Psychische Probleme bei der eigenen Hochzeit

Grundsätze der Physik: Ein Körper kann nicht an zwei Orten gleichzeitig sein.

Vorab hätte ich mir nicht gedacht, was für ein Stress so eine Hochzeit ist. Genauso wenig hätte ich erwartet, dass ich jetzt, ein paar Tage nach der Feier, wegen psychischen Überlastungsproblemen krankgeschrieben sein würde. Starke Burnout-Symptome hatte ich zuletzt vor über einem Jahr und ich war tatsächlich auf einem guten Weg, wieder richtig gesund zu werden, jedoch… Wieder einmal war es die Mischung aus Arbeitsstress und privaten Aufgaben, die mich über meine Grenzen brachten. Dabei hatte ich das auf der Arbeit kommuniziert. Mehrmals war ich dort lautstark in Erscheinung getreten und donnerte, dass es nicht funktioniert wenn man eine ungelernte Arbeitskraft „mal so kurz über dem Sommer“ (unserer Hauptsession) in meinen alten Arbeitsbereich stellt, während ich einen anderen mache und dennoch meinen alten Arbeitsbereich vorbereiten soll. Bei Sortenwechsel umstelle. Und schließlich die Anlagen reinige. Denn alleine dass kam jeden Tag auf etwa 4 bis 5 Stunden, zu meiner eigentlichen Arbeit, die ein Vollzeitjob ist. Und man kann auf Dauer nicht 12,5 Stunden in 8,5 Stunden Tageswerk pressen. Denn Überstunden waren zwar eine Option, nur hilft es nicht mit Überstunden zu argumentieren, wenn ein Arbeitsbereich in den anderen greifen muss, da es sonst zu Verzögerungen kommt. Zudem bin ich Hygiene-Arbeiter und ich kann mich nicht einfach so durch den Tag schludern. Denn die von Vorgesetzten hingeworfene Aussage „Mach mal schnell“ ist nicht mit Sauberkeit vereinbar. Hygiene hat keine Grauzone. Entweder etwas ist sauber – oder nicht. Und dann zu argumentieren: „Hey, ich war gar nicht vor Ort sondern woanders“ hilft nicht. Es ist doch dein Arbeitsbereich, oder?

Am Ende habe ich meinen Vorgesetzten nur noch angeschrien: Dass er keine Ahnung von der Arbeit habe. Wie ein General hinter den feindlichen Linien, der erst mit Stundenlanger Verspätung erfährt, was an der Front geschieht. Manche Vorgesetzte. Wollen nicht sehen. Dass ihr Plan mehr Wollen als Möglichkeit ist.

Und dann die Hochzeit. Ich habe mich sehr darauf gefreut verheiratet zu sein. Und ich bin das jetzt auch. Nur der Weg dahin ist schon ziemlich steinig und schwer wenn beide Partner Vollzeit und der andere auch noch mit 24 Stunden-Schichten arbeiten. Da gibt es nun einmal selten die Option dass man vormittags zum Konditor gehen kann wegen der Torte, da die Konditoren nur vormittags arbeiten. Nicht zu vergessen die Details, die dann wieder hinzu kommen, wie dass man ein Brautpaar für die Torte selbst suchen muss, da dieser Konditor mit der speziellen Torte das nicht anbietet. Überhaupt: Diese ganzen Details bei einer Hochzeit sind der Wahnsinn. Jeder will (ganz Instagram like) individuell bei seiner Hochzeit sein. Wir eigentlich nicht. Wir wollten nichts großartiges. Aber trotzdem scheint sich der Markt für den „schönsten Tag im Leben“ dorthin entwickelt zu haben. Es wie Lego für romantische Irre: Alles folgt einem Detail, einem Detail, einem Detail… Von Lieferproblemen für Hochzeitssackos oder was weiß ich ganz zu schweigen (davon abgesehen, dass wir auf dem Land leben und nur dann in die Stadt kommen, wenn alle am Einkaufen sind, abends, nach der Arbeit…). Insgesamt ist das ehrlich gesagt nichts dramatisches. Doch wenn beide Partner Vollzeit arbeiten, werden aus den Details kleine Berge, hinter denen noch mehr Berge stehen, viel größere sogar, die man erst nicht sehen konnte – obwohl sie höher sind als die Erhebung davor.

Wir machten an einem Wochenende die Trauung mit Familie. Am zweiten, die Party für die Freunde. Es war Beides sehr schön. Und bei der Trauung war noch alles paletti. Es war vielleicht ein zu heißer Tag, doch wir freuten uns über die Sonne, über das Gelingen unserer Pläne und sogar über die Familie. Es war keine große Eventhochzeit. Doch wer meinen Blog ein wenig kennt weiß, dass ich genug „Events“ im Leben habe. Ich führe ein gutes Leben, in dem viel mit Party und Freizeitaktivitäten geschieht. Und wenn man dann mal an der Hochzeit keinen berühmten oder berüchtigten DJ oder Band hört, sondern nur in ein teueres Hotel geht, dann ist das kein Schaden, sondern der Verzicht auf etwas was man ansonsten eh macht, und immer noch mehr als sich viele Leute leisten können.

Mitte der Woche haute es mich dann aber psychisch um.

