Wenn Angela Merkel Kinder hätte, gäbe es in Deutschland auch keine Flüchtlinge

So was bekomme ich original in der Arbeit zu hören. Einer dieser berühmten Sätze, bei denen man nicht weiß ob man Lachen oder Weinen soll. Wirklich? Glaubt ihr das tatsächlich? Hätte Angela Merkel also Kinder, hätte sie die Grenzen dicht gemacht (die nicht sie aufgemacht hat, sondern die Welt eines vereinten Europas ständig offen hielt) und alle Flüchtlinge im Winter erfrieren oder sie gleich erschießen lassen. Um ihre eigenen Kinder zu schützen. Vor Leuten, die niemanden etwas getan haben. Machen das Leute die Kinder haben? Verachten und hassen sie Fremde, weil sie eine potentielle Gefahr darstellen?

Ohne Zweifel ist jedes Verbrechen, dass hier in Deutschland begangen wird, eins zu viel. Es ist erst einmal egal von wem es begangen wird. Aber wenn es von Geflüchteten verübt wurde, dann erst Recht. Das ist auch meine Meinung. Es ist weder mir noch anderen zu erklären, wie man sich einem Land, dass sich gütig und gnädig gezeigt hat, undankbar, also strafbar gegenüber zu verhalten. Es muss konsequenter abgeschoben worden – da sind wir uns alle einig. Nur blöd das der Rechtsstaat sich da oft selbst im Weg steht; Fluch und Segen zu gleich. Vergewaltigungen und Mord können nicht geduldet oder schöngeredet werden, ganz gleich wie traumatisiert oder Gesellschaftsfremd ein Mensch auch sein mag. Es gibt keinen Grund diese Leute auch noch in Schutz zu nehmen. Erst recht nicht bei der politischen Lage. Tatsache ist aber auch, das sehr wenige Straftaten begangen werden, rein statistisch gesehen. Wenn eine Millionen Menschen in ein Land kommen und innerhalb von 3 Jahren „nur“ 30 Menschen von ihnen ermordet werden, ist und bleibt natürlich jeder Tote einer zu viel (und das wird sich auch nicht ändern, selbst wenn es ein einziger Ermordeter oder 500 wären), statistisch betrachtet ist das aber eine gar nicht mal so üble Quote. Und so hoch ist der Anteil an Frauen daran überraschenderweise nicht einmal (ich persönlich nahm an, dass das „schwache Geschlecht“ viel stärker betroffen sei).

Zurück zum Thema…

Ich habe das in meiner Umgebung häufiger gehört, dass wenn ich Kinder hätte, ich nicht so LINKS sein würde. Ehrlich gesagt bin ich gar nicht LINKS. Ich bin ein treuer Fan des Grundgesetzes. Das ist echt ein gutes Buch. Und ja, ich mag Europa, so wie den europäischen Gedanken, dass wir für unsere Rechte und Freiheiten eintreten, und die nicht gleich über Bord werfen, nur weil die „AFD“ oder „die Linke“ es gern so hätten. Vor ein paar Jahren war man da noch Mitte der Gesellschaft, heute ist man links. Aha. Auf jeden Fall beschäftige ich mich seit einiger Zeit damit „Kind“ zu haben und was für eine Welt ich ihm hinterlassen will. Entweder eine Welt in der es Gefahren gibt (die es übrigens immer geben wird), in der es auch irre oder einfach nur desillusionierte Zuwanderer gibt (die sind nicht weg zu diskutieren, auch wenn 99 Prozent dieser Leute friedlich sind und die Schnauze voll haben von Mord, Krieg und Armut) oder eine bereinigte Welt, in der alles wegkommt und niedergemacht wird was fremd ist: Eine sichere Welt, die von Angst beherrscht wird, sobald ich einem Fremden begegne, der anders ist als ich. Klar will ich nicht, dass meinem potentiellen Kind Gewalt angetan wird. Wer will das schon? Aber rein statistisch gesehen wird meinem Kind von einem Familienmitglied mehr Gewalt angetan, als von einem Kerl, der einen ganzen Kontinent und ein Meer überquert hat. So gesehen müsste ich meine Familie aussperren. Nicht den Fremden. (Okay, ein wenig albern formuliert. Der Punkt sollte aber ankommen). Nein. Ich will nicht, dass mein Kind in Angst vor der Welt leben muss. Ich will nicht, dass es Fremde hasst und erst Recht nicht, es sich für besser als andere Menschen hält. Ich halte es auch für Unsinn zu glauben, dass ich die Welt dadurch Gefahrenloser für meinen Nachkömmling machen kann, in dem ich das was fremd ist, von unserem Leben ausschließe. Denn in die Menschen, in die kann man nie hineinsehen. Egal ob er schon seit 30 Jahren der Nachbar meines Vaters ist. Oder frisch vom Boot kommt.

