4 tote Kinder

Meine Nachbarin ist ein Idiot. Kein schlechter Mensch. Nur ziemlich dumm. Die Wohnung unter uns ist ihre erste Wohnung eigene und die Monate haben gezeigt, dass sie alleine fast nicht überlebensfähig ist. Sie trifft ständig die falschen Entscheidungen und hängt mit den falschen Leuten herum. Schon komisch: Früher war ich einer der „falschen Leute“. Heute treffe ich ein Urteil über sie.

Sie genießt es augenscheinlich nicht mehr unter dem wachsamen Auge ihre Mutter leiden zu müssen. Sie hat ständig verschiedene Typen. Drogenleute. Auch nicht von der hellsten Sorte. Was mir natürlich vollkommen egal ist. Hauptsache. Es ist nach 10 Uhr abends ruhig und mir parkt keiner die Einfahrt zu. So bin ich geworden.

Die Typen kommen und gehen. Und sie ist nun wirklich nicht die Schönste. Aber so ist das bei einer Frau, wenn zwischen ihren Beinen Tag der offenen Tür ist. Klar tut sie mir irgendwo leid dafür, dass sie sich ständig ausnutzen lässt und von den Typen nur verarscht wird. Das hat sie mir selbst erzählt. Doch jeder trifft seine eigenen Entscheidungen.

Vor etwa einem Jahr klopfe es an unserer Haustüre. Die Nachbarin. Sie wollte mit meinem Lebensgefährten sprechen. Er ist raus und dann wurde laut an der Türe geredet. Eine halbe Stunde lang. Und am Ende sagte sie, mein Freund solle mir davon nichts, was ich die ganze Zeit im Zimmer nebenan mit dem Kindl auf dem Schoß schon mitgehört hatte: Sie war schwanger. Und mein geliebter Freund, seines Zeichen Doktor der Medizin, gab ihr ein paar Ratschläge. Zwei Wochen später war sie nicht mehr schwanger. Und mit den Tipps zur Empfängnisverhütung sollte es auch so bleiben.

Ein halbes Jahr später klopfte es wieder an der Türe. „Es ist schon wieder passiert.“ „Wie es ist SCHON WIEDER passiert?!!“ Mein Freund war außer sich. Was für ne Assi-Braut. Sie wusste nicht einmal, von wem das nächste Kind war. Zweifelhaft ob sie es beim ersten wusste. Mein Freund führte ein sehr ernstes, weniger empathisches Gespräch mit ihr, als beim ersten Mal. Und zwei Wochen später war sie nicht mehr „in froher Hoffnung“. Es war für alle Beteiligten der beste Weg. Wie sollte eine Frau wie sie auch noch für ein weiteres Leben Verantwortungen übernehmen, wenn sie es nicht einmal für sich selbst kann?

Vor ein paar Jahren stellte mir ein Freund eine Bekannte von ihm vor. Ich freundete mich mit ihr an. Ein Jahr und 5 Monate vor dem heutigen Tag, stellte sie mir ihren neuen Freund vor. Ein Pfundskerl. Wenn auch ein wenig klein an Wuchs. Sie wollte immer Kinder bekommen. Doch wegen einer Operation in ihrer Vorgeschichte war die Wahrscheinlichkeit gering. Sie wurde trotzdem schwanger. Wir freuten uns alle sehr für sie. Und dann auch noch Zwillinge. Doppeltes Glück. Die Wochen, ein paar Monate gingen ins Land, bis die Herztöne der Zwillinge verstummten. Nicht nur der Himmel weinte. Das Wehklagen wimmerte stumm aus unseren Telefonen, als unsere Daumen die Kurznachrichten verschickten. Ich hätte nicht gewusst, was mein Mund an direkter Sprache hervor gebracht hätte. Was kann es schlimmeres für eine Frau geben, als ihre toten Lieblinge gebären zu müssen?

4 tote Kinder.

2 die unbedingt gewollt wurden, aber nicht lebensfähig waren.

2 die wahrscheinlich lebensfähig waren, aber von keinem gewollt wurden.

Nur in Märchen ist das Leben fair.

Und die ganze Welt schaut auf die Fußball-WM.

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Der Status quo zu „Verlorene Jungs“ und wie über Techno-Leute berichtet wird

Wie so mancher Blogger vor mir (und sicherlich auch in Zukunft) versuche ich nach einer langen Korrekturphase meinen Roman „Verlorene Jungs“ zu „verkaufen“. Wäre ja ganz praktisch mit dem Hobby Geld zu verdienen. Hobby? Der Blog, der die Ur-Suppe war aus der mein Roman entsprang, war ein Jahrzehnt lang mehr als nur mein Hobby. Es war ein Herzensprojekt. Dann: Zack! „Blog.de“ geht den Bach runter und all das was man sich über so viele Jahre aufgebaut hat, ist einfach so weg. Und ich hadere wirklich mit mir, dass ich ausgerechnet zu WordPress umgezogen bin. Zwar habe ich hier, nachdem ich nach dem „Blog.de“ im Limbus des Internets verloren gegangen ist, so gut wie alle meine Follower und Freunde verloren habe, wieder neue Freunde auf und über WordPress gefunden, ebenso Blogs die ich gerne lese. Jedoch bin ich beim Thema „Kommentieren“ etwas faul geworden. Auch dieser unsägliche „Like“-Button hätte sich WordPress sparen können… Aber kommentiert muss werden wenn man eine neue „Reichweite“ aufbauen will. Doch ich will mich auch nicht anbiedern. Oder aufdrängen. Neue Freunde finden ist im Digitalen Bereich ein mühsames Ausschlussverfahren. Denn selbst wenn mich die Themen interessieren, werden sie halt nicht von den Leuten geschrieben, die man einmal ins Herz geschlossen hat und jetzt irgendwo im Nirvana des Netzes der unbegrenzten Möglichkeiten tätig sind. Oder vielleicht auch nicht. Wahrscheinlich wäre eine Plattform aus Deutschland besser gewesen; mich beschleicht bei WordPress das Gefühl, dass wir zwischen den ganzen Amerikanern und was weiß ich woher die Menschen hier kommen, einfach untergehen. Die deutsche WordPress-Enklave funktioniert zwar. Sie ist aber auch ein zu sehr in sich geschlossener Kreis.

Eigentlich wollte ich ja über den Roman sprechen.