Vielleicht lag es auch mit an meinem Junggesellenabschied, wobei ich da im Nachhinein nicht zu viel hineininterpretieren will. Fest steht aber: Den auch noch fast spontan organisieren zu müssen, hat meiner Psyche nicht geholfen. Seitdem war alles irgendwie doppelt belastet. Und es fühlte sich alles undankbar an. Nichts was ich tat wurde dem gerecht, wie es sein sollte. Dieser Gedanken kam aus mir selbst heraus. Zudem ist er einer meiner Grundprobleme, die (siehe Psychotherapie) in meiner Kindheit verwurzelt sind. Ich. Das ungeliebte, vergessene, letzte Kind, dass allen irgendwas beweisen will – und doch nur getadelt wird. In schwachen Momenten kommt das einfach wieder hoch. Wenn man dann den ganzen Tag nur am Rennen, Rennen und Rennen ist, um in der Arbeit und danach sich und anderen etwas beweisen will, und man ständig das Gefühl hat niemals anzukommen, dann macht es irgendwann einfach mal „Knacks“. Ich verlor absolut den Boden unter den Füßen und litt an einem starken Erschöpfungssyndrom. Ich kam dann auch gar nicht mehr wirklich auf die Beine, obwohl die anstehende Hochzeitsparty für Freunde ein glatter Erfolg für alle Gäste war – nur für mich leider nicht ganz. Die Menschen sahen in meinen Augen und in meinem Verhalten, wie schlecht es mir ging und taten das Schlimmste, was man mir antun kann: Sie hatten Mitleid mit mir. Ich weiß, das klingt seltsam. Denn es waren und sind meine Freunde, die mir etwas Gutes tun wollten. Und doch gab mir diese übertriebene Freundlichkeit und die Aufbauversuche eine Weile lang ziemlich den Rest. Es war einfach peinlich und erniedrigend, dass sie es sehen konnten, wie ich die Kontrolle zu verlieren schien. Und dabei hatte ich mich doch für so einen taffen Typen gehalten. Am Morgen nach der Party hab ich nur noch geheult… Obwohl die Party selbst ein Erfolg war. Auch für mich. Ich überwand mich sogar noch mein DJ-Set auf meinem DJ-Controller im Garten zu spielen (Burnout-Symptome hin oder her, ich hatte mich so lange darauf vorbereitet; ich sage absichtlich immer SYMPTOME, da ich nicht an einem alles zersetzenden Burnout litt, denn dass wäre eine ganz andere Nummer gewesen) und unseren Freunden schien es auch nicht nur aufgesetzt viel Spaß zu machen, nein, sie warfen sogar im Garten ihre Schuhe in die Ecke und tanzten teilweise barfuß in dieser kalten, Sternenklaren Sommernacht zu meiner Musik. Wieder war mir ihr Wohlwollen eher peinlich – auch wenn ich unglaublich dankbar dafür war. Das hat mir sehr viel bedeutet. Dass mich die Leute unterstützt haben. Ich weiß, was Freundschaft ist. Aber selten war es mir so wichtig, wie in diesem Moment.

Jetzt sind beide Hochzeitsevents vorbei. Was bleibt sind schöne Bilder. Meine Frau sieht traumhaft auf. Und ich konnte durch mein Beisein ihre Schönheit schmücken. Wir haben überschwängliche Hochzeitsvideos, Grußbotschaften, die meine Freunde uns schickten. In denen ich mehr Freude lesen kann, als in jeder mit Herzchen voll gekleisterten Messenger- oder Whatsapp-Nachricht die wir später bekamen. Das war auch wichtiger als all das Geld was wir bekamen. Witziger Fun-Fakt: Ich hatte nie damit gerechnet überhaupt Geld zu bekommen. Mir war klar, dass ich bereit war für das Vergnügen meiner Freunde locker 1000 Euro auszugeben, aber dass sie mir fast genauso viel schenken würden. Damit. Hätte ich nicht gerechnet.

Am Ende habe ich alles so bekommen wie ich es wollte, auch, wenn ich nicht der war, der ich sein wollte. Es war nicht unsere Party für uns. Sondern unsere Party für andere. Und das war okay. Und süß. Wie mein bester Freund (obwohl ich nichts von solchen Wertungen halte, doch in diesem Zusammenhang und der Mühe die er sich machte, hat er den Titel verdient) aufgeregt eine kleine Rede für uns hielt. Das sind Dinge, die ich nicht vergessen will. Die guten Sachen. Vielleicht bleiben am Ende wirklich nur die guten Erinnerungen übrig. Und über die schlechten Ding kann man später eh immer Lachen.

Was soll ich nach der Geschichte anderen Leuten bieten, die ebenfalls unter großem Stress bei solchen Events stehen, was sicherlich sehr viele sind: Nichts. Es hilft halt auch nichts wenn man sagt: „Nimm es nicht so schwer. Reg dich nicht auf. Alles wird gut.“ Leider. Reichen solche Worthülsen nicht. Ich habe nichts was ich euch mitgeben kann und das ist auch okay so. Ihr müsst damit selber klar kommen und wenn ihr das alleine nicht schafft, dann sucht euch Hilfe. Es ist keine Schande. Es ist keine Schande den Menschen an eurer Seite, mit dem ihr euer ganzes Leben verbringen wollt damit zu belasten, noch eure Familie, oder eure Freunde. Klar. Es wird nicht jeder Verständnis dafür haben. Wenn ich mit meinem Vater darüber sprechen will, dann ist es so, als würde ich eine andere Sprache sprechen. Er versteht absolut nicht was ich ihm sagen will. Aber das ist okay. Findet eure Leute, die die gleiche Sprache sprechen wie ihr – und ich bin mir sicher, ihr werdet sie finden. Ihr seid nicht alleine. Und eine Hochzeit MUSS auch nicht der schönste Tag im Leben sein. Das Produkt eurer Liebe ist die Hochzeit, nicht umgekehrt. Und am Ende wird hoffentlich auch für euch ein Tag zurückbleiben, den ihr jedes Jahr wieder gerne feiert. Das ist wichtiger als all der Perfektionismus, die irgendwelche Fakeprofil von verstellten, optimierten und vielleicht sogar gecasteten Leuten im Internet euch glauben machen wollen. Niemand ist perfekt. Nur die Liebe die ihr zueinander spürt, sollte es sein.

