Der Text zur Nacht (74) Wohnungssessions

„Nein. Der Electro-Kram passt meiner Meinung nach nicht zu Drogen. Da ist viel zu viel Bewegung drin. Das ist wie in einem Konzert. Auf Teile bist da zu sehr gesteuert, da brauchst du eher einen geraden Beat…“
Ann-Kathrin: „Du hast das da noch nie gemacht?“
Ich: „Ähm… Na ja… Auf jeden Fall ist Jägermeister meiner Meinung nach die ultimative Partydroge für diese Art von Musik.“
Und schon beginnt man sich zu rechtfertigen. Erst im Nachhinein wundert man sich: „Warum rede ich überhaupt mit denen darüber?“ Man will halt höflich sein. Normal auch. Doch dieses Prädikat habe ich wohl schon längst verspielt. Geistig abwinkend: Lesben…

Da wünscht man sich gleich wieder zurück zu seinen verlorenen Jungs. Zurück zu Bobby und Andi auf das Kanapee, daheim, mit einer gehörigen Menge Alkohol. Ob die immer noch mit der kleinen Michelle am Baggerweiher sitzen? Nein. Dafür ist es zu spät. Bobby ist wohl schon auf den Weg in die Kantine – oder wo wollte der hin? Und Andi hängt bestimmt auf irgendeiner Hausparty herum.
Hausparty. Das ist natürlich Unsinn. Wohnungssession trifft es eher. Kurz: Hauspartys sind der Anfang vom Untergang (das könnte man jetzt auch als Merksatz machen, doch die hängen mir zum Hals heraus). Der normale Feierdruffi nimmt seine Drogen (logisch) auf der Party, doch irgendwann kommt im Leben eines jeden ehrlichen Drogensüchtigen der Moment, in dem er die Drogen nicht nur zur und auf der Party nimmt, sondern privat zuhause. Das ist keine große Sache. Dicht kann man überall sein. Doch täuscht euch nicht: Es IST eine große Sache. Im Prinzip verändert das alles. Denn dann wird der Konsum Teil des Alltags. Es ist wie eine Fickbeziehung, die ihr sonst immer in einem anonymen Hotel verbergt – und irgendwann treibt ihr es mit ihr in eurem oder Mamas Bett.
Für mich galt immer: Drogennehmen ist nicht gleich Feiern.

Gerade bei unseren ehemaligen Hamburger Freunden hieß Feiern = Konsum. Für mich jedoch war Feiern immer im Club stehen, Tanzen und Saufen. Nicht: Drogenreinschaufeln.
Klar kann man auch zuhause auf Droge sein. Du bist ja nicht sofort nüchtern wenn du nach hause kommst. Da wird erstmal Afterhour gemacht, d.h. vom chemischen Film herunter kommen und Alkohol in den Hals schütteb. „Runtersaufen“ schimpft sich das dann; irgendwann will man auch mal müde werden. Wenn man es muss. Mit wollen hat das oft nichts zu tun.
Klar wurden auf der Afterhour auch mal die eine oder andere Prise Pulver, Teile oder ein Dübel (Joint) geteilt. Dies ist aber etwas anders. Es ist noch Teil der Nacht. Nachbeben könnte man sagen. Oft wurden und werden dann noch Techno-DVDs (heute: Youtube-Videos) gegafft und der großen Party nacherzählt, die man gerade oder irgendwann im Leben hatte (das Thema hatten wir schon).
Afterhour ist der Exzess nach dem Exzess. Für mich war das immer eine Freundschaftssache. Dabei bin ich auch schon ein Kerl der alten Schule. Denn heutzutage ist es eher so, dass man Tagelang einfach durchmacht. Ich war und bin schon immer der Typ, der irgendwann auch einmal ein wenig bisschen nach hause kommt. Und Ruhe hat. Die Nächte hatten bei uns noch einen Höhepunkt. Einen Moment, an dem sich der Tänzer verausgabt hat.
Heute wird auch nicht mehr so brutal und ausufernd getanzt, wie wir es einst taten. Die Minimal-Musik gibt das gar nicht so her. Da ist es mehr ein mitschwofen; was für mir immer sehr belächelt wird – ich dachte einmal, wenn ich älter werde, dann kann ich mit den krassen Moves der Jugend nicht mehr mithalten; wer hätte denn auch erwartet, dass die Kiddies den langweiligen Sound vorziehen? So gesehen war das Nu Rave/Electro-Ding meine Rettung.
Heute. Hat die Party zwar einen musikalischen Höhepunkt, doch das Konzept ist anders. Alles ist auf Dauer aufgebaut. Auf eine andere Art von Realitätsflucht.

Wohnungssessions wurden für uns auch deswegen interessant, da wir einfach Landmenschen sind. Wir konnten nicht einfach in die Tram steigen, um zum nächsten Club zu tuckern. Wir müssen weite Wege fahren. Da bleibt man doch lieber daheim und macht das, was früher die Afterhour war, zum Hauptereignis. Da sitzt du dann knülle druff zuhause und kuckst dir Videos von Menschen an, die irgendwo auf der Welt heftigen Spaß bei geilem Sound haben, und du Depp sitzt druff und fickrig vor der Glotze und bleibst daheim. Ganz ohne Tanzen und Frauen, doch dafür geil, auf Droge und Alkohol. „Wie dumm ist dass denn?“ mag man da fragen. Doch wenn man einmal damit angefangen hat, macht man es immer wieder. Und öfters. Das hat mit Feiern jedoch nichts zu tun. Das ist eine Parallelwelt des Feierns, denn irgendwann kannst du mit einem „Früher-war-so-toll“-Denken immer daheim bleiben, und von damals träumen. Nur. Du erlebst NICHTS mehr. Das ist grotesk. Doch auch weit verbreitet.
Klar macht das Spaß. Wir reden hier von Drogen (hier: Kokain, Speed oder Pilze; würde ich in der Situation bevorzugen). Doch was hat das noch mit Techno zu tun? Egal welcher Technobeat gerade aus den Boxen dröhnt und du dich mit deinem stetigen Kopfnicken bei ihm dafür bedankst. Dabei ist das auch ein elementarer Teil der Feierszene. Seid ehrlich… Das ist traurig.

