Hans Söllner und Böhse Onkelz – Verschwörungstheoretiker in Zeiten der Krise

Es ist ganz gut in diesen Tag die Schriftstellerei als Hobby zu haben. Jeden freien Tag schreibe ich an meinem neuen Buch „Stereotyp“. Einmal in der Woche versuche ich einen passablen Blog-Eintrag zu schreiben. Das Wichtigste ist dabei, Spaß am Schreiben zu haben. Diesen einmal-in-der-Woche-Gedanken hatte ich schon vor Corona. In Corona-Zeiten ist es nur schwer, sich nicht aufzuregen und den Spaß wirklich zu finden. Es geht uns doch allen gleich. Wir haben verlernt Langeweile auszuhalten und scrollen viel zu viel durch das Handy. Und. Posten und teilen komisches Zeug.

Viele Jahre hatte ich absichtlich Facebook-Freunde, mit denen ich nicht die gleiche Meinung teile. Anfangs waren das mehr entfernte Bekannte, mit denen man nicht viel zu tun hat. Facebook-Freunde. Keine echten Freunde halt. Mit der „Flüchtlingskrise“ bemerkten viele von uns, dass sie (auch gerade über die „sozialen“ Medien) auch nicht die Meinung von guten, echten Freunden teilen. Das muss man aushalten. Das ist Freundschaft. Und das musste ich lernen. Nicht aushalten muss aber nicht, wenn die irgendeinen Quatsch posten. Dazu kann man sich äußern. Öffentlich und privat. Auch das ist Freundschaft, die die anderen aushalten müssen. Zurzeit jedoch kicke ich viele Freunde raus oder schalte sie auf stumm. Manchmal ist es einfach zu dumm oder anstrengend. Wie gesagt. Meinung darf und sollte jeder haben. Ich muss mir das aber nicht geben, wenn es zu abdreht ist.

Hans Söllner war so etwas wie der Held meiner Jugend. Ein Mann, der sich was traut. Ebenso wie die Böhsen Onkelz. Ebenfalls „die Band, die sich traut Dinge auszusprechen, worüber andere nur schweigen“. Als Jugendlicher hat mich das sehr beeindruckt und geprägt. Ich bin tatsächlich jemand geworden, der offen seine Meinung äußert und sich deswegen einige Türen verbaut und Freunde verloren hat. Deswegen werde ich nicht gleich als Held gefeiert wie die Onkelz und der Söllner (kennt man den außerhalb Bayerns überhaupt noch?). ich bin einfach nur ein Typ. Irgendein Kerl. Ich lebe mit meinem Image. Verdiene aber nicht daran, wie die Onkelz, die sich dem absolut verlogenen Ausverkauf hingegeben haben (siehe Band reunion. Verarsche der eigenen Fans). Oder Hans Söllner. Mit dem es das Finanzielle nicht annähernd so gut gemeint hat. Da gibt es interessante Dokus und Youtube Videos. Schaut mal rein, wenn ihr wie ich Jahrzehntelang den Söllner aus den Augen verloren habt.

Der Söllner lebte immer von seinem Image, nicht anders zu können. Und ich glaub ihm das sogar. In vielen Dingen der Meinungsfreiheit war er ein Vorreiter. Er bestand darauf seine Meinung vertreten zu dürfen und hat sich selbst damit finanziell ruiniert. Davor kann man jetzt Respekt haben oder ihn auslachen. Das steht jedem frei. Dieser Aspekt ist auch nicht das Thema meines Textes. Und ich will vorweg gleich sagen, dass ich dem Mann nichts Böses will. Wie gesagt. Er glaubt sicherlich zu denken, er könne nicht anders. Genauso wie er sich Jahrzehnte lang für das Kiffen eingesetzt hat, bevor es en Vogue war. Ich mag weder Kiffer noch kiffen an sich (dann nehmt doch gleich LSD wenn ihr was LERNEN wollt), er hat das aber durchgezogen mit all dem Gegenwind, den es in einem Freistaat wie Bayern geben musste. Wie gesagt. Dafür kann man Respekt haben oder ihn beschimpfen. Er selbst sagt, er habe inzwischen mit dem Kiffen aufgehört: Mir doch egal ob der kifft oder nicht.

Auf Hans Söllner bin ich durch Facebook wieder aufmerksam geworden. Ist schon ein paar Jahre her. Dort wurden seine Statements geteilt und ich war nicht wenig überrascht, als er sich als Impfgegner präsentierte. Ich finde das tatsächlich ziemlich lächerlich. Denn auch wenn Impfen natürlich gefährlich sein kann (kein Medikament wirkt bei allen Menschen gleich), haben uns die Impfungen an sich ziemlich den Arsch gerettet. In Zeiten von Corona hört man auch überraschend wenig von den Impfgegnern. Hm. Genauso wie sich die öffentliche Meinung zu Dietmar Hopp recht schnell geändert hat… Und ich denke mir halt, okay, das ist nicht besonders helle Herr Söllner. Er hat dann genauso argumentiert, wie er immer argumentiert: Man solle nachdenken und sich nichts vorschreiben lassen. Darüber musste ich leise schmunzeln. Hier geht es ja nicht darum eine faschistische Rassentrennung abzuschaffen oder gleiche Bezahlung für alle Geschlechter. Ne. Es geht um Impfungen. Es ist mir nie in den Kopf gegangen, warum das ein Streitthema geworden ist.

Mit Corona habe ich es verstanden. Denn auch jetzt plädiert Hans Söllner auf Facebook dafür, sich nicht an Verbote zu Halten und Rauszugehen. Verstehe ich nicht. Der Söllner ist wie ich Bayer. Noch dürfen wir draußen spaziergehen. Oder verstehe ich da was falsch? Dann fabuliert er davon, dass Leute die keine Angst haben, anderen Angst machen. Ich sag es zum 1000sten Mal: Meine Frau ist Arzt. Die arbeitet in diesen Wochen quasi an der Front. Für uns alle. Und wusstest ihr, dass in Italien schon 60 Ärzte und 2000 Leute in der Pflege an Corona gestorben sind? Meine Frau hatte die Zahlen und das wären dann in etwa ein Viertel aller Corona-Toten in Italien. Klar machen wir uns Sorgen. Aber Angst? Die Menschen haben weniger Angst, als der Musiker sich das vorstellt oder uns attestiert. Man kann auch Angst mit Vernunft verwechseln. Der Herr Söllner hat immer vor den gleichen Dingen Angst. Dass DIE DA OBEN mit uns machen was sie wollen. Aha. Ich glaube nur, kein Politiker in Deutschland will eine Ausgangssperre. Weil die sind eh mehr oder weniger von der Wirtschaft gekauft (siehe Wählerstimmen). Das schadet den Politikern nur. Und Söder dann mit Orban vergleichen Herr Söllner. Geh bitte. Warum nicht gleich mit Hitler?

