Gedanken zur letzten SPEX-Ausgabe

Mehr als rührselig habe ich gerade die letzte Ausgabe der SPEX ausgepackt. Ein kurzes Durchblättern hat mich dann gleich abgeschreckt: Bäh. Seitenweise Rückblicke und Melancholie wohin man sieht. Nun. Sei es ihnen vergönnt. Das Musik-Magazin SPEX hat sich immerhin fast 38 Jahre gehalten und wurde schon seit mindestens 15 Jahren totgesagt – was ungefähr genau die Zeit ist, seitdem ich sie lese. Andauernd wurde ich mit der These konfrontiert, dass die SPEX früher relevant war. Heute schon lange nicht mehr. Für mich schon. Für mich war die SPEX ein Fenster in eine andere Welt der Musik, von der ich im gleichen Maße angezogen wie abgestoßen war. SPEC-CDs waren nicht selten unhörbar für mich. Und doch. Stieß man in den Artikeln immer wieder auf Perlen der Musik. Und ganzen Inseln voller Haltung. Das hat mich bis zum Ende fasziniert. Die SPEX holte mich immer wieder aus meiner Bubble, in der ich jetzt wahrscheinlich versinken werde. Ja. Ich fand es schon immer toll mich mit Musik zu beschäftigen, mit der ich mich wenig bis gar nicht identifizieren konnte. „Radiohead“ und „LCD Soundsystem“ wurden ein großes Thema für mich, wie „Sohn“, „Apparat“, „Get Well Soon“, „DJ Koze“, „Frank Ocean“, „Zebra Katz“, „Alt-J“ oder wie sie alle hießen oder noch heißen mögen. Vor der SPEX war ich straight Techno. Aber der Techno-Hype war, gerade auf seinem Höhepunkt angelangt (Anfang der Nuller Jahre) für mich schon vorbei; Techno war tot und man ging trotzdem noch hin. Selbst die besten Dinge überleben sich. Die SPEX öffnete für mich Türen und Räume, in die ich alleine stolpern musste, ganz ohne meine Techno-Haudegen-Freunde. Plötzlich waren Electro/New Rave für mich interessant und auch HipHop und Indie wurden bemerkt. SPEX stand für mich immer für eine Öffnung dem Anderen gegenüber, lange bevor in dem Magazin der Geschlechterkampf klar für die Frauen entschieden wurde. Denn die SPEX wollte nicht nur Teil einer Diskussion sein. Nein. Sie lebte es auch vor, in dem fast ganze Ausgaben Frauen gewidmet wurden. Das fand ich immer ganz toll. Transgender und queere Themen waren hier (neben dem Kampf gegen den Rassismus) die normalsten Dinge der Welt. Für einen Kerl wie mich. Anfang 20. Jetzt 39. Aus einer Kleinstadt. Abgetrennt von den Hotspots der Zeit. Ein Faszinosum.

Zusammenfassend würde ich die SPEX als den Club bezeichnen, in den ich am liebsten ging. Es war nicht der Cocoon-Club oder das U 60311 in Frankfurt, nicht das Ultraschall, das Heizkraft oder das Nachtwerk in München. Und erst Recht kein Laden im langweiligen und konservativen Berlin, Tresor hin, Kater holzig her. Nein. Für mich, dem Kleinstadt-Hippster, war die SPEX eine Art Lieblingslocation, in der man zu jeder Tages- und Nachtzeit gehen konnte, um dort altbekannte Bands und DJs zu hören und diesen ganzen neuen verrückten Scheiß, der irgendwie faszinierend, oft aber auch viel zu bemüht klang. Da stand ich dann an der Bar im Club SPEX, nippte an meinem verwässerten Whiskey neben Schwarzen, Transgender und Möchtegern-Indie-Stars und unterhielt mich im Mode-Teil über die Kunst, nicht ganz wie ein Penner herumzulaufen und die richtigen Filme zu sehen. In manchen Monaten dieser mehr als 15 Jahre war ich jede Woche mehrmals in diesem Club. Während es natürlich auch ein paar Jahre gab, in denen ich zwar an dem alten Laden vorbeiging, das Magazin jedoch kaum aufschlug. Wenn aber, fand ich hier immer wieder neue Impulse, um mein „erwachsenes Leben“ in Frage zu stellen. Wahrscheinlich wäre ich weniger links ohne die SPEX.  Vermutlich wäre ich auch weniger liberal was andere Lebensformen angeht. Tatsächlich wäre ich ohne die SPEX mehr Kleinstadt als mir lieb ist. Die SPEX war nie meine Haltung, sie half nur, sie richtig zu definieren.