Advertisements

4 tote Kinder

Meine Nachbarin ist ein Idiot. Kein schlechter Mensch. Nur ziemlich dumm. Die Wohnung unter uns ist ihre erste Wohnung eigene und die Monate haben gezeigt, dass sie alleine fast nicht überlebensfähig ist. Sie trifft ständig die falschen Entscheidungen und hängt mit den falschen Leuten herum. Schon komisch: Früher war ich einer der „falschen Leute“. Heute treffe ich ein Urteil über sie.

Sie genießt es augenscheinlich nicht mehr unter dem wachsamen Auge ihre Mutter leiden zu müssen. Sie hat ständig verschiedene Typen. Drogenleute. Auch nicht von der hellsten Sorte. Was mir natürlich vollkommen egal ist. Hauptsache. Es ist nach 10 Uhr abends ruhig und mir parkt keiner die Einfahrt zu. So bin ich geworden.

Die Typen kommen und gehen. Und sie ist nun wirklich nicht die Schönste. Aber so ist das bei einer Frau, wenn zwischen ihren Beinen Tag der offenen Tür ist. Klar tut sie mir irgendwo leid dafür, dass sie sich ständig ausnutzen lässt und von den Typen nur verarscht wird. Das hat sie mir selbst erzählt. Doch jeder trifft seine eigenen Entscheidungen.

Vor etwa einem Jahr klopfe es an unserer Haustüre. Die Nachbarin. Sie wollte mit meinem Lebensgefährten sprechen. Er ist raus und dann wurde laut an der Türe geredet. Eine halbe Stunde lang. Und am Ende sagte sie, mein Freund solle mir davon nichts, was ich die ganze Zeit im Zimmer nebenan mit dem Kindl auf dem Schoß schon mitgehört hatte: Sie war schwanger. Und mein geliebter Freund, seines Zeichen Doktor der Medizin, gab ihr ein paar Ratschläge. Zwei Wochen später war sie nicht mehr schwanger. Und mit den Tipps zur Empfängnisverhütung sollte es auch so bleiben.

Ein halbes Jahr später klopfte es wieder an der Türe. „Es ist schon wieder passiert.“ „Wie es ist SCHON WIEDER passiert?!!“ Mein Freund war außer sich. Was für ne Assi-Braut. Sie wusste nicht einmal, von wem das nächste Kind war. Zweifelhaft ob sie es beim ersten wusste. Mein Freund führte ein sehr ernstes, weniger empathisches Gespräch mit ihr, als beim ersten Mal. Und zwei Wochen später war sie nicht mehr „in froher Hoffnung“. Es war für alle Beteiligten der beste Weg. Wie sollte eine Frau wie sie auch noch für ein weiteres Leben Verantwortungen übernehmen, wenn sie es nicht einmal für sich selbst kann?

Vor ein paar Jahren stellte mir ein Freund eine Bekannte von ihm vor. Ich freundete mich mit ihr an. Ein Jahr und 5 Monate vor dem heutigen Tag, stellte sie mir ihren neuen Freund vor. Ein Pfundskerl. Wenn auch ein wenig klein an Wuchs. Sie wollte immer Kinder bekommen. Doch wegen einer Operation in ihrer Vorgeschichte war die Wahrscheinlichkeit gering. Sie wurde trotzdem schwanger. Wir freuten uns alle sehr für sie. Und dann auch noch Zwillinge. Doppeltes Glück. Die Wochen, ein paar Monate gingen ins Land, bis die Herztöne der Zwillinge verstummten. Nicht nur der Himmel weinte. Das Wehklagen wimmerte stumm aus unseren Telefonen, als unsere Daumen die Kurznachrichten verschickten. Ich hätte nicht gewusst, was mein Mund an direkter Sprache hervor gebracht hätte. Was kann es schlimmeres für eine Frau geben, als ihre toten Lieblinge gebären zu müssen?

4 tote Kinder.

2 die unbedingt gewollt wurden, aber nicht lebensfähig waren.

2 die wahrscheinlich lebensfähig waren, aber von keinem gewollt wurden.

Nur in Märchen ist das Leben fair.

Und die ganze Welt schaut auf die Fußball-WM.

Demonstration „Nein zum Polizeiaufgabengesetz“ in München, es war der 10.05.2018

20180510_144341

Die jungen Leute fand ich ganz toll an diesem Demo-Donnerstag. Wobei. Das ähnlich Gleiche habe ich auch  in meinem Text über Paris geschrieben. Wie toll ich die jungen Leute da empfand. Wahrscheinlich sagen das alle Leute über dreißig, wenn sie diesen jungen Vibe spüren, von dem sie einfach kein Teil mehr sind. Gedanken an eine selbst verschwendete, apolitische Jugend kommen in einem auf. Vielleicht jedoch, fühlte ich mich als Jugendlicher die ganze Zeit genauso. Es fehlte nur die Reflexion darüber. So oder so: Ja, die jungen Leute fand ich ganz toll auf dieser Demo gegen das neue Polizeiaufgabengesetz. Es geht schließlich auch um sie.

