Wenn die Tiere aufhören zu sprechen

Was machen Kindern wenn sie spielen? Sie trainieren es erwachsen zu sein. Zwar macht ihnen ihr Spiel Spaß und es unterhält sie, doch sie loten auch die Realität aus. Noch können Tiere sprechen. Noch können Menschen fliegen. Noch sind Männer stärker als Frauen. Aber nach und nach drängt sich immer mehr der erlebte Alltag, immer mehr Wirklichkeit in ihr Spiel. Die Traumwelt wird realistisch.

Sind die Kinder dann alt genug, hören sie auf zu spielen. Auch ihr Umfeld sagt: Jetzt ist Schluss mit der Spielerei. Dafür bist du zu alt. Jetzt kommt der Ernst des Lebens. Genug trainiert also. Schluss mit den Träumen. Und setz das um was du gelernt hast: Ein Mensch der Gegenwart zu sein. Und das bedeutet  nur noch Spiele zu spielen, die unterhalten, die aber jegliche Form von Traum verbieten. Träume lernen nicht fliegen. Im Gegenteil.

Wir müssen aufhören die Kindheit und die Jugend zu idealisieren.

Werbeanzeigen

Herr Müller

So nenne ich den Mann jetzt einfach mal. Herr Müller war der super nette und sympathische Mann, der in meiner Kindheit in der Raiffeisenbank hinter Panzerglas saß und das Geld auszahlte, was man sich irgendwo anders vorher in der Bank hatte bestätigen lassen, handschriftlich, oder wenn es damals schon Computer gab (so um 1985 herum), konnte ich sie als kleines Kind einfach nicht sehen, oder, die großen Boxen und Bildschirme voller Technik waren nur kein Blickfang für einen ganz jungen Menschen wie mich, nicht wie heute, wo ja auch schon Kinder radikal und schon ein wenig brutal auf Technik getrimmt werden…

Da war also dieser Mann, der hinter Panzerglas saß und – auch wenn ich mich nur Schemenhaft an sein Gesicht erinnern kann – wie ein freundlicher Buddha in Anzug und 80ger Frisur unglaublich schnell das Geld vor meiner Mutter hinlegte und damit auszahlte was sie abheben wollte. Der Mann schien damals nichts anderes den lieben langen Tag zu machen und hatte deswegen eine ungeheure Fingerfertigkeit erlernt mit der er die großen Scheine auszahlte, eine Geschicklichkeit, die ich nur mit der Geschwindigkeit von Hütchenspielern vergleichen könnte, wobei ich Herr Müller nicht die negativen Attribute eines Hütchen-Spiel-Betrügers nachsagen wollen würde, denn Herr Müller zählte einem das Geld ja vor. Und schien dann nach dem Vorzählen auch immer super zufrieden gewesen zu sein, dass das mit dem Geld auszählen wieder einmal super geklappt hat und lachte mich an, vermutlich wegen meiner großen Augen ob seine flinken Finger.
Als Kind idealisiert man viel und zugegebenermaßen muss ich eingestehen, dass ich als Kind selbstverständlich auch von den Fertigkeiten eines Hütchen-Spieler positiv beeindruckt gewesen wäre, der mich in Wahrheit nur um mein Geld gebracht hätte…

Gerade eben war ich Geld abheben, gab die PIN-Nummer in den Automaten mit den vorher und dazwischen lachenden Werbebildern ein, und sah 6 Sekunden wartend in der Bank umher, die viel sauberer aussieht als in den 80gern; die Bank wurde seitdem so runderneuert, dass man fast schon von „Entkernung“ sprechen könnte, und nun findet man statt den schweren und staubfressenden dunkelgrünen Teppichen, sowie alten Lampen und überraschend wenig Licht dass durch die Außenfenster kam, einen hell er- und durchleuchteten Raum vor, mit einer Architektur die an Leichtigkeit erinnert, mit lauter schick und gut gekleideten Bank-Mitarbeitern, die immer sehr freundlich seien wollen, nur leider gar nicht so wirken, wenn man sich die Zeit über sie genauer nachzudenken, da sie einfach nur trainiert wirken, nicht ehrlich, sondern falsch und irgendwie ebenso automatisiert und unmenschlich wie die Maschine und dem Touch-Screen, wo die Bakterien auf dem Display der Leute, die vor mir Geld abgehoben haben, noch das menschlichste ist. Die Mitarbeiter haben bei mir überhaupt keine Chance, nicht nur, weil ich wirklich schon die eine oder andere schlechte Erfahrung mit der Bank machen musste, sondern auch weil sie für eine Art von Business arbeiten, dass nur als verlogen und hinterhältig gilt, was zwar mein Geld haben will, nicht aber um es zu vermehren sondern um mich auf eine extrafangante und elegante Art übers Ohr zu hauen. Das sind der Ruf und das Klischee über Banken und Versicherungen im Jahr 2015.

