Der weltbeste Irgendwas

Einmal wäre er gerne „der Beste“ gewesen, in irgendetwas. Der Beste in der Schule. Der beste Autofahrer. Der klügste Redner. Der schönste Auftrumpfer. Der geistreichste Vermittler. Gewinner der Weltmeisterschaft im Brotschmieren. Verteidiger des Titels als bester Filmkenner. Europameister im Schuheaussuchen. Eine Legende in Taktik. Weitsicht. Linguistik. Drogenkonsum. Ganz egal was. Auf welchem Feld. Auf welcher Ebene. Er wollte einfach nur einmal anerkannt werden. Bewundert. Geachtet. Nur für 5 Minuten. Eine Stunde. Eine Woche. Einen halben Tag. Nicht für immer also. Er wollte nur einmal gesehen werden. Von der Welt. Der Familie. Den Frauen. Hätte so gerne einmal eine Hand auf seiner Schulter ruhen gespürt. Achtsames Schulterklopfen. Respektvoller Blick.

 

Es war keine Schande und auch kein Joch für ihn nur Mittelmaß zu sein, denn das Mittelmaß gehört dazu zum Leben im Jahre 2015. Nein. Das war nicht sein Problem. Aber gerne einmal würde er heraus strahlen aus dem Nichts, wie ein kleiner Stern am überwältigenden Firmament, der kurz aufblitzt und aufflackert und nachdem die Menschen den Kopf drehen, verwundert, wenn auch nicht aufgeschreckt. Er wollte keinen Warholschen 15 Minütigen Ruhm von dem er als C-Promi sein Restleben lang zehren könnte, wie ein One-Hit-Wonder, dass man insgeheim verlacht und dessen Hit man dann doch mit summt. Nein. Er wollte es nur für sich. Ein Moment der Lebendigkeit die seine bloße Existenz wenigstens vor ihm rechtfertigen könnte. Und voller lauter Wut verlachte er die Amerikaner, die dem Klischee nach ihre Kinder damit belügen, dass sie „etwas ganz Besonderes“ seien, was nicht der Wahrheit entspricht und wodurch arrogante Idioten konditioniert werden, in Wahrheit jedoch war er traurig, dass in ihn niemals jemals auch nur einen Funken Hoffnung gesetzt hatte. Keine Mutter. Kein Vater. Kein Geschwister. Kein Lehrer. Kein Freund…

Man mag das Selbstmitleid nennen. Und vielleicht war es das auch, selbst wenn er sich das niemals eingestehen würde. Unter dem bitteren Mantel des Selbstmitleids schlummerte jedoch auch ein Traum, eine Phantasmagorie, von einem besseren, sinnvolleren Leben. Meistens kam er auf solche Gedanken nach einer Drogennacht. Nach dem ersten Schlaf. In den Stunden. Wenn der Körper irgendwann einfach einmal umkippt da die Chemie im Körper ihre Andock und Wirkungsstellen verloren hat. Wenn er also frisch verwirrt aufwachte und sich fühlte wie ein kleines bisschen Niemand, und doch noch keine wirkliche Depression in sich finden konnte. Beim Rückschritt in die normale Welt, weg, aus dem Mikrokosmos des Rausches. Bevor der Entzug einsetzen könnte.

Gerne wäre er wieder WER gewesen. Jemand. Der er scheinbar niemals gewesen war. Vielleicht in seinen Träumen. In den Verwirrungen seines Daseins. So als ob ein gewisses Ding in ihm Schlummern würde, ein Ur-Ding, welches in jedem von uns eingemauert ist, nur er konnte es hin und wieder spüren, ja, fast greifen, die Berufung, die an ihm nagte und doch niemals hervordringen konnte, wie ein Seefahrer, der drei Leben in sich spürt: Das Leben auf der See, das Leben in der Fremde und der Langweiler, den man aus der Heimat kennt und dem man nichts anderes zugesteht als dieses eine, letzte und ewige Leben, dass er schon vorher und immer geführt hatte, ganz gleich was er auf See und der Fremde auch geworden war. Denn man lässt die Menschen immer nur so sein, wie man sie kennt. Niemals, wie sie sind.

 

(Das war ein Text-Versuch aus dem Sommer für einen neuen Roman für den ich einfach zu faul bin, ihn wirklich zu schreiben…)

Das Selbstverständnis von FIFA, DFB, dem FC Bayern, und von Beckenbauer und Rummenigge

An Herren Rummenigge, der hoffentlich noch ganz besoffen von den glänzenden Quartalszahlen des FC Bayern ist:

 

Es spielt keine Rolle wie viele Titel Franz Beckenbauer für den DFB oder auch für den FC Bayern geholt hat, denn dadurch steht man nicht über dem Gesetz. Das ist typische FC Bayern-Arroganz überhaupt auf so einen Gedanken zu kommen – und das sage ich als Bayer und Fußball-Fan (wenn auch nicht von FC Bayern).