Dennoch wünsche ich mich jetzt kurz zu meinen Freunden zurück.
Momentchen mal! Gerade eben hast du noch gemeint, wie toll es ist, dass du mal bei „normalen Menschen“ bist!
Genau. Siehst du. Das ist die Divergenz des Feierlebens. Das Eine haben, und das Andere wollen. Rational ist das nicht. Dennoch ist es dadurch nicht weniger wahr. Es ist sogar ein typisches Symptom für die Szene

Advertisements

Der Text zur Nacht (73)

Entgegen meiner Erwartung bleiben Fipps und Ann-Kathrin bei uns am Tisch um zu essen, und gehen nicht hinüber in Fipps Zimmer. Auch das verbuche ich in meiner Kopfdatei der ominösen Wohngemeinschaftsriten. Und unter Unhöflichkeit.
Das folgende Gespräch jedoch, mag ich sehr.
Es ist ein normales Gespräch unter normalen Leuten. Keiner spricht über die „Bullen“. Über Geld. Gras. Pep. Kokain. H. Teile. Oder den Führerschein. Nicht einmal über PCP – ein Thema, das immer mal wieder bei „besonderen Anlässen“ aufgefahren wird. Wir reden zum Beispiel über Veronica Ferres – die wir Alle nicht leiden können.
Fipps: „Ich habe mich kaputt gelacht, als die in Late Night gesagt hat, sie mag Tiersendungen, weil die so menschlich sind!“
Wir lachen.
Ann-Kathrin: „Doch das hat ja nicht sie gesagt. Das war nur ihr Text…“
Fipps (überzeugter Ton): „Ich habe darüber nachgedacht, und so Unrecht hat sie da gar nicht.“
Fragende Blicke. Sinkende Gabeln.
Fipps: „Ich meine bei so kleinen putzigen Tierchen kommt doch jeder ins Schwärmen. Und es mag vielleicht auch Disneys Schuld sein, doch wir vermenschlichen die Tiere doch mit bestimmten Attributen. Böse. Dumm. Niedlich. Vor allem aber niedlich. Die Tierwelt der kleinen Kulleraugentiere ist das Ideal des Menschen, das er aber nicht mehr erreicht in der modernen Familie, wo jeder jeden nur noch ignoriert und Weihnachten nicht mal mehr anruft.“
Tanja: „Was ist mit Kindern? Mit Babys?“
Fipps: „Die sind zwar auch ganz niedlich, doch jedes Kind wird irgendwann einmal erwachsen. Und während Tiere zwar auch älter werden, legen die sich keinen Irokesenschnitt zu oder stecken ihre Eltern in Altersheim. Oder so. Die bleiben immer noch niedlich. Siehe: Katzen.“
Ann-Kathrin: „Anjas Katze ist für meine Begriffe auch nie erwachsen geworden…“

OK. Ich habe nicht behauptet, dass diese normalen Gespräche INTELLIGENT wären, dennoch sind es immerhin cleane Gespräche. Während es mit Andi und Bobby nicht einmal möglich ist, irgendetwas nüchtern zu besprechen. Auch von der Thematik her.
Als wir erst an einem privaten Weiher vorbeifuhren, staunten wir über die Anthrazitblaue Färbung des Wassers.
Ich: „Wie die das wohl hinbekommen? Liegt das an der Sonnenstellung?“
Bobby: „Vielleicht tun die irgendeinen chemischen Stoff rein, damit das so schimmert.“
Andi: „Hauptsache Chemie!“ Lacht verrückt und holt sein Pep heraus, um schnell noch in meinem Auto eine Line zu betonieren…
– Versteht ihr was ich meine?

Fipps: „Der ist ihre Katze auch viel zu wichtig.“
Ann-Kathrin: „Kennt ihr diese Menschen, denen Tiere wichtiger sind als Menschen? Ich finde das abstoßend.“
Tanja: „Paul war mal mit Einer zusammen, der war ihr Hund auch viel wichtiger als er.“
Fipps: „Das klingt nach einer traurigen Geschichte.“ Das sagt sie mit einem Mitfühlenden Ton. Und dann lacht sie doch.
Ich nicke. Ich bin übrigens Paul. Paul Fleming. Und da ich meinen Vornamen überhaupt nicht leiden kann (deswegen nennen mich meine Freunde auch nicht mit ihm), zucke ich immer zusammen wenn ich ihn höre, so als würde mich meine Mutter rufen, weil ich etwas ausgefressen habe.
Ich denke mir nur: „Das ist der Lauf der Zeit. Da war man 10 Jahre mit einer Frau zusammen, und später heißt es: Der war mal mit Einer zusammen…“

Wir wechseln zur Politik – ein Thema, mit dem ich meinen gewohnten Freunden gar nicht kommen kann; es macht einfach keinen Sinn (Frage: „In welcher Partei war Hitler noch mal?“ Antwort: „UdSSR?“… Seufz…), nicht weil sie zu doof wären sich das zu merken, sondern weil es sie einfach gar nicht interessiert. Irgendwie ist das sogar klug; warum die Zeit mit etwas verschwenden, dass man ohnehin nicht beeinflussen kann? (Schöne Grüße nach Stuttgart von hier). Doch sie gehören zu denjenigen, die auf ihrem Feld ganz groß sind. So wie jene Leute, die alle Fußballergebnisse des FC Bayers der letzten 10 Jahre aufzählen können. Bei Andi z.B. ist es der Konsum von Drogen, der uns Alle schon umgebracht hätte. Die Rede ist also von nutzlosen Talenten, die einen im Leben nicht weiterbringen.