Das Söllner-Problem ist die Söllner-Methode: Die da oben haben Unrecht. Der kleine Mann hat Recht. Und das ist Quatsch, wenn man sieht was „der kleine Mann“ so wählt und denkt. Pauschalisierungen helfen da halt nicht. Ich bin auch kein Freund von Markus Söder. Der hat sich auch nie dafür beworben, man of the year zu werden. Dennoch halte ich sein Vorgehen für richtig. Es gibt sogar Vergleichsbeispiele. Siehe China und Singapur. Das sind natürlich keine gewählten Demokratien. Das sind Diktaturen. Aber ihr Vorgehen hat funktioniert. Wahrscheinlich auch deswegen, weil es dort keine Defätisten gibt, die in Krisenzeiten gegen das Allgemeinwohl schießen. Ich habe auch erst ein Video gesehen von diesem KenFM-Typen. Der hat sich original ein Gitter vor die Kamera gestellt und gesagt, man dafür nichts mehr sagen. MAN DARF ALLES SAGEN! Man oder frau dürfen halt auch darauf antworten. Es ist vollkommen richtig Politiker eines Landes kritisch zu betrachten, die eine Notstandsgesetzgebung in Kraft treten lassen. Es sollte jedoch auch hinterfragt werden, ob das sinnvoll ist. Und ja. Der Mainstream kann durchaus im Recht sein. Mainstream macht nicht zwangsläufig alles falsch. Man muss differenzieren können. Es geht nämlich nicht nur um die Corona-Toten selbst. Es geht auch darum, wie viele Menschen sterben müssen, weil es Corona gibt. Nicht verstanden? Schon jetzt, wo unser medizinischen System noch nicht zusammengebrochen ist, sterben Menschen WEGEN Corona. Nicht AN Corona (das aber auch). Wichtige Operation werden schon jetzt nicht mehr gemacht. Da wird dann gesagt okay. Der Mann/die Frau ist über 80, da machen wir die Operation nicht mehr, da wir Kapazitäten freihalten müssen. Ich hab das aus erster Hand. Schon jetzt wird selektiert. Und wenn das große Sterben erst einmal losgeht (wir hoffen alle, das es nicht geschieht), werden nicht mehr nur die Leute an Corona sterben, es sterben auch die, die nicht behandelt werden können, da wegen Corona die Kapazitäten erschöpft sind. Es geht schon lange nicht mehr wer direkt an Corona stirbt. Noch mal: Es sterben Leute wegen Corona, obwohl sie es gar nicht haben.

Aber immer alles in Frage stellen. Immer alles anzweifeln. Das ist das Lebensmodel von Hans Söllner. Die Masse ist dumm. Man selbst Im Recht. Das typischen Bild eines Verschwörungstheoretischen Kiffers. Ein alter weißer Mann. Der Recht haben will. Und wichtig sein will. Hier geht es schon lange nicht mehr um „Aufstehen“. Auch nicht um Vernunft. Mein Blog heißt ja „Strategien gegen Vernunft“, da ich mal ein Buch geschrieben habe mit der Forderung, man möge doch bitte die gängige Vernunft in Frage stellen, um zu einer besseren, neuen Vernunft zu gelangen. Heute liest sich so ein Wunsch wie ein ad absurdum. Die neue Vernunft scheint nämlich nur der eigene Egoismus zu sein, da keiner der alten weißen Männer bereit ist, seine Position zu hinterfragen oder zu ändern. Seien es die Obrigkeitshassenden Kiffer. Oder die Friday for future beschimpfenden Leute, die alle, die den Planeten retten wollen, als Wahnsinnige und Naivlinge darstellen. Die neue Vernunft scheinen Fake News zu sein, die sich an allem orientieren was Gefühl ist. Nur nicht an Wissenschaft und Zahlen (da hat der Benecke neulich ganz schon Eindruck hinterlassen).

Die Geister die ich rief. Alter frustrierter weißer Mann. Du bist zu dem geworden, was du am meisten hasst.

In dem Zusammenhang kann mir gerne mal jemand sagen, was die verlogenen Böhsen Onkelz (die Bands die immer so ehrlich war haha) jetzt über ihre „Medien-Schelten“ sagen. Ist ihre in Teilen natürlich auch verständlich Kritik zu den Medien, diese nur lächerlich oft auf jedem Album aggressiv wiederholt haben, inzwischen dazu übergegangen, dass auf ihren Konzerten „Lügenpresse!“ gebrüllt wird? Schreibt so was doch mal in die Kommentare Leute. Würde mich interessieren…

Und weißt du was. Hans. Ich gehe jetzt spazieren. Weil ich das darf. Genauso wie du. Nur hab ich wirklich keine Angst, im Gegensatz zu dir. Und dann. Dann bleibe ich im Haus. Weil ich mir Sorgen um andere Menschen mache. Weil ich das will.

Das große Land der kleinen Leute

So wie Lars von Trier Filme über die USA gemacht hat, ohne sie je besucht zu haben, ist auch meine Meinung nur eine von vielen, die von außen sich selbst in ein Thema hinein psychologisieren, ohne einen realen Bezug oder Verantwortung zu dem Thema „Vereinigte Staaten“ zu haben. Zwar betrifft die Wahl  des US-Präsidenten jeden Menschen auf diesem Planten (mehr oder weniger), Mitspracherecht haben wir aber keines, deswegen bringt es auch nicht besonders viel sich darüber aufzuregen.

Verstehen würde ich das Ganze nur schon Recht gerne.

 

Unsere Medien haben eine eindeutige Wahlempfehlung in die Berichterstattung gemischt – und okay, ja, die Äußerungen Trumps im Wahlkampf konnten aufgeklärte Menschen wie uns nur Hillary als Siegerin annehmen lassen. Falsch gedacht. Es sind halt doch nicht diejenigen, die im TV oder in den großen Online-Medien das Wort leiten, die für ihr Land sprechen. Das ist jeder einzelne Bürger selbst. Und da ist die Stimme eines aufgeklärten Menschen ebenso viel wert wie die jedes anderen Idioten, von denen es meistens eher mehr gibt. Da kann man jetzt sagen: „So ist Demokratie.“ Oder andererseits: „Demokratie funktioniert einfach nicht.“ Demokratie funktioniert halt nur dann, wenn man es mit einem mehr oder weniger gebildeten Volk zu tun hat, dass zudem auch noch Politikinteressiert ist.

Es gibt dabei genug Gründe für viele Menschen, Politikverdrossen zu sein, ganz egal ob in Amerika oder sonst wo. Das ist auch der Grund, weshalb mich nach der ersten Überraschung der Wahlausgang gar nicht so kalt erwischt hat. Mit dem Brexit war und ist es doch das Gleiche: Es sind die vielen, vielen Verlierer der Globalisierung, die sich eine starke Regionalmacht mit heimeligen Konservativen Werten  zurückwünschen und wählen. Durch die Globalisierung ist die Welt viel zu schnell zusammen gewachsen – nur leider nicht richtig. Das macht den Menschen Angst, weswegen sie genau diese Leute wählen, die ihnen versprechen dass sie „Alles so machen wie früher“.

Den versprochenen „Change“ gab es unter Obama so gut wie gar nicht (die Gründe dafür, also die Blockaden im Kongress usw. lassen wir mal außen vor) weswegen verschwindend wenige schwarze Amerikaner und Hispanios zur Wahl gegangen sind, dafür umso mehr weiße, alte Männer, die, ebenso wie in England, wahlentscheidend waren. Diesen Politikverdruss muss sich auch Obama ankreiden. Trump steht genau dafür, was Clinton nicht ist, ein Außenseiter, der nicht im verkrusteten politischen System Amerikas feststeckt, das hat Wähler mobilisiert, denn sie wollen keine Leute, die über sie hinweg regieren, sie wollen auch keine schwierigen Lösungen für komplizierte Themen: Sie wollen einfache Lösungen – für komplizierte Themen.

 

Ich glaube auch, dass Protestwähler (wie in vielen Wahlen der jüngeren Vergangenheit) eine große Rolle gespielt haben. Wähler, die nicht vollkommen mit der Meinung des Kandidaten XY konform gehen, doch aber so gewählt haben, um „denen da oben eins auszuwischen“. Ich mutmaße, der Protestwähler ist eine der wichtigsten Wählergruppen überhaupt. Zwar denkt man sich bei ihm: „Wie blöd kann man sein? Irgendetwas wählen was einem selbst schadet, nur damit er es DENEN DA OBEN mal zeigt…“ Aber a) fühlt sich der Protestwähler von denen da oben ohnehin im Stich gelassen (siehe Globalisierungsverlierer) und b) glaubt der Protestwähler auch den Umfragen. Es ist (noch mal) wie mit dem Brexit. Damals wollten auch viele aus Protest ihre Stimme abgeben, kannten die Umfragen und die Prognosen und waren dann vom Ergebnis überrascht: Denn sie dachten nicht, dass ihre Stimme am Ende Wahlentscheidend sein würde und sie das bekommen würden, was sie wählten.

