Szenen eines wüsten Lebens

Nach den Show-Kämpfen der aufgepumpten Wrestling-Monster ging es dann doch nicht mit dem Taxi, sondern ganz gesittet mit der Bahn zurück nach Augsburg. Gefühlt hatten wir unsere Cocktail-Kunststoffbecher noch in der Hand, als wir in das Abteil stiegen. Dann wurde geredet. Wobei wir nie aufgehört hatten zu reden. Sei es während der Wrestling-Show, dem Kaufen der Getränke und Würste, nicht einmal beim Essen. Schon gar nicht mit dem Becher im Mund. Ständig wurde was erzählt. Wohl wissend, dass bis morgen, spätestens bis Augsburg, eh schon wieder alles vergessen sein würde, was der andere da palavert hatte. Auch schon Wurscht. Irgendwann würde man das schon noch einmal hören, in diesen Kreislaufen an ständigem Gerede. Also zwei bis drei Mal würde man die Themen sicherlich noch erwähnen. Warum dann zuhören? Es ging irgendwie um Drogen und Frauen, was selbstverständlich und bei genauerer Betrachtung das Gleiche ist und immer war. Wobei es wie immer mit den Drogen ein ernsteres Ding ist, als mit den Frauen. Drogen sind einfach eine sicherere Sache. Denn bei denen geht es immer um einen selbst. Teilweise wurde dann auch so offen und laut daher geredet, gerade weil man sich in diesem öffentlichen Raum befand. Die Zunge ist immer lockerer, wenn es jemand gibt, der zuhören muss, dir gegenüber sitzt, und dich nicht schon 20 Jahre kennt. Jemanden, den du jetzt und dann nie wieder siehst. Der eigentlich gar nichts von dir hören will. Und dann doch die Ohren spitzt. Wenn du Kokain sagst. Blowjob. Oder „Geld ist nicht das Problem“. Wir redeten also wie pseudocoole Proleten daher, während wir tatsächlich unsere Handwarmen, gestohlenen Cocktail-Gläser einander zu schwenkten. Die restlichen Passagiere Geisel nehmend.

In Augsburg angekommen ging es dann per Taxi zur Partymeile, in die Maxstraße. Die Straße in Augsburg, in der man sich für ein betuchtes Taschengeld ordentlich betrinken kann. Bitte noch einmal in fett: Betucht und ordentlich. Vor dem Club stand keiner aus den Türstehern. Und wir zwei Gesichter würden gleich mal gar nicht rein kommen. Richtig. Wir hatten ja noch die Wrestling-Kleidung an. Eine Minute später waren wir drin. Man muss nur wissen was man sagen darf.

Unten im Keller war schwer der Chartssound an. Und außer uns keiner. Pfingstsonntag. Nicht gerade DER Tag für die Location. Cocktail-Zeit. Da kam dann auch schon unser Mann aus der Seitentüre. Großes Hallo! Wie geht’s und war´s denn so? Ganz gut. Hände wurden geschüttelt. Floskeln und Wahrheiten getauscht. Der Besitzer freute sich sichtlich uns zu sehen. Schon komisch wie sich manche Menschen entwickeln. Schon seit der frühen Jugend kennen wir drei uns. Von der Schule. Vom Ticken. Dann hat er Underground-Techno aufgelegt und Partys organisiert. Bis die Sache mit dem Metal-Label kam. Voll Hardcore. Und jetzt betreibt er hier diesen Charts-Club, in dem die Moet-Flasche zu jedem guten Gespräch dazugehört. Man muss machen was geht. Sonst winkt das Armenhaus. Mit Ende dreißig verstehen wir das.

Einen Handzeig später sind wir hinten im weniger glamourösen Teil des Ladens, in den uns die Türstehers vorhin gar nicht rein lassen wollten. So kann es gehen. Wir stehen zwischen vollen und leeren Cola- und Bierkisten. Aschen in offenstehende Bierhälse. Von drinnen dröhnt der Bass. Wir reden über die Gegenwart und die Vergangenheit. Netflix und was das alles noch wird. Die Großunternehmer. Und ich. Und ich komme mir ganz klein vor. Als einziger Angesteller hier. Während die ihren Traum leben. Und trotzdem sind wir auf dem gleichen Level.

Wichtig ist: Die Leute mögen. Nichts von ihnen wollen.