Nun debattieren wir hier (jetzt schon nach dem Essen) über den Bundeswehreinsatz in Afghanistan. Es ist einfach schön mit normalen Menschen über normale Dinge zu sprechen (auch wenn es kein schönes Thema ist). Normale Menschen als solche zu titulieren, ist dabei nicht besonders nett. Denn „normal“ heißt immer auch gleich „gewöhnlich“, doch was ich damit meine ist, die gute Seite von Normal. Dieses Familienidyll- und Heile-Welt-Denken, welches man in der Kindheit besitzt, in der man die Zusammenhänge nicht richtig versteht, und schon gar nicht hinter die Dinge sehen kann. Als normales Kind nimmst du das spießige Leben der Vorgarteneltern nun einmal nicht als Konterrevolutionär wahr, sondern als beschütztes, friedliches Zuhause – als Normal-ität. Das meine ich, wenn ich von normalen Menschen spreche; Bürger ohne möglichen Bullenstress.

Als ich an „Afghanistan“ denke, fällt mir eine uralte Episode ein, die ich schon fast vergessen hatte.
Wir waren im U 60311 in Frankfurt gewesen, und es war irgendeine größere Party im Gange. Ich schätze, es war die Jahresparty des Clubs selbst, oder der Geburtstag von Sven Väth – ich denke, der war es.
Wir schrieben das Jahr 2001. Es war Herbst, es war Nacht, und wir saßen in Sven Väths Geburtstagzelt (die Clubleitung hatte oben am Eingang ein kleines Chill-Out-Zelt aufgebaut, da der Andrang der Leute immens war und so noch mehr Geld gemacht werden konnte). Dort lernten wir, druff und gesellig wie wir waren, 2 Amerikaner kennen. Soldaten. Die, so sagten sie, am nächsten Tag nach Afghanistan müssten. Der Krieg hatte gerade erst begonnen (oder sollte beginnen?) und den Jungs ging ziemlich die Muffe. Jetzt knallten sie sich ordentlich weg und versuchten sich an eine Freundin von uns heranzumachen.
„You are the beautifulst woman I have ever seen“, bauerte der Eine in einem furchtbaren Texanischen Akzent, was uns Begleitern einige Lachsalven abverlangte, denn obwohl sie ohne Zweifel eine schöne Frau ist (der Schwedische Typ: Langes blondes Haar, volle Lippen, große, grandiose Titten – nein, das sind keine Brüste, das sind wirklich Titten…), schob sie in dem Moment dieser lechzenden (und Beingreifenden) Komplimente wegen ihrer eindeutigen Ecstasy-Einnahme so dermaßenes Gesichtsgulasch, dass von ihren Model-Gesichtszügen nichts mehr übrig blieb – wir lachen heute noch darüber. (Und wir passen auch heute noch auf, dass „unseren Frauen“ in diesen Unzurechnungsfähigen Zuständen nicht an den falschen Kerl gelangen – mit Volldruffen Frauen kann Mann alles machen. Die könnten ohne weiteres vergewaltigt werden, und würde das gar nicht checken…)

Damit ist die Soldatengeschichte jedoch nicht zu Ende. Die hatten so peinliche neongelbe Leuchtstäbe dabei, wie aus dem dritten Rambo (ihr wisst schon: „Was ist das?“ „Blaues Licht.“ „Und was macht das?“ „Es leuchtet blau.“ „Verstehe.“)

die Dank der Nu Rave Welle auch wieder in den Clubs zu bekopfschütteln sind. Die Amerikaner hatten die dabei, und tanzten mit denen (wortwörtlich) in der Gegend herum, weil die das wohl irgendwie toll fanden (oder in einem schlechten Film gesehen hatten). Irgendwie zerbrach der Eine von Beiden sein neongelbes Kunststofflicht über die Karstadtraverhose seines Dealers, der ihnen gerade 3 Mal so teuer wie für uns Teile vertickt hatte – was dem mit der versauten Hose natürlich gar nicht gefiel. Zwar wurde da noch viel von „Sorry“ von Seiten der Amerikaner erzählt, doch im Endeffekt (ein ziemlich schneller Endeffekt), wurden sie draußen von den (wohl koksenden) Frankfurtern ziemlich deftig verprügelt. Nicht das die Securitys das nicht gesehen hätten. Spielte sich alles ja am Eingang ab.
Nicht das ich jetzt eine besondere Moral aus der Geschichte ziehen wollen würde. Sie fiel mir einfach nur gerade zum Thema Afghanistan ein… 😉

Fipps: „Gehst du heute Abend dann wieder auf so ne Drogenparty, Paul?“
Da ist es wieder. So wie man die Anderen als normal „herabstuft“, wird man von ihnen als „nur süchtig“ gesehen.

Der Text zur Nacht (62)

Tanja wohnt nur ein paar Straßen weiter. In der Augsburger Innenstadt ist ohnehin alles nur „ein paar Straßen weiter“. Ländliche Großstadtidylle. Einer ruft immer: „Es ist gleich da vorne!“
Vorbei am alten „Kerosin“, der zweite interessante Laden, in dem man in Augsburg früher feiern konnte. Jetzt hat er wiedereröffnet unter dem Namen „Ideal“, und da wir es im Nachtleben gar nicht so ideal haben wollen, sondern eher etwas schmutzig, lebendig – also dreckig; war man da noch nicht gewesen. Bestimmt hat das auch etwas mit dem Line-Up der Nächte zu tun, denn wäre dort ein „großer DJ-Name“ gewesen, wäre man als Augsburger bestimmt mit Rattenfängerischer Präzision und Berechenbarkeit in die Popularitätsfalle gelaufen, die von den Marktanalysten des Clubs ausgelegt wurde, und deswegen dann doch mal vorbei gekommen. Weil DER aufgelegt hätte – wer auch immer…