Letztes Wochenende war ich mit Freunden auf dem „Ikarus-Festival“. Ein Techno-Festival. Dort wurden mir wieder einmal vor Augen und Ohren geführt, dass es einen Markt für meinen Roman gibt. Auf dem Festival wankten eben keine Stricher und Hyper-Junkies in der Gegend herum, die keinen Plan mehr vom Leben haben und sich wortwörtlich in die Hosen machen vor lauter unvorstellbarer Zerstörtheit. Wie es ansonsten so ist in der „Literatur“, wo Romane gerne mal Untertitel tragen wie „Meine Horrorjahre in der Techno-Bewegung“ oder „“Ehebruch, Ecstasy und Electro – mein langer Weg zurück in das Leben“. Nein. Auf dem Ikarus waren ganz normale Leute: Stephan aus Ulm. Und Jessica aus Heidelberg. Zum Beispiel. Die habe ich dort getroffen und für gut befunden. Die Zwei waren nicht zusammen unterwegs und ich bin nicht extra los gewankt um Menschen wie sie zu finden. Die trifft man halt. Während man irgendwo ansteht. Entlang geht. Eine Zigarette raucht. Oder ganz klassisch beim oder nach dem Tanzen. Stephan und Jessica sind kein Paar. Ich traf sie nicht zusammen zur gleichen Zeit. Ein paar Stunden vergingen bis ich nach Jessica den Stephan traf. Und dann haben wir dann da so geredet. Mehr oder weniger locker über Drogen und wie das so ist mit dem normalen Leben. Kein AUSFRAGEN. Das funktioniert nicht. Sondern so mit Jägermeister am Mundwinkel. Während sich da ein Gespräch entwickelt. Und ich war ja auch neugierig gewesen, ob sich Leute REPRÄSENTIERT fühlen von den Medien. Wie über sie gesprochen wird. Über die normalen Leute. Die halt ein paar Jahre feiern gehen. Und dann halt nicht mehr. Wir sind ja kein Abschaum.

Nein. Repräsentiert fühlt sich der kleine Tänzer nicht durch die Filme und Serien über das Thema. Von den Büchern auch nicht. Obwohl da natürlich viele kluge Sätze geschrieben wurden. Über das Feiern. Geile One-Liner. Doch die Wahrheit. Die findet man dort selten; wenn dann „Wahrheit“, dann halt immer die viel zu krass kaputte Wahrheit. Siehe „Berlin Calling“, „Der Nachtmahr“, wo dann halt auch gleich wieder die „Verrücktness“ durch die Drogen das Thema ist. Nicht das Glück. Denn die Menschen nehmen den Müll doch nicht weil sie so geil davon verrückt werden. Nein. Sondern. Weil es Beides ist: Der Spaß und seine Schatten.

Es ist ja auch schwer für einen Niemanden wie mich ein Buch zu verkaufen. Hab nicht studiert. Kenne keine wichtigen Leute, habe also kein Vitamin B. Und wenn ich mir die Bücher so ansehe die ich im Schrank habe, auch zum Thema Techno und Jugendkultur, da sind es dann halt die Medienpanzer wie Moritz von Uslar oder Tobias Rapp (oder gleich Rainald Goetz), die mindestens schon einmal irgendwo fest bei einem riesigen Medienimperium gearbeitet oder häufiger veröffentlicht haben, bis schließlich ihr eigenes Buch über das Herzensthema heraus gebracht wurde. Da ist jetzt auch kein Neid dabei. Moriz von Uslar – super sympathisch kommt der rüber. Das Buch Tobias Rapp fand ich zwar nicht so geil, folge ihm trotzdem auf Facebook. Ne. Darum geht es nicht. Ich glaube nur, dass es einfacher ist wenn man schon wer ist und dann zu Mister X oder Mister Y sagen kann: „Du, ich hab hier auch was geschrieben. Was LÄNGERES. Schau dir das doch mal an.“ Vielleicht sind das nur Verschwörungstheorien von mir. Leicht möglich, was weiß ich schon wie das funktioniert? Vom Gefühl her aber ist der Feuilleton mit seinen Lieferanten schon so ein in sich verschworener und verwobener Bereich, dass man Normalproleten wie mich gar nicht ernst nehmen will (was man übrigens auch dadurch merkt, wie man von den Verlagen TEILWEISE behandelt wird. Teilweise). Während MIR jedes Mal ein Schaudern beim Ingeborg-Bachmann-Preis über den Rücken läuft was da für Gestalten auflaufen, wer da beurteilt und wie sich alle verwursten lassen. Das kann man sich gar nicht anschauen. Wie die sich gegenseitig aufeinander einen runter holen. Der ERLESENE Kreis.

Und dann wundern sich die gleichen Leute auch noch darüber, dass immer weniger gelesen wird. Und wenn dann. Das Falsche. Ja eben weil ihr an den Leuten, an der Wahrheit vorbei redet. Weil man heutzutage glaube ein Studium und ein wenig Wikipedia-Recherche würden ausreichen um in jedem Thema gleich Fachfrau oder -mann zu sein. Es reicht nicht Bildungsbürger zu sein… Klar können die Schreiben. Sonst wären die nicht da im Fernseher und würden… VORLESEN. Bei aller Freundschaft: Nichts ist langweiliger als eine Lesung. Selten ist ein Buch so gut, dass man gleich Seitenweise daraus vorgelesen bekommen will. Es geht aber nicht nur um das Schreiben. Sondern darum, ob die Leute auch was ZU SAGEN haben. Denn es reicht halt nicht (und da spricht der Handwerker aus mir) wenn man handwerklich gut arbeiten kann, weil man das von ehemals wichtigen Leuten beigebracht bekommen hat. Denn am Ende wird das was man erschaffen kann nur ein Imitat dessen, was man an der Uni gelernt hat. Es fehlt leider der besondere Moment. Es mangelt an gelebter Erfahrung die Ding anders anpacken zu können oder auch nur zu wollen. Nicht an Schreiberfahrung. Nicht an Büchererfahrung. Nicht einmal an Lebenserfahurng. Es fehlt der Mut sich von diesem ganzen Akademischen Quatsch zu lösen. Deswegen sind diese Bücher auch so tot. Und sollte dann doch mal einer um die Ecke kommen und seine Wahrheit aus sich herauspressen. Eine Wahrheit die schmutzig ist, weil sie ECHT ist. Unbequem. Dann… Ja dann… Leider… Klingt das nicht danach als könnte es sich gut verkaufen. Es muss ja so oder so sein. Am Besten wie… Weil die Leute das so nicht mögen… Wenn…

Und dann wundert man sich noch. Das keiner mehr eure Lügen lesen will.