Wie gesagt. Damals war ich ein Kind und es ist freilich ein Unterschied ob man als kleiner Pimpf mit seinem Sparbuch voller Stempel zum netten Herr Müller kommt um mal ein paar Mark abzuheben, oder ob man schon seit Jahrzehnten erwachsen ist und alleine deswegen schon die Hinterhältigkeiten der Menschen erlebt hat, trotzdem fragte ich mich in diesen paar Sekunden als das Gerät rauschte um mein Geld herauszugeben, wie dass den passiert war, wie das entstand, dieses Misstrauen gegen die Bänker, und ob es an mir liegt, am Erwachsenwerden, oder ob die Bänker mit den Jahren wirklich unglaubwürdiger und hinterhältiger geworden sind – man hört doch so viel davon, dass langjährige Kundenbindung nichts mehr gilt, die Sicherheiten nichts mehr wert sind, von dem verzockten Geld wollen wir mal gar nicht reden. Und man muss für Alles Gebühren zahlen was früher einfach Service war, nein falsch: Das Wort „Service“ gab es gar nicht, das war einfach die Normalität.
Und weiterhin fragte ich mich, wenn man diesen Berufsstand heute weniger vertrauen kann als in der Zeit der goldenen Wirtschaftswunderjahren und der Wohlfühlzeit danach, wenn also diese Menschen wirklich vom eigenen Geld und den Weltmärkten also der Globalisierung korrumpiert wurden und sich ihre gesamte Einstellung zum Sparer geändert hat (der jetzt kein „Sparer“ mehr ist, sondern nur noch der Kunde, der Leistungen von der Bank will und es eben nicht mehr das Verhältnis gibt, in dem sich Sparer und Bank gegenseitig befruchten, weil sie voneinander abhängig sind, was keine Bank heute mehr zugibt, da es wohl als Zeichen von SCHWÄCHE gewertet wird), wieso also bringen wir immer noch unser Geld zur Bank? Nur weil es einfacher ist?

So oder so. Herr Müller habe ich seitdem nie wieder gesehen. Vermutlich ist er gestorben. Oder seine inzwischen zittrigen Hände werden im Altersheim versteckt.

Die Gerechtigkeit meiner Kindheit

Als ich ein Kind war, da hatten wir nicht viel. Das stimmt so nicht ganz, wir Kinder bekamen einfach nicht viel. Süßigkeiten waren fast schon ein Tabu und gerade wenn man ein Kind ist, ist dies eines der blödesten Tabus überhaupt. Ansonsten war da wenig Fleisch. Alte Klamotten mussten aufgetragen werden, was ziemlich paradox für mich war, denn immerhin musste ich als Mädchen die Kleidung meiner beiden älteren Brüder auftragen. Das war nicht schlimm, nur… Komisch. Schließlich lebten wir „damals“ in einer anderen Welt und in meiner Kindheit und späteren Jugend waren Markenartikel noch nicht so präsent wie heute. Oder… Vielleicht waren sie es und nur weil ich nicht daran teilhatte, waren sie nicht so wichtig.

Ich weiß noch genau wie ich im Esszimmer saß, vor meiner schon kalten Gemüsesuppe und meine Eltern meinten ich müsste so lange dort sitzen, bis der Teller leer sei. Nicht dass ich den Teller selbst vollgemacht hätte. Das Esszimmer lag genau neben dem Wohnzimmer, dass nur von einer Schiebetüre mit Fototapete getrennt wurde, auf der ein herbstlicher Wald abgebildet war. Und genauso wie ich mich daran erinnern kann wie ich vor meinem kalten Teller Suppe saß, weiß ich noch wie mein Vater drüber vor dem Fernseher saß und „Heidi“ ansah, die Zeichentrickserie, nur um mich zum schnellen Aufessen zu bewegen. Ich war noch jung und damals gab es nicht so viel im Fernsehen für Kinder. „Heidi“. War einer meiner Höhepunkte des Tages.
Merkwürdig. Manche Momente will man einfach nicht vergessen, während einem so viel durch die Finger schlüpft, was man nie vergessen wollte, und ich muss jetzt nicht einmal die Augen schließen um mich wieder wie ein kleines Mädchen zu fühlen, dass weinend vor dem kalten Teller Suppe saß während nebenan die quietschfreudige Titelmelodie von „Heidi“ lief, während ich den Tisch und die grüne, viskose Suppe nicht verlassen durfte, denn sonst hätte mich Vater verhauen. Das klingt jetzt brutaler als es war; nein, das kann gar nicht so schlimm gewesen wie ich es jetzt in Erinnerung habe. Dabei: Warum kann ich mich dann an die Szene erinnern ohne dabei meine Augen schließen zu müssen?