Und was ist, wenn ein Geflüchteter kommt und mein Kind tötet und vergewaltigt? Würde ich dann nicht diese Menschen hassen? Seien wir ehrlich: Natürlich würde ich das. Es gibt Menschen, die können in dieser Situation abstrahieren und sagen: „Nicht alle Geflüchteten sind so. Es war nur einer von Millionen.  Was wäre dann, wenn ein URDEUTSCHER mein Kind misshandelt und getötet hätte? Würde ich dann alle Deutschen hassen? Ergibt es Sinn eine Bevölkerungsgruppe zu hasse, nur weil ich sie kategorisieren kann?“ Wie gesagt, es gibt Menschen, die so logisch denken können: Ich könnte es nicht. Selbstverständlich würde ich DIE hassen. Aber. Ich wäre auch so weltfremd und würde alle mir fremden deutschen Männer hassen, wenn sie meinem Kind oder meiner Frau etwas antun. Es ist nicht logisch. Trotzdem würde es sich RICHTIG anfühlen. Auch wenn die eine Millionen Geflüchteten nichts dafürkönnen. Oder im anderen Fall 40 Millionen deutsche Männer. Wer Angehöriger von Gewaltopfern ist oder wem selbst Gewalt angetan wurde, muss sich nicht logisch verhalten. Wer das aber nicht ist, der sollte abstrahieren können. Denn er muss logisch und vernünftig denken können. Ja er MUSS. Sonst ist er einfach ein Depp.

 

Diesen Ausgangssatz: „Wir hätten keine Flüchtlinge in Deutschland, wenn Angela Merkel Kinder hätte“, habe ich in der Arbeit gehört. Von einem eigentlich vernünftigen, wenn auch nicht gerade hellen Kerl. Für mein Befinden machen die unzähligen Whatsapp-Gruppen die Leute immer dümmer. Da wird viel zu viel in der eigenen Bubble gelebt und argumentiert. Geschlossene Gruppe sind einfach bescheuert.

Meine Antwort auf den Satz war (auch, wenn es sich darum nicht einmal um eine Frage gehandelt hat): „Okay. Ich weiß, dass ist jetzt ein wilder Vergleich, aber ich kann es nicht anders formulieren. Obwohl ich sicherlich nicht finde, dass die Merkel alles richtigmacht. Aber. Glaubst du, dass Jesus Christus ein anderer gewesen wäre, wenn er Kinder gehabt hätte? Glaubst du ehrlich, dass er seinen Nächsten gehasst hätte, um seine Kinder zu schützen?“

„Willst du jetzt Angela Merkel mit Jesus Christus vergleichen?“

„Irgendwie, na ja. Klingt fast so. Die eigentliche Frage ist aber, ob du ein Christ bist, oder dich das Elternsein zum Egoisten macht. Christ sein und nur an seine eigene Familie zu denken, ist leicht. Nur ist es leider nicht das, was einen Christen ausmacht. Für welche Werte stehst du? Sonst bist du witziger weise der Scharia näher als dem Christentum.“

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4 tote Kinder

Meine Nachbarin ist ein Idiot. Kein schlechter Mensch. Nur ziemlich dumm. Die Wohnung unter uns ist ihre erste Wohnung eigene und die Monate haben gezeigt, dass sie alleine fast nicht überlebensfähig ist. Sie trifft ständig die falschen Entscheidungen und hängt mit den falschen Leuten herum. Schon komisch: Früher war ich einer der „falschen Leute“. Heute treffe ich ein Urteil über sie.

Sie genießt es augenscheinlich nicht mehr unter dem wachsamen Auge ihre Mutter leiden zu müssen. Sie hat ständig verschiedene Typen. Drogenleute. Auch nicht von der hellsten Sorte. Was mir natürlich vollkommen egal ist. Hauptsache. Es ist nach 10 Uhr abends ruhig und mir parkt keiner die Einfahrt zu. So bin ich geworden.

Die Typen kommen und gehen. Und sie ist nun wirklich nicht die Schönste. Aber so ist das bei einer Frau, wenn zwischen ihren Beinen Tag der offenen Tür ist. Klar tut sie mir irgendwo leid dafür, dass sie sich ständig ausnutzen lässt und von den Typen nur verarscht wird. Das hat sie mir selbst erzählt. Doch jeder trifft seine eigenen Entscheidungen.

Vor etwa einem Jahr klopfe es an unserer Haustüre. Die Nachbarin. Sie wollte mit meinem Lebensgefährten sprechen. Er ist raus und dann wurde laut an der Türe geredet. Eine halbe Stunde lang. Und am Ende sagte sie, mein Freund solle mir davon nichts, was ich die ganze Zeit im Zimmer nebenan mit dem Kindl auf dem Schoß schon mitgehört hatte: Sie war schwanger. Und mein geliebter Freund, seines Zeichen Doktor der Medizin, gab ihr ein paar Ratschläge. Zwei Wochen später war sie nicht mehr schwanger. Und mit den Tipps zur Empfängnisverhütung sollte es auch so bleiben.

Ein halbes Jahr später klopfte es wieder an der Türe. „Es ist schon wieder passiert.“ „Wie es ist SCHON WIEDER passiert?!!“ Mein Freund war außer sich. Was für ne Assi-Braut. Sie wusste nicht einmal, von wem das nächste Kind war. Zweifelhaft ob sie es beim ersten wusste. Mein Freund führte ein sehr ernstes, weniger empathisches Gespräch mit ihr, als beim ersten Mal. Und zwei Wochen später war sie nicht mehr „in froher Hoffnung“. Es war für alle Beteiligten der beste Weg. Wie sollte eine Frau wie sie auch noch für ein weiteres Leben Verantwortungen übernehmen, wenn sie es nicht einmal für sich selbst kann?

