Josef Hader GANZ privat – „Wilde Maus“

 

Josef Hader ist eh toll. Jeder mag ihn und das was er macht. Filme, Kabarett, Drehbücher – Wurscht: Guter Mann.

Bereits zum zweiten Mal in meinem Leben stellte der wichtigste, beste, klügste und lustigste aller jetzt lebenden Österreicher einen Film in Augsburg vor. Das letzte Mal war es „Das ewige Leben“. Dieses Mal war es „Wilde Maus“, der Film, bei dem Hader nicht nur die Hauptrolle spielt, denn hier hat er auch das Drehbuch geschrieben und erstmalig Regie geführt.

Die Leute vom Kino-Dreieck hatten unsere Karten verplant, deswegen waren wir bei der falschen Aufführung im kleineren Kino mit schlechten Plätzen, bei den beiden fast synchron laufenden Vorstellungen. Wir, die „Thalia“-Leute, mussten nach der Vorstellung runter ins „Mephisto“, wo dann der Josef Rede und Antwort stehen sollte.

„Wilde Maus“ ist ein unterhaltsamer Film über die Sprachlosigkeit in Beziehungen, dessen Rahmenprogramm der Rachefeldzug eines gescheiterten Journalisten gegen seinen Ex-Chef bildet.

Ich hatte bis nach der ersten Stunde viel gelacht und mit dem Toiletten-Gang gewartet. Dann schien mir der Moment gekommen. Also schnell rausraus und loslos auf Toilette, nur nichts verpassen. Ich dann also rein zu den Pissoirs und da stand dann Josef Hader, der schon voll dabei war. Es war strange, denn ich konnte sein Gesicht gar nicht sehen, wusste aber doch dass er es war. Und sich so richtig danebenstellen und Pimmel-Bruder mäßig zu ihm  rüber schauen wollte ich dann auch noch. Denn. Welche Momente könnten denn privater sein als diese? Dass ist schon eine unangebrachte, ungerechtfertigte Penetrantheit, wenn man nicht einmal beim Pinkeln seine Ruhe hat… Ich schaue ja schon beim Vorbeifahren immer schon demonstrativ NICHT bei Autounfällen nach, was da passiert ist, da ich diese Starrer so abartig blöd finde, wie könnte ich jetzt den armen Mann da beim Pinkeln begaffen? Und trotzdem war ich alleine mit Josef Hader auf einer Toilette. Blöde Situation irgendwie. Gerade weil ich dieses Promi-Ding gar nicht mag, dieses automatische Klassendenken, was sich da im Kopf abspielt, eben weil man am Ende doch hinschauen, irgendwas tun will, da man den Kerl und das was er macht gut findet und auf irgendeine Art mit dem in Kontakt treten will. Eine unwürdige Situation. Nicht nur auf einer Toilette. Denn man stellt den Promi über sich…

Als ich dann wieder alles eingepackt hatte, hatte der Künstler seinerseits seine Hände fertig gewaschen; ja, Josef Hader wäscht seine Hände nach dem Pinkeln, ein Vorbild in allen Lebenslagen. Der sah mich dann so an und sagte leise und schüchtern: „Hallo…“ Und ich gleichzeitig: „Guter Film“, „Wilde Maus“, ihr wisst schon, den ich gerade drinnen im Kino mit meinen Freunden ansah. Ein Kompliment kann ja schnell eine Reaktion provozieren. Falsch gedacht. Und dann war er schon wieder weg.

Für ihn eine Szene zum Vergessen, für mich etwas besonderes. Ganz schlimm: Ich werde jetzt ewig erzählen dass ich JOSEF HADER beim Pinkeln getroffen habe; das sagt einiges über mich aus. Viel mehr aber auch, wie der Mensch so funktioniert. Denn der hat mich – natürlich – sofort vergessen als er zur Türe raus war, während ich total geflasht war. Und dabei ging es natürlich um die natürlichste und privateste Sache der Welt. Sich die Hand geben wäre da eh nicht angebracht gewesen.

