Wir müssen Bier werden

Unterhalten sich zwei Bierbrauer.

1: „Mann, Mann, Mann, ich bin so fertig… Mir tut alles weh, ich kann nicht mehr… Ich bräuchte mal einen Tag Urlaub, aber geht natürlich gar nichts… Von ner WOCHE wage ich gar nicht zu träumen.“

2: „Warst du beim Meister?“

1: „Ja klar, da geht gar nichts…“

2: „Du gehst da auch mit der Voll-Kommen Falschen Perspektive ran. Du musst BIER werden!“

1: „Äh… Wie bitte?“

2: „Ist doch ganz einfach. Stehst du vorm Chef und sagst: „Hier. Aua. Blöd.“ Interessierst das natürlich keine Sau.“

1: „Aber wirklich auch gar keine Sau.“

2: „Stell dir aber mal vor, er ist er, und du bist ein Bier.“

1: „ÖH…“

2: „So isses. Er würde sagen: „Guten Tag liebes Bier, wie geht es dir denn heute?“ Und dann „Oh, du siehst aber trüb oder dünn aus, was ist denn mit dir los?“ Und sofort würde es LOS GEHEN! Er würde nachsehen ob du dich wohl fühlst. Stehst du unter zu viel Druck, oder zu wenig? Bist du sauer, lass doch mal den PH-Wert prüfen, Farbe.“

1: „Zwischen 8 und 10?“

2: „Den Unterschied sieht sowieso keiner. Weiter. „Ist dir zu kalt?“ „Bist du zu warm?“ „Brauchst du vielleicht ein wenig Ruhe? Sollen wir dich noch ein wenig lagern?“

1: „Gärt es etwa in dir? Bist du ein Jungspund?“

2: „Jetzt genau hast du es. Und wenn er dann anfängt alle möglichen biologischen Untersuchungen mit dir zu machen, holt es bestimmt ein Gerät um deine Gase zu kontrollieren, Alkohol, was weiß ich. Und weißt du was?“

1: „Hm?“

2: Sollte ihm der Wert nicht passen, wird er sogar ein ZWEITES Gerät anschleppen, weil: Das andere Gerät könnte ja defekt sein! So viel Zeit und Mühe wird er in dich investieren!“

1: „Dann würde er wohl noch nachsehen wo ich war. Ob ich mit dem Auto gefahren bin, wie viel da von mir reinpasst und würde die Nummernschilder checken.“

2: „Steht ja auch alles im Computer. Die totale Nachverfolgung, und wenn du so ein Bier wärst, würde auch noch JEDER Raum nach dir gereinigt oder sterilisiert werden.“

1: „Der Hammer. „Lass das Etikett hängen, Kleiner, das bekommen wir schon wieder hin.“

2: „Stimmt der Code auch mit dem Datum überein?“

1: „Und am Ende ist eh alles egal. Wert passt nicht? Na dann wirst du trotzdem verkauft: Merkt eh keiner.“

2: „So ist es. Wenn es dir also das nächst Mal schlecht geht, dann denk daran, dass du zum Bier werden musst, damit sich jemand für dich interessiert.“

1: „Jeder mag Bier. Also mag jeder mich.“

2: „Genau so ist es. Und wer kein Bier mag, mit dem stimmt was nicht.“

1: „Allzu viel besser fühle ich mich jetzt aber auch nicht…“
2: „So ist das halt im Kapitalismus. Um das Produkt geht es, nicht um Menschen.“

1: „Deswegen demonstrieren sie wohl auch gegen TITIP und CETA und nicht für die Menschlichkeit. Produktrechte werden ausgehandelt, keine Menschenrechte.“

2: „Kein Schwein interessiert es wie du dich fühlst: Außer du wirst zum Produkt.“
1: „Willkommen im Krankenhaus.“

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Gottes Tod auf der Nature One

Als Gott starb war ich 20 Jahre alt. Ich stand mitten auf dem Camping-Platz der Nature One und war plötzlich frei.

Es gibt viele unzählige Festivals in Europa, viele davon sind in Deutschland. Und auch Techno-Festivals sind Meister aus Deutschlands. Die Nature ist dabei immer ein wenig besonders geblieben. Hier schlägt man nicht nur sein Zelt auf und 50 oder 100 Meter weiter steht ein noch viel größeres Zelt wo vlt jemand Musik laufen lässt. Nein. Auf der Nature One ist es so, dass der Nachbar (gefühlt: Jeder Nachbar) zuerst seine dicke fette Anlage aufbaut, und dann sein Zelt darum herum errichtet. Was bei der Mayday in Dortmund früher ihre Parkplatzpartys waren, auf welchen die Prolls ihre dicken Anlagen wie Kampfhunde aus ihren Kofferraum springen ließen, ist hier der ganze Camping-Platz. Überall donnert ein stumpfer und doch energetischer Beat umher. Ein Soundmatsch wie eine lebende Donnerwolke, die sich auf den Wiesen vor dem Festival niedergelassen hat.