20180510_133942

Ich war schon immer Bayer und das ist außerhalb von Bayern nichts, worauf man besonders stolz sein muss. Sowieso macht es keinen Sinn auf eine Tatsache stolz zu sein, für die man durch den Zufall der Geburt nichts kann. Bayer bin ich aber trotzdem gerne. Und als Mensch im ständigen CSU-Land ist man leider viel gewohnt. CSU, das geht ja gar nicht. Ganz schlimm das diese Trottel den Begriff „Heimat“ für sich besetzen. Das stimmt aber gar nicht. Denn Heimat ist kein fest verorteter, verdrahteter Begriff der eine Partei gehört. Heimat gehört uns allen.

20180510_135526

SICHER muss diese Heimat sein, wenigstens ist das der Schluss, den die Partei und viele seiner Anhänger aus den Geschehnissen der letzten Jahre ziehen. Und ja, unsere Sicherheit ist bedroht. Natürlich auch durch Terrorismus und dem Zuzug von fremden Kulturen. Jedoch nicht in dem Ausmaß, dass unsere Gesellschaft das nicht aushalten würde; die neuen „Sicherheitsgesetzte“ rechtfertigt die diffuse bayrische Angst überhaupt nicht.  Denn der Bayer an sich ist ein ängstlicher Zeitgenosse. Es geht ihm viel zu gut. Er hat viel zu viel Wohlstand und Sicherheit angehäuft, um nicht ängstlich zu sein. Das ist der Schluss den ich aus den Gesprächen mit meinen Freunden gezogen habe. Alles Familienväter. Was mal wieder beweist, dass die Kleinfamilie nicht nur die Urquelle aller Heilewelt-Utopien ist, sondern auch die Triebfeder für alles Schlechte in so einer Gesellschaft, wo jeder nur an die Seinen und sich  selbst denkt. Kann man den Leuten nicht einmal übel nehmen. Dennoch. Dieses von mir oft gehörte „Wer nichts zu verbergen hat, braucht auch keine Angst vor der Polizei zu haben“, ist leider nicht richtig. Denn wir tauschen Freiheit gegen Sicherheit. Auch wenn wir das nicht akut spüren. Denn was ist morgen und übermorgen?

20180510_140445

Der Bayer und sein Deutschland lebt in einer sehr friedlichen, sicheren Zeit. Auch wenn wir das nicht sehen wollen. Nie ging es allen so gut wie heute. Auch wenn es natürlich allerhand Probleme gibt. Das wissen wir. Trotzdem geht es uns besser als es uns die Medien oder die Trolle einreden wollen. Und so wie Leute für unsere Rechte gestorben sind, die wir so gerne und selbstverständlich nutzen, haben wir die Pflicht aufzustehen, wenn etwas aus dem Ruder läuft. Klar. Im Nachhinein, wenn „etwas“ passiert ist, will keiner Schuld sein. SCHULD wird in einem katholischen Land wie Bayern ja immer gerne großgeschrieben. Daran dachten aber auch die zigtausenden Demonstranten auf dem Münchner Marienplatz, der so überfüllt mit Leuten und ihrer Meinung war, dass die ersten Kundgebungen aus Sicherheitsgründen gar nicht erst abgehalten wurden. Nein. Keiner von denen die hier friedlich in der Sonne standen, war ein Phantast, der nicht an „das Böse“ in der Welt glauben würde. Aber vielleicht dachte die Mehrheit der Leute hier, dass das Böse gar nicht so total ist, wie es uns immer eingeredet wird. Es gab keine Schlachtrufe von wegen: „Die Polizei muss weg! Sie braucht keiner!“ Nein. Das dachte hier keiner. Der Tenor war eher: „Bei aller Freundschaft, das geht zu weit! Wir wollen nicht dass der Staat in unsere Häuser und Computer einbrechen darf. Wir wollen nicht dass die Polizei Handgranaten einsetzen darf. Es kann nicht sein, dass man ohne Anwalt fast unendlich eingesperrt werden kann.“ Wir standen hier nicht für die Utopie eines Staates den es nicht geben kann, sondern lustiger weise sehr reaktionär für dass, was wir nicht aufgeben wollen. Unsere Freiheit gegen eure Angst. „Passieren“ kann immer was. Da ist es nicht der richtige Weg die Leute präventiv einzusperren. „Es könnte ja sein“. Nein, das kann nicht sein… Aha, und wer ist schuld wenn dann doch „was passiert“? Und wer ist schuld daran, wenn nichts passiert und trotzdem die Falschen einsperrt werden? Und was geschieht mit solchen Gesetzen in der Zukunft?

20180510_141106

Es war ein „bunter Protest“. Er war friedlich. Kreativ. Und sehr gut besucht. Mit 7000 von uns haben sie gerechnet. Am Ende waren wir um die 30 bis 40000. Bayern und seine Schüler und Studenten haben gezeigt, dass sie eine Stimme haben. Dass sie politisch interessiert sind und dass sie weniger Angst haben, als man ihnen einreden kann. Die Fakten sprechen gegen das neue Polizeitaufgabengesetz. Tatsächlich bringt unsere Autoindustrie – auf die wir sooo stolz sind – durch Abgase und Feinstaub in der Woche mehr Leute um, als die Terroristen im ganzen bayrischen Jahr. Aber das ist halt auch Bayern.

20180510_150809

Die Leute tanzten auf der Straße, klatschten und tanzten zusammen. Die Polizei hielt sich zurück und machte auf guten Kameraden. Und warum kann das nicht einfach so bleiben? Vielleicht einfach ein wenig weniger Angst. Und weniger Befugnisse. Das heißt ja auch: Weniger Arbeit für die Polizei. An die muss man doch mal denken. Bezahlt die doch lieber mal besser. Stellt mehr Leute an. Dann wird auch besser ermittelt.

