Stereotyp – 4 – Die Reise in den Westen

Da saßen sie nun, eingequetscht in den „guten Wartburg“, wie Großvater sein treues Gefährt stets nannte. Am Steuer der Herr Papa, neben ihm auf dem Beifahrersitz die Mama, hinten die Großeltern und in der Mitte hilflos eingequetscht der kleine Paul, der damals noch ganz anders hieß. Mehrfach hatten sich die Großeltern darüber beklagt, Paul doch zuhause zu lassen, da es einfach viel zu eng auf der kleinen Rücksitzbank des Wartburg sei. „Das wird schon irgendwie gehen“, nickte der Vater mit seiner Zigarette im Mund nach hinten, „heute ist der Junge bares Geld wert. Auch für den wird uns die BRD Geld geben. Endlich zahlt es sich mal aus, ein Kind gezeugt zu haben.“ Da lachte die Frau Mama. Die Großeltern seufzten. Die Grenzen waren auf, das wussten sie. Und doch hatten die Großeltern, die fast ihr ganzes Leben in der Deutschen Demokratischen Republik verbracht hatte, Sorge, nicht mehr in das geliebt/verhasste Land zurückgelassen zu werden. In ihrer Welt waren noch keine harten Fakten geschaffen worden. Schließlich standen die Panzer der UdSSR noch vollbetankt und vor neugierigen Blicken versteckt im Land.

„Nicht nach Berlin“, gab der Vater die Marschrichtung aus. Dabei wäre es für die Familie näher gewesen, in der geteilten Landeshauptstadt in den Westen zu gehen. „Denn da wollen sicherlich alle hin. Die Ost-Berliner sowieso. Und bestimmt werden auch die Berlin Wessis mal in den Osten schauen. Da kommen wir doch nicht voran. Am Ende macht der Kohl die Geldschatulle zu. Ne. Wir fahren einfach über den Grenzübergang Marienborn.“

„Wird da nicht auch total überfüllt sein?“ warf die Oma ein.

„Das ist ja noch weiter!“, entrüstete sich der Großvater.

„Schnickschnack!“ winkte der Vater ab. Der Wartburg hatte sich schon auf den Weg gemacht. „So viel weiter ist das nun auch nicht.“ Und so ging sie los. Paul Flemings erste Reise in den Westen.  Sein Vater und seine Mutter waren in Hochstimmung und sagen zum Hohn alte Volkslieder der DDR. Dabei rauchten sie unaufhörlich wie die Schornsteine des deutschen Wirtschaftswunders. Die Großeltern saßen stumm und bockig auf der Rückbank. Paul konnte kaum aus dem Fenster sehen vor lauter Familie und Rauch um sich herum. Einerseits war es eine gute Wahl von Pauls Vater gewesen, nicht nach Berlin zu fahren, wo Hundertausende Menschen sich über die alten und neu geschaffenen Grenzübergänge drängten. Beamte verteilten Millionen Visa und vor den Sparkassen und Banken entstanden Menschenschlangen die über hundert Meter lang sein konnten. Das Problem mit dem Grenzübergang Helmstedt/Marienborn war nur: An diesem Tag sollten bis zu 14000 Autos die Grenze von Ost nach West überqueren, was erhebliche Wartezeiten erzeugte. Die Grenzbeamten der DDR waren heillos überfordert. Das Warten tat der guten Stimmung von Pauls Eltern keinen Abbruch. Soweit waren sie schon gekommen, die paar Minuten oder Stunden waren auch schon egal. Den Großeltern dagegen wurde in dem Auto-Meer aus Trabanten und Wartburg immer mulmiger. Die Füße taten ihnen weh und sie konnten die Euphorie der Menschen, die aus ihren Autos Johlten und Winkten wenn die Schlange sich wieder für einige Meter in Bewegung setzte, immer noch nicht ganz teilen. Irgendwann war es dann war es soweit. Ein sichtlich erschöpfter Grenzer winkte sie zu sich heran. Der Vater grinste den Beamten mit dem erschöpften Blick an. Der nickte nur und winkte sie weiter. Vater trat aufs Gas.

„Brauchen wir denn keine VISA!!“ Der Großvater beugte sich erschrocken zu seinem Schwiegersohn nach vorne.

