Menschenkenntnis

Eben. Gerade. Stand ich am Fließband. Bei der Kasse. Beim Rewe. Drei Kunden vor mir war ein älterer Mann. Verschlissene Schildmütze. No-Name-Trainingsjacke. Alkoholiker-Gesicht; definitiv eine Alkoholiker-Nase. Der wollte sich zusätzlich zu seinen Besorgungen Zigaretten kaufen, hatte irgendwas mit einem Gutschein durcheinander gebracht und nun zu wenig Geld. Immer wieder zog er ein paar Cent aus seinen Taschen und der picklige Azubi an der Kasse zählte sie. Es reichte wieder nicht. Es mutete wie ein Spiel an, bei dem nicht klar war wer zuerst aufgab. Der Kunde oder das materialisierte Gesicht des Rewe-Unternehmens. Das zog sich ungelogen ein paar Minuten so hin und ich dachte mir: Wollen wir doch mal nicht so sein. Ich entschuldigte mich und reichte dem Jungen an der Kasse mit der Marco Reus Frisur 2 Euro. Der fehlende Betrag. Mir wurde von dem Alten zugenickt. Er sah mich nur aus dem Augenwinkel an. Der Jüngling lächelte erleichtert auf. Eine Minute später war ich an der Reihe und der junge Marco Reus bedankte sich noch einmal für das Geld. Worauf ich nur ehrlich sagen konnte: Ich hatte auch schon mal zu wenig Geld dabei. Da lachte Marco nur. So in Gedanken: „Das DABEI war hier nicht das Problem.“ Aber gar nicht böse.

Ich gehe dann also da so raus und da lädt der Mann mit der Alkoholiker-Nase sein Zeug in den Kofferraum seines alten Autos und ich denke mir so: „Warum eigentlich nicht?“ Gehe rüber und frage ihn freundlich, ob ich nicht auch eine Zigarette haben könnte. Und er sieht mich an und sagt: „Nein.“ Steigt in sein Auto und fährt davon.

Werbeanzeigen

Das Südufer-Festival 2017 in Friedberg – Rückblick

Was im Jahr 2017 vollkommen normal ist, war in meiner Jugend unmöglich: Heute kann man jedes Wochenende im Sommer auf ein anderes Festival gehen. Ja. Es gibt inzwischen sogar Festivals, auf die man auf zwei Wochenenden hintereinander gehen kann. Schließlich war man eh die ganze Woche da. Diese Vergnügungssucht der Europäer ist eine ziemlich einzigartige Entwicklung, wo man jetzt leicht den Moralischen spielen kann. Belassen wir es bei der Erkenntnis, dass es „früher“ nur zwei, drei Festivals in Deutschland gab, die den Namen auch verdienten (gerade was das Organisatorische angeht), heute ist das komplett anders. Dass dabei die Exklusivität verloren geht und man sich nicht mehr besonders besonders fühlen muss wenn auf ein Festival geht, ist eh klar. Aber. Ich halte das auch für etwas Gutes. Dieses Elitending ist ja auch immer ein wenig seltsam und baut auch ganz strange Strukturen auf, so wie der Irrglaube, wie man sich auf einem Festival verhalten muss.

Da muss dann unbedingt gesoffen und gekifft werden wie ein Loch. Da muss dann Flunkyball und was weiß ich gespielt werden. Da muss Dosenbier getrunken, billige Wurst gegrillt und Körperlich derbe gestunken werden; wie auch immer: Festivals gelten mit ihren Verhaltensregeln denen sich die Besucher dort auferlegen, fast schon wie wirede Sekten. Und weil ich mich schon immer für etwas Besseres hielt, bin ich froh dass die Proletisierung auf den kleinen Festivals noch nicht so weit fortgeschritten ist. Der Trend geht zur Nachhaltigkeit und weg von den Träumen des Prekariats, in seinem eigenen Müll ungeschützt aber anonym zu vögeln. Und wenn man richtig Bock hat es sich mal außerordentlich würdelos zu geben, geht das auch auf so einem Festival wie am Friedberger Südufer. Denn wenn man will, geht das überall. Der saublöde Gruppenzwang ist dann aber weg.