„Wilde Maus“ ist ein guter Film. Einer der wie zu erwarten Spaß macht, der aber auch Schwächen besitzt. Die Wandlung des Charakters zum Negativen, Depressiven ist in seiner Totalität und Rücksichtslosigkeit nicht ganz nachzuvollziehen, dabei gibt es aber auch ein paar offensichtliche Logiklöcher und Drehbuch-Kniffe:

SPOILER dass er seiner Frau nicht sagt, dass er gekündigt wurde ist zwar wichtig für die Story, es IST sogar die Story, bleibt jedoch total unlogisch. So verhalten sich die Leute nur in Filmen und Büchern SPOILER ENDE.

Trotzdem ein empfohlen sehenswerter Film mit tollen Schauspielern, der ein angenehmes Rundumpaket abliefert (Spaß, Tiefgang und nicht überzogene Arthousigkeit), der jedoch auch auf der Metaebene gut funktioniert, man denke an die ständigen im Hintergrund ablaufenden Radio-Nachrichten über Tod, Terror und Krieg, die die Stimmung des Protagonisten wiederspiegeln. Da wurde viel ins Detail hingearbeitet.

 

Wir saßen dann später im „Mephisto“ wirklich in der ersten Reihe und hörten uns das Werbeprogramm Haders an, dass er auf die Fragen des Publikums abspulte, dass von sehr gefälligen Lachen und Klatschen begleitet wurde; es muss auch wirklich immens anstrengend wenn einen ALLE gut finden und bei jedem schiefen Scherz begeistert Lachen, einen Anstarren und man nicht einmal auf der Toilette seine Ruhe hat.

 

 

 

Singoldsand-Festival 2016 mit u.a. Bonaparte

 

Ich stelle mir das so vor:

 

„Hey Bonaparte! Wollt ihr ein Festival headlinen?“

„Ja klar! Wo ist es denn?“

„In  (Räusper)München.“

„Wo?“

„(Unverständliches)München.“

„Ach in München? Auf jeden!“

 

Sie spielten dann doch in SCHWABmünchen, einem 13000 Seelen-Kaff.

Bonaparte auf einem Festival in Schwabmünchen klingt wie ein großes Missverständnis. Denn auch wenn die Band um den großen Diktator nicht mehr der heiße Scheiße ist, und nie wirklich Mainstream war, ist die Strahlkraft der Band größer als die des Kaffs. Wer sich aber gestern auf dem Konzert auf dem Singoldsand-Festival als anwesend präsentierte, der musste verstehen, dass gerade solche eine Band, die vom Publikum wegen ihrer ausschweifenden Bühnenshow als anarchistisch und promiskuitiv miss- und doch richtig verstanden wird, mehr auf das Land gehört als in die Großstadt, denn auf dem Land sind Bonaparte immer noch und immer ein Ereignis. Hier wird man noch lange über den „legendären Auftritt“ der Band sprechen, während die Band in der Stadt schon längst für einen kontrollierten Absturz steht, der immer gleich endet. Die Stadt ist satt und weiß schon längst nicht mehr was es für einen Jugendlichen bedeutet einen „revolutionärem Akt“ beizuwohnen. Auf dem Land dagegen brachen Dämme.

Es ist nun einmal was vollkommen anderes in der Stadt aufzuwachsen als auf dem Land, denn als pubertärer Jugendlicher muss man in ruhigeren Gefilden viel mehr Energie aufwenden um gegen den Druck der Gesellschaft zu rebellieren. Du kannst nicht nur in ne S-Bahn steigen und in ne „dunkle Ecke“ fahren. Du musst dir das selbst aufbauen. Du kannst  nicht nur mitlaufen: Du musst das Leben wollen.

Das Singoldsand-Festival ist aber mehr als die geplante Provokation eines Schweizers, der seine Band in Barcelona gegründet hat, aber wegen ihrer Attitüde immer wieder mit Berlin gleichgesetzt wird. Das Festival ist, gerade wegen seiner angenehmen Kleinness, das am Schönsten gemachte Festival, das ich seit langem besucht habe.