Ein paar Wochen vorher waren mein Wrestling-Freund und ich in ner Techno-Kneipe gewesen. Wo sich die dichten Boys an meinen Kumpel anbiederten. Nur um irgendwann einmal das doppelte oder fünffache von meinem Freund mit den Connections zurückzubekommen. Pure Berechnung. Beschissene Scheinheiligkeit. Rückblende in die Zukunft: Ich kann von meinen beiden Jungs hier fast alles bekommen. Von einem sogar mit Sicherheit. Seien es Umsonstdrinks. Gästelistenplätze oder was für die Nase. Nicht weil ich so toll wäre. Sondern weil ich die Jungs einfach mag. Und sie es von mir auch bekommen würden. Es muss Ehrlichkeit dabei sein wenn man sagt: „Ich finde es toll was du da machst.“ Ohne dabei zu meinen: „Ich finde es toll, was du für mich machen kannst.“

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Absolution – 6 – Wunscherfüllung Internet-Pornografie

3.

Nachdem sie den Club verlassen hatten. Nachdem sie den Feierstrich des Münchner „Kunstpark“, eine Partyzone, im Osten der bayrischen Hauptstadt, verlassen hatten. Nachdem sie die U-Bahn zum Hauptbahnhof und von dort den Regionalzug bis 2 Stationen nach Augsburg genommen hatten. Nachdem sie auf dem Weg von München über Augsburg noch ein paar Lines nachgelegt hatten. Nachdem sie sich am Bahnhof unspektakulär mit ein paar Umarmungen getrennt hatten; die anderen machten noch Afterhour, nur Paul sagte, er würde nicht mitkommen. Nachdem Paul durch den Regen zu seiner Wohnung gelaufen war, die 2 Gramm Speed in seiner Faust wie Frodo den Ring umklammernd, zog er dort angekommen sofort die Vorhänge zu, und  machte Paul seinen PC an. Er schob  flink seinen Sessel vor den Rechner. Stellte schnell zwei Flaschen Wasser daneben. Warf im Gehen eine Packung Tempo-Taschentücher auf den PC-Tisch. Und riss dann endlich, endlich, endlich, sein Speed, das von ihnen so genannte „Pep“ auf, so dass es wie eine wunderschöne Miniaturlawine auf seinen Glastisch fiel.

Der ganze Weg zurück aus München war für Paul eine nicht  enden wollende Tortur aus Zurückhaltung gewesen. Eine bloße Anmaßung, eine Bestrafung durch den Prozess des Reisens, der ihn von diesem Moment hier ferngehalten hatte. Während sein Herz. Seine Seele. Und besonders sein Schwanz nichts anderes wollten als hierher zu kommen. Hierher. In die Einsamkeit: In die Freiheit. Da es unmöglich war die Reise zu beschleunigen, beschleunigte er nun umso mehr den Prozess des Drogennehmens, während er gleichzeitig die Rahmenbedingungen für das schuf, was er sich die letzten Stunden, die vergangenen Tage so sehr herbeigesehnt hatte. Was nun folgte war das abschließende Abtauchen in eine viel höhere und ehrliche Form des Rausches, als man sie unter Menschen mit ihren privaten Ansichten und den damit automatisch einhergehenden Urteilen erleben kann. Dies hier. War sein privater Kick.  Der niemanden etwas anging.

Das Pep bröselte noch ein wenig aus seiner Nase, als er sich auf den Sessel  warf und seine Unterhose auszog. Normalerweise achtete er auf jeden einzelnen Krümel den er konsumierte. Jetzt. Wo es endlich los ging. War es ihm egal geworden. Er wollte nur so schnell wie möglich SEINEN Film schieben. In sich selbst Abtauchen. Bei sich selbst ankommen. Die rechte Hand öffnete den Internet-Browser. Die linke lag auf seinem schlaffen Schwanz. Seine Augen, panisch weit aufgerissen, klebten auf der einzigen Lichtquelle im Raum. Seinem Bildschirm. Auf dem ihm Seiten angezeigt wurden, deren Bezeichnung mit dem Wort „porn“ begannen. Er klickte sich euphorisch durch einen bestimmten, vor wem auch immer versteckten, Ordner in seiner „Lesezeichen“-Leiste um das Traum-Programm im PC wie in sich selbst hochzufahren. In bestimmter Weise musste sich der Geist nun mit dem Internet verbinden. Die Phantasie-Welt der Porno-Industrie musste sich mit der Gefühlswelt von Paul verbinden. In der es Vorlieben und Wünsche gab. Sehnsüchte und bare Geilheiten. Bei der schier unzähligen Auswahl von Videos und Bildern musste Paul nun gerade die finden, die er benötigte um sich selbst von der Welt zu entkoppeln. Das richtige Video. Mit der richtigen Frau. Im richtigen Setting. Mit der exakt richtigen Laufzeit. Alles musste perfekt sein. Denn Träume machen keine Konzessionen. Und es würde nur Leute wundern die Paul Fleming nicht wirklich kannten oder verstanden, dass er sich Videos von Frauen ansah, die seinen Freundinnen Sarah und Katha auf eine gewisse Art sehr ähnlich sahen. Dies. Waren die privatesten Momente im Leben von Paul Fleming.