Ich erinnere mich noch gut wie ich einmal ein Gewinnspiel dort gewann, mit Karten für Marteria (Marsimoto in dem Fall) und mit einem Gastauftritt von Casper. Da standen wir also. Besoffen. Und lebten 2, 3 Stunden in einer Welt, in der wir nicht hingehörten. Und das war doch was Gutes, wenn man plötzlich vor einer ganz anderen Bühne, vor ganz anderen Führern steht, als dass man es von sich selbst denken würde. Tatsächlich hätte ich das auch ohne die SPEX geschafft. Man muss ja einfach nur hingehen. Man muss sich nur auch inspirieren lassen.

Jetzt wird die SPEX also geschlossen. Noch einmal treten wie ein in die Heiligen Hallen, für die einige Menschen nur Verachtung übrighaben, weil sie nicht mehr für das standen, was sie einmal waren. Während sie für andere immer noch alles bedeuten.

Es wird ein Leben ohne SPEX geben. Ohne freien Print-Musik-Journalismus. Dafür mit tumben und arroganten Einzelmeinungen in Blogs und Vlogs; okay, was die Überheblichkeit und Arroganz der SPEX-Redakteure angeht, werden wenigsten sie die Zeitschrift überdauern und weitervererbt werden.  Am Ende habt ihr es so gewollt. Also beschwert euch nicht. Wenn die Welt bald nur noch aus den Inselblasen der Playlists auf Spotify bestehen; die Mainstrem-Disco Spotify öffnet ihre Toren noch weiter, während die SPEX ausgefeiert hat. Schade. Doch irgendwann muss jeder alte Laden mal schließen. Ich hab ihm viel zu verdanken. Ein letzter Whiskey. Ein letzter Tanz. Und ein letztes großes Kopfschütteln über die unsagbar schlechte SPEX-CD: Danke für alles. Euer Abonnent.

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Urlaub in Japan

Am Ende siegt die Menschlichkeit.

Am Anfang waren wir überfordert durch die Wucht, mit der uns die größte Stadt der Welt traf. Gegen Tokyo (ich bevorzuge die Internationale Schreibweise) ist Berlin eine Kleinstadt – und Augsburg ein Einfamilienhaus. Als Deutscher ist man beeindruckt von der Skyline Frankfurts. Im globalen Bezug zur Megastadt Tokyo ist das mehr als süß. Egal an welchem Punkt und auf welcher Linie der Metro wir auch ausstiegen: Hochhaus um Hochhaus um Hochhaus. Eine Stadt wie ein Mond aus Stahl und Zement. Fast nirgendwo sind Tiere zu sehen; die Kinder fotografierten die seltenen Tauben auf der Straße. Nicht einmal Insekten haben wir gesehen. Eine Asphalt gewordene Dystopie der Urbanisierung. Dies war unser erster Eindruck, am ersten Tag, an dem wir tatsächlich von einem leichten Erdbeben geweckt wurden.

Die Japaner bevölkern diesen Moloch, der dich einsaugt und verschluckt wie ein Golem, wie eine Herde emsiger Ameisen. Sie wuseln überall in Horden umher und wirken dabei nur für das uninteressierte Auge unorganisiert. Jeder schein seinen Platz zu haben in diesem Gefüge, in dem – ganz Shintoismus –  jeder auf alles Acht gibt, in dem wir alle Teil von etwas ganz Großen sind. Und doch: Nur ein unwichtiges Detail, ohne dass das große Ganze ohne Verdauungsbeschwerden weiter existieren könnte. Die Tokyoter erschienen uns die ersten Tage als sehr einsame Wesen, wie (mir fällt kein besserer Vergleich ein) die „Stachelschweine“ in Schopenhauers berühmter Erzählung, in welchem die Tiere nur durch ihre distanzierte Nähe auf Distanz überleben können. Das war beeindruckend und erschreckend zu gleich. Diese unglaublich höflichen Menschen, die sich niemals unentschuldigt, wenn auch nur aus Unachtsamkeit, gegenseitig an den Schultern treffen können –  und dabei und vielleicht gerade wegen ihrer sozialen Möglichkeiten so unnahbar wirkten. Tatsächlich: Höflichkeit kann auch ein Schutzschild gegen zu viel Intimität sein.