Jetzt könnte wieder des Ausdruck „familiär“ auftauchen, den lasse ich aber bewusst weg, in der Erinnerung an das Obstwiesen-Festival letzte Woche. Das Sindgoldsand-Festival (benannt nach dem dortigen Flüsschen wie mir gesagt wurde) ist mit unglaublich viel Liebe zum Detail mitten in die Kleinstadt gestellt worden und ist in jedem Fall einen Besuch wert. Gestern besonders, da es ENDLICH einmal in diesem Sommer sogar noch geiles Wetter oben drauf gab.

Die Leute waren super entspannt. Saßen, liefen und tanzten um ihre zwei Bühnen herum. Und mittendrin gab es noch Blechblas-Sound und oh Wunder! Das fügte sich super ins gesamte Geschehen ein. Kleine Kinder neben Jugendlichen, neben alten Säcken. Und. Es gab keine von mir beobachteten Reibungspunkte.

Man ging umher, saß auf Biergarnituren, im Pavillon oder auf der bloßen Wiese, während lachende Tweens vor der zweiten Bühne im Wasser tanzten. Es war. Ideal.

Auch die Musik war gut. Nichts zum Durchdrehen, dafür mit dem gewissen, richtigen Dreh. Sei bei Nospam auf der kleinen Strandbühne oder drüben auf der großen Bühne bei Graham Candy. Nichts zum Durchdrehen. Aber zum RICHTIG fühlen. Wir schmunzelten zu Loisach Marci, der es fast (fast) schaffte elektronische Musik mit traditioneller bayrischer Musik zu verbinden. Die 2 haben gut angefangen, verstolperten es dann trotz guter Beats, Acid-Tune und Alphorn durch die ein wenig zu penetranten Lyriks.

Bonaparte haben ich schon 4 mal live gehört, gesehen und auch meistens ziemlich derbe abgefeiert, d.h. mit Pogo, herum jumpen, schreien, was halt zu so einer Show dazugehört. Das ist nun aber auch schon ein paar Jahre her. Wir (meine Begleitung und auch) waren auf der letzten Tour des Diktators gewesen, und damals war die Band zu einer Nummer verkommen, eine Karikatur ihrer selbst. Es gab  keine wirklich frischen Ideen mehr und wir hatten das Gefühl, die Band spielt am Publikum vorbei, sie nahm es gar nicht wahr.  Deswegen war ich kritisch.

Vor uns – wir saßen erst mit dem Rücken und standen dann während des Konzerts in der ersten Reihe – tanzten kleine Mädchen um die 10 Jahre  zu imaginärer Musik. Und das war sehr süß anzusehen. Nur wollte diese Familienfreundlichkeit des Festivals nicht zu Bonaparte passen, weswegen ich schon vor dem Auftritt über eine „entschärfte Show“ fabulierte. Die gab es dann zum Glück nicht. Die Tänzer und Tänzerinnen um die Band waren genau so, wie man es kannte. Voll mit Sekt, Glitzer und am Ende splitter nackt, nachdem über eine Stunde lang das Wort und Material der „Reizwäsche“ stark provoziert und in Szene gesetzt wurde. Es gab auch eine Gummiboot-Fahrt durchs Publikum (was immer gut ankommt nun aber wirklich nichts Neues ist) und zwei sehr Körperbetonte Ausflüge des Diktators selbst in die Menge, ala StageDiven und La brass banda. Die Nähe zum Publikum die bei der letzten Tour fehlte war wieder da.  Und wie. Die Leute feierten dass und ich glaube auch der Band hat das sehr gut gefallen. Gerade bei den Zugaben sah man die lachende Genugtuung der Performer Schwabmünchen im Laufe einer Stunde komplett herumbekommen zu haben.

Es ist immer sehr schwer als Besucher zu beurteilen, wie echt das Lachen der Künstler ist, wenn man aber sah wie Bandkopf Tobias Jundt beim StageDiven von Wasserpistolen nass gespritzt wurde und er sich darüber und dabei kaputt lachte, musste sich das einfach echt anfühlen.