Absolution – 25 – Die Mutter, die ich niemals hatte

Paul ist zurück im Dorfe der Ma-Fag. Genauso wie sich ein Schläfer nicht mehr an den Moment des Einschlafens erinnert, ist die Spur der Übergangs vom Sog der Drogen in den Traum bis zur Unkenntlichkeit verwischt. Pauls Verstand steckt einfach wieder in seinem Phantasiewelt-Avatar. „Banyardi?“ Der Avatar sieht zu seiner Mutter hinüber und im gleichen Moment, als er seine Mutter als solche identifiziert, stürzt die Erinnerung eines ganzen Lebens auf Paul ein. Paul erinnert sich in allen Facetten daran, der Sohn von Maja zu sein. Dieses Erinnern ist kein Film der vor seinem inneren Auge abläuft, es ist mehr wie eine Ansammlung von Polaroids, die in seinem Verstand aufpoppen. Jedes dieser Polaroids steht sinnbildlich für eine Begebenheit zwischen seiner Mutter und ihm. Jedes dieser Bilder erzählt eine komplette, unabgeschlossene Geschichte, deren Wirkung bis in die Gegenwart andauert. Die fundamentalen Momente einer reifen Beziehung zwischen Mutter und Sohn. Und Paul ist sich darüber im Klaren, dass diese Erinnerungen erst verschwinden werden, wenn der, den seine Mutter „Banyardi“ genannt hat, gestorben sein würde. Sie würden selbst den Tod seiner Mutter  überdauern. Voller Liebe und dennoch voller Irritation sieht Paul/Banyardi zu seiner Mutter hinüber. Die Mutter, die Paul im echten Leben niemals gehabt hatte. Seine Emotionen und die damit verbundene Reaktion darauf sind so stark, so eindeutig, dass sich seine Augen ein wenig mit Tränen füllen. So unheimlich groß ist seine Liebe zu ihr. Zu seiner Mutter, die hier, in dieser Welt immer für ihn da gewesen ist. Nicht minder groß ist Pauls Schock, für eine Mutterfigur so viel Liebe empfinden zu können. Nicht viel, und er würde von seinen Gefühlen zermalmt werden. Paul hatte seine Mutter für ihre Abwesenheit immer gehasst – und jetzt: Das komplette Gegenteil.

„Ist alles in Ordnung mein Sohn?“ Paul/Banyardi muss seinen Blick abwenden, damit er nicht los heult wie ein Patient auf dem Stuhl eines Psychologen, da über diesen ein Schlüsselerlebnis herein gebrochen ist. Paul erträgt die Liebe im Blick seiner Mutter nicht. Er erträgt es nicht in dieser Frau all diese Gefühle zu sehen, die er an seiner Mutter ein Leben lang vermisst hat. Lautlos kommt sie herüber und nimmt ihren Sohn in den Arm. Paul. Ist wieder 5 Jahre alt. Und seine Mutter macht endlich dass, was sie ihr Leben lang nie getan hat. Paul ist wieder Fünf. Und seine Mutter tröstet ihn darüber hinweg, wie er vom Fahrrad gestürzt und gegen einen Betonpfeiler geprallt ist. Paul ist wieder Acht. Und seine Mutter nimmt ihn in den Arm und erklärt ihr, dass Haustiere nun einmal sterben müssen. Da Alles stirbt. Er ist wieder 12 Jahre alt und seine Mutter erklärt ihm dieses Mal voller Liebe und Anstand, warum sie fortgehen muss. Und er ist wieder 15 Jahre alt, und sie tröstet ihn bei einem ihrer seltenen Besuche darüber hinweg, von seiner ersten Liebe ignoriert worden zu sein. Das Alles bricht über Paul herein. Unzählige Momente, in denen er sich alleine und verlassen fühlte, nehmen liebevolle Gestalt an.  Wird Wirklichkeit – und Paul verzeiht in diesem bittersüßen Moment seiner Mutter all die Grausamkeit, die eine fremde Frau mit dem gleichen Namen ihm angetan hat… Paul ist Paul geworden. Und die Bedeutung der Drogen sinnlos. In diesem Augenblick, als in einer anderen Zeit, vielleicht sogar auf einem anderen Planeten, eine indigene Mutter ihren verwilderten Sohn in die Arme nahm…

„Du wirst darüber hinweg kommen, mein Sohn“, sagt Mutter. „Du bist stark. Du wirst über den Verlust von Paco hinwegkommen. Ich weiß. Was für gute Freunde ihr wart.“

Paco… Paco?… Den hatte Paul schon längst vergessen.

„Nur jetzt musst du stark sein. Du hast nun 5 Monde Zeit gehabt dich zu erholen. Heute müssen wir aufrecht auf die große Versammlung gehen.“

Absolution – 23 – Liebe in Gedanken

„Ach Paul… Seltsam das Vertrauen für manche Menschen oft nur eine Einbahnstraße ist…”

„Wie kommst du denn…“

„Das ist doch wohl offensichtlich Dicker… Rede doch mal mit Katha!“

Paul war müde. Es war ein langer Tag. Eine lange Nacht. Und ein langer Tag. Mit diesem GZSZ-Kram kam er gerade gar nicht klar. Katha mag mich wirklich? Wie könnte man jemanden wie ihn überhaupt mögen? Chris nahm ihn auf den Arm. Warum auch nicht? Der wollte doch nur von der Sarah-Geschichte ablenken.

„Wie auch immer. Was geht zwischen Sarah und deinem Freund Fettsack?“ Paul beantwortete diese Frage mit einer genauso hilflosen Geste wie er sich fühlte. Im Augenblick konnte er weder Informationen verarbeiten, noch austeilen. Paul war unbrauchbar. Außer in seiner Funktion als Zuhörer.

Chris: „Der Fettsack ist ja verheiratet… Kein Plan wie der so drauf ist… Und ehrlich gesagt könnte ich nicht mal sagen wie Sarah so drauf ist…“

„Bei denen läuft bestimmt nichts…“

„Ach Paul. Weißt du was dein Problem ist?“ Chris beantwortete die Frage selbst. „Du bist zwar nicht ganz auf den Kopf gefallen. Bist aber katastrophal naiv was Menschen angeht.“ Pause. „Na ja, dafür mag ich dich ja.“

„Du. Chris. Im Ernst. Ich bin total fertig… Lass uns n andermal drüber reden.“

„Klar.“

Es folgte die typische Menschenunwürdige Szene, in der der Gast auf dem Boden sitzend seine Schuhe anzog. Was wie immer eine Ewigkeit zu lange dauerte. Dann stand der ganze Chris fertig angezogen und ausgerüstet vor seinem Freund. „Ja. Lass uns noch mal darüber reden“, erklärte Chris, „Aber mit dem Fettsack… Da muss eine Lösung her.“

„Findet sich bestimmt. Immer.“

„Ich lass mir schon was einfallen.“

Die Tür klackte hinter Chris in das Schloss und hinterließ Paul in einer stumpfen, ausweglosen Stille.

