Tocotronic in der Kantine Augsburg, es war der 16.07.2016

Tocotronic ist die Band mit Haltung. Am Eindeutigsten ist da das berühmte Beispiel mit ihrem „Echo“-Gewinn für „die beste deutsche junge Nachwuchsband“, den die Tocos damals mit der Begründung abgelehnt haben, dass sie weder stolz darauf seien deutsch, noch darauf jung zu sein. Das sitzt natürlich in einer Welt des Ausverkaufs, in der Musik verkauft wie Waschmittel, wenn die Leute überhaupt noch bereit sind dafür Geld zu zahlen (eine Schande wie ich finde).

Diese Echo-Geschichte ist nun auch schon Jahrzehnte alt, exemplarisch bleibt sie dennoch für eine Band, die als sehr verkopft, fast schon als überintellektualisiert gilt und mit ihrem klaren Statement „pro Asyl“ zu sein, sich zwangsläufig in einer Ecke stellt, vor der andere Bands Angst haben zu laden, da sie nicht in jeden Fall verkaufsfördernd ist. Vielleicht ist Tocotronic auch die Band, die sich nie selbst verkauft hat.

Groß wurde die Kombo ohnehin mit Liedertexten und –namen, die man auch schon mal gerne als Parolen ausgeben könnte, wie das (auch immer wieder zitierte) „Ich will Teil einer Jugendbewegung sein“.

Tocotronic waren für mich immer die, die ich gerne als Lieblingsband gehabt hätte, die aber immer ein wenig zu sperrig daher kamen; gut so. Geschenkt gibt es hier gar nichts. Leider empfand ich auch ihre Festival-Shows als ein wenig zu sperrig, auf denen ich sie 3 Mal gehört habe (Southside, Berlin Festival, Melt!) und sie mich nie wirklich überzeugten. Tolle Musiker, keine Frage, aber so richtig überragend, na ja, das wäre auf diesen Massenveranstaltungen halt doch immer die anderen Bands, die ohne Haltung, dafür mit großer Fake-Attitüde. Trotzdem wollte ich zu ihrem Gig in der Kantine in Augsburg. Einfach weil ich Bock darauf hatte. Und zu meiner Überraschung wurde es ein richtig gutes Konzert.

 

Tocotronic mit ihrer verkopften Haltung plus Indie-Musik haben natürlich auch solche Fans, und gerade auf den Festivals war da nicht großes „Juhu!“, nein, da war stoisches Herumstehen angesagt und vielleicht (wenn es ganz wild wurde) noch ein dezentes Abnicken der Wahrheiten angesagt. Gestern dagegen entartete der Gig – Überraschung! – zu einem richtigen Rockkonzert, mit allem was dazugehört. Das vollen Programm mit Schweiß, Mitgrölen, Schreien und sogar einer kleinen süßen Pogo-Runde, auch wenn man als ehemaliger Onkelz-Fan mit 35 Jahren sich dabei eher wie beim „betreuten Eskalieren“ fühlte; Spaß hat es dennoch gemacht.

 

Frontmann Dirk von Lowtzow schrie, schwitzte und trieb seine  Band nach vorne, das es eine Freude war, obwohl natürlich recht abgewichste Routiniers dort oben standen. Nicht Festival-Shows muss man bei den Tocos machen, nein, kleine Club-Konzerte. Da machen sie immer noch den Laden gut platt. Überraschend wurden kaum Lieder vom neuen Album gespielt. Es war mehr eine Best-Of-Liste mit Stücken wie „Samstag ist Selbstmord“, „Freiburg“, „Let there be rock“ und von mir sehr geliebte Hammerbretter wie „Mach es nicht selbst“, „Hier leben, nein danke“, sogar mein Toco-Erweckungslied „This boy is Tocotronic“, aber auch neuere Singles wie „Auf dem Pfad der Dämmerung“.

Die Band hat auch sehr ausufernde Songs (z.B. „Gift“), die man vielleicht nicht gleich „Pink Flyod“ig nennen kennen, die mehr in den Zugaben zum Tragen kamen. Drei Mal kamen sie auf die Bühne und nach „Hey freaks“ war nun wirklich Schluss.

Ein wirklich starker, rockiger Auftritt – hätte ich nie erwartet. Das hat richtig Spaß gemacht. Was ich später natürlich dem zweiten Gitarristen Rick Mc Phail reindrücken musste – auch das sie sonst nicht so gut waren 😉

 

Dann war die Band rund um Dirk auch schon wieder weg… Habe ich eigentlich erwähnt das Dirk von Lowtzow der einzige Mann wäre, mit dem ich mir einmal ein Abenteuer hätte vorstellen könnte? 😀

 

 

 

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Modisch geht die Welt zugrunde – ein Genuß

Wieder habe ich mir die Vogue gekauft. Wieder ist es ein angenehmes Gefühl darin zu blättern (Ich habe schon einmal darüber geschrieben). Die Vogue ist ja auch ein wenig Menschenverachtung; Verachtung ihrer Probleme, ihres Leidens und eine Flucht hin zu den vom kleinen Mann als „extrabanal“ gedeuteten, von anderen als „Salz in der Suppe“ verstandenen Dingen. „Kunst hilft uns die Welt besser zu verstehen.“ Und Mode ist ja auch Kunst.

Diese Vogue-Welt ist die elitäre Weltspitze,  dass, was ich sonst Dekadenz nenne; die Rede ist vom Luxus an sich. Luxus ist nicht wichtig für das Überleben und damit ist Luxus ähnlich der Kunst, denn Beides zeigt durch seine Extravaganzen, ein anderes Verständnis zur und in der Welt.

 

Das Dilemma ist: Wir alle wollen es schön haben. Zuhause. Auf der Arbeit. In der Erholung. Früher wollte ich das nicht; früher war, bevor ich mein konservatives Glück mit meiner Freundin gefunden habe. Da war mir das alles egal und gleich, die oben erwähnte Extrabanalität des kleinen Mannes: Es gibt doch so viel Wichtigeres! Und das stimmt. Dabei hatte ich aber auch kein Auge für die schönen Dinge des Lebens, nur für jene, die mir als existentiell wichtig erschienen… Mein heutiges Ich würde ich wohl nicht ganz ernst nehmen, außer in dem Bestreben sich zu öffnen und weiterzubilden.