Einmal bekam einen Lutscher geschenkt. Keinen übermäßig großen, doch auch keinen ganz kleinen. Ich bekam ihn von Mutter. Das war so eine Art „gesunder Lutscher“, wobei ich keine Ahnung habe warum er so „gesund“ gewesen sein sollte. Bei Mutter war immer alles „gesund“. Ich durfte also diesen Lutscher zur Hälfte ablecken, dann nahm ihn mir Mutter weg und stellte ihn in ein Glas Wasser. Denn ich sollte ihn mir einteilen. Und so würde er frisch bleiben, im Wasser. Morgen würde weitergeleckt werden. Selbstverständlich war am nächsten Tag der Lutscher nicht mehr da. Das Wasser hatte ihn aufgelöst. Auch hier erinnere ich mich an meine Fassungslosen, richtig Heulkrampfhaften, Hilflosen Tränen den der Verlust des doch geschenkten Lutschers bei mir auslöste. Mutter war es egal. Auch das weiß ich noch bis heute ganz genau.

Meine Eltern waren nicht grausam. Meine Mutter war nicht grausam. Sie wollte mich nur beschützen. Mich gut erziehen. Doch im Endeffekt fraß ich mich bei jeder Möglichkeit mit Fast-Food und Süßigkeiten voll, als sie tot war. Noch heute kann ich keine Packung Süßigkeiten in der Wohnung stehen lassen, sondern ich muss sie schnell auffressen – es könnte ja wieder jemand kommen, der sie mir wegisst.

Das ist keine Geschichte einer traurigen Kindheit. Obwohl… Doch… Vielleicht ist sie dass, denn ich kann mich nicht mehr an die Liebe meiner Eltern erinnern. Sie hatten es ja auch schwer. Wollten sich trennen. Damals. Vor dem Unfall. Das ist aber alles gar nicht das weshalb ich das hier erzähle.
Ich finde die Erziehung hat etwas Gutes gehabt, denn dadurch habe ich einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn bekommen. Das hat mir mein Großvater mal erzählt: Als meine beiden Brüder einmal von ihm je eine Tafel Schokolade bekamen, kam ich wütend in seiner Küche gestampft und brüllte: „Gerechtigkeit!“ weil in meiner Wahrnehmung jeder von uns das Gleiche verdient hätte. Und deswegen sind diese Geschichten kein Geheule darüber was ich nicht hatte, sondern in Wahrheit eine Erklärung dafür, warum ich so bin wie ich bin. Die Kindheit ist ohnehin schon lange vorbei und ganz gleich was die Psychologen sagen: Man sollte sie nicht zu wichtig nehmen.
Noch heute geht es mir in den meisten Sachen – besonders in der Arbeit – darum, dass jeder gleich behandelt wird, und ist das nicht der Fall, macht mich das rasend. Wisst ihr, ich wollte nie besser gestellt werden als andere. Wirklich nicht. Ich wollte nur dass jeder gleich behandelt wird. Das man fair mit mir umgeht, denn ich versuche es auch mit anderen zu sein.

Manchmal verbittert mich das. Denn die Menschen sind nicht gerecht. Doch ich kenne keinen anderen Maßstab für das Leben.….

Mir ist auch noch genau in Erinnerung, wie meine Mutter mich solange mit dem Kochlöffel verprügelte, bis dieser zerbrach. Und wisst ihr was? Jedes Mal wenn ich verprügelt wurde, dann hatte ich es auch verdient. Es war gerecht. Und der Gerechtigkeit wurde genüge getan.

Eltern unter Drogen

Das Thema stand mal wieder auf der Tagesordnung. Mir wurden Vorwürfe gemacht, dass ich nichts dagegen unternehme. Weil Freunde von mir Spaß am Rausch haben und zudem Eltern sind. Was soll ich denn machen? Das Jugendamt anrufen? Also bitte… Das sagt sich immer leicht, aus dem Off. Doch wer verpfeift seine Freunde schon beim Staat und lässt ihnen die Kinder wegnehmen? Und. So schlimm wie es auf dem Reisbrett aussieht, ist es nicht. Sie kümmern sich natürlich. Denn es ist genug Geld da. Und da kommt schon das nächste Gegenargument aus den Startlöchern: Mehr Geld zu haben heißt doch im Endeffekt weniger Liebe geben zu müssen. Ohnehin wenn man die ganze Zeit prall ist. Ist das so?

Der Vorwurf wiegt natürlich schwer. Denn wer die ganze Zeit dicht ist, der baut keine Beziehung zu seinen Kindern auf. Erzieht sie schlecht oder gar nicht. Und aus den Kindern wird das, was die Eltern sind. „Egomanen“ wie der Außenstehende meint, „Die Kinder haben doch gar keine andere Chance als genauso zu werden.“ Wirklich? Wird hier nicht vergessen, dass die jetzigen Eltern selbst einmal Kinder waren und deren Eltern keine Drogenfreunde waren? Was ist das für eine Rechnung?
„Schlechte Eltern“ machen aus ihren Kindern „schlechte Eltern“? Aha. So einfach soll das also sein. Und was ist wenn „gute Eltern“ Kinder erziehen, die dann doch zu „schlechten Eltern“ werden? Wie ist das dann von außen abzuurteilen? Ist das wirklich so leicht?
Es denkt ja jeder, dass er besser lieben kann, als der andere. Dass seine Gefühle reiner und vollkommener sind als von „Dem“. Der kann das gar nicht. Der ist so eine Art Vorform von Monster. Weil er sich nicht so verhält, wie ich oder die Gesellschaft das für richtig hält.