9.

Paul brachte die Woche hinter sich, wie Millionen anderer Menschen auch. Er war ein Rädchen im Getriebe. Hielt es am Laufen. In der Arbeit zeigte er sich nützlich. Abends fiel er früh und müde ins Bett. Nur um am nächsten Tag weiterhin seinen Dienst an der Gesellschaft leisten zu können. Es war nicht leicht bis unmöglich seine Gedanken zu sammeln. Der Gedanke an Katha und das was Chris gesagt hatte, trieb ihm gleichermaßen Furcht und Schmetterlinge in den Bauch. Die Frau verunsicherte ihn, wie sie ihn beflügelte. Obwohl er gar keine richtige, reale Beziehung mit ihr wollte. Schließlich hatte er in seinen Drogenträumen schon die perfekte Beziehung mit ihr. Die Realität würde Konflikte bereithalten. Da Menschen für ihn wie tektonische Platten waren, die sich aneinander reiben. Um sich am Ende am Anderen vorbei zu schieben.

Paul dachte, dass seine Drogenträume eine besondere Spinnerei seien. Ein abnormes Verhalten, dass nur er kannte. Dabei machen Menschen so etwas jeden Tag. Sie denken sich Beziehungen zu Menschen aus, die sie gar nicht oder kaum kennen. Man kennt sich vom Sehen aus der Straßenbahn, der Schule oder sogar aus einem echten sozialen Biotop, in dem Gespräche geführt werden. Dabei bleibt nur diese Distanz zwischen Menschen vorhanden, die für manche so leicht und für einige doch niemals zu überwinden ist. Natürlich war seine Verhaltensweise ein außergewöhnliches Extrem. Doch sich mit Menschen „etwas vorstellen zu können“, ist das Normalste der Welt. In jeder Freundschaft zwischen Mann und Frau gibt es diesen Punkt, diesen Nerv, der nie berührt und selten besprochen wird, da er das Ende der Freundschaft markieren würde. So eiern Männer und Frauen um diesen G-Punkt herum, währenddessen sie ihr Leben in Gedanken führen. Paul würde die Frage stellen, was falsch daran sei.

Am Ende hatte er es doch geschafft seine Reise in sein Traumland bis auf das Wochenende hinaus zu schieben. Direkt nach der Arbeit bereitete er seine ganz persönliche Tee-Zeremonie vor, die darin bestand die Drogen und seinen Arbeitsplatz vorzubereiten. Lächelnd dachte er beim „Hacken“ an „Total Recall“, wie Arnold Schwarzenegger in die Maschine gespannt wurde, die ihn im Geiste zum Mars brachte. Bis der Zuschauer am Ende des Filmes nicht mehr sicher sein konnte, ob der Protagonist nicht vielleicht wirklich dort gewesen war. Paul startete seinen Rechner. Schaltete sein Handy aus. Atmete sein Traummittel ein.

Am Anfang war er sich nicht sicher, was geschehen würde. Er war sogar ein wenig aufgeregt; anders aufgeregt, als es ihn die Droge von Natur aus sein ließ. Diese Irritation vom letzten Wochenende war über die Tage immer unwichtiger geworden. Andere Probleme hatten sich in den Vordergrund gedrängt. Arbeitstechnische Probleme. Alltag. Und Katha. Aber die Wachheit ohne Verwirrtheit die er jetzt spürte (die Verwirrtheit würde erst in den nächsten Stunden einsetzen) knüpfte bewusst an das Feeling an, welches er letzte Woche gehabt hatte. Gleich würde die Droge die Alltagsprobleme hinfort spülen, wie ein Wasserschlauch der den achtlos fallengelassenen Unrat von den Plätzen und Trottoirs  der Partyhauptstädte spült. Paul war noch nicht in der „richtigen Stimmung“. Sein Gehirn musste erst die richtigen Impulse ausschütten. Zur Einstimmung sah er sich Pornos aus. Sie blieben seine Eintrittskarte. Auch wenn ihn langsam das Gefühl beschlich, dass da mehr war… Mehr als er sich vielleicht eingestehen konnte.

Er wählte Videos von blonden Frauen, um sich wieder an die Blonde von letzter Woche zu erinnern. An die Frau, für die er getötet hatte. An die Frau, für die sein Freund Paco getötet wurde. Er gab die Namen wie „Sandra Russo“, „Silvia Sainth“ und „Gina Blue“ in das Suchfeld ein. Frauen also, die zwar blond waren, sich aber nicht besonders ähnlich sahen. Die aber dennoch mehr vereinte als die Haarfarbe. Es war die Aura die Paul in ihnen sah. Diesen Touch von Würde und majestätischer Weiblichkeit. Paul hatte keine Ahnung mehr wie die Frau in seinem Traum ausgesehen hatte. Irgendwie war sie eine Mischung aus anbetungswürdigen, weiblichen Attributen. Die Essenz von unterschiedlichen Idealen. Nur leider. Öffnete sein Verstand nicht von sich aus die Pforte in sein Unterbewusstsein. Er kam. Nicht voran.

Mehr Drogen mussten eingeatmet werden. Mehr Zeit musste verstreichen. Selbst wenn es erst Nachmittag war. Pauls Herzschlag hatte es eilig.

Dann polterte es an Pauls Tür.

Vor Schreck hielt Paul die Luft an. Sein Herz blieb stehen. Sein ganzer nackter Körper fror ein. Denn es polterte nicht an Pauls Haustür. Es polterte an seiner Balkontüre. Pauls Wohnung befand sich im ersten Stock. Das. War creepy.