Niemand darf über dem Gesetz stehen, auch kein ehemaliger Bundeskanzler.

 

Sind wir froh über die WM 2006? Natürlich. War eine geile Zeit. Aber hätten wir die WM ausrichten dürfen, ohne  dazu in krumme und zwielichtige Geschäfte einzustimmen? Ich weiß nicht, bei einem durch und durch korrupten Verein wie bei der FIFA ist das zumindest fraglich.

Und nein,  ich denke auch nicht das die deutsche Wirtschaft ständig Exportweltmeister wird und sich dabei nie die Konten schmutzig macht, obwohl man in sehr viel Länder verkauft, in denen die Korruption Gang und Gäbe ist. Macht es das aber besser? Heiligt der Zweck die Mittel? Und gibt der Erfolg Recht? Wenn man nämlich dieser Form von Erfolg ständig Recht gibt, dann wird sich nie etwas ändern.

Desweiteren muss man auch mal sehen was dieses System der Bestechung mit Ländern anrichtet, die eben nicht so reich wie wir sind. Da sind wir schon wieder bei dem am meist gebrauchtesten, gängisten Argument überhaupt: Unser Reichtum ist auf dem Leid anderer Menschen aufgebaut. Oder glaubt irgendjemand wirklich, dass Entwicklungsländer und deren Wirtschaft mit Deutschland konkurrieren können, sei es auch nur im Bestechungsgeld-Ranking? Wie soll dort eine Wirtschaft entstehen, die ihr eigenes Volk würdevoll ernähren kann?

 

Rummenigge und all die anderen, die Beckenbauer oder Ulrich Hoeneß zur Seite springen und sprangen, spielen positive Emotionen gegen Recht aus. Das ist Populismus in Reinkultur. Was nicht besonders überrascht, wenn man ein Geschäft betreibt – Fußball – das zu 100 Prozent aus Emotionen besteht.

Da sieht man dann auch keine Sklaven mehr…

Die verlassene Familie

„Tagsüber sind die Politiker in Heidenau. Nachts die Nazis.“ So ähnlich  hatte ich das gestern gelesen gehabt, irgendwo im Netz,  auf dem Smartphone, wo alle Informationen wie Fast-Food-Brei ineinander verschwinden, da ich sie dort eher in der Intensität von Werbespots wahrnehme, als wirkliche Nachrichten. Ich denke daran während ich die Gesichter der Familie meines Schwagers in einer kurzen Tisch-rund-um-Kamerafahrt abtaste. Sind diese Bauern/Proleten auch so drauf? Oder sind das meine Vorurteile?

Es ist Kindergeburtstag. Mein kleiner Neffe Timmi hat Geburtstag, er ist 7 Jahre alt geworden. Timmi hat strohblondes Haar und ein heiteres Gemüt. Natürlich trägt er ein FC Bayern-Trikot. Wir sind in Bayern.

Würde ich Timmi danach fragen, weshalb er Bayern-Fan ist, würde er das Gleiche sagen, wie Millionen Kinder auf der ganzen Welt: „Weil mein Papa das auch ist.“  Ich blicke in die Gesichter am Tisch, denke noch einmal kurz an „Heidenau“ und da ist noch einmal der Satz, verbunden und dabei doch zusammenhanglos, ohne Pathos: Weil mein Papa das auch ist…

Mein Vater ist schon vor einer Weile weg. Der Kindergeburtstag läuft schon seit 4 Stunden. Ich bin spät dran. Mein Schwager Thomas, der Vater von Timmi, hat mir ein Stück Torte hingestellt, die selbst angeschnitten noch aussieht wie ein Fußball, die ich esse und dazu brav lobe. Schwager Thomas meint darauf: „Den hat Claudia ausgesucht.“

Claudia… Meine Schwester. Seine Frau.

Die ihn vor ein paar Wochen verlassen hat – die Kinder hat sie bei ihm zurückgelassen. Seine Familie sieht ihn mitleidig an. Der Moment schwebt eine Sekunde über der Szene. Stillstand. Einige Blicke heben sich auf ihn. Andere wenden sich in Gedanken ab. Münder werden geöffnet. Doch keiner sagt etwas. Und ich nur so um die Situation zu retten: „Ich finde die Torte TROTZDEM gut.“ Erleichtertes Auflachen um mich herum; die Doppeldeutige Aussage wurde als guter Witz anerkannt.