Ich will es mir nicht allzu leicht machen und so tun, als wäre jede Form der Erziehung okay, weil jeder seine Kinder „anders“ liebt. Das ist natürlich Bull-Shit. Und natürlich hat nicht jeder die gleiche emotionale Bindung zu seinem Partner oder seinem Kind, wie es wohl erwünscht wäre. Drogenmenschen sind nun einmal während des Rausches primär mit sich beschäftigt. Das ist nun einmal so. Deswegen müssen Drogeneltern keine schlechten Eltern sein, denn der Klischeebanause vergisst dabei, dass man süchtig und trotzdem nach außen hin ein normales Leben führen kann. Man kann seine Kinder bis aufs Blut lieben und dennoch jeden Tag eine Flasche Wodka trinken. Deswegen steht die Flasche Wodka trotzdem im Raum, ich weiß. Die kann man nicht wegdiskutieren. Dennoch muss man doch verstehen können: Jeder Mensch ist anders. Und. Jeder Mensch hat andere Probleme und Ansichten. Einfach zu behaupten: Der ist ein schlechter Vater, weil man sich selbst für den Tollsten hält bringt überhaupt nichts. Das vertieft nur die Gräben.

Glaubt man den Medien, geht der Trend ohnehin zum Überbesorgten Elterndasein weswegen man automatisch schnell vergleicht – und die anderen aburteilt. Man definiert sich nur noch über die eigene Elternrolle und verdammt diejenigen, die dort Schwächen zeigen. Bis zu einem gewissen Punkt kann ich das verstehen, doch…
Drogen sind natürlich kein guter Ratgeber, wenn man sie ständig nimmt. Vermutlich ist aber alles was man „ganz und gar“ macht schädlich für den Menschen: Nur Arbeit. Nur Kinder. Nur Party. Nein. Die Dosis macht es aus. Wie immer. Uns wird es aber (für mein Gefühl) immer schwerer gemacht nicht in Schubladen zu versinken, da wir eine Gesellschaft geworden sind, die unbarmherzig kategorisiert und etikettiert: Alles muss perfekt sein. Und wer sich Schwächen leistet, der wird in der Luft zerrissen.

Nein. Nein ich finde es nicht gut wenn meine Freunde die Kinder haben Drogen nehmen. Besonders dann, wenn die Kinder zuhause bei ihnen sind. Doch wer bin ich, dass ich deswegen entscheide, sie seien allein deswegen schlechte Eltern? Kann ich in sie hineinsehen, was in ihnen los ist? Was sie antreibt? Kann ich, der keine Kinder hat wirklich über sie urteilen?
Nun. Ich sehe und verurteile auch meine Freunde mit Kindern, die keine Drogen nehmen und ihre Kinder trotzdem oder gerade deswegen verziehen und mit ihrer Liebe tyrannisieren… (Damit dass nicht missverstanden wird – ich kenne natürlich auch Supereltern, vor denen ich den Hut ziehe). Nein. Eine Meinung hat man wohl immer.

Vielleicht ist das auch nur eine Ausrede, weil ich mich um die Verantwortung drücken will. MEINE Verantwortung. Aber meine Kindheit war auch schwer. Dazu war mein Großvater war Alkoholiker (der Krieg) und auch mein Vater hatte Phasen in denen er einfach nur fertig war und sich kaputt trank. Und aus mir ist – trotz meiner Drogenvergangenheit – auch was geworden. Aus meinen Schwestern sowieso. Ich glaube nicht, dass eine ideale Schablonen-Kindheit zwangsläufig bedeutet, dass man ein guter Mensch wird. Es bedeutet eher, dass die Eltern nicht das Gefühl haben müssen, etwas falsch gemacht zu haben. Weil sie von ihren Kindern auch „nur“ so geliebt werden wollen, wie sie selbst sie lieben. Wobei das irgendwie wieder nach Faschismus klingt: Man will den idealen Menschen erziehen. Möglich. Dass es da Parallelen gibt. Der Faschismus kommt ja auch irgend woher…

Ein Freund meinte einmal, dass seine Basis für eine gute Familie die Beziehung zwischen den Eltern ist. Wenn sich Vater und Mutter blendend verstehen und Spaß haben, dann geht es auch dem Kind gut. So war die Rechnung. Eigentlich. Ein interessanter Denkansatz. Ich weiß nicht ob er aufgegangen ist; dabei habe ich sogar meine Zweifel.
Wie aber soll man Leben? Wie geht richtiges Leben? Denn das ist doch mit der Erziehung eins zu eins verbunden… Und wer hat das Recht das zu beantworten? Die Überlebenden? Die Mutigen? Die Konservativen? Die Erleuchteten?