„Ach scheiß drauf“, winkte der nur ab. „Glaubst du hier haben alle ein Visa?!“

„Aber was ist wenn sie uns nicht mehr zurücklassen?!“

 „Vater“, Pauls Mutter drehte sich zu ihrem Vater nach hinten: „Die werden noch froh sein, wenn wir überhaupt zurückkommen.“

„Ach…“, seufzte die Großmutter und nahm Pauls Hand. Paul lächelte sie an. Er hatte sie immer gemocht. Die kleine dünne, grauhaarige Mutter seiner Mutter. „Es war ja nicht alles schlecht“, seufzte sie dann noch.

„Außerdem werden die uns am Auto erkennen“, zwinkerte Pauls Vater in Richtung Rücksitzbank.

Die Familie war nicht nur wegen des Geldes in die BRD gekommen. Es ging darum endlich das tun und lassen zu können, was ein freier Bürger wollte und konnte. Das Geld war nur die beste, wenn auch peinliche Ausrede für die lange Fahrt. Die Freiheit die sie dabei genossen, war mehr wert als jeder Geldschein. Sie kamen sich auch nicht vor wie Bettler, als sie ein paar Kilometer später an einer Sparkasse in einem Menschenpulk anstanden, in welchem sie sofort neue Freunde fanden. Nur Ost-Deutschler waren hier: „Wie daheim!“ lachte ein Mann mit Schnauzbart im Alter von Pauls Vater sie an. „Und doch ganz anders“, nickte Pauls Mutter dem fremden Mann glücklich zu. Dann umarmten sie sich. Einfach so. Der Fremde und die Frau. Im Glück vereint. Und obwohl Pauls Vater von der eifersüchtigen Sorte war, hatte er nicht dagegen, wie ein anderer Kerl seine Alte in die Arme nahm. Nie wieder hatte Paul sich so viele Menschen umarmen sehen. „Als wäre Deutschland zu einer verdammten Sekte geworden“, spottete er später über diese Zeit. Zwar tat es allen Ost-Deutschen sichtlich gut das Begrüßungsgeld in den Händen zu halten, doch die Menschen waren nicht aus Gier hier. Tatsächlich war die Familie in dem Supermarkt, den sie nach der Sparkasse aufsuchten, ziemlich erschlagen von der Auswahl und dem Angebot. So etwas kannte sie von zuhause nicht. Und ein wenig mussten sie sich schon fragen, wozu der Westen diese riesige Auswahl überhaupt brauchte. Nein. Sie waren keine gierigen Menschen. Sie waren einfach nur hungrig. Ihr Hunger war von jener Art, wie ihn Jugendliche verspüren, die von ihren Eltern zulange zuhause eingesperrt werden, obwohl die Kinder wissen, was für eine faszinierende Welt dort draußen liegt. Sicherlich würde im Westen nicht alles besser sein. Doch sie hatten es sich verdient, sich ihr eigenes Bild von dieser Welt zu machen. Denn sie waren keine Kinder mehr. Und das Geld war nur ein Symbol für aufkommende Möglichkeiten. Paul durfte seinen eigenen Hundertmarkschein auf der ganzen Rückfahrt selbst in den Händen halten. Auch wenn der Herr Papa nachts, als sie wieder zuhause ankamen, ihm den Schein wieder abnahm. Für Paul reicht es, ihn überhaupt halten zu dürfen. Es war ein ganz neuer Schein und Paul hatte darauf geachtet, dass er an keiner Stelle zerknittern würde. Der Schein war wie eine Auszeichnung für Paul. Eine bedruckte Medaille. Hinten war das Brandenburger Tor. Vorne ein ernst und dennoch milde schauender Mann mit Hut.

„Endlich wieder daheim“, seufzten die Großeltern. Und hätten ihre Kinder sie gefragt, hätten sie zugegeben, dass dies ein ganz besonderes Abenteuer für sie gewesen war. Es stellte nur niemand diese Frage. Kaum in den eigenen vier Wänden angekommen umarmten sich Papa und Mama noch einmal und küssten sich lange. Dann sahen sie sich lange, vielleicht ein wenig zu lange, gegenseitig verliebt in die Augen. „Und morgen wird gepackt!“ lachte der Vater und klapste seiner Hiltrud auf den gut erhaltenen Hintern.