Heute wurde oft in den Medien verlautet, dass viele, die bei den Umfragen angaben nicht für Trump stimmen zu wollen, sich in Wahrheit dafür schämten, doch für ihn stimmen… Ich weiß ja nicht… Klingt mir nicht sehr schlüssig. Vielleicht sind es doch eher die Umfragen selbst und der Glauben in sie, die die Wahl beeinflussen. Also weg mit ihnen. Wozu braucht man ein mathematisches Urteil basierend auf Schätzungen vor einer Wahl? Reicht denn nicht die Wahl selbst?

 

Vielleicht sind die Gründe aber auch viel banaler: Eine Großzahl der Amerikaner sind einfach ungebildet und glauben jeden Unsinn, den man ihnen erzählt (oder verspricht). Bei dem Bildungssystem das die dort haben, wäre es nicht einmal ein Wunder. „Weltoffen“ und „aufgeschlossen“ wären jetzt nicht gerade die Begriffe, die mir zu Amerika einfallen. Und vielleicht sind die Amerikaner selbst doch mehr wie die Amerikaner, die (da schließt sich der Kreis) Lars von Trier aus den Filmen kennt, dieses Weltbild, dass dort verkörpert wird, welches ihm vollkommen ausreichte, um über die Psyche der Amerikaner zu philosophieren: Sie stehen nun einmal auf diese Geschichten von Männern, die mit wenig anfingen, sich hochgearbeitet haben, um schließlich, auch und gerade wegen ihrer fehlenden Etikette und Intelligenz, ganz oben zu stehen. Die, die es allen gezeigt haben! Wir würden wahrscheinlich nicht sagen, dass diese Leute die richtigen TYPEN sind um ein Volk zu lenken. Dort ist es anders.

Nun, wir werden sehen was geschieht. 2 Amtszeiten Bush haben wir auch überstanden.

 

Sicher ist auf jeden Fall, dass dieses Votum eine rote Karte für den Freihandel und die Freizügigkeit der Völker ist, eine rote Karte für liberales Denken und ein Zugeständnis ist, ein Zugeständnis zur Angst. Und bei dieser Melange fällt es mir schwer den Respekt gegenüber diesem Volk zu behalten. Auch, wenn (wie ich es heute bei MOBY gelesen habe) mehr Leute für Clinton gestimmt haben, die aber durch das Wahlsystem der Wahlmänner nicht zum Tragen gekommen sind. Es ist aber auch eine rote Karte gegenüber dem gebildeten Establishments, jene Leute, die arrogant und überheblich den Leuten erzählt haben, was sie zu denken haben; nicht dass das Establishment UNRECHT hätte in dem was es sagt, es geht nur darum, WIE es etwas sagt und wie die feinen Herren vom Flatscreen aus die Leute überheblich als dumm und klein abstempeln; dadurch werden kleine Menschen nur noch kleiner. Und wütender.

 

Keine Ahnung. Ich bin kein US-Amerikaner. Nur ein kleiner Handwerker aus Bayern. Aber nach dieser Wahl ist mir klar geworden, dass viel mehr in die Bildung investiert werden muss, damit die Deppen weniger werden. Und gerade in den USA ist es so, dass dort in vielen Gegenden die Bildung privatisiert wurde, dort wird ein Geschäft mit minderer Qualität aus ihr gemacht, was den Zugang zu Wissen mehr als nur erschwert hat. Was keine Ausrede ist. Denn wer wissen will, der kann sich in den meisten Ecken der Welt selber weiterbilden. Man müsste nur wollen.

 

Ich weiß nicht. Irgendwas muss man an so einem Tag wie heute schreiben… Irgendwas muss man einfach zu sagen haben. Auch wenn es vielleicht darum geht, gar nicht Konkretes sagen zu können.

 

Oben habe ich es schon einmal gesagt: Dass die einzelnen Länder der Welt nach der großen Globalisierung sich wieder auf ihre eigenen Werte berufen wollen, wundert mich nicht. Es wäre auch ein Wunder gewesen, wenn sich diese Vision von freiem Handel, Liberalität und Humanität einfach so durchgesetzt hätte, denn dafür produziert der freie Handel viel zu viele Verlierer (das Geld wandert halt weiterhin zu den Mächtigen) und liberales, humanitäres Denken macht vielen Menschen Angst. Ob das ganze Projekt jetzt gleich als gescheitert angesehen werden muss, oder ob es ein Projekt über die Jahrzehnte, ja vielleicht sogar Jahrhundert ist, das bleibt abzuwarten. Es war klar dass es Rückschläge geben würde. Und Politik wird weder in einer Nacht entschieden, noch an einem Tag gemacht. Das ist doch das Geile am Menschsein: Es bleibt stetig spannend. Welche Entscheidungen in ein paar Tagen wieder irgendwo anders auf der Welt Menschenleben kosten.

Ich sehe was, was du nicht siehst

Die Frage ist durchaus, was einen mit den Menschen noch verbindet, mit denen man sich umgibt; viel wichtiger ist die Frage, was man in Zukunft noch für gemeinsame Ideen vertritt – eine Frage, die sich irgendwie verbietet, zu sehr sind wir gefangen in der Kontinuität der Gegenwärtigkeit.

 

Das „Früher“ erscheint einem irgendwie einfacher, selbst wenn man ihm ein gewisses Gewicht zugesteht, denn „Früher“ ist vergangen, ist überlebt, ist durchgestanden und so sieht man dieses „Früher“, selbst wenn man subjektiv an sein Existenzminimum gedrängt worden war (sei es finanziell, geistig, moralisch usw. usf.), als einen Berg den man überqueren musste, um jetzt stark und erfahren sein zu können; früher sind für mich die 90ger, die Nuller Jahre, Jahre der Unschuld und ich kann nicht sagen, ob das vornehmlich mit meinem Alter und der damaligen Politiklosigkeit zusammenhängt, sprich: meiner Jugend, oder ob die Zeit damals nicht wirklich leichter war, wenigstens im direkten Umgang. Die Leute waren sich näher und ferner zu gleich. Es wusste nicht jeder fast alles über den anderen, wie es inzwischen ist, in unserer sozialen Überwachungswelt, und es war auch nicht wichtig unbedingt eine Meinung zu bestimmten Themen zu haben, ohne dafür gleich als „oberflächlich“ oder gar „ignorant“ abgestempelt zu werden. Die Menschen lebten zusammen nebeneinander her und man war weniger vom Export, weniger von der ganzen Welt und ihren Problem abhängig, betroffen und eingeengt. Dabei waren wir auch damals gut genährt, in all dem Reichtum den wir schon damals hatten, der sich nur nicht wie Überfluss anfühlte.

Wir wussten weniger – und hatten mehr davon.

 

Heute geht es dann gleich nach 5 Minuten um „Haltungen“ um Positionierungen, die uns von überall her aufgedrängt werden. Wir müssen von allem „Ahnung“ haben, damit wir auch den pointierten Witz oder das mehr oder weniger unterschwellige Geschimpfe unseres Gegenübers sofort verstehen, denn „2016“ bedeutet ja mehr als in den meisten Jahren, sich in bestimmten Schützengräben der Sprache zu bewegen. Bomben werden dauernd platzen gelassen. Sei es auch nur zwischen den Zeilen. Der Krieg scheint dauernd präsent zu sein, wie ein Film im Hintergrund abzulaufen, auch wenn man sich nur über Kleinigkeiten, richtige Nichtigkeiten unterhält. Irgendetwas trägt immer zu den Planspielen der geistigen Feldherren bei.

Diese andauernde Sprachliche Tortur verändert unsere Sicht aufeinander. Während wir früher unsere politische Meinung oft nur im stillen Kämmerchen mit uns selbst oder in der Wahlkabine abgeschottet (GEHEIM!) mit dem Staat ausmachten, werden wir nun von überall beschossen und befeuert – und ausgefragt („Das musst du doch zugeben, oder?“). Die Intelligenzia muss heute „links“ grollen, die Ängstlichen „rechts“ und zwischendrin sind die Agenten der einzig wahren Matrix, des Internets, dass die Leute die verschiedensten, aufgebrachten Halbwahrheit abschießen lässt, über die man dann kaum mehr diskutieren kann. Wir sprechen zwar darüber, wir hören uns nur nicht mehr, wie Brieffreunde in fremden Ländern, die zwar ein gemeinsames Gespräch führen, nur in verschiedenen Wirklichkeiten leben und dazu noch in einer für beide Parteien nicht Muttersprachlichen Konsenssprache führe, so dass das der zeitverzögerte Papieraustausch an der gewollten Wirklichkeit vorbeispricht.