Meine Schwester hat einen „Neuen“, und den „Alten“ mit den Kindern zurückgelassen. Harte Geschichte. Heftige Geschichte. Nicht mal jetzt am Geburtstag ihres Jüngsten ist sie da. Kein Bisschen, womit ich meine, dass sie bis auf diese kurze Episode überhaupt gar keine Erwähnung an diesem Nachmittag gefunden hat. Wenigstens nicht als ich dort war.

Die Wahrheit, ist einfach: Sie hat die Kinder nie gewollt. Und ihn nie wirklich geliebt. Vielleicht dachte sie es. Aber wer sie gut kennt, so wie ich, der weiß, dass sie in Wahrheit immer nur sich selbst geliebt hat. Davor habe ich auf eine komische Art sehr viel Respekt, bei all meiner Abgestoßenheit vor ihrem Tabu-Bruch die Kinder zu verlassen, denn ich kann leichter alle anderen lieben, als mich selbst.

Sie wollte ja nie wie unsere Mutter werden, und nun, wie ich den verlassenen Timmi mit seinem Muffin im Mund da so ansehe, hatte sie ihm genau das angetan, was unsere Mutter…

Mein kleiner Scherz hat – wenn auch nicht für mich – im Raum etwas ausgelöst. Die Stimmung ist lebhafter geworden. Wohl weil die Familie meines Schwagers meiner Antwort auf die Torte als moralische Verortung meinerseits in der Frage der zerbrochenen Ehe interpretiert. Es wird mehr Bier geöffnet, euphorischer angestoßen und herzlicher Gelacht als zuvor. Da bellt auch schon der Hund weil der Pizza-Lieferant  gleich klingt, und schon werden die Party-Pizza-Stücke überall hin verteilt (auch ich bekomme sofort eines, als „Nachspeise zur Torte“, wie mir zugezwinkert wird) und mampfend Späßchen gemacht. Die Esserei hebt noch einmal die gute Laune und schon werden die Witze derber, anzüglicher und die jungen Mädchen in der Runde werden dar ob zum Erröten gebracht. Klarer Schnaps wird eingeschenkt. „Zum Verdauen“ – als wäre der Verdauungsvorgang ohne Schnaps gar nicht vorstellbar.

Selbst mich steckt diese überraschend gute Atmosphäre an, und ich proste den Hinterwäldlern zu, während sie ihre Phrasen heraushauen. Ich vergessen momentan meine Abneigung gegen diese Menschen, die nur darauf beruht, dass wir unterschiedliche Charakter sind, und nicht weil irgendjemand besser oder schlechter wäre, und lasse mich vom Moment und vom Bier treiben, auch in den Bewusstsein, noch mit dem Auto nachhause fahren zu müssen, um dort dann (bald) meine Ruhe zu haben.

Die Kinder sind glücklich.

Auch Timmi, der vergnügt auf seinem neuen Smartphone die Bilder die er von uns geschossen hat, mittels einer App in groteske Monster verwandelt. Alles super. Heile Welt. So viel Spaß hatten wir in dieser Gemeinschaft, so zusammengewürfelt, noch nie.

Da wird mir klar, WIESO wir so gut drauf sind: Weil die Familie meines Schwagers endlich einmal befreit auftrumpfen kann. Weil. Meine Schwester. Claudia. Die Mutter von Timmi. Nicht mehr da ist. Diese Feier ist für sie eine Erleichterung. Ein Triumph über meine Schwester. Die für sie die böse Hexe ist. Die Oberhexe. Die Schlampe. Die Hure… Ja. Sie sind glücklich weil sie nicht mehr da ist. Sie sind froh über ihre Abwesenheit. Denn das ist wahre Freude in solchen Kreisen, an solchen Orten, in solchen Zeiten: Die Abwesenheit von Dingen, die uns zusetzen, die wir nicht leiden können, die uns stören. Endlich kann der ganze Hass in Form von Freude nach außen ausbrechen, den sie solange und dermaßen bitterlich zurückgehalten haben. Die böse Hexe ist tot und hat am Ende gezeigt (wie in allen gerechten Märchen), weshalb sie von allen so gehasst wurde. Wie konnte sie nur? Wie kann sie nur? Was ist sie nur für ein Mensch? Ohne sich auch nur eine Sekunde lang die Frage zu stellen, was man selbst für ein Mensch ist, und warum andere Menschen sich so verhalten, wie sie es tun.