20180510_134703

Ob die CSU sich mit solchen Gesetzen nichts selbst ins Bein schießt und die Trottel dann nicht gleich das Menschenverachtende Original wählen, bleibt abzuwarten…

Schwierige Freundschaften

Vor nun auch schon ein paar Wochen war ich in Berlin. Ich besuchte dort einen Freund und diese Besuche waren in den letzten Jahren nie besonders leicht. Einerseits lag das an unserer schwierigen Beziehung zueinander, die gerade durch die Freundschaft eine anstrengende Komponente zweier Magneten besitzt, die sich je nach Jahreszeit abstoßen und dann doch wieder anziehen, andererseits an unseren persönlichen Ichs, an unserer Subjektivität, in der jeder sein eigenes Leben lebt das er in die Beziehung zum Anderen mit hinein bringt. Ich für meinen Teil lasse meine Probleme selten heraus, versuche mir daran die Schuld zu geben und sie im Stillen zu verarbeiten. Im Gegenzug ist es aber nicht so, dass er seine Probleme ständig herauslässt und anderen die Schuld gibt. Es kommt mir eher so vor, dass ich bei meinen Besuchen oft der Tropfen bin, der sein Fass zum Überlaufen bringt. Das ist sowohl schade als auch ehrenvoll für mich. Vor allem ist es sehr anstrengend. Für beide Seiten.

Wir sind nun einmal nicht mehr die Kerle, die wir vor 10, 15 oder 20 Jahren waren und ich will das auch nicht zurück. Nichts sollte vergangener als die eigene Vergangenheit sein. Mit nichts sollte man mehr im Reinen sein als mit dem vergangen Ich. Und mit nichts ist vermutlich schwerer klar zu kommen.

 

20161126_222221.jpg

In der gewissen Nacht gingen wir also zu den „Suicide Girls“, einer Burlesque – Tanzshow aus Amerika in „Huxleys neuen Welt“, die Kriese begann schon vorher. Denn Alkohol ist auch schon unter 60 Prozent ein Brandbeschleuniger. Nach dem Auftritt der ewig strahlenden, lachenden Damen  die mit ihren Titten und Ärschen wackelten und ein wenig Ruhe in unseren Sturm der Freundschaft brachten, schlug mein Freund auf mich ein, so sehr, dass mir gleich Bahnmitarbeiter zur Hilfe kommen wollten, die die Szene aus ihrem Fenster beobachteten; ich hab sie einfach weg gewunken. Mir war klar, dass das vom physischen Gewalt-Faktor kein Problem für mich war, auch wenn mein Freund es durchaus ernst meinte und mir ein paar Tage später noch immer einige Stelle am Körper „weh taten“. Dabei war mir auch klar, dass es in Wahrheit gar nicht um mich ging in seiner Wut, denn er warf mir vor „den ersten tollen Abend seit langem“ kaputt zu machen. Was ihn so wütend machte war nicht dieser typischen Tropfen zu viel, also diese Nacht und unsere Auseinandersetzung, es war sein Leben darum herum: „Der erste tolle Abend seit langem“ bedeutet im Umkehrschluss…

An diesem Punkt hätte ich noch Mitgefühl haben können, als er später einfach so aus der U-Bahn sprang und mich in ihr zurückließ – ohne Handy, nachts, in einer mir absolut fremden Großstadt, keine Ahnung wie ich nachhause kommen sollte oder auch nur in die Wohnung  meines Freundes von der ich a) keine Ahnung hatte wie ich dort überhaupt hingelangen sollte, in welchen Stadtteil ich überhaupt fahren musste und b) wie ich aus ihr meinen Autoschlüssel heraus bekommen könnte – war es mit dem Mitgefühl vorbei. Er hatte mich einfach zurückgelassen, mich, seinen Freund, der extra wegen ihm 8 Stunden mit dem Auto zu ihm gefahren war, und zwar deswegen, weil er mit seinem eigenen Leben unzufrieden war.  Na vielen Dank aber auch.

 

Später sagte ich noch Dinge wie man sie so sagt wenn man wütend ist,“ dass es das war!“, dass man sich nie wieder sieht, usw, usf. Während man noch etwas später halt doch noch über Whatsapp die Verbindung hält. Meine Freundin nimmt mich schon gar nicht mehr ernst wegen meiner Inkonsequenz. Möglich das sie Recht hat. Ich weiß nicht. Ich bin nicht gut darin Beziehungen zu beenden.

 

