühnen dieser Welt. Doch. Ja. Bosco Rogers überraschten und überzeugten mich. Da werde ich später mal nachgoogeln.

 

Draußen. Die Schweden. Vita Bergen standen auf der Bühne und auch die klangen verflixt gut. Richtig poppig mit starken Gesang, der mich an den „Killers“-Sänger erinnerte. Musikalisch ein wenig „MGMT oder Arcade Fire“, so steht es immerhin im Booklet zum Festival.  Vita Bergen traten wie eine große Band auf und wirkten auch so, nur ohne abgehoben zu sein. Das war Alles sehr gut – und auch noch umsonst.

Dann kam der Regen. Der Regen trieb uns ein wenig umher bist wir auf dem Sitz-Sack im Red Bull Zelt trockene Ruhe fanden. Es war starker Regen, wenn auch kein Apokalyptischer. Gehört halt leider auch dazu.

Als es nur noch müde tröpfelte standen wir vor der Bühne bei Antilopengang, dem Headliner der Nacht. Ich war da schon angefressen wegen der Flammkuchen-Geschichte, und dieses Hip-Hop-Zeug, tja, das war noch nie so meins. Dann wurde auch noch verkündet dass Algiers ihren Flieger verpasst hatten und mir war klar dass meine Freundin keine Lust hatte bis 1 Uhr nachts zu warten bis unsere Wunschband überhaupt einmal anfangen würde – damit war sie gestrichen.

Die „Antilopen“ sind eine dieser neuen ironischen Hip-Hop-Bands mit Aussage – und ich mit meinen 35 Jännern fand die furchtbar blöd. Klar sollte diese ganze Attitüde nicht zu ernst genommen werden, doch wenn man über diese doppelten, bald dreifachen Ironie-Ebenen hinwegsah, standen da einfach nur ein paar Komiker auf der Bühne, die zwar so taten als wären sie nicht die hellsten Köpfe und mittelmäßige Performer (weil Meta, Meta 😉 ). Nur. Wenn man sich über andere Hip-Hop-Acts lustig machen will in denen man ihr Auftreten kopiert, kann es halt auch sein dass man genauso scheiße rüberkommt, wie man die anderen findet. Ironie auf der Bühne ist sehr schwer zu vermitteln, besonders wenn der Konsument (also ich) sich vorher nicht schlau gemacht hat und das für bare Münze nehmen muss, was einem da serviert wird. „Du hast den Witz nicht kapiert“, meinte mein Herzblatt zu mir. Und ich, ein wenig gekränkt konnte dazu nur antworten: „Ich hab mir die Texte angehört. So klug und witzig wie die sich halten, sind sie halt auch nicht.“

Man kann natürlich z.B. auch  Scooter on stage nachmachen um sie zu veräppeln: Doch man darf dabei auch nicht vergessen, dass man einfach nur Scooter spielt und dabei abfeiert – egal welche Position man im Hinterköpfchen dazu einnimmt. Ich fands doof und wenig kreativ: Die Leute um mich herum sahen das aber ganz anders. Die fanden es geil, machten ein wenig Kindergeburtstagsparty dazu, fanden sich unglaublich subversiv dabei auch noch zu kiffen, sprangen auf der Stelle, pogten und machten einen niedlichen Circle –  und damit will ich es gut sein lassen.

Es muss ja nicht immer alles mir gefallen. Da große Mehrheit ist da natürlich viel wichtiger. Und die haben es ordentlich abgefeiert.

 

Also keine Algiers für uns. Dafür hörten wir den furchtbar lautesten Soundcheck an, dem ich jemals beiwohnte. K-X-P hießen die drei Trommeljungs. Und danach ging es ziemlich bald Richtung Heimat.

Mir hat es sehr gut auf dem OWF gefallen und will es weiter empfehlen. Bin gespannt wer nächstes Jahr kommt. Und wie es nächste Woche auf dem Singoldsand Festival wird 🙂