Vor ein paar Jahren stellte mir ein Freund eine Bekannte von ihm vor. Ich freundete mich mit ihr an. Ein Jahr und 5 Monate vor dem heutigen Tag, stellte sie mir ihren neuen Freund vor. Ein Pfundskerl. Wenn auch ein wenig klein an Wuchs. Sie wollte immer Kinder bekommen. Doch wegen einer Operation in ihrer Vorgeschichte war die Wahrscheinlichkeit gering. Sie wurde trotzdem schwanger. Wir freuten uns alle sehr für sie. Und dann auch noch Zwillinge. Doppeltes Glück. Die Wochen, ein paar Monate gingen ins Land, bis die Herztöne der Zwillinge verstummten. Nicht nur der Himmel weinte. Das Wehklagen wimmerte stumm aus unseren Telefonen, als unsere Daumen die Kurznachrichten verschickten. Ich hätte nicht gewusst, was mein Mund an direkter Sprache hervor gebracht hätte. Was kann es schlimmeres für eine Frau geben, als ihre toten Lieblinge gebären zu müssen?

4 tote Kinder.

2 die unbedingt gewollt wurden, aber nicht lebensfähig waren.

2 die wahrscheinlich lebensfähig waren, aber von keinem gewollt wurden.

Nur in Märchen ist das Leben fair.

Und die ganze Welt schaut auf die Fußball-WM.

„WWE“ Wrestling live in München, es war der 20.05.2018

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Als wir noch kleine Jungs waren, liebten wir die WWF, die Wrestling-Show aus den USA. Es war die Zeit des Brad „the hitman“ Hart, Hulk Hogan, dem Undertaker oder wie die ganzen Figuren auch so hießen. Als Kind sind diese Heldengeschichten natürlich toll. Große Männer, fast schon Superhelden, die sich „auf die Fresse“ geben. Wie groß die Versuchung ist auf solchen Heldenbildern hängen zu bleiben, sieht man an der Entwicklung des Massentauglichen Kinos der Gegenwart. Das Marvel-Kino, dessen Produkte ständig Einspielrekorde brechen, zeigt an was passiert, wenn Kinder nicht erwachsen werden wollen. Wir, die Konsumenten, bleiben die ewigen Kinder und träumen uns Fantasy-Welten zusammen. In diesen Traumwelten, in denen nie jemand verletzt wird, höchstens durch ungeplante Unfälle,  gibt es den ständigen Kampf zwischen gut und böse, der uns die Tristesse unseres eigenen Lebens vergessen macht. Einerseits würde ich es gern kaputt schreiben, diese Flucht in eine andere Welt, andererseits ist das nur natürlich, wenn man mit der Komplexität der Gegenwart nicht klar kommt und sich deswegen in eine geordnete Welt flüchtet, die übersichtlich und gleichzeitig spannend ist.

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Selbstverständlich ist Wrestling totaler Quatsch. Männer und Frauen schlagen aufeinander ein, ohne sich tatsächlich zu treffen oder auch nur den kleinsten blauen Fleck davon zu tragen. Doch selbst wenn man das weiß, kriecht einem hin und wieder ein „Boah“ aus dem Mund wenn man sieht, wie die Athleten durch geworfen und aus dem Ring fliegen. Das IST spektakulär. Und es ist auf eine bestimmte Art auch ECHT. Was man da sieht ist große Körperkunst. Aber halt ohne Brutalität. Das ist ebenso absurd wie faszinierend.

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Jeder der „Kämpfer“ hat seine eigene Geschichte. Jeder hat seinen Charakter, seine Hintergrundgeschichte, seine Gesten, die das Publikum sowohl mitreißen, oder auch abstoßen soll. Seien es die erhobenen Zeigefinger eines Daniel Bryan, zu dem das Publikum bei jeder Bewegung „Yes“ ruft oder das Zerreißen seines T-Shirts durch den Bulgaren Rusev, der sich, um das Münchner Publikum zu provozieren, vor und im Kampf ein Trikot von Real Madrid anzog, um die Bayern zu verspotten (da erst kürzlich Real Madrid den FC Bayern aus der Fußball Champions League schoß). Jeder ist ein Teil des Balletts der Körper. Das ist Show, das ist Theater, das ist Unterhaltung. Ich glaube, amerikanischer geht es nicht mehr. Na und?

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Den größten Star den das Wrestling,  ich glaube sogar das WWE, hervorgebracht hat, ist Dwayne „the rock“ Johnson. Dieser Musterknabe ist ein gutes Beispiel dafür, wie die „Kämpfer“ heutzutage aussehen. Durchtrainiert, aber charismatisch. Ebenso die Frauen, die wie die besseren Pornostars auftreten. Es ist nicht schmuddelig und plump, spielt aber Aufgrund der zur Schau getragenen Nacktheit mit diesen Begriffen. Und natürlich ist das Acting der Schauspieler oftmals einfach nur schauderhaft schlecht. Gerade im Ring, wenn man so getan wird als würde man Schmerzen empfinden. Oder als würde der Badboy nicht damit klar kommen, dass das Publikum einen nicht mag. Ja. Das ist alles Bullshit. Und jeder muss sich selbst dafür entscheiden, ob er das mag oder nicht. Seichte Unterhaltung, für schwere Leben.