Am Ende haben sie doch gewonnen. Die ehrenvollen, braven Einwohner aus diesem 600 Seelen-Kaff.

Jetzt wo.

Sie weg ist.

Wird Alles besser.

Es sind nur 200 Kilometer von hier bis nach Heidenau. Und es ist tiefste Nacht.

Mabulu

Zum ersten Mal traf ich „Mabulu“ in einer Disco. Wir waren in der „Kantine“ in Augsburg, wo im unteren, ersten, großen Floor, den die Augschburger „Flammensaal“ nennen, eine Band spielte, die ehemals aus Hamburg kam, und auch unter dem Begriff „Hamburger Schule“ verortet wird, die hier nun ihre antikapitalistischen Songs von Liebe und Revolution in die Menge schepperten. Dort standen wir, schunkelten und hüpfen, mein Freund und ich. Indie-Rock. Da dreht keiner wirklich durch. Auch wenn alle den Sound toll fanden.

Plötzlich warf sich ein sehr schwarz aussehender Schwarzer mit der Schulter voran IN meinen Freund, pogte den richtig schmerzhaft von hinten in Richtung Niere. Mein Freund konnte den schwarzen Leib nicht kommen sehen und wurde voll umgerammt. Stürzte nach vorne, mit dem Kerl an ihm dran, der ihn umgestoßen und gleichzeitig auch noch umgerissen hatte. Großes „HEY!“ bei uns. Man zog die beiden Leiber (weiß und schwarz) auseinander und mein Freund schrie den schwarzen Lockenkopf, der ziemlich stark nach Schweiß und Alkohol roch, an, was denn der ganze Mist solle? Der Schwarze lachte nur. Und oben spielten die jetzigen Berliner und ehemaligen Hamburger ihre Songs von Liebe und Integration.

Der Schwarze stellte sich mit dem Namen „Mabulu“ vor. Ganz furchtbar gebrochenes Deutsch. Wir ließen, deutsch wie wir waren (außerdem kann man auf nem Tocotronic-Konzert keinen Neger verprügeln, wie sieht das denn aus?), den Kerl einfach ziehen, der sich daran machte beim Weggehen wie ein Geschoss in die anderen Konzertbesucher zu springen, regelrecht.

Nach dem Konzert sahen wir Mabulu wieder, draußen beim Rauchen, wo er damit beschäftig war weiße blonde Frauen an ihre weiblichen Primärmerkmale zu fassen. Ziemlich unverfroren. Böses Lachen. Richtig tierisch. Ihm war es ganz gleich ob die Freunde daneben standen. Es folgte das zu erwartende Handgemenge und ich setzte mich entschlossen für Mabulu ein, nahm ihn in Schutz, nahm ihn zur Seite, rettete ihn quasi vor der zwar in meinen Augen auch gerechtfertigten Gewalt der Teutonen, weil ich mit Mitleid mit ihm hatte. Mit diesem Asylanten. Sicherlich war der einer. In dieser kalten, bösen und vor allem fremden deutschen Welt. Und auch, weil ich ein besonders guter Mensch sein wollte.
Er solle sich doch benehmen, erklärte ich ihm, denn immerhin ist jeder Ausländer im Ausland auch ein Botschafter seiner Heimat. Er solle nicht so durchdrehen, das würde ein schlechtes Licht auf all seine Artgenossen werfen. Mabulu lachte mich nur aus. Dann riss er mir mein Bier aus der Hand und rannte einfach weg. Dass er mich nicht anspuckte war alles.

Am nächsten Dienstag ging ich mal wieder zur Uni – und zu meiner Überraschung sah ich dort Mabulu wieder. Kein Zweifel, er war es! Aber er war ganz anders angezogen. Er sah aus wie eine Werbefigur aus einem Benetton-Spot, der die neueste Kollektion vorführt. Ich ging zu ihm hin, sprach ihn an und fragte, ob er nicht „Mabulu“ sei. Und Mabulu sagte in einem feinsten schwäbischen Deutsch, natürlich sei er das. Aber nur am Wochenende. Er lachte mich wieder aus, wie vor ein paar Tagen. Sein eigentlicher Name sei Stefan Forberg. Sein Vater wäre G.I. und hier stationiert gewesen. Er selbst käme aus Ulm, sei da auch geboren.
Und was soll der Quatsch? Ist ihm denn nicht klar, dass er damit den Rassismus nur bedienen würde? Das durch sein schlechtes Vorbild… Er winkte einfach nur ab – die Leute würden ihn doch so oder so hassen. Es spiele gar keine Rolle was er in Wahrheit tun würde.
Die Leute hier sind schon mit dir fertig, bevor du auch nur ein Wort gesagt hast. Enttäuscht und verbittert ließ er mich zurück.