Der weltbeste Irgendwas

Einmal wäre er gerne „der Beste“ gewesen, in irgendetwas. Der Beste in der Schule. Der beste Autofahrer. Der klügste Redner. Der schönste Auftrumpfer. Der geistreichste Vermittler. Gewinner der Weltmeisterschaft im Brotschmieren. Verteidiger des Titels als bester Filmkenner. Europameister im Schuheaussuchen. Eine Legende in Taktik. Weitsicht. Linguistik. Drogenkonsum. Ganz egal was. Auf welchem Feld. Auf welcher Ebene. Er wollte einfach nur einmal anerkannt werden. Bewundert. Geachtet. Nur für 5 Minuten. Eine Stunde. Eine Woche. Einen halben Tag. Nicht für immer also. Er wollte nur einmal gesehen werden. Von der Welt. Der Familie. Den Frauen. Hätte so gerne einmal eine Hand auf seiner Schulter ruhen gespürt. Achtsames Schulterklopfen. Respektvoller Blick.

 

Es war keine Schande und auch kein Joch für ihn nur Mittelmaß zu sein, denn das Mittelmaß gehört dazu zum Leben im Jahre 2015. Nein. Das war nicht sein Problem. Aber gerne einmal würde er heraus strahlen aus dem Nichts, wie ein kleiner Stern am überwältigenden Firmament, der kurz aufblitzt und aufflackert und nachdem die Menschen den Kopf drehen, verwundert, wenn auch nicht aufgeschreckt. Er wollte keinen Warholschen 15 Minütigen Ruhm von dem er als C-Promi sein Restleben lang zehren könnte, wie ein One-Hit-Wonder, dass man insgeheim verlacht und dessen Hit man dann doch mit summt. Nein. Er wollte es nur für sich. Ein Moment der Lebendigkeit die seine bloße Existenz wenigstens vor ihm rechtfertigen könnte. Und voller lauter Wut verlachte er die Amerikaner, die dem Klischee nach ihre Kinder damit belügen, dass sie „etwas ganz Besonderes“ seien, was nicht der Wahrheit entspricht und wodurch arrogante Idioten konditioniert werden, in Wahrheit jedoch war er traurig, dass in ihn niemals jemals auch nur einen Funken Hoffnung gesetzt hatte. Keine Mutter. Kein Vater. Kein Geschwister. Kein Lehrer. Kein Freund…

Man mag das Selbstmitleid nennen. Und vielleicht war es das auch, selbst wenn er sich das niemals eingestehen würde. Unter dem bitteren Mantel des Selbstmitleids schlummerte jedoch auch ein Traum, eine Phantasmagorie, von einem besseren, sinnvolleren Leben. Meistens kam er auf solche Gedanken nach einer Drogennacht. Nach dem ersten Schlaf. In den Stunden. Wenn der Körper irgendwann einfach einmal umkippt da die Chemie im Körper ihre Andock und Wirkungsstellen verloren hat. Wenn er also frisch verwirrt aufwachte und sich fühlte wie ein kleines bisschen Niemand, und doch noch keine wirkliche Depression in sich finden konnte. Beim Rückschritt in die normale Welt, weg, aus dem Mikrokosmos des Rausches. Bevor der Entzug einsetzen könnte.

Gerne wäre er wieder WER gewesen. Jemand. Der er scheinbar niemals gewesen war. Vielleicht in seinen Träumen. In den Verwirrungen seines Daseins. So als ob ein gewisses Ding in ihm Schlummern würde, ein Ur-Ding, welches in jedem von uns eingemauert ist, nur er konnte es hin und wieder spüren, ja, fast greifen, die Berufung, die an ihm nagte und doch niemals hervordringen konnte, wie ein Seefahrer, der drei Leben in sich spürt: Das Leben auf der See, das Leben in der Fremde und der Langweiler, den man aus der Heimat kennt und dem man nichts anderes zugesteht als dieses eine, letzte und ewige Leben, dass er schon vorher und immer geführt hatte, ganz gleich was er auf See und der Fremde auch geworden war. Denn man lässt die Menschen immer nur so sein, wie man sie kennt. Niemals, wie sie sind.

 

(Das war ein Text-Versuch aus dem Sommer für einen neuen Roman für den ich einfach zu faul bin, ihn wirklich zu schreiben…)

Das Selbstverständnis von FIFA, DFB, dem FC Bayern, und von Beckenbauer und Rummenigge

An Herren Rummenigge, der hoffentlich noch ganz besoffen von den glänzenden Quartalszahlen des FC Bayern ist:

 

Es spielt keine Rolle wie viele Titel Franz Beckenbauer für den DFB oder auch für den FC Bayern geholt hat, denn dadurch steht man nicht über dem Gesetz. Das ist typische FC Bayern-Arroganz überhaupt auf so einen Gedanken zu kommen – und das sage ich als Bayer und Fußball-Fan (wenn auch nicht von FC Bayern).