Das Festival. Ist das Festival. Klar definiert, ausgetüftelt. High-End-Anlagen. Fluchtwege. Chill-Out. Mit allem drum und dran gut anzusehen und dabei eindeutig von der Optik sehr einzigartig auf der Welt. Nur schon oft kopiert. Und dabei sogar so gut, dass die Nature One irgendwie ein wenig altbacken herüberkommt. Die Leute mögen das. Es ist ihre Nature.

 

Und so stehe ich hier, ich alter Tor. Und bin so klug als. Wie. Zuvor.

15 Jahre ist es her dass Gott für mich starb. Auf diesem Acker. Irgendwo da drüben. Kein Plan. Schwer zu sagen. Es war irgendwie tiefer in der Gewitterwolke der Sounds. Das Ecstasy zerriss mich und ich setzt mich wieder zusammen. Ähnlich wie Doctor Manhatten. Nur ging es bei mir in Sekundenschnelle. Das Gefühl des Zerreißens war vielleicht auch das Bersten eines Knotens in mir und in Wirklichkeit hat es nicht wirklich mich zerrissen, sondern nur etwas in  mir. Es spielt gar keine Rolle: Hier war es gewesen.

 

Schon komisch wie man die Dinge im Nachhinein betrachtet, wenn man mehr über das Leben gelernt hat, wie es ist, ohne Gott zu leben. Wie es ist wenn man sich für nichts mehr rechtfertigen muss. Welche negativen Konsequenzen dieses Wissen mit sich bringt.

Zwei Jahrzehnte lang lebte ich in Schuld. 20 Jahre lang, hatte ich lernen müssen was es heißt ich zu sein, in dieser Welt der anderen. In diesem Universum der Regeln. Ich war gar kein richtiger Mensch gewesen. Vorher.

 

Das Lustige an solchen Erweckungserlebnissen ist manchmal, dass sie an Orten geschehen, die rein intellektuell nicht viel zu bieten zu haben. Verstehen wir uns richtig: Das sind gute Leute hier. Keine Crowd hat weniger Vorurteile  anderen Menschen gegenüber als die Technoleute. Denn elektronische Musik versteht jeder. Die Sprache oder Nationalität die der DJ da oben spricht und lebt, ist Nebensache. Techno verbindet die Kulturen, da es eine Wortlose Kunst ist. Ja. Aber seien wir mal ehrlich: Für eine Hochkultur gibt sich Techno schon sehr Proletenhaft. Die Meisten hier sehen so aus, als würden sie glauben die „Fast and the Furious“-Reihe wären gute Filme. Sie wirken so als würden sie den ganzen Tag nur RTL schauen, dabei kiffen und/oder Dosenbier trinken. Am Wochenende werden dann Steine zu Pulver gedrückt und die Pillen gedroppt. Sie sehen dich mich provokant hohlem Lächeln an, als hätten sie nur dann eine Uni von innen gesehen, wenn sie dort der Arbeit wegen einen Getränke-Automaten auffüllen. Sie scheinen sogar stolz darauf zu sein nicht zu wissen, wer denn gerade Bundespräsident ist.  Dagegen spricht nichts. Wozu auch? Was ändert es denn groß.  Aber als Ort für ein Erweckungserlebnis? Das ist der Witz mit den Drogen: Sie beschleunigen und bremsen deinen Geist gleichzeitig.

 

Und doch stirbt hier für viele der böse, böse Gott, der die Leute in ihre Schranken verweist. Manchmal ein Leben lang. Der Tu-Dies-Nicht-Tu-Das-Nicht-Gott, ganz gleich ob es in Wahrheit die Angst vor den Eltern ist, oder vor dem Chef oder vor der eigenen Freundin oder dem Freund, die sie insgeheim fürchten. Gegen die sie sich nicht wehren können. Hier, auf diesem heiligen Rasen des Lärms, sind sie frei von all dem Druck, von all den Schmerzen und Wunden, die die Welt ihnen zufügt. Dabei muss nichts Kluges herauskommen; wann hat die Freiheit schon einmal klug ausgesehen?  Bestimmt aber etwas sehr wahrhaftiges, was die jungen Grützköpfe erst viel später, vielleicht sogar erst Jahre später verstehen werden. Wenn überhaupt.