Omas Schuld und Enkels Beitrag

Heute Nacht saß ich mit meiner Großmutter am Meer. Es war Traumzeit, denn meine Großmüttern sind längst verstorben; es war die Mutter meines Vater, nicht die Mutter meiner Mutter, was sehr verständlich ist, denn an den Familienzweig meiner Mutter habe ich, wie an sie selbst, kaum Erinnerungen.
Wir saßen am kieseligen Strand. Sie hatte einen Badeanzug an, einen dieser Oma-Badeanzüge, die es irgendwie doch schaffen alles bedeckt zu halten, obwohl der alte Körper zu groß und breitgeworden ist, für Badeanzüge. Man darf solche Aussagen von mir nicht als Tadel sehen. Im Gegenteil. Denn wer es schafft alt zu werden, der hat auch das Recht gemütlich zu sein. Schließlich war man, ist man, ein guter Soldat des Lebens gewesen, wenn man so ein hohes Alter erreicht.
Mein Großvater war nicht anwesend, so wie damals in der Zeit, von der meine Großmutter erzählt.

Großvater war im Krieg oder tot. So genau wusste sie es damals nicht. Er kämpfte an der Normandie gegen die Amerikaner und erschoss sehr viele von ihnen mit seinem MG. Oder war es schon die Zeit, als er in Kriegsgefangenschaft kam? Nicht einmal jetzt war sie sich sicher. Gesichert war nur, dass die zurückgebliebene Familie, meine Großmutter, seine Frau, ihre und seine Familie vertrieben wurden. Über Nacht mussten sie ihre Heimat verlassen, die nahe an einem Konzentrationslager war. Mich wunderte diese Aussage, denn als sie noch lebte, hatte sie nie davon erzählt. Vom Krieg erzählte nur Opa. Den Amerikaner hatte er bis zuletzt gehasst.
Sie erzählte über die schwere Zeit unterwegs; ich unterbrach sie, Oma, du hast nie erzählt, dass du in der Nähe eines KZs lebtest. Sie: Nein? Ja, ja. So sei das gewesen. Man hatte aber von NICHTS gewusst.

Die Wellen brandeten an das Ufer an, wie Sand der durch eine Eier-Uhr rinnt. Ein Strandverkäufer wollte uns Tücher verkaufen. Wir schickten ihn weg. Ja. Nein. Man hätte wirklich nichts gewusst. Zwar schon, dass dort Menschen gefangen wurden, nur, vom Rest – keine Ahnung. Die Leute heute seien doch überrascht, wenn aus dem Keller ihres Nachbarn eine Natascha Kampusch käme.

Wir saßen nebeneinander und sagten nichts. Bis ich ansetzte: „Diese Ausrede habe ich nicht.“ Oma fügte seufzend dazu: „Nein, deine Ausrede hat diese Generation nicht.“ Denn natürlich ist das Meer an dem wir sitzen das Mittelmeer und vor uns, nicht nur in meinem Traum, auch in Wirklichkeit, kentern gerade Asyl suchende Menschen in ihren kaputten Barken, dort draußen, zu weit als dass man sie HÖREN könnte, zu nah um sie zu übersehen.
Ja. Nein. Herausreden können wir uns nicht. Wir lassen es einfach passieren. Auch wenn die Politiker zu Omas Zeiten Mörder waren durch Tat, bei uns dagegen durch „Unterlassene Hilfeleistung.“ Das Ergebnis ist das Gleiche, wenn auch nicht das Ausmaß. Helfen hätte man als normaldenkender Mensch allen Opfern können, aber was soll man als Einzelner schon machen? „So sehr unterscheiden sich die Zeiten gar nicht“, sprach meine Oma. „Nur macht Wissen heute gar keinen Unterschied mehr, denn man ist gebildet genug um sich heraus zu argumentieren.“ Moral sei eine Creme, fügte sie hinzu, die seit hundert Jahren gleichaussieht, nur die Inhaltsstoffe haben sich frappierend geändert.

Ich wendete meinen Blick ab von dem weitentfernten Kasperle-Theater der Ertrinkenden. Sah mich am Strand nach einer scharfen Blondine im Bikini mit toller Figur, Gesicht und großen Titten um, fast eine Playboy-Schönheit mit den Gesichtszügen einer Natascha Kampusch, und lächelte.
Bald erwachte ich mit einer steinharten Erektion.