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Wir haben für die Ringkarten je 120 Euro ausgegeben. In der vorletzten Reihe. Das ist nicht nur ein stolzer Preis. Das ist einfach überteuert. Und dumm. Schließlich kannten wir keinen einziger „Kämpfer“ und haben uns das nie wieder im Fernsehen angesehen. Wir waren mehr damit beschäftigt Cocktails in uns hinein zu schütten und Wetten darauf abzuschließen, wer wohl den nächsten Kampf gewinnt, als uns auf die Show wirklich einlassen zu können. Für viele andere Besucher dagegen war das Event ein Highlight. Und wir taten gut daran den anderen die Show nicht kaputt zu reden. Ist es denn nicht genauso lächerlich, wenn Millionen Leute bei einer Fußball-WM ihren Teams zu jubeln? Ist doch alles nur ein Spiel. Ist doch alles nur Show. Nach einem Wrestling- wie Fußballmatch ist nichts geklärt oder bereinigt. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Es geht nur darum, wie du dazu stehst. Ich werde nicht mehr zur WWE gehen. Mir war der Ring zu niedrig und ich konnte von meinem Platz aus die Show am Boden des Ringes nicht sehen (das war wie im Augsburger Eishockey-Stadion, wo man eine lange Zeit als Zuschauer nicht überall das Eis sehen konnte). Und auch ansonsten war es eher so na ja. Aber was solls? Ist halt nicht meins. Nun. Dann ist es vielleicht eures. Das ist doch auch okay. Und diesen einen Kick von AJ Stiles gegen Nakamura will ich dann doch niemanden vorenthalten, denn von unserem Platz aus war es der einzige Treffer, der wirklich ins Ziel ging.

Das ist wie bei der Formel Eins. Wenn Idioten nur für die Unfällen hingehen.

Der größte Wermutstropfen war für uns lächerlicherweise, dass wir nicht mehr diese großen Jubelschaumstofffinger kaufen konnten. Diese riesigen Hände, die man sich über die eigene Hand stülpt. Den. Hätte das Kind in uns doch gerne gehabt.

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Ecstasy für Mama und Papa

Ich mach‘ mir die Welt – widdewidde wie sie mir gefällt …

 

Vor etwa 2 Jahren schrieb mich auf Facebook eine Frau an, die ich nicht kannte. Wenigstens glaubte ich es in der ersten Zeit, dass ich sie noch nirgends getroffen oder gesehen hätte. Durch ihre Hartnäckigkeit und bei genauerer Betrachtung „kannte“ ich sie dann doch, aus einem anderen Leben. Sie war die Freundin eines Bekannten, nur ist sie die Frau. Keines wirklichen Freundes, einer jener Partyjünger, die man als alter Raver in seinem Umfeld hat und „der halt irgendwie dabei ist“, so wie ich für ihn halt irgendwie dabei war. Ein Freund von Freunden. Man geht zusammen in der Gruppe weg, kennt sich oberflächlich. Tanzt zusammen. Klinkt die Teile. Hat Spaß. Und „Auf Wiedersehen“.

Seine Freundin hatte ich vielleicht 2 bis 3 Mal getroffen und deswegen kaum eine Erinnerung an sie, nur das er sie im Feierkontext kennen gelernt hatte, in einem Club in München in den wir fast jedes Wochenende fuhren. Dann war das Pärchen weg. Irgendwas mit eigenem Kind. Bis hierhin eine normale Geschichte Ende 90ger, Anfang der Nuller Jahre.

 

„Auf Facebook schreiben einem immer die falschen Leute aus der Vergangenheit“ dachte ich mir damals, oder wie oft hat dich schon eine scharfe Mieze angeschrieben, in die du vor vielen Jahren verliebt warst und die jetzt, aus Gründen, die sie selbst kaum kennen kann, jetzt also ganz plötzlich auch sehr an dir interessiert ist; und selbstverständlich sieht sie noch BESSER aus als damals, nicht gealtert, sondern gereift, gerade da, wo es wichtig ist… Also nein. Solche Geschichten schreibt Facebook nicht. Wenigstens bei niemanden den ich kenne. Obwohl ich dort mit einigen Hochstaplern und Lügnern befreundet bin.

 

Die Frau, deren Name und Gesicht mir nichts sagte, holte mich über ein Bild ihres Mannes in das Boot unseres gemeinsamen Verständnisses: Aha. Oh je. Das ist „der schnelle Tobi“.

Der schnelle Tobi war niemals so schnell und so sehr auf Drogen wie der Name vermuten lässt. Nur hin und wieder halt, ein lustiger Kerl, der mir jedoch wie erwähnt immer ein wenig fremd geblieben ist.

Sie würden wieder feiern gehen, ob ich da mitmachen würde? Ich so als alter Haudegen.

Und ich im Kopf so: „Na ja… Muss jetzt auch nicht sein…  Es gibt ja auch Gründe warum das auseinander ging. Eigentlich hab ich schon Freunde. Aber. Unhöflich will ich auch nicht wirken.“ Feiern heißt hier, also wieder mit Drogen. Das war ganz klar herauszulesen. Was nicht schlimm ist, da kenne ich ganz andere, aber Leute die Kinder haben und nach 15 Jahren (Scheiße sind wir Alle alt geworden!) wieder damit anfangen, davon habe ich noch nie gehört. Irgendwie klingt das asozial. Irgendwie kaputt. So mit Kindern. Da stimmt doch was nicht. Doch auch aber dem Argument, dass man jetzt 15 Jahre clean war und jetzt wieder ein bisschen Spaß haben möchte, konnte ich folgen. Schließlich waren die 15 Jahre brav. Da sollte man jetzt doch mit Drogen umgehen können… Bei mir sind und waren es keine 15 Monate her.