Das „Südufer Festival“ ist nicht nur ein kleines Festival. Im ersten Jahr  würde ich es sogar als ein „Familien-Festival“ bezeichnen. Alles sehr gesittet und auf einem vernünftigen, freundlichen Spaß-Niveau.

Ich war nur am Samstag und das Publikum bestand vornehmlich aus Jugendlichen und deren Onkeln und Tanten, die ohne Bedenken ihre kleinen Kinder mitbringen konnten, die dann selig im Kinderspielplatz Sandburgen bauten. Ich gebe ja zu: Das klingt jetzt schon Hardcore-Konservativ. So schlimm war es dann aber auch nicht. Es war einfach ein schöner Tag am Badesee, an dem sich keiner die Hände schmutzig machte. Okay. Das klingt immer noch ziemlich schlimm. Ist es aber nicht. Die Frage ist halt was man will. Und wie wir so da saßen. Das kalte Bier in unseren Henkelbechern. Und sahen. Wie sich die frischen Jugendlichen ohne Zorn amüsierten, badeten, chillten. Während die ersten Älteren am Techno-Floor zu Tanzen begannen (heute würde man wohl Electro-Floor sagen). Im spirituell schönen Sommer-Licht. Da. Da war die Welt schon ziemlich in Ordnung.

Diese Wahrheit ist dabei rein aus der Retroperspektive gewonnen. Weil. Ich mag das tatsächlich gar nicht so. Diese verdammte Hitze. Und dieses Leute-Kennenlernen. Selbst bin ich ja auch ein ziemlicher Idiot. Am Ende des Tages jedoch war alles gut. Man gab neuen Bekannten gerne die Hand und versprach sich ein Wiedersehen. Und nickte im Nachhause-Gehen den Tag freundschaftlich hinterher. Das hat Spaß gemacht. Wo lernt man auch sonst Leute kennen, die einen bereitwillig in ihrem angrenzenden Schrebergarten mit Gartenhäuschen zum Grillen aufnehmen, die einem einen Dübel von dem von  uns selbst mitgebrachten Gras anbieten, die ihr Bier an uns verschenken, uns dabei erzählen wie toll und einzigartig es war bei den Anfängen von Techno mit dabei gewesen zu sein, und können dann, nachdem man diese Menschen und ihre Post-Hippie-Attitüde schon komplett super gefunden hat, auf die Frage was sie arbeiten antworten können: Ich baue Panzer. Hä? 😀 Leopard 2. Wie geil ist das denn? So sind wir Bayern.

Die Bands? Wie die Bands eigentlich waren? Sorry Leute. Bin noch total verpennt. Habe sehr viel Schlaf nachholen müssen. Die Bands  (vornehmlich eine) waren besser als erwartet. Die „Nihils“ mit ihrer Pop-Electro-Art gefielen mir sehr gut. Erinnerten mich an die „Foals“. Und das ist nicht allzu schlecht. Wenn die Nihil-Jungs mal einen Hit schreiben, ist das restliche Programm von ihnen ein gutes Rahmen-Programm dafür.

Schluss machte „Lola Marsh“ an der Hauptbühne. Die vielleicht gar nicht schlecht waren. Mit ihrer Super-Sau-Blöden-Attitüde jedoch komplett albern und unerträglich auftraten. Bei so einer Band ist es sogar ein Fehler so viele Klicks auf You-Tube zu haben. Selbst wenn sie vom Sound her sicherlich sehr gut in die heile Kinder-Welt des „Südufer-Festivals“ passten.

Dann doch lieber wieder rüber zu den Druffis. Denn ohne Druffis geht es wohl nicht. Muss das denn jetzt? Was soll das denn hier? Mach doch mal langsam. Man muss doch nicht überall… Und jetzt halt doch bitte mal mein Bier. Ich will ein Foto machen.