 

 

 

 

Absolution – 22 – Weltreisende Frauen, einsame Männer

Verwirrt. Verworren. Schälte er sich aus seinem eigenen Salzwasser und ging direkt in die Duschkabine. Duschen hilft. Duschen hatte immer geholfen. Ganz anders war es mit dem Blick danach in den Spiegel, der so gut wie nie half. Der im Gegenteil immer sagte: So kannst du nicht in die Arbeit gehen. Jeder kann an deinen wahnsinnigen Augen sehen wie drauf du noch bist… Dann zog sich Paul an und ging in die Arbeit. Und machte sie. Wäre doch im Leben nur alles so einfach wie die Arbeit machen. Die Arbeit war sein fester Anker. Gerade dafür hasste er sie. Sie war der Rahmen, der seinen Wahn in die Schranken wies. Manchmal. Ist es auch ganz gut sehr deutsch zu sein. Einfach nicht in die Arbeit zu gehen: Unvorstellbar. Ohne Arbeit kein Vergnügen. Zuviel Vergnügen: Keine Arbeit. In der Arbeit war er dann auch ganz der Arbeitsfleming. Angefüllt mit Bullshit-Problemen, die ihn aus seinen Wahnvorstellungen rissen. Wenn eine Maschine repariert werden muss, ist es egal ob man heute Nacht in einer Wichs-Vorstellung eine Frau nicht gehabt hat. So etwas. Nennt man Realität. Und einen guten Bezug dazu.

Mittags rum war Paul meistens ausgenüchtert genug um sich wie ein normaler Mensch zu verhalten. Ab dann ging es. Und die drogeninduzierte Sex-Sucht spielte keine Rolle mehr. Normalerweise. Heute war da dieser kleine nagende Gedanke, dass etwas nicht gestimmt hatte heute Nacht… Verdammt noch mal… Was war es nur gewesen? Irgendwie war Paul sich selbst fremd gewesen. Was auch immer das bedeutete. Diese unbestimmte Gefühl blieb dennoch eindeutig.

Auf dem Nachhauseweg rief Chris an: „Hey was geht?“

„Ja was geht Mann?“
„Paul, du kannst doch nicht die gleiche Frage mit der gleichen Frage beantworten.“

„Jaaa… Nicht viel halt.“

„Was machstn?“
„Ja nix. Latsche gerade von der Arbeit heim. Bin ziemlich durch.“

„Das ist gut. Ich komme gleich mal rüber bei dir,“

„Was?“
„Was?“

„Ja wie jetzt? Wollte eher was wegpennen.“
„Schlaf ist doch Kommerz.“

„Deswegen komme ich auch von der Arbeit.“

„Ok Herr Kommerzienrat, bleibe auch nicht lange. Bringe auch n Six Pack mit.“
„Ja dann.“

Der. Hatte ihm gerade noch gefehlt. Nicht Chris an sich. Sondern Menschen überhaupt. Pauls Plan war es gewesen original heute Nacht noch einmal durchzumachen. Nicht wegen der Drogen und seiner Geilheit (was dasselbe war). Nein. Paul wollte klären was da heute Nacht los war. Ob er die Kontrolle über seine… Aber das war doch allzu lächerlich. Das konnte man nicht einmal aussprechen. Ein paar Lines und ein paar Filmchen würden ihn wieder auf Spur bringen.

Chris war schon da als Paul zu seiner Wohnung kam. Und das war gut, dachte sich Paul. Umso früher der da ist, desto schneller ist der auch wieder weg.

Oben in Pauls Wohnung stank es so sehr nach kaltem Schweiß und Selbstbefriedigung, dass Chris sich erst einmal eine Zigarette anmachte. Kommentare waren nicht angebracht. Dafür hat man Freunde.

Die Bierflaschen machten: Plopp!

Chris erzählte Paul von seiner alten Freundin Bea, die wieder im Lande war:

„Bea ist der egoistischste Mensch den ich kenne. Dabei ist sie unglaublich sympathisch. Krass, irgendwie… Sie ist kein falscher aufgesetzter Charakter, sie handelt nicht aus…  Berechnung, auch wenn man das meinen könnte. Sie spielt nicht mit ihrer… Aura. Blödes Wort. Du weißt schon. Ihre sympathische Art ist ihr einfach angeboren. Weißt du? Ein wenig setzt ihr Gegenüber es ihr aber auch einfach voraus, durch diese… Wohl-Fühl-Aura die Bea ausstrahlt. Du hast sie ja auch mal getroffen… Klischees werden vom Gegenüber gesehen und in Details gefunden, die unweigerlich da, in Wahrheit aber nicht frappierend wichtig sind. „Bea, die Hippie-Tussi“. Das sagen doch alle, die sie sehen.

Die „Hippie-Tussi“ bezieht sich auf ihren Kleidungsstil, die Batik-Klamotten, die alten, wirklich abgewetzten und gealterten Jeans, die nichts mit künstlich abgeschrubbten Designer-Jeans zu tun haben. Das merkt man doch gleich. Die ist einfach real. Und selbstverständlich ist sie die Hippie-Tussi (er zieht das Wort ins Lächerliche) wegen ihrer blonden langen Haare, die ihr bis „über den Arsch gehen“.  (Die beiden Kerle lächelten). Trotz dieser langen Haare erinnert sie gar nicht an eine deutsche Frau, nicht an die… Wie hieß die aus Rossellini? Die Lorelei! Ne. Bea kommt irgendwie amerikanisch rüber. Zudem lacht sie viel. Und sie ist gut anzusehen. Ihr Anblick und ihr sorgloses Auftreten wirft uns zurück in die 60ger Jahre des vergangenen Jahrhundert, als alles möglich zu sein schien und die Menschheit in eine neue Zeitrechnung aufbrach. Was kommt wohl nach der Revolution?

Die Frage war nicht ob es ein Utopia geben würde, sondern nur, wie schön es werden wird, oder etwa noch schöner als man sich vorstellt konnte? Keiner dachte an Dystopien… Keiner dachte an den Kater danach. Dass alles noch viel schlimmer kommen könnte, als es vorher war. Keiner hatte ein Auge für das, was hinter dem blonden Hippie-Mädchen steckte, das lachte, strahlte und meinte, man solle sich locker machen… Denn zu jedem Image das wir so sehen wollen, wir gelernt haben es zu sehen… Ach fuck. Bei jedem von uns gibt es eine wahre Geschichte, die nicht viel mit dem Bild zu tun haben, was wir der Gesellschaft zeigen. Hinter jedem Symbol steckt ein Mensch.

 

Bea  ist eine Weltreisend. Dafür kennt man sie. Deswegen redet man über sie. Bea war schon auf jedem Kontinent der Welt, in dem die Sonne mehr Hitze produziert, als dass sie ruht. Afrika, Lateinamerika, Asien, Australien sowieso; Australien, dieses Schnellrestaurant für die Fernwehvortäuschenden. Der Kontinent der zerplatzen Träume, dem Bea jede realness abspricht, da „aussteigen“ dort industriell betrieben wird. Ganz im Gegensatz zu Afrika.