Für unsere kleinen Mädchen in der ersten Reihe war das nach einer halben Stunde zu echt, und nach zu viel nackten Männern und Frauen gingen sie einfach, was ich für gar kein schlechtes Statement gehalten habe: Kinder brauchen keine Grenzüberschreitung, die können einfach so Spaß haben. Die brauchen keinen verkleideten Typen der einen Berg Croissants aus seiner Unterhose zieht, anbeißt und in die Menge wirft. Kinder sind einfach Kinder. Und wir Erwachsenen werden das niemals mehr sein, egal wie angestrengt blöd wir uns auch anstellen.

 

„Bonaparte“ als Band sind aber mehr als nackte Titten und Pimmel. Das ist keine Proleten-Truppe. Was auf der Bühne geschieht ist eine an das Varieté angelehnte Kunstform. Klar ist das auch geil. Klar soll das auch erregen. Aber es sind nun einmal keine billigen Schlampen auf der Bühne und auch kein Perverser. Das ist infantile Spaßkunst. Und wer nach dem Konzert in die Gesichter der Menschen blickte sah vor allem eines: Ein kollektives Lächeln. Und so muss man aus einem Konzert rauskommen.

Bei all dem Schauwert vergisst man gerne die Musik. Bonaparte sind gute Musiker und haben auch ihre Hits. „AntiAnti“ war der Opener und dann wurde so gut wie alles gespielt was man gerne mochte, mitsangen und mitsprang (bis aus ein zwei Lieder, die man vermisste, das gehört aber auch dazu). Ich war leider überhaupt nicht mehr Textsicher und auch die Herumhüpferrei ließ ich mit meinen bald 36 Jahren sein. Das sollten die Jungen machen. Jedoch. So Herumstehend kam ich mir alberner vor als in der Menge am Schwitzen und Schreien.

 

Nach dem Konzert stand der kleine, große Diktator noch am Merch-Stand und quatsche mit den Leuten. Sehr sympathisch.

 

Wir sind dann auch bald in unsere Autos gestiegen und in verschiedene Himmelsrichtungen gefahren. War ein schöner Abend der viel Spaß gemacht hat – nächstes Jahr gerne wieder.

 

Modisch geht die Welt zugrunde – ein Genuß

Wieder habe ich mir die Vogue gekauft. Wieder ist es ein angenehmes Gefühl darin zu blättern (Ich habe schon einmal darüber geschrieben). Die Vogue ist ja auch ein wenig Menschenverachtung; Verachtung ihrer Probleme, ihres Leidens und eine Flucht hin zu den vom kleinen Mann als „extrabanal“ gedeuteten, von anderen als „Salz in der Suppe“ verstandenen Dingen. „Kunst hilft uns die Welt besser zu verstehen.“ Und Mode ist ja auch Kunst.

Diese Vogue-Welt ist die elitäre Weltspitze,  dass, was ich sonst Dekadenz nenne; die Rede ist vom Luxus an sich. Luxus ist nicht wichtig für das Überleben und damit ist Luxus ähnlich der Kunst, denn Beides zeigt durch seine Extravaganzen, ein anderes Verständnis zur und in der Welt.

 

Das Dilemma ist: Wir alle wollen es schön haben. Zuhause. Auf der Arbeit. In der Erholung. Früher wollte ich das nicht; früher war, bevor ich mein konservatives Glück mit meiner Freundin gefunden habe. Da war mir das alles egal und gleich, die oben erwähnte Extrabanalität des kleinen Mannes: Es gibt doch so viel Wichtigeres! Und das stimmt. Dabei hatte ich aber auch kein Auge für die schönen Dinge des Lebens, nur für jene, die mir als existentiell wichtig erschienen… Mein heutiges Ich würde ich wohl nicht ganz ernst nehmen, außer in dem Bestreben sich zu öffnen und weiterzubilden.