Auf ewig hat sich für mich der Moment in meinen Kopf eingebrannt, als wir an einer Kreuzung in Yotsuya standen, meine Frau und ich, und wir, ganz normal europäisch ausgelassen miteinander redeten. Bis wir. Die Stille hörten. Umgeben von vielleicht tausend Menschen bemerkten wir wie ein im eigenen Leib rumpelndes Herz, dass niemand außer uns Worte an jemand anderen richtete. Während die Motoren der Automatik- und Electroautos schwiegen. Totenstillen in der 31 Millionenstadt. Wir konnten den seichten Wind hören, den man in einer normalen Großstadt höchsten unbewusst auf der Haut spürt. Nur unterbrochen von dem lächerlich lauten Geklacker eines voll funktionstüchtigen Fahrrads, welches über den Fahrradweg an uns vorbei zog. Die Ampeln sprangen auf Grün. Und der Herzschlag der Megacity nahm wieder seinen normalen Rhythmus auf. Meine Frau und ich sahen uns an. Gänsehaut. Was war denn hier gerade passiert?

Den Kulturschock schüttelten wir zum Glück recht schnell ab. Auslöser dafür war eine Filmreife-Szene, als wir oben im 52ten Stock des Hyatt-Hotels, in der New York Bar, in welcher auch große Teile des Filmes „Lost in Translation“ gedreht wurden, unsere Ehrfurcht der Stadt gegenüber verloren. Die Bar mit ihrem westlichen Ambiente verhielt sich indirekt proportional zum dem unfassbaren Ausblick, der sich von dort oben über das nächtlich leuchtende Tokyo bot. Von hier oben sah die unendliche Stadt aus, als wäre sie aus der berühmten Flugszene von „Blade Runner“ entsprungen. Ein filmreifer „Boah“-Moment, der uns ironischerweise stark erdete. Unbewusst erfüllte in diesem Augenblick die Kunst ihre eigentliche Aufgabe, dem Betrachter die Wirklichkeit besser zu erklären. Und wir stießen auf die unbändige Gier diese Stadt zu erkunden. Ein Teil von ihr zu werden. Außerdem war es Nacht. Und nachts ist Tokyo ein ganz anderer Ort als Tagsüber. Denn nachts findet der Tokyioter sein Lachen wieder.

Die bisher von ihrer Umwelt isoliert wirkenden Japaner erwiesen sich nicht nur als höfliche, sondern auch als sehr freundliche und gefühlsoffene Menschen, die alles dafür taten, um sich mit ihrem Gegenüber auseinander zu setzen; um sich mit ihm anzufreunden. Man muss die Leute nur freundlich ansprechen. Alle freuten sich darüber. Sei es in den kleinen Bars und Gassen von „Golden Gai“, in der größten Show der Welt im Nebenblitzlicht-Gedonner des „Robot Restaurants“, in der VR-Zone Shinjuku, als ich mit 7 Japanern in einer virtuellen Schießerei 4 gegen 4 spielte (und ich kein Wort von ihrem grauenvollen Englisch verstand), oder nach dem unglaublichen unjapanischen Geschiebe und Gedränge im Womb-Club zum DJ-Set von Diplo, als wir total erledigt unten auf dem 2ten Floor chillten. Jede/r freute sich über ein normales Gespräch mit Menschen, die aus einem anderen Kulturkreis kamen. Als fast zwei Meter großer Blonder mit blauen Augen stach ich zwangsläufig hervor. Berührungsprobleme gab es dennoch keine.

Später in Kyoto schon gar nicht mehr. Endlich entkommen aus der Megastadt an einem Ort, an dem Japaner Urlaub machen. Wo sich Schrein an Tempel, und der Kraiser-Palast an die unglaubliche Bergkulisse reiht. Als echter Bayer erklärte ich später meinen Freunden und Arbeitskollegen auf die Frage hin, wie schön es in Kyoto sei, meinen Eindruck mit einer kleinen Metapher: „Schloss Neuschwanstein schön“. Und jeder insgeheim auf das Märchen-Schloss stolze Bayer antwortete fasziniert: „Wirklich?“ Ja. Wirklich. Kyoto muss man gesehen haben. Und die unglaubliche Färbung der Bäume im Herbst muss man (Entschuldigung) erlebt haben.

Am Ende freute ich mit wieder nach Tokyo zurück zu kommen. Das Manga-Viertel Akihabara. Die verrückte Einkaufsmeile in Harajuku. Beides Orte in denen die Japaner die Möglichkeit finden, aus denen sich selbst auferlegten Konventionen auszubrechen. Denn die bunte Manga-Welt, für die, die Japaner in der ganzen Welt berühmt sind, wird nur von den Allerwenigsten öffentlich ausgelebt. Auch dort ist Manga-Welt eine pure Phantasiewelt, in der sich die Menschen vor dem tristen Alltag flüchten. Als Tourist sind diese Orte dennoch sehr unterhaltsam zu sehen. Nicht nur wegen Manga und Anime. Sondern auch wegen ihren verrückten Cafés, in denen man mit z.B. Katzen, Eulen und Igeln entspannen kann.