Die Dankbarkeit der Moral

Sie kam vom Land. Dennoch wusste sie, dass Sex Männer glücklich macht, wahrhaftig glücklich, so dass der Geschlechtsverkehr Auswirkungen auf ihre ganze Lebenseinstellung und –führung nimmt; ein Mann mit regelmäßigen Geschlechtsverkehr ist ausgeglichener und glücklich. Nicht das Sex nicht auch Frauen glücklich machen würde, nur war es für Frauen viel leichter Sex zu haben, da es immer einen „bereiten“ Mann gab, der sich gerne ausnutzen ließ; „benutzte Männer“, auch das wusste sie, gab es in deren Selbstverständnis nicht.

In ihrer direkten Umgebung war sie viel von Frust umgeben und sie war im Gegensatz zu ihren Freundinnen zu sich selbst ehrlicher darüber, was man gegen diese Frustration machen kann. Und weshalb sollte man nicht lieber in einer Gesellschaft voller gut gelaunter und netter Menschen leben? Sie musste nur etwas dafür tun. Und ein Mensch ist ja kein Stück Seife das sich abnutzt.

Der Erste war der Bruder einer Freundin. Dann ein anderer Freund. Und später dessen Freund. Wie dankbar die Jungs doch waren und wie schnell sie ihre Maskerade der aufgesetzten, verbitterten Männlichkeit fallen ließen und zu glücklichen kleinen Jungs wurden, kaum hatte sie ihren Rock gehoben oder die Bluse geöffnet. In Wahrheit ging es dabei weniger um Sex sondern um eine Kopf-Sache. Der Sex war nur Mittel zum Zweck. Ein Instrument um die Männer zu befreien. Eine Entspannungstherapie.

Später tat sie ES auch mit richtigen Männern. Vätern von Freunden, Freunden von Vater. Wie unerfüllt sie doch in ihren eingefahrenen Ehen waren, und wie wahrhaft glücklich sie zu ihren Frauen zurückkehrten, zu der sie nach dem „Akt“ ihre alte Liebe neu entdeckten. Es hatte nur ein kleines Abenteuer gefehlt um die „Lebensqualität“ wieder zu entdecken. Sie war wahrhaft glücklich zu sehen, wie fröhlich und dankbar die Männer nach dem bisschen Gymnastik mit ihr waren.

Sie mochte nicht Alle mit denen sie schlief. Doch die meisten. Und selbstverständlich machte es ihr auch Spaß. Wenn auch nicht immer. Doch nach und nach. Änderten sich die Männer. Es war so, als hätten sich die Männer darüber ausgesprochen, denn vom ersten schlechten Wort bis zur nächsten Grausamkeit ging es allgemein recht schnell. Die kindliche Dankbarkeit von erwachsenen Männern während sie entrückt an ihren Brüsten knabberten, wich überraschend schnell einer gewissen überheblichen Hartherzigkeit. Die Männer verstanden das unglaublich große Geschenk nicht, dass sie ihnen machte. Sie verstanden nicht das WARUM, sondern sahen nur das dumme Mädchen, das unter ihnen lag und stöhnte. Zuerst nannten sie sie im Spaß eine Hure, nur um es dann ernst zu meinen. Bis sie sie schließlich wie einen gefügigen Hund zu behandelten, dessen gute Absichten und Naivität der schlechte Charakter ebenfalls als Dummheit identifiziert und nicht als Hingabe und einer höheren, selbstlosen Form der Liebe…
Und sie lernte, dass ein Mensch sich sehr wohl abnutzen kann wie ein Stück Seife, wenn auch nicht äußerlich. Die Männer. Verbrauchten sie.

Krieg in den Städten – "Meine Solidarität gilt den Opfern"

Blockupy. Gestern. Frankfurt.
Vor ein paar Jahren noch hätte man die ganze Aktion im Fernsehen verfolgt, abends nach der Arbeit, heute geht das mit einem gewissen Dabeiseins-Effekt durch „Live-Ticker“ auf SPIEGEL ONLINE oder bei der TAZ, wodurch man das Gefühl wenn schon nicht räumlicher Nähe, so doch gefühlt ein wenig dabei zu sein (irgendwann gibt es Live-Ticker zum Weltuntergang…). In die Details brauche ich nicht gehen, wir kennen die Bilder von brennenden Polizei-Autos, eingeschlagenen Fenster, Transparenten auf dem neu eingeweihten Elfenbeinturm der EZB und schließlich die Zahlen der Verletzten, 80 oder 90 Polizisten soll es erwischt haben, manche schwerer andere leichter, und dann mindestens noch mal so viele Demonstranten, die aber nicht so sehr in den Medien erwähnt wurden. „Bürgerkriegsähnliche Zustände“, so nennt man das, wohl weil es kein echter Krieg ist, oder, weil man den Leuten auf den Straßen die nicht von der Polizei waren, den Status Bürger nicht anerkennen will? Da ruft man sie doch lieber „Chaoten“, so nennt man sie bei BILD, jetzt auch schon seit Jahren, ganz gleich wogegen der Demonstrant auch sein mag (Klima, Wirtschaftspolitik, Zukunft, Bildung, egal), denn kaum wird da mal ein Auto umgeworfen, wird generalisiert und kategorisiert, wonach die Stadt nur von „Chaoten“ bevölkert war – so entmündigt man die, die den Mund aufmachen und dann vielleicht sogar auch noch was zu sagen hätten…