 

Die See-Stage lag wortwörtlich im See. Der Sound war okay. Nicht wichtig. Im Moment gerade richtig. Durchdrehen wollte ja eh keiner. Sei es beim Set von Aril Brikha. Oder bei den Jungs von Auto.Matic-Music. Die so sehr ihr Label geworden sind. Dass sie schon gar keine Namen mehr auf den Time-Table drucken. Obwohl die für Auto.Matic überraschend gut auflegten. Der Aril gefiel mir sogar noch besser. Da schmofte man dann herum. Mit den Alten und jenen, die es gerne wären. Erzählte sich Geschichten. Lachte sich an. Und ließ die Vergangenheit einen netten Onkel sein, an dem sich die Gegenwart zum Glück nicht mehr messen musste. Wie das ganze „Südufer-Festival“, gerade weil es das erste Mal überhaupt veranstaltet wurde, keinen Maßstab hatte. Es war einfach ein chilliger Tag mit Freunden. Nichts Legendäres. Nichts Unvergessliches. Doch wenn man in ein paar Wochen oder einem Jahr daran zurück denkt, erinnert man sich an einen schönen Tag. Was will man mehr?

Ein DJ ist kein Arzt

Seit ein paar Jahren ist unser Nachbar ein bekannter DJ. Wir sind nicht die dicksten Freunde, doch hin und wieder macht man was zusammen; die Frauen kennen sich, Bier wird zusammen getrunken. Nicht oft. Aber doch. Neulich fragte ich ihn:

 

„Hey, ich weiß, es ist nicht ganz so gewöhnlich. Aber meine Freundin wird 25, wir machen ne kleine Party, und…“

„Nein.“

„Wie nein?“

„Du wolltest mich doch fragen, ob ich bei eurer blöden Party auflege?“

„Öh… Ja. Nicht lange. Nur ein, zwei Stunden. Damit es halt ein wenig besonderer wird.“

„Nein. Das mache ich kategorisch nicht. Weil AUFLEGEN nicht mein Hobby ist, sondern meine ARBEIT. Ich verdiene damit mein Geld. Du bist doch Fliesenleger?“

„Stimmt, ja.“

„Was würdest du davon halten, wenn ich von dir verlange mein Bad zu fließen?“

„Also erstens verlange ich nichts von dir und zweitens wenn Freunde nett fragen, dann helfe ich denen, ist doch klar.“

„Du HILFST denen?“

„Das macht man dann zusammen. Das ist so wie du die Party nicht alleine stemmst. Man macht das zusammen, weil man sich mag. Und hat Spaß zusammen.“

„Ich mache das kategorisch nicht. Auflegen ist Job.“

„Na wie du meinst… Finde ich jetzt komisch, aber okay.“

„Wieso KOMISCH?“

„Na ja, als sich dein Sohn den Arm gebrochen hat, seid ihr auch gleich zu uns gekommen, weil Paula (meine Freundin) Ärztin ist. Da hat sie auch nichts gesagt von wegen „Arbeit“ und „Privat“.“

„Tja, die ist ja auch Ärztin. Die muss helfen.“

„Stimmt. Die hat einen Eid geleistet. Aber weißt du was?“

„Hm?“

„Diesen Eid hat sie freiwillig geleistet. Sie hat sich freiwillig dafür gemeldet, immer zu helfen.“

„Da siehste mal. Ich nicht. Weißt du überhaupt was ich an einem Abend verdiene?“

„Du meinst wohl, was du an einem Abend verdienen WÜRDEST.“

„Was soll das jetzt heißen?“

Justice – Safe And Sound

Die unglaublichen JUSTICE sind zurück – mit einem Song, der leider von jeder anderen Nu-Disco-Kombo hätte kommen können… 😦

Ganz nett, ja. Aber ich wisst ja wessen Bruder „nett“ ist…

Mir fehlen die alten Krawallos. Schließlich ist ihr ersten Live-Album eines der Besten die je aufgenommen wurden…

Na egal. Wenn sie wieder in der Nähe sind, gehe ich auf jeden Fall wieder hin 😉

 

Der verdienteste Urlaub aller Zeiten

Mal wieder 😉
Früher wäre es mir wie ein Lob erschienen, wenn man die Wochen vor meinem Urlaub vorproduziert, da ich dann nicht da bin. Seit einigen Jahren ist der Stolz der Realität gewichen, pure Ausnutzerei ist das…
Dennoch tut es gut aus der Arbeit zu gehen und wirklich, wirklich wärmstens verabschiedet zu werden, offen und ehrlich, freundlich und mit besten Wünschen. Für solche Wahrnehmungen fehlt mir im Alltagsstress meistens die Zeit…