Niemand darf über dem Gesetz stehen, auch kein ehemaliger Bundeskanzler.

 

Sind wir froh über die WM 2006? Natürlich. War eine geile Zeit. Aber hätten wir die WM ausrichten dürfen, ohne  dazu in krumme und zwielichtige Geschäfte einzustimmen? Ich weiß nicht, bei einem durch und durch korrupten Verein wie bei der FIFA ist das zumindest fraglich.

Und nein,  ich denke auch nicht das die deutsche Wirtschaft ständig Exportweltmeister wird und sich dabei nie die Konten schmutzig macht, obwohl man in sehr viel Länder verkauft, in denen die Korruption Gang und Gäbe ist. Macht es das aber besser? Heiligt der Zweck die Mittel? Und gibt der Erfolg Recht? Wenn man nämlich dieser Form von Erfolg ständig Recht gibt, dann wird sich nie etwas ändern.

Desweiteren muss man auch mal sehen was dieses System der Bestechung mit Ländern anrichtet, die eben nicht so reich wie wir sind. Da sind wir schon wieder bei dem am meist gebrauchtesten, gängisten Argument überhaupt: Unser Reichtum ist auf dem Leid anderer Menschen aufgebaut. Oder glaubt irgendjemand wirklich, dass Entwicklungsländer und deren Wirtschaft mit Deutschland konkurrieren können, sei es auch nur im Bestechungsgeld-Ranking? Wie soll dort eine Wirtschaft entstehen, die ihr eigenes Volk würdevoll ernähren kann?

 

Rummenigge und all die anderen, die Beckenbauer oder Ulrich Hoeneß zur Seite springen und sprangen, spielen positive Emotionen gegen Recht aus. Das ist Populismus in Reinkultur. Was nicht besonders überrascht, wenn man ein Geschäft betreibt – Fußball – das zu 100 Prozent aus Emotionen besteht.

Da sieht man dann auch keine Sklaven mehr…

Die verlassene Familie

„Tagsüber sind die Politiker in Heidenau. Nachts die Nazis.“ So ähnlich  hatte ich das gestern gelesen gehabt, irgendwo im Netz,  auf dem Smartphone, wo alle Informationen wie Fast-Food-Brei ineinander verschwinden, da ich sie dort eher in der Intensität von Werbespots wahrnehme, als wirkliche Nachrichten. Ich denke daran während ich die Gesichter der Familie meines Schwagers in einer kurzen Tisch-rund-um-Kamerafahrt abtaste. Sind diese Bauern/Proleten auch so drauf? Oder sind das meine Vorurteile?

Es ist Kindergeburtstag. Mein kleiner Neffe Timmi hat Geburtstag, er ist 7 Jahre alt geworden. Timmi hat strohblondes Haar und ein heiteres Gemüt. Natürlich trägt er ein FC Bayern-Trikot. Wir sind in Bayern.

Würde ich Timmi danach fragen, weshalb er Bayern-Fan ist, würde er das Gleiche sagen, wie Millionen Kinder auf der ganzen Welt: „Weil mein Papa das auch ist.“  Ich blicke in die Gesichter am Tisch, denke noch einmal kurz an „Heidenau“ und da ist noch einmal der Satz, verbunden und dabei doch zusammenhanglos, ohne Pathos: Weil mein Papa das auch ist…

Mein Vater ist schon vor einer Weile weg. Der Kindergeburtstag läuft schon seit 4 Stunden. Ich bin spät dran. Mein Schwager Thomas, der Vater von Timmi, hat mir ein Stück Torte hingestellt, die selbst angeschnitten noch aussieht wie ein Fußball, die ich esse und dazu brav lobe. Schwager Thomas meint darauf: „Den hat Claudia ausgesucht.“

Claudia… Meine Schwester. Seine Frau.