 

Ich finde das belastend, diese Gespräche. Nicht weil ich am Ende nicht mehr einfach nur „Recht haben“ kann (und wie die meisten Leute habe ich gerne „Recht“), nein, es geht darum, dass ständig so getan werden muss, als müsste jemand am Ende jemand Recht gehabt haben; nach so einem Gespräch gibt sich kaum einer mehr respektvoll die Hände und sprich von einem „schönen Abend“. „Idiot“, „Naiv“ oder „Weltfremd“ wird man geheißen, bestenfalls.

 

Diese ständige Penetranz dieser Schützengrabengespräche bei denen es um jeden Zentimeter geht, führt zur Ausgangsfrage zurück: Was verbindet uns noch miteinander, sei es als Freunde, sei es als Gesellschaft? Ist dieser ständige Haltungsdrang nicht viel zu zersetzend, um ihn auf Dauer aushalten zu können?

 

Die „Gemäßigten“ erscheinen mir nach und nach als die einzig echten Intellektuellen, nicht weil sie Teil einer schweigenden Masse sind (was jedoch auch der Fall sein kann), sondern da sie verstehen, dass die Wahrheit nicht nur Gegen- oder Pro-Asyl, nicht nur Religion oder keine, nicht für oder gegen den Staat und auch kein Wirtschaftsmodell ist, gar nicht sein kann. Alles ist Alles. Alles hat seine Richtigkeit, seine Wertigkeit und seinen Sinn. Man muss also leider jedes Mal neu abschätzen. Nur treibt unsere diese Räson nicht voran, sie ist die ständig getriebene der Extremen. Und ich glaube, das wird noch schlimmer, bevor es besser wird.

 

Diese Welt in der wir leben, ist auf einer Droge. Und diese Droge heißt „Information“. Die Dosis, die wir uns tagtäglich davon verabreichen, ist viel zu hoch, als dass unser Geist sie richtig verarbeiten, dass wir irgendeinen momentanen Nutzen daraus ziehen könnten. Früher oder später werden wir einen Filter, einen Regulator brauchen, wie es früher die sogenannten „Leitmedien“ waren, die großen Print-Medien, die „Tagesschau“, die „Heute“-Nachrichten. Doch solange wir nicht soweit sind, leben wir in einem Wust der Wirrniss, der sich zwischen uns stellt und unsere Kommunikation miteinander entartet, wie einst zum Turme zu Babel. Und die größten Dummköpfe sind jene, die in einer fremden Sprache auf eine fremde Kultur einbrüllen, sie selbst wären im Recht.

 

Das ist das Besondere unserer Zeit: Wir brauchen Informationen und die richtige Bildung um sie begreifen zu können – weder zu viel, noch zu wenig. Denn zu viele Informationen machen den Gebildeten ebenso dumm, wie zu wenig.

Es hilft also nicht nur unzählige Informationen zu horten, man muss sie auch verarbeiten können, und dafür braucht es Zeit und Gewissenhaftigkeit. Wir müssen uns alle mehr Zeit geben um Informationen zu verstehen und sie auszulegen. Um Investitionen in die Zukunft betreiben zu können. Um echte Meinungen zu bekommen, nicht nur Reaktionen auf Umstände…

Der ganze Planet muss entschleunigt werden, nicht nur jeder für sich. Nein. Alle. Insgesamt. Aber wir fangen natürlich wie immer klein an.

Und jetzt muss ich diese Geschichte nur noch denen verkaufen, die ich für im Unrecht halte. Jene die glauben, dass Halloween eine Satansmesse ist… Obwohl, hatten solche Leute nicht schon genug Zeit? Sind 30 Jahre nicht Zeit genug? Und was mache ich mit denen?

 

Die dunkelsten Männerphantasien

Was hast du getan?

Man soll nicht in der Vergangenheit leben. Immer nach vorne schauen. Nicht zurück. In alten Wunden stochern hilft nicht. Wem nützt es schon in weißen, äußerlich verheilten Stellen auf der Haut herum zu bohren? Der Zugang ist verschlossen. Die ehedem freiliegenden Nerven haben sich regeneriert. Das Ereignis ist nur noch Erinnerung. Und als es geschah, fühlte es sich gar nicht so schlimm an. Taten werden erst durch ihre Konsequenzen wichtig.

Warum hast du es getan?

Wieso muss es eigentlich immer schwerer sein in der Gegenwart zu leben oder in die Zukunft zu blicken, als zurückzuschauen? Kann die Vergangenheit denn nicht endlich aufhören? Das ist der Grund, weshalb die Menschen jung bleiben oder es wieder werden wollen, denn „Jung sein“ heißt, nicht die Konsequenzen durchlebt zu haben.

 

Sie hatte es für Geld gemacht. Und ja, natürlich hätte man sein Geld auch anders verdienen können, nur wie? Dieses „du hättest auch was anderes machen können“ ist für außenstehende Dritte immer leicht daher gesagt. Über andere zu urteilen wenn man sie weder kennt noch versteht, ist mit das geläufigste und dümmste Merkmal der Menschen, denn die Leute wollen damit sagen: „Ich habe und hätte es anders gemacht.“  Dabei haben sie sich weder in der auslösenden Position befunden, haben nicht die gleiche Vergangenheit geteilt, noch besitzen sie die Fähigkeit, sich in andere Lebensformen hineinzuversetzen. Es gibt Situationen und Stationen in einem Lebensweg, in welchen dir alle anderen Türen verschlossen erscheinen und du dich zwangsläufig dafür entscheiden musst, das sogenannte „Falsche“ zu tun. Dein Gefühl dabei ist weder gut, noch machst du dir eine Hoffnung darauf, stolz auf das zu sein was gerade passiert. Hier. Ist die Vergangenheit ein Hoffnungsanker: Irgendwann endet jede Situation. Und mit den Konsequenzen kann man doch leben, oder? Die Tat liegt doch schon lange zurück.

 

Sie kann die Vergangenheit auch kleinreden.

Ein  Filmchen als Hauptrolle war es gewesen. Und wenn man sich durch die Umsonst-Portale im Internet klickert, sieht man es unzählige Frauen und Männer tun. In Wahrheit tun sie es die ganze Zeit. Immer und überall. Die natürlichste Sache der Welt. Und hier waren nun einmal ein oder zwei Kameras dabei. Das ist kein Big Deal. Das ist „business as usual“. Die Leute am Set waren nett, höflich, alle taten so, als wäre jeder mit jedem sympathisch und irgendwo stimmte das irgendwie. Es wurde viel Gelacht beim Dreh. Eine kleine Produktion von kleinen Leuten, für kleine Leute. Eine private Phantasie, semiprofessionell aufgezogen, eine Spinnerei und das Geld war gut und schnell verdient und selbst wenn sie ihre Würde ein wenig ablegte, kam sie sich direkt danach nicht ENTWÜRDIGT vor. Ach was. Die normalste und älteste Sache der Welt und wäre das Szenario nicht so gewesen wie es war, hätte sich auch kein Mensch daran erinnert. Wirklich. Niemand. Gar keiner… Es hätte einfach keine Rolle gespielt. Menschen beim Sex für Geld  zu filmen ist schon lange und zum Glück kein Politikum mehr.  Und weshalb muss jeder Trottel denn immer die Phantasien von anderen dermaßen überbewerten? Hat das denn nicht in Wahrheit damit zu tun, dass diese ach so moralischen Menschen, diese verklemmten Anstandsjuristen, diese „Das-musst-du-doch-genauso-sehen“-Typen, sich für ihre Phantasien schämen, oder nein! Ja! War es denn nicht so, dass sich diese LEUTE dafür schämten, GAR KEINE Phantasie zu haben?