Ich fand das gestern erst einmal super. Krieg in den Städten, Wasserwerfer, Protest, Zerstörung – endlich haut mal jemand auf den Putz und macht sich bemerkbar. Nein ehrlich, so dachte und fühlte ich. Man muss sich ja auch mal klar machen, was die Occupy-Leute mit ihren ewiglangen Sitzblockaden erreicht haben: Nichts. Und wenn, dann habe ich es nicht mitbekommen. Also was tun wenn das mit der Gewaltlosigkeit nichts bringt? Seit spätestens Gandhi ist dieses „Gewalt ist keine Lösung“ oder anders „der Dumme kann sich nicht mit Worten helfen“ auf einem globalen Siegeszug, selbstverständlich auch zu Recht, doch… Gewaltverzicht ist kein Allheilmittel. Das wussten wir schon bevor der Verbrecher Putin in die Ukraine einmarschiert ist. Nur hat er es uns auch wieder bewusst gemacht, denn man kann solchen Diktatoren, Unterdrückern und andere Machos nicht immer mit Verhandlungen kommen.
Irgendwie hat man als Mann ja auch das Gefühl, dass man durch diese ganze Gehirnwäsche von wegen „ich will Veränderung, lehne aber Gewalt strikt ab“, von einer schwachen jedoch reichen und intellektuellen Minderheit weichgekocht worden zu sein, über die Jahrhunderte. Denn wenn man dem armen Mann (oder Frau), der nichts hat außer seinem eigenen Leib, auch noch die moralische Selbstverständlichkeit einer (auch körperlichen) Reaktion nimmt und diese als dumm und sogar schwach ins Lächerliche zieht, was bleibt den Leuten noch? Was kannst du als sozial, geistig und finanziell Unterlegener der Elite gegenüber noch unternehmen, wenn man selbst auch nur beim Sitzstreik ohne große Konsequenz für die Bonzen einfach nur weg- und aus der Wahrnehmung der Öffentlichkeit getragen wird?
Das war meine erste Reaktion.

Dann „hörte“ ich (ich las es), dass die Demonstranten auch die Feuerwehr mit Steinen bewarfen und scheinbar die Sanis bei ihrer Arbeit behinderten. Das fand ich schon wieder nicht so geil. Weil. Die können ja nichts dafür, die wollen doch nur helfen. Und das ist dann schon kein gewaltsamer Protest mehr, sondern blinde und dumme Zerstörungswut, der vielleicht sogar noch von Event-Chaoten (ich benutze das Wort bewusst) ausgelebt wird, denen es womöglich gar nicht um die Sache, sondern um den „Kick“ geht. Ja. Da muss man mal wieder subjektiv unterscheiden: Es gibt gerechtfertigte Gewalt aus einer Not oder moralischen Überzeugung heraus und die einfach nur destruktive Gewalt, der Anarchismus, der niemanden weiterhilft außer einem selbst (eine Macht-Sache).