Ja. Schön geht die Welt zugrunde. Das lernt man sehr schnell wenn man eine Wohnung neu einrichtet und durch die endlosen, seelenlosen Parcours von Möbelhäusern schlendert, in denen, ganz Plastik-Life und Wohnungspornografisch falsche Leben ausgestellt werden, potentielle Idealleben, aber auch das Leben so, wie es sich die Industrie vorstellt. Und plötzlich und ganz schnell ist man gefangen in dieser Traumblase des Man-will-es-schön haben. Bedenken über Herstellungsarten, Ausbeutung von Menschen und konkreter Verarsche am Kunden (wie zum Beispiel im XXXL Lutz in Augsburg) werden über Bord geworfen, da alle total gestresst und gewahnt sind in dem Flash, es jetzt hier und total abklären zu müssen wie und was, damit man es zuhause SCHÖN hat. Gestern war es einem noch egal, heute, als Freund und Mann ist es einem plötzlich besonders wichtig. Und du weißt genau, dass du durch diesen kleinbürgerlichen Drang zur Schönheit einen weiteren Schritt tiefer in die Falle des weltweiten Kapitalismus geschritten bist und damit zum Problem wirst: Du bist, durch dein Ideal vom „perfekten Wohnzimmer“, zum konkreten Problem geworden – und wirst es sogar gerne. Motto: My home is my castle. Scheiß auf den Rest der Welt. Es geht nur um das UNS.

 

So sehr ich jetzt in diesem Gedankengang (der mich unterbewusst schon lange umgetrieben hat) selbst angreife, so ergeben bin ich dabei auch in die Tatsache selbst. Ja. Mit dem Nestbautrieb wird man Teil eines globalen Problems, denn 7 Milliarden können es zuhause gar nicht schön nach Katalog haben, ohne dass irgendwo auf der Welt Unrecht geschieht um diese Welt zu bewerkstelligen.

Das Schönheitsversprechen der Hersteller und Designer ist für mich DER Grund, warum diese Welt des Menschen zum Scheitern verurteilt ist. NICHT wegen dem Luxus. Nicht ob der Zerstreuung. Wenn Schönheit in Möbelhäuser an Pornografie grenzt, sind Luxus und Kunst ala Vogue und z.B. Theater (wir haben uns gestern ebenfalls in Augsburg den „Platonow“ angesehen) die Pornostars der Menschheit, Idealbilder, wie sie die Griechen und Römer früher als Götter und Halbgötter imaginierten. Asexuelle Wichsvorlagen fürs Gemüt.

Ich bleibe dabei. Die Welt der Menschen (nicht der Planet, der wird uns alle überleben) wird vlt hässlich untergehen, nur aber durch unseren Drang es bis dahin schön zu haben…

 

Wisst ihr, ich kann auch trotz dieser Überzeugung weiter ins Museum gehen, weiter dieses Mode-Blatt durchblättern oder auf stilvollen (oder extra stillosen) Partys feiern, denn es ist auch meine Überzeugung, dass man den Untergang, wenn man ihn schon nicht aufhält, doch wenigstens genießen sollte. Ich weiß auch gar nicht, wie man diese destruktive Spirale des allgegenwärtigen Schönheitsdrangs und –versprechen als einzelner aufhalten soll (außer, Achtung Wiederholung, in dem man sich am nächsten gesunden Baum aufhängt); wirklich nicht. Ich weiß nicht wie man aus dem System Mensch aussteigen soll, deshalb verachte ich ja auch die sogenannten Aussteiger sei, da sie glauben dass sie, wenn sie in einen anderen Waggon umsteigen, das Gleis zu wechseln. Das stimmt aber nicht. Denn egal wie viele Menschen ach so „alternativ“ denken, denken sie in Wahrheit nur die einzige und ebenso von der Gesellschaft vorgegebene Alternative, die Teil des Systems ist…

Es bringt alles überhaupt nichts.

Deswegen wähle ich trotzdem die richtigen Parteien. Deswegen trenne ich trotzdem meinen Müll. Deswegen verhalte ich mich dennoch moralisch. Das sollte ein Mensch so oder so machen. In den Möglichkeit die er hat. Denn dieses Kleinklein ist nicht wie die Lüge von der Weltrevolution die wir uns ständig erzählen und die uns irgendwann man „retten soll“, sondern das, was jeder Mensch machen kann, damit alles nicht sofort und gleich bergab geht. Immer noch der gleiche Zug auf dem immer gleichen Gleis, nur ein wenig verlangsamt. Schön ist es hier. Und damit sind wir zufrieden.