 

Das Drehbuch… Sind wir doch einmal ehrlich: Wer interessierte sich denn bei dem Kram wirklich um das DREH-BUCH? Und am Ende wird geheiratet – oder was? Blödsinn… Es war für sie schon schwer genug die SACHEN überhaupt zu tun. Spielte der Rest dann überhaupt eine Rolle? Gut, dann war sie eben nicht professionell bei der Aufnahme gewesen und war sich nicht über die unmöglichen FOLGEN klar gewesen. Na und? War das denn in dem Fall nicht etwas Gutes kein Profi zu sein? Sie wollte es nur hinter sich bringen. Und die Stimmung am Set war gut gewesen… Und die Menschen freundlich…

Der Film zeigt nun einmal nicht die Wirklichkeit, nicht das was geschehen ist. Der Film entsteht eben erst im Schnitt. Wenn man das weiß, kann man keinem Schauspieler – und das war sie doch gewesen – einen Vorwurf machen.

 

Und der Markt verlangt nun einmal nach neuen Dingen. Und diese Produktion war bei Gott nicht die einzige, die nach dem Fall Natascha Kampusch mit den Vorstellungen der Männer spielte, was all diese Jahre in diesem Kellergefängnis wohl geschehen ist. Gewalt in sexuellen Filmen ist ohnehin ein wichtiges Thema und darüber gehört viel mehr gesprochen, als über sie und ihre Rolle. Es macht eh keinen Sinn die ganze Schuld bei ihr und ihrer fiktiven Figur abzuladen. Sie hatte es nur der Geldes wegen gemacht und ja VERDAMMT, heute würde sie das auch nicht mehr machen, nur damals… Da…  Da hatte sie keine andere Hoffnung. Hatte nichts gelernt. Nichts gehabt. Niemanden… Was hätte sie denn machen sollen? Nein, nun wirklich! Was hätte sie denn machen sollen?

 

Ab da war sie immer die Frau geblieben, die auf den Kampusch-Zug aufgesprungen ist. Die die Situation, die Qualen der armen Frau ausgenutzt hatte. Sie wurde zu der, die sich daran bereichert hatte. Aber wie bitteschön sieht denn diese BEREICHERUNG aus? War es denn in Wahrheit denn nicht so, dass diese Geschichte, diese Geschichte von dem entführten und entkommenen Mädchen und die Geschichte von ihr, der jungen Frau der keine andere Möglichkeit blieb und das nachzustellen hatte, was sich der Regisseur und der Drehbuchautor ausdachten, dass das doch eigentlich die gleiche Geschichte ist, die immer gleiche Geschichte davon, dass Frauen von Männern unterdrückt werden damit diese, und alle Männer die davon hören, ihre Phantasien ausleben können und damit Frauen entwürdigen und unterdrücken?… Wer hat denn eine Wahl? Wer hat denn ein gutes Elternhaus? Wer wird geliebt? Und wer geht denn nicht unter aller Augen verloren? Und warum muss das immer wieder und wieder so sein? Und wieso tut niemand etwas dagegen? Weshalb bezahlen die Leute sogar Geld dafür? Bis sie dich auf Youporn gar nicht mehr wahrnehmen zwischen all den Leibern und Grimassen, zwischen all den Karikaturen ihrer selbst. Mit Stolz hat das gar nichts zu tun… Wer nicht in dieser Situation ist, weiß gar nicht was Stolz und Würde ist. Wie kann man nur über sie urteilen, nachdem sie das durchgemacht hat?

 

Der Sturm hat sich gelegt. Die Medien mit ihrer scheinheiligen Moral sind woanders hingezogen. Neues Drama. Neues Leid. Neue, unverbrauchte Gesichter. Und objektiv betrachtet war ihre Woche Ruhm im Rückspiegel der unendlich gigantischen Medienmaschinerie keine große Sache. Nicht einmal eine Randnotiz. Für eine Frau auf sich alleine gestellt, kam es einer Exekution gleich. Dieses Signum geht nie wieder weg.

Du bist was du getan hast. Und in einer Welt in der nichts mehr vergessen wird, bist du gut beraten, so zu sein wie alle anderen auch. Die auf andere zeigen. Und selbst niemand sind.

Terror-TV

Am vergangenen Abend war Terror-TV angesagt. Wir hatten uns um die Flimmerkiste versammelt, in Gruppen, wie früher zu den besten Zeiten von „Wetten dass?…“ Oder noch ein wenig früher zu „epochalen Ereignissen“ wie der Mondlandung. Oder ein wenig dümmer. Wie ein Boxkampf von Muhammed Ali.

Die großen Gesellschaftlichen Echtzeitereignisse die wirklich fesseln sind nicht mehr Sportevents, denn von denen bekommt man dank Public-Viewing und Biergrölender Bierseeligkeit nicht wirklich etwas mit, nein, es sind die Echt-Zeit-Terrorevents, wie damals bei der letzten Love Parade, wo man auch in Echtzeit im Stream zusehen konnte, bei denen man sich erschrocken an wackelige Bilder klammert, um zu verstehen, was da los ist. Und nur noch verwirrter ist als zuvor.

Mein Gastgeber gestern wollte das auf N 24 sehen, eine ganz furchtbare Wahl, ständig wurde nur Panik gemacht, eine Mutmaßung musste schlimmer als die vorherige sein und unablässig wurden vom Sender Schüssen im Hintergrund abgespielt, auch wenn gar kein Video mit Schüssen gezeigt wurde. Ganz furchtbar schlimm und reißerisch das Ganze.

Neben mir eine schwangere Freundin aus München, die gerade zufällig bei uns war; das machte die Stimmung irgendwie gedrückter: In so eine Welt willst du ein Kind bekommen?

Nachrichten wurden verschickt: „Geht es dir gut?“ „Ja. Alles klar.“

Obwohl gar nichts klar war.

Außer. Dass die Bilder aus dem Fernsehen viel zu dramatisch, viel zu drastisch waren. Das musste Angst machen – und ich bin vor ein paar Tagen genau deswegen dafür eingetreten, nicht mehr Bilder von Täter und Opfern – außer es hilft den Ermittlungen – so unverblümt zu zeigen. Das Terror-TV hält uns in seinem Schwitzkasten gefangen, nur so hat dieses Medium noch die Ultimative Relevanz, die es vor dem Internet hatte.

Ja, es sollte nichts VERHEIMLICHT werden. Das verlangt ja auch keiner. Aber der Terror ist eine Krankheit, die sich ohne Schranken über Bildschirme verbreitet. Muss man sich denn so hartnäckig anstecken lassen wollen, wenn man ein paar Infos will? Geht es denn nicht ne Nummer humaner?

 

Auch das Internet zeigte sich mal wieder von seiner zersetzenden Seite. 95 Prozent der Informationen waren Desinformationen, Verwirrungen, Mutmaßungen, die einen Tag später kaum etwas mit der Wahrheit zu hatten. Hysterie Allerorts. Und wir zogen uns jede ach so noch kleine Information wie Junkies rein.

Was hat das mit uns zu tun?

Was mit der Zukunft?

Was mit der Gesellschaft?

Der Familienvater machte sehr schnell seine eindeutige Meinung klar. Und in solchen Minuten der Unklarheit ist es schwer ihm und seiner ablehnenden, rassistischen Meinung zu widersprechen. Wenn man immer wieder das Video von einem Kerl im roten Tshirt sieht, der von dem Schützen davonläuft und später mit Decke überm Kopf totgeschossen dalag. (Und ich fragte mich, was die Angehörigen dieses Menschen jetzt wohl denken müssen. Wie grausam menschenverachtend diese Unterhaltungsindustrie ist, die immer wieder und wieder und wieder diese Geschichte dieser misslungen Flucht erzählt).

 

Hätte man den Amoklauf verhindert, hätte man den Axt-Mörder nicht, wie es natürlich die BILD-Zeitung gemacht hat, zum Rockstar hoch gejazzt? Hätte dann vielleicht nicht das letzte Vorbild für den Wahnsinn gefehlt und hätte der Mörder dann nicht angefangen um sich zu schießen? Ist denn nicht gerade der Journalismus wortwörtlich die 4te GEWALT?

