Gürtel und Türklinke

1: „Wart mal kurz.“

2 nickt 1 zu während die Kellnerin die von ihnen bestellten Longdrinks auf den Tisch stellt. Als sie wieder außer Hörweite ist und die beiden Männer in ihren späten Dreißigern die beschlagenen Gläser prostend aneinander klirren lassen, grinst 2 seinen Freund süffisant an: „Ja, ja. Wir benutzen Smartphones aus China und von Apple und schämen uns dann mit unseren Geschichten vor einer Kellnerin. Schon ironisch!“

1: „Ich besitze kein Smartphone.“

2: „Echt nicht?“
1: „Total.“

2: „Cool.“
1: „Aber zu meiner Geschichte.“
2: „Stimmt. Du WOLLTEST mir ja gerade was erzählen. Bevor die… Und so weiter.“

1: „Genau. Weißt du… Ich habe diese Geschichte nie jemanden erzählt. Weil… Wem kann man heutzutage noch vertrauen? Und. Wer versteht einen heutzutage denn überhaupt noch? Das Internet ist ja gleich überall. Die Leute reden.“

2: „Schwiiiierig. Ich weiß.“

1: „Es ist auch ein eher… Besonderes Hobby.“

2: „Ach ja?“

1: „Ja. (Pause) Wenn man es überhaupt Hobby nennen kann. Weißt du. Ich bringe Menschen um.“

2: „Hm. Das klingt für mich nicht nach einem Hobby. Das klingt nach Vollbeschäftigung.“ Lacht.

1: „Ich lebe ja nicht davon. Es ist mehr so eine… Masche…“

2 (lacht) „MIICH bringst du aber nicht um, oder?“

1: „Ah geh! (lacht mit) du passt gar nicht in mein Profil… Wie gesagt normalerweise rede ich da so nicht drüber. Jedoch. Ich hatte erst 25 Jähriges. Das macht schon melancholisch. Vor 25 Jahren. Da hatte ich meinen Ersten. Kennst ihn bestimmt.“

2: „KANNTEST ihn bestimmt (lacht erneut).“

1: „Genau. Hahaha. Kurt Kobain.“

2: „Ja genau. Der hat sich doch vor 25 Jahren erschossen. Wie die Zeit vergeht, oder?“

1: „Der hat sich nicht erschossen. Das war ich.“

2: „Ja genau. DU! Hahaha! Der war gut.“

1: „Ja der Kurti. Der war der Erste. Weil. Hast die Geschichten bestimmt gehört gehabt. Dass jemand der so stoned war wie der dazu gar nicht fähig war.“

2: „Ja. Hab ich gehört.“

1: „Ich war auch eher zufällig da. Das erste Mal ist selten geplant. Ist aber meistens so.“

2: „Aha.“

1 „Ge-nau. Ich habs dann auch ne Weile bleiben lassen. Gute 13 Jahre. Weil. Beim ersten Mal denkt man ja nicht, dass man damit davonkommt. Es war ja auch ne wild Geschichte. Ich war ja auch total drauf und so. Wir zwei haben uns nach dem Kurti ja auch bald kennen gelernt. Du und ich. Mein alter 2. Aber. Ich konnte es dir damals nicht erzählen. Ich hatte dann doch noch Angst, dass sie mich kriegen… Mann, Mann… War das ne wilde Zeit und mit dem Kurti und der Kurtney. Die hat mir dann schon ne Weile leidgetan. Aber… Ja mei. Ich konnte mich einfach nicht beherrschen. Das war wie ein Rausch im Rausch…“

2: „Und was war dann nach 13 Jahren?“

1: „Ja da habe ich mir eine neue Masche ausgedacht.“

2: „Welche?“

1: „Also. Pscht!“

Kellnerin: „Darfs bei euch no was sein?“

2: „Zwei Jägermeister.“

1 räsupert sich.

2: „VIER Jägermeister!“

Kellnerin: „Da schau her.“ Dann geht sie weg.