Techno, gerade und nicht ohne Zufall entstanden nach dem Fall der Mauer und dem Ende des Unrechtsregimes der DDR, hatte einmal den selbstlosen Anspruch (weil es eben KEINEN hatte) die demokratischste aller Musikbewegungen zu sein: Für einfach alle. Vom Volk, für das Volk, DURCH – das Volk. Hier traf sich wer wollte, wer mochte, wer das bei der Lautstärke überhaupt konnte, um die Musik zu feiern, den Moment, den Exzess, und eben nicht Disco like ein paar Bretter zu nageln. Doch als, und das wurde oft und ausführlich dokumentiert, Techno aus den Kellern heraus getragen wurde – wortwörtlich, erst eine, dann mehrere Paraden hatten sie extra deswegen und dazu veranstaltet um das Ding herauszuhieven – übernahmen die Kapitalismuslobbyisten das Ruder (das muss dem Techno nicht peinlich sein, dem armen Kerl, denn dass passiert allen Wunderkindern – nennt mir Eines, nur EINES, das ohne diesen Fehl ist…) und die führten nach und nach das Rockstarprinzip in die elektronische Musik ein, da man mit dem eben so richtig gut Kohle machen kann (man braucht ja einen – Vorsicht, Witz – „Aufhänger“, für den die Leute auch mal Geld ausgeben, Jemanden mit Wiedererkennungswert – wenn schon die Musik immer „gleich klingt“…). Plötzlich war der DJ nicht mehr einer von uns, auf gleicher Höhe in der Menge, sondern, was auch optisch immer wieder schön mit verspannten Nacken zu bestaunen ist, plötzlich bei der Arbeit des Plattenauflegens hoch erhoben auf der so genannten „DJ-Kanzel“, zu der wir nicht nur schön Hochschauen und Staunen dürfen; freilich sieht der DJ auch auf uns herab…
Nicht alle Sterne sind unerreichbar. Für Manche reicht es aus, wenn sie einen Meter über dem Boden der Anderen stehen.

Ich selbst hatte dieses System mit seinen Heldenmythen und Verehrungsgehabe Jahrelang nie in Frage gestellt, da es für mich, wie für die Millionen, die mit und nach mir kamen und kommen, natürlich und selbstverständlich wahr; für uns war das „schon immer so gewesen“. So entstehen vielleicht auch Religionen und Republiken. Eben durch das Nichtwissen und Nichtverstehen des Ursprungs.
Unleugbarerweise steht ein DJ-Name auch für eine bestimmte Musikart, für eine bestimmte Klasse des Mannes oder der Frau an den Turntables, doch wenn ich die Line-Ups (das Namenaufgebot auf einem Festival oder in einer Clubnacht) lese, gerade von den großen Festivals (Paradebeispiel ist für mich immer wieder die „Time-Warp“ in Mannheim, oder das einstmalige Goldene Kalb der Szene, die „Nature One“), stehen dort seit 20 Jahren immer die gleichen Namen ganz oben. Die frischen, neuen, innovativen Platten werden von teilweise unbekannten Künstlern produziert, die dann ihre 2, 3 Minuten Ruhm bekommen, doch unter dem Volk verteilt werden die heißen Scheiben von Gottes Vertretern auf Erden – der soll ja auch ein DJ sein….

So etwas zu sagen und zu denken ist für einen wie mich, der Jahrelang dem Sven Väth gehorsam war (und wirklich – dem musste man einfach zuhören) natürlich eine Watschen ins eigene Gesicht, da gerade er für dieses System steht, das System des Stars, des Vaters, der Wagenlenkers – der aber auch einen Batzengeld für 1 Stunde Musikaneinanderreihen bekommt. Nicht umsonst tanzt die Technomenge immer in die gleiche Richtung, nur zum DJ-Pult hin, eben wegen Sven Väth, weil dieser Entertainer und unleugbarer Sympath die Aufmerksamkeit und Energie der Leute für sich beanspruchte.
Das fand ich als Gedanke und Vorstellung (gerade auch weil ich Fan war) immer total toll und beeindruckend, dass der so faszinierend ist, dass sich die Menschen in seine Richtung bewegen. Später, als mir Väths Musik immer beliebiger erschien und ich ihm nicht mehr folgen wollte, tanzte ich zwar immer noch in „seine Richtung“ (Metapher), ging aber zum Tanzen nicht mehr zu ihm, sondern zu anderen DJs; es ist ja auch wirklich so:
Tanz einmal auf einer Technoparty stur in die „falsche“ Richtung, einfach so, weil du keinen Bock darauf hast, und wahrlich ich sage dir: Die Drogensüchtigen werden dich für Drogensüchtig halten. Oder einfach nur für einen Idioten, der keinen „Plan von der Musik hat“ (das ist dann aber ein ganz eigenes Kapitel).
Gerade hieran zeigt sich die feste, fast schon fest am Boden verschraubte Struktur der als doch so frei und Regellos empfundenen Feierkultur – made in Germany.
Merke: Es sind die Marginalitäten, die unsere Fesseln offenbaren.

Und während ich mit diesem Gedanken am alten „Kerosin“ vorbei um die Ecke biege (das Polizeipräsidium im Rücken, dem Club genau gegenüber gelegen), denke ich daran, dass man diese Strukturen nicht nur Väterchen „Techno“ sondern auch Enkelchen „Electroclash-Nu Rave“ (das heißt nicht „Electro“!! Ihr Simpel. Electro gibt es schon seit einer Ewigkeit. Man kann nicht einfach eine Silbe weglassen, weil es cooler klingt – das verändert den Sinn!!!…) nachsagen kann – ich habe keinen Bock mehr mich Gruppenzwang mäßig irgendwo auf einer Tanzfläche hinzuknien und dann aufzuspringen, nur weil das „alle“ jetzt doch mit machen; „sei doch kein Spielverderber“. „Entschuldigen sie. Sehens her. Ich tanz nämlich eigentlich nicht für andere. Sondern für mich selbst.“ „Dann zeigen sie mir doch bitteschön im Gegenzug einmal den Stempel, den WIR IHNEN am Eingang für IHR gutes Geld auf die Hand gemacht haben. Aha. Und? Was steht da?“ „Äh Warsteiner.“ „Genau, und was da noch steht, sie aber wohl nicht lesen können: Willkommen im Club. Wer diesen Stempel trägt, der hat sich ans Programm zu halten.“ … „Ich dachte der ist dafür, dass ich wieder hereinkomme?“ „Klar kommen sie wieder herein. Sie haben ja bezahlt. Doch welche Musik hier gespielt wird, das entscheiden wir – sie verstehen?“