Ja. Schön geht die Welt zugrunde. Das lernt man sehr schnell wenn man eine Wohnung neu einrichtet und durch die endlosen, seelenlosen Parcours von Möbelhäusern schlendert, in denen, ganz Plastik-Life und Wohnungspornografisch falsche Leben ausgestellt werden, potentielle Idealleben, aber auch das Leben so, wie es sich die Industrie vorstellt. Und plötzlich und ganz schnell ist man gefangen in dieser Traumblase des Man-will-es-schön haben. Bedenken über Herstellungsarten, Ausbeutung von Menschen und konkreter Verarsche am Kunden (wie zum Beispiel im XXXL Lutz in Augsburg) werden über Bord geworfen, da alle total gestresst und gewahnt sind in dem Flash, es jetzt hier und total abklären zu müssen wie und was, damit man es zuhause SCHÖN hat. Gestern war es einem noch egal, heute, als Freund und Mann ist es einem plötzlich besonders wichtig. Und du weißt genau, dass du durch diesen kleinbürgerlichen Drang zur Schönheit einen weiteren Schritt tiefer in die Falle des weltweiten Kapitalismus geschritten bist und damit zum Problem wirst: Du bist, durch dein Ideal vom „perfekten Wohnzimmer“, zum konkreten Problem geworden – und wirst es sogar gerne. Motto: My home is my castle. Scheiß auf den Rest der Welt. Es geht nur um das UNS.

 

So sehr ich jetzt in diesem Gedankengang (der mich unterbewusst schon lange umgetrieben hat) selbst angreife, so ergeben bin ich dabei auch in die Tatsache selbst. Ja. Mit dem Nestbautrieb wird man Teil eines globalen Problems, denn 7 Milliarden können es zuhause gar nicht schön nach Katalog haben, ohne dass irgendwo auf der Welt Unrecht geschieht um diese Welt zu bewerkstelligen.

Das Schönheitsversprechen der Hersteller und Designer ist für mich DER Grund, warum diese Welt des Menschen zum Scheitern verurteilt ist. NICHT wegen dem Luxus. Nicht ob der Zerstreuung. Wenn Schönheit in Möbelhäuser an Pornografie grenzt, sind Luxus und Kunst ala Vogue und z.B. Theater (wir haben uns gestern ebenfalls in Augsburg den „Platonow“ angesehen) die Pornostars der Menschheit, Idealbilder, wie sie die Griechen und Römer früher als Götter und Halbgötter imaginierten. Asexuelle Wichsvorlagen fürs Gemüt.

Ich bleibe dabei. Die Welt der Menschen (nicht der Planet, der wird uns alle überleben) wird vlt hässlich untergehen, nur aber durch unseren Drang es bis dahin schön zu haben…

 

Wisst ihr, ich kann auch trotz dieser Überzeugung weiter ins Museum gehen, weiter dieses Mode-Blatt durchblättern oder auf stilvollen (oder extra stillosen) Partys feiern, denn es ist auch meine Überzeugung, dass man den Untergang, wenn man ihn schon nicht aufhält, doch wenigstens genießen sollte. Ich weiß auch gar nicht, wie man diese destruktive Spirale des allgegenwärtigen Schönheitsdrangs und –versprechen als einzelner aufhalten soll (außer, Achtung Wiederholung, in dem man sich am nächsten gesunden Baum aufhängt); wirklich nicht. Ich weiß nicht wie man aus dem System Mensch aussteigen soll, deshalb verachte ich ja auch die sogenannten Aussteiger sei, da sie glauben dass sie, wenn sie in einen anderen Waggon umsteigen, das Gleis zu wechseln. Das stimmt aber nicht. Denn egal wie viele Menschen ach so „alternativ“ denken, denken sie in Wahrheit nur die einzige und ebenso von der Gesellschaft vorgegebene Alternative, die Teil des Systems ist…

Es bringt alles überhaupt nichts.

Deswegen wähle ich trotzdem die richtigen Parteien. Deswegen trenne ich trotzdem meinen Müll. Deswegen verhalte ich mich dennoch moralisch. Das sollte ein Mensch so oder so machen. In den Möglichkeit die er hat. Denn dieses Kleinklein ist nicht wie die Lüge von der Weltrevolution die wir uns ständig erzählen und die uns irgendwann man „retten soll“, sondern das, was jeder Mensch machen kann, damit alles nicht sofort und gleich bergab geht. Immer noch der gleiche Zug auf dem immer gleichen Gleis, nur ein wenig verlangsamt. Schön ist es hier. Und damit sind wir zufrieden.

 

Ein Wahnsinn das Alles. Vielleicht auch ein Wahnsinn des Selbstbetrugs…

Gewinnen kann jeder

Nach der Ansprache von Crazy Cadoc, muss er schwer schlucken, während sein Unterbewusstsein sich an eine ähnliche extreme Szene erinnert.

 

Damals war er noch ein kleiner Junge gewesen. 7, acht, vielleicht auch 10 oder 6 Jahr alt, er wüsste es nicht mehr und es macht auch keinen Unterschied wie viele Lenze er damals zählte. Es war ohnehin schon längst und tief verschüttet, im Bergwerk seiner Seele.

In jener unbestimmten Zeit, wollte er zu einer „Bande“ dazugehören. In seiner Kindheit gab es so etwas noch. Klar definierte Gruppen, die sich, wenn sie das Wort verstanden hätten, „cool“ vorkamen zusammen abzuhängen.  Und auch wenn man im Prinzip nicht wirklich beliebt oder „besonders“ war, gab es doch Möglichkeiten zu so einer Bande zugehören: Eine Mutprobe. Solche Dinge gab es früher, in der der Proband, der Weltraumaffe, in eine Situation geschossen wurde, in der er sich beweisen und Charakter zeigen musste. Was für eine herrliche alte Zeit. Als noch nicht der Materialismus Kinder ihren Rang zuordnete. Nein, der Charakter war es, der geprüft, gewogen und hiernach als gut oder schlecht befunden wurde. Überflüssig zu erwähnen, dass auch diese Gesellschaftsstruktur nicht zu jedem fair sein konnte, denn wie die finanziell Ausgestoßenen heute gab es damals jene, die einfach nicht so taper oder lebensmüde sein konnten wie die anderen.