1: „Also. Hör zu. Die neue Masche war die Sache mit dem autoerotischen Tod. Weil. Da werden keine Fragen gestellt.“

2: „Was ist autoerotischer Tod?“

1: „Okay. DIE Frage wird IMMER gestellt. Ist aber ganz einfach. Nach der Sache mit dem Kurti, gab´s noch die Geschichte mit den INXES-Sänger.“

2: „Das warst AUCH du?“

1: „Ne. Das war wohl WIRKLICH ein Unfall. Hat mich aber auf die Idee gebracht. Asphyxie. Schon mal gehört? Okay, ich sag es dir. Das ist, wenn du dir beim Runterholen kurz vorm Orgasmus die Luft abschnürst. Das macht dich dann noch schärfer.“

2: „Total bescheuert. ABER davon habe ich gehört. Das gab´s doch in diesem Film mit dem Skaterjungen.“

1: „Den kenne ich jetzt nicht. Spielt jetzt auch keine Rolle. Auf jeden Fall bin ich dann in meinem Thailand Urlaub David Karabiner begegnet.“

2: „Der Typ aus der Serie KUNG-FU-KÄMPFER!“

1: „Genau der. Der auch  den Will in KILL WILL gespielt hat. Und weil ich eh gerade in Thailand beim ÜBEN war, dachte ich, den probiere ich gleich aus. Weil. Ich muss zugeben. Bei meinem Hobby kommt es schon auf die Reichen an. Okay. David Karabiner war jetzt nicht SOOO reich. Trotzdem sehr berühmt. Und ich hab´s dann wie´n accidental autoerotic death aussehen lassen.“

2: „Hä?“
1: „Als hätte er sich beim Wichsen stranguliert, Mänsch!“

Kellnerin: „Hier eure Jäger.“
1: „Danke Frau Meister!“ Lacht laut

Kellnerin: „So.“

2: „Ähm… Danke.“

1 und 2: „Aaahhh“ nachdem sie den ersten Jägermeister-Kurzen geext  haben.

1: „Ich muss zugeben, ich war mir nicht sicher ob ich aus der Geschichte so einfach heraus kommen würde. Und es war dann doch so… Dermaßen einfach. Die Thailänder haben auch keinen Bock drauf das Prominente bei ihnen sterben. Die wollen Touristen. Und gut ist.“

2: „Das die dir da nicht drauf gekommen sind. Da muss doch der Winkel beim Strangulieren passen. Und man muss einbrechen. Gerichtsmedizin! Du bist doch ein Lügner!“

1: „Iwo Lügner. Glaub mir. Bei diesen Fällen schaut die Polizei nicht so genau hin. Das ist ja eh jedem peinlich. Besonders der Familie. Da werden bei solchen Ermittlungen schnell die Akten geschlossen. Oder das Etikett DEPRESSION daran gehängt. Weil lieber sind die unglaublichen Superstar am Ruhm zerbrochen. Als dass sie perverse Wichser waren. Glaub mir. Und wenn du den Dreh mal raus hast, dann kommt dir da keiner drauf.“

2: „Du willst mir also erzählen, dass es dein Hobby ist berühmte Leute umzubringen.“

1 hebt den 2ten Jägermeister zum Gruß: „So isses!“
1 und 2: „Ahhhhh…..“

1: „Im Moment halte ich mich an Bandmitglieder von Bands, die ich nicht leiden kann. Vor ein paar Jahren den Lester von Linked im Park. Furchtbare Musiker. Gutes Opfer. Der hat richtig Spaß gemacht. Gürtel rum. Fertig. Die Medien erzählen was von Depression. Und das man da nicht darüber berichten darf. Weil Nachahmer. Dann so einen Electro-Pop-Bübchen. Grauenhafte Musik.“

2: „Davici?“

1: „Gürtel rum und weg damit.“

2: „Unglaublich…“

1: „Der letzte war der Sänger von Prodogy.“

2: „Prodogy ist doch toll.“

1: „Ja stimmt. Das letzte Album war aber trotzdem schlecht.“
2: „Das stimmt.“

1: „Also ran an die Türklinke mit dem Kerl.“

2: „Puh.“

1: „Und bei dir so?“

2: „Bei mir? Bei mir ist alles gut.“
1: „Joa. Bei mir auch.“
2: „Dann ist ja alles gut.“

1: „Sag ich doch.“

Werbeanzeigen

Yolocaust

Ich mag Shahak Shapiras künstlerische Arbeit, auch wenn er kein großartiger Redner ist. Seit einer Weile folge ich ihm bei Facebook und sein Yolocaust-Projekt sollte wirklich einer großeren Menge an Leute zugänglich sein.

Vielleicht habt ihr schon davon gehört, es geht um Selfies am Holocaust-Mahnmal in Berlin. Einfach hier klicken 

(Ich habe das auf dem Handy erst gar nicht verstanden – man muss mit dem Curser über die Bilder fahren)

Dabei will ich nicht einfach nur mit dem Finger auf andere zeigen. Auch ich war vor Jahren mit Freunden dort und wir haben dort Fotos von uns gemacht, einfach weil das Mahnmal selbst ein imposanter Bau ist; deswegen wollten wir nicht Pietätlos sein. Wenn man ehrlich ist denkt man dort kaum an das wofür es eigentlich steht. Das ist der Nachteil der einzigartigen Architektur.