Bis zu Tanja ist es nur noch die Straße runter. Hier zeigt sich Augsburg von seiner schönen Seite. Es ist beschaulich, auch wenn die Randsteine überfüllt sind mit ruhenden Autos. Der Park ist hier in der Nähe, und das alte Fußballstadion.
Wie lange bin ich gelaufen? Wann bin ich von zu hause weg? Gerade einmal anderthalb Stunden. Es ist schon krass wie viele Gedanken einen überkommen können, wenn man einfach nur von einem Ort zum nächsten reist. Durch bebautes Gebiet, durch belebte Vergangenheit. Und ich hätte noch so viel mehr zu erzählen, nicht nur über Drogen und Techno, über die Gesellschaft – sondern vielleicht auch einmal etwas über mich. Denn all das, dass ist nicht das, was mich ausmacht. Das ist nur ein Teil von mir.
Und die alte Sucht in mir. Die klappernden Flaschen in meinem Rucksack. Der Gedanke an die heutige Partynacht. Fragen: „Bist du dir da sicher?“
Ich habe darauf nichts zu entgegnen.

Ich drücke die richtige Klingel am richtigen Haus und sage mir: „Jetzt mal Schluss mit Party und dem ganzen Scheiß. Jetzt kommen wir mal zur Normalität zurück. In die Normalität der Anderen. In die Heidi-Zeichentrick-Normalität, in der man sich Krankheiten und Probleme nicht mit einem Geldschein durch die Nase zieht, in der man Glück nicht kaufen kann.“
Es „Bzzzt“ an der Türe.
Dann gehe ich hinein.

Anmerkung:
Weiter geschrieben hätte ich bestimmt die nächsten Tagen (ich hatte es vor), doch dass ich es jetzt so schnell getan habe, liegt an der Entwicklung der letzten Tage.
Bisher hatte ich etwas das Problem, dass ich die Szenen nicht genau vor Augen hatte (was nicht schlecht sein muss), aber jetzt traue ich mich weiter zu machen, weil ich eine „Lösung“ gefunden habe. Glaube ich 😉
Ich bin selber immer ganz baff wohin das führt, wenn ich mal anfange; da hatte ich mir so viele schöne Notizen gemacht für den Eintrag, und habe jetzt nur eine davon wahrgenommen, nämlich „Kerosin“ :)) Ich glaube, ich bin echt ein Schwätzer 😛

D.I.M., Shantel, "die toten Crackhuren im Kofferraum" in der "Kantine" Augsburg, der 15.1.2011

Das ist mir schon seit Jahren nicht mehr passiert. Im Rückblick weiß ich nicht mal mehr genau, warum. Natürlich, selbstverständlich, klar: Es hat etwas mit Alkohol zu tun. Sonst hätte ich auch gar nicht gekotzt. Alle meine Freunde und Kumpels wunderten sich darüber, „das hast du ja noch nie gemacht“, „wusste gar nicht, dass du das kannst“ (…). Aber. Wie sagte der F? „Ich habe noch nie jemand im Gehen so souverän kotzen sehen.“ Immerhin. Souveränes Kotzen.
Kein „Übergeben“ oder „Spuken“. Das hat richtig wehgetan.

Dann ging ich wieder nach oben. Ich „riss mich zusammen“ und betrat den als „Schwimmbad“ bezeichneten oberen Floor der „Kantine“. Ein befremdlich angenehmes Gefühl überkam mich, als ich meine Leute dort beim Tanzen sah. Schöne heile Welt.
Wems schlecht geht, der sollte doch besser draußen bleiben, doch und aber: Wenn es wieder geht, mit dir und deinem Körper. Dann mach doch einfach mit. Schwing das Bein, die Hüfte; wipp mit dem Kopf, den Ellenbogen, dem Verstand. Man lacht sich INS Gesicht, tätschelt sich gegenseitig grinsend metaphorisch die Wangen mit dem Lachen, und haut nicht gehässig Ohrfeigen mäßig rein. Nein. Schon wieder ist das Lachen eine zärtliche Berührung. Nicht aggressiv, schon gar nicht boshaft.
Die Füße malen den Beat auf den Boden; die Arme zeichnen die Musik aus der Ebene der Akustik in das Reich des Sichtbaren. Man wendet sich voneinander ab, sucht sich dann wieder. Dreht sich im Kreis.
Geht´s wieder?
Geht´s gut?
Alles klar?
Bitte.
Danke.
Dann wollen wir mal weiter machen – du, wir haben gar nicht wirklich aufgehört.

Ich stelle das mir von einer Freundin gegebene Wasser ab, und lasse mich in die Musik fallen.

D.I.M. hatte bereits aufgehört an seinen MP3s herumzuschrauben. Den Typ da oben, der „Sonnebrille bei Nacht“ spielt, kenn ich nicht. Das macht jedoch nichts. Es ist total unwichtig, wer er ist.
Gerade eben, vor dieser kaputten Szene, die sich auch etwa eine halbe bis dreiviertel Stunde hinzog, war noch der J beim supernetten D.I.M. oben gestanden, und hatte den Boys Noize Mann während der „Arbeit“ voll gequatscht und besoffen beratschlagt. Den hat das dann sichtbar genervt. Der J sollte doch bitte mal Ruhe geben. Ich muss doch hier auflegen. Doch dennoch schickte er den J nicht weg, sondern wies den supersympathisch an, einen Schritt zurück zu gehen, um ihn mal „machen zu lassen“.