Was von diesem Trip nach Japan in Erinnerung bleibt sind für mich aber nicht die traditionellen Sehenswürdigkeiten oder das verrückte Neon-Doppelleben der Japaner. Nicht einmal die Schönheit der Natur. Nein. Tatsächlich ist es die Menschlichkeit und die Freude am leicht versetzten Blick auf die Welt des anderen, der mir in Erinnerung bleiben wird. Kein BESSERES Leben, wie man in Deutschland oder in Bayern gerne wertet. Sondern einfach nur ein wenig anders. Nicht richtiger oder falscher. Auf kein Weise. Diese Erkenntnis wird in mir länger überdauern, als jeder tolle Schrein den ich gesehen habe. Die Menschen hinter den Monumenten.

Szenen eines wüsten Lebens

Nach den Show-Kämpfen der aufgepumpten Wrestling-Monster ging es dann doch nicht mit dem Taxi, sondern ganz gesittet mit der Bahn zurück nach Augsburg. Gefühlt hatten wir unsere Cocktail-Kunststoffbecher noch in der Hand, als wir in das Abteil stiegen. Dann wurde geredet. Wobei wir nie aufgehört hatten zu reden. Sei es während der Wrestling-Show, dem Kaufen der Getränke und Würste, nicht einmal beim Essen. Schon gar nicht mit dem Becher im Mund. Ständig wurde was erzählt. Wohl wissend, dass bis morgen, spätestens bis Augsburg, eh schon wieder alles vergessen sein würde, was der andere da palavert hatte. Auch schon Wurscht. Irgendwann würde man das schon noch einmal hören, in diesen Kreislaufen an ständigem Gerede. Also zwei bis drei Mal würde man die Themen sicherlich noch erwähnen. Warum dann zuhören? Es ging irgendwie um Drogen und Frauen, was selbstverständlich und bei genauerer Betrachtung das Gleiche ist und immer war. Wobei es wie immer mit den Drogen ein ernsteres Ding ist, als mit den Frauen. Drogen sind einfach eine sicherere Sache. Denn bei denen geht es immer um einen selbst. Teilweise wurde dann auch so offen und laut daher geredet, gerade weil man sich in diesem öffentlichen Raum befand. Die Zunge ist immer lockerer, wenn es jemand gibt, der zuhören muss, dir gegenüber sitzt, und dich nicht schon 20 Jahre kennt. Jemanden, den du jetzt und dann nie wieder siehst. Der eigentlich gar nichts von dir hören will. Und dann doch die Ohren spitzt. Wenn du Kokain sagst. Blowjob. Oder „Geld ist nicht das Problem“. Wir redeten also wie pseudocoole Proleten daher, während wir tatsächlich unsere Handwarmen, gestohlenen Cocktail-Gläser einander zu schwenkten. Die restlichen Passagiere Geisel nehmend.

In Augsburg angekommen ging es dann per Taxi zur Partymeile, in die Maxstraße. Die Straße in Augsburg, in der man sich für ein betuchtes Taschengeld ordentlich betrinken kann. Bitte noch einmal in fett: Betucht und ordentlich. Vor dem Club stand keiner aus den Türstehern. Und wir zwei Gesichter würden gleich mal gar nicht rein kommen. Richtig. Wir hatten ja noch die Wrestling-Kleidung an. Eine Minute später waren wir drin. Man muss nur wissen was man sagen darf.

Unten im Keller war schwer der Chartssound an. Und außer uns keiner. Pfingstsonntag. Nicht gerade DER Tag für die Location. Cocktail-Zeit. Da kam dann auch schon unser Mann aus der Seitentüre. Großes Hallo! Wie geht’s und war´s denn so? Ganz gut. Hände wurden geschüttelt. Floskeln und Wahrheiten getauscht. Der Besitzer freute sich sichtlich uns zu sehen. Schon komisch wie sich manche Menschen entwickeln. Schon seit der frühen Jugend kennen wir drei uns. Von der Schule. Vom Ticken. Dann hat er Underground-Techno aufgelegt und Partys organisiert. Bis die Sache mit dem Metal-Label kam. Voll Hardcore. Und jetzt betreibt er hier diesen Charts-Club, in dem die Moet-Flasche zu jedem guten Gespräch dazugehört. Man muss machen was geht. Sonst winkt das Armenhaus. Mit Ende dreißig verstehen wir das.