Also schob ich diese Reunion eine Weile vor mir her. Hin und wieder Geplausche über den Facebook-Messenger, bis irgendwann doch die Party kam, wo man sich traf.

 

Eine Open-Air-Party auf der die beiden Schatten aus der Vergangenheit mit Freunden druff herum bogen, ich dagegen wie immer gut angetrunken, insgesamt: Alle freundlich und offen. Und da machte es „Klick“. Viel Gerede über Früher. Und noch mehr Verwunderung darüber, dass man im Gegensatz zu damals sich jetzt so PRÄCHTIG versteht. Jeder für sich war halt doch nicht nur gealtert, sondern gereift. Erwachsenen Spaß hatten wir zusammen, gerade und weil wir nicht nüchtern waren.

Gerne mal wieder.

 

Meine anderen Freunde, die, die Frau vom schnellen Tobi und ihn selbst noch von früher kannten, jetzt auch Kinder haben nur keine Drogen mehr nehmen, waren skeptisch. „Drogen? Mit Kindern?“ „Die nehmen die Drogen ja nicht MIT ihren Kindern. Die haben das super unter Kontrolle und sind super nett. Die brauchen halt wieder ein wenig WÜRZE in ihrem Leben.“ „Ich weiß ja nicht… So mit Kindern… Da ist doch irgendwas im Busch. Und irgendwann lernt sie dann jemand kennen und lässt ihn stehen.“ „Warum ausgerechnet sie? Wurscht… Sollen wir nicht mal gemeinsam mit denen was machen? Denn eigentlich sind das früher EURE Freunde gewesen, nicht meine.“ „Ja klar. Super. Cool. Machen wir dann irgendwann mal.“ Dazu kam es natürlich nie.

Bei mir schon. Ich ging mit denen feiern und mochte sie sehr. Ihre offene und nette Art. Man fand sich gegenseitig super sympathisch. Hatte den gleichen schwarzen Humor. Und kam gar nicht mehr davon los sich darüber zu wundern, dass man sich jetzt im Gegensatz zu früher so toll versteht; absolut unverständlich schien das zu sein und ebenso groß war die Freude darüber, dass das jetzt so anders ist. Ein paar Stunden später dann, auf XTC, in der totalen Prallness. Verstand man sich natürlich total und super gut. Nur vorher. Komisch. Vorher hatte man sich sogar noch besser verstanden. Ohne die Drogen im Kopf. Eine gelungene Nacht.

„Das wiederholen wir mal!“

„Gerne!“

Ganz nah kam man sich da. So geöffnet wie man sich fühlt, wenn… In dieser emotionalen Ehrlichkeit der Dichtness, die die Grenzen zwischen dem Du und dem Ich verschwimmen lässt. Obwohl vorher fast noch besser war. Das Gespräch und das echte geteilte Lachen. Die Klarheit der Verständnis.

 

Meine anderen Freunde blieben dabei: Der schnelle Tobi? Geiler Typ, damals. Jetzt klingt das irgendwie so asozial… Da kann man kein Verständnis für haben. Jetzt. In dem Alter. Und du (also ich) hast halt keine Kinder. Lass mal. Da ist doch eh was im Busch.

 

Und ich verstand das gar nicht. Wie die Menschen kein Interesse an denen haben können. Obwohl ich anfangs selbst so war. Und jetzt. Voller Naivität. Wo ich doch so offen war. Wollte und konnte ich nicht erkennen, dass da eben doch mehr, dass es da eben doch Probleme gab, dass es da immer auch GRÜNDE geben muss, warum…

 

Und ich mach‘ mir die Welt – widdewidde wie sie mir gefällt …

 

Und deswegen ist alles gut gelaufen. Wir haben es allen anderen gezeigt. Den Zweiflern. Den konservativen Kleinfamilien-Fetischisten. Die aus ihrer Gefangenschaft, wie Dinge zu haben und zu sein sind, nicht heraus kommen können. Die mit dieser unterschwelligen Angst vor der Zukunft leben, nur nicht aus der Rolle zu fallen. In Panik vor jenen Erkenntnissen, für die man  einen Schritt zurückgehen muss, jedoch auch zwei nach vorne kommt.

Abenteuer enden nicht wie in Filmen mit der Hochzeit oder einer Geburt, mit Kindergarten und aufgeschlagenen  Knien, den ersten Pickeln und der Revolution gegen jene, die einen ihr Leben lang geliebt und erzogen haben. Da ist mehr. Da sind doch auch die Personen selbst. Der Typ, den sie früher „den schnellen Tobi“ nannten. Und die Frau, die er geheiratet hat. Eltern sind auch Menschen. Jeder für sich alleine. Und Beide zusammen.

 

Und ich mache mir die Welt… In meinem kunterbunten…

Bad Mum

In der Nacht ist sie mit ihren „alten“ Freundinnen unterwegs. Sie kennen sich seit bald 30 Jahren. Fast ihr ganzes Leben lang. Eigentlich waren sie Alle nie „Wooo!-Girls“ gewesen, doch das Herauskommen aus der Kindergärtlichen, Grundschulischen Tristesse machte sie dazu. Endlich konnten sie all das Fahren lassen, was sie sonst immer zu Räson brachte: „Wooo! Keine Kinder!“ Die Sekt-Gläser klirren aneinander: „Heute ist Kinderfrei! Woooo!“

Ständige, fürsorgliche  Liebe und ein gutes Vorbild-Sein ist anstrengend. Da braucht es hin und wieder… Sie weiß schon vorher, dass sie um spätestens 11 Uhr müden sein würde, da geht es den anderen ihrer Weiber aber auch nicht anders.