Plump betrachtet war es ein krasser und klarer Fall von der Sucht nach Internet-Pornografie und Drogen, ein Mischkonsum-Verhalten, welches noch von keiner wissenschaftlichen Richtung jemals erforscht wurde. Eine Grau-Zone, über die niemand gerne spricht, da das Bild eines erwachsenen Mannes auf Drogen der sich vor dem PC stundenlang seinen Schwanz wichst nicht gerade die Form von Wahrnehmung ist, die der arme kleine Wichser von sich auch noch in die Welt transportieren will. Doch wie es ist mit den Wahrheiten so ist, ist sie, wie ihre kleine Schwester, das Klischee“ weiterverbreitet als Mann und Frau sich zugestehen wollen. „Wer seinen Trieb verleugnet, verleugnet sich selbst“, heißt es, nur ist der Triebhafte der Coole und Angesehene, der seine Neigung im realen Leben Taten folgen lässt, ausschließlich in seinem Kopf; wo aber ist der Unterschied? Wo ist die Grenze zwischen realem Verhalten und imaginiertem, wenn es nur um eine einzige Sache geht, nämlich der Triebabfuhr?

Ja Paul war sich sicher: Wer seinen Trieb verleugnet, verleugnet sich selbst. Und das war genau dass, was er tat.

 

Dieses wiederholte Verhalten zog einige Probleme nach sich, Erklärungsnöte, denn das Problem wenn man Freunde hat die einen mögen und leider so gut wie nie schlafen, ist ihre Sorge um einen oder wenigstens eine virtuelle Dauerpräsenz, wenn sie denn nicht ganz auf dem eigenen Sofa verschraubt erscheinen und man sie, ganz gleich wie geil einen die Drogen in den letzten Stunden schon gemacht haben, nicht aus dem eigenen Haus bekommt um sie endlich loszuwerden. Und Amphetamine machen relativ schnell geil.

Jetzt mussten also Ausrede her oder Tabula Rasa Entscheidung, um zu seinem einsamen Frieden vor dem PC zurückkehren zu können; „zurückkehren“ deswegen, da die Stunden vor dem PC, die an ihm abperlten wie Sekunden, ihm nach und nach als die wahre Lebensessenz erschienen. Bald fühlten sich sein zombiehaftes Verhalten und seine Flucht in sexuelle Träume an als die „bessere“ Art von Leben, eine Art von Leben, in dem es kein NEIN gab, und selbst wenn, dann war es ein inszeniertes Nein, welches er als großer Regisseur leicht in ein JA umdrehen konnte.

Häufig  hielt er einfach seine Freunde aus bis in die Morgenstunden um sie dann hochkant rauszuwerfen. Er sei – Haha – müde. Das klappte zwar manchmal ganz gut, doch nie ohne Nachdruck, da die Freunde die wie Blutegel in seiner Wohnung hingen, noch bei ihren Eltern wohnten und nicht mit Druffi-Augen nachhause gehen wollten. Somit musste vor der endlich erwarteten Meditation vor dem PC erst einmal gestritten werden. Und das war eklig und anstrengend. Besonders, da er im Prinzip eine ehrliche Haut war und es nicht mochte seine Freunde anzulügen.

Die weitausbessere Möglichkeit war es, sich die Drogen schon im Vorfeld zu beschaffen um sich dann nach der Arbeit am Wochenende einzuschließen und vor der ganzen Welt zu verleugnen.