 

Den einzig guten Kommentar gab wohl die unverblümte Sprache des Münchners ab, der auf den feigen kleinen Niemand, den Mörder einschrie:

 

Am Ende ist der beste Ernstfall eingetreten, nicht für die Toten, nicht für die Verletzten und auch nicht für die Traumatisierten. Doch es war keine Terrorgruppe. Sondern einfach nur ein verlorenes Schaf, ein Loser, der den, der ihn ihm Video beschimpft sogar noch: Siezt.

Keine Aufmerksamkeit für Mörder

Hätte ich die Macht, würde ich die Berichterstattung über Terrorismus grundlegend ändern. Ich würde, ganz im Gegenzug zur Blöd-Zeitung

 

es verbieten Gesichter von Terroristen abzubilden. Auch nicht die konkreten Opferzahlen. Ganz einfach um potentiellen Nachahmern kein Seelen-Futter zu geben, so dass sie keinen hasserfüllten Bodycount übertreffen wollen, damit sich nicht jeder Depp denken kann „Ach ja, was für ein Milchbubi, doch der hat auch 4 Leute mit in den Tod gerissen, dann werde ich das wohl auch schaffen.“

 

Die Berichterstattung erzeugt erst Opfer und Märtyrer, je nach Blickwinkel. Denn wen keiner kennt, den fürchtet auch keiner.

 

Keine Ahnung wie es euch geht. Ich brauche keine Homestorys über Loser die andere Menschen aus der Sicherheit ihres Lebens oder gleich ganz in den Tod gerissen haben. Zwar will ich verstehen warum diese Menschen taten was sie glaubten tun zu müssen, aufgeilen am Horror des Versagertums will ich mich aber nicht. Und wann sagt die Berichterstattung denn einmal nicht, dass nicht der Einzelne schuld war, sondern wir? Das große Ganze? Es ist doch immer das Gleiche.

Keine Fotos von Mördern mehr und schon sieht der Mann neben dir, der vielleicht eine ähnliche Herkunft hat wie der Feigling, der glaubte etwas Besseres zu sein, auch gar nicht mehr so furchteinflößend aus. Keine Opferzahlen und kein Überbieten mehr an Tod. Weniger Drama Baby.

Die Norweger haben es doch mit ihrer Berichterstattung über Anders Breivik vorgemacht.

 

Ausdrücke wie „Katastrophe“ oder „Massaker“ drücken Angst aus – und Schwäche. Beides wird gegen uns ausgelegt.

Putsch und Pokemon

Am vergangenen Nachmittag spazierte ich mit meiner Freundin durch unsere kleine Stadt, wir waren auf der Suche nach Pokemon. Ein schöner Sommer-Nachmittag. Das war einen Tag nach  dem Mordanschlag in Nizza und Stunden bevor es in Istanbul zu einem Putsch gegen die Regierung kam, ebenfalls mit vielen Toten. Beides wird Terrorismus genannt – und wir sammeln Pokemon.

Von der Geschichte in Istanbul habe ich heute morgen erfahren, als ich aus dem Bett schlüpfte und auf die Toilette ging, ein Freund hatte mir es bei Whatsapp geschrieben. Natürlich war nicht mehr daran zu denken wieder ins Bett zu gehen und schlafen. Istanbul geht uns alle an. Besonders, weil ein Bekannter von mir dort Urlaub macht. Außerdem liegt der Bosporus gefühlt direkt vor meiner Haustüre, so eng ist Europa inzwischen zusammengerückt.

Nizza… War eine große Tragödie. An Tragödien in Frankreich, deren ein terroristischer Auslöser nachgesagt wird, hat man sich schnell gewöhnt. Ja wirklich. Zwar ist die Anteilnahme groß, die Franzosen sind im Moment wirklich arme Schweine, Istanbul jedoch ist neuer, aufregender, spannender. Tut mir leid, so ist da nun einmal. Wenn der Stressspiegel der Bevölkerung durch „Eilmeldungen“ der 5ten Macht ständig hochgehalten wird. „Spiegel“, „Bild“, „Zeit“ und all die anderen „Onlines“ machen den ganzen Tag nichts anderes.

Es hört ja auch gar nicht mehr aus. Seit der Ukraine scheint ständig etwas zu sein. Syrien. Terrorismus. Anschläge auf der ganzen Welt. Tote. Demonstrationen, dafür oder dagegen, so auch bei dem Putschversuch gestern. Unvermittelt schaut man fast schon aus dem Fenster, ob das Nachbarhaus nicht schon in Flammen steht, oder ob nebenan auch wirklich „black lives matters“. Es macht einen wahnsinnig dieses ständige Bombardement mit Schreckens- und Panikmeldungen. Wie soll man, nein, wie DARF man da noch ruhig schlafen? Es geht uns doch ALLE etwas an! Sicher? Schließlich war ich gestern nur Pokemon jagen…

 

Sogar hier in der Kleinstadt trafen wir kleine Grüppchen von jungen Leuten und die gerne als Junggebliebenen Genannten. Die einen sind voll dabei, die anderen grinsen ironisch, schamhaft berührt über so viel Unsinn „virtuelle Monster jagen“, aber es macht Spaß und deswegen sind sie trotzdem dabei. Was spricht dagegen Spaß zu haben?

Öffnet man Facebook sieht man sofort tausend Gründe, weshalb es fast schon eine Sünde ist in diesen Zeiten zu lachen. Freunde teilen Videos „pro Russland“, da sie gegen die USA sind, oder umgekehrt. Der Informationskrieg ist im vollen Gange  und irgendwie musst du dabei sein, irgendeine Haltung MUSST du an den Tag legen, sonst bist du draußen, sonst bist du nicht in der Gegenwart angekommen, sonst bist du ein Niemand, der sich Fremdbestimmen lässt. Dein Leben ist doch nur der Spielball der Mächtigen! Willst du das zulassen? Schließlich ist die Frage „ob wir einen neuen kalten Krieg wollen oder nicht“ an Lächerlichkeit kaum zu überbieten: Wir stecken schon lange mittendrin.

Und du gehst PO-KE-MON JAGEN!??

 

Ja, ich werde auch heute wieder ein paar von den Viechern catchen, wenn auch nicht alle. Ich halte das sogar für ziemlich vernünftig, anstatt in Angst darüber zu leben, was in der Türkei, in Frankreich, in den USA, in der Ukraine, in Syrien oder bei uns passiert oder geschehen könnte. Denn ich sehe es nicht ein mein Leben dadurch einengen zu lassen. Ich beteilige mich nicht an der Panik dieser für mich virtuellen Kriege, die, das ja auch sind. Trotz der Toten. Trotz dem Leid. Trotz den Verwundeten und Krüppeln. Wusstet ihr dass es in der Türkei seit 1960 schon vier Putsch-Versuche gab? Hat euch das früher interessiert, als die Türkei noch weit weg war und uns nun eingeredet wird, die Türkei ist 10 Kilometer entfernt? Und ist euch klar, dass es  in Deutschland (trotz all dem Nachrichten-Terror, der einen suggeriert dass man immer und überall von einem Terroristen getötet werden könnte) wahrscheinlicher ist von einem Blitz erschlagen zu werden als Opfer einer Terroristen Attacke? Und ist euch nicht klar dass es vollkommen scheißegal ist ob ihr kleinen Niemande pro Putin oder pro Obama seid oder (was ich am vernünftigsten halte) alle beide Staatenlenker als Mörder verurteilt, solange ihr nur vorgefertigte Info-Krieg-Videos einer Großmacht teilt und ihr somit nur die Meinung von anderen wiedergebt und selbst dann, wenn diese Meinung zu der euren geworden ist, nichts verändert, nichts unternommen habt und weder klüger oder besser seid als jeder andere, dem Politik am Arsch vorbeigeht?

