Deichkind in Augsburg, Schwabenhalle, es war der 18.02.2020. Erfahrungsbericht

Ironischerweise waren Deichkind zu jenen Zeiten als sie berühmt und irgendwie auch legendär wurden, überhaupt nicht so meins. Diese geravete Bierseligkeit fand ich blöd. Ich selbst war Anfang, Mitte der Nuller Jahre, als die Pyramidenköpfe die Bühnen eroberten, eher der vergeistigte Feier-Typ und schob vom Kopf her Deichkind in die Ecke, in der später die Atzen unterwegs waren: Laut und prollig. Mit den Jahren entwickelten sich Deichkind immer mehr und mehr zur Kopf-Band und wurden so für mich interessant. Auf der Bühne live erlebt habe ich sie trotzdem gerade zu ihrer Anfangszeit. Deichkind spielten auf so vielen Festivals VOR den Bands die ich hören wollte, dass Deichkind für mein Befinden zur nervigen Vorband verkamen. Hüpfburg und riesige Fahnen hin oder her. Man darf ja nicht vergessen, dass der Electroclash in dieser Zeit mega abging und Deichkind von ihrem Gestus her nichts Außergewöhnliches waren. Boys Noize, Bloody Beetroots, die Ed Banger Posse oder die Soulwax/2manyDJs Ecke ließen die Menschen auf den Tanzen reihenweise eskalieren. Und doch waren Deichkind halt die einzigen, die das mit einer gewissen Deutschen Attitüde machten – und über ihre Slogans gibt es (selbst wenn man die Band nicht mag) nicht wirklich zwei Meinungen. Ich bin mit den Jahren kein Deichkind-Fan geworden. Ihre neuen Texte und ihre frisch zelebrierte Attitüde finde ich dennoch ganz cool. Zudem sind Deichkind auf eine gewisse Art die letzten Übriggebliebenen der lauten und krawalligen Nuller-Jahre. Klar. Ed Banger usw. gibt es auch heute noch. Nur bis auf wenige Ausnahmen wie zB. Justice bringt die Musik niemanden mehr zum eskalieren. Deichkind sind dieser Erwartungshaltung treu geblieben, doch sie haben sich in eine gute Richtung weiterentwickelt. Und doch holen sie ihre alten Fans noch ordentlich ab. Und scheißdrauf. Wenn Deichkind schon einmal nach Auxburg kommen, dann geht man halt hin. Wer seid ihr nur, wenn ihr nur zu Lieblingsbands geht?

Vor dem Konzert sah man sich die Konzertbesucher an und kam sich vor wie auf dem Treffen der ansonsten anonymen Raveoholikern; man konnte an der Aufmachung und den Gesichtern sehen, dass das ehemalige Dosenbierstechen gegen Kinder und zumindest Eigentumswohnungen eintauscht wurde. Heute aber, da wollten es die Mittvierziger noch einmal wissen. Junge Leute waren auch am Start, nur nicht sehr viele. Ich war noch nie in der Schwabenhalle und ich fand die Location für eine Konzerthalle mega. Aus dem einfachen Grund, dass das Konzert dort nicht in die Länge gezogen wurde, sondern in die Breite. Viel zu oft stand ich schon in Konzerthallen ala „Zenith“, die wie ein Schlauchlevel viel zu weit weg von der Bühne gestaltet sind. Hier lehnten wir locker. Am ersten Wellenbrecher an der Seite und es war immer noch nah genug. Ja. Lehnten. Es war immerhin ein Dienstag: Wir waren schon müde als wir ankamen.

Im Vorprogramm wurden (und das kannte ich bisher nicht) Musikvideos gespielt. Nicht nur Musik. Was der Stimmung wirklich zuträglich war. Man konnte was ansehen, anstatt nur plump die Zeit abzusitzen, bis es endlich losging. Und. Es gab keine Vorband. Beste Entscheidung ever. Ich weiß schon. Vorbands brauchen eine Bühne um sich präsentieren und bekannt zu werden, blah blah blah. Stimmt ja nicht. Die 80ger sind lange vorbei und wenn ich eine Band „entdecken“ will gibt es mit Youtube und Spotyfy bessere Plattformen, als ne Stunde lang der Band, für die der Kunde Geld ausgegeben hat im Weg zu stehen. Vorbands will doch keiner mehr hören. Deswegen Videos. Tolle Sache. Von 90ger, 80ger Jahre Hip-Hop (die Spaß-Sparte), über Bonaparte, Nirvana, bis hin zum echt lustigen  Video von Salvatore Ganacci – ich hab alles gefeiert.

Dann gings los. Werner Herzog sprach das Intro; ach, Werner Herzog. Ich liebe seine Sprechstimme über alles. Und. Wüsste dabei keinen einzigen Menschen, bei dem ich die Sprechstimme so feiere. Singstimme ja eh. Sprechstimme? Fällt mir sonst keiner ein. Es folgte ein Megalanges Intro-Video, in dem der Schauspieler Lars Eidinger splitterfasernackt quasi als Pinsel blau gemacht und über den Boden gezogen wurde. Das Bühnenbild der Show entsprach dann dieser Video-Installation. Deichkind quasi als lebendige Gemälde. Und so blieb dann auch die erste Stunde des Konzerts, äußerst kunstvoll. Es ging zwar mit „Keine Party“ los und dann mit „Richtig gutes Zeug“ weiter. Jedoch inszenierte die Band ihre gesamte Bühnenshow eine Stunde lang komplett an ihren Fans vorbei. Erst war ich irritiert. Dann habe ich es geliebt. SO konsequent muss man sein, wenn man Neues schaffen will. Eine Stunde lang quasi kaum Hits. Nur neues Material. Um dann in der zweiten Hälfte des Konzerts (noch einmal anderthalb Stunden oben drauf), Deichkind mäßig alles abzureißen. Trotzdem. Dennoch. Diese erste Stunde, die man wirklich als Dadaismus bezeichnen kann, verstörte die alten Deichkind Fans. Sie waren für Abriss gekommen und bekamen erst einmal eine strange Choreographie, die mich in ihren schwachen Momenten an eine Bildschirmschoner-Performance erinnerte. Was sollte das? Warum macht man das? Warum tut man seinen eigenen Fans so was an? Na. Weil man nicht stehen bleiben will. Da wird sich weiterentwickelt und Mensch. So eine Performance lernt man jetzt auch nicht von heute auf Morgen auswendig und Schrittgerecht. Für meine Frau tat es mir etwas leid. SIE wollte Abriss. Den kannte ich ja schon – und – es war klar: Der würde noch kommen.

Die einzigartigen Pyramiden-Hüte wurden ebenso aufgefahren, wie das Bierfass, mit welchem die Band, die keine Instrumente spielte , Flagge schwenkend durch das Publikum kurvten. Da war da noch die Stalin-Orgel, die T-Shirts schoss. Viel „Yippie Yeah und Remmidemmi“, ganz am Ende. So viel waren sie ihren Fans schon schuldig. Doch in Wahrheit waren es zwei Konzerte die man bekam. Sie performten einmal für die Kunst. Und einmal für das Publikum. Und ich fand es toll. „Arbeit nervt“, „Leider geil“, „Illegale Fans“, „Bon voyage“. Es fehlt ja keiner der Hits. Meiner Frau (die wie ich kein Deichkind-Fan ist) fehlte nur noch „Disco Pogo“. Na ja. Kann ja mal passieren… Zu denen gehen wir auf jeden Fall wieder. Wir haben uns dann noch eine große Flagge für den Vorgarten geholt. In schwulen Regenbogen-Farben „Yippie Yippie Yeah“. Wenn schon. Dann ordentlich. Nach 15 Jahren, da bin ich Fan geworden. Schwitzend und grinsend fuhren wir nachhause. Genug Party für einen Dienstag.

Er und sie

Über ihn haben sie immer gesagt, er sei „falsch“. Vorne herum so. Hinten herum: Ganz anders. Illoyal. Und ein Schwätzer. Na ja. Die Leute reden halt. „Mir hat er nie was getan“, hab ich zu dem Thema immer gesagt. Was ich nicht gesagt habe: „Ich mag ihn.“ Obwohl man sich kaum, eher nie trifft. Und nicht selten gestritten hat. Mag man sich. Auch gegenseitig, glaube ich. Hat Respekt voreinander. Mir doch egal was „die Leute“ erzählen.

Über sie habe ich oft gehört, sie sei eine Schlampe. Okay. So hat es natürlich keiner gesagt. Gemeint haben sie es trotzdem. Vielleicht liegt das daran, dass sie gut aussieht. Und selbstbewusst wirkt. An einer Stelle in „Absolution“ habe ich über Frauen wie sie geschrieben. Frauen, die hübsch und selbstbestimmt sind. Weswegen sie von ihrem Umfeld mit Dreck beworfen werden, damit sie so werden wie jene, die den Dreck werfen. Die sie „auf ihr Niveau herunterziehen.“ Keine Ahnung. Ich kenne sie im Prinzip überhaupt gar nicht. In diesen Tagen hat wohl jeder Freunde auf Facebook oder Instagram, die man gar nicht kennt. Man addet Freunde von Freunden. Und am Ende beobachtet man im Nebenher beim Scrollen durch die eigene Timeline das Leben von Fremden. Immer wieder sind da Bilder, oder andere Posts, die einen Einblick gewähren, in Sicht und Denkweisen. Lächeln an fremden Orten. Einblicke. Auch wenn man ihn gar nicht will. Doch. Man löscht diese Nicht-Freunde dann doch nicht aus seinem personalisierten Algorithmus. Es ist keine Form von Voyeurismus… Bestimmt gibt es dafür ein tolles Wort für diese Arten von ständigen Beobachtungen in irgendeinem abgefahrenen Studiengang… Nun, es sollte klargeworden sein, wie meine Beziehung zu ihr ist.

Auf jeden Fall sind die Beiden ein Pärchen, welches einzeln, bevor sie sich kannten und liebten (?), von den Leuten gerne abgeurteilt wurden. Okay. Sicherlich haben die Menschen, die sie beurteilen, auch irgendwelche Erfahrungen mit ihnen gemacht. Von nichts kommt ja nichts. Wie auch immer. Er ist also falsch und ein schlechter Kerl. Und sie eine Schlampe. Wenn man dem Gossip glauben will. Sehe ich die Beiden jedoch zusammen, sind sie einfach ein nettes Paar. Vielleicht gerade deshalb, da sich Leute die Mühe machen, sie einzeln zu hassen. Ich dagegen wünsche ihnen alles Beste. Hoffentlich sind sie lange zusammen. Und glücklich. Wieso auch nicht?

Stereotyp – 5 – Nicht alle Eltern lieben ihre Kinder über alles

Paul hatte sich gerade noch so in sein Bettchen geschleppt. Dort angekommen fiel er sofort in tiefen Schlaf. Die lange Reise in den Westen hatte seinen Tribut gefordert.

Als Paul schlief, war das Haus nicht untätig. Reisverschlüsse und Schnallen wurden bewegt. Pakete geöffnet. Winkel durchsucht. Erinnerungen bewertet. Schubladen und Schranktüren aufgeschwungen, offen stehengelassen, noch einmal inspiziert. Schlösser erledigter Bereiche fielen krachend zu. Und selbst wenn hier und da etwas zu Boden polterte, weckte es Paul nicht. Der Junge schlief traumlos wie ein Stein. Sicher, behütet, glücklich. Zur gleichen Zeit stapften die Füße sanfter Riesen durch die Wohnung. Fröhlich wurden ausgelassene Worte hin und her geworfen. Abgewogen, was – und was nicht…? Im Zweifel wurde gegen das angeklagte Kleidungs- oder Erinnerungsstück entschieden. Diese blaue Bluse? Eine BRAUNE Krawatte? Welches Buch ist unverzichtbar? Welcher Gegenstand ist praktisch? Was bekommt man „überall“? Und was benötigt man eigentlich um ein neues Leben zu beginnen? Am Ende ging es schneller als Beide gedachte hatten. Noch ein letztes Bier, eine letzte Zigarette, dann gingen sie schlafen. In der letzten Nacht. Sie machten sich keinen Vorwurf überstürzt zu handeln. Denn wer würde Wasser einen Vorwurf machen, wenn es nach Jahrzehnten unter Druck und Verschluss den Damm durchbricht? Wer könnte es nicht nachvollziehen, wenn eine jahrelang eingesperrte Hauskatze ihre erste Chance zur Flucht ergreift? Und wer würde es nicht verstehen, wenn jemand, der sein ganzes Leben lang unter einer großen Last leben und leiden musste, diese spontan und im ersten Moment abwirft? Sie waren niemanden einer Erklärung schuldig. Seit ihrer Geburt in diesem Land mussten sie sich, ihre ganze Existenz, nach fremden Maßstäben messen und messen lassen. Sicher. Hiltruds Mutter hatte Recht: Es war nicht alles schlecht gewesen. Na und?

Am Morgen danach erwachte der kleine Paul gut erholt in seinem Bettchen für Kinder. Das Haus, die die Wohnung seiner Eltern beinhaltete, war in Stille gehüllt. Paul blieb entspannt liegen. Er blieb dabei ebenso still und leise wie die Gemäuer, die ihn umgaben. Der Junge hatte aus der Trachtprügel gelernt, die er letztes Jahr bekommen hatte, als er an einem Wochenende seine Eltern zu früh geweckt hatte. Nun lag Paul einfach da, unter seiner Decke. Nur sein Kopf ragte hervor. Und wartete. Und lauschte. Er erinnerte sich nicht mehr im Detail daran, wie sein Vater ihn letztes Jahr in die kleine Küche gebracht hatte, um ihm dort die kleine Schlaf- und danach die Unterhose herabzuziehen, wo Papa ihn mit der flachen Hand den nackten Hintern verdrosch. Ebenso wenig erinnerte sich Paul daran, wie seine Mama, nachdem Paul nicht aufhören konnte zu heulen wie ein Häufchen Elend, ihn daraufhin abermals über ihn Knie legte und mit dem Kochlöffel so lange auf seinen schon wieder entblößten Popo einschlug, bis der hölzerne Kochlöffel abbrach. All dies hatte Paul vergessen. Nicht aber, wie er zum Geburtstag kein Geschenk bekam, da „der Junge ja den Kochlöffel zerbrochen hatte“. Der Mangel an Geschenken war ihm in diesem Moment eine größere Bestrafung, als es die Schläge bedeutete. Nur sein Unterbewusstsein würde diesen Moment nie wieder vergessen, den Moment als Mama so hart zuschlug bis der Kochlöffel zerbrach und Mama und Papa, als sie begriffen was gerade geschehen war, darüber zu lachen begannen. Nein. Doch. Auch wenn Paul Fleming es in diesem Moment in seinem Bettchen nicht mehr wusste, würde er diese Kochlöffelszene nie wieder vergessen. Darüber hinaus wusste Paul nicht einmal den Grund, warum er gezüchtigt wurde. Wie sollte er damals auch wissen, was „Blasen“ bedeutet? Wozu „Sex“ überhaupt dienlich ist.

Das Haus blieb still. Übermorgen. Am Montag war Pauls Geburtstag. Vielleicht würde er dieses Jahr etwas geschenkt bekommen. Nur meldete sich jetzt langsam unangenehm und penetrant seine Blase. Er verdrückte es sich noch ein wenig, bis der Druck schließlich zu groß wurde und er sich auf die Toilette schlich. Komisch. Im Gang stand der große Koffer. Der Fernreisekoffer, der so groß war, dass selbst Papa ihn kaum tragen konnte. Und drei weitere, kleine Reisetaschen. Paul schaffte es ohne die Eltern zu wecken zurück in sein Kinderbett und kroch wieder unter seine Decke. Mama und Papa würden sicherlich bald aufwachen. Bestimmt würde die Wohnung gleich wieder nach Zigaretten riechen und Papa seine Witze erzählen, die Paul oft nicht verstand. Mit leerer Blase lag es sich wieder schön und gemütlich in seinem Bett. Um ihn herum hingen Bilder an den Wänden, die Paul mit Bleistiften gezeichnet hatte. Womöglich würde Paul Mama bald fragen, ob er sie abnehmen dürfe. Schließlich war er bald 8 Jahre alt. Da war er doch schon zu alt für solche Strichmännchen an den Wänden. Nur das Pappmasche Herz mit dem golden verzierten „Mirko“-Schriftzug würde er hängen lassen. Das mochte er.

Es dauerte schließlich noch eine gute Weile, gegen Mittag, bis Paul die erste Zigarette in der Wohnung roch. Bald darauf erlauschten Pauls Ohren durch die Wand, dass sich Mama und Papa unterhielten. Wie immer konnte er nicht hören was sie sprachen, nur dass sie es taten. Allen Anschein nach waren sie nur noch nicht bereit aufzustehen. Paul hatte Hunger. Blieb aber brav liegen. „Brav sein“ hatte sich noch immer bewährt.

Beim mittäglichen Frühstück hatten seine Eltern gute Laune. Sie lächelten und umarmten sich viel. Auch Paul wurde immer wieder in der Arm benommen. Viel häufiger als gewöhnlich. Selbst Papa strich dem Jungen übermäßig oft, fast schon penetrant durch die Haare. Und mehr als drei Mal sagte er zu seinem Kind, dass heute ein besonderer Tag sein würde. Es gab da Dinge, die getan werden müssten. Und auf die Frage, WAS denn getan werden müsse, antwortete Papa in einem Moment der Schwäche mit einem fast schon traurigen Blick, dass sein Sohn ihn eines Tages verstehen würde. Wahrscheinlich. Vermutlich… Dann nahm Papa wieder einen Schluck West-Kaffee und goss seinem Sohn West-Kakao-Pulver ein, welches sie gestern gekauft hatten; und dieser Kakao war richtig gut. „Richtig, richtig gut“, lachte der Kleine und Mama schmierte ihrem Kind die gute, selbstgemachte Marmelade aufs Brot. Obwohl heute noch gar nicht Sonntag war.

Nach dem Frühstück wurde Paul ein wenig plötzlich auf sein Zimmer geschickt. Mama hatte unvermittelt zu Weinen begonnen. Die Töne des Radios und fröhliche Musik übertönten ihr Schluchzen als der Junge in seinem Zimmer war. Paul verstand nicht, was geschehen war. Wieso Mama plötzlich so traurig werden musste. Ob sie sich wehgetan hatte. Am liebsten wäre er einfach zu ihr in die Küche gegangen und hätte sie in die Arme genommen. Vielleicht würde sie das ein wenig aufmuntern. Doch Paul sollte in seinem Zimmer bleiben, erklärte der Papa noch eine Wartezeit später. Sie würden ihn dann holen. So spielte Paul mit seinem Spielzeug, bis es dunkel wurde. Dann öffnete sich seine Kinderzimmertüre zum letzten Mal.

„So dala“, lächelte der Vater schief. „Jetzt müssen wir aber los.“

„Wohin denn?“ Paul war erstaunt. Schon wieder ein Ausflug? Gut. Na ja… Vielleicht hatte das was mit seinem Geburtstag zu tun!

„Das“, seine Mutter stand hinter dem Papa, „Ist eine Überraschung.“

„Eine schöne Überraschung?“ fragte Paul mit großen Augen. Er ließ sein Spielzeug, Spielzeug sein und stand auf. Seine Eltern wechselten einen Blick. Dann erklärte seine Mutter mit schiefer Stimme: „Sind denn nicht alle Überraschungen schön?“

„Oh ja!“ freute sich Paul unverhohlen.

„Na dann ab ins Auto!“

Paul rannte lachend an seinen Eltern vorbei den nun leeren Flur hinaus, das Treppenhaus hinab, hüpfte regelrecht in seine Schuhe und eilte hinunter zum „guten Wartburg“, in den bereits die Koffer und Taschen geladen worden waren. Die Mutter trug dem Jungen noch Kopfschüttelnd seine Jacke, seine Mütze und die kleinen Handschuhe hinterher, in die sich Paul wiederwillig zwängte. Nur die Wintermütze stopfte Mama in die Seitentasche den kleinen Anoraks. Wieder einmal schlugen die Türen zu. Heute ohne Großeltern. Dann ging es los; einen Kilometer weiter stoppte Pauls Vater den Wartburg wieder. Hatten sie etwas vergessen? Pauls Mama drehte sich zu ihm um.

„Wir spielen jetzt ein kleines Spiel!“ Ihre Stimme klang fest und spröde. „Du rutscht jetzt so tief du kannst nach unten.“ Seine Mutter zeigte hinter die Rücklehnen der Fahrersitze. „Und dabei setzt du das hier auf.“ Sie zeigte ihm einen unförmigen Lappen, der sich in Pauls Händen als kleinen Mehlsack erwies. Er sah sie fragend an. „Den setzt du auf, wenn du hinuntergekrochen bist. Und dann bist du ganz brav und still.“

„Bekomme ich dann die Überraschung?!“
„Oh ja.“ Sie seufzte. Lächelte. „Natürlich.“

So tat Paul wie es ihm von seiner Mutter gesagt wurde. Er setzte sich den nach Mehl riechenden, den sogar nach Mehl schmeckenden Sack auf, und kroch wild entschlossen zwischen die Sitze. Was für ein Abenteuer! Und dabei hatten sie am Tag zuvor schon ein ganz anderes Abenteuer erlebt! So viele Autos hatten am Grenzübergang gestanden. Noch nie hatte Paul so viele Autos gesehen gehabt. Was wohl heute passieren würde? Vielleicht würde nun jeder Tag ein Abenteuer beinhalten? Vielleicht bedeutete genau das, erwachsen zu sein und zu werden. Die Reisetaschen, zwischen denen Paul die kurze Strecke lang gesessen hatten, kippten auf die ganze Länge der Rücksitzbank um. Paul konnte es genau spüren, doch obwohl dadurch sein Raum zwischen den Sitzen, der ohnehin schon knapp bemessen war, noch enger wurde, blieb das Kind ruhig und still. Er hatte auf die Anweisung der Mutter sogar die Augen geschlossen, damit er kein Mehl in die Augen bekäme. Mit der Zeit, mit den Minuten, die zu einer knappen Stunde reiften, traute sich Paul immer wieder die Augen ein wenig zu öffnen. Nur selten sah er matte Lichtscheine, die durch das Säckchen dämmerten. Tatsächlich lauschte er die ganze Zeit nur dem dumpfen Dröhnen des Wartburg, der hier, auf dem Boden des Gefährtes, noch 10 Mal lauter zu Ächzen schien. Seine Eltern: Schwiegen. Nicht einmal das Radio dudelte durch die Nacht oder erzählte vom größten Tag in der näheren deutschen Geschichte. Nicht einmal vom Wetter wurde berichtet. Es herrschte eine fast greifbare, bedrückend menschliche Stille in dem in der Deutschen Demokratischen Republik gefertigten Wagen. Nur einmal hörte Paul seine Mutter sagen: „Ich glaube, ich pack das nicht, Walter…“ Worauf der Vater tonlos antwortete: „Das wird schon.“ Plötzlich fuhr das Auto von der Straße ab und hielt auf einem steinigen, vermutlichen kiesigen Untergrund an. Der Vater brachte den Motor zum Verstummen. Stille kehrte ein. Niemand sprach.

Pauls anfängliche Euphorie hatte sich inzwischen gelegt. Sein Rücken schmerzte ihm und er hatte sich mehr als einmal verkniffen seinen Eltern die drängende Frage zu stellen, wie lange es noch dauern würde, endlich die große Überraschung geschehen würde. Die Luft im Sack war dann nach dem anfänglich angenehmen Mehlgeruch doch recht stickig geworden. Außerdem wurde ihm ein wenig schlecht, wie er dort auf dem Boden eines fahrenden Autos liegen musste. Jetzt sprach er doch aus, was er so lange für sich behalten hatte: „Mama? Sind wir jetzt endlich da? Mir tut mein Rücken weh…“ Paul konnte nicht sehen, wie seine Mutter ihre Augen schloss und sie damit einen Strom leiser Tränen zum Erliegen brachte. Er sah auch nicht, wie sie ihre Hände vor ihren Mund legte um nicht zu schreien. Ebenso wenig, wie sein Vater seine rechte Hand auf das Knie seiner Frau Hiltrud legte und die Mutter ihre linke Hand auf die seine legte, ohne damit aufzuhören ihre rechte panisch auf ihren zitternden Mund zu pressen, während ihr die Tränen wie Sturzbäche über die Finger ihrer Hand tropften. Die Eltern sahen sich nicht an. Dann atmete Pauls Vater tief ein. Es klang fast wie ein Stöhnen. Auf einen kurzen Moment der Starre löste er seinen Sicherheitsgurt und öffnete die Fahrertür. Paul konnte genau fühlen, wie sein großer, schwerer Vater das Auto verließ. Die Tür ließ er hinter sich geöffnet und wie als hätte sie jemand gerufen, trat die Novemberkälte in das Auto hinein. Dann öffnete der Vater die hintere Wartburg-Türe auf der Fahrerseite. Er schob die Reisetasche zur Seite und zog seinen Sohn zwischen den Sitzen hervor. Ausgesprochen sanft und vorsichtig. Er wollte dem Jungen unter keinen Umständen unnötige Schmerzen zufügen. Obwohl sein Sohn dafür eigentlich schon zu groß gewachsen war, hielt sein Vater Paul wie ein Kleinkind in seinen starken Armen. Endlich wollte Paul den Mehlsack abnehmen, doch Vater meinte: „Einen Moment noch.“ Daraufhin wurde Paul auf den Boden abgesetzt, dessen Rücken jetzt in veränderter Haltung nur noch mehr weh.

„Sag zu niemanden ein Wort, wer du bist und woher du kommst“, waren die letzten Worte, die sein Vater an ihn richtete. Kurz lies Pauls Vater seine schwere Hand ein letztes Mal auf Pauls Kopf ruhen, der noch immer von dem lächerlichen Mehlsack verdeckt wurde. Dann stieg der Mann ohne Sohn in sein Auto, schloss die Türe und der Wartburg fuhr davon, ohne dass sich jemand umsah. Paul riss sich den Sack von seinem Kopf und konnte in der unbestimmten Dunkelheit der Nacht, irgendwo im Nirgendwo Deutschlands, den Rücklichtern des Wartburg nur noch hinterher sehen, bis sie nach einer Biegung nach rechts ganz verschwanden. Seine Eltern waren fort. Paul sah sich um. Links herum. Rechts herum. Da war gar nichts. Nichts. Überhaupt nichts. Nur Dunkelheit und… Bäume. Schwarze Bäume im grafitschwarz der Nacht. Ganz weit oben, glaubte das verlassene Kind die Wipfel von Tannenbäumen erkennen zu können. Es könnte sich um einen Parkplatz oder eine Haltebucht in einem Wald handeln. Irgendwie so etwas. Oder etwas ganz Anderes. Was nicht zu leugnen war: Es war dunkel, kalt und windig. Paul war starr vor Angst. Was geschah hier? Was lief hier falsch? Warum machten Mama und Papa das mit ihm? Aus dem Urquell seiner Seele stieg ein ungeheurer, physischer Schmerz seine Kehle hinauf. Eine Welle aus Qualen brauch aus seinem Innersten hervor, die der kleine Junge alle die Jahre seiner jungen Existenz in sich selbst versteckt gehabt hätte und nun wie aus einem geöffnete Gefäß aus ihm hervorschoss. Seine Augen begannen sich schlagartig mit Tränen zu füllen, als der Kummer wie ein ehrlicher Geist mit einem Urschrei ähnlichem Laut aus seinem Mund explodierte.

Zu keiner Sekunde vermutete Paul hinter dem, was gerade geschehen war, einen Scherz. So viel Ironie hatte der kleine Junge noch nicht erlernt. Dafür war das Kind noch zu sehr in seiner infantilen Welt gefangen, in der jedes Wort wahr und ewig galt. Der Gedanke daran, dass dies „witzig“ sein könnte ihm zu keinem Augenblick in den Kopf. Paul. Heulte einfach nur. Er heulte und heulte heiße Tränen und sackte auf der Stelle, genau an dem Punkt, an dem ihn sein Vater abgesetzt hatte, zusammen. Er versuchte nicht einmal, dem Auto zu folgen. Machte sich keine theatralischen Mühen, an seinem Schicksal irgendetwas zu ändern.Paul konnte es sich nicht erklären: Was hatte er Schlimmes getan? Was hatte er nur falsch gemacht, damit seine Eltern ihn hier einfach zurückließen? War er so ein schlechtes Kind gewesen? War denn nicht gerade noch alles gut gewesen? Oder nicht? Paul war doch heutemorgen so leise gewesen, als er auf die Toilette ging! Hatte sie ihn doch gehört? Oder war es etwas Anderes? Paul weinte und weinte und weinte und suchte und suchte in seinem kleinen, unerfahrenen Selbst nach dem Grund seines Vergehens und mit der damit verbundenen Strafe, nicht mehr Teil dieser heilen, schönen Familie zu sein. Unvermittelt stand der Junge schreiend und schluchzend auf, sein ganzer Hals tat ihm schon grausam weh und doch brüllte er so laut er konnte: „PAPAaaaaa! MAMAaaaaa!“ In die ihn alles umschließende und verschluckende Dunkelheit. Er rannte los, einfach gerade aus, streckte seine kleinen Ärmchen aus, so als ob da jemand wäre, als ob dort vielleicht doch noch seine Eltern in der Dunkelheit ständen, in deren Arme er laufen müsste. Pauls kleine Beine rannten und rannten und rannten, bis er hundert Meter weiter über einen abgeschnittenen Baumstumpf stolperte und schreiend vor Angst (vor Angst, vor Angst, vor Angst) vor der ganzen Welt in das spitze Dickicht eines unmöglich mit den Augen zu erkennenden Strauches fiel, welcher mit seinen kleinen, eiskalten Zweigen gnadenlos Pauls makelloses und von Tränen durchnässtes Gesichtchen zerschnitt. Der Junge spürte die Schmerzen kaum und blieb in dem Strauch in einer Haltung zwischen wage- und senkrecht in einem 75 Grad Winkel liegen. Gehalten und aufgespießt von den blättrigen Armen des Strauches. Dort heulte und schrie und schrie und heulte der ausgestoßene Sohn: „PAPA! MAMA! Papa… Mama…“ Bis dem kleinen Jungen die Stimme versagte. Da hing er nun in der unangenehm stechenden und doch ironischerweise sanften Umarmung des dichtbewachsenen Busches. Ja. Einen wilden Moment lang klammerte sich das Kind Paul sogar in den Strauch, griff ganz tief hinein, als ob das Gewächs ein Mensch sei, der ihn halten könnte. Damit ihn wenigstens dieser Busch umarmen und trösten könnte. Wenn da schon sonst niemand mehr war, der ihn festhielt. Keiner mehr, der ihn liebte.

Da musste doch ein Grund sein. Es musste eine Erklärung dafür geben, warum Paul diese Behandlung von seinen Eltern verdient hatte. Irgendwas war passiert. Auf die schlimmste Art und Weise. Und Paul, dieses schlechte, schlechte, böse, dumme Kind hatte es nicht einmal bemerkt.

Absolution 50 – Sex wie Liebe

Wo bist du mit deinen Gedanken, Paul?“

Kathas Kopf lag ruhig auf Pauls nackter Brust. Ihr lockiges, braunes Haar wogte sachte im Takt seines Atems.  Das Fenster stand offen. Der Rollladen war von Paul soweit herabgelassen worden, dass er genau nicht die Unterseite des Fensters verdunkelte. Von außerhalb des Gebäudes brandete das gedämpfte Gelächter aller Wahrscheinlichkeit nach, spielender Kinder an. Ihre Sorglosigkeit klang naiv und frei, gleich Wellen, die nach einer langen Reise durch die Ozeane dieser Welt letzten Endes spielerisch an Land schwappten.

Paul streichelte verträumt mechanisch mit seiner linken Hand sanft über Kathas entblößten Rücken. Ihre Haut war perfekt und straff. Hier und da ein Leberfleck oder ein anderes Alleinstellungsmerkmal, die jeden Menschen zu einer perfekten, einzigartigen Schneeflocke formen.

„Woran soll ich denn denken?“

Sie lagen in seiner Wohnung. In seinem Bett. Eng aneinandergeschmiegt. Nackt. So nah, wie sie sich zwei Menschen nur sein können. Ihre Blicke hingen sorglos verloren am weiß gestrichenen Mauerwerk von Pauls Wohnung. Mal schlossen sie die Augen. Mal sahen sie sich an, ohne sich in ihre Gesichter blicken zu müssen.

„Ich merke doch, wenn du…“

„Wenn ich was?“
„Wenn du abwesend bist.“

Ein kurzer Moment der Stille trat ein. Selbst die Kinder, irgendwo im Hof vor dem Haus holten kurz Luft. Dann:

„Tatsächlich habe ich mich schon seit langer Zeit nicht mehr so sehr in einem Moment gefühlt, wie jetzt.“

„Ja aber… Manchmal… Da bist du wie… Wie weg…“

Paul seufzte Tonlos. Sein rhythmisches Stricheln wurde unterbrochen. Gern hätte er nun in Kathas Augen geblickt. Fast hätte er sie zart an ihrem Kinn berührt, ihr Gesicht zu dem seinen gezogen, sie geküsst und ihr versprochen, dass alles gut sei. Doch er beließ es dabei. Denn zu schön war dieser Moment. Hier im Bett. So aneinander geschlungen. Denn solche Momente. Solche Nähe. Solch ein Glück. Können dir die Drogen nicht geben. Keine Phantasie. Kein Kick. Keine Abfahrt. Diese Momente. Ehrliche Augenblicke. Erschienen Paul als außerordentlich selten in einem Menschenleben. Dies hier waren die Momente, bevor die Liebe zueinander ausgesprochen wurde. Bevor alles unwiderruflich den Bach hinuntergingen. Dies hier. War Liebe. Auch wenn weder Paul noch Katha sich darüber im Klaren waren, ob sie den anderen wirklich…

„Es passiert viel… Durcheinander…“

„Was denn?“

„Ach… Lass doch mal gut sein.“

Eine Pause entstand. Noch kein Moment der Distanz. Ein Luftholen, in welchem Paul kurz in sich hineinfühlen musste, wie weit er bereit war für Katha die Türe zu seinem Selbst zu öffnen.

„Weißt du“, fuhr er dann schließlich fort, als seine Finger wieder über ihre Haut tanzten. „Da ist diese Geschichte mit dem Fettsack und Chris. Da wurde was an die Scheiben des Bosporus geschmiert.“ Paul erzählte die Story von Chris und Fettsack, denn die Geschichte von Ylva konnte er unter keinen Umständen erzählen. Auch. Wenn sie sich langsam ebenso echt anfühlte, wie die Probleme seines Freundes Fettsack. Paul wusste durch die Jahre seiner Drogensucht, dass die beste Lüge nicht die war, die Wahrheit verfälscht darzustellen. Dabei verstrickt man sich mit der Zeit nur immer wieder und weiter in Widersprüche. Nein. Katha war schließlich nicht Pauls erste Freundin. Die beste Lüge besteht darin, wenn man der Frage ausweicht und einfach über einen ganz anderen Sachverhalt spricht.  Ein klassisches Ablenkungsmanöver.

„Ich hab keine Ahnung ob er wirklich was mit Sarah hat.“ Katha drehte sich etwas herum und sah Paul von seinem Brustkorb aus an. „Sie hat mir nichts davon erzählt. Wieso auch? Sarah war schon immer ein wenig…“ Katha lächelte. In Pauls Augen deswegen, da sie zu nett dafür war über Sarahs Lebenswandeln zu urteilen. Oh wie gütig und brav Katha doch war. Und dass zu einer Frau wie Sarah, die Katha in ihrer Abwesenheit oft nur herablassend in Bezug auf ihren Job als „die Fleischfachverkäuferin“ betitelte. Brave, schöne, perfekte Katha. Pauls Erektion kehrte schlagartig zurück. Wie konnte er nicht verrückt nach ihr sein?

„Auf jeden Fall kann Chris das mit dem Bosporus nicht gewesen sein.“
„Und? Warum nicht?“
„Weil er mit Koji und mir unterwegs war.“

Paul sah sie abschätzend an. Worauf Katha gespielt genervt die Augen verdrehte. „Der Kumpel von Miguel. Du weißt doch.“

„Der uns damals die Mitsubishi-Teile vertickt hat.“

„Na ja… SO kann man sich die Leute auch merken… Aber ja.“

Katha strahlte ihn an. „Also kann der Chris das nicht mit der Fensterscheibe gewesen sein.“

„Da bin ich jetzt aber baff. Hefig. Irgendwie… Ich war mir so verdammt… Und was haben du, Chris und Koji in der Nacht gemacht?“

„Na was schon?“ lachte sie ihn überzogen albern an. „Ich hab mit Beiden gefickt!“ Worauf sie ihn auf den Mund schmatzte und sich lachend von ihm abwand und unter der Bettdecke versteckte „Blöde Kuh“, schmollte Paul eine Sekunde lang, bevor er damit begann seine vor Freude kreischende Freundin aus der Decke zu wühlen und sie von hinten durch zu kitzeln. Der Rest war atemloses Gelächter, der ziemlich schnell in atemlosen Sex überging.

Erschöpft lagen sie danach wieder zusammen. In Löffelchen-Stellung. Während draußen vor dem Haus die Kinder nicht müde wurden zu Lachen. Das mit Chris waren gute Nachrichten, dachte Paul für sich. Vielleicht sollte er sich mehr mit Katha unterhalten.  Und am Ende würde alles gut werden. Und hauptsächlich sollte er sich weniger Gedanken über die Probleme anderer machen. Im Moment waren die wichtigen Dinge im Leben gefragt. Und zwar. Wo und was er und seine Freundin gleich zu Abendessen sollten. Vor solche Dinge sollte das Leben gemacht sein.

Der größte Lottogewinn aller Zeiten

800 Millionen Euro. Das ist doch schon gar keine Zahl mehr. Wer könnte dazu noch VERMÖGEN sagen? 800 Millionen Euro zu besitzen bedeutet unermesslichen Reichtum. Um diese Zahl darzustellen, muss man schon den Taschenspielertrick des „comic relief“ anwenden: Nur vielleicht Dagobert Duck hat so viel Geld in seinen Geldspeicher. Wobei. Ich könnte nicht einmal mehr sagen ob es diesen Geldspeicher in den Comics noch gibt. In meiner Kindheit gab es ihn. Und schon damals war der Umstand seiner Existenz so pervers, dass es mir als Knabe die Nächte zerstörte: Reichtum, unendlicher Reichtum; war das denn nicht das bessere Leben? Geld war in meiner Kindheit in den 80gern dass, was Harry Potters Zauberkräfte meiner Nachfolgergeneration versprach. UNENDLICHE MÖGLICHKEITEN. Dabei wusste ich noch gar nicht, was Arbeit ist. Wie schwer, nein, wie UNMÖGLICH es ist mit ehrlicher Arbeit so unermesslich viel Geld zu verdienen.  Nicht einmal mit Drogen kann ein normaler Mensch so unzählbar viel Geld machen. Nicht einmal Walter White hätte das vermocht. Doch ich hatte sie. 800 Millionen Euro. Der größte Lotterie-Jackpot, der jemals in Europa ausgeschüttet wurde.

Bis dahin hatte ich noch nicht einmal 100 Euro gewonnen. Und dann BÄM! So unglaublich viel Geld. Wären es nur 5 Millionen gewesen, wäre ich wahrscheinlich nicht sofort durchgedreht. Meinen Job hätte ich selbstverständlich genauso im Handumdrehen gekündigt. Denn auch wenn 5 Millionen Euro nicht den Wert besitzen, den einmal 5 Millionen Mark hatten, ist es immer noch eine sehr stolze Summe. Eine Million dagegen reicht nicht um nie wieder arbeiten zu müssen… Nicht mehr heutzutage… Für 800 Millionen dagegen kannst du dir 5 verschiedene Leben kaufen. Also kündigte ich den beknackten Job. Wer hätte das nicht getan? Dann verschenkte ich erst einmal Geld. Jeder aus meiner Familie bekam eine Million. Denn zum Glück habe ich eine sehr kleine Familie. Dann plante ich mit meiner Freundin die Weltreise, die wir antreten wollten, sobald alle Formalitäten erledigt seien. Ich liebte meine Freundin. Ich kannte sie seit 15 Jahren. 10 Jahre davon waren wir ein Paar. Die Hochzeit war für nächstes Jahr angesetzt. Ich hätte mir nie vorstellen können, eine andere zu lieben. Doch… Als ich mich durch das Internet scrollte wie ein Jugendlicher durch Internet-Pornografie und plötzlich all die Möglichkeiten begriff, die mir so viel Geld ermöglichte, kamen mir mehr als nur ZWEIFEL. Ja, sie ist eine gute und ehrliche Frau. Klug. Witzig. Ehrlich. Jeder mag sie. Jedoch… Inzwischen ist sie nun auch Mitte 30… Und da waren all diese jungen Thailänderinnen auf den Seiten der Reiseanbieter… Werbeanzeigen mit geilen Modell-Schnitten wie Cara Delevingne, die mir aufreizenden zulächelten… Und wenn wir nächstes Jahr heiraten würden, was war dann mit MEINEM Vermögen? War meine Freundin nicht zu klein geworden für diese große Welt die sich mich erbot? Konnte ich jetzt denn nicht jede Frau haben? Okay, vielleicht würde ich eines Tages bereuen, aber: So what?! Ich hatte verschissene 800 Millionen Euro! Ich war Dagobert Duck, nur mit einem Penis! Und auch als ich feststellte, dass Cara Delevingne lesbisch war, schränkte das meinen Höhenflug nicht ein. Ich konnte ALLES haben. ALLES. Später würde ich dann sicherlich auch noch was für die armen Kinder in Afrika spenden… Am besten für das Operndorf. Schliengensief muss man einfach mögen.

Es war jetzt sicherlich nicht die beste Entscheidung, sich auf der gerade begonnenen Kreuzfahrt von meiner Freundin zu trennen. Schließlich kann man auf so einem Schiff dem Partner nur semigut entkommen. Jedoch hatte sie darauf bestanden mit so einer öden Kreuzfahrt zu beginnen. Und ich war betrunken gewesen. Sagen denn Betrunkene nicht gern die Wahrheit? Das eigentliche Problem war nun gar nicht die Kreuzfahrt. Das Problem war, WARUM wir sie so sehr auf eine Kreuzfahrt bestanden hatte: Die Kreuzfahrt war der Hauptgewinn.

Einen Tag nachdem ich meine ehemals große Liebe Sabine in den Wind der Südsee geschossen hatte und ich insgeheim hartnäckig davon träumte mit meinen 800 Millionen Cara Delevingne doch noch hetero zu machen, löste der Moderator die Geschichte auf. Tatsächlich hatte ich mich einmal für eine Fernsehshow beworben. Und ja. Irgendwelche Papiere waren damals auf einem Tablet unterschrieben worden. Nur hatte ich nie wieder etwas von der Show gehört. Bis jetzt. Bis jetzt als der Moderator Mark Kafka aus einer Torte sprang und meinem verdutztem Gesicht erklärte, dass es keinen Lottogewinn gab. Es existierten keine 800 Millionen. Das Ganze war nur Show gewesen. Eine Game- und Verarschungsshow. Nur die Kreuzfahrt war real. 2 Wochen würde sie andauern. Mein ehemaliger Chef wurde über Skype zugeschaltet. Er erklärte lachend, dass er den Spaß gern mitgemacht hätte. Mein Job würde zuhause auf mich warten. Das mit dem Urlaub hatte die TV-Produktionsfirma schon vor Monaten mit ihm geklärt.  Auch meine Familie erklärte mir via Skype, was ich doch für ein edler Spender war. Blieb nur noch Sabine. Sabine. Meine große Liebe, die in alles eingeweiht gewesen war. Sabine, die schon immer einmal eine Kreuzfahrt machen wollte… Sie war sich meiner so sicher gewesen. Und jetzt war sie es, die sich meiner vor laufenden Kameras entledigte.

Rechtlich konnte ich nichts gegen die Farce unternehmen. Nur warnen. Ich versuchte alle anderen Menschen vor diesen Betrügern zu warnen. Die dir die Liebe deines Lebens wegnehmen, während sie dir deinen alten Job zurück geben… Ich bin so einsam ohne Sabine. Sie war wirklich die Liebe meines Lebens. Nur kann sie mir nicht mehr verzeihen… Warum versteht sie nicht wie krank mich diese Summe gemacht hatte? 800 Millionen Euro. Der größte Lottogewinn aller Zeiten. Könnte sie mir denn nicht, wenn sie mich wirklich lieben würde, verzeihen? Hatte sie die Aussicht auf die Kreuzfahrt, ebenfalls blind gemacht?

Absolution 44 – Liebe hat nichts damit zu tun

„Ende gut. Alles gut“, sprach Paul wortwörtlich in sich hinein. Pflichtbewusst und pünktlich wie immer stand die Sonne am Himmel und schien auf all die glücklichen wie unglücklichen Ameisen auf den Planeten Erde hinab. Katha und Paul hatten zusammen gefrühstückt und auch das hatte gut funktioniert. Schließlich waren sie seit Jahren befreundet gewesen, bis diese Nacht unwiderruflich alles verändert hatte. Der gemeinsame, frisch aufgebrochene Alltag fühlte sich ebenso seltsam wie natürlich an.  Sie hatten die Semmeln mit Frauen-Brotaufstrichen beschmiert, dessen Geschmacksrichtungen ebenso fremd gewesen waren, wie die Topfpflanzen an Kathas Fenstern. Der Kaffee war ein wenig zu schwach, was in Ordnung war. Dabei tönte irgendein Radiosender aus der kleinen tragbaren Anlage. Auf eine seltsam lustige Art zauberte die Radiomusik die größte Verwunderung in Pauls Lachen: „Tatsächlich, ich höre Radio – und es gefällt mir.“ Er musste es nicht aussprechen. Katha kannte Pauls Verhältnis zur Radiomusik, die er immer als „Volksverblödung“ abgetan hatte. Nun nickte er lächelnd mit, während die Sonne ihre ersten Strahlen auf Kathas wunderschöne Erscheinung warf. Sie beobachtete ihn genau. Sah die Verwandlung einsetzen die sie für ihn geplant hatte und erfreute sich an ihrem „Freund“; was immer dieser Ausdruck im Deutschen bedeuten konnte.

Pauls Herz schlug spürbar locker und fröhlich vor sich. Er konnte sein eigenes Herz spüren, vor Freude. Ein Gefühl, das er kaum mehr kannte. Sein Herz war ihm bisher nur aufgefallen, wenn es unverhofft und unnatürlich in seinem Herzen vor sich hin stolperte, sich scheinbar überschlug. Die Frage ob er Katha gegenüber echte Liebe empfand, stellte sich nicht. Dafür war er viel zu heiter und ausgelassen. Die großen Fragen mussten warten und würden, der Methode der Erfahrung folgend, erst im Nachhinein beantwortet werden, wenn alles zu spät war. So. War es immer gewesen.

Als Paul seine Wohnungstür geschlossen hatte, überlegte er 5 Sekunden lang, wie der Tag weitergehen würde. Es war ein Sonntag und Katha hatte sich schon beim Frühstück entschuldigt, dass sie heute mit Familiendingen beschäftigt sein würde – am liebsten hätten sich die Beiden nach dem Frühstück gleich wieder zurück ins Bett verdrückt, um es nie wieder zu verlassen. Doch da das nach all den Jahren, die die Vorbereitung der Katha/Paul-Geschichte benötigt hatte, die vergangene Nacht nun doch mehr als überraschend doch zustande kam, mussten die Stelldicheins auf die kommende Woche verschoben werden. Paul hatte den Rest des Tages frei. Nur. Was machen „normale Menschen“ an einem freien Tag? Familie hatte er erst gesehen; und eh keine Lust drauf. Was mit Fettsack machen? Chris? Na ja. Wäre eine Möglichkeit. Aber. Irgendwie schien das eine zu darke und deepe Wendung genommen. Vielleicht sollte er die mal in Ruhe lassen.  Tatsache war: Paul hatte noch Amphetamine da. Einen guten Haufen sogar. Ganz sicher. Die Frage war nur, ob das jetzt überhaupt noch Sinn machte. Jetzt wo er im echten Leben das hatte, was er sich Jahrelang so gewünscht hatte…  

Der Kopf musste die Frage gar nicht beantworten. Pauls Körper lief wie ferngesteuert los und holte mit einem gekonnt blinden Griff sein Pep vom Küchenschrank. Ja. Ja. Das war ja alles ganz toll mit Katha. Er war so glücklich. Wahrscheinlich liebte er sie wirklich. Aber. Nur. Er war halt auch ganz gerne richtig gut drauf. Da musste er ehrlich zu sein selbst sein. Warum nicht einfach ein paar Lines platt machen und sich noch einmal in die letzte Nacht zurück träumen? Denn. Genau. Das würde er jetzt machen. In der Drogenerinnerung noch einmal seine Seele über Kathas Körper gleiten lassen. Im Rückspiegel noch einmal ganz nah bei ihr sein. So wie FRÜHER. Nichts da mit irgendwelchen Fantasy-Urvölkern. Das war doch nur ein hohler, blöder Ersatz für einen Mangel an Liebe gewesen. Jetzt musste er sich nicht mehr dorthin verabschieden. Denn nun war alles anders. Jetzt. War Katha. Okay. Penibel ausgedrückt war jetzt Drogenzeit. Nicht Katha. Mit Liebe hat das aber nichts zu tun. Dann saugte er gleich noch eine dritte Line in sich hinein. Sein Leben konnte gar nicht besser sein.

Absolution 43 – Die junge Christiane Paul

Katha lachte Paul an. Und die Welt lachte mit ihr.

Schon seit jeher hatte Kathas Äußeres Paul an die Schauspielerin „Christiane Paul“ erinnert. „Die junge Paul“, selbstverständlich nicht die alte. So ticken die Hormone. „Die junge Paul“ hatte es Paul seit jener Nacht angetan. Er hatte sie zufällig im Fernsehen gesehen, in jenen Tagen, als das Fernsehen für Pauls Generation noch existierte. Wie lange mochte das her sein? Fünf Jahre. Sechs Jahre. Eine Ewigkeit. Paul war ein noch junger Kerl gewesen, der es nicht nötig hatte sich vor dem Rechner in Träumen zu verlieren. Bestimmt würde der junge Paul, den alten verabscheuen, wenn er sein Schicksal antizipieren könnte.  

„Im Juli“ hieß der Spielfilm von Fathi Akin, in dem „die junge Paul“ und Moritz Bleibtreu einen Roadtrip nach Istanbul bewältigten, um nicht weniger als die Liebe zu finden. Der reale Paul hatte Katha gerade vor ein paar Stunden kennen gelernt gehabt und genau in dieser Nacht, in welcher dieser Film lief, kam er nachhause, was zu dieser Zeit noch das Haus seines Vaters war, und sah mit druffer, verliebt verschobener Optik „die junge knackige Paul“ aus dem Empfangsgerät lächeln. Nein. Strahlen. „Die junge Paul“ strahlte ihn aus dem Fernseher an – und Pauls Herz ging auf. Die Ähnlichkeit zu Katha schien ihm verblüffend, obwohl „die junge Paul“ in dem Film afrikanisch geflochtene Haar trug und ihre eindrucksvollen Titten doch ein wenig zu groß und saftig waren, um mit denen von Katha zu vergleichen gewesen wären. Tatsächlich war es der Körper der jungen Frau gewesen, welcher ihn nicht weiter durch das Programm zappen ließ. Gefangen nahm ihn letztendlich doch nur ihr Lächeln. Ihre Aura. Ihre einnehmende Ausstrahlung, die es Paul schon damals erschwerte, zwischen der echten Katha und der Schauspielerin zu unterscheiden. In diesem Moment, auf dem Sofa seines Vaters, wurde die Figur auf dem Bildschirm eins mit dem Mädchen, dass er gerade zum ersten Mal getroffen hatte. Fast automatisch spürte Paul eine ungeheure Verliebtheit in sich, die weit über die Banalität des Sexes hinausging. Ob das die Drogen waren? Oder ein Fingerzeig einer höheren Instanz? Nun. Das spielte jetzt keine Rolle. Ebenso, wie es in Zukunft keine Rolle spielen würde. „Die junge Paul“ im Film lächelte weiter. Sie wuchs im Film vor Pauls Augen zu einer Über-Frau heran. Nicht weil sie eine „Sex-Bombe“ war. Es war ihr offenes Schauspiel ohne Visier, dieser Blick, der gleichzeitig Mut und Verletzlichkeit ausstrahlte. Sie wirkte kokett devot, obwohl sie doch in jeder Situation die Zügel über den weiteren Filmverlauf in der Hand hielt… Sie war mehr Frau, als jegliche kalte Hollywood-Schauspielerin, die Paul jemals in der Flimmerkiste gesehen hatte. Sie war so, wie sich Paul eine komplette Frau vorstellte. Eine komplette Persönlichkeit, nicht nur ein lächerlich überzeichnetes Idealbild einer Frau. Sie war ein junges Mädchen und eine erwachsene Frau in einer Erscheinung. Und. Sie war auch Katha… Und Katha war „die Paul“.  

Der Name des Regisseurs war „Faith“ was so viel bedeutete wie Schicksal. Der Name des Hauptdarstellers „Bleibtreu“… Wie konnte der Film kein Zeichen sein? Selbst als Paul einige Monate später feststellen musste, dass der Name des Regisseurs keineswegs „Faith“ sondern „Fathi“ lautete. Nur spielte dieser Umstand schon lange keine Rolle mehr… Nun schon gar nicht mehr. Seine „junge Paul“ lag verschmitzt lächelnd in seinen Armen. Und Paul war am Ende seiner Reise angekommen. Hier dürfte Pauls Film nun enden. Katha und Paul lächeln sich verliebt an, während die Kamera Abschied nimmt. Abblende.