 

Früher – in einer Zeit bevor die Zahlen erfunden wurden und es demnach unmöglich ist, zurück zu rechnen, wie JUNG sie damals waren und wie viel Zeit vergangen ist – hatten sie doch auch die Nächte und Tage durchgemacht. Jedes Wochenende woanders. Frankfurt. München. Nürnberg. Würzburg. Manchmal auch Berlin. Kein Problem. Und waren sie heute denn nicht dass, was man heute eine MILF nannte? War das denn nicht ein Kompliment? Über 30 zu sein und immer noch potentiell erregend? Eine Hot-Mum? 30 ist heute doch kein Alter mehr. Auch, wenn sie das vor 10 Jahren selbst noch ganz anders sahen… Nein. Es liegt nicht an der Selbstwahrnehmung, und dass sie „nicht erwachsen werden“ wollten – dieses Prädikat haben die Kindsköpfigen Männer für sich gepachtet – DIE ZEITEN haben sich einfach verändert. So ist das doch. Und nicht anders. Wer hätte sich früher auch noch einen schwulen Außenminister und eine KanzlerIN vorstellen können? Und in dieser neuen Zeit, sind sie nicht mehr alt. Niemand ist mehr zu alt, wenn er sich nicht so fühlt. Oder man ist vielleicht über 40. Das sieht dann natürlich wieder ganz anders aus… Und die jungen Leute. Nun. Die sind halt einfach jünger, so wie sie schon seit 10 Jahren jünger waren.  Wen interessiert es? Und selber war man doch eigentlich blöd, dass man die alten Leute auf den Party immer schief ansah. Unreif war das. Und dumm.

 

Auf Sekt folgt Sekt. Folgt Bier. Folgt Wein-Schorle. Folgt ein Joint. Das war noch nie ein Problem. Heute natürlich auch nicht. Ist doch wie früher.

 

Nein, sie will nicht zu viel auf einmal. Und man muss das doch  verstehen: Auf was man die letzten Jahre, fast schon ein Jahrzehnt lang, verzichten musste! Immer Kind hier. Kind da. Und vorher die Schwangerschaft. Umzug. Vernunft. Erziehung. Jobwechsel. Teilzeit. Halbe Stelle – und die Kinder. Heute ist nun endlich heute. Und heute ist Kinderfrei; bei aller Liebe: „Woo!“

 

Sie tanzen sie, lachen, sie stoßen an. Bis ihr schlecht wird – das ist ja noch nie passiert. Wo kommt der denn jetzt her, der Helikopter im Kopf? Und alles dreht sich, dreht sich, dreht sich. „Ich weiß gar nicht woher das kommt“, murmelt sie noch zu ihren besten Freundinnen hin – und dann kotzt sie sich die Seele aus dem Leib. Lange. Laut. Und permanent. Nach einiger Zeit hat auch keine der besten Freundinnen mehr Lust ihre Haare zu halten oder sie aufzumuntern. Sie ist halt doch keine 20 mehr. Vielleicht fehlt es doch ein wenig an Training…

 

Währenddessen stehen die Freundinnen rauchend an der Seite und zucken mit den Schultern, tauschen Blicke und Wörter darüber, dass es doch wirklich ein jemand nervig ist, dass ihr das JEDES Mal passieren muss… Wenigstens einmal könnte sie sich doch vielleicht nicht übernehmen.

 

Inzwischen bricht und bricht sie weiter. All die Zeit hinfort die ihr durch die Kinder „verloren“ ging. All die Zeit, in der sie mehr Mutter als Frau war. Und sie bereut es inständig dass sie es heute wieder einmal ersucht hatte, keine Mutter von zwei „Kids“ zu sein, sondern eine Frau. Ihr war so unglaublich schlecht. Bitte lieber Gott…. Sie würde auch für immer eine gute Mutter bleiben… Wenn das nur endlich aufhört…

 

Die Kinder der anderen

In ihrem Traum, traf sie alle Kinder, die sie nicht besonders schätzte. Da war der besserwisserische Justin der Mauermeiers. Der störrige Niklas der Zotts. Die vorlaute Lara der Hondrichs. Auch wenn sie, die selbst Mutter war, Kinder insgesamt mochte, empfand sie es schwer die Kinder von anderen wirklich zu akzeptieren. Sie hatte nie etwas gegen sie, nur mochte sie die halt nicht so besonders… Ein wenig doof waren die Alle… Ihre Kinder dagegen, die liebte sie abgöttisch. So sehr, wie eine Mutter ihre Kinder nur lieben konnte. Und in diesem Traum, da war das irgendwie… Ein Problem. Der Justin, der Niklas und die Lara, sahen sie flehend, doch auch strafend an.

Was hast du uns angetan?

Sie erwachte, nass geschwitzt. Mit diesem komischen Gefühl, dass es falsch sei, ihre Kinder so sehr zu lieben, wie sie es gar nicht anders konnte.  Denn so groß, stark und rein ihre Gefühle zu ihren Kleinen auch war, waren sie ebenso zersetzend all anderen Kindern gegenüber, die weder von ihren Eltern und schon gar nicht von ihr  geliebt wurden. Die Liebe zu ihren Kindern war der Grund, warum es Bosheit auf der Welt gibt… Das war die Essenz des Traumes.