Festivals sind die Erholungsoasen der Leistungsindustrie geworden. Und der arbeitslose Prolet wirkt wie der Heiland, der sich dem Druck des Kapitalismus und der übertechnologisierten Welt erfolgreich und lachend entziehen kann. Wieso also nicht ein Wochenende im Jahr dieser Prolet sein? Und wenn dann schon, warum nicht gleich 5 Wochenenden im Jahr? Das Geld ist doch da. Genauso wie der Druck.

Steigt der Druck, braucht jeder Maschine immer mehr Ventile um ihn schonend ablassen zu können? Weshalb sollte es beim Menschen anders sein?

 

Ich nicke das ab. Während um mich herum sich die Jugendlichen befreien. Ihre Götter töten. Und neu geboren werden.

Nur.

Ist man einmal 15 Jahre älter als die anderen, sieht dieses Erweckungserlebnis nicht mehr ganz so ansprechend aus. Camping an sich begreift man schnell als Menschenunwürdig. Und wer will mit Mitte 30 noch auf einer Wiese in einem Stoffzelt schlafen, wenn nebenan Boxen stehen, die das 100 fache an Watt von dem haben, der gerade seine Platten auflegt? (aber Hauptsache Vinyl 😉 ). Mit Mitte 30 hätte man das alles doch lieber ein wenig gemütlicher. Weniger anstrengend. Nicht ganz so eng. Nicht ganz so voll – sei es das Areal als auch die Menschen in ihm. Orgasmen nimmt man ja auch nicht mehr so stark war, wie in der Jugend…

Und der alte, längst befreite Mann sehnt sich nach seinem Kanapee. Wundert sich darüber, weshalb lauter Jugendliche zu DJs feiern, die bald schon ihre Großväter seien könnten… Die Headliner bei der Nature sind genauso wenig eine Überraschung, wie die gewohnte Schokoladenform in einem Weihnachtskalender.

Oh Sven Väth. Oh Chris Liebing. Oh Adam Beyer. Oh Felix Kröcher. Oh Paul Van Dyk…

Oder verglichen mit dem Weihnachtskalender: Oh ein Horn. Oh ein Schlitten. Oh ein Krippe. Oh eine Schleife…

Aber jeder mag Schokolade. Und jeder der mal auf der Nature One war, geht gerne wieder zur Pydna.

Nur. Mit Mitte 30 brauchen die meisten auch keinen Weihnachtskalender mehr. Und glauben dafür plötzlich wieder an Gott…

Menschen sind gestorben für die 40 Stunden Woche.

„Schlief ich? Hatte ich geschlafen?“

 

Schon lange, schon viel zu lange bin ich nicht mehr zum Schreiben gekommen. Die Arbeit, dieser versuchte, Wochentägliche Selbstmord für Geld, hat mich daran gehindert. Jetzt habe ich gerade geschlafen gehabt. Hatte nämlich den „Not-Aus“ drücken müssen, nachdem der Körper nicht mehr konnte, da der Geist mich heute Nacht schon 2,5 Stunden vor Arbeitsbeginn wach geklingelt hatte. Wecksignal: Stress! Stress! Stress!

Und der Kopf so in einer Melange aus Halbschlaf, Wahn und Zielgerichtetheit überhaupt nicht mehr zumachen will.

 

Jetzt, nach der Schlaferei kaufte ich mir die neue „DJ Kicks“-Mix-CD von Moodymann und während sie gezogen wurde, hörte ich das oben eingebundene „Dance yourself clean“, geschrieben vom großen James Murphy, interpretiert von MS MR.

Wie ich da so sitze, beschädigt von dem sozialen Arbeitswahn den einen modernen Menschen die Festplatte von der Medulla Oblongata meißelt, und dem Vibe des Songs lausche, denke ich mir so, ganz Mitte dreißig und kaputt vom Erwachsenen-Leben: „Ja, ja. Sich selbst gesund schlafen…“ Vollkommen im Klaren darüber, dass es TANZEN heißt, nicht schlafen. Der Schlaf ist der Tanz der Nüchternen. Der Ausweg derer, die sich nicht mehr freitanzen können. Und eine kleine, gemeine, extrem dreckig fiese Traurigkeit überkommt mich.