Das ganze Gewicht der Welt

Die eigene Last ist immer größer als die der Anderen, oder?
Es hatte Tim sichtliche Überwindung gekostet ihm den Brief zu geben. Dabei waren Tim und er, Harald, der von Allen nur „Harry“ gerufen wurde, beste Freunde; sonst hätte er den Brief ja auch gar nicht bekommen. So etwas gibt man nur seinem BESTEN Freund. Dem Einen…
Der Brief (wen mag es verwundern?) war einer der größten und wichtigsten Briefe, die ein Bote überbringen könnte, keiner zwar der über Krieg und Frieden, Leben oder Tod entscheiden würde, jedoch Einer von jenen, die ein ganzes Leben entscheiden, auf einen bestimmten Weg ausrichten können, denn jeder hat ja sein eigenes, ganz persönliches Marathon. Es ging. Um die Liebe.
Kurz:
Harry sollte seiner alten Freundin Anke den Brief von Tim übergeben, in dem er ihr seine Liebe offenbare würde.

Der Plan war gut, denn wer könnte dafür besser geeignet sein, als der Eine, der BESTE Freund? So gut aber war der Plan dann am Ende doch nicht, denn was Tim nicht bedachte, war, dass hinter allen Verleugnungen und der ganzen Widerrede Harrys über mögliche „Gefühle“ für Anke der gleiche Zeckenbiss saß, wie bei Tim auch: Die Angst vor der Schmach entdeckt zu werden und das die Reinheit der jugendlichen Emotionen sich in das genau Gegenteil verkehren würden, nämlich dem lachenden Zeigefinger der anderen. Aller Anderen (was für junge Menschen, die gerade erst damit beginnen sich gegen die Umwelt abzugrenzen und sich selbst zu festigen, die größte Pein überhaupt ist – Ablehnung, Isolation, Verbannung).
Was für Tim nun also ein leichter Ausweg aus einer schwierigen Situation zu sein schien, wurde für seinen BESTEN Freund Harry genau zum Gegenteil: Nun hat er ein Problem. Auch er war in Anke heimlich verliebt. Noch heimlicher sogar als Tim.
Aber er war doch der BESTE Freund von Tim. Und BESTE Freunde sich „4 Life“. Da gab es nichts zu meckern. Entweder ganz oder gar nicht.

Er steckte den kleinen Brief, der fast in der großen Hand Haralds verschwand, in seinen Schulranzen. Zwischen Mathe und Bio. Ja. Nein. Er würde der Anke den Brief heute Nachmittag geben. Wenn sie die Klavierstunde hätte. Bei Haralds Schwester. Tim dankte ihm überschwänglich.

Den ganzen Tag über kullerte immer wieder sein rechtes Auge hinunter auf den Schulranzen. Sein Herz wurde schwer. Er konnte nicht zuhören, dem Unterricht nicht folgen. Alles war ziemlich weit weg. Seltsam verzerrt. Wie eine Nachricht vom Mars. Oder so.
Er seufzte viel. Sein Gesicht sprach Bände – solche von Puschkin; ganze Gedichtbände.
Der Brief strahlte aus seinem Schulranze hervor wie radioaktives Material. Wie Plutonium. Oder eher gar wie Kryptonit. Er hatte eine Anziehungskraft, die schwerer war als der Unterricht, war schwerer als die Sonne, der Mond und erst Recht als die Sterne. Alles. Drehte sich um den Schulranzen. Und diesen Brief.

Endlich.
Endlich war der Unterricht vorbei. Missmutig schulterte Harald seinen Ranzen. Grüßte nickend zum Abschied. Dann zog er los. Allein wie immer. Nachdem er Tim bis zu Bus gebracht hatte.
Nein.
Halt.
So alleine wie sonst war er nicht. Denn dieses Mal waren seine Gedanken ein voller Ozean, der stürmte und aufbrauste. Überschwappte und überlief. Anke war bei ihm. Und Tim. Sie hielten ihn Beide an seinen Händen. Er. Ging in der Mitte. Doch irgendwas… Irgendwie… Zog ihn nach hinten. Oder?

Der Ranzen lag schwer auf seinen Schultern. Musste wohl an der Sonne liegen.
Seine Gedanken gingen wieder zurück. Zu Anke. Und zu Tims Irrtum. Klar war Anke seine Freundin. Seit langer Zeit. Busenfreunde konnte man sie nennen, doch irgendwann wurde aus der Busenfreundin eine „Busenfreundin“. Das ist bis zu einem gewissen Grad ganz natürlich. Doch wer hatte es jemals Anke, Tim und Harry gesagt? Solche Dinge lernt man auf der Schule – doch nicht im Unterricht.
Sein Rücken schmerzte.
Was war denn der Rucksack denn heute so schwer? Die Riemen schnitten ihn in die Schultern. Sie schmerzten. Waren bestimmt schon ganz wund… Das musste wohl an der Sonne liegen. Diese verdammte Hitze. Der Schweiß rann an ihm herab.
Er musste zwar ein Stück laufen bis nach Hause, doch so WEIT war es bisher doch noch nie gewesen. Obwohl. Na ja. Aber es kam ihm nie so vor.
Er dachte an Anke. Ihr Lachen. Ihre Beine. Ihr Hintern. Und an Tim. Wie sie in seinem Baumhaus saßen und Mangas lasen – die besseren Comics als dieser Superhelden Kinderkram…
Und wieder…