 

Er konnte sich beim besten Willen nicht an die Rede vom Banden-Chef Udo Kovacic erinnern. Denn Erinnerungen an uralte Erinnerungen sind immer durchsetzt mit der jeweiligen Gegenwart, aus der man zurückdenkt, weswegen immer mehr bewertete Vergangenheit zum Damals dazu addiert wird.

Sicher war, dass Kovacic wollte, dass er eine Schlägerei verlieren sollte. Ungesichert ist der Text der folgenden Rede:

„Du beginnst einen Kampf – und du verlierst ihn! Du gehst rüber zur Bande von Max, redest die dumm von der Seite an und lässt dir ein paar ordentlich reinhauen. Aus dem ganz einfachen Grund: Wer einmal ein paar verpasst bekommen hat, der ist ein richtiger Kerl. Und wer einmal einen Kampf verloren hat, der weiß was Wut und Ehre wirklich bedeutet. Denn mit der Schande des Verlierens ist mehr moralische, innere Ehre verbunden als mit einem Sieg. Gewinnen kann im Prinzip jeder. Glück gehört bei jedem Kampf dazu. Die Tagesform auch. Du aber, du wirst verlieren. Ich weiß, du hast Angst zu Kämpfen. Und du hast Angst vor den Schmerzen. Das ist normal. Und das ist auch sehr gut so. Aber diese Erfahrung wird dich abhärten. Sie wird einen Mann aus dir machen. Dann gehörst du zu uns. Und WIR passen auf das unseren Leuten nichts passiert.“

 

Daraufhin musste der Junge der er damals war, schwer schlucken, so wie jetzt. Dann ging er los, fing Streit an und bekam ordentlich aufs Maul. Und ja, er wurde Teil der Bande von Udo Kovacic. Viel wichtiger jedoch war es die Erfahrung gemacht zu haben, dass man, selbst wenn man der eindeutige Verlierer ist, als Gewinner aus einer Situation hervorgehen kann. Denn du gewinnst, wenn du eine Prüfung überstehst und deine Schlüsse daraus ziehst.

Das wusste er auch jetzt. Hier, in der Gefängnisdusche, umringt von nackten Männern.

Okay, er war Zeit seines Lebens nicht immer auf der Gewinnerstraße geblieben. Hatte trotz vieler Prüfungen nicht jedes Mal die richtigen Schlüsse gezogen. Ein schlechter Kerl war er deshalb nicht geworden. Nur in das Gefängnis hatte es ihn gebracht. „Versuchter Totschlag“. Wie das so klingt. Es war nur eine Schlägerei gewesen, die eskaliert war. Totschlagen wollte er niemanden, so etwas passiert eher, denn in einer Schlägerei gibt es keine Energie-Leiste wie bei Videospielen oder einen Schiedsrichter der dir, während du voll bist mit Adrenalin und „im Tunnel“, sagt, wann es zu viel wird. Er ist kein schlechter Kerl. Er selbst würde sich selbst als sehr anständig bezeichnen. Mit Werten. Komischerweise können einen diese Werte, die gesellschaftlich akzeptiert und von jedem Maulhelden anerkannt sind, dich schnell in den Knast bringen, wenn du sie verteidigst.

 

„Crazy“ Cadoc, der Mann hier hinter Gittern, der, der die Ansagen macht, hatte ihm gerade geflüstert, dass er ihn anal vergewaltigen würde. Nicht später. Jetzt gleich. Hier in der Dusche.

„Ich werde das nicht tun, weil ich auf so hässliche Wichser wie dich stehe. Damit hat das gar nichts u tun. Mein Ding sind Frauen. Hübsche Frauen. Du weißt schon… Solche, die für einen Loser wie dich zu heiß sind. Nein. Das ist kein sexuelles Ding. Hier geht es um Macht. Verstehst du? Wenn ich dir mein Ding rein ramme und dir damit deine Jungfräulichkeit nehme, dann gehörst du mir – auf ewig. Ich werde dich damit brechen. Dich und deinen Stolz. Und immer wenn du an mich denkst, werde ich der sein, der dich in den Arsch gefickt hat. Du wirst es nicht zugeben wollen: Aber dein Arsch wird auf ewig MIR gehören. Selbst wenn du auf den Geschmack kommen solltest… Aber hey, sorry. Das will ich dir nicht einmal unterstellen. Nein. Ich werde dir jetzt zeigen, wo DU hier in der Rangordnung stehst. Ich und die Jungs könnten dir natürlich ein paar Reinhauen, und ich glaube, du bist nicht blöd. Du würdest schon verstehen wie der Hase hier läuft. Ich will aber nicht nur dass du mich rational verstehst. Ich will, dass du meine Überzeugung spürst. Und danach wirst du auch ewig meine kleine Hure bleiben. Du gehörst mir.“

Dann geht es los.

 

Und er weiß, wie er da von den anderen Schlägern auf den Boden gedrückt wurde, bis er kaum mehr Luft bekommt, dass Crazy Cadoc Unrecht behalten würde. Udo Kovacic würde Recht behalten. Du darfst nur nicht an einer Situation zerbrechen. Du musst sie annehmen und daran wachsen. So zu denken war verrückt. Besonders wenn man so ein stolzer Mann ist wie er. Aber man muss noch verrückter als ein Crazy Cadoc sein, um in so einer Situation zu überstehen.

Die Stimme aus dem Erstaufnahmelager

Ich habe noch nie einen Facebook-Eintrag in einem anderen sozialen Netzwerk geteilt, der hier ist wert. 