Gewalt gegen Architektur kann ich gut nachvollziehen. Das würde ich sogar auch machen. Einen Stein durch Glas werfen. Oder vielleicht sogar (wenn ich ganz mutig bin) ein Auto niederbrennen. Die Ironie dabei ist sowieso, dass es ein Schaden ist, den ich zuvor durch meine Steuern ohnehin bezahlt habe… (Räusper). Nur lässt die Polizei Gewalt gegen Architektur nicht zu, und stellt sich dem entgegen, um die Paläste der Bonzen zu schützen – und schon hätte ich ein moralisches Problem, denn ich bin nicht der Typ der jemanden einen Stein in die Fresse wirft, ganz gleich ob der eine Familie hat oder nicht. Und auch das Argument dass „die Bullen ja vorher wussten worauf sie sich einlassen wenn sie Bulle werden“, zieht bei mir nicht. Mensch bleibt Mensch.
Dabei muss da auch der Umkehrschluss gelten: Es ist auch nicht okay wenn die Bullen mit Schlagstöcken und Einkesselungen Gewalt gegen Demonstranten anwenden, nur weil sie an einer Demo teilnehmen, in der es auch gewalttätige Demonstranten gibt; ich hab meine Probleme mit dem Wort „Gewaltbereit“, da dadurch ein Vorsatz impliziert wird, denn jemand der Gewalt ausübt muss diese nicht zwingend vor seiner Tat geplant haben, da die Gewalt auch oft (jeder weiß dass der schon einmal auf einer größeren Demo war) von der Polizei aus geht. Ziemlich sogar. „Deeskalierend“ wirkt kein Polizist in seiner nicht umsonst so genannten „Kampfmontur“, der mit seinen tausenden Kollegen auf die zumarschiert und dich einkreist. Dem Staat wird gerne das Gewalt-Monopol zugesprochen, doch wenn der Staat vertreten durch ein Subjekt mit all seinen Problemen und Erfahrungen, die ein Mensch nun einmal in jeder Phase seines Lebens hat (es gibt nun mal nicht den Polizisten per se, sondern auch da Arschlöcher und Supermänner), und mir dann mit überzogener Gewalt kommt (sprich, der schlägt auf mich ein), hat man auch in dem Moment das Recht Gewalt anzuwenden um sich zu verteidigen – das ist nicht nur Recht, das ist Instinkt und Selbstschutz…

Also wie jetzt? Für wen bin ich? Für die Demonstranten? Oder doch lieber für die Polizei, die dabei nicht nur für Recht und Ordnung stehen, sondern auch die Prügelknaben für eine gewisse Elite sind? Wem gilt meine Solidarität? Zu sagen: „Meine Solidarität gilt den Opfern“, ist absolut lächerlich, denn Opfer gibt es auf beiden Seiten (sogar schon zuvor, sonst würden die Menschen ja auch nicht gegen was auch immer demonstrieren, friedlich oder nicht). Es ist ein schweres Thema und wenn man nicht schwarz/weiß denken will, so hilft es doch auch nicht Solidarität mit „guten Polizisten“, „guten Aktivisten“, „guten Bänkern“, oder mit „guten Politikern“ zu haben, bis ins Kleinste zu differenzieren, da dies die Meinung einfach nur aufweicht und zerfasert, bis von Haltung nichts mehr übrig bleibt. Klar gibt es gute Menschen in Eliten. Und wahnsinnig schlechte in demokratischen Bewegungen. Aber man kann nicht immer reflektiert, selektiert und superliberal sein, denn dass nimmt jedem Gedankengang die Wucht auch wirklich was verändern zu wollen.

Ich will keinen Krieg in den Städten, aber ich will auch nicht alles hinnehmen müssen… Und ohne berstendes Glas und brennende Autos wird sich nichts verändern, da sonst der Zwang zur Veränderung einfach nicht gegeben ist, denn das Elend der Welt kann man leicht ausblenden… Die Menschen brauchen Bilder; Schreckensbilder aber auch Vorbilder. Und was man nicht sehen kann, bedroht einen auch nicht. Deswegen müssen wir diese Bilder erschaffen, abseits des Wohlstands und des Reichtums. Wir müssen uns damit abfinden, dass der Reichtum von wenigen viele auffrisst. Auch mein Reichtum, deiner und meiner. Und wir müssen auch erkennen, dass die Leben die wir haben, die Orte, die wir mit noch mehr Hochglanztechnologie und Traumhafter aber penibel generierter Natur auf- und ausbauen, eine Ausgrenzung von Armut und biologischen Verfall beinhaltet, da sich viele Menschen es sich nicht leisten können so zu leben, wie wir es uns gönnen können. Wir müssen in unserem Wohlstand die Armut der anderen erkennen und begreifen, dass wir uns gegenseitig bedingen – und dass wir auf unseren Wohlstand verzichten müssen, um eine gerechtere Welt zu schaffen. Deswegen halte ich es für ein gutes Bild den Elfenbeinturm aus Stahl, Glas und Geld zur Einweihung mit Feuer und Straßenschlachten zu begrüßen. Um den Leuten zu zeigen „Hey, mit uns könnt ihr nicht Alles machen“. Und so leid es mir um jeden verletzten Menschen geht, doch, wie immer wenn es um eine Sache bleibt am Ende der Slogan übrig:
Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Und auf den Einzelnen kann keine Rücksicht genommen werden – eine Wahrheit, die uns der Kapitalismus gelehrt hat.