Fühlbar als Mahnmal wurde es mir damals erst, als ich richtig tief hinein ging und der Lärm Berlins durch die Architektur abgeschottet wurde. Das hat etwas bewegt.

Recht muss man Shapira dennoch bei seinem Foto-Projekt geben, der mit seiner Fotomontage daran erinnert was es eigentlich darstellt.

Der Terroranschlag in Berlin und seine Gewinner und Verlierer

Am 10.03.2006 raste nicht weit von hier ein Kleintransporter ungebremst in einer Trauergemeinde. Der Fahrer hatte einen Herzinfarkt erlitten und töte damit 3 Menschen und verletzte 50 schwer. Daran musste ich denken als gestern die Meldung durch getickert wurde, dass ein LKW mit hoher Geschwindigkeit in einen Weihnachtsmarkt in Berlin gerast ist und (Stand heute, am Tage danach) 12 Menschen tötete und ebenfalls 50 schwer verletzte.

Meine Freundin und ich sprachen diese Woche darüber, dass wir letztes Jahr an Silvester in München einer Terrorwarnung ausgesetzt waren und was für ein Zufall das war, dass wir am Neujahrstag genau in dem gleichen Mc Donalds waren, in dem Monate später ein einzelner Amokläufer wahllos sein Feuer auf Passanten eröffnete (noch heute liegen dort Blumen um der Toten zu gedenken).

Ein leichtes Gefühl von Terror glaube ich deswegen zu kennen und deshalb würde ich nicht in den Tenor einstimmen, dass der Terror jetzt auch UNS erreicht hat. Für mein Gefühl spielt es keine Rolle ob Leute in Frankreich oder Berlin von fahrenden Mordmaschinen getötet werden: Es ist gleich schlimm. Es ist für mich die gleiche Gesellschaft.

Schlimm, tragisch, unmenschlich, wahnhaft und viel zu unfair ist so ein Terroranschlag immer. Und vor allem feige. Wobei ich aus meiner Warte heraus gar nicht sagen kann (Stand jetzt) aus welchen Motiven der Mörder gehandelt hat, der (das folgt alles meinem Wissensstand nach) den Fahrer des LKWs töte und das Gefährt stahl um damit zu töten. Sicher ist, dass es aus Hass auf unsere Gesellschaft geschah. Religiöse Motive drängen sich auf, die drängten sich aber auch auf bei dem Amokschützen in München und bei dem absichtlichen Absturz des German Wings Flugzeug auf. Noch. Wissen wir so gut wie gar nichts. Halbinformationen hängen im Raum, nach denen der Attentäter aus Pakistan kommen soll, hier schon straffällig war und mehrfach seinen Namen gewechselt haben soll (wobei man inzwischen nicht einmal mehr sicher ist, ob sie den richtigen Mann haben).

Für meinen Begriff gibt es Terroranschläge – und Terroranschläge. Eine Form des Terroranschlags ist die einer Organisation, Al-Qaida am 11ten September von mir aus. Die andere Form ist der irre Einzeltäter. Ich finde, das sind zwei unterschiedliche Dinge, auch wenn es am Ergebnis nicht viel ändert, dem Tod und das Leid der Opfer. Der Unterschied ist, dass man gegen eine Organisation vorgehen kann, gegen Einzeltäter ist dieser Kampf fast sinnlos. Organisationen kann man infiltrieren, sie verfolgen und zerschlagen. Der Einzeltäter ist einfach nur einer unter Millionen. Ironischer weise ist es schwerer einen Einzelnen aufzuhalten, als eine ganze Organisation.

Sollte es sich beim dem Mörder um einen Menschen handeln, der in Deutschland Schutz gesucht hat, greift natürlich die AFD-Rhetorik, die wie immer nach solchen Gewalttaten um sich greift. Ja, dann hat dieser Mensch den Schutz den wir ihm geboten haben ausgenutzt um Mitbürger wie dich und mich zu ermorden. Das ist schlimm. Und ja. Es sind Millionen Menschen zu uns gekommen und ja, rein Mathematisch gesehen besteht ein erhöhtes Gefahrenpotential, dass es viele Gewalttäter unter diesen Flüchtlingen gibt (so wie es immer ein erhöhtes Gefahrenpotential gibt, wenn viele Menschen irgendwohin kommen, schließlich steigt mit jedem Menschen das statistische Risiko einer Kriminellen Tat, egal aus welcher Kultur er kommt u welche Hautfarbe er hat). Das ist nicht von der Hand zu weisen. Richtig ist aber auch. Das verhälnismäßig wenige der Flüchtlinge  Straftaten begehen (außer der Straftat, sich illegal in diesem Land aufzuhalten, was auch schon ein Teil der Statistik ausmacht). Und wenn wir schon bei unfairer Mathematik sind, was wäre geschehen wenn wir (gerundet) eine Millionen Menschen nicht nach Europa gelassen hätten, und deswegen davon (geschätzt) 30000 gestorben wären? Wie viele Tote Flüchtlinge ist dann ein Europäer wert? Diese Mathematik ist Menschenverachtend. Doch wer A sagt…