Die ihn vor ein paar Wochen verlassen hat – die Kinder hat sie bei ihm zurückgelassen. Seine Familie sieht ihn mitleidig an. Der Moment schwebt eine Sekunde über der Szene. Stillstand. Einige Blicke heben sich auf ihn. Andere wenden sich in Gedanken ab. Münder werden geöffnet. Doch keiner sagt etwas. Und ich nur so um die Situation zu retten: „Ich finde die Torte TROTZDEM gut.“ Erleichtertes Auflachen um mich herum; die Doppeldeutige Aussage wurde als guter Witz anerkannt.

Meine Schwester hat einen „Neuen“, und den „Alten“ mit den Kindern zurückgelassen. Harte Geschichte. Heftige Geschichte. Nicht mal jetzt am Geburtstag ihres Jüngsten ist sie da. Kein Bisschen, womit ich meine, dass sie bis auf diese kurze Episode überhaupt gar keine Erwähnung an diesem Nachmittag gefunden hat. Wenigstens nicht als ich dort war.

Die Wahrheit, ist einfach: Sie hat die Kinder nie gewollt. Und ihn nie wirklich geliebt. Vielleicht dachte sie es. Aber wer sie gut kennt, so wie ich, der weiß, dass sie in Wahrheit immer nur sich selbst geliebt hat. Davor habe ich auf eine komische Art sehr viel Respekt, bei all meiner Abgestoßenheit vor ihrem Tabu-Bruch die Kinder zu verlassen, denn ich kann leichter alle anderen lieben, als mich selbst.

Sie wollte ja nie wie unsere Mutter werden, und nun, wie ich den verlassenen Timmi mit seinem Muffin im Mund da so ansehe, hatte sie ihm genau das angetan, was unsere Mutter…

Mein kleiner Scherz hat – wenn auch nicht für mich – im Raum etwas ausgelöst. Die Stimmung ist lebhafter geworden. Wohl weil die Familie meines Schwagers meiner Antwort auf die Torte als moralische Verortung meinerseits in der Frage der zerbrochenen Ehe interpretiert. Es wird mehr Bier geöffnet, euphorischer angestoßen und herzlicher Gelacht als zuvor. Da bellt auch schon der Hund weil der Pizza-Lieferant  gleich klingt, und schon werden die Party-Pizza-Stücke überall hin verteilt (auch ich bekomme sofort eines, als „Nachspeise zur Torte“, wie mir zugezwinkert wird) und mampfend Späßchen gemacht. Die Esserei hebt noch einmal die gute Laune und schon werden die Witze derber, anzüglicher und die jungen Mädchen in der Runde werden dar ob zum Erröten gebracht. Klarer Schnaps wird eingeschenkt. „Zum Verdauen“ – als wäre der Verdauungsvorgang ohne Schnaps gar nicht vorstellbar.

Selbst mich steckt diese überraschend gute Atmosphäre an, und ich proste den Hinterwäldlern zu, während sie ihre Phrasen heraushauen. Ich vergessen momentan meine Abneigung gegen diese Menschen, die nur darauf beruht, dass wir unterschiedliche Charakter sind, und nicht weil irgendjemand besser oder schlechter wäre, und lasse mich vom Moment und vom Bier treiben, auch in den Bewusstsein, noch mit dem Auto nachhause fahren zu müssen, um dort dann (bald) meine Ruhe zu haben.

Die Kinder sind glücklich.

Auch Timmi, der vergnügt auf seinem neuen Smartphone die Bilder die er von uns geschossen hat, mittels einer App in groteske Monster verwandelt. Alles super. Heile Welt. So viel Spaß hatten wir in dieser Gemeinschaft, so zusammengewürfelt, noch nie.

Da wird mir klar, WIESO wir so gut drauf sind: Weil die Familie meines Schwagers endlich einmal befreit auftrumpfen kann. Weil. Meine Schwester. Claudia. Die Mutter von Timmi. Nicht mehr da ist. Diese Feier ist für sie eine Erleichterung. Ein Triumph über meine Schwester. Die für sie die böse Hexe ist. Die Oberhexe. Die Schlampe. Die Hure… Ja. Sie sind glücklich weil sie nicht mehr da ist. Sie sind froh über ihre Abwesenheit. Denn das ist wahre Freude in solchen Kreisen, an solchen Orten, in solchen Zeiten: Die Abwesenheit von Dingen, die uns zusetzen, die wir nicht leiden können, die uns stören. Endlich kann der ganze Hass in Form von Freude nach außen ausbrechen, den sie solange und dermaßen bitterlich zurückgehalten haben. Die böse Hexe ist tot und hat am Ende gezeigt (wie in allen gerechten Märchen), weshalb sie von allen so gehasst wurde. Wie konnte sie nur? Wie kann sie nur? Was ist sie nur für ein Mensch? Ohne sich auch nur eine Sekunde lang die Frage zu stellen, was man selbst für ein Mensch ist, und warum andere Menschen sich so verhalten, wie sie es tun.