 

Bea war überall, wo jeder schon immer hinwollte. Sie stand auf jedem Postkarten-Klischee. Eroberte jedes kleine, versteckte, geheime Landschaftswunder, nachdem man sich sehen kann… Vom weißen Strand über die schwarzen Berge.  Die hat Nationen erkundet, die du bewunderst, und noch mehrere von jenen, vor denen du Angst hast. Bea hat die Welt gesehen und erlebt und kommt am Ende zurück und hat keinen einzigen Kratzer abbekommen… Ja. Am Ende war sie einfach nur wieder da, als wäre sie gerade nur 15 Minuten Kippen holen. Unsere Bea… In denselben Klamotten wie immer. Mit Augen, die uns sehen und gleichzeitig durch uns hindurch blicken. Wie lange war sie diesmal weg gewesen? Ach ja. 9 Monate. Und was bei uns so los war? Nicht so viel eigentlich… Bisschen Party. Bisschen Drogen.

Zwar fragt man dann viel nach: Was hast du alles erlebt? Was hast du gesehen? Wen hast du getroffen? Ging es dir gut? Wobei die Frage in Wahrheit lauten sollte: Was treibt dich immer wieder davon und warum hält dich hier nichts?

 

Bea ist in unserem Alter. Und sie hat kein Haus. Keinen festen Wohnsitz. Keinen Ex-Mann. Kein Kind. Neeee…. Die nicht. Niemals… Sie hat alle Freiheiten die wir nicht haben. Sie besitzt nichts. Und wird von nichts besessen. Das Einzige was wir mit ihr teilen ist eine Form der Vergangenheit. Sie ist hier geboren. Sie ist hier aufgewachsen. Sonst noch was?

Irgendetwas muss passiert sein. Damit…

 

Man kann nicht so leben ohne ein Egoist zu sein. Ich weiß nicht, gibt es eine gute Form von Egoismus? Eine verzeihbare, wie eine Krankheit für die man nichts kann? Du kannst nicht immer wieder dein bürgerliches Leben zurücklassen, alle Brücken abbrechen, die du in den Reisepausen errichtet hast und jenen keine Verletzungen zufügen, die sich dir nahe fühlen. Du kannst nicht immerzu fortgehen ohne Beziehungen in die Oberflächlichkeit gleiten zu lassen, in dem du sie einfrierst. Nur um sie zur passenden Gelegenheit wieder aufzutauen. Das muss man können. Das muss man wollen. Das muss man auch müssen, müssen.

Um tatsächlich frei zu sein, musst du egoistisch sein. Das ist die Wahrheit. Auch die Hippies waren egoistisch. Sie dachten weder an später, noch an ihre Eltern. Sie dachten nur an sich. Und wie unglaublich stark sie sich fühlten. Was sie bewegen und für sich erleben konnten. Und 70 Jahre später feiern wir immer noch ihren Mut…“

Okay. Auch wenn das kein feststehender Monolog war, sondern die Essenz des Gesprächs zwischen Chris und Paul, hatte sich Chris doch eine Menge Gedanken zu Bea gemacht. Nur. Jetzt schon bei der dritten Flasche „Warsteiner 0,33l“ angelangt. Brachte es Paul auf dem Punkt: „Was ist eigentlich mit Sarah?“ Denn Bea hin oder her. Große Weltreisende und Egoismus, lange blonde Haare – weiß der Geier was: Hier ging es nicht um SIE. Das ist ja das Ding an der Bea, die nie da ist. Sie ist nur eine Metapher für jemand anderen. Für den Egoisten, an den man nicht ran kommt. Die eine, die dich nicht sieht. Die, die man liebt. Die, die da ist.

„Puh“, machte Chris. „Das ist natürlich… Ich meine… Ich hab´s dir doch erzählt. Neulich. In München… Und dann die Geschichte im Bosporus…“

„Ja das war scheiße.“
„Ja scheiße… Irgendwie… Aber was will man machen?“

„Du musst mit ihr reden. Wie in jeder guten Beziehung.“

„Wir. Haben. Keine. Beziehung.“

„Ja darum geht es doch!“

„Und du und Katha?“

„Ich. Und? Katha?“

„Ja das ist doch genau das Gleiche!“

„Hä? Wie jetzt? Das ist doch…“

„Ach Paul…“

 

 

Absolution – 3 – Verliebt in Sarah

Paul folgte seinem Freund Chris. Sie wanden sich wie zwei Schlangen ihre Bahn an den stehenden oder tanzenden Leuten vorbei. Paul folgte Chris. Denn er war viel zu druff um die Initiative zu ergreifen. Er traute sich aus einem natürlichen, inneren Bedürfnis heraus nicht einmal die anderen Club-Besucher auch nur mit seinem Körper zu streifen. So zart fühlte sich seine berauschte Seele an. Die Misubishis hatten ihn ganz „gentle“ gemacht.

An der breiten und langen Club-Bar waren ein Bestell- und ein Anlehnplatz frei. Paul lehnte sich erschöpft beseelt an. Chris bestellte die Getränke. Irgendwie schien Chris alles zu machen. Immer. Die ganze Zeit. Dabei und vielleicht gerade deswegen bekam er nicht den Respekt den er dafür verdient hätte. Merkwürdig. Dass das Nichts-Tun für andere mehr Respekt auslösen kann, als sich selbst hinzugeben. Das Bier das Chris Paul reichte war super kalt und von Wasser beschlagen, so als ob der Barkeeper direkt in eine Fernsehwerbung gegriffen hätte um es dann Chris zu geben. Dieses Bier. War in diesem Moment. Das beste Getränk der ganzen Welt. Paul war Chris unendlich dankbar dafür. Doch Chris wollte auch etwas für sein Geschenk. Etwas ungleich wertvolleres: Chris wollte das Paul zuhörte. „Zuhören“ ist kostbarer als „Sprechen“.

So hörte Paul Chris Worten zu. Die nicht gerade eine große Überraschung verbargen. Denn Chris war verliebt in Sarah. Genau. In die Sarah. Die Schönheit ihres Clans. Die Frau. Die so fantastisch aussah, dass sie mit ihrem Aussehen jede Club-Tür für sie öffnen konnte.