Gestern war ich zum Schwimmen im Hallenbad. Ich bin dort alleine hingegangen (wie jeden Wochentag in meinem Urlaub) und habe dort zwischen den Rentnern und vor allem den älteren Damen meine Bahnen gezogen. Und egal wie alt eine Frau ist und egal wie wenig Interesse von einem selbst besteht, noch ob ich bewusst überhaupt einen Gedanken daran verschwendet hätte, kommt mir das andauernde Lächeln der alten Damen unglaublich wohlwollend und interessiert vor. Ein wahrer Mann kennt nun mal keine Höflichkeiten vom anderen Geschlecht. Totaler Unsinn, ich weiß. Bei uns ist es gerade anders herum: Wir müssen uns darüber klar werden, dass das nur Höflichkeit ist, und nicht mehr. Während ansonsten von der „versteckten Sexualität“ die Rede ist. Ich kam mir also unglaublich anziehend und männlich in dieser Oma-Gesellschaft vor und musste daran denken, dass ich bei meinem vorletzten Berlin Besuch meinem Freund druff erzählt hatte (hatte damit angegeben) mit wem ich schon „was hatte“, was natürlich eine unglaublich blöde Idee war, da man druff nicht gerade gut argumentieren kann – und – weil wir natürlich immer auf die gleichen Frauen und Mädchen gestanden hatten. Mit den meisten Frauen war nicht viel passiert und selbst wenn, dann war das nun wirklich 20 Jahre her. Das war schon gar nicht mehr wahr. Die Meisten von denen sind inzwischen aus unserem Leben verschwunden oder verheiratet (was das Gleiche ist) und deswegen spielte es für mich keine große Rolle, lange, lange her – wenn es überhaupt passiert ist (man redet sich mir Jahren dann doch einiges ein – besonders wenn man Drogen nimmt – und vergisst auch wieder sehr viel – besonders wenn man Drogen nimmt). Ausformulieren konnte ich das aber nicht, zu sehr schepperte das XTC in meiner Birne und zu peinlich war mir das Ganze im Nachhinein. Und auch er sagte ja selbst, dass das keine große Geschichte sei – bis ich Monate später, als er am Bahnsteig auf mich einschlug eine Ahnung davon bekam, dass dem wohl doch nicht so war. Ich hatte – ganz Inception mäßig – einen Gedanken in seinen Kopf gepflanzt, und jeder denkt seine Gedanken auf seine eigene Art zu Ende. Und plötzlich vergleicht man sein Leben mit einem anderen, auch wenn der Vergleich nur eine Erfindung, eine Illusion ist, denn im Kopfkino über den anderen sind die Bilder immer größer, knackiger und auch erfolgreicher, als in der Realität, da wird dann aus ein wenig realer Grabscherei ein Halbstündiger Hardcore Porno. Und so kommt eines zum anderen. Und der Freund, den man bisher in eine Schublade kategorisiert hatte, ist plötzlich etwas ganz anderes. Von einer Minute auf die nächste.

 

Das sind Zeilen, die zu nichts führen. Ich will niemanden denunzieren, will mich nicht profilieren. Ich mache mich ja meistens eher kleiner als das ich bin. Ich will es einfach nur aus mir heraushaben. Dieses Missverständnis in der Freundschaft. Dieses Ungleichgewicht. Dass es in Wahrheit gar nicht gibt. Diese Irrtümer übereinander.

 

Es ist bald Weihnachten und so kitschig das klingt, würde ich mir jetzt einfach eine Zeit der Besinnung und Vergebung wünschen. Eine Zeit, in der man einfach mal gut sein lässt und sich selbst nicht an anderen misst, sondern sein Gegenüber akzeptiert. Du bist du, weil du bist wer du bist. Und ich bin ich, weil ich der werden musste, der ich bin. Die Menschen sollten sich nicht vergleichen, da jeder auf seine Art lächerlich ist. Da jeder sein Paket zu tragen hat. Nur verbirgt es der eine, während der andere nicht aufhören kann über sein Glück oder über seine Probleme zu reden.

Wir sind alle nur Menschen. Und wir könnten – noch kitschiger – alle einfach Freunde sein.

Es ist leicht, kein Gott zu sein

Nach dem Film lese ich nun die Erzählung „Es ist schwer ein Gott zu sein“, die sich vom Film unterscheidet. Vielleicht war es auch nur so, dass mich der ganze Dreck und das Elend im Film geblendet haben.

In beiden Medien geht es darum, dass die Menschen einen Planeten entdeckt haben, der sich auf dem geistigen Stand unseres finsteren Mittelalters befindet. Auf diesen namenlosen Planeten werden Wissenschaftler entstand, die nicht in die Entwicklung der Welt eingreifen sollten. Sie sind nur zu Dokumentationszwecken dort.

Diese fremde Welt wird von den Dons beherrscht und unser Wissenschaftler Don Rumata will die Weiterentwicklung dieser Menschheit voran treiben, während sein Gegenspieler, Don Reba, im Gegenzug versucht alles Wissen zu zerstören. Dieses  Kampf-Gebilde und ein gewisser Mystizismus über eine höhere Macht sind typisch für die Autoren, die Strugatzki Brüder, die ihre Science-Fiction-Werke zu Zeiten des Kommunismus schrieben. Die Sowjetunion und ihre Verwalter stehen für die Begrenzer und Zerstörer des Wissens, der normale Bürger wird in Dummheit gehalten. Er begnügt sich mit Essen, Fortpflanzung und einem leichten Leben. Und dann ist da wie in so vielen Abenteuer-Romanen der Gegenpol, jene, die mehr wissen wollen und gegen das System kämpfen. Kein Wunder das die meisten Werke der Strugatzkis in der UDSSR verboten waren oder unter Verschluss gehalten wurden.

 

Interessant sind die Gedanken Don Rumatas (der selbst Historiker ist) über die Entwicklung der Menschheit: Man kann Wissen und den Durst danach nicht ewig unterdrücken. Und was die Sowjetunion angeht, haben die Strugazkis Recht behalten. Alle Systeme enden. Das liegt ihnen sogar zu Grunde. Nur der Mensch entwickelt sich fort. Vielleicht gehört es sogar zu unserer Entwicklung (Anmerkung: Ich spiele gerade Fallout 4), dass wir uns und unsere momentane Lebensweise zerstören müssen, um daraus zu lernen (was man grob den Untergang der Welt nennen könnte, wie wir sie kennen – sei es durch Krieg, Naturkatastrophen Umweltverschmutzung usw.). Der Mensch jedoch (wenigstens ist das meine Meinung) wird fortbestehen. Auf irgendeine Weise. So wie es den Planeten schon ohne Lebewesen gab. Und Lebewesen ohne den Menschen. Die Dinge hören nicht einfach so auf zu existieren. Nicht einmal nach einem nuklearen Fallout.