Am Ende haben sie doch gewonnen. Die ehrenvollen, braven Einwohner aus diesem 600 Seelen-Kaff.

Jetzt wo.

Sie weg ist.

Wird Alles besser.

Es sind nur 200 Kilometer von hier bis nach Heidenau. Und es ist tiefste Nacht.

Mabulu

Zum ersten Mal traf ich „Mabulu“ in einer Disco. Wir waren in der „Kantine“ in Augsburg, wo im unteren, ersten, großen Floor, den die Augschburger „Flammensaal“ nennen, eine Band spielte, die ehemals aus Hamburg kam, und auch unter dem Begriff „Hamburger Schule“ verortet wird, die hier nun ihre antikapitalistischen Songs von Liebe und Revolution in die Menge schepperten. Dort standen wir, schunkelten und hüpfen, mein Freund und ich. Indie-Rock. Da dreht keiner wirklich durch. Auch wenn alle den Sound toll fanden.

Plötzlich warf sich ein sehr schwarz aussehender Schwarzer mit der Schulter voran IN meinen Freund, pogte den richtig schmerzhaft von hinten in Richtung Niere. Mein Freund konnte den schwarzen Leib nicht kommen sehen und wurde voll umgerammt. Stürzte nach vorne, mit dem Kerl an ihm dran, der ihn umgestoßen und gleichzeitig auch noch umgerissen hatte. Großes „HEY!“ bei uns. Man zog die beiden Leiber (weiß und schwarz) auseinander und mein Freund schrie den schwarzen Lockenkopf, der ziemlich stark nach Schweiß und Alkohol roch, an, was denn der ganze Mist solle? Der Schwarze lachte nur. Und oben spielten die jetzigen Berliner und ehemaligen Hamburger ihre Songs von Liebe und Integration.

Der Schwarze stellte sich mit dem Namen „Mabulu“ vor. Ganz furchtbar gebrochenes Deutsch. Wir ließen, deutsch wie wir waren (außerdem kann man auf nem Tocotronic-Konzert keinen Neger verprügeln, wie sieht das denn aus?), den Kerl einfach ziehen, der sich daran machte beim Weggehen wie ein Geschoss in die anderen Konzertbesucher zu springen, regelrecht.

Nach dem Konzert sahen wir Mabulu wieder, draußen beim Rauchen, wo er damit beschäftig war weiße blonde Frauen an ihre weiblichen Primärmerkmale zu fassen. Ziemlich unverfroren. Böses Lachen. Richtig tierisch. Ihm war es ganz gleich ob die Freunde daneben standen. Es folgte das zu erwartende Handgemenge und ich setzte mich entschlossen für Mabulu ein, nahm ihn in Schutz, nahm ihn zur Seite, rettete ihn quasi vor der zwar in meinen Augen auch gerechtfertigten Gewalt der Teutonen, weil ich mit Mitleid mit ihm hatte. Mit diesem Asylanten. Sicherlich war der einer. In dieser kalten, bösen und vor allem fremden deutschen Welt. Und auch, weil ich ein besonders guter Mensch sein wollte.
Er solle sich doch benehmen, erklärte ich ihm, denn immerhin ist jeder Ausländer im Ausland auch ein Botschafter seiner Heimat. Er solle nicht so durchdrehen, das würde ein schlechtes Licht auf all seine Artgenossen werfen. Mabulu lachte mich nur aus. Dann riss er mir mein Bier aus der Hand und rannte einfach weg. Dass er mich nicht anspuckte war alles.