Zog der Rucksack an ihm. Er stieß ein „Wooohh“ aus vor Schreck. Ging in die Knie. Und ging. Schritt. Füüüür. Schriiiieet. Wei….Ter…. Seinen Weg entlang. Das ganze Gewicht der Welt schien an ihm kleben. An ihm zu ziehen. Doch Harry war ein Beißer. Ein Harter. „Dirty Harry“ nannten ihn die Fußballtrainer lächelnd. Er stemmte sich voran. Immer weiter voran. Dachte schon gar nicht mehr an Anke und Tim. Sondern stampfte nur noch voran. Stur. Trotzig. Wie ein Astronaut auf einem sehr Massereichen Planeten, auf dem jeder Körper doppelt so viel wiegt, wie eigentlich. Oder so.
Verblüfft sah er dabei zu, wie ihn die anderen Schulkinder an ihm vorbei spazierten, als wäre nichts so wie an anderen Tagen. Sie lachten und sprachen. Manche sangen oder pfiffen sogar ein lustiges HipHop-Liedchen vor sich hin. Diese Kindermusik…
Harald. Konnte das gar nicht begreifen. Sahen sie denn nicht, begriffen sie denn nicht wie SCHWER das Gehen hier denn war?

Er nahm stöhnend und derbe schwitzend den Tornister ab. Konnte ihn gerade noch so mit einer Schulter halten. Bis er mit einem ungeheuren Schlag auf den Asphalt schmetterte (es hätte auch ein fernes Flugzeug sein können, dass die Schallmauer durchbrach) wo ein Sprung im Stein zurückblieb (der vielleicht schon vorher da gewesen war, wenn man bedenkt, dass das Gras nicht so schnell hatte wachsen können, wie der Bruch entstand); Harry war fassungslos. UNGLAUBLICH! Sein Schulranzen war verhext!

Erschrocken ließ er sich auf seinen Hosenboden fallen. Sah – vollkommen erledigt und ausgezehrt – den Ranzen an. Papa hatte ihm einmal die Geschichte von dem Griechen Sisyphos erzählt, der aus Strafe weil er den Göttern ein Schnippchen geschlagen hatte immer wieder einen Fels auf einen Berg stemmen musste, nur um ihn wieder herabfallen zu lassen – um ihn wieder hinauf zu schleppen. Das aber war ein Witz gegen das, was Harald gerade durchmacht; Sisyphos hatte doch keine Ahnung davon, was eine Qual ist. DAS hier war eine Qual.
Und er dachte wieder an Anke. An Tim. An BESTE Freunde. 4 Life. Und an sein Kryptonit.

„Weiter geht´s“, sagte er sich, schlug sich auf die Schenkel und stemmte den Ranzen wieder hoch, wie ein Gewichtheber (nur aber mit falscher Technik) und ging wieder voran. Es half nichts. 100 Meter weiter an einer Brücke machte er wieder Halt.
„Das gibt es doch gar nicht“, schnaufte er… „Vollkommen unmöglich.“
Dann. Fasste er eine Entscheidung.
Klappte den Schulranzen auf und zog unter der Anstrengung all seiner Kraft den eigentlich so kleinen Brief hervor – er wog TONNEN. Brach ihm fast die Finger. Harry schluckte und fasste einen Entschluss: Der Brief war verhext. Musste vernichtet werden. Am besten über die Brücke mit ihm. Im Wasser konnte er NIEMANDEN etwas anhaben. Und so stemmte er ihn hoch. Sein Gesicht war rot und Anstrengungsverkrümmt. „Uuuaaahhh!“ schrie er, während er den eigentlich so kleinen Brief über die Metallbrüstung heben wollte – er schaffte es nicht. „UAAAAHHHH!“ stieß er aus und nahm ALL SEINE KRAFT ZUSAMMEN. Doch er strauchelte fast (BESTE FREUNDE), ließ ihn aber nicht fallen. Da kam ein kleines Mädchen daher und fragte: „Kann ich dir helfen?“ Sie lächelte wie nur Kinder lächeln können: Herzhaft. Frei von Sünde. Eine Sonne-Sonnenblume. „INS WASSER!“ stöhnte Harald. „Der Brief?“ „UUUAAAAA-JAAAA!“ kreischte Harald sie hoffend an. Da nahm sie den Brief mit zwei Fingern und warf ihn in das Wasser.
Beide. Sahen sie dem Brief nach wie er im Wand etwas pendelte und sich dann geräuschlos auf die Oberfläche der Strömung legte (dicht neben ein paar Enten) und davon gerissen wurde. Harald und das Mädchen lachten.
Er schulterte seinen Rucksack wieder, der Federleicht geworden war und ging pfeifend nach Hause.