Ich will diesen Anschlag nicht kleinreden. Ich glaube, dass das niemand macht – auch wenn ihr Menschen wie mich als Gutmenschen verlacht – das hat auch keiner bei den Terror-Anschlägen in Paris gemacht.  Nur bei dem was im Bataclan geschehen ist, fühlte ich mich mehr angegriffen als bei dem was jetzt in Berlin passiert ist, denn Feiern und auf Konzerte gehen ist nun einmal meine Lebensart. Und ich habe nicht damit aufgehört auf Konzerte zu gehen, nur weil es verrückte Menschen auf der Welt gibt. Auf Weihnachtsmärkte gehe ich eigentlich nicht. Und ich werde jetzt auch nicht anfangen demonstrativ Glühwein zu saufen und mich auch noch dabei abzulichten, um unsere freiheitlichen Werte zu unterstreichen. Was für ein Unsinn. Es gilt das Gleiche. Heute wie damals. Ja. Ihr könnte uns töten. Ja. Ihr könnt uns erschrecken. Aber nein. Wir werden uns nicht ändern.

Und es ist und bleibt ein feiger Mord, der nichts mit dem Begriff „Märtyrer“ zu tun hat, wenn man Leute hinterrücks erschießt oder überfährt. JEDE Religion verurteilt das.

Ich habe die AFD erwähnt, die natürlich gleich wieder „Merkel“ (so wird die Kanzlerin sogar jetzt schon in der Tagesschau genannt) und den Flüchtlingen die Schuld gibt. Wäre dieser Mann ohne MERKEL hier? Man weiß es nicht. Ganz egal wie sich die Umstände in der nächsten Zeit klären: Die direkte Schuld hat bis jetzt und in alle Zeit der, der tötet. Und jene, die hetzen, sei es in einer Regierungspartei, der Opposition oder auf der Straße. Hat derjenige Schuld der Mitleid hat? Der Mitgefühl zeigt? In anderen Kulturen mag dies der Fall sein. Vielleicht wird es auch bei uns irgendwann soweit kommen, wenn die Gefühllosen gewinnen. Jene, die Menschen hassen weil sie anders sind. Weil sie die falsche Religion haben. Oder die falsche Hautfarbe. Noch ist er aber zum Glück nicht soweit.

Ich fand es auch nicht gut dass so viele Flüchtlinge unregistriert in dieses Land kamen; zu ändern ist es jetzt nicht mehr. Da könnt ihr noch so viel Hass verbreiten und mit dem Hass genau das erzeugen, was ihr euch vorgestellt habt: Eure selbsterfüllenden Prophezeiungen. Das ist ja der Witz an solchen Organisationen wie der AFD, dass sie nicht sinnvoll gegen das Ankämpfen was sie befürchten, nein, sie forcieren die Entwicklung lieber um am Ende sagen zu können: Seht wie Recht wir hatten. Doch wer wirklich Angst um dieses Land hat, der muss gegen die Angst ankämpfen, gegen den Terror arbeiten und keinen Gewinn daraus schlagen.

So werden wir Alle verlieren.

Orlando – Was ist mit der Anteilnahme?

Ich hab ein wenig gewartet und habe über die „Ereignisse“, über das Morden in Orlando, nachgedacht. Es sollte bekannt sein dass dort ein fanatischer Mörder in einem Schwulenclub, dem „Pulse“, 50 Menschen erschoss und fast genauso viele verletzte.

Wie vor ein paar Monaten bei dem Konzert der „Eagles of death metal“ wurde hier konkret, sogar noch konkreter, meine Lebensart angegriffen, wobei das nichts mit meiner sexuellen Orientierung zu tun hat. Das Nachtleben war mein Leben und ist noch immer meine Lebenseinstellung und auch wenn ich in meinem Dasein nicht viel in Schwulenclubs unterwegs war tanzte ich fast zwei Jahrzehnte zu Musik, die nicht nur sehr tolerant jeder Art von Sexualität gegenüber war und ist, nein es geht noch weiter, denn House und Techno ist von den Schwulen groß gemacht worden. Meine Anteilnahme ist bei den Opfern. Wirklich.