Sarah war der mächtigste Mensch den Paul kannte. Das war schon immer so gewesen. Sarah hatte diese Macht, diese Aura, die die Welt um sie herum krümmt. Die sie in diesem ganz besonderen Licht darstellte. Sarah war schön, wenn nicht fast perfekt. Sarah war das Schönheitsideal. Nicht eines dieser Schönheitsideale, die sich im Laufe der Jahrzehnte ändern, so wie es sich von großen Brüsten und breiteren, „weiblicheren“ Hüften zu schlanker Taille, breiten Wangenknochen und Laufstegsehnigen Schultern entwickelt. Nein. Sarah würde immer als Schönheit betrachtet werden, vielleicht mal mehr oder weniger. Aber ihre Schönheit würde die Jahrhunderte überstehen, ganz egal wie der Feminismus auch abgehen würde: Ihre fantastische Äußerlichkeit würde sie immer objektifizieren.

Das war schon in ihrer Kindheit so gewesen, in ihrer Jugend, sowie auch zu diesem Zeitpunkt im Club, wo sie eine Frau in der zweiten Hälfte der 20ger war. Nur war sie ebenso verloren an das Märchen von Peter Pan, wie es die „verlorenen Jungs“ in der Geschichte waren. Sarah war nicht Wendy. Denn Wendy hat Peter Pan nie geliebt…

Sarah wollte nie erwachsen werden. Und ihr unbedingter Wille Spaß zu haben, machte aus ihr eine sehnige, blonde Drogenschönheit, ohne Kinder, ohne festen Mann und obwohl sie einen hatte, doch nie zu jemanden mit festen Wohnsitz. Sarah war wie ein Groupie der Rolling Stones: Seit einer Ewigkeit on Tour. Bis die Tour der Lebensinhalt wird.

 

Sie wollte immer nur Spaß haben, so wie alle das wollen, und was spräche schon dagegen? Nur wenn einem durch das Aussehen alle Türen offenstehen und man überall in dunklere und hellere Ecken vordringen kann, verändert das einen. Die Macht wird zu einer Natürlichkeit. Und plötzlich wird man von seiner Umgebung „leicht“ genannt. So werden Menschen schnell beurteilt, die leicht im Leben voran kommen. Die Dinge geschenkt bekommen weil sie etwas ausstrahlen. Weil sie etwas bekommen können, was für uns unerreichbar ist. Sie werden zu „leichten Frauen“, da es für uns so unfassbar schwer erscheint, das Gleiche zu bekommen. Und ganz egal ob das stimmt oder nicht, solche Behauptungen können zu Prophezeiungen werden, denen wir nicht entkommen können.  Nur fragt hinterher niemand, ob zuvor die Henne oder da Ei da war. Später, war Sarah immer so gewesen.

 

Getuschelt wurde schon früh. Das ist die Kehrseite der Schönheit. Sie nennt sich „Phantasie“. Denn wer so aussieht, bei dem stellen sich die Jungs und besonders die Mädchen, alles vor. Ihr Urteil ist ebenso klar, wie vernichtend es ist. Sarah war für ihr Umfeld immer wie eine Griechische Göttin: Makellos und doch menschlich.  Viel zu menschlich. Personifiziert. Besonders wenn man ein Mädchen ist, das gerne Lacht. Und mit den „bösen Jungs“ (die wie immer nur die ein wenig „älteren Jungs“ waren, sich aber ganz böse fühlten und gaben) mitgeht. Die Phantasie der anderen machte Sarah zu dem, was sie noch gar nicht war. Das fing klein an.

Sarah war die Erste, die Jungs auf den Mund küsste. Sie war die Erste, die mit Zunge küsste. Und selbstverständlich war sie die Erste, die ihn in den Mund nahm.

 

Nicht dass Sarah selbst solche Geschichten über sich erzählte. Nein. Auf jeden Fall nicht zu Anfang. Aber was soll ein Kerl der mit so einer klassischen Schönheit intim wird, denn anderes erzählen? Der blöde Kerl muss die Schönheit auf sein Niveau herunterziehen. Er muss sie beschmutzen um in ihrem Licht nicht zu verglühen. So wurde geredet. Nach und nach. Mehr und mehr. Und irgendwann dachte sich unsere Sarah, dass wenn sie schon von keinem mehr als Heilige betrachtet wird, sie auch keine sein muss. Sie wollte Spaß haben, sich amüsieren und was sprach dagegen? War es denn wirklich so eine Bürde im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen? Sarah war nicht dumm. Kein Mensch ist wirklich dumm. Und nur ein anderes Weltbild als andere zu haben, macht dich nicht zu einer dummen Schlampe. Das sagen nur Leute, die neidisch sind, die sich einer komischen Moral unterwerfen, weil sie innerlich hässlicher sind als in ihrem durchschnittlichen Äußeren. Manche Leute wollen dich einfach nur mit Dreck bewerfen, um dich auf ihr Niveau herunterzuziehen.

 

Es ist  nicht leicht eine Schönheit unter den Gewöhnlichen zu sein. Es ist nicht leicht von jedem angestarrt und reduziert zu werden. Da spielt es auch keine Rolle ob man die Situation einfach als leicht und gegeben betrachtet, ob man über sie hinweg lächelt. Was einem auch wieder als gewisse „Begrenztheit“ ausgelegt wird. Schöne Menschen tun sich viel schwerer gemocht und als „authentisch“ betrachtet zu werden, als der Durchschnitt. Schönheit hat immer auch den Ruf der Falschheit. Und der Stumpfheit. Das mag sogar stimmen, nur liegt diese „Falschheit“ nicht in der DNA der Schönheit begraben. Die „Falschheit“ liegt darin, dass man das Richtige im Falschen ist. Die Perle im Durchschnitt. Und so wird eine Perle vom Pöbel gerne aus Unwissenheit und Verachtung als „Fälschung“ deklariert und deklassiert, ohne dass sie sich überhaupt die Mühe machen sie wirklich anzusehen. Es ist leicht darüber zu urteilen, was man niemals haben wird.

Deswegen mochte Sarah die Partydrogen. Nicht weil die Männer auf Drogen nicht weniger geil oder die Frauen auch nur ansatzweise weniger schnippisch und neidisch wären. Aber auf Drogen ist ab einem gewissen Punkt eh alles egal. Irgendwann kippt die Stimmung, alle fühlen sich gleich. Auf einer Situation unter Drogen, kann sich selbst eine Schönheit mit einem Normalo richtig normal unterhalten. Die Blödheits-Urteils-Schranke zwischen einander ist weg. Und du bist nur der, der du bist. Nicht einmal mehr Frau oder Mann. Es sind nur zwei Menschen die sich unterhalten. Die miteinander tanzen, rauchen, trinken… Es mag sein dass die Drogen Sarah nicht schöner machten, sie erlösten sie aber auch von ihrer Schönheit. Sie machte sie menschlich. Für sich und für andere. Wenigstens für eine gewisse Zeit. Bis zu der Zeit, in der das Herz eines Freundes auf sie aufmerksam wurde.