Eine wirklich schöne Kindheit

Die Menschen sprechen immer von moralischer Schuld. Was soll das sein, in meinem Fall? Fragt wen ihr wollt aus meiner Generation. Oder meinen Vater. Meine Mutter. Die Brüder. Was hätten wir denn machen sollen? Und warum?

Für jeden erscheint die eigene Kindheit bis zu einem gewisse Grad als normal. Natürlich gibt es Abweichungen, Ungleichheiten, die einen früher oder später das Gefühl zu Teil werden lassen, das man es „schwer“ hatte. Das man etwas ertragen musste, was an den anderen vorbei ging. Man selbst ist aber – und bleibt es auch – im eigenen Universum der „Normalste“, außer, das Universum stürzt zusammen – und selbst dann hängt es von der Art des Kollaps ab, als wie normal man sich selbst wirklich empfindet. Normalität, diesen normalen Menschen, den gibt es nicht. Wir wissen das. Dabei ist es so, wie wir nicht über das Atmen nachzudenken brauchen. Es sind unbewusste Vorgänge. Dennoch werden wir uns unserer normalen Abnormität hin und wieder bewusst. Nur kurz. Wegen ein Wort. Einem Blick. Einer Situation. Dieser Gedanken darf das Weltbild erschüttern, doch nicht zerstören. Diese Erkenntnis. Das wir Alle anders sind, als alle Anderen auf dem Planeten. Und dann vergessen wir das wieder. Leben weiter unser Leben. Jeder von uns.

Ich hatte eine schöne Kindheit.

Aufgewachsen bin ich auf einem kleinen Hof, nahe eines kleinen Dorfes, im schönen Polnischen Land. Der Aussiedlerhof meines Vaters lag etwas – wie der Name sagt – abseitsgelegen, an einem Hügel, kein wirklicher Berg. Im Grünen. An einem kleinen Fluss. Nahe beim Wald. Ein Ort also, der nicht nur malerisch und sehr ursprünglich war, sondern auf eine gewisse Art in Sicherheit lag.
Mein Vater hatte Viehzucht, etwas Landwirtschaft, meine Mutter – und uns drei Jungs. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann er uns verbot, auf die andere Seite des Hügels zu gehen, die genau hinter unserem Haus lag.
Dort auf dem Hof als Kind zu leben, war für mich wie auf einer einsamen Insel, von der man nur die Südhälfte kennt. Diese ist saftig und nahrhaft, wie man sich den Garten Eden vorstellt, und auf der Nordhälfte, dort, wo niemals die Sonne scheint, dort lebten die Menschenfresser. Das ferne und doch nahe Unheil – wie auf jeder doch nicht so einsamen Insel…
Nein. Ich glaube nicht, dass ich als Kind so dachte. Wahrscheinlich interpretiere ich das jetzt hinein. Es passt zu gut. Wahrscheinlich ist es deswegen erfunden. Denn in Wahrheit passen immer ein paar Dinge nicht zusammen. Unser Verstand ebnet die Ungereimtheiten ein. Ähnlich aber, ja, so muss ich empfunden haben.

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mich gut daran erinnern kann, wie mein Vater uns drei Jungs mit auf die andere Seite des Hügel nahm, als unsere Fragen über den schwarzen Rauch und der Lärm, der von dort aufstieg und polterte, ihm wohl genug waren. Er war nie ein guter Lügner. Das machte ihn zu einem harten, aber guten Menschen.
Ich weiß noch ganz. Genau. Wie wir. Bereits. In. Der Dämmerung. Den Hügel emporstiegen. Durch das Wäldchen gingen. Dem Lärm entgegen. Da sprang ein Fuchs oder Marder davon. Ein erschrecktes Tier. Auch wenn mir schien. Als flüchte er nicht vor uns. Sondern vor dem. Was uns erwarten MUSSTE.

Meine Schule lag 5 Kilometer entfernt – in die andere Richtung. Im Dorf. Das war bis dahin meine weiteste Reise gewesen. Zwar hatten wir von den Deutschen gehört. Der Lehrer hatte uns von ihnen erzählt. Doch nur so. Wie man mit Kindern spricht. Und er hatte uns nicht erzählt, dass sie eine Stadt gebaut hatten. Direkt hinter unserem Haus. Vielleicht war die Stadt auch schon da gewesen und die Deutschen hatten sie sich einfach genommen. Ich weiß es nicht. Wie wir dann aber. Aus dem Dickicht kamen, zeigte sich uns ein Anblick, wie ich ihn nie erwartet hätte. Es war die Hölle. Doch nur im ersten Moment.
Es sah nicht real aus. Gar nicht. Heute würde man meinen, dass im Film die Computer-Animationen nichts geworden sind. Es sah irgendwie plump aus. Unwirklich. Billig. Dieses Monstrum. Der Organismus. Das Konzentrationslager. Das schnaufte und ächzte. Wie ein Herz.