Am nächsten Dienstag ging ich mal wieder zur Uni – und zu meiner Überraschung sah ich dort Mabulu wieder. Kein Zweifel, er war es! Aber er war ganz anders angezogen. Er sah aus wie eine Werbefigur aus einem Benetton-Spot, der die neueste Kollektion vorführt. Ich ging zu ihm hin, sprach ihn an und fragte, ob er nicht „Mabulu“ sei. Und Mabulu sagte in einem feinsten schwäbischen Deutsch, natürlich sei er das. Aber nur am Wochenende. Er lachte mich wieder aus, wie vor ein paar Tagen. Sein eigentlicher Name sei Stefan Forberg. Sein Vater wäre G.I. und hier stationiert gewesen. Er selbst käme aus Ulm, sei da auch geboren.
Und was soll der Quatsch? Ist ihm denn nicht klar, dass er damit den Rassismus nur bedienen würde? Das durch sein schlechtes Vorbild… Er winkte einfach nur ab – die Leute würden ihn doch so oder so hassen. Es spiele gar keine Rolle was er in Wahrheit tun würde.
Die Leute hier sind schon mit dir fertig, bevor du auch nur ein Wort gesagt hast. Enttäuscht und verbittert ließ er mich zurück.

Omas Schuld und Enkels Beitrag

Heute Nacht saß ich mit meiner Großmutter am Meer. Es war Traumzeit, denn meine Großmüttern sind längst verstorben; es war die Mutter meines Vater, nicht die Mutter meiner Mutter, was sehr verständlich ist, denn an den Familienzweig meiner Mutter habe ich, wie an sie selbst, kaum Erinnerungen.
Wir saßen am kieseligen Strand. Sie hatte einen Badeanzug an, einen dieser Oma-Badeanzüge, die es irgendwie doch schaffen alles bedeckt zu halten, obwohl der alte Körper zu groß und breitgeworden ist, für Badeanzüge. Man darf solche Aussagen von mir nicht als Tadel sehen. Im Gegenteil. Denn wer es schafft alt zu werden, der hat auch das Recht gemütlich zu sein. Schließlich war man, ist man, ein guter Soldat des Lebens gewesen, wenn man so ein hohes Alter erreicht.
Mein Großvater war nicht anwesend, so wie damals in der Zeit, von der meine Großmutter erzählt.

Großvater war im Krieg oder tot. So genau wusste sie es damals nicht. Er kämpfte an der Normandie gegen die Amerikaner und erschoss sehr viele von ihnen mit seinem MG. Oder war es schon die Zeit, als er in Kriegsgefangenschaft kam? Nicht einmal jetzt war sie sich sicher. Gesichert war nur, dass die zurückgebliebene Familie, meine Großmutter, seine Frau, ihre und seine Familie vertrieben wurden. Über Nacht mussten sie ihre Heimat verlassen, die nahe an einem Konzentrationslager war. Mich wunderte diese Aussage, denn als sie noch lebte, hatte sie nie davon erzählt. Vom Krieg erzählte nur Opa. Den Amerikaner hatte er bis zuletzt gehasst.
Sie erzählte über die schwere Zeit unterwegs; ich unterbrach sie, Oma, du hast nie erzählt, dass du in der Nähe eines KZs lebtest. Sie: Nein? Ja, ja. So sei das gewesen. Man hatte aber von NICHTS gewusst.

Die Wellen brandeten an das Ufer an, wie Sand der durch eine Eier-Uhr rinnt. Ein Strandverkäufer wollte uns Tücher verkaufen. Wir schickten ihn weg. Ja. Nein. Man hätte wirklich nichts gewusst. Zwar schon, dass dort Menschen gefangen wurden, nur, vom Rest – keine Ahnung. Die Leute heute seien doch überrascht, wenn aus dem Keller ihres Nachbarn eine Natascha Kampusch käme.

Wir saßen nebeneinander und sagten nichts. Bis ich ansetzte: „Diese Ausrede habe ich nicht.“ Oma fügte seufzend dazu: „Nein, deine Ausrede hat diese Generation nicht.“ Denn natürlich ist das Meer an dem wir sitzen das Mittelmeer und vor uns, nicht nur in meinem Traum, auch in Wirklichkeit, kentern gerade Asyl suchende Menschen in ihren kaputten Barken, dort draußen, zu weit als dass man sie HÖREN könnte, zu nah um sie zu übersehen.
Ja. Nein. Herausreden können wir uns nicht. Wir lassen es einfach passieren. Auch wenn die Politiker zu Omas Zeiten Mörder waren durch Tat, bei uns dagegen durch „Unterlassene Hilfeleistung.“ Das Ergebnis ist das Gleiche, wenn auch nicht das Ausmaß. Helfen hätte man als normaldenkender Mensch allen Opfern können, aber was soll man als Einzelner schon machen? „So sehr unterscheiden sich die Zeiten gar nicht“, sprach meine Oma. „Nur macht Wissen heute gar keinen Unterschied mehr, denn man ist gebildet genug um sich heraus zu argumentieren.“ Moral sei eine Creme, fügte sie hinzu, die seit hundert Jahren gleichaussieht, nur die Inhaltsstoffe haben sich frappierend geändert.