Einen Handzeig später sind wir hinten im weniger glamourösen Teil des Ladens, in den uns die Türstehers vorhin gar nicht rein lassen wollten. So kann es gehen. Wir stehen zwischen vollen und leeren Cola- und Bierkisten. Aschen in offenstehende Bierhälse. Von drinnen dröhnt der Bass. Wir reden über die Gegenwart und die Vergangenheit. Netflix und was das alles noch wird. Die Großunternehmer. Und ich. Und ich komme mir ganz klein vor. Als einziger Angesteller hier. Während die ihren Traum leben. Und trotzdem sind wir auf dem gleichen Level.

Wichtig ist: Die Leute mögen. Nichts von ihnen wollen.

Ein paar Wochen vorher waren mein Wrestling-Freund und ich in ner Techno-Kneipe gewesen. Wo sich die dichten Boys an meinen Kumpel anbiederten. Nur um irgendwann einmal das doppelte oder fünffache von meinem Freund mit den Connections zurückzubekommen. Pure Berechnung. Beschissene Scheinheiligkeit. Rückblende in die Zukunft: Ich kann von meinen beiden Jungs hier fast alles bekommen. Von einem sogar mit Sicherheit. Seien es Umsonstdrinks. Gästelistenplätze oder was für die Nase. Nicht weil ich so toll wäre. Sondern weil ich die Jungs einfach mag. Und sie es von mir auch bekommen würden. Es muss Ehrlichkeit dabei sein wenn man sagt: „Ich finde es toll was du da machst.“ Ohne dabei zu meinen: „Ich finde es toll, was du für mich machen kannst.“

Absolution – 6 – Wunscherfüllung Internet-Pornografie

3.

Nachdem sie den Club verlassen hatten. Nachdem sie den Feierstrich des Münchner „Kunstpark“, eine Partyzone, im Osten der bayrischen Hauptstadt, verlassen hatten. Nachdem sie die U-Bahn zum Hauptbahnhof und von dort den Regionalzug bis 2 Stationen nach Augsburg genommen hatten. Nachdem sie auf dem Weg von München über Augsburg noch ein paar Lines nachgelegt hatten. Nachdem sie sich am Bahnhof unspektakulär mit ein paar Umarmungen getrennt hatten; die anderen machten noch Afterhour, nur Paul sagte, er würde nicht mitkommen. Nachdem Paul durch den Regen zu seiner Wohnung gelaufen war, die 2 Gramm Speed in seiner Faust wie Frodo den Ring umklammernd, zog er dort angekommen sofort die Vorhänge zu, und  machte Paul seinen PC an. Er schob  flink seinen Sessel vor den Rechner. Stellte schnell zwei Flaschen Wasser daneben. Warf im Gehen eine Packung Tempo-Taschentücher auf den PC-Tisch. Und riss dann endlich, endlich, endlich, sein Speed, das von ihnen so genannte „Pep“ auf, so dass es wie eine wunderschöne Miniaturlawine auf seinen Glastisch fiel.

Der ganze Weg zurück aus München war für Paul eine nicht  enden wollende Tortur aus Zurückhaltung gewesen. Eine bloße Anmaßung, eine Bestrafung durch den Prozess des Reisens, der ihn von diesem Moment hier ferngehalten hatte. Während sein Herz. Seine Seele. Und besonders sein Schwanz nichts anderes wollten als hierher zu kommen. Hierher. In die Einsamkeit: In die Freiheit. Da es unmöglich war die Reise zu beschleunigen, beschleunigte er nun umso mehr den Prozess des Drogennehmens, während er gleichzeitig die Rahmenbedingungen für das schuf, was er sich die letzten Stunden, die vergangenen Tage so sehr herbeigesehnt hatte. Was nun folgte war das abschließende Abtauchen in eine viel höhere und ehrliche Form des Rausches, als man sie unter Menschen mit ihren privaten Ansichten und den damit automatisch einhergehenden Urteilen erleben kann. Dies hier. War sein privater Kick.  Der niemanden etwas anging.