 

Die Angst vor Veränderung ist in der globalisierten Welt gewachsen. Überall sehen wir Gefahren die unsere kulturelle Gesellschaftordnung, und die unser persönliches Leben bedrohen. Dabei ist es egal wie: Unser Leben wird enden. Das ist Teil des Lebens und das ist auch gut so. Und auch unsere Gesellschaft wird nicht unendliche Zeit so weiterbestehen. Sie KANN auch gar nicht unendlich weiterbestehen. Die Dinge sind im Fluss. Und sie werden sich verändern, sei es durch Zuwanderung oder durch andere Dinge.

Das ist ja diese Angst die die Pegida Leute haben: Veränderung durch Überfremdung. Das Ende unserer Abendländischen Kultur. Selbst wenn die Pegidisten nicht so auftreten, als hätten sie unsere humanistische Kultur verstanden. Doch bleiben wir bei den Ängsten.

„Es ist schwer ein Gott zu sein“ hat uns viel über unsere jetzige Zeit zu sagen. Denn es ist genau der Kampf der  kulturell in Deutschland geführt wird: Die, die das Wissen bewahren wollen, gegen jene, die es zu zerstören versuchen. Die Ironie ist (ist das überhaupt noch Ironie oder ist das immer so?) dass sich beide Seite das Gleiche auf die Fahnen geschrieben haben: BEIDE Seiten behaupten, die gesellschaftlichen Werte zu erhalten. Sowohl die Humanisten, als auch die, die Angst vor Überfremdung haben. Beide Seiten glauben, sie würden die Kultur retten. Die einen durch humanistische Integration, die anderen durch entmenschlichte Ablehnung. Die Einen wollen unsere freiheitliche Werteordnung vor dem „Mittelalterlichen Islam“ schützen, während die Anderen unsere freiheitliche Werteordnung vor den Ewiggestrigen des Nationalsozialismus beschützen wollen. Sorge vor der Zukunft treibt beide Parteien um.

Was gerade jetzt in unserem Land geschieht ist wahnsinnig spannend. Es ist ein Kampf um die Zukunft.

 

Obwohl ich mich moralisch und faktisch auf der Humanistischen Seite sehe, bin ich nicht blind vor den Ängsten vor Überfremdung, habe ich auch nicht gerade Lust meine sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Stand aufzugeben; wir haben so ein geiles Leben, weshalb sollte ich beim Gedanken daran weniger zu haben, nicht einen kleinen Kloß im Hals haben? Aber ich kann die Zeit nicht stoppen. Und es wird Veränderungen geben. Die Frage ist nur, auf welcher Seite du stehen willst.

 

Nehmen wir einmal an (auch mit einem Blick auf das Buch der Strugatzkis), dass wir uns wirklich wie in Houellebecqs Buch „Unterwerfung“ an den Islam anpassen und nicht umgekehrt: Bedeutet das einen Rücktritt ins zweite finstere Mittelalter? Ich denke nicht. Ich glaube zwar dass die Menschheit sicherlich in irgendeine Form von Mittelalter zurückfallen könnte (siehe Atomkrieg), viel mehr glaube ich aber, dass sich Wissen verbindet. Wenn Ideen zusammenkommen verändert sich nicht nur die westliche Kultur: Es verändert sich auch „der Islam“. Da kann der IS noch so viele Denkmalgeschützte Statuen und Weltkulturerbe Einrichtungen platt machen: Er wird nicht gewinnen. Und selbst wenn er „gewinnen“ sollte: Er wird die Vergangenheit nicht auslöschen können. Der IS ist ohnehin nur das, was bei die RAF früher war – er ist der Gipfel des Eisberges. Das Top einer Strömung. Die Stärkste und größte Ausgeburt eines Extremismus, der versucht die ganze Welt zu infizieren, das funktioniert nur nicht mehr.

Wenn wir die Welt mit ihrem Gedankengebäude, mit ihren Errungenschaften im Jahr 2016 nehmen, das Ganze als einen Organismus aus vielen Einzelteilen sehen wollen, dann ist uns war der IS eine Krankheit, die den Organismus zwar beeinflussen und verändern kann, sie kann ihn nur nicht töten.

Eine Idee kann einen gesunden Menschen zwar krank machen, jedoch wird sie ihn in den seltesten Fällen töten können. Aber, die Erfahrung dieser Idee wird den Organismus beeinflussen oder verändern. Im besten Falle.

 

Für uns als Einzelnen mag das wenig Trost sein, sollten wir doch mal zufällig (Chance von 1 zu mehreren Millionen) in die Luft gesprengt werden, sei es von rechts, links oder im Namen einer Religion. Historisch gesehen jedoch gehört das zum Menschsein dazu.

Den essentiellen Wissensdurst der Spezies Mensch und den Drang nach größtmöglicher Freiheit und Sicherheit wird man aber nicht aufhalten können. Und das ist doch eine schöne Vorstellung.