DSC00924

Mit B war ich dazu herum gespakt auf der Tanze. Die Mundwinkel zeigten nach oben, die Augen glänzten; eigentlich ein wunderbarer Freundschaftsmoment, dabei so gesehen nichts Besonderes, denn gerade DESWEGEN waren wir ja hier. Deshalb hatten wir doch Eintritt bezahlt und die Gläser gelehrt.

Ganz am Anfang war da oben, im „Schwimmbad“, noch die letzten drei Lieder „der toten Crackhuren im Kofferraum zu hören. Die klingen etwa so wie die „Chicks on Speed“, nur waren die noch übler angezogen, konnten noch weniger singen, und der Sound war dazu noch richtig derbe überflüssig,

Deichkind für noch Ärmere. In Echt klang das sogar noch schlimmer.
Und Gott sprach und regierte: „Live ist halt immer anders. Irgendwie.“
Klare Ansage, Herr…

Unten im so genannten „Flammensaal“ war Balkandisco angesagt. Shantel legte da auf, der wohl so eine Art Berühmtheit in der Balkandisco-Szene ist, was mir sofort klar wurde, als ich den Tag zuvor zu meinem Auto ging und irgendwer irgendwo in der undurchdringlichen Dunkelheit meinte (mit Russischem Akzent): „Morgen ist Shantel bei Balkandisco in der Kantine.“ Und mir wurde sofort und ohne Umschweife klar, dass wenn ich in meiner Nachbarschaft mal Jemand als Deutscher verstehen kann, es sich um ein amtlich wichtiges Ding handeln müsste.
Balkandisco klingt so, wie man es sich vorstellt. Jenen, denen es an Vorstellungskraft fehlt hier ein Lied des Meisters himself, Shantel, was immerhin auch schon 6 Millionen Mal angeklickt wurde.

Balkan ist bei uns Pop. Warum wundert mich das nicht? ;D

Jetzt aber mal allen gespielten Rassismus und Zynismus beiseite: War eine witzige Vorstellung. Der große Flammensaal war gerammelt voll. Die Hände in der Luft und gute Laune aller Orts. Zwei „meiner“ Mädels waren extra und nur deswegen mitgekommen. Die tanzten dann da auch auf der Bühne etwas unbeholfen herum, und den Shantel freute sein Gig und machte es Spaß. Auch ein sympathischer Kerl – und weil D.I.M. schon wieder oben auflegte, und Shantel unten, das also extra und schon wieder so gebucht worden war, kann man diese Veranstaltung als die der sympathischen Plattenaufleger bezeichnen.
Ist doch sympathisch.
Der Rhythmus ist ein gewogener, wiegender Hängematten-Baumel-und-Schaukel-Takt; der Alkohol floss in Strömen, und die Leute hatten Spaß. So soll es sein. Fremde, andere Welt, doch lass da mal gut Spaß haben.
Oder noch besser: Mach doch einfach mal mit.
DSC00914
DSC00916
Das ist kein Aufruf, kein Gute-Laune-Zwang; kein Faschismus in der Art, locker sein zu „müssen“, sich diesem endlos blöden und holen Diktat zu Unterwerfen, immer einen Scherz auf den Lippen zu haben, weil man ansonsten blöd und verkrampft ist, und nur der etwas zu sagen hat, der alles mit Leichtigkeit und Ironie nimmt, sondern einfach mal…

Schnitt

Boris Dlugosch und Fukkk Offf im Rocker33, Stuttgart, der 11.12.2010

Nach der letzten Schlägerei in der S-Bahn (Merke: Die coolste Antwort auf einen blöden Spruch, ist nicht immer die Beste; die zwei Typen kannten sich vorher nicht – 1: „Jetzt pass mal bloß auf Mann. Ich bin ein böser Serbe.“ 2: „Soll ich dir sagen warum du in Deutschland bist? Weil deine Schwuchtel von Vater vor den Kroaten davon gelaufen ist.“ Wirklich. Respekt. Coole Antwort, aber das macht man nicht, wenn man alleine gegen 6 ist. Ich habe ja auch schon ein paar Mal eine aufs Maul bekommen, doch mit dem Typen und seiner Situation wollte ich gegen kein einziges Mal davon tauschen…) fand ich bei meinem Kollegen 😉 auf dem Kanapee einen dritten Mann vor. Neben den legte ich mich dann, und konnte noch geschlagene 2 Stunden schlafen. Mein Kollege schnarchte mir durch die Ohrenstöpsel hindurch (immerhin, der lag im Bett, zwei Meter entfernt), während der dritte Mann ein Schmuser war…