Wenn ein Kind sieht, wie andere Kinder im gleichen Alter mehr umsorgt und geliebt werden, werden sie neidisch und krank. Diese Krankheit setzt sich in ihrem Unterbewusstsein fest. Sie wird Teil ihrer DNA. Den Kindern wird durch die Beobachtung, ihr eigener Mangel an liebevoller Umsorgung verständlich, vielleicht nicht rational, nur von ihrem Herzen her, und werden dadurch zu zynischen, schlechten Menschen, die laut sind und grob. Wahrscheinlich auch ungebildet. Da ist ja auch niemand, der sie unterstützt. Diese Mangelerscheinung an Liebe hat sie so werden lassen wie sie sind, all die Verbrecher, kleinen Gauner, Pegidisten und was sonst noch; das hatte sie gerade so, nach dem Aufwachen, in ihrem Herzen gefühlt. Und wenn sie selbst ihre Kinder nicht so offensichtlich vorbehaltlos und in aller Öffentlichkeit verehren oder unterstützen würde, würde die anderen Kinder, die diese Glück nicht genießen können, sich besser entwickeln, denn ansonsten könnten sie gar nicht verstehen, dass ihnen etwas abgeht… Die vorbehaltlose Liebe zu ihren eigenen Kindern, stahl anderen ihre Zukunft… Zuviel Liebe, kann etwas Böses sein… Wäre die Welt denn keine bessere, wenn wir alle Kinder gleich lieben würden?…

 

Was für ein merkwürdiger Traum. Was für merkwürdige Gedanken. Sie schüttelte den Kopf darüber. Was für ein Wahnsinn! Wie konnte ihre Liebe schlecht sein? Sie würde doch ALLES für ihre Kinder tun!… Eine Verrücktheit war dieser Traum, den sie schnell wieder vergessen müsste und es ohnehin würde… Was kann eine Mutter schon dafür, wenn die Kinder von anderen Müttern nicht geliebt werden? Das konnte sie nichts angehen. Nicht sie war es, die schlecht zu ihren Kindern war, das waren doch eindeutig die anderen. Die Rollen zwischen GUT und BÖSE sind doch eindeutig verteilt.

Aber. Sind sie das nicht immer?

Singoldsand-Festival 2016 mit u.a. Bonaparte

 

Ich stelle mir das so vor:

 

„Hey Bonaparte! Wollt ihr ein Festival headlinen?“

„Ja klar! Wo ist es denn?“

„In  (Räusper)München.“

„Wo?“

„(Unverständliches)München.“

„Ach in München? Auf jeden!“

 

Sie spielten dann doch in SCHWABmünchen, einem 13000 Seelen-Kaff.

Bonaparte auf einem Festival in Schwabmünchen klingt wie ein großes Missverständnis. Denn auch wenn die Band um den großen Diktator nicht mehr der heiße Scheiße ist, und nie wirklich Mainstream war, ist die Strahlkraft der Band größer als die des Kaffs. Wer sich aber gestern auf dem Konzert auf dem Singoldsand-Festival als anwesend präsentierte, der musste verstehen, dass gerade solche eine Band, die vom Publikum wegen ihrer ausschweifenden Bühnenshow als anarchistisch und promiskuitiv miss- und doch richtig verstanden wird, mehr auf das Land gehört als in die Großstadt, denn auf dem Land sind Bonaparte immer noch und immer ein Ereignis. Hier wird man noch lange über den „legendären Auftritt“ der Band sprechen, während die Band in der Stadt schon längst für einen kontrollierten Absturz steht, der immer gleich endet. Die Stadt ist satt und weiß schon längst nicht mehr was es für einen Jugendlichen bedeutet einen „revolutionärem Akt“ beizuwohnen. Auf dem Land dagegen brachen Dämme.

Es ist nun einmal was vollkommen anderes in der Stadt aufzuwachsen als auf dem Land, denn als pubertärer Jugendlicher muss man in ruhigeren Gefilden viel mehr Energie aufwenden um gegen den Druck der Gesellschaft zu rebellieren. Du kannst nicht nur in ne S-Bahn steigen und in ne „dunkle Ecke“ fahren. Du musst dir das selbst aufbauen. Du kannst  nicht nur mitlaufen: Du musst das Leben wollen.

Das Singoldsand-Festival ist aber mehr als die geplante Provokation eines Schweizers, der seine Band in Barcelona gegründet hat, aber wegen ihrer Attitüde immer wieder mit Berlin gleichgesetzt wird. Das Festival ist, gerade wegen seiner angenehmen Kleinness, das am Schönsten gemachte Festival, das ich seit langem besucht habe.

Jetzt könnte wieder des Ausdruck „familiär“ auftauchen, den lasse ich aber bewusst weg, in der Erinnerung an das Obstwiesen-Festival letzte Woche. Das Sindgoldsand-Festival (benannt nach dem dortigen Flüsschen wie mir gesagt wurde) ist mit unglaublich viel Liebe zum Detail mitten in die Kleinstadt gestellt worden und ist in jedem Fall einen Besuch wert. Gestern besonders, da es ENDLICH einmal in diesem Sommer sogar noch geiles Wetter oben drauf gab.

Die Leute waren super entspannt. Saßen, liefen und tanzten um ihre zwei Bühnen herum. Und mittendrin gab es noch Blechblas-Sound und oh Wunder! Das fügte sich super ins gesamte Geschehen ein. Kleine Kinder neben Jugendlichen, neben alten Säcken. Und. Es gab keine von mir beobachteten Reibungspunkte.