 

In Folge des miesen und feigen Anschlags habe ich bei irgendeinem Online-Medium, verlinkt über Facebook, einen bewegenden Artikel gelesen, in denen der Autor, selbst homosexuell, darauf pocht, dass das kein Anschlag auf „unsere gemeinsame Lebensart“ war, sondern auf die der Homosexuellen. Die Begründung ist gut: Der schwulen Club ist der Ort, an dem homosexuelle Männer (oder auch lesbische Frauen) sich endlich frei fühlen können, ohne sich beobachtet und in eine Ecke gestellt fühlen zu müssen. Der Gay-Club als „sichere Zone“, in welcher man Vorurteilsfrei der sein kann, für den man vor der Tür verspottet oder wenigstens belächelt wird. Und mit dem Anschlag auf diese sichere Zone hat der Mörder versucht den Menschen  die letzte Sicherheit zu nehmen, an Orten, in denen sie sie selbst sein können.

Wie gesagt, eine gute Begründung.

 

Ich bemängele dennoch die Ausgrenzung der Anteilnehme, die einem normalen, mitfühlenden Hetero wie mir da entgegentritt. Natürlich hat der Autor Recht. Und er hat allen Grund um wütend zu sein und hier eine konkrete Linie zu ziehen: Überall ihr mit euren Vorurteilen und Klischees – hier wir. Das macht alles Sinn.

Anteilnahme sollte man dennoch nicht ablehnen.

 

Im Normal- und Glücksfall werde ich niemals spüren, wie es ist vergewaltigt zu werden, wie es ist in einem Krieg zu leben, wie es ist wenn Freunde und Familie einen gewaltsamen Tod sterben. Ich werde so Gott will niemals wirklich hungern müssen. Oder von Fremdenhass verfolgt werden. Ja ich weiß, ich, du, wir haben sehr privilegierte Leben. Auch wenn der eine oder andere zu einem besonderen Kreis zählt. Dem Kreis der Geschändeten. Dem Zirkel der Verachteten. Der Gruppe der Traumatisierten. Ich will das jetzt nicht auf „jeder hat seine Last zu tragen“ herunter brechen, ein wenig geht es dennoch darauf zu.

Das Problem an diesen Kategorisierungen ist nur, dass durch dieses Grüppchen-Denken andere ausgeschlossen werden. Wisst ihr, ich weiß nicht wie es ist ihr zu sein, wie könnte ich? Dabei weiß ich dennoch wie es ist, ein empathischer Mensch zu sein.

Schmerzen und Leid definieren dich. Sie stellen dich abseits und in diesem Abseits stehen noch andere Menschen und ja, mit ihnen kann man geschlossen gegen die Gesellschaftlichen Konventionen an leben, um das zu sein, was im Prinzip jeder von uns ist: Normal. Jeder auf seine Art. Das ist ja auch etwas Gutes. Die Gruppe gibt Zuspruch, Halt und du findest Gleichgesinnte. Man sollte sich nur nicht in seiner Gruppe abschotten und sich – auch wenn man es auf der einen Hand natürlich ist – für etwas Besonderes halten und dadurch wieder Leute ausschließen, denn das ist die Kehrseite der Medaille: Auf Ausgrenzung erfolgt in einer Minorität nur wieder Ausgrenzung der Majorität und so sollte es nicht sein. Wenn Menschen Anteilnahme, ehrliche Anteilnahme ablehnen, stoßen sie den Anteilnehmenden vor den Kopf: Und stoßen ihn in die falsche Richtung. Auf bedingungslose Akzeptanz und Anteilnahme sollte man eben genauso damit reagieren. Denn wenn wir die Schmerzen, das Leid und die Schmach nur für uns und unsere Gruppe postulieren, stoßen wir die anderen von uns fort, was einen Teufelskreislauf zur Folge hat.

 

Ja. Nein. Ich werde es zum Glück nie erleben meine Sexualität unterdrücken und verstecken zu müssen. Das macht mich zu einem glücklichen Menschen. Dafür bin ich dankbar. Und ich weiß dass es bei manchen von euch nicht so ist. Aber deswegen sollten wir uns dennoch gegenseitig erlauben, mitfühlend mit den anderen zu sein. Denn der Mangel an Mitgefühl für uns (auch für uns selbst) treibt uns nur weiter auseinander. So wie es jeden einsamen Versager, der später als Amokläufer endet, von uns weggetrieben hat.

Wir sitzen Alle in einem Boot?