Das Pep bröselte noch ein wenig aus seiner Nase, als er sich auf den Sessel  warf und seine Unterhose auszog. Normalerweise achtete er auf jeden einzelnen Krümel den er konsumierte. Jetzt. Wo es endlich los ging. War es ihm egal geworden. Er wollte nur so schnell wie möglich SEINEN Film schieben. In sich selbst Abtauchen. Bei sich selbst ankommen. Die rechte Hand öffnete den Internet-Browser. Die linke lag auf seinem schlaffen Schwanz. Seine Augen, panisch weit aufgerissen, klebten auf der einzigen Lichtquelle im Raum. Seinem Bildschirm. Auf dem ihm Seiten angezeigt wurden, deren Bezeichnung mit dem Wort „porn“ begannen. Er klickte sich euphorisch durch einen bestimmten, vor wem auch immer versteckten, Ordner in seiner „Lesezeichen“-Leiste um das Traum-Programm im PC wie in sich selbst hochzufahren. In bestimmter Weise musste sich der Geist nun mit dem Internet verbinden. Die Phantasie-Welt der Porno-Industrie musste sich mit der Gefühlswelt von Paul verbinden. In der es Vorlieben und Wünsche gab. Sehnsüchte und bare Geilheiten. Bei der schier unzähligen Auswahl von Videos und Bildern musste Paul nun gerade die finden, die er benötigte um sich selbst von der Welt zu entkoppeln. Das richtige Video. Mit der richtigen Frau. Im richtigen Setting. Mit der exakt richtigen Laufzeit. Alles musste perfekt sein. Denn Träume machen keine Konzessionen. Und es würde nur Leute wundern die Paul Fleming nicht wirklich kannten oder verstanden, dass er sich Videos von Frauen ansah, die seinen Freundinnen Sarah und Katha auf eine gewisse Art sehr ähnlich sahen. Dies. Waren die privatesten Momente im Leben von Paul Fleming.

Plump betrachtet war es ein krasser und klarer Fall von der Sucht nach Internet-Pornografie und Drogen, ein Mischkonsum-Verhalten, welches noch von keiner wissenschaftlichen Richtung jemals erforscht wurde. Eine Grau-Zone, über die niemand gerne spricht, da das Bild eines erwachsenen Mannes auf Drogen der sich vor dem PC stundenlang seinen Schwanz wichst nicht gerade die Form von Wahrnehmung ist, die der arme kleine Wichser von sich auch noch in die Welt transportieren will. Doch wie es ist mit den Wahrheiten so ist, ist sie, wie ihre kleine Schwester, das Klischee“ weiterverbreitet als Mann und Frau sich zugestehen wollen. „Wer seinen Trieb verleugnet, verleugnet sich selbst“, heißt es, nur ist der Triebhafte der Coole und Angesehene, der seine Neigung im realen Leben Taten folgen lässt, ausschließlich in seinem Kopf; wo aber ist der Unterschied? Wo ist die Grenze zwischen realem Verhalten und imaginiertem, wenn es nur um eine einzige Sache geht, nämlich der Triebabfuhr?

Ja Paul war sich sicher: Wer seinen Trieb verleugnet, verleugnet sich selbst. Und das war genau dass, was er tat.

 

Dieses wiederholte Verhalten zog einige Probleme nach sich, Erklärungsnöte, denn das Problem wenn man Freunde hat die einen mögen und leider so gut wie nie schlafen, ist ihre Sorge um einen oder wenigstens eine virtuelle Dauerpräsenz, wenn sie denn nicht ganz auf dem eigenen Sofa verschraubt erscheinen und man sie, ganz gleich wie geil einen die Drogen in den letzten Stunden schon gemacht haben, nicht aus dem eigenen Haus bekommt um sie endlich loszuwerden. Und Amphetamine machen relativ schnell geil.

Jetzt mussten also Ausrede her oder Tabula Rasa Entscheidung, um zu seinem einsamen Frieden vor dem PC zurückkehren zu können; „zurückkehren“ deswegen, da die Stunden vor dem PC, die an ihm abperlten wie Sekunden, ihm nach und nach als die wahre Lebensessenz erschienen. Bald fühlten sich sein zombiehaftes Verhalten und seine Flucht in sexuelle Träume an als die „bessere“ Art von Leben, eine Art von Leben, in dem es kein NEIN gab, und selbst wenn, dann war es ein inszeniertes Nein, welches er als großer Regisseur leicht in ein JA umdrehen konnte.

Häufig  hielt er einfach seine Freunde aus bis in die Morgenstunden um sie dann hochkant rauszuwerfen. Er sei – Haha – müde. Das klappte zwar manchmal ganz gut, doch nie ohne Nachdruck, da die Freunde die wie Blutegel in seiner Wohnung hingen, noch bei ihren Eltern wohnten und nicht mit Druffi-Augen nachhause gehen wollten. Somit musste vor der endlich erwarteten Meditation vor dem PC erst einmal gestritten werden. Und das war eklig und anstrengend. Besonders, da er im Prinzip eine ehrliche Haut war und es nicht mochte seine Freunde anzulügen.