Das Leben. Ein Tanz nach der  Melodie eines großen, kapitalistischen, weltumspannenden Gesamtorchesters, Sektion Deutschland. Untergruppe: Warsteiner. In der Kreisklasse hier, in der ich gerade lebe, bin ich selbst ein Stück des Sounds, der den ganzen Pop der Produktion am Laufen hält; viel zu klein um ein richtiges Geräusch zu sein, nur ein Hintergrundrauschen im großen Tamtam der Rhythmus-Sektion.

 

Meine Freundin hat gesagt: „Lass dich doch krankschreiben. Du musst nicht Alles selbst machen. Ist doch nicht dein Bier.“ Wahrheit. Aber sie versteht nicht diesen geheimen Schwur, diese ausgemachte Blödheit eines arbeitstätigen Mannes, dessen Unterbewusstes Tun für das Handeln des Kollektivs richtig und gut sein will, so wie der Jäger zu Beginn der Neuzeit, als wir noch in Höhlen lebten, sich mit seinen Arbeitskollegen daran machte das Mammut zu töten, um die Gesellschaf mit seinem Mitwirken zu ernähren, wohlwissend, dass er oder seine  Freunde bei diesem Wahn ein viel zu großes Tier zu Tode zu hetzen – bei seiner ARBEIT also – ums Leben kommen könnte. Nicht nur für dich und mich Schatz! Es geht um das große Ganze. Um das Team. In Wahrheit gehe ich doch für uns ALLE arbeiten/jagen, was auch immer. Denn die Selbstzerstörung ist ein Dienst an der Gesellschaft. Denn wenn sich jeder krankschreiben lassen würde wegen dem Stress, dann würde doch keiner mehr das Mammut  erlegen…

Oder irgend so ein Blödsinn den Mann sich einredet. Verdammt… Ich wollte doch  keine billigen Wortspiele mehr mit „Mann“ machen… Die deutsche Sprache  ist eh viel zu männlich geraten. Grüße an Thomas Meinecke von hier…

Auf jeden Fall hat das irgendwas mit „Ehre“, „Herdentrieb“ und einem vollkommen falsch verorteten Gefühl des Anstands zu tun, wenn man sich kaputt macht für den Lohn der Arbeit, der neben dem unsichtbaren Geld (wenn man es wenigstens noch in die Hände bekäme!) vor allem Hohn und Spott zu sein scheint. Denn merke dir, mein Freund: Niemand  wird jemals danke zu dir sagen. Außer er will etwas von dir – und das auch nur, wenn er gesellschaftlich auf dem gleichen Rang oder unter dir steht.

 

Ja. Tanzt euch selbst frei von der großen Melodie der Sklaventreiber. Nicht nur im Schlaf. Geht raus. Auf die Tanzflächen dieses Planeten.

Und lasst euch kräftig am Arsch lecken.

 

Und by-the-way und was ich schon lange einmal sagen wollte: Es sind Menschen gestorben für die 40 Stunden Woche. 

Das ist kein Spruch. Das ist die Wahrheit. Also lasst euch nicht ausnutzen.

 

 

 

Wo Schönheit regiert, regiert der Faschismus

Alles muss gut aussehen. Besser: Alles muss richtig aussehen. Wer sagt das? Ich sage das, denn ich bin der kleine Mann in deinem Kopf, der Spion, den die Außenwelt in deine Vernunft gepflanzt hat. Dank Film, TV und vor allem Werbung (mein ewiges Thema) sind wir so indoktriniert worden, dass die Welt in ein gewisses Raster passen muss, sonst nehmen wir sie nicht ernst. Das beginnt beim sich stetig ändernden Schönheitsideal der Mode und geht weiter über die Politik und deren „Fortsetzung mit anderen Mitteln“, was auch ein Grund ist, weswegen manche unserer Mitmenschen es zum Beispiel es den bei uns hilfesuchenden Asylanten ganz rot und schlecht ankreiden, wenn sie ein neues Handy besitzen, womit sie zuhause im Krieg anrufen; besser wäre es für mich, den kleinen Mann im Kopf, hätten diese schwarzen Asylanten noch zerrissene Klamotten an und Handys, die Nokia einstmals in Bochum produziert hat. Das würde in mein Weltbild passen.