Hock-Therapie und andere Neuigkeiten

Ich probierte einfach mal Einträge im Internet in meinem Heimatkaff zum Thema „Krankengymnastik“ durch. Da ich keinen erreichte, der nicht erst in zwei Wochen einen Termin gehabt hätte, landete ich bei einer schlecht Deutsch sprechenden Frau. Ich. Überhaupt kein Rassist. Zuckte mir den Schultern und befand, dass schlechte Deutschkenntnisse nicht bedeuten müssen, dass man dort keine anständige Behandlung bekommen könne. Heute. Bin ich hin.

Das Physiotherapie-Zentrum (na ja, die Praxis) musste erst einmal gefunden werden (und ich wohne ja nun doch schon mal seit immer hier) und da saß dann die Frau mit ihrem schlechten Deutsch. Keine Türkin wie ich zuerst annahm, sondern wahrscheinlich irgendwas Balltisches. Ich brachte da so meinen Kram mit und sie meinte, sie würde es „ihrem Mann vorlesen“. Strange, dachte ich mir. Vlt ist er ja so sehr undeutsch, dass er nicht mal anständig die Sprache lesen könnte. Den Hund der da am Boden lag, kam mir auch nicht ganz koscher vor – die Auflösung dazu kommt aber später.

Ich wurde dann in eine der etwas heruntergekommenen Kabinen geführt (was nicht stimmt, da war alles super, nur nicht so supersteril anmutend vom Neuheitsgrad – da lügen uns die Werber vor, dass man Sterilität SEHEN kann) und hörte in der Kabine nebenan den Physiotherapeuten mit einer Kundin reden, in sehr guten Deutsch. Nett und freundlich. Erdbeeren pflücken im großen Stil auf dem Zelt hatte ihren Rücken angegriffen. Er half. Und bekam gleich eine Portion Erdbeeren dazu.

Da saß ich also und studierte aus Langeweile einen dieser ärztlichen Aushänge (dazu habe ich zur Zeit öfters Gelegenheit), auf der von der „Hock-Therapie“ die Rede war. Das las ich dann da, in meiner Unterhose und dann kam der gute (Indonesische?) Mann herein und wünschte der „Frau Fleming“ einen guten Tag. Der Mann ist blind. Da war ich schon mal baff was wir in unserem paar tausend Seelenkaff hier alles haben.

Trotz Blindness lass der Mann meinen Rücken plus Problem wie eine Landkarte, fand sogar Dinge, die ich ihm gar nicht erzählt hatte und gab mir gute Tipps und Handgriffe, wie diese zu lösen seien. Von der „Hock-Therapie“ hatte ich bis dato noch nie etwas gehört; da wird mit dem Daumen an verschiedenen Stellen am Körper herumgedrückt, worauf sich nach der Behandlung mein Körper schon viel wohler fühlte (soll ich jetzt noch den Schenkelklopfer bringen, dass er die Stellen blind fand?). Ein netter Kerl der Mann, man konnte gut mit ihm quatschen, doch trotz seiner Behinderung (zu der er so ne alte Bruce-Lee-Brille trägt), oder gerade wegen seiner Behinderung hat er es fachlich einfach drauf. Glaube ich. Bin ja kein Arzt. Doch für den ersten Termin bin ich total positiv überrascht.

Es wird sich jetzt erweisen was die Behandlung bringt. Er hat mir dann an meinem Körper noch gezeigt, was ich für Entspannungsübungen machen kann und bald gehe ich wieder hin.
Leider klagte er (natürlich?) darüber, dass sein Geschäft nicht so gut läuft (wenn auch unterschwellig), denn wer in unserem „sauberen Bayern“ will schon eine Behandlung, die nicht wie eine Wissenschaft AUSSIEHT (ob es die anderen mehr sind, ist eine ganz andere Frage), ganz egal wie gut sie ist? Verkehrte, unfaire Welt – einmal mehr sei der Werbeindustrie „gedankt“.
Und seien wir mal ehrlich: Was hätte ich mir gedacht, hätte ich gewusst, dass der Mann blind ist UND die Behandlungsmethode etwas anders?
Teil eines Problem: Wir alle.