Er stammt von Raphaele Lindemann

Liebe Leute,

nach nun fast vier Wochen im Erstaufnahmelager, finde ich endlich mal die Zeit ein paar Zeilen zur wirklichen Situation vor Ort zu schreiben und diese in Absprache mit der Camp-Leitung hier zu veröffentlichen.
In der aufgeheizten Stimmung zwischen allen politischen Lagern können ein paar Fakten aus erster Hand nicht schaden. Ich habe mir vorgenommen, diesen Bericht möglichst neutral zu verfassen. Das ist mir allerdings aufgrund der erschütternden Realität nicht gelungen und am Ende ist doch die Polemik und meine eigene Meinung mit mir durchgegangen…aber das wird man ja wohl noch sagen dürfen…

Ich bin zur Zeit als Arzt für die medizinische Erstversorgung der neu in Deutschland ankommenden Flüchtlinge zuständig. Diese findet nahezu vor jedem weiteren Schritt statt. Also vor der Registrierung (inkl. Fingerabdrücke und Foto!), der Versorgung mit gespendeter (Marken-)Kleidung, der Möglichkeit sich zu duschen, etwas zu essen oder der Verteilung auf das restliche Bundesgebiet etc. Das heißt im Klartext, dass man hier einen Eindruck in Reinform über die tatsächliche Situation der ankommenden Flüchtlinge erhält.

Dieser Eindruck ist pur und absolut ungefiltert. Ich kann Euch versichern, dass es absolut unmöglich ist, z.B. einen Fuß mit Erfrierungen zu versorgen, der über 500km in kaputten Schuhen, mit nassen Strümpfen durch den Winter marschiert ist und dabei durch eine „naive rosarote Gutmenschbrille“ zu schauen. Oder einen 4 Wochen alten Säugling in feuchter Kleidung mit Lungenentzündung zu behandeln, der zusammen mit einem Einjährigen und einer Vierjährigen, ganz alleine von der Mutter über das Mittelmeer, über Griechenland bis hier her geschafft wurde und sich dann den Vorwurf der Weltfremdheit anzuhören. Das hier ist die Welt! Und das hier ist sehr real und nirgends „rosarot“! Der Vater der 3 Kinder kam übrigens in Syrien ums Leben.

Diese Menschen kommen in einem absolut desolaten und erbarmungswürdigen Zustand hier an. Sicher wird es manchen erstaunen, dass es sich nicht zu 90% um junge, gesunde Männer handelt. Das hat das Wanken der Nachzugsreglung erfolgreich zum Schlechteren gewendet. Ich sehe pro Schicht etwa 300-500 Flüchtlinge. Mindestens 40% davon sind KINDER! Es gibt Familien, es gibt Alte und ja – es gibt auch junge Männer. Warum auch nicht? Allen gemein ist, dass sie absolut entkräftet und fertig sind. Ich habe bisher nie so viel Elend und Verzweiflung auf einem Haufen gesehen.
Neulich haben wir zum Beispiel eine Frau versorgt, deren Beine komplett verbrannt waren. Keine Ahnung wie sie es überhaupt bis zu uns geschafft hat. Wir haben allein eine halbe Stunde gebraucht, um die festgeklebten, schmutzigen und stinkenden Verbände von den vereiterten Wunden zu lösen. Da war aber kein Klagen und da war keine Anspruchshaltung. Diese Frau hat Dankbarkeit ausgestrahlt, weil sie endlich in Sicherheit ist und sich jemand um sie kümmert. Selbstverständlich ist sie nur ein Beispiel. Und selbstverständlich lassen sich mit Sicherheit auch Arschlöcher unter den Flüchtenden finden – wovon wir selbstverständlich schon genug unter den Eingeborenen haben.

Übrigens haben die Flüchtenden natürlich ihre Smartphones dabei. „Die“ haben vorher nicht in der Steinzeit gelebt und sind aus irgendwelchen Buschhütten und Höhlen gekrochen. Und vielen ist es zunächst wichtiger ihre Handys aufzuladen, als etwas zu Essen zu bekommen. Und dreimal dürft ihr raten warum? Was habe ich als erstes gemacht, als ich, bequem mit meinem Auto, trotz Glatteis, sicher im 500 km von zu Hause entfernten Camp angekommen bin?
Dass sie ein Lebenszeichen an die Lieben schicken zu wollen, wird diesen Menschen allerdings regelhaft zum Vorwurf gemacht und als Beleg für die fehlende Hilfsbedürftigkeit gesehen. Mit Verlaub – das ist weltfremd und obendrein arschig! Als würde es eine Pflicht geben, sich vor einer Flucht in Lumpen zu hüllen und bloß alle Wertgegenstände zurück zu lassen – inklusive der einzigen Möglichkeit zur Kontaktaufnahme zu den Angehörigen in Form eines Telefons.

In der aktuellen Situation müssen wir uns verdeutlichen, welchen Selbstanspruch wir an unsere Kultur haben. Natürlich könnten wir die Grenzen dicht machen und so tun als wäre Merkel an allem Elend dieser Welt schuld. Aber glaubt denn wirklich irgendwer damit wäre das Problem gelöst? Ich höre hier im Lager durchgehend weinende Kinder. Und ich weiß, dass sie dann halt vor unseren Grenzen weinen würden. Würden wir damit unsere Zivilisation retten? Nur weil wir es dann nicht mehr sehen und im Fernsehen einfach bequem umschalten können? Es zeugt schon von einer bemerkenswerten Moralvorstellung, wenn man auf fb das Elend eines gequälten Hundes anprangert und gleichzeitig sehenden Auges all diese Menschen vor unseren Grenzen krepieren lassen will – und wenn es nur durch Unterlassung ist. Ob das ein schützenswertes Abendland ist?

Natürlich müssen Lösungen vor Ort gefunden werden. Und natürlich können wir nicht die ganze Welt aufnehmen. Aber löst man einen Konflikt auf der Welt indem man gegen Flüchtlinge wettert und dumpf der Kanzlerin Verrat am Volk vorwirft? Sieht so die Rettung der Welt aus? Wo bleiben die wirklich konstruktiven Vorschläge und Initiativen der ach so besorgten Bürger?