„Ja ich bin krank.“

„Mir geht es nicht gut.“

„Kopfweh.“

„Magendarm“

„Müde“.

„Keine Lust.“

„Ein anderes Mal.“

„Familientag.“

Oder es gab gar keine Antwort.

 

Das Problem mit Methode Nummer 2 war nur, dass er schon so tief dem Sog seines Mischkonsums und seine Sehnsucht auf Erlösung in seinen Träumen verfallen war, dass es nur schwer möglich war bis Arbeitsende am Freitagnachmittag mit dem Konsum zu warten. Und unter der Woche Drogen zu nehmen barg nicht nur das Problem eine ganze Nacht vor der Arbeit nicht geschlafen zu haben, sondern in seinem speziellen Fall auch das Desaster, sich die ganze Nacht wie irr wundonaniert zu haben, was zudem einer Sportlichen Leistung gleichkam, wie eine Etappe der Tour de France zurückzulegen – und danach Arbeiten zu gehen. Davon war er heute noch weit entfernt. Noch hatte er mehr als genug Zeit. Dafür brauchte er nicht auf die Uhr zu sehen. Denn noch schien die Sonne auf seine Festung der Einsamkeit. Drogen- und Pornografie-Süchtige bemessen ihr Leben nicht nach Minuten und Stunden. Sie fühlen nur noch die Tageszeiten.

 

Noch war es nicht so weit. Noch sahen die Pornodarstellerinnen nicht einmal ganz so aus wie die Frauen die Paul wirklich begehrte. Ähnlichkeiten waren durchaus vorhanden. Aber noch waren sie nicht mehr als plumpe Schlampen die vor der Kamera ihre Würde ablegten. Dagegen konnte etwas unternommen werden. Sportlich sprang er auf und legte sich eine weitere Line, einen echten grobkörnigen Prügel aus Speed, und saugte sie wild entschlossen in seinen Riechkolben hinein. Zuviel ist ja selten genug. Schließlich war er sich darüber im Klaren, dass er der Katha seiner Träume, der wahren Katha, die echter war als die Frau die er vor ein paar Stunden umarmt hatte, nur noch ein paar Milligramm entfernt war. Denn wer einmal auf Drogen zu träumen begonnen hat versteht: Der Rausch ist die bessere Realität. Ist der klarere Traum. In der Hyperrealität des Traumes ist alles geordnet, richtig und unerschöpflich. Dies war der Olymp. In der er ein Gott unter Göttinnen war. Dies war der Harem seiner Seele. Der durch kein falsches Wort, durch keine falsche Geste, durch keine Laune von irgendwem zerstört werden konnte. Dies. War die Perfektion in Gedanken. Die sich echter anfühlte als die Wirklichkeit. Denn wenn man einmal begriffen hat, dass sich das ganze Leben nur im Kopf abspielt, weshalb sollte man sich dann noch mit einer unzureichenden, unbefriedigten Wirklichkeit zufrieden geben? Einer Wirklichkeit, in der man nur einer unter vielen ist? In der man Regeln und Konventionen einhalten muss um ein Abbild davon zu bekommen, was man sich eigentlich erträumt? Die objektive Wirklichkeit war immer ein Fehlerhaftes Zugeständnis an die anderen. Dies hier. War die reine Lust. Das hier. War alles was er wirklich wollte. Dies. War Paul Fleming.