Man ging umher, saß auf Biergarnituren, im Pavillon oder auf der bloßen Wiese, während lachende Tweens vor der zweiten Bühne im Wasser tanzten. Es war. Ideal.

Auch die Musik war gut. Nichts zum Durchdrehen, dafür mit dem gewissen, richtigen Dreh. Sei bei Nospam auf der kleinen Strandbühne oder drüben auf der großen Bühne bei Graham Candy. Nichts zum Durchdrehen. Aber zum RICHTIG fühlen. Wir schmunzelten zu Loisach Marci, der es fast (fast) schaffte elektronische Musik mit traditioneller bayrischer Musik zu verbinden. Die 2 haben gut angefangen, verstolperten es dann trotz guter Beats, Acid-Tune und Alphorn durch die ein wenig zu penetranten Lyriks.

Bonaparte haben ich schon 4 mal live gehört, gesehen und auch meistens ziemlich derbe abgefeiert, d.h. mit Pogo, herum jumpen, schreien, was halt zu so einer Show dazugehört. Das ist nun aber auch schon ein paar Jahre her. Wir (meine Begleitung und auch) waren auf der letzten Tour des Diktators gewesen, und damals war die Band zu einer Nummer verkommen, eine Karikatur ihrer selbst. Es gab  keine wirklich frischen Ideen mehr und wir hatten das Gefühl, die Band spielt am Publikum vorbei, sie nahm es gar nicht wahr.  Deswegen war ich kritisch.

Vor uns – wir saßen erst mit dem Rücken und standen dann während des Konzerts in der ersten Reihe – tanzten kleine Mädchen um die 10 Jahre  zu imaginärer Musik. Und das war sehr süß anzusehen. Nur wollte diese Familienfreundlichkeit des Festivals nicht zu Bonaparte passen, weswegen ich schon vor dem Auftritt über eine „entschärfte Show“ fabulierte. Die gab es dann zum Glück nicht. Die Tänzer und Tänzerinnen um die Band waren genau so, wie man es kannte. Voll mit Sekt, Glitzer und am Ende splitter nackt, nachdem über eine Stunde lang das Wort und Material der „Reizwäsche“ stark provoziert und in Szene gesetzt wurde. Es gab auch eine Gummiboot-Fahrt durchs Publikum (was immer gut ankommt nun aber wirklich nichts Neues ist) und zwei sehr Körperbetonte Ausflüge des Diktators selbst in die Menge, ala StageDiven und La brass banda. Die Nähe zum Publikum die bei der letzten Tour fehlte war wieder da.  Und wie. Die Leute feierten dass und ich glaube auch der Band hat das sehr gut gefallen. Gerade bei den Zugaben sah man die lachende Genugtuung der Performer Schwabmünchen im Laufe einer Stunde komplett herumbekommen zu haben.

Es ist immer sehr schwer als Besucher zu beurteilen, wie echt das Lachen der Künstler ist, wenn man aber sah wie Bandkopf Tobias Jundt beim StageDiven von Wasserpistolen nass gespritzt wurde und er sich darüber und dabei kaputt lachte, musste sich das einfach echt anfühlen.

Für unsere kleinen Mädchen in der ersten Reihe war das nach einer halben Stunde zu echt, und nach zu viel nackten Männern und Frauen gingen sie einfach, was ich für gar kein schlechtes Statement gehalten habe: Kinder brauchen keine Grenzüberschreitung, die können einfach so Spaß haben. Die brauchen keinen verkleideten Typen der einen Berg Croissants aus seiner Unterhose zieht, anbeißt und in die Menge wirft. Kinder sind einfach Kinder. Und wir Erwachsenen werden das niemals mehr sein, egal wie angestrengt blöd wir uns auch anstellen.

 

„Bonaparte“ als Band sind aber mehr als nackte Titten und Pimmel. Das ist keine Proleten-Truppe. Was auf der Bühne geschieht ist eine an das Varieté angelehnte Kunstform. Klar ist das auch geil. Klar soll das auch erregen. Aber es sind nun einmal keine billigen Schlampen auf der Bühne und auch kein Perverser. Das ist infantile Spaßkunst. Und wer nach dem Konzert in die Gesichter der Menschen blickte sah vor allem eines: Ein kollektives Lächeln. Und so muss man aus einem Konzert rauskommen.

Bei all dem Schauwert vergisst man gerne die Musik. Bonaparte sind gute Musiker und haben auch ihre Hits. „AntiAnti“ war der Opener und dann wurde so gut wie alles gespielt was man gerne mochte, mitsangen und mitsprang (bis aus ein zwei Lieder, die man vermisste, das gehört aber auch dazu). Ich war leider überhaupt nicht mehr Textsicher und auch die Herumhüpferrei ließ ich mit meinen bald 36 Jahren sein. Das sollten die Jungen machen. Jedoch. So Herumstehend kam ich mir alberner vor als in der Menge am Schwitzen und Schreien.

 

Nach dem Konzert stand der kleine, große Diktator noch am Merch-Stand und quatsche mit den Leuten. Sehr sympathisch.

 

Wir sind dann auch bald in unsere Autos gestiegen und in verschiedene Himmelsrichtungen gefahren. War ein schöner Abend der viel Spaß gemacht hat – nächstes Jahr gerne wieder.