Durch ihr „wir schaffen das“ hatte ich zum ersten Mal so was wie Respekt und Anerkennung für die Kanzlerin übrig. Weil sie ohne mit der Wimper zu zucken ihre politische Karriere riskiert hat, um eben jene Menschen nicht vor unseren Grenzen krepieren zu lassen und sie die enorme Herausforderung angenommen hat anstatt ihr übliches Teflonspiel des Aussitzens zu treiben. Und nie hat jemand behauptet, dass es eine leichte Herausforderung wäre. Und sind wir doch mal ehrlich: Wer von all den Hetzern ist denn WIRKLICH so arm, dass er befürchten muss durch die Flüchtlinge plötzlich weniger vom deutschen Wohlstandskuchen abzubekommen? Ist bisher WIRKLICH jemand deshalb ärmer geworden? Ist WIRKLICH jemand deshalb aus seiner Wohnung geflogen? Ist WIRKLICH jemand von einem bösen Asylanten aufgegessen worden? Und damit meine ich nicht denjenigen, der einen kennt, dessen Großcousine einen Nachbarn hat blabla.
Und Nein! Ich möchte nicht „so was“ wie in Köln gutheißen und bin sehr wohl für Sicherheit und Ordnung und eine härtere Bestrafung bei Gewaltdelikten jeglicher Couleur. Übrigens war ich schon bekennender Feminist als der Großteil der jetzigen „Frauenrechtler“ noch fröhlich Tittensprüche gemacht haben.
Was sich für Deutschland in erster Linie durch den Flüchtlingsstrom geändert hat, ist die Tatsache, dass wir zum ersten Mal eins zu eins mitbekommen, was in den armen Ländern dieser Welt absolut üblich ist: Wir nehmen Flüchtlinge im großen Maßstab auf und beweisen dadurch Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft und sind bereit wenigstens einen kleinen Teil der Zeche zu zahlen, die die westliche Welt mit ihrer Außen- und Wirtschaftspolitik arrogant hat anschreiben lassen.
Damit sage ich ausdrücklich nicht, dass ruhig jeder hier her kommen soll und machen kann was er will. Natürlich fordere ich Integrationswille und Verfassungstreue ein – aber auch und vor allem von meinen eigenen Landsleuten! Schließlich hätten die schon seit ihrer Geburt die Chance gehabt humanistische Werte zu lernen. Und nicht selten profitieren sie schon viel länger als die Flüchtlinge von unserem Sozialstaat…

Klar muss sich auch „der Islam“ bewegen, möglicherweise eine Reformation durchlaufen, um unseren Lebensstil und die Regeln unseres Zusammenlebens bedingungslos in unserem Land zu akzeptieren. Aber sowas passiert doch nicht indem man alle Flüchtlinge nach Möglichkeit in Ghettos sperrt und die Türen zur gesellschaftlichen Teilhabe tunlichst geschlossen hält. Ein Blick in die Pariser Vororte sollte eigentlich ausreichen um zu erkennen wohin das dann führt. Und ja – dann werden all die Hetzer recht behalten.
Natürlich ist es verlogen, die radikalen Formen des Islam zu tadeln und zu bekämpfen, während man gleichzeitig z.B. mit den Saudis fröhlich Geschäfte macht ohne irgend eine Form des politischen Drucks aufzubauen. Ist ja nicht so, dass es nicht saudisches Geld wäre, welches weltweit Hassprediger mit extremsten Auslegungen des Islam finanziert.
Unabhängig von der moralischen Verpflichtung Menschen in Not zu helfen, verstehe ich einfach nicht, warum die große Chance dieser Flüchtlingswelle nicht erkannt wird. Noch vor wenigen Monaten war die größte Gefahr für unser christliches Abendland das Fortpflanzungsverhalten der Deutschen. In 30 Jahren ist unser Sozialstaat und unser Rentensystem am Ende. Deutschland überaltert. 2060 wird jeder dritte Deutsche über 65 Jahre alt sein. Jeder Zweite ist dann mindestens 51. Aktuell haben wir 49 Millionen Erwerbstätige im Alter zwischen 20 und 64. Im Jahr 2060 werden es nach aktueller Entwicklung nur noch 34 Millionen sein. Diese 34 Millionen müssen dann nicht nur unsere Rente zahlen, sie müssen auch unser gesamtes Gemeinwesen am Laufen halten, dafür sorgen, dass wir satt sind und es warm haben und uns im Zweifel auch den Hintern abwischen und uns das Erbrochene aus dem Gesicht waschen. Außerdem müssen sie natürlich weiterhin innovativ und produktiv sein, damit die Wirtschaftsmacht Deutschland auf dem Parkett des internationalen Markts nicht in der Bedeutungslosigkeit verschwindet und sich unsere Kinder und Enkel den Luxus der Altenbetreuung überhaupt leisten können, bei immer mehr zu stopfenden Greisenmäulern.
Wer glaubt, er könne dem Dilemma 2060 durch früheres Versterben entgehen muss leider enttäuscht werden: Schon 2035 werden wir fast 8 Millionen Menschen weniger im Erwerbsalter haben. Ich möchte an dieser Stelle daran erinnern, dass wir schon heute – also mit 8 Millionen Erwerbstätigen mehr – über knappe Rentenkassen und ein späteres Renteneintrittsalter diskutieren müssen und man ohne private Vorsorge real von Altersarmut bedroht ist.
Und genau jetzt hat ein weltweiter Exodus begonnen, der ohne jedes Anwerben den wichtigsten Zukunftsrohstoff überhaupt zu hunderttausenden in unser Land schwemmt: Menschen im erwerbs- und zeugungsfähigen Alter.
Natürlich bin ich kein Depp und ich weiß genau, dass wir es hier nicht mit einer Schwemme an Fachkräften zu tun haben (wobei es unter den Flüchtenden sehr wohl auch Fachkräfte gibt. Ich habe schon so einige im Lager getroffen.) und es riesige kulturelle Unterschiede gibt (die sich übrigens auch immer mehr in unserem eigenen Volk kristallisieren). Deshalb schrieb ich auch ROHstoff.
Jetzt können wir folgendes tun: Entweder wir kasernieren und isolieren die Neuankömmlinge, zeigen ihnen die kalte Schulter, fördern die Ghettobildung und versuchen sie schnell wieder abzuschieben und weg zu jagen, oder aber wir fangen an in etwas größeren zeitlichen Dimensionen zu denken.