Ja eben nicht!
Noch vor dem Aufstehen – ganz Mensch des 21ten Jahrhunderts – schaue ich am Morgen immer zuerst bei SPON rein, was ich die Nacht über während des Schlafprozesses verpasst haben könnte. Meistens sind es Fußballergebnisse. Dieses Mal war es der hier verlinkte SPON-Text (anklicken), in dem die Geschichte eines Dramas erzählt wird:

Notsuchende Migranten aus Afrika haben im Mittelmeer 12 andere Migranten aus religiösem Hass ins Meer geworfen um sie dort ertrinken zu lassen – was auch so geschehen ist. Genauer gesagt (wenn der Artikel die Wahrheit wiedergibt) haben muslimische Flüchtlinge aus religiösem Hass 12 Menschen getötet, während sie sich aufmachten um ein besseres Leben in einer freien Welt führen zu können… Ich war weniger fassungslos als vielmehr brutal wütend.
Was das Thema „Pro-Asyl“ und Migration angeht, bin ich einer der liberalsten Menschen in meinem Wirkungskreis, diese Nachricht jedoch hat mich von meiner Wut her auf einen Level mit Pegida-Aktivisten geschleudert. Diesen religiösen Mörder-Arschlöchern sollte man ihre Kinder wegnehmen, sie vor ihren Augen zu Tode foltern und sie dann auch selbst verbrennen. Mann bin ich sauer! Mir ist durchaus klar, dass es sich dabei (hoffentlich) um einen dramatischen Einzelfall handelt und man keinen muslimischen Flüchtling über diesen fanatischen Kamm scheren darf – der Hass auf diese speziellen Mörder bleibt dennoch bestehen, und: So was will wirklich keiner Europa haben, denn die haben das Prinzip Europa einfach nicht verstanden.

Wenn ich wütend auf andere bin, bin ich dabei immer wütend auf mich selbst, auf meine romantische Blauäugigkeit, so von wegen „der gute Flüchtling“, da es denen es ja so schlecht geht, weil sie schließlich Alles zurücklassen müssen um hier in der fremdesten nur möglichen Fremde ihr Glück zu finden – dass da auch schwarze Schafe dabei sind war mir immer klar, dies aber so vorgeführt zu bekommen macht mich und mein Selbstverständnis von Menschlichkeit ehrlich rasend. Wie irre muss ein Mensch sein, wenn man sich zusammen auf einem Boot befindet, dass vielleicht wirklich niemals das erhoffte Utopia erreichen wird, auch noch seine Mitmenschen zu töten, weil sie eine andere Art haben den GLEICHEN Gott anzubeten?! Und obwohl ich mich nie auf eine Seite bei diesem Religionsding stellen wollte, muss ich heute auch einmal hinzufügen: Christen machen das nicht, dass sind wirklich die anderen, die Leute wegen ihres Glaubens ermordern.

Ja. Ich bin wütend. Und fassungslos… Aber noch wütender.
Man könnte doch wirklich in so einer Ausnahmesituation – die es nur einmal im Leben gibt! – wenn man sich von Schleusern in die Festung Europa bringen lässt, in der Nacht, und ohne zu wissen wie das endet, wenigstens in diesem einem Moment den Hass einmal zurücknehmen und das Beste hoffen, weil man doch wirklich, WIRKLICH in einen BOOT sitzt und man das gleiche Schicksal teil, aber das ist nicht möglich…
Bei so etwas könnte ich wahrlich den Glauben an die Menschheit verlieren…

Und uns Medien-Menschen interessiert am Ende schließlich doch mehr, was der Guardiola für ein Arsch sein könnte, weil Müller-Wohlfahrt den FC Bayern verlassen hat…

Würde steht über Gewalt und Spott

Das ist natürlich ganz schön mutig mit einem Maschinengewehr in eine Redaktion zu stürmen und unbewaffnete Menschen niederzumähen… Ich kannte das Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ bis heute Nachmittag gar nicht und als ich hörte, dass dort unter anderem auch Mohammed-Karikaturen veröffentlich wurden, dachte ich einen Satz nicht: „Selbst schuld“. Nein. Auf die Idee kam ich nicht.