Arg

Wenn ich nicht gerade den Text korrigiere schaue ich mit meiner Freundin Fernsehen. Wir sahen vorgestern kurz in „Hanna Arendt“ rein, die sexistischer Weise am  Bekanntesten dafür ist, mit Heidegger gefickt zu haben. Auf jeden Fall war da die Stelle im Film, in der der Eichmann-Prozess thematisiert wurde.  Und als der Eichmann meinte, ER habe ja keinen Juden getötet, sondern nur dafür gesorgt dass die Züge pünktlich und richtig fuhren, fiel es mir wie die Schuppen von den Augen; bereits die Woche DAVOR hatte unser Vorgesetzter im Bereich Qualitätssicherung gesagt, es müssten alle drei Sauerstoffmessgeräte JEDE Woche gereinigt werden, auch, wenn wir davon nur eines benutzen. Auf unsere Frage dazu, woher wir die Zeit für diese recht langwierigen Reinigungen hernehmen sollen – den jeder von uns hat schon mehrere Hundert Überstunden – meinte er nur: „Das sei ihm scheißegal!“ Und jetzt, also vorgestern, war mir schlagartig klar, dass das genau die gleiche Mechanik ist, nach der Eichmann seine Todeszüge pünktlich fahren lies: Da ist keine Menschlichkeit. Kein Mensch hat etwas gegen Qualitätssicherung. Nur. Was bringt diese, wenn an der Lebensqualität des Menschen gespart wird, der diese ausführen muss? Da beißt sich der Hund doch in den Schwanz. Wieso überhaupt sind so viele Leute arbeitslos und die anderen sind ganz kaputt von den vielen Überstunden? Ach so, weil die Arbeitslosen so dumm sind… Ne. Das kann ich nicht glauben. Das wird uns nur eingeredet. Die anderen sind so dumm, du so klug, also arbeite dich kaputt: Das spart uns Kosten…

Auf jeden Fall. Den Eichmann- Vergleich mochte keiner von uns in der Arbeit. Er sei ihnen zu „arg“… Ich finde halt andere Dinge. Arg.

Der Stefan mit dem Rohr

Alle paar Monate kommt ein Schweißer in die Firma, um gebrochene Edelstahl-Leitungen und –Halterungen nach zu schweißen. Stahl bewegt sich wenn es extremen Temperaturen ausgesetzt ist. Das kommt vor.

Dieses Mal kam ein neuer Schweißer. Beim alten wurde ein Gehirntumor entdeckt. So von jetzt auf gleich musste er operiert werden.

 

1: Was hältst du vom neuen Schweißer?

2: Wir kennen uns irgendwie.

1: Ach ja? Wie? Irgendwie?

2: Selber Jahrgang. Parallelklassen und so. Man kennt sich nicht, und hat halt doch miteinander gesprochen. Damals. In der Jugend. Schon komisch wie die Dinge sich entwickeln. Ein Freunde von ehemaligen Freunden oder so.

1: Und?

2: Ja passt schon. Ist gut drauf und hat Ahnung von dem was er tut.

1: Na wenigstens hat er die, wenn du schon keinen Plan hast.

2: Sehr witzig.

 

Dann redet man also mit dem Kerl von früher, der in der Vergangenheit keine tragende Rolle im eigenen Leben gespielt hat, auf Augenhöhe. Respekt macht viel aus. Und als Stefan, der neue Schweißer auch noch einen ganzen Mohnkuchen für die Schicht mitbrachte, war die Stimmung bei allen richtig gut. „Unsere Sympathien sind käuflich“, lachten wir mit vollem Mund.

Stefan hat einen Sohn, erzählt er. Stefan ist geschieden, sagt er. Stefan hat seine eigene, kleine Firma. So Ich-AG mäßig. Und Stefan kann sich vor Angeboten nicht retten. „Denn wenn du hart arbeitest und sofort zur Stelle bist, dann macht das viel wett wenn du nur Einer bist“, hat er erzählt.

Später dann, ging ich auf die Toilette. Ich stellte mich an ein Pissoir und ließ ein angestautes Stöhnen von mir, dass ich früher nur beim Sex abgegeben hätte. Darüber lächle ich. Und muss an den Woody Allen Film von neulich denken, in welchem seine Filmpartnerin erklärte, dass sie zu oft schlechte Orgasmen hätte. Was Allen gar nicht verstehen konnte, denn bei ihm sei auch noch der schlechteste Orgasmus „ein voller Schuss ins Schwarze“. Ich höre wie hinter mir Gestöhnt wird. Wie jetzt?… Unser Betrieb ist so klein, dass unsere Männer-Toilette nur zwei Pissoirs und eine (selbstverständlich) abgegrenzte Toiletten-Kabine enthält. Das Gestöhne kommt aus der Kabine. Ich spitze die Ohren. Ja! Nein… Das ist eine Videoaufnahme die da läuft. Da bin ich mir sicher. Irgendwer streamt einen Porno auf seinem Handy. Da ist Musik im Hintergrund. Ganz leise. Und scheinbar zwei Männer. Das hört man an ihrem Dirty Talk.