Ich wendete meinen Blick ab von dem weitentfernten Kasperle-Theater der Ertrinkenden. Sah mich am Strand nach einer scharfen Blondine im Bikini mit toller Figur, Gesicht und großen Titten um, fast eine Playboy-Schönheit mit den Gesichtszügen einer Natascha Kampusch, und lächelte.
Bald erwachte ich mit einer steinharten Erektion.

Die Dankbarkeit der Moral

Sie kam vom Land. Dennoch wusste sie, dass Sex Männer glücklich macht, wahrhaftig glücklich, so dass der Geschlechtsverkehr Auswirkungen auf ihre ganze Lebenseinstellung und –führung nimmt; ein Mann mit regelmäßigen Geschlechtsverkehr ist ausgeglichener und glücklich. Nicht das Sex nicht auch Frauen glücklich machen würde, nur war es für Frauen viel leichter Sex zu haben, da es immer einen „bereiten“ Mann gab, der sich gerne ausnutzen ließ; „benutzte Männer“, auch das wusste sie, gab es in deren Selbstverständnis nicht.

In ihrer direkten Umgebung war sie viel von Frust umgeben und sie war im Gegensatz zu ihren Freundinnen zu sich selbst ehrlicher darüber, was man gegen diese Frustration machen kann. Und weshalb sollte man nicht lieber in einer Gesellschaft voller gut gelaunter und netter Menschen leben? Sie musste nur etwas dafür tun. Und ein Mensch ist ja kein Stück Seife das sich abnutzt.

Der Erste war der Bruder einer Freundin. Dann ein anderer Freund. Und später dessen Freund. Wie dankbar die Jungs doch waren und wie schnell sie ihre Maskerade der aufgesetzten, verbitterten Männlichkeit fallen ließen und zu glücklichen kleinen Jungs wurden, kaum hatte sie ihren Rock gehoben oder die Bluse geöffnet. In Wahrheit ging es dabei weniger um Sex sondern um eine Kopf-Sache. Der Sex war nur Mittel zum Zweck. Ein Instrument um die Männer zu befreien. Eine Entspannungstherapie.

Später tat sie ES auch mit richtigen Männern. Vätern von Freunden, Freunden von Vater. Wie unerfüllt sie doch in ihren eingefahrenen Ehen waren, und wie wahrhaft glücklich sie zu ihren Frauen zurückkehrten, zu der sie nach dem „Akt“ ihre alte Liebe neu entdeckten. Es hatte nur ein kleines Abenteuer gefehlt um die „Lebensqualität“ wieder zu entdecken. Sie war wahrhaft glücklich zu sehen, wie fröhlich und dankbar die Männer nach dem bisschen Gymnastik mit ihr waren.

Sie mochte nicht Alle mit denen sie schlief. Doch die meisten. Und selbstverständlich machte es ihr auch Spaß. Wenn auch nicht immer. Doch nach und nach. Änderten sich die Männer. Es war so, als hätten sich die Männer darüber ausgesprochen, denn vom ersten schlechten Wort bis zur nächsten Grausamkeit ging es allgemein recht schnell. Die kindliche Dankbarkeit von erwachsenen Männern während sie entrückt an ihren Brüsten knabberten, wich überraschend schnell einer gewissen überheblichen Hartherzigkeit. Die Männer verstanden das unglaublich große Geschenk nicht, dass sie ihnen machte. Sie verstanden nicht das WARUM, sondern sahen nur das dumme Mädchen, das unter ihnen lag und stöhnte. Zuerst nannten sie sie im Spaß eine Hure, nur um es dann ernst zu meinen. Bis sie sie schließlich wie einen gefügigen Hund zu behandelten, dessen gute Absichten und Naivität der schlechte Charakter ebenfalls als Dummheit identifiziert und nicht als Hingabe und einer höheren, selbstlosen Form der Liebe…
Und sie lernte, dass ein Mensch sich sehr wohl abnutzen kann wie ein Stück Seife, wenn auch nicht äußerlich. Die Männer. Verbrauchten sie.