Die weitausbessere Möglichkeit war es, sich die Drogen schon im Vorfeld zu beschaffen um sich dann nach der Arbeit am Wochenende einzuschließen und vor der ganzen Welt zu verleugnen.

„Ja ich bin krank.“

„Mir geht es nicht gut.“

„Kopfweh.“

„Magendarm“

„Müde“.

„Keine Lust.“

„Ein anderes Mal.“

„Familientag.“

Oder es gab gar keine Antwort.

 

Das Problem mit Methode Nummer 2 war nur, dass er schon so tief dem Sog seines Mischkonsums und seine Sehnsucht auf Erlösung in seinen Träumen verfallen war, dass es nur schwer möglich war bis Arbeitsende am Freitagnachmittag mit dem Konsum zu warten. Und unter der Woche Drogen zu nehmen barg nicht nur das Problem eine ganze Nacht vor der Arbeit nicht geschlafen zu haben, sondern in seinem speziellen Fall auch das Desaster, sich die ganze Nacht wie irr wundonaniert zu haben, was zudem einer Sportlichen Leistung gleichkam, wie eine Etappe der Tour de France zurückzulegen – und danach Arbeiten zu gehen. Davon war er heute noch weit entfernt. Noch hatte er mehr als genug Zeit. Dafür brauchte er nicht auf die Uhr zu sehen. Denn noch schien die Sonne auf seine Festung der Einsamkeit. Drogen- und Pornografie-Süchtige bemessen ihr Leben nicht nach Minuten und Stunden. Sie fühlen nur noch die Tageszeiten.

 

Noch war es nicht so weit. Noch sahen die Pornodarstellerinnen nicht einmal ganz so aus wie die Frauen die Paul wirklich begehrte. Ähnlichkeiten waren durchaus vorhanden. Aber noch waren sie nicht mehr als plumpe Schlampen die vor der Kamera ihre Würde ablegten. Dagegen konnte etwas unternommen werden. Sportlich sprang er auf und legte sich eine weitere Line, einen echten grobkörnigen Prügel aus Speed, und saugte sie wild entschlossen in seinen Riechkolben hinein. Zuviel ist ja selten genug. Schließlich war er sich darüber im Klaren, dass er der Katha seiner Träume, der wahren Katha, die echter war als die Frau die er vor ein paar Stunden umarmt hatte, nur noch ein paar Milligramm entfernt war. Denn wer einmal auf Drogen zu träumen begonnen hat versteht: Der Rausch ist die bessere Realität. Ist der klarere Traum. In der Hyperrealität des Traumes ist alles geordnet, richtig und unerschöpflich. Dies war der Olymp. In der er ein Gott unter Göttinnen war. Dies war der Harem seiner Seele. Der durch kein falsches Wort, durch keine falsche Geste, durch keine Laune von irgendwem zerstört werden konnte. Dies. War die Perfektion in Gedanken. Die sich echter anfühlte als die Wirklichkeit. Denn wenn man einmal begriffen hat, dass sich das ganze Leben nur im Kopf abspielt, weshalb sollte man sich dann noch mit einer unzureichenden, unbefriedigten Wirklichkeit zufrieden geben? Einer Wirklichkeit, in der man nur einer unter vielen ist? In der man Regeln und Konventionen einhalten muss um ein Abbild davon zu bekommen, was man sich eigentlich erträumt? Die objektive Wirklichkeit war immer ein Fehlerhaftes Zugeständnis an die anderen. Dies hier. War die reine Lust. Das hier. War alles was er wirklich wollte. Dies. War Paul Fleming.