 

Vor ein, zwei Jahren habe ich in meinem damaligen Blog noch mehr „Haltung“ gefordert, heute sieht man überall Entartungen dieses Wunsches, so als ob „Haltung“ im Inneren oder auf Faecbook etwas ändern würde, denn tatsächlich nimmt man diese „Haltung“ nur in virtuellen Räumen an, und wird Teil von virtuellen Informationskriegen, wird Soldat von irgendeinem Blödsinn, für oder gegen etwas ist im Prinzip egal. Hauptsache man ist dabei. Hauptsache man kann mitreden und sich klüger oder besser informiert fühlen als das Gegenüber; die Frage ob dies überhaupt noch möglich ist wird gar nicht mehr gestellt. Überall sieht man geteilte Bilder deren Urheber ich nicht kenne, keine eigenen Gedanken. Überall sind Feinde, allgegenwärtig scheint der Tod.

 

Ich finde virtuelle Pokemon draußen auf einer echten Straße zu suchen vernünftiger, als sich echte Angst und Panik durch virtuelle Wahrheiten aus dem Internet ins Gehirn herunterzuladen. Denn die Welt mag zwar durch die Globalisierung näher zusammengerutscht sein, ja. Doch eines ist sie nicht: Die Welt wird nicht kleiner geworden. Lasst euch das nicht einreden. Wir haben ja nicht ohne Grund über die Phrase gelacht, dass „unsere Freiheit jetzt am Hindukusch verteidigt wird“. Denn neben dem Lachen war die beste Frage die damaligen Unwissenheit die mit „Am was?“ ausgedrückt wurde.

 

Das soll natürlich nicht bedeuten, dass ich jetzt zu einer kollektiven Ignoranz aufrufen will. Bleibt informiert! Doch nur von echten Informationen, nicht von Wortfetzen, sei es von einem Zusammengeschnittenen Video wo euch ein Typ den ihr niemals vorher gesehen habt und über den ihr nichts wisst,  genau das sagt, was in euer Weltbild passt und ihr es deshalb als „Wahrheit“ erachtet, oder auch nicht vom freundlichen „Tagesschau“- oder „Heute“-Sprecher, der liebe Onkel, dem man ja vertrauen kann, weil er euch tagtäglich die Welt erklärt, mit einer Realität passend zur Eigenheimfinanzierung.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es angenehm ist sich nur die Informationen herauszusuchen die einem gefallen, die einem die eigene Denke bestätigen und die dir ein gutes Gefühl geben – gerade auch, wenn sie einem eine schlechte Weltsicht vermitteln (denn man hat es ja als fast schon einziger schon lange kommen sehen). Aber es reicht einfach nicht sich nach dem Mund reden zu lassen und dem anderen darüber gar nicht mehr zuzuhören. Ja. Das ist anstrengend. Gerade in einer Welt in der so viele falsche Informationen so schnell abrufbar sind. Ja. Das ist kompliziert. Und nein. Ich weiß auch nicht alles besser: Doch ich habe wenigstens gelernt nicht zu jedem Thema sofort meine unnütze Meinung abzugeben. Lasst euch einfach Zeit für eure Haltung und werft die dann vielleicht auch mal öffentlich über den Haufen wenn ihr merkt, dass ihr vielleicht doch falsch liegt. Ich weiß. Das ist peinlich. Nur ist es besser als sich immer tiefer in irgendwelchen Unsinn zu verfangen, nur weil man einmal auf der Schiene ist.

Ich werde ja auch nicht ewig Pokemon sammeln. Das wäre genauso peinlich.

Fight Club im Fussball-Stadion

„Ist ein Fußballturnier, ist dem Pöbel alles egal.“

„Wer sagt denn das?“

„Na die Medien.“
„Hm. Stimmt ja jetzt auch nicht. Man sollte nicht vergessen, dass die Medien nur noch über Fußball berichten… Es wird einem normalen Menschen fast schon erschwert an normale Infos zu kommen.“

„Vor ein paar Jahren haben die im Bundestag in der Zeit unbeliebte Gesetze durchgedrückt. Hat ja keiner gemerkt.“

„Welche UNBELIEBTEN Gesetze denn?“

„Ja keine Ahnung.“

„Mhm…“
„Auf jeden Fall wird so getan, als hätten wir nur noch Fußball im Kopf während so ner EM.“
„Weil wir der Pöbel sind?“

„Na ja… Vielleicht sind wir schon eher das Pack.“

„Immerhin sind wir in der Gewerkschaft.“

„Pack ist dann auch ein wenig übertrieben. Und als Bildungsferne Schicht würde ich nur die Jungs in der Nachtschicht bezeichnen.“

„Sehr witzig.“

„Aber es ist doch eh Quatsch. Als würden wir uns ansonsten nur über die Flüchtlingskrise, Griechenland oder unsere Renten unterhalten. Der Normalo ist ein Depp. Der redet da kaum drüber. EM hin oder her. Soma gibt es immer…“

„Soma… Weißt du, das Wort „Flüchtlingskrise ist furchtbar. Weißt du warum?“

„Tja…“

„Krisen enden.“

„Genauso wie Kriege… Das hast du aus the wire, stimmts? Krieg gegen die Drogen…“

„Jo.“

„Vielleicht geht es auch darum, dass wir bei so einer WM unsere Leute rumlaufen sehen. Fussballer sind doch in Wahrheit auch eher Pöbel, so denken doch die Anderen. Die Gebildeten.“

„Die Anderen… Hm…“

„Ja du weißt doch. Gut aussehen dürfen Fußballer. Am Besten sind sie noch lustig. Mehr wird denen aber auch nicht zugestanden. Die sind doch für DIE ANDEREN auch nur ein Haufen Hauptschüler. Und das ist noch milde ausgedrückt. So wie wir. Ein Fußball-Spieler ist quasi das Idealbild, der König und zugleich  Prototyp der Proleten. Muskulös. Gut aussehend. Eher selten in ner Bibliothek anzutreffen.“

„Ein Fußballer muss ja nicht klug sein.“
„Kann er aber! Und das wird von den Anderen gerne absichtlich übersehen.“

„Dann noch der richtige Abschaum. Das totale Pack. Die Nazi-Schläger.“

„Die Hooligans… Hm. Weißt du was mich wundert? Du und ich, wir würden niemals Karten für so ein Spiel bekommen. Die Schläger schaffen das aber cool easy. Wo bekommen die die Tickets eigentlich her?“

„Hooligans müssen nicht im Stadion sein um Prügeln zu können.“
„Manche aber schon. Meine Theorie ist ja, dass das gar nicht das Pack ist, dass da zum Schlagen auf die Straße geht.“

„Die mit den Reichsfahnen sind kein Abschaum?…“

„Ich sag nicht das sie kein Abschaum sind, ich sage nur, dass das keine Hartzer oder Geringverdiener sein müssen; woher sollen die eigentlich das Geld für so ne Karte haben?“
„Das unterstellt man recht schnell.“

„Ja. Die Medien suggerieren das nur. Weil. Alle gleich sind. Die Zuschlagen. Zuschlagen ist gleich dumm.“

„Und das stimmt nicht?“

„Ein Bekannter von nem Freund von mir ist Manager bei BMW und der macht bei so was gerne mit. Dafür nimmt der sich extra Urlaub.“

„So ein Filial-Leiter?“
„Ne. So richtig Manager. Der geht gerne zu solchen Kloppereien. So richtig aufs Maul. Der findet das gut. Das reinigt die Seele: Irgend nem Fußball-Ausländer aufs Maul zu hauen.“
„Und das Hotel zahlt bestimmt auch noch die Firma.“

„Würde mich nicht wundern.“

„Schon eine krasse Vorstellung. Manager die normale Fußball-Fans zusammenschlagen.“

„Eigentlich passt das doch voll ins Klischee-Bild.“

„Ist das nicht etwas zu… Fight Club?…“

„Ja und? Glaubst du die Leute gehen nur aus den RICHTIGEN Gründen in den Fight Club? Glaubst du so eine Selbsterlösung ist per se etwas Gutes?“

Fernweh

Die ersten, beiden Sachen, die ich mir mit 17 Jahren von meinem ersten Lehrlingsgehalt leistete, waren ein Fremdwörter-Duden und ein 1 Gramm Kokain. Damals dachte ich mir nichts über diese Konstellation, wogegen es heute eine schöne Metapher ist. Nutzlos, doch schön.