Fast jeder von uns hatte doch in der Grundschule irgend ein asiatisches Kind sitzen – oder? Diese Kinder waren die ersten in Deutschland geborenen Nachkommen der mit offenen Armen importierten asiatischen Krankenschwestern im großen Pflegenotstand der 60er und 70er Jahre. Enorm viele dieser Kinder sind heute staatstragende DEUTSCHE: Politiker, Richter und Anwälte, Pfleger, Ingenieure, Geschäftsleute, Lehrer und Professoren und auch einige meiner ärztlichen Kollegen gehören dazu.
Das war funktionierende Integration durch frühe Förderung und Bildung. Investition in die Zukunft. Und genau diesen Schritt jetzt zu wiederholen wäre doch eine riesen Chance um diesen Rohstoff – die Kinder der jetzigen Zuwanderer – zu nutzen. Wenn wir uns das leisten wollen. Oder geht es am Ende etwa doch nur um Neid und eine reine Blutlinie?
Für den Neid möchte ich dann nochmal an den erquicklichen Sachverhalt erinnern, dass 62 Personen so viel besitzen wie die Hälfte der Erdbevölkerung. Ich warte noch immer auf den Aufschrei der Empörung und den Futterneid diesbezüglich, den man ja regelhaft gegen die ärmsten der Armen kultiviert.

Vielleicht noch ein kleiner „Gimmick“ zum Abschluss:
Letzte Nacht hatten wir unter vielen, vielen anderen Einzelschicksalen eine junge Schwangere im Lager, die keine Kindsbewegungen mehr gespürt hat. Sie sorgte sich, dass durch das lange Treiben im Mittelmeer – nachdem der Schleuserkutter gekentert war – nun auch ihr letztes Kind gestorben sei. Ihre zwei anderen Kinder sind bereits auf der Flucht im Meer ertrunken weil sie keine Kraft mehr hatte….So eine Sozialschmarotzerin aber auch!

Menschen leiden und sterben. Jetzt. Und wir können das verhindern. Wir schaffen das „wink“-Emoticon

P.S.: Ich habe nirgendwo das Wort „Nazi“ benutzt. Wer sich trotzdem als ein solcher hingestellt fühlen möchte – bitte sehr: Du Nazi!

Sexuelles Asyl

In ihrem Traum  wurde sie von antifaschistischen Häschern gejagt. In Frankreich. In Holland. Belgien. Das war nicht so klar zu erkennen. Die anderen Frauen, die ebenfalls gesucht und im Gegensatz zu ihr auch gefunden wurden, was sie von ihrem Fenster, hinter den Vorhängen hervor, erblinzeln konnte, wurden bespuckt und auch geschlagen, angeschrien, und als Kennzeichnung dafür, dass sie etwas mit einem nationaldeutschen Soldaten gehabt hatte, wurden ihr die Haare vom Kopf geschoren; damit jeder sofort ihre Schande erkennen konnte, ihr Verbrechen, die Geliebte eines Besatzungssoldaten gewesen zu sein. Dabei, hatte sie ihren Franz, Hans, Josef, wie auch immer der Mann im Traum hieß, wirklich geliebt. Nur geliebt. Und jetzt, nachdem die Nazis vertrieben worden waren, war diese Liebe ein Verbrechen. Vaterlandsverrat.

Nach dem Aufwachen wunderte sie sich ein wenig über die Reflektionen ihres Verstandes. Den Traum hatte ihr eindeutig ihr Ex-Freund eingeredet, als er im Streit „Kollaboration“ mit den „Wirtschaftsflüchtlingen“ vorgeworfen hatte. Der arme Amadeo konnte es einfach nicht verschmerzen, dass sie nicht mehr mit ihm, sondern mit „Nadim“ aus Syrien zusammen sein wollte.

 

In ihrer Internetwirklichkeit wurde sie von faschistischen Kommentaren bombardiert, auf Facebook, da sie ehrenamtlich für ein Flüchtlingshilfswerk arbeitete. Ihr Ex-Freund Amadeo nannte es nicht Hilfe, sondern „berechnende Zuhälterei“, obwohl er selbst wusste, dass das nicht der Fall war. Sie wollte nicht Menschen zum Sex an andere Menschen vermitteln, sie stand einfach auf diesen Typ Mann. „Richtige Männer“, wie sie zu Amadeo in einem schwachen Moment sagte. Was sie nicht ausführte nachdem sie Amadeos Gesicht auf den Ausspruch sah: Nicht so Waschlappen wie dich.

 

Im Sommer, an diesem berühmten Tag, der dazu beitrug dass sogar die Bundeskanzlerin ihre Politik danach ausrichtete, holte sie ihren Vater von München vom Flughafen ab. Sie nahmen den Zug und wurden dadurch Zeuge und Teilnehmer einer Aktion, deren Bilder rund um die Welt gingen; sie war eine der applaudierenden „Begrüßer“ am Münchner Hauptbahnhof, als die Flüchtlinge eintrafen. Es wurde sogar ein Foto von ihr gemacht… Sie verteilte Wasser und Süßigkeiten vom „Yorma´s“ an Alte und Junge. Schüttelte Hände. Lächelte. Bis es ihrem Vater zu viel wurde und sie schließlich in einen anderen Zug stiegen und sie ihn nachhause nach Augsburg brachte. Schließlich hatte ihr Vater einen langen Flug hinter sich.

 

Ihr Vater war auf Sex-Urlaub in Thailand gewesen. Er machte daraus kein großes Geheimnis, nicht einmal seiner Tochter gegenüber (wohl aber über seine „sexuellen Experimente“ im Urlaub) und wie sie dort am Hauptbahnhof des Freistaats Bayern die vielen jungen Männer sah, sah sie mehr als nur Hilfe suchende Flüchtlinge; sie sah eine Chance, auch für sich.

Ihre Beziehung mit Amadeo steckte schon seit längerer Zeit in einer Krise und dies war eine historische Möglichkeit um ihrem Leben neue Würze zu geben. Auch. Wenn sie es sich selbst nicht eingestand. Sie war keine berechnende Frau. Und erst recht keine Schlampe. Sie suchte nach Liebe und Geborgenheit – aber auch nach Abenteuern. Und zu diesem Abenteuer musste sie nicht einmal reisen: Es kam zu ihr.