Arbeit macht ja gar nicht frei

In den letzten Wochen und Monaten habe ich einen Spruch immer wieder gesagt: „Ich habe meinem Land gedient; ich habe meiner Firma gedient: Jetzt kann ich aber bald nicht mehr.“ Das zog sich wirklich über Wochen hin, dieses „bald nicht mehr können“. Und Sisyphos konnte dann doch. Der machte sogar Überstunden. Wochen, in denen ich Phasenweise psychische Totalausfälle hatte, Phasen, in denen ich nicht mehr konzentriert zuhören konnte, in denen ich sinnlos Zeug vor mir her brabbelte, in denen ich aggressiv und launisch war, Momente, in welchen ich dachte wie ein kleines Mädchen zu heulen zu beginnen (wegen nichts), in welchen ich einen unglaublichen Druck auf den Kopf verspürte, der nur dann entwich, wenn ich meine Augen nach oben verdrehte, Tage, in denen ich einen starken physischen Druck auf der Brust hatte, der mich kaum atmen ließ… Habe ich irgendwas vergessen? Bestimmt… Hände zittern. Schlaflosigkeit. Ermüdungserscheinungen. Volles Programm.

 

Und dennoch war ich ein guter Soldat. Machte meinen Job während um mich herum alle krank wurden oder in den Urlaub gingen. Zwar flehte ich meinen Chef an mir mal ein paar Tage oder Stunden freizugeben, das ist nur relativ schwer wenn von 7 möglichen Beschäftigten nur noch 2 da sind; und ich sah mich um, in diesen Momenten und wunderte mich ohne Ende, dass gerade ICH einer dieser zwei Irren war, die noch immer HIER waren; einmal sagte ich zu meinem Kollegen: „Komm lass uns einen Arbeitskreis bilden“, und wir nahmen uns an den Händen und lachten uns ins Gesicht. Aus dem Kreis war eine Kette mit einem Glied geworden.

 

Trotzdem machten wir immer weiter und weiter. Fluchend. Maulend. Fast heulend. Frustriertes Lachen, höchstens.

 

Auf jeder Ebene wurden wir vertröstet. „Ja, irgendwann wir mal jemand eingestellt…“ Ich: „2017 oder noch dieses Jahr?“ „Und die Arbeit wird jetzt auch weniger, wenn es Winter wird.“ „Wann ist denn dieser Winter? Oktober? November? Januar?“

Immer wieder diese lächerlichen Hinweise von der Führungsetage, dass der Partnerbetrieb dieselbe Stückzahl mit ebenso vielen Menschen produziert wie wir, worüber wir lachten: „Ja, selbe Stückzahl, schon klar. Nur machen die zwei Sorten. Wir 12. Das ist nicht das Gleiche. Und wir wissen dass ihr das wisst, ihr wollt es nur nicht hören. Da das angenehmer für euch ist; angenehmer so zu tun, als würdet ihr uns nicht für dumm verkaufen. Hat doch alles eine Ordnung.“

 

Am Montag war es dann vorbei. Mein Kreislauf machte zu und ich verstand die Worte der Menschen gar nicht mehr. Was will der von mir? Wem soll ich HELFEN? Was ist hier eigentlich los? Da traf ich die Entscheidung zum Arzt zu gehen. Monatelang hatte ich alle Warnsignale meines Körpers ignoriert, jetzt war Schluss damit. Der Krug geht halt doch wirklich so lange zum Brunnen, bis er bricht.

 

In den letzten zwei Jahren des Wahnsinns, in welchen unser Chef „nach oben buckelte“ und zu uns „herab trat“, hatte sich etwas angestaut, was sich nicht einfach mehr über das Wochenende abbauen ließ. Es war vorbei. Und diese Entscheidung, dass es jetzt VORBEI war, war die schwierigste Entscheidung der letzten Monate. Immer weiter und weiter zu machen, im gleichen Trott der Menschenzermahlenden Tretmühle, ist viel einfacher, als sich hinzustellen und zu sagen: Ich kann nicht mehr. Dieses Nicht-Mehr-Können, ist der größte Berg geworden, den ich am Schlechtesten überwinden konnte. Es GING doch immer alles. Doch es muss und darf nicht immer alles gehen – sonst geht bald gar nichts mehr.

 

So blöd ist der Mensch: Hätte ich eine Grippe oder einen gebrochenen Finger, hätte ich von überall Verständnis bekommen. So nur wirsche Blicke: „Was hat er denn? Warum stellt der sich so an? Jetzt sind doch wieder zwei Leute mehr da. Jetzt geht es doch wieder aufwärts.“

Mir aber waren plötzlich die normalen Aufgaben zu schwer. Nicht einmal der stressige, komplizierte Scheiß. Ne. Die Normalität war schon zu groß to handle geworden.

Meine Aussage dazu: „Ich habe euch Wochen und Monate gewarnt dass es so nicht weiter geht. Irgendwann ist es vorbei. Das habe ich immer gesagt. Ich habe euch immer gewarnt: Gebt mir mal einen Tag frei – sonst bin ich länger weg. Dann geht gar nichts mehr.“

Und komisch. Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen, zuhause zu sein. Man fühlt sich ein wenig wie ein Verräter. Obwohl ich noch vor zwei Tagen in der Arbeit fast zusammen gebrochen wäre. Obwohl mir jetzt noch manchmal schwindlig ist. Und ich bei dem Gedanken an die Arbeit schneller zu Atmen beginne und doch keine Luft zu bekommen scheine.

 

Abschiedsworte in der Firma: „Gedenkt meiner nicht als denjenigen der jetzt eine Woche fehlt, sondern als den, der sich zwei Jahre zerrissen hat.“

Diese Rechnung. Macht der Kapitalismus nur nicht auf. Undank. Ist gar kein Lohn.