Sind solche Vorstellungen von Flüchtlingen und deren Mobilfunkgeräten dumm? Finde ich jetzt gar nicht, denn unsere Meinungen und unser Verständnis über Bilder und deren Aussagenkraft, ihrer Funktion, wurden uns Jahrzehntelang in die Innenseite unseres Schädels gemeißelt, ironischer weise von den ganzen Hilfsorganisationen die um unsere Spenden oder sogar um eine Patenschaft für schwarze Kinder mit aufgeblähten Bäuchen und mit Fliegen im Gesicht geworben haben. Jetzt sind diese Kinder plötzlich groß geworden, laufen hier über die Straße, und haben statt Fliegen im Gesicht ein nagelneues Smartphone am Ohr. Die Gutmenschenmedien kommen dann schnell mit einer Neid-Debatte daher (was teilweise stimmt), übersehen dabei aber auch gerne die Macht der Bilder, deren sie sich selbst bedienen.

Die Medien sind in einer Medienwelt selbstverständlich Teil des Problems. Einerseits wollen sie informieren und (leider) auch unterhalten, andererseits müssen sie auch mit anderen Medien um Aufmerksamkeit konkurrieren und geben dabei ihre „Ideale“ auf – für viele Kritiker der Medienlandschaft wird der Begriff „Ideal“ ohnehin nur noch ironisch verwendet. Wie bindet man also die Aufmerksamkeit der Zuschauer (Konsumenten) am besten an einen Beitrag? Genau, mit den Klischees von Worten und Bilder, idealerweise noch mit Über- oder Extraklischees, d.h. mit reißerischen Bildern – und mit einer Prise Sex und Humor. Das kann man jetzt einfach nur verteufeln und ablehnen, okay, dennoch hat die Berichterstattung durch die Medien eine gewisse Vorbildfunktion für unser Denken. Denn. Siehe oben. Die Art wie etwas gezeigt wird indoktriniert unser Verständnis davon, wie die Welt zu funktionieren hat.

Für manche ist das so schlimm, dass sie sich „alternative Medien“ suchen die zwar neue Denkansätze verfolgen, leider aber immer noch schlimmer politisch verortet und Klischee beladener sind, als all die „Mainstream-Medien“. Hier wird RICHTIG Meinung gemacht.

„Propaganda“ ist kein Kriegsbegriff mehr. Er ist ein Dauerzustand. Deswegen gibt es zu jeder Nachricht im Jahr 2015 eine oder gleich mehrere „alternative Sichtweisen“ auf den gleichen Bericht. Im Prinzip ist das eine gute Sache, denn es hat auch eine demokratische Komponente. Das Problem ist nur dass der Hauptteil der Propaganda nicht „vom Volke“ ausgeht, sondern von der Wirtschaft. Wir leben in einer kapitalistischen Welt die nach kapitalistischen Regeln funktioniert. Der, der das Geld hat (also nicht mehr DER Einzelne, sondern DIE Unternehmen) hat die Macht über die Bilder. Ein hohes Gut wie ich hier behaupte. Denn die Propaganda der Bilder, der schönen heilen (gar nicht neuen) Welt oder der Hölle auf Erden, kommt schließlich doch immer beim Volke an – und dem wird Angst gemacht. Angst vor der Zukunft. Und es ist genau diese Angst, die die Menschen mit Fremdenhass auf die Straße treibt oder sich in ihren Wohnungen oder auf ihren Partys und Urlauben einsperren lässt, wo sie auf Facebook einen „geilen Ausnahmezustand“ feiern und markieren, den es nur in ihrer Wahrnehmungsblase gibt. Denn wir sind Getriebene der Bilder. Wir fliehen vor ihnen in den Konsum um uns selbst einzureden, dass es gar nicht so schlimm ist.

Das die Politik sich schon längst an die Wirtschaft verkauft hat ist eine gängige Floskel. Denn ansonsten würde „unsere Kanzlerin“ sich auch zu den großen Themen bekenne und die Probleme „anpacken“. Zur Flüchtlingsproblematik hört man von ihr aber fast gar nichts. Nur dass die Rüstungsexporte mal wieder gestiegen sind und damit (über kurz oder lang) noch mehr Flüchtlinge nach Europa getrieben werden – und Europa ist unser aller Problem. Das sollten wir inzwischen verstanden haben. Da ist es natürlich leichter auf die Bilder der bösen Nazi-Demonstranten zu schimpfen und bei ihnen das Problem abzuladen, anstatt zu sagen, „Ja, na ja… Wenn wir weniger Waffen verkaufen, kommen wohl auch weniger Flüchtlinge zu uns, kostet halt Arbeitsplätze“. Und den Verlust von Arbeitsplätzen kann sich kein Politiker leisten. Arbeitsplätze sind seine goldene Währung zur Wiederwahl. Wir sind soweit gekommen, dass der Arbeitsplatz selbst zum Erhalt des Systems in dem wir leben nicht nur beiträgt, nein, er erhält das System. Was wäre eigentlich wenn die Leute in der Masse sagen würden: „Ich unterstütze mit meiner Arbeitskraft dieses System nicht mehr!“ und sie würden die Arbeit niederlegen? Das wäre doch die wahre Revolution in einem kapitalistischen System; dem Kapitalismus zu entsagen.