Ich gehe dann raus. Wasche mir die Hände. Und dann kommt wohl auch Stefan. Ein paar Minuten später verlässt er die Kabine. Redet mit mir beim Essen als wäre nichts gewesen. Er scheint erleichtert zu sein. Und ich muss zugeben dass ich Stefan noch weniger kenne, als dass ich dachte.

Der Terroranschlag in Berlin und seine Gewinner und Verlierer

Am 10.03.2006 raste nicht weit von hier ein Kleintransporter ungebremst in einer Trauergemeinde. Der Fahrer hatte einen Herzinfarkt erlitten und töte damit 3 Menschen und verletzte 50 schwer. Daran musste ich denken als gestern die Meldung durch getickert wurde, dass ein LKW mit hoher Geschwindigkeit in einen Weihnachtsmarkt in Berlin gerast ist und (Stand heute, am Tage danach) 12 Menschen tötete und ebenfalls 50 schwer verletzte.

Meine Freundin und ich sprachen diese Woche darüber, dass wir letztes Jahr an Silvester in München einer Terrorwarnung ausgesetzt waren und was für ein Zufall das war, dass wir am Neujahrstag genau in dem gleichen Mc Donalds waren, in dem Monate später ein einzelner Amokläufer wahllos sein Feuer auf Passanten eröffnete (noch heute liegen dort Blumen um der Toten zu gedenken).

Ein leichtes Gefühl von Terror glaube ich deswegen zu kennen und deshalb würde ich nicht in den Tenor einstimmen, dass der Terror jetzt auch UNS erreicht hat. Für mein Gefühl spielt es keine Rolle ob Leute in Frankreich oder Berlin von fahrenden Mordmaschinen getötet werden: Es ist gleich schlimm. Es ist für mich die gleiche Gesellschaft.

Schlimm, tragisch, unmenschlich, wahnhaft und viel zu unfair ist so ein Terroranschlag immer. Und vor allem feige. Wobei ich aus meiner Warte heraus gar nicht sagen kann (Stand jetzt) aus welchen Motiven der Mörder gehandelt hat, der (das folgt alles meinem Wissensstand nach) den Fahrer des LKWs töte und das Gefährt stahl um damit zu töten. Sicher ist, dass es aus Hass auf unsere Gesellschaft geschah. Religiöse Motive drängen sich auf, die drängten sich aber auch auf bei dem Amokschützen in München und bei dem absichtlichen Absturz des German Wings Flugzeug auf. Noch. Wissen wir so gut wie gar nichts. Halbinformationen hängen im Raum, nach denen der Attentäter aus Pakistan kommen soll, hier schon straffällig war und mehrfach seinen Namen gewechselt haben soll (wobei man inzwischen nicht einmal mehr sicher ist, ob sie den richtigen Mann haben).

Für meinen Begriff gibt es Terroranschläge – und Terroranschläge. Eine Form des Terroranschlags ist die einer Organisation, Al-Qaida am 11ten September von mir aus. Die andere Form ist der irre Einzeltäter. Ich finde, das sind zwei unterschiedliche Dinge, auch wenn es am Ergebnis nicht viel ändert, dem Tod und das Leid der Opfer. Der Unterschied ist, dass man gegen eine Organisation vorgehen kann, gegen Einzeltäter ist dieser Kampf fast sinnlos. Organisationen kann man infiltrieren, sie verfolgen und zerschlagen. Der Einzeltäter ist einfach nur einer unter Millionen. Ironischer weise ist es schwerer einen Einzelnen aufzuhalten, als eine ganze Organisation.

Sollte es sich beim dem Mörder um einen Menschen handeln, der in Deutschland Schutz gesucht hat, greift natürlich die AFD-Rhetorik, die wie immer nach solchen Gewalttaten um sich greift. Ja, dann hat dieser Mensch den Schutz den wir ihm geboten haben ausgenutzt um Mitbürger wie dich und mich zu ermorden. Das ist schlimm. Und ja. Es sind Millionen Menschen zu uns gekommen und ja, rein Mathematisch gesehen besteht ein erhöhtes Gefahrenpotential, dass es viele Gewalttäter unter diesen Flüchtlingen gibt (so wie es immer ein erhöhtes Gefahrenpotential gibt, wenn viele Menschen irgendwohin kommen, schließlich steigt mit jedem Menschen das statistische Risiko einer Kriminellen Tat, egal aus welcher Kultur er kommt u welche Hautfarbe er hat). Das ist nicht von der Hand zu weisen. Richtig ist aber auch. Das verhälnismäßig wenige der Flüchtlinge  Straftaten begehen (außer der Straftat, sich illegal in diesem Land aufzuhalten, was auch schon ein Teil der Statistik ausmacht). Und wenn wir schon bei unfairer Mathematik sind, was wäre geschehen wenn wir (gerundet) eine Millionen Menschen nicht nach Europa gelassen hätten, und deswegen davon (geschätzt) 30000 gestorben wären? Wie viele Tote Flüchtlinge ist dann ein Europäer wert? Diese Mathematik ist Menschenverachtend. Doch wer A sagt…