Der, dieser böse, schlechteste, älteste, beste Freund von dem ich die Droge in einem gefalteten Stück Papier gekauft hatte, hat sich gestern Abend nicht mehr gemeldet, was bei ihm kein Wunder ist, obwohl er es zugesagt hat sich nach der großen Land-Party mit Biertischgarnituren und Spanferkel, draußen beim Flugplatz, noch einmal zu melden, auf einen Absacker und auf eine Gute-Nacht-Zigarette.

Dafür sah ich mir auf Arté die Dokumentation über Jean Michel Jarre an und war gänzlich verzückt über all die Dinge, die ich nicht wusste und nun lernte, und so ließ ich mich mit meiner Dose „Wodka Gorbatschow Orange“ in der Hand auf dem Kanapee verzaubern.

Nachmittags war ich bei meiner Schwester gewesen. Erst in der Zahnarzt-Praxis, wo ich mich gut und small mit dem sehr adretten und äußerst höflichen, jungen und außerordentlich großgewachsenen Zahnarzt unterhielt der zum „Tag der offenen Tür“ geladen hatte, wir Beide total unaffektiert und dabei doch auf einen gewissen Stil bedacht, lachend, scherzend, immer kurz unter die Oberflächlichkeit der Konversation abtauchend, eine Szene wie bei Puschkin, Tolstoi oder Dostojewskij; Abendszene, große Gesellschaft mit kleinen Intrigen, von denen nicht jeder weiß.

Bei meiner Schwester „zuhause“ dann die große Geschichte, wie es dazu kam dass sie ihre Familie verließ, eine Anhäufung von dummen Zufällen, die schließlich darin gipfelten, dass die verheiratete Frau, meine Schwester, auf dem Bett ihres neuen Liebhabers saß, mit dem sie keine Zukunft wollte, sondern nur Flucht aus der Tristesse des Alltags, und ihr Ehemann sie – wie es auf dem Land leicht passieren kann – aufgespürt hatte, unten vor dem Haus stand und nach oben brüllte: „Schick meine Frau raus!“ Und daneben stand auch noch (ach Gottchen) ihre gemeinsame Tochter, meine Nichte, die der gehörnte Vater und Ehemann meiner ältesten Schwester gerade von der Jugenddisco abgeholt hatte und auf dem Nachhauseweg das Auto seiner Frau bei einem fremden und doch vertrauten Haus  stehen sah, weswegen er sehr emotional gehalten hatte, diese jugendliche Tochter stand also daneben und rief ebenfalls an die nackte, weiße Hauswand: „Lass meine MUTTER heraus!“

Kaputte Szene. Absolut.

Und oben meine Schwester, die noch gar nichts mit dem Liebhaber angefangen hatte, sich entscheiden musste, jetzt sofort, wie ihre Zukunft aussehen würde: Bleiben oder gehen?

Nun besuchte ich sie also gestern in dem fremden Haus, in dem sich diese Schmierenkomödie abgespielte. Sie erzählte und wir lachten – ungewiss war ihr dennoch ob der Zukunft.

Bei ihrem vom Gesetz her so genannten Ehemann will sie nicht bleiben, sie sagt es ihm schon seit Jahren, dennoch tut sie sich schwer ihre Familie vollkommen zu verlassen.

Die ganze Szene erscheint mir wie eine Episode aus „the affair“, diese amerikanische Serie, in der die Geschichte eines Betrugs aus zwei verschiedenen Perspektiven erzählt wird, teilweise identisch, andererseits krass unterschiedlich in der Wiedergabe, denn mein bald ehemaliger Schwager hat die Geschichte natürlich ganz anders und von seiner Warte aus erzählt.

Meine Schwester fährt des Öfteren „heim“ zu ihrer Familie. Erst neulich schlief sie auf dem Sofa ein. Wachte auf. Ihr junges Mädchen neben sich und hatte die ganze furchtbare Szene vergessen. Sie wachte einfach nur in IHREM Haus auf, in dem sie über ein Jahrzehnt gelebt, die Möbel ausgesucht und sogar bezahlt hatte, ja, sie war kurz davor einfach nach oben zu gehen und sich ins frühere Ehe-Bett zu legen, dann aber sagte die furchtbare Stimme der Vernunft zu ihr: „Das ist nicht mehr dein Zuhause.“

Für mich ist es schwierig sich mit den Problemen meiner Familie auseinander zu setzten, weil es DIE Familie für mich nicht gibt. Und mit echten, emotionalen Problemen würde ich alles machen, nur nicht sie nach außen tragen. Ich würde meine Probleme ertragen wie „ein Mann“; wenn einer meiner Freunde zu mir kommt und sich wegen einer Frau ausheult, habe ich fast nur Verachtung für ihn. Ich. Würde es niemals machen.

Wir waren schon immer eine kaputte Familie. Auch wenn mein Vater durch die Im-Nachhinein-ist-Alles-gut-geworden-Brille unsere Vergangenheit idealisieren will, was ich nicht so sehe. Im Gegenteil. Im Nachhinein verstehe ich erst langsam, wie kaputt wir alle waren und dadurch sind. Und ich finde das auch ganz gut so. Denn dadurch kann ich besser Denken, Fühlen und vor allem Lieben.

Meine Freundin sagt mir gern, ich sei in Wahrheit kein Land- sondern ein Stadtmensch, was ich gestern meiner Schwester erzählte, angesprochen wegen dem Wunsch wegzuziehen, und sie meinte darauf, dann müsse sie doch auch ein Stadtmensch sein, schließlich sei sie unter dem selben Dach aufgewachsen wie ich.

Ich meinte dazu nur: „Nein. Das bist du nicht.“

Wir tauschten Blicke. Ließen es gut sein. Und nach ein paar Minuten umarmte ich sie und ging. Ließ sie ein wenig hilflos zurück und sie sagte noch: „Wer weiß wo wir uns das nächste Mal treffen, wo ich dann leben werde.“

Den Rest des Wochenendes habe ich viel gelesen, den Manga „I am a hero“, in „Klage“ von Goetz und Lookalikes von Thomas Meineke, von dem ich bisher nur die Vertonung mit Move D kenne.

In „Lookalikes“ geht es um Doppelgänger, die sich irgendwie wie ihre Originale verhalten, ganz herausgefunden habe ich das noch nicht. Und wenn man das so liest und über seine Familie nachdenkt, hat man das Gefühl, dass  wir alle „Lookalikes“ sind, nicht von Prominenten wie Shakira, Justin Timberlake oder Josephine Baker (oh wunderbare, gehasste Josephine…) sondern von uns selbst. Lookalikes wohin man sieht.

Es ändert sich Alles. Es ändert sich nichts. Das dachte ich gestern früh, als mein türkischer Hausmeister schon wieder den Rasen mähte und ich mich darüber ärgerte, wie jedes Mal, wie es wohl immer sein wird; von Flüchtlingswahrheiten bekommt man hier in der Kleinstadt NICHTS mit. Das Leben tropft einfach so dahin. Nun. Na ja. Du bekommst was du erschaffst.

Heute Abend werden dann noch die Filme weggeguckt. Auswärts.

Es fehlt an Geist. Es fehlt an Romantik. Die Leute verehren einander nicht mehr. Und dazu las ich in Meinekes Buch eine Stelle, die er selbst zitierte, sehr schön wie ich finde:

Wunderschöner Kitsch in Zeiten der Hardcore-Pornografie. Wo wir wieder beim Anfang wären. Bei meinem alten Freund, der glaubt, dass das Leben nur aus Essen und Ficken besteht (darüber hat er mich gestern sicherlich vergessen)

Nein.

Das sehe ich zum Glück anders.

Auch wenn man sich dafür an manchen Wochenende zuhause verschanzen muss.