Die Karikaturen die dort wohl gemacht und abgedruckt wurden, kenne ich selbstverständlich auch nicht, weswegen ich mir dennoch ein Urteil über die Verhältnismäßigkeit zwischen Tat und Mord zutraue: Die gibt es nicht. Kein Witz über was auch immer rechtfertigt das Ende eines Menschenlebens. Besonders nicht, wenn es zu keiner Verhandlung kam, sondern das Urteil selbstständig gefällt wurde. Das ist einfach nur Mord. Und das Einzige was wir wissen ist, dass die Mörder keinen Spaß verstehen.
Dass ist ebenso traurig wie die Tat selbst. Es hängt natürlich zusammen. Dieser Wahn wie ein kleines Kind keinen Humor zu verstehen und wegen diesem Wahnsinn auch noch zu töten. Islamisten sieht man nur dann Jubeln und Lachen, wenn sie in einem Selbstgemachten Home-Video einen Menschen getötet haben oder zum Krieg aufrufen… Das ist natürlich eine verzerrte, selektiere Wahrnehmung, doch nach so einer Tat fühlt es sich so an…

Nachdem man so eine wahre Geschichte wie die von „Charlie Hebdo“ hört würde man am liebsten selbst Mohammed-Karikaturen zeichnen – aber ich kann nicht einmal vernünftig mit Wachsmalstifte malen. Und was sollte ich auch in den Bildern darstellen? Ich weiß zu wenig über Mohammed um mich treffend über ihn lustig zu machen. Außerdem hat der Mann mir doch gar nicht getan… Doch darum geht es gar nicht, oder? Denn es geht ja um Wut. Genau, genau, um die geht es. Es geht nicht darum das RICHTIGE zu tun. Oder Sachen zu Ende zu denken. Es geht um dieses irre Feeling der Revanche, den anderen eines rein zu drücken um sich dann über ihren Ärger (und über ihr Leid) zu amüsieren. Es geht nicht darum ob das richtig oder falsch ist, ob man vielleicht die falsche Form von Humor hat, sondern was bei einem Freude auslöst. Und sicherlich gibt es Menschen auf diesem Erd-Ball, die sich jetzt freuen: „Die Ungläubigen die unseren Gott verunglimpft haben, bekamen was sie verdienten! Denn schließlich haben sie uns beschämt und verletzt! Jetzt wissen sie wie wir uns fühlen!“ Dabei sollte es schon ein Unterschied sein ob man sich in seiner Würde verletzt fühlt oder ob ein Mensch nicht mehr lebt, man gerade z.B. die Mutter von jemanden erschossen hat. Damit bekommt keiner seine Würde zurück. Im Gegenteil: Er verliert sie vollkommen. Die Mörder sind nur zu dumm um das zu verstehen. Sie töten nicht weil sie Werte verteidigen. Wer aus niederen Gründen tötet, hat keine Werte.

Richtig ist: Satire nimmt niemanden die Würde. Denn der. Der wahre Würde hat. Der steht über jeder Beleidigung. Der kann wirklich die andere Wange hinhalten und wird dadurch nicht verletzt.
Ich habe solche Gläubige getroffen. Die konnte man nicht beleidigen. Den konnte man auch nichts nehmen. Die hatten ihren Glauben – und keinen Minderwertigkeitskomplex.

Diese anderen Menschen – denn das sind selbst die dummen Mörder, immer noch und immer nur: Menschen – verhalten sich wie beleidigte Kinder. Sie haben keine Fähigkeit zum Dialog und kennen nur die Fähigkeit sich leiten zu lassen oder zu reagieren, was zu 99 Prozent dazu führt, dass vollkommen Unschuldige umgebracht werden. Menschen, die einfach nichts für die Lage der Welt können. Seien es Leute die für einen Verlag arbeiten oder irgendwelche Urlauber oder sonst wer. Würden diese Attentäter wirklich mehr erreichen wollen als nur ihren persönlichen Hass zu befriedigen. Würden sie wahrhaftig etwas in der Welt ändern wollen. Müssten sie an die großen Tiere heran. An Leute mit Macht. Und vor allem mit Geld. Wieso erwischt es die nie? Diese dekadenten Typen, die auch die normalen Leute von der Straße suspekt finden? Die wie Gallionsfiguren der Dekadenz jedem normalen Bürger den Mittelfinger zeigen: Den Schwachen, den Armen und den Randgruppen.
Weshalb haben sie die Bush-Administration a.D. nicht getötet? Die nachweislich dafür verantwortlich waren mit ihren Lügen den Irak- und Afghanistan-Krieg aus eigenen Interessen begonnen zu haben, was zum Tode von Hundertausenden Muslimen und anderen Menschen geführt hat? Warum hat man die nicht zumindest nach ihrer Amtszeit um die Ecke gebracht, wo sie nicht mehr so streng bewacht werden?
Die Antwort ist natürlich ganz einfach: Weil die fanatischen Irren nicht klug genug sind um an solche Menschen heranzukommen. Denn das würde ein Mindestmaß an Planung und Organisation voraussetzen. Doch dafür sind die Märtyrer einfach zu dumm; natürlich sind es keine Märtyrer, sondern Selbstmordattentäter (zwei vollkommen unterschiedliche Dinge!), doch wenn jemand bereit ist für seine Sache zu sterben, sollte er für mein Gefühl die gefährlichste Waffe der Welt sein, da er nicht mehr fliehen muss. Er bringt es zu Ende. Und was machen diese Idioten? Sie sprengen in die Luft was gerade da ist. Unschuldige. Frauen und Kinder… Wie feige ist das eigentlich? Na ja, genauso mutig wie in ein Bürogebäude zu rennen und unbewaffnete Leute zu erschießen – um dann davonzurennen.