Was könnte man auch Besseres für diese verwirrten, teilweise traumatisierten Jungs machen, als mit ihnen zu schlafen? Wie könnte man ihnen besser den richtigen Umgang mit europäischen Frauen beibringen, als durch Intimität? Diese Männer mussten lernen, dass eine Frau in diesem Land nicht nur die gleichen Rechte, nein, dass sie auch denselben Wert hatten wie ein Mann? Und würde sie nicht einfach nur mit ihren ganzen Körper etwas für die Integration tun? Diese Halbwahrheiten, diese dünnen Lügen, erzählte sie sich selbst um sich Lust zu verschaffen.

Amadeo meinte, sie sei krank. Abartig. Jemand, der sich für eine „Heilige Hure“ hielte. Und sie konnte nicht einsehen, weshalb es a) unmoralisch sei als Single-Frau (denn sie hatte sie zuvor von Amadeo getrennt) mit so vielen Männern zu schlafen wie sie wolle, und b) weshalb Amadeo ihrem Vater dann nicht vorgeworfen hatte, dass er wegen dem Sex-Tourismus ein schlechter Mann sei.

Und schließlich tat sie es doch offensichtlich nicht nur aus egoistischen Gründen, nein, um die Sprachbarriere zu überwinden und gegen die Traumas des Krieges vorzugehen, benutzte sie einfach nur die Sprache der Liebe…

 

Es war alles Unsinn. Sie wusste das auch. In Wahrheit war sie einfach nur einsam und wenn sie die armen, heimatlosen Vertriebenen, die im Sommer an den öffentlichen Plätzen ihrer Stadt im ebenfalls öffentlichen WLAN herumhingen und nachhause in den Krieg schrieben, glaubte sie, dass nur diese Männer ihre Sehnsucht verstehen konnten, eine Sehnsucht, die einer Philosophie gleichkommt. Die Philosophie der Verstümmelten, die etwas verloren haben und nun unter Phantomschmerzen danach suchten.

Auf „Namir“ folgte „Safi“, auf „Safi“ „Ruhi“, auf „Ruhi“ „Zarif“. Sie verstanden sich über ihre Körper und schenkten einander den Frieden, der für alle längst schon lange verloren und abgebrannt war.

 

In den Tagen vor Silvester, als die Explosionskörper der Jahresfeier immer lauter und näher einschlugen, als die Erinnerungen an den Krieg immer deutlicher in die Köpfe der Traumatisierten zutage traten und sie sich zitternd an ihren Körper drückten, spürte sie, dass sie mehr tat als sich diesen Männer hinzugeben. Es war mehr als Trost was ihnen gab. Oder Schutz. Sicherheit. Es war Hoffnung. Und ihr war es ganz gleich was die Leute über sie sagten. Die Einheimischen. Oder die Fremden. Es war ihr gleich welche Namen und Titel man ihr gab. Denn sie wusste, ganz tief in ihrem Innern, dass es mehr war als nur Sex: Es war Vergebung. Sie vergab den Männern die Schuld, noch am Leben und nicht ebenso tot zu sein, wie all die Verwandten und Freunde, all die Söhne, Töchter, Mütter und Väter, die der Krieg ihnen entrissen hatte. Ja.  Vielleicht war sie genau das, was Amadeo ihr vorgeworfen hatte: Eine heilige Hure.

Star Wars, oder: Es ist schwer, ein Gott zu sein

(Ich habe keine Rechte an diesem Bild, ich habe den Link dazu von hier)

 

Die ganze Welt ist im „Star Wars“-Fieber. Wirklich die ganze Welt? Ja genau, ich doch nicht… Dabei ist das mit Star Wars genau meine Geschichte: Als Knabe wurde ich von meinen Eltern vernachlässigt und der Video-Recorder übernahm meine Erziehung. Und als Junge mag man Star Wars, denn da ist nun wirklich alles drin was sich ein junger Spinner wünscht, die fremden Welten, Außerirdische, intergalaktische Kämpfe, eine packende, nicht wirklich komplizierte Story und sogar die Liebesgeschichte ist für einen Jüngling okay. Gute Sache also, auch wenn ich damals schon die Ewoks scheiße fand.

 

Jetzt bin ich 35 Jahre alt und kann den Hype rund um diesen Disney-Film bei meinen Altersgenossen überhaupt nicht verstehen. Es ist nicht so dass mich die letzte Trilogie so abgefuckt hat das ich keine Lust mehr auf das Ganze hätte (irgendwann sehe ich mir das schon an, alleine schon wegen John Boyega, der war überragend in „Attack the block“), ich halte diese „Filme-für-die-ganze-Familie“ einfach nur für Quatsch; es gibt keine Filme für die ganze Filme, denn das sind nüchtern betrachtet Schauspiele für Kinder und Jugendliche in die sich infantile Erwachsene hineinsetzen und glauben damit gut und auch ihres Alters gerecht unterhalten zu werden. Ich sage ja nicht einmal was dagegen bei einer Weltraumoper vernünftig abschalten zu können,  nur zu glauben dass das Altersgerecht für deinen Familienvater wäre, nun ja… Jeder aber wie er will.

 

Was man dennoch zugeben muss ist die Tatsache, was für ein Weltbild diese „Star Wars“-Filme vermitteln (deshalb auch das Bild oben): Es geht um Krieg und um „Gut“ gegen „Böse“. Es gibt eindeutige strahlende Helden und das böse, fremde, Fratzenähnliche, eine exakt definierte Andersartigkeit und die muss bekämpft und besiegt werden bis am Schluss die „good guys“ den Tag gerettet haben – klingt fast wie aus dem Republikanischen Wahlprogramm der USA, die die dunkle Seite klar mit Moslems besetzt haben.