Dann wurden die Nachterlebnisse ausgetauscht. Kotze und Party da, bei mir ein Dirigent, der sich ein Bier bestellte, um es sich mit mir zu teilen – ich war totalst baff, dass er ausgerechnet von dem ganzen Tisch, voll gestopft mit Musikern und Mathematikern, gerade mich danach fragte, aber ich hatte auch als Einziger ein zweites Bier bestellt. Und wirklich schüttete er mir dann mein halbes Glas voll, was ich von ihm zwar irgendwie nett, jedoch ziemlich durch und prollig fand ;D Nebenbei: Es gibt auch Bier, das in kleineren Portionen als ein halber Liter serviert wird…
Überhaupt und sowieso war ich immer noch etwas baff über die wohltuende Normalität der Leute am Tag zuvor, die einfach und endlich mal keinen Dachschaden hatten. Noch mehr als ich den dritten Mann fragte, was heute noch „geht“, worauf er antwortete: „Kiffen bis zum Umfallen. Keinen Bock heute auf Freundin. Einfach einen schönen Tag daheim.“ Das konnte ich dann natürlichst absolut verstehen, auch wenn ich kein Kiffer bin, dass es jetzt doch das Geilste wäre, sich total und megamäßig heftig weg- und abzuschießen, sich total zu zerstören, mit Nadel im Arm (ok, „H“ war jetzt nie mein Thema, das ist eher eine Metapher), verdrehten Augen, wohligen, debilen Grinsen in der Fresse, um einfach und wieder mal vor der ganzen Welt davon und wegzulaufen – und da man (wir Alle) eben müde war, kam die Frage dann auf das Pep, dass einem den Elan verabreichen könnte, heute Abend nach Stuttgart zu reisen, um im Rocker heftig zu Punken („nur gegen die Müdigkeit“ – jaja klar)
Eine prima Scheißidee also.
Also Griff zum Handy. Wo der ist, und wo sein Material. Bis dann die Stimme der Vernunft einigermaßen durchkommt und meint: „Ja ne. Das machen wir lieber nicht. Ist doch voll kaputt und blöd. Das wollten wir doch nicht mehr anfangen. Denn. Das tut weder dir noch mir gut.“ Davonlaufen bringt nichts…
Da kam mir dann auch wieder einmal zu Bewusstsein, dass ich, auch wenn ich nicht zu den Bösen gehöre, wohl nicht der Umgang für hübsche junge normale Menschen bin. Dass man ihnen und sich das nicht auch noch antun will. Die auf dem Gewissen zu haben. Die zu beschmutzten… Wobei das natürlich auch Unsinn ist. Als würde man jemand jemals irgendwie zu irgendwas gezwungen haben, dass waren immer freie Entscheidungen – das ist wie im „Traum eines lächerlichen Menschen von Dostojewskij“, ihr wisst schon was ich meine…

Bei der frühmorgendlichen Zigarette (jaja…) wurde der Schlachtplan entworfen, wie das nun mit Stuttgart laufen würde. „Schlaf ist Kommerz“, das hat ja auch der Hardy mal gesagt. Mittags mit dem Zug zu mir heim, dann ein paar Stunden Schlaf, dann weiter.
Leider blieb der Zug zwischen Augsburg und München eine geschlagene Stunde liegen, was mir teure Schlafzeit stahl (ich muss schon ziemlich fertig sein, um in einem dieser neuen Züge schlafen zu können; die sind von irgendwelchen New Age Nazis so entworfen worden, dass man nur wie ein Gepäckstück dasitzen kann, ohne die Möglichkeit, seinen Kopf irgendwohin zu beten – nebenbei, ich habe Gedanklich schon eine Schleife entworfen, die man als Kopfkissen verwenden könnte, mhm) und auf meine Anrede an den Schaffner hin bekam ich die Antwort, dass an dem Problem der Zug schuld sei, da die Politik nicht die Besten gekauft habe, um mit den Worten zu enden: „Es geht eh alles den Bach runter…“
Ermutigender ging es nicht mehr…

Nach 2,5 Stunden Schlaf fühlte ich meinen Willen zum Wahnsinn geweckt – Red Bull in den Hals schütten, duschen (was gleichzeitig geht aber einen kleinen Verdünnungseffekt hat 😉 ), der erste Schnaps, dann rein ins Auto und wieder ab zu Bahnhof.
Kurz vor 12, aber lang betrunken kamen wir vor dem Rocker an (dass der Stuttgarter Bahnhof irgendwie zerstört war, sah ich nur an der Mahnwache draußen), wo sie natürlich erst vor kurzen die Türen aufgemacht hatten, so dass es ein hohles und doofes Geschiebe in der Menge gab. Das war aber noch gar nichts zu dem Gedrücke, das an der Garderobe entstand. Dass war schon barbarisch – und unendlich blöd. Der Männerüberschuss (nehmt das bitte wörtlich) viel uns schon draußen auf, und die Herren hielten nicht sehr viel vom Schlangestehen (davon abgesehen, dass man einfach wirklich die Türen um elf aufmachen sollte, wenn man es so ausschreibt – immerhin war bis 12 nur der Eintritt billiger – dann hätte es das Problem nie gegeben; das ist wie auf dem Berlin Festival, vlt sollte ich Crowd-Manager werden…)
Das Ganze hatte für mich von Anfang an einen ziemlichen Proletentouch. Zugegeben: Die Nu Rave Sache wird niemals Hochkultur sein (will sie auch gar nicht). Dabei finde ich den Begriff „Hooligan-Disco“ trotzdem schön zerstört, aber die Szene in Stuttgart hat ein Hype-Problem. Es ist wirklich ok und cool mal Konzertartig in einem Club einen draufzumachen, doch die Energie, die bei so einem Event freigesetzt wird, sollte dann auch nicht in planlosen Fußball-Gegröle/Gehabe untergehen. Klar macht es Spaß mitten auf der Tanzfläche bei Boris Dlugosch bei kratzigen, fiependen Boys Noize Krach durch die „Wall of Death“ zu hopsen und zu pogen. Dennoch sollte dass bei den Höhepunkten der Nacht, und nicht inflationär geschehen – oder von Posern inszeniert werden; die Bierdusche musstest du machen, hä R? 😉 Aber es hat auch Spaß gemacht ;D
Es war nur einfach zu viel an Vielen. Normal bin ich der Typ, der sagt: „Umso mehr Leute, desto besser.“ Etwas zuviel war es dann doch. Ich denke noch immer gern zurück an meine erste Nacht im Rocker33 mit Mister Oizo, und das war, nun ja, natürlich, schon Gläser an die Wand, Pogo und Schrammen, Blaue Flecke und Schürfwunden am Körper, doch es war einfach nicht so platt und flach; sagen wir es so: Die Musik rief die Momente hervor, nicht der Alkohol. All das geschah im richtigen Augenblick. Ich rappelte mich lachend wieder vom Boden auf, und dann ging es weiter, weil der Sound einfach so drückend und so fordernd war, nicht weil man es „eben so macht“.