Arg

Wenn ich nicht gerade den Text korrigiere schaue ich mit meiner Freundin Fernsehen. Wir sahen vorgestern kurz in „Hanna Arendt“ rein, die sexistischer Weise am  Bekanntesten dafür ist, mit Heidegger gefickt zu haben. Auf jeden Fall war da die Stelle im Film, in der der Eichmann-Prozess thematisiert wurde.  Und als der Eichmann meinte, ER habe ja keinen Juden getötet, sondern nur dafür gesorgt dass die Züge pünktlich und richtig fuhren, fiel es mir wie die Schuppen von den Augen; bereits die Woche DAVOR hatte unser Vorgesetzter im Bereich Qualitätssicherung gesagt, es müssten alle drei Sauerstoffmessgeräte JEDE Woche gereinigt werden, auch, wenn wir davon nur eines benutzen. Auf unsere Frage dazu, woher wir die Zeit für diese recht langwierigen Reinigungen hernehmen sollen – den jeder von uns hat schon mehrere Hundert Überstunden – meinte er nur: „Das sei ihm scheißegal!“ Und jetzt, also vorgestern, war mir schlagartig klar, dass das genau die gleiche Mechanik ist, nach der Eichmann seine Todeszüge pünktlich fahren lies: Da ist keine Menschlichkeit. Kein Mensch hat etwas gegen Qualitätssicherung. Nur. Was bringt diese, wenn an der Lebensqualität des Menschen gespart wird, der diese ausführen muss? Da beißt sich der Hund doch in den Schwanz. Wieso überhaupt sind so viele Leute arbeitslos und die anderen sind ganz kaputt von den vielen Überstunden? Ach so, weil die Arbeitslosen so dumm sind… Ne. Das kann ich nicht glauben. Das wird uns nur eingeredet. Die anderen sind so dumm, du so klug, also arbeite dich kaputt: Das spart uns Kosten…

Auf jeden Fall. Den Eichmann- Vergleich mochte keiner von uns in der Arbeit. Er sei ihnen zu „arg“… Ich finde halt andere Dinge. Arg.

Der Stefan mit dem Rohr

Alle paar Monate kommt ein Schweißer in die Firma, um gebrochene Edelstahl-Leitungen und –Halterungen nach zu schweißen. Stahl bewegt sich wenn es extremen Temperaturen ausgesetzt ist. Das kommt vor.

Dieses Mal kam ein neuer Schweißer. Beim alten wurde ein Gehirntumor entdeckt. So von jetzt auf gleich musste er operiert werden.

 

1: Was hältst du vom neuen Schweißer?

2: Wir kennen uns irgendwie.

1: Ach ja? Wie? Irgendwie?

2: Selber Jahrgang. Parallelklassen und so. Man kennt sich nicht, und hat halt doch miteinander gesprochen. Damals. In der Jugend. Schon komisch wie die Dinge sich entwickeln. Ein Freunde von ehemaligen Freunden oder so.

1: Und?

2: Ja passt schon. Ist gut drauf und hat Ahnung von dem was er tut.

1: Na wenigstens hat er die, wenn du schon keinen Plan hast.

2: Sehr witzig.

 

Dann redet man also mit dem Kerl von früher, der in der Vergangenheit keine tragende Rolle im eigenen Leben gespielt hat, auf Augenhöhe. Respekt macht viel aus. Und als Stefan, der neue Schweißer auch noch einen ganzen Mohnkuchen für die Schicht mitbrachte, war die Stimmung bei allen richtig gut. „Unsere Sympathien sind käuflich“, lachten wir mit vollem Mund.

Stefan hat einen Sohn, erzählt er. Stefan ist geschieden, sagt er. Stefan hat seine eigene, kleine Firma. So Ich-AG mäßig. Und Stefan kann sich vor Angeboten nicht retten. „Denn wenn du hart arbeitest und sofort zur Stelle bist, dann macht das viel wett wenn du nur Einer bist“, hat er erzählt.

Später dann, ging ich auf die Toilette. Ich stellte mich an ein Pissoir und ließ ein angestautes Stöhnen von mir, dass ich früher nur beim Sex abgegeben hätte. Darüber lächle ich. Und muss an den Woody Allen Film von neulich denken, in welchem seine Filmpartnerin erklärte, dass sie zu oft schlechte Orgasmen hätte. Was Allen gar nicht verstehen konnte, denn bei ihm sei auch noch der schlechteste Orgasmus „ein voller Schuss ins Schwarze“. Ich höre wie hinter mir Gestöhnt wird. Wie jetzt?… Unser Betrieb ist so klein, dass unsere Männer-Toilette nur zwei Pissoirs und eine (selbstverständlich) abgegrenzte Toiletten-Kabine enthält. Das Gestöhne kommt aus der Kabine. Ich spitze die Ohren. Ja! Nein… Das ist eine Videoaufnahme die da läuft. Da bin ich mir sicher. Irgendwer streamt einen Porno auf seinem Handy. Da ist Musik im Hintergrund. Ganz leise. Und scheinbar zwei Männer. Das hört man an ihrem Dirty Talk.

Ich gehe dann raus. Wasche mir die Hände. Und dann kommt wohl auch Stefan. Ein paar Minuten später verlässt er die Kabine. Redet mit mir beim Essen als wäre nichts gewesen. Er scheint erleichtert zu sein. Und ich muss zugeben dass ich Stefan noch weniger kenne, als dass ich dachte.