Ich will diesen Anschlag nicht kleinreden. Ich glaube, dass das niemand macht – auch wenn ihr Menschen wie mich als Gutmenschen verlacht – das hat auch keiner bei den Terror-Anschlägen in Paris gemacht.  Nur bei dem was im Bataclan geschehen ist, fühlte ich mich mehr angegriffen als bei dem was jetzt in Berlin passiert ist, denn Feiern und auf Konzerte gehen ist nun einmal meine Lebensart. Und ich habe nicht damit aufgehört auf Konzerte zu gehen, nur weil es verrückte Menschen auf der Welt gibt. Auf Weihnachtsmärkte gehe ich eigentlich nicht. Und ich werde jetzt auch nicht anfangen demonstrativ Glühwein zu saufen und mich auch noch dabei abzulichten, um unsere freiheitlichen Werte zu unterstreichen. Was für ein Unsinn. Es gilt das Gleiche. Heute wie damals. Ja. Ihr könnte uns töten. Ja. Ihr könnt uns erschrecken. Aber nein. Wir werden uns nicht ändern.

Und es ist und bleibt ein feiger Mord, der nichts mit dem Begriff „Märtyrer“ zu tun hat, wenn man Leute hinterrücks erschießt oder überfährt. JEDE Religion verurteilt das.

Ich habe die AFD erwähnt, die natürlich gleich wieder „Merkel“ (so wird die Kanzlerin sogar jetzt schon in der Tagesschau genannt) und den Flüchtlingen die Schuld gibt. Wäre dieser Mann ohne MERKEL hier? Man weiß es nicht. Ganz egal wie sich die Umstände in der nächsten Zeit klären: Die direkte Schuld hat bis jetzt und in alle Zeit der, der tötet. Und jene, die hetzen, sei es in einer Regierungspartei, der Opposition oder auf der Straße. Hat derjenige Schuld der Mitleid hat? Der Mitgefühl zeigt? In anderen Kulturen mag dies der Fall sein. Vielleicht wird es auch bei uns irgendwann soweit kommen, wenn die Gefühllosen gewinnen. Jene, die Menschen hassen weil sie anders sind. Weil sie die falsche Religion haben. Oder die falsche Hautfarbe. Noch ist er aber zum Glück nicht soweit.

Ich fand es auch nicht gut dass so viele Flüchtlinge unregistriert in dieses Land kamen; zu ändern ist es jetzt nicht mehr. Da könnt ihr noch so viel Hass verbreiten und mit dem Hass genau das erzeugen, was ihr euch vorgestellt habt: Eure selbsterfüllenden Prophezeiungen. Das ist ja der Witz an solchen Organisationen wie der AFD, dass sie nicht sinnvoll gegen das Ankämpfen was sie befürchten, nein, sie forcieren die Entwicklung lieber um am Ende sagen zu können: Seht wie Recht wir hatten. Doch wer wirklich Angst um dieses Land hat, der muss gegen die Angst ankämpfen, gegen den Terror arbeiten und keinen Gewinn daraus schlagen.

So werden wir Alle verlieren.

Meine Gedanken und Gebete sind mit ihnen…

Das Video ist natürlich nicht ganz fair, da die Leute nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Verbundenheit mit der Gesellschaft, mit dieser Art zu leben Ausdruck verleihen, ganz im Unrecht ist es auch nicht.

 

Zwar habe auch ich große Lust mich über die Ereignisse in Berlin auszulassen, ich warte jetzt aber mal die Pressekonferenz der Polizei ab, bevor ich mich äußere. Was für Informationen habe ich denn bisher?