Witzig war dennoch das Gesicht meiner besten Freundin, die mit mir früher nur auf Technopartys gegangen ist, und dieses Tohuwabohu nicht kannte. „Vor einem Jahr war das doch noch ganz anders!!“ Ungläubiger Blick :)) Dennoch finde ich den Ed Banger Sound viel besser zum Feiern als das Kettensägen und Sirenengekeife der Boys Noize Ära (in der wir uns seit Anfang des Jahres befinden); es ist halt nicht so blöd und ewig das Gleiche.
Auch Herr Boris Dlugosch spulte nur – zwar gut und mit einem hohen Fun-Faktor, das will ich nicht klein reden – das Boys Noize Records Einmaleins herunter. Während man drin steht macht das Spaß, keine Frage, doch Überraschungen gab es leider gar keine. Austauschbar, schade.

Es ist so wie ich es in meinem vorvorherigen Beitrag vermutet hatte: Die Electro-Sache wird langsam inflationär. Der Zulauf ist zu groß, die Qualität der Partys nimmt leider langsam ab (noch mal: Siehe Schranz – progressiv Techno – und Minimal) – ob es da noch hilft auf das neue Album von „Justice“ zu hoffen, ist schwer zu sagen; aus dem Nu Rave/Electro wird eine Zirkusnummer. Die macht Spaß, keine Frage, aber sie hat immer weniger dieser Momente zu bieten, die ich so sehr liebe, eben, wie gestern beschrieben, diese Augenblicke der Schweißtriefenden Entrückung. Das hatte ich gestern schon auch, diesen Selbstverlust in der Musik – nicht in der Menge aber, sondern weiter hinten bei den Frauen (jaja, ich weiß wie das klingt) wo ich zu den Tunes von Fukkk Offf tanzen konnte. TANZEN darum sollte es gehen, und wenn das auch mal zu Pogo umschlägt, gern. Doch eine Nummer sollte daraus nicht werden.

Fukkk Offf spielte eher eine technoidere Art des Electro – Hands up, ja klar! – aber eben auch Tanzbar. Dennoch hätte ich mir von ihm mehr erwartet. „Rave is king“ hin oder her.
Vom Kopf her wollte ich auch einfach nur noch Abschalten, als zu Fukkk Offf abging. Beste Freundin – einmal im Jahr trifft man sich nur noch – hin oder her. Ich wollte diesen Moment der Entrückung haben, und ich bekam ihn auch. Abschalten wollte ich. Mein nerviges, handelndes Ich verlieren, um zu meiner Basis zu finden. Ich wollte glücklich sein, mit einem reinen, erledigten Gefühl der Erschöpfung in meinen Muskeln. Den Alkohol herausschwitzen, und normal werden – komisch, wenn ich nach so einem Getanze den schwer hineingeschütteten Alkohol wegverarbeitet und herausgeschwitzt habe, geht es mir immer am Besten.

Hätte ich aber gewusst, dass meine Freundin und ihre Bekannte schon um 4 Uhr gehen würden, dann wäre ich nicht ganz so vehement und lang beim Tanzen geblieben. Plötzlich war es sechs Uhr, Autodidakt spielte ein Okayeness, dabei nicht gerade überragendes Set und mein Partner lag zerstört in der Ecke – zwar wollte er sich noch etwas Aufstellen, doch das hatte allen Anschein nach wohl nicht mehr geklappt. StuppsStupps… Lebst du noch? Bist dus überhaupt

So saß man da. Müde und belustigt. Von sich selbst. Von der Szene hier. Den Leuten. Führte ein Gespräch mit einem jungen Pärchen, die erzählten dass das Rocker33 im Zuge von Stuttgart21 eingestampft werden würde, was ich durchweg als positiv ansah. Weg mit dem Alten. Her mit der Erinnerung.
Einstürzende Neubauten.
Der nächste Club kommt bestimmt. Irgendwo. Dort. Wo es keiner erwartet.

Die kleine Uffie rappte dann doch noch einen Ed Banger Song raus

Und ich saß da und lächelte.
Was war denn das wieder für eine Woche gewesen? Hard Rock, Symphonie und Electro. Irgendwie gehörst du nirgendwo dazu. Ob bei den Jungen, oder den Alten. Bist zerstört – dir gefällt das – und willst dennoch kultiviert und verkopft sein. Willst freundlich sein, und doch ein Arschloch. Geliebt und gehasst werden. Wie war das mit Nietzsche 🙂 „Man muss noch etwas Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern zu gebären“ (klar, jetzt fällt mir das Zitat ohne Problem ein 😛 ).
Dann geh doch noch mal tanzen. Mit oder ohne Sterne.
Und dann geht man. Die Musik ist scheiße, doch es macht Spaß :))
Du bist müde, aber zu aufgeweckt, um zu erlahmen.
Plötzlich sitzt man in einem Kuhkaff in seinem laufenden Auto, Polizeibeamten sehen dich an. Du nickst ihnen leise lächelnd zu. Und sie lassen dich laufen.
Ist doch noch mal gut gegangen…. Oder?

Ende Teil 2. Fassung 1.

Die Nacht nach heute – Stuttgart kaputtraven

1fukk600

Ich habe den Boris noch als besten House-Dj der Nation in Erinnerung, jetzt macht er auf Boyz Noize Electro. Hm. War irgendwie zu erwarten, dass auch die „normalen“ Techno-DJs auf den Nu Rave-Hooliogan Disco-Electro-Zug irgendwann einmal aufspringen werden. Das ist dann wohl der Anfang vom Untergang der Szene.
Siehe:
Progressiv Techno (Schranz)
Minimal

Gerade hatten wir es im Dialog, dass „Extrawelt“ (bald in Augsburg) noch die richtigen guten (auch meiner Meinung nach) Minimal-Burner rausgehauen haben (wie der Hawtin), bis dann wirklich ALLE diese Musik machten, und die Qualität unter der Quantität der Produktionen zertrümmert wurde.
Dennoch freue ich mich auf einen schönen Abend, mit den unterschiedlichsten Freunden, und ein paar alte, sowie neue Gesichter, die ich dort (vlt) treffe.
So:
Here we go!