 

Ein Wahnsinn das Alles. Vielleicht auch ein Wahnsinn des Selbstbetrugs…

Inszenierte Würde

Neben lächerlichen Mittelalter-Erzählungen lese ich dieses Wochenende die „Vogue“. Es war gar nicht so leicht das Magazin bei mir im Kaff zu besorgen. Mit Mode habe ich nicht viel zu tun und lebte in meinen Jugendjahren bis Ende 20 in totaler Verachtung gegenüber dieser aufgesetzten Scheinwelt, die die Menschen nur gleich machen will – und da der Mensch an sich nun einmal eher hässlich (oder versteckt schön) ist, eher Komplexe ausgelöst werden, als Wirklichkeit dargestellt.

Die Mode-Interviews der SPEX gefielen mir komischerweise sehr und nun habe ich mir also versuchsweise die „Vogue“ gekauft, die – was die meisten Männer nicht wissen – zu 90 Prozent aus Werbeanzeigen  der bekanntesten und dadurch besten Mode-Labels besteht (Prada, Chanel, Ralph Lauren, Gucci, Dior und wie sie alle heißen). Da wird viel geblättert und geschaut, wenn man den Sinn danach und die Augen dafür besitzt.

Doch  die zwei, drei Interviews fand ich sehr gut, mit Santigold (Musikerin), Schweighöfer & Florian David Fitz (Schauspieler) und Nicolas Ghesquiére (Modeschöpfer für Louis Vuitton). Unter der Woche blätterte ich auch durch das Gegenstück zur Vogue, den „Playboy“, und obwohl ich dort die Interviews ansonsten sehr mag, waren die mit Til Schweiger und Ben Stiller (beide Schauspieler) einfach nur doof und belanglos (wie man sich nun einmal Interviews mit Schweiger und Stiller vorstellt…)

 

Natürlich habe ich auch jetzt nichts für Haute Couture übrig, das ist mir viel zu abgehoben, doch ich verstehe langsam den Gedanken dahinter, die Idee dieser Scheinwelt, die man nur nicht zu ernst nehmen darf – was die Menschen leider machen, seien es die Kunden oder die Schöpfer. Denn für mein Befinden ist ein negativer Nebeneffekt des Feminismus (den ich ansonsten gut heiße – wenn es denn bedeutet, gleiche Rechte und Möglichkeiten für beide Geschlechter), dass es immer weniger „Damen“  und „Herren“ gibt. Die Geschlechter vermischen sich und manchmal kann man vom Gestus der Sprache und des Verhaltens kaum mehr zwischen Mann und Frau unterscheiden. Das ist natürlich eine Errungenschaft, doch diese vernichtet leider auch dieses typisch weibliche oder männliche, dass in unserer Zeit heruntergeschraubt wird auf den Begriff der „Tussi“ (weiblich) und des „Proleten“ (männlich). Wobei man doch durchaus sehr weiblich oder sehr typisch männlich sein kann, ohne wie eine Nutte oder ein Hafenarbeiter herumzulaufen, zu denken, oder zu fühlen. Ich vermisse das Intellektuelle Auftreten beider Geschlechter, auch in dem Stil wie man sich kleidet. Dieser ganzheitlichen Komposition, wie man sich gibt, aber auch handelt. Denn auch wenn der Hipster (gibt’s den außerhalb Berlins überhaupt noch? Das ist so 2012…) natürlich sehr Stilbewusst aussieht, lässt er meistens einen gewissen Grad von Männlichkeit in seinen Fähigkeiten wie in seiner Bildung vermissen (da kann der Bart noch so lang und gepflegt sein). Und auch bei den Frauen hat man mehr das Gefühl eines Entweder/Oders.

Von Würde in Stil und Sprache ganz zu schweigen.