Natürlich und leider macht das keiner. Wir kennen ja die Bilder aus dem Assi-TV – so wollen wir nicht enden. Wir wollen unser „schönes Leben“, wollen uns Dinge leisten können wie, Kleidung, Urlaube, Partys, Drogen, Smartphones, Play Stations, Autos, oder auch nur um so viel essen zu können wie wir wollen. Verhungern müsste bei uns aber eigentlich keiner. Nur ist die Angst vor dem sozialen Abstieg eine der größten Hysterien, die in Deutschland umgehen. Ich kann das natürlich auch verstehen. Bin ja selbst ein Sicherheitsfanatiker. Und der Witz an der Geschichte ist ohnehin, dass immer mehr Menschen sowieso aus dem System Arbeit ausgeschlossen werden, da wir an einem Punkt angekommen sind, in dem das Geld seltsamerweise gar keine Arbeitskräfte mehr benötigt um sich selbst zu erwirtschaften… Deutschland ist keine Insel mehr. Und eine globale Revolte gegen den Kapitalismus wird es nicht geben. Denn während es uns gut genug geht um zu revoltieren, geht es anderen schlecht genug, um sich gerne in dieses System zu begeben und unseren Platz einzunehmen.

Hups.
Manche Texte flutschen einem ein wenig durch die Finger. Ich hatte vor, mehr über die Ästhetik der Bilder zu schreiben, wie wir abhängig sind von Vorgaben. Was schön ist. Und was nicht. Und was alleine durch seinen Look einen höheren Wert besitzt als Dinge die zwar nicht „schlechter verarbeitet sind“, nein, die einfach nur ein schlichteres Design besitzen, innerlich wie äußerlich. Von Menschen, die ihr Leben lang einsam und schlecht gefickt bleiben, nur weil sie nicht so aussehen wie unsere Photoshop-Schönheiten oder unsere Fernsehsternchen, die vor ihren Aufnahmen stundenlang an einem Ort verweilen, den man nicht umsonst die „Maske“ nennt…

Ja. Die Bilder nehmen uns unsere Phantasie. Sei es im Kino („das ist aber schlecht animiert“ – was so viel heißt wie: „Das glaube ich nicht“) oder auf der so genannten Straße, im Job, im Bett, im so genannten EIGENheim…
Die Bilder nehmen uns die Träume. Denn dort wo Schönheit regiert, regiert der Faschismus.

Die Hippies tragen die Schuld für den ungezügelten Kapitalismus (Guerilla)

„Im Prinzip sind die Hippies daran schuld.“ Wir liegen auf dem Geld, am Boden, auf dem Rücken, nackt, und sehen hinauf zur Decke. Meine Freundin Angela, die sich unter dem Spitznamen „Guerilla-Schneiderin“ einen Namen gemacht hat, und ich.
„Sind die Hippies nicht an Allem schuld?“ lächle ich sie an. Es ist so viel Geld im Raum, das es danach riecht.
Geld stinkt nicht. Hat es nie getan. Sondern damit wie man es verdient oder was man damit anstellt. Das meinten auch die Römer, als sie den Ausdruck prägten.

„Nein wirklich“, sie dreht sich auf den Bauch um, lässt ihre wunderschönen Beine pendeln, „Ich habe viel darüber nachgedacht. Obwohl… Im Prinzip sind die Hippies zwar der Katalysator für die Probleme ihrer Nachkommen, aber ob sie richtig SCHULD sind… Nun… Ohne sie wäre es auf jeden Fall nicht passiert…“
„Was meinst du denn?“
„Ich meine, dass die Menschheit aus den Fehlern der Nazis mehr gelernt hat als aus den Errungenschaften der Hippie-Befreiungsbewegung.“
„Hm?“ Ich liebe es wenn sie mich über die Welt belehrt. Nein, ganz ehrlich. Kluge Frauen fand ich schon immer sehr sexy. Und auch wenn wir immer gesagt haben, dass uns Geld nicht interessiert, ist es dennoch verdammt sexy in der Wagenladung Geldbündel zu liegen – und dabei ist das nur der kleinste Teil dessen den wir „besorgt“ haben; das wahre Vermögen ist jetzt und für immer das digitale.