Die Barracken. Die Hallen. Die Häuser. Der Zaun, der überall war. Die Wachtürme und Hunde. Überall dieser Schlamm. Dazwischen gesunde und schmutzige Menschen. Soldaten und Gefangene. Herren und ihre Opfer.
Mein Vater. Erklärte es uns. Erklärte es uns so, dass wir Kinder es verstehen konnten. Wer dort gefangen war. Und wer die Nazis waren (komisch – ganz anders als in den Filmen, erinnere ich mich an kein einziges Hakenkreuz in der Anlage). Warum dort die Gefangenen und die Wächter dort das taten. Was sie taten.
An diesem Abend sah ich meine ersten Erschießungen. Es waren nicht viele. Sie geschahen sporadisch. Im Vorbeigehen. Es waren keine Hinrichtungen im klassischen Sinn.
Warum die Menschen sterben mussten? Weil sie schlecht seien, erklärte mein Vater. So einfach sei das.
Wie schlecht waren sie denn? Richtig schlecht.
Waren denn dann die Deutschen die Helden? Nicht unsere Helden, war die Antwort, doch die Nazis halten sich bestimmt dafür.

Ich weiß nicht wie lange wir dort standen. Eine Ewigkeit. Oder nur einen Moment. Aber ich weiß, dass ich mich immer wieder dort hoch schlich. Die Menschen und ihr Treiben besah. Wie sie arbeiteten und starben. Manchmal sah ich auch, wie sie sich paarten. Die Uniformierten, mit den Anderen. Auch direkt danach wurde gestorben.
Ja. Ich weiß was ich sah. Und dennoch trifft mich keine Schuld. Denn was hätten wir denn machen sollen? Mein Vater? Das Dorf? Die Brüder? Ich? Das Lager stürmen? Die Soldaten bekämpfen? Die Menschen befreien? Wie naiv sind sie eigentlich?

Mit den Jahren – ja, mit den Jahren – wurde das Lager Normalität. Die Normalität meiner Kindheit. Es wuchs sogar. Wie ein Tumor, würde ich heute sagen wollen, doch damals waren meine Brüder und ich sehr von den gigantischen Dimensionen des Apparates beeindruckt. Die Soldaten sahen uns. Hin und wieder. Sie winkten uns zu. Wir winkten zurück. Dann wurde wieder geschossen. Totgeschlagen.
Heute würde man sagen, wir stumpften ab gegen die Grausamkeit. Doch so war es nicht. Es war keine wirkliche Grausamkeit für uns. Denn das waren ja die Bösen. Die hatten es verdient. Irgendwann meinte mein Vater im Scherz zu meinem Bruder, seinem jüngsten Sohn, dass wenn er böse sei, er auch ins Lager müsste – früher hatte er noch mit dem Nikolaus gedroht. Wir lachten darüber.
Es wurde nach einer Weile langweilig das Lager zu beobachten. Das Leben ging weiter. Die Schule. Die Freunde. Erst, als die männlichen Triebe in mir aufkamen, als ich wirklich Voyuer wurde, kehrte ich zurück.

Da lag ich in der Sonne. Sah zu. Gern hätte ich ein Fernglas benutzt, das erschien mir aber als zu gefährlich.
Ich hatte mich vollkommen an die Logik des Lagers gewöhnt. So wie es einmal völlig normal war, das Tabak nicht den Menschen durch seinen Rauch tötet, sondern das es (im Gegenteil) sogar gesund sei. Die Wahrheit wird von der Logik bestimmt – doch wer bestimmt die Logik?
Die Zeit und sein Geist.

Ich kann mich nicht schlecht fühlen, wenn ich an damals zurückdenke. Es war einfach ein Teil meiner Kindheit. Kein Verbrechen. Sondern Tatsachen, die sich vor meinen Augen abspielten. Manchmal, wenn ich betrunken und zynisch bin, erscheint mir das Lager wie eine Parabel auf das Leben, das Arbeitsleben an sich: Menschen schufteten, paarten sich und starben. Im Zeitraffer – wo ist da der Unterschied zu heute? Weil wir freiere Sklaven sind? Entschuldigen sie… Ich bin betrunken… Da zieht man schlechte Vergleiche. Aus der Emotion heraus…

Wann ich genau begriff, was das Lager in Wahrheit war, kann ich nicht mehr sagen. Meine Familie floh bevor die Russen kamen. Bevor sie das Lager befreiten. Und selbst wenn ich es gesehen hätte, hätte mir wahrscheinlich das Verständnis gefehlt; dieses Verständnis kam erst nach und nach. Mit den Jahren. Und irgendwie war mir so – auch erst nach einer Weile -als hätten alle Deutschen es gewusst, es nur nicht wissen wollen, es nicht verstanden, es gewollt oder ignoriert, ganz gleich: Sie wussten es. Und mir war klar, das Wissen nichts ändert. Hat es nie. Auch heute nicht. Besonders nicht im Internet-Zeitalter.
Was? Warum fragen sie noch einmal?
Ja. Ich hatte eine schöne Kindheit. Eine wirklich schöne Kindheit… Ich sag das nicht im Trotz. Sondern weil es die Wahrheit ist.