 

Weiterhin ist die Mode-Industrie immer sexistisch. Der Punkt ist aber, dass sie das schon immer sein wollte. Sie ist eine Traumwelt, eine Kunstwelt, die immer nur als Vorbild dienen kann, nie als wirkliche Realität, auch wenn die sogenannten Superreichen glauben mit ihrem Geld diese Attitüde kaufen zu können – Träume lassen sich aber nicht nachkaufen. Sie lassen sich nur inszenieren und jede Inszenierung ist nur Abbild von etwas, was in Wahrheit nur im Kopf passiert. Diese Mode-Welt ist für mich eine Inszenierung einer Meditation von Würde; es geht darum wie man Würde darstellen würde, nicht wie man sie erreicht (denn man kann leicht Würdevoll sein ohne jemals teure Kleidung, Make-Up oder Autos zu fahren, nur, von außen ist es dann nicht zu erkennen, und der Umkehrschluss liegt eh auf der Hand: Du kannst dich noch so mit vielen Markenklamotten eindecken und jede Form von Würde vermissen lassen).

Die Mode-Welt ist die einzige Utopie einer „besseren Menschheit“, von der uns vorgespielt wird, an ihr teilnehmen zu können.

„James Bond“ ist der Prototyp dieser Welt, der immer gut aussehende Mann der im richtigen Moment immer zupacken kann – auch wenn er nicht gerade sehr vergeistigt daher kommt (na ja, wir als Publikum müssen uns ja noch mit ihm identifizieren können 😉 ).

 

Das kann man als abgehoben, blöde und vor allem überflüssig empfinden. Das ist legitim. Ebenso legitim ist es aber auch, dass einem dieses prollige Wir-sind-Alle-gleich-Getue auf die Nerven geht; ja, natürlich sind alle Menschen gleich! Jeder Mensch ist genauso kostbar wie der andere – jeder! Aber es ist dennoch legitim sich geschmackvoll zu verhalten und einige Stil-Regeln zu beachten, um sich ein wenig individueller zu fühlen. Und das Merkwürdige ist, dass sich in unserer Gesellschaft JEDER für unglaublich individuell hält (kommt mir jetzt ja nicht damit, dass jeder Mensch ein Individuum ist, darum geht es hier nicht), sich aber fast alle gleich verhalten und kleiden (gerade die Hipster und Tussis). Niemand will als zu abgehoben oder arrogant herüberkommen, so als ob das etwas Schlimmes wäre! Nein. Ich empfinde es als viel schlimmer wenn die Menschen sich sehr gewöhnlich und „natürlich“ geben und dann leider auch so denken, denn das sind dann diese Leute, die keine anderen Meinung zulassen und glauben mit ihrer ungebildeten Bauernschläue den wirren Gutmenschen und „abgehobenen Individualisten“ einen entscheidenden Schritt voraus zu sein, da denen ihre Bildung im Weg steht.

 

Aber nein, das ist für mich kein Grund ein Jackett für 2000 Euro zu kaufen oder Schuhe für 500, nur um mich so zu fühlen als wäre ich etwas „Besseres“. Nein. Es geht darum ein wenig in einer Traumwelt zu leben und nicht nur dumpf vor sich her, in dem man nicht nur simple Funktionalkleidung von „H & M“ oder sonst wo trägt, von der jeder weiß wie die hergestellt wird, sie aber billig und damit plötzlich gut ist.

Es geht darum Stil zu haben. Und die einzige Form von zur Schau getragenem Stil ist für mich die Kunst-Welt der Mode.   Es geht um Attitüde an sich. Nicht um Schuhe, Hosen,  oder Blusen/Hemden… Es geht um Würde. Auch wenn der Kontext dieser Form von Würde leider nur auf das Äußere begrenzt wird. Schöner wäre es, wenn es in Wahrheit um zur Schau getragenen Intellektualität gehen würde – doch davon sind wir leider weit entfernt und deswegen wir meine Vorstellung von Mode meine eigene, kleine Traumwelt bleiben. Für immer.  Und weil es nur ein Traum ist, laufe ich als modisches Desaster herum…