„Für die Hippies, den Beatles, die 68ger… Was weiß ich. Bevor der großen Glorifizierung der Jugend und der Abschaffung der alten, elterlichen Werten, bevor des Umsturzes, waren die Eltern das Maß aller Dinge. Ihnen hat man bedingungslos gehorcht und ihre Weisheiten nicht in Frage gestellt.“
„Ist doch gut dass sich das verändert hat.“
„Findest du? Sicherlich ist es gut dass sich das verändert hat, das Problem ist nur das Ausmaß. Durch die große gesellschaftliche Umwälzung dieser Zeit galten die Träume und Versuchungen der Jugend plötzlich mehr als die Vernunft und die Erfahrung des Alters.“
„Die Altersdummheit ist aber auch sehr weit verbreitet…“
„Jetzt lass mich doch mal fertig erzählen.“
Ich schweige und lächle.

„Natürlich ist weder das Eine, noch das Andere eine allumfassende Wahrheit. Dennoch war es ein Fehler sich ganz auf die Träume der Jugend zu stürzen und die Errungenschaften der Erwachsenen quasi über Bord zu werfen, was aber bei genauerer Überlegung kein Wunder ist, da die Jugend einfach viel geiler und sexier ist. Es ist nun mal schöner sich den ganzen Tag mit anderen Partnern zu paaren und dicht zu sein, als sich eine als verstaubt wirkende Moral einimpfen zu lassen. Wobei die Hippies selbst in ihrem Extremismus gar nicht das Problem waren, denn sie hatten gute Absichten. Es war das UMFELD der Hippies, die Mitläufer, die sich nur das Herauspickten, was ihnen gefiel und das Alles mit dem aufkeimenden Kapitalismus vermengten. Die Hippies selbst wollten nur durch Liebe die Welt verändern. Und die Menschen die im Kielwasser dieser Bewegung aufwuchsen, wollten dagegen nur die Vorteile der Hippies anwenden, die freie Liebe und die Erfüllung aller Wünsche – und wollten dennoch angepasst wirken und ein normales Leben führen; nur BESSER als ihr Umfeld. Das ist ein Widerspruch, weil sie die Ideale der Hippies nicht verstanden haben, es auch nicht wollten. Und aus diesem Widerspruch entstand der Egoismus unserer Zeit, ein Egoismus, der sich nur noch auf die pubertären Wünsche von Jugendlichen bezieht, verstehst du?“