(Ich habe keine Rechte an diesem Bild, der Link ist von hier)

Die Gegenseite ist einfach das Böse und WIR sind natürlich die Guten. Autsch. Das ist gefährlich und dämlich. Und ich weiß nicht ob es klug ist mit diesem Weltbild unsere Kinder groß zu ziehen, nicht nur die Jugendlichen. Nein. Wirklich die KINDER, denn diese Disney-Schmonzette orientiere sich an den Kindern, beeinflusst sie und macht aus später erwachsenen Leuten Persönlichkeiten, die ehrlich glauben das Marvel-Filme gehobene Unterhaltung darstellt (gegen die Comics habe ich nichts, da Comics jeder in seinem eigenem Ton liest und jeder Mensch seine eigenen Schlüsse zieht – Kino ist da schon wieder eine ganz andere Liga). Die Menschen wollen gar nicht mehr gefordert werden. Das ist die absolute Amerikanisierung der Unterhaltung. Amerika, das Land welches von sich selbst behauptet das Land der Freiheit zu sein – und die Sklaverei erfunden hat.

Terroristen und Feinde sind einfach nur das Böse, die nur niedere Beweggründe haben und Liebe zu Familien und Freunden existiert nicht – die „hohen Werte“ sind für uns reserviert.

 

Vorsicht.

 

Ich will nicht zu sehr ins Amerika-bashing abdriften, denn das Land ist eben nicht nur Disney, Marvel, Umweltverschmutzung und Herrenmenschendenken. Es ist auch das komplette Gegenteil und das macht die Geschichte in Wahrheit so schwierig aber interessant. Dennoch ist die Märchenstruktur der Leinwand-Produktionen der Gegenwart aus den USA auch nichts anderes als quasi Propaganda-Filme, die nicht zum Nachdenken, sondern nur zum Mitfühlen anregen; Mitgefühl mit den Helden, nicht mit den Opfer wohlgemerkt.

 

Meine Freundin und ich sahen uns gestern „Es ist nicht schwer, ein Gott zu sein“ an. Auch dabei handelt es sich um einen aktuellen Science-Fiction-Film, der unterschiedlicher zu Star Wars gar nicht sein könnte.

In diesem russischen Film (der auf einer Roman-Vorlage basiert) wird die Geschichte von ein paar Wissenschaftlern erzählt, die auf einen fremden Planeten geschickt werden. Die Gesellschaft auf diesem Planeten steckt im finsteren Mittelalter fest und die Wissenschaftler versuchen Inkognito die Geschicke der Bevölkerung zu lenken.

90 Prozent dieses „Monster von einem Film“ sind Fäkalien, Rotze, Dreck und Blut, eine wilde Handlungs- und Kamera-Führung, die dem Zuschauer wirklich verdammt viel abverlangt und ihn damit ungemein fesselt. Dieses Mittelalter ist das Finsterste was ich jemals gesehen habe und dem Zuschauer wird sehr schnell klar, weshalb die Lebenserwartungen damals bei gerade einmal 30 Jahren lag; und wenn man sich den Film in seiner Kompromisslosigkeit ansieht, empfindet man moderne Märchen wie „Herr der Ringe“ und „Game of thrones“ als ultrageleckt und lächerlich saubere Überinszenierungen für ein dumpfes Massenpublikum (okay, was sie auch sind). Nur. Wer „Es ist schwer, ein Gott zu sein“ gesehen hat, der kann über den „Walk-of-Shame“ von „Game of thrones“ nur milde Lächeln.

Die restlichen 10 Prozent sind pure Philosophie, die über den Kniff der Science-Fiction mit ins Boot geholt wird, denn der Titel des Filmes ist Programm: Wie erlebt und fühlt sich ein höheres Wesen in einer Welt, deren Geschöpfe immer wieder die gleichen Fehler begeht und einen Lebensstandart als normal ansieht, über den man als disziplinierter Mensch kaum das Übergeben unterdrücken kann?

 

Wir haben uns dann noch ein wenig die „Extras“ der DVD angesehen auf denen erklärt wird, dass „Es ist schwer, ein Gott zu sein“ als „soft Science Fiction“ beschrieben wird, da es sich hierbei in der Zukunftsvision mehr um die philosophischen und psychologischen Aspekte der Science-Fiction dreht, während im normalen Science-Fiction die wissenschaftlichen Komponenten im Fokus stehen (siehe z.B. „2001“).

 

Was ist dann „Star Wars“? Star Wars ist für mich Fantasy-Science-Fiction ist,  das es weder philosophisch noch wissenschaftlich etwas zu sagen hätte. Es geht um fantastische Welten und Romanzen und – dieses Urteil tut mir überhaupt nicht leid – dies ist für mich die niedrigste Form von Unterhaltung: Es ist fiktiver Tratsch. Er verlangt den Leuten nichts ab und gibt ihnen genau das was sie wollen, wie ein Fußballspiel bei dem man schon vorher weiß, wer am Ende gewonnen haben wird.  Es ist eine Sache sich so etwas anzusehen, eine andere, es so übertrieben zu feiern und wie eine quasi Religion zu zelebrieren. Ich verstehe nicht wie die Menschen ihr eigenes Leben so sehr hassen und sich dermaßen in eine Fantasiewelt retten wollen. Es hält fast schon als spirituelles Ereignis her. Wieso aber müssen spirituelle Ereignisse immer so platt und allgemeingültig sein? Nein. Doch. Diese Science-Fiction ist keine Science Fiction. Da sie ein überholtes Mittelalterliches Weltbild verbreitet, das keine Pluralität der Charaktere zulässt (auch wenn Skywalker zu Darth Vader wird, so ist in jeder Szene klar, dass es eine eindeutige Wandlung zum Bösen ist – der Mensch jedoch ist keine Medaille mit zwei Seiten, er ist viel mehr und doch viel weniger, denn er ist alles zugleich, gut und böse, Familienvater und Mörder von Vätern) und am Ende anachronistischer daher kommt – ganz gleich wie viele Aliens auftauchen und Raumschiffe explodieren – als ein Film über das finsterste Mittelalter aller Zeiten, der Science Fiction Elemente enthält. Es ist GZSZ im Weltraum. Und mit der Ankündigung Disneys noch viel mehr Star Wars Filme zu drehen, wird daraus endlich die „Daily Soap“, die sich die Leute erhoffen während sie sich in den Kinosessel setzen und insgeheim denken: „Bitte keine Überraschungen. Ich will MEIN Star Wars“…

Wieso wollt ihr nicht mehr?