Nein. Hätten diese Leute was im Kopf, wüssten sie ihr „Potential“, sprich ihre Bereitschaft zu sterben, dort nutzen, um „uns“ da zu treffen, wo es uns wirklich weh tut: Bei unserem Wohlstand. Und zwar nachhaltig. Wenn es den Menschen schlecht geht und sie hungrig sind, fressen sie sich gegenseitig auf. Aber ein Satire-Magazin? Soll uns das in unserer Sicherheit treffen? Sollen wir Angst haben unsere Meinung zu sagen oder auf öffentliche Plätze zu gehen? Sollen wir jetzt… RESPEKT vor euch haben? Das regt doch nicht mal zum Nachdenken an… Nein. Solche Attentate schüren doch keine wirkliche Angst, im Gegenteil: Sie schweißen zusammen. Wir gegen euch. Und damit meine ich nicht Christen gegen Muslime. Sondern Menschen mit Verstand und Herz gegen dumme Mörder, den Abschaum der Menschheit.

These boots are made for walking…

An Anthony Rother habe ich schon ewig nicht mehr gedacht. Eine Internet-Bekannte die ich nur einmal auf einem Konzert traf, hat bei ihm eine Ausbildung zu sonst was gemacht. Doch nicht deswegen kam er mir gerade beim Hören seines „Father“s in den Sinn, sondern dass er kurz vor dem Love Parade Unglücks von Duisburgs die – auch wenn ich mich nicht erinnere, doch sicherlich beknackte – Hymne der damaligen Love Parade gespielt hat. Da war die Welt noch in Ordnung. Ein paar Stunden später waren 21 Menschen die nur friedlich zusammenfeiern wollten tot. 541 verletzt.

m asd

Mir geht es bei meinem kleinen Gedanken jetzt gar nicht so um Anthony, sondern darum, dass die Menschen die dort verletzt wurden, psychologisch behandelt wurden. Wenigstens hoffe ich das. Aber nein. Noch genauer gesagt geht es mir nicht direkt um die verletzten niedergetrampelten Menschen, sondern die große stille Masse, die die anderen zu tote getreten haben. Wie leben sie damit? Was für Ausreden flüstern sie sich selbst ein? Haben sie auch Hilfe gesucht? Oder haben sie es verdrängt? Leiden sie noch daran? Sagt man sich: „Wenn nicht die dann wäre ich jetzt tot?“ Nun, das bestimmt. Gegen den Selbsterhaltungstrieb kommt man in solchen Situationen nicht an.

Es gibt keine direkte Schuld der Menschen dich sich retten wollten und dafür nicht nur sprichwörtlich „über Leichen gingen“. Doch als normal denkender, moralischer Mensch muss doch da eine Teilschuld im Herzen vorhanden sein, denn es ist keine abstrakte Schuld wie die die ich gegenüber Dritte Welt-Ländern verspüre, weil sie durch meinen Lebensstil leiden, hungern, sterben oder bald im Meer ertrinken werden (seien es die Flüchtlinge vor Europa, als auch die Küstenanwohner, die in ein paar Jahrzehnten keinen festen Boden mehr unter den Füßen haben werden); das kann ich einfach verdrängen, weiter aus Kunststoffflaschen trinken, weiter mit dem Auto zur Arbeit zu fahren und nicht politisch aktiv zu sein.

Ich glaube, die Menschen fressen so was wie in Duisburg in sich hinein und denken nur ganz selten daran was passiert ist. Man spricht ja von einer „Tragödie“, fast schon von einer höheren Macht, für die keiner die Schuld übernehmen wollte. Doch ich kann mir nicht vorstellen, dass man sich selbst frei von Schuld fühlt, wenn man über Menschen voran stolpert, ganz gleich wie sehr man geschoben wird und wie eingezwängt man ist. Denn irgendwann ist die Panik weg, die Luft wieder in den Lungen und dann muss doch das Gehirn wieder auf Normalbetrieb laufen…

Ob die Leute darüber reden?
In Anthony Rothers Lied heißt es:
“If you can’t tell me how you feel
I may say, there will be no freedom”