Ich sehe sie ein wenig hilflos an.
„Also pass auf“, sie sieht mir dabei ins volle Gesicht, „Was wollen die Menschen heutzutage? Wollen sie Werte vermitteln? Die Welt verändern? Investieren sie in die Zukunft? Nein. Sie denken nur an sich. Die Familien denken nur noch an ihre eigene Familie und nicht mehr an die Gesellschaft an sich…“
„Früher war da noch das Vaterland.“
„Ein beschmutzter Begriff, ich weiß, doch wenn man aus dem VATERLAND die Gesellschaft in der man lebt macht, klingt das schon viel weniger Nazi mäßig, sondern eher grün konnotiert. Doch es sind nicht nur die Familien. Mit welchen Vorbildern wachsen unsere Jugendlichen auf? Mit lächerlichen Gangsta-Rappern und glorifizierten Sozialversagern, die vor allem eins nicht sind: Angepasst. Die Unangepasstheit als Ideal ist das größte Erbe der Hippies, doch während zu ihrer Zeit durch diese Leitbilder eine bessere, utopische Gesellschaft entstehen sollte, dreht sich heute ALLES nur noch um dich selbst und was du durch deine Unangepasstheit erreichen kannst. Der Verbrecher wird als klüger angesehen, da er hart ist und sich nicht anpasst, während alle anderen dumm sind, die das Gesellschaftsspiel mitmachen… Da sind nur Du und deine Individualität, die über allem steht; dein ganzes Leben dreht sich nur um dich, dich, dich. Der Mensch findet darin keinerlei Maß mehr. Die Leute wollen nur ficken und gefickt werden, Drogen fressen oder sich ein schönes, neues Haus ganz für sich alleine bauen, der Eindringling ist der Böse.“
„Besonders der Ausländer.“
„Eben, das Paradebeispiel des Eindringlings. Und meiner Meinung nach kommt das alles durch die damaligen Studenten der 60ger, 70ger Jahre, die die Hippies nicht verstanden haben, sondern sie im Gegenteil mit einem ungezügelten Kapitalismus verbunden haben, wir leben ja in einer Welt der Alt-Hippies, nur wurden aus denen keine Weltverbesserer, sondern Kapitalisten. Deswegen wurde die Welt im Gegenzug auch nicht wie beabsichtigt mit mehr LIEBE überzogen, sondern in Wahrheit immer kälter, brutaler mit immer noch weniger Moral gegenüber anderen Menschen. Die Ideale der 68ger kamen wie ein Bumerang zurückgeschossen und fraß die Kinder ihrer eigenen Revolution.“
„Wortwörtlich.“
„Daher kommt der ungezügelte Kapitalismus, da wir die Jugendlichen mit ihren Wünschen und Trieben zu unseren Göttern gemacht haben; und was machen Erwachsene die noch halbe Kinder sind? Genau: Sie fressen maßlos Süßes in sich hinein: Bis sie kotzen. Und so ist der moderne Mensch… Und keine Regierung der Welt hat sich nachhaltig dagegen wehren können, da die Versuchungen jung und geil zu sein, umgeben in einer Welt der ewigen und unbegrenzten Triebabfuhr, einfach zu verführerisch war… So gesehen war auch die totale Abschaffung des Ideals eines Nationalstaats ein Fehler, da die Menschen nichts mehr hatten woran sie sich festhalten konnten. Natürlich war es unaussprechlich furchtbar was die Nazis anstellt, doch mit der Zertrümmerung des Gemeinschaftsgefühls, spätestens nach dem Ende der DDR, ist die Maßlosigkeit der Selbstüberhöhung und die Verachtung des Nächsten immer weiter voran geschritten. Die Menschen wollen am Ende gar nicht in einer freien Welt leben – sie wollen nur freier sein als alle anderen…“
„Du willst also damit sagen, dass die Hippies den gleichen Effekt auf den Kapitalismus hatten, wie auf die Drogen?“
Diesmal sie: „Hm?“
„Na am Anfang war Drogennehmen Erleuchtung und eine Verbindung mit der Natur – bis sich später die Leute nur noch aus stumpfer Lust abschossen um sich einen Kick zu verschaffen: Nur sich selbst und sonst niemand anderen, auch noch auf Kosten der anderen, die man beklaute oder gleich ganz um die Ecke brachte.“
„Nun ja. So ähnlich. Jedenfalls ist die Welt seit damals süchtig nach der Jugend. Ja. Es geht im Prinzip nicht einmal um die Drogen selbst, sondern darum, was der Mensch damit verknüpft: Und das ist die Jugend. Die Jugendhörigkeit ist der Quell allen Übels, da es einfach eine unreflektierte Lebensform ist. Nach mir die Sintflut. Und jetzt mach die Beine breit.“
„Aber doch nicht immer. Es gibt doch viele Leute die sich da Gedanken machen und engagieren!“
„Genau. Es wird wieder versucht umzudenken. Nur reicht das nicht. Besonders weil das Denken infiltriert wurde. Denn wo früher der Ausgangspunkt die Vernunft durch die Stammesältesten war, ist jetzt der Ausgangspunkt Internetpornografie und so viel Spaß wie möglich zu haben – koste es was es wolle.“
„Nicht das die Stammesältesten immer Recht gehabt haben.“
„Natürlich nicht! Doch es macht doch mehr Sinn sich gegen eingefahrenes Denken der Älteren selbstbestimmt aufzulehnen um sich damit weiterzuentwickeln, anstatt erst durch ein zu viel an allem – ein täglicher Kindergeburtstag der Wunscherfüllungen – zu kämpfen, um dann festzustellen: So geht es nicht weiter….“
„Das Problem ist also die Dekadenz…“
„Ja… Die Entartung von einer zuerst tollen Idee ist bei allen Entwicklungen das größte Problem…“

Und da liegen wir nun. Nackt. Frisch gefickt. In Mitten von all dem Geld das wir mit unserem Liebhaber Koji gestohlen haben. Werden ganz kurz ganz still. Bis sie sagt:
„Das wird auch unser Problem werden.“

Primzahlen – Strategien gegen Vernunft

Ich mag Primzahlen.
Wie Rainer Werner Fassbinder. Oder Klaus Kinski (wobei der natürlich NICHT wegen dem was er seinen Töchtern angetan hat in meiner Liste ist). Die Beiden sind Unikate. Große, deutsche Künstler, die mit ihrer Art ihr Umfeld malträtierten, terrorisierten. Keine Frage. Vieles davon muss man verurteilen. Und so wie sie ihr Leben lebten, mussten sie Beide an Herzversagen sterben; auch wenn wir am Ende alle an