Chris sah in ihr nicht dass was die Leute über sie erzählen. Nicht einmal dass, was er über sie wusste. Chris sah nur die Göttin in ihr. Und das war es was er Paul erzählte. Der da so lehnte. Und nur zuhörte und doch gleich wieder vergas. Der das alles total schön fand was sein Freund ihm da erzählte – die Tablette wirkte immer stärker in ihm, anstelle an Kraft zu verlieren – und dabei doch sehr tragisch. Sarah. War einfach nicht die Liga von Chris. Im Guten wie im Schlechten. Und das Schlimme daran war, das Chris das wusste. Chris war bewusst, dass das Leben kein „romantische Komödie“ war, in der der Held irgendwann alle Grenzen überwindet. Ganz sicher war Chris auch kein Held.

Absolution – 1 – Mit Freunden beim Feiern

„Was ist los mit dir?! Träumst du?!“ Katha streifte ihre Haare hinter ihr linkes Ohr zurück. Lachte ihn dabei an. Das Sekunden genau programmiert Licht der Scheinwerfer huschte über sie hinweg und erleuchtete ihr von innen heraus strahlendes Gesicht. Er huscht über ihre großen lachenden Augen. Ihren wunderbaren Mund mit den fröhlich entblößten Zähnen. Dann war das Licht fort. Nur das Lachen blieb. Ein Lachen. So einnehmend und wunderschön, dass es kein Licht benötigt um vorhanden zu sein. Paul strahlte zurück. Das Scheinwerferlicht war nun mit ihm. Einen Augenblick lang fühlten sie sich wie zwei große schöne Sonnen, die ihr Feuer ineinander reflektierten. Unvermittelt nahm irgendwer den anderen in die Arme. Es spielte auch gar keine Rolle, wer die erste Bewegung machte. Denn bei solchen Umarmungen gibt es keinen Auslöser. Nur das Gefühl einen Menschen den man mag in seinen warm verschwitzen Armen zu halten. Der Techno-Sound hämmerte über sie hinweg.

Sie trennten sich voneinander und tanzten ein wenig wild zu dem Techno-Beat. Wie man es seit jeher so macht. Miteinander. Und jeder für sich alleine. Bis einen weiteren Augenblick später, die anderen Freunde von irgendwoher absolut plötzlich zu ihnen kamen und sich mit ihnen freuten. Und tanzten. Es war einer dieser Momente, in dem sich die gesamte sichtbare Welt daran erfreute, vorhanden zu sein. Selbst der falsche Nebel freute sich. Ebenso wie die von warmen Schweiß nassen Fließen an den Wänden. Aus den Maschinen klackerte dazu stakkato mäßiges Geklacker. Während der Beat und der Bass ihren Körpern automatische Bewegungen vorgaben. Überall war Rhythmus. Eine heitere Diktatur. Alles was geschah, musste so geschehen. Geschah ohne Kraftaufwendung. Ohne Plan. Ohne Wiederstand. Ein unbeteiligter Beobachter, ein Vernunft- und Tagmensch, mochte die Szene in dem finster verrauchten, stinkenden Techno-Club als hart, kalt und rau, gar „Lebensfeindlich“  missverstehen, was nur daran liegen könnte, dass er das Glück in den Menschen nicht verstand. Dieses Treiben hier war alles andere als kalt und rau. Es war alles andere als lebensfeindlich. Es war das pure Glück. Ein Himmelreich. Unter der Erde. In einem alten Industriekeller. Den wahrhaftig. Die Gebrüder Grimm hatten gelogen. Und Kinder haben keine Ahnung von den Märchenlandschaften der Erwachsenen.

Dann schrie irgendwo wer. Und plötzlich schrien alle mit. Im programmierten Licht. Im inszenierten Nebel. Im Geschepper der Maschinen. Ein Gefühl wie im Garten Eden.

Irgendwer von den Freunden hatte Wasser dabei; es wird herumgereicht. Alle freuen sich. Ja geil jetzt! Wasser! Bis die Flasche leer war. Kein Wunder dass es am Ende nicht der schöne Miguel war der den letzten Schluck aus der Flasche nahm und dann ein wenig überrumpelt in seiner Dichtheit damit herum stand. Es war Chris. Der kleine deplatzierte Chris. Der schon immer nie ganz zu einer Gruppe gehört hatte und durch seine Erlebnisse und Erfahrungen einen viel reflektierten Charakter mit sich herumtrug als der gutaussehende Miguel. Miguel, der Südländer. Der Student. Ein Sammelsurium an Charme und Bildung, die sich profaner weise nie bis in seine Seele erstreckte. Natürlich war es Chris der ein klein wenig überfordert mit der leeren Glasflasche dastand. Im Nebel umher blickte. Bis er schließlich ein paar Meter entfernt einen Stehtisch erspähte und die Flasche dort hintrug. Währenddessen hatte sich Miguel längst zwischen die Frauen geschlichen und je eine mit einem Arm umfasst. Natürlich hatte er den letzten Schluck für Chris „übrig gelassen“. Zum Wassertragen war er zu wichtig. Auch wenn er das selbst gar nicht mehr wahr nahm. Chris kam zurück und stellte sich an die Seite.

In dem Kreis den sie nun bildeten gab es kein wirkliches Gespräch. Auch wenn ein paar Fetzen durch den brülllauten Sound hin und her gerufen wurden. Sie lachten sich nur an. Glücklich. Verstehend. Dicht. Es war jetzt genau der richtige Zeitpunkt nachdem sie zusammen und jeder für sich das Ecstasy genommen hatten, dass Chris in einer fast einstündigen Suche im Club aufgestellt hatte. Wahrscheinlich war dies auch der richtigste und genauste Zeitpunkt ihrer gemeinsamen Freundschaft, wie sie druff so im Halbkreis dastanden. Wie das Auge eines Orkans. IM Auge eines Orkans. Der aus ihrem eigenem Glück und  dem aufgewühlten Darumherum bestand. Tosend und still zugleich. Sicherlich würde sich ihre Freundschaft nie wieder so klar und intensiv anfühlen wie in diesem ehrlichen Moment auf Droge. Nichts könnte jetzt. In diesem Augenblick  der klarsten Wahrheit. Ihren Kreis durchbrechen.

Und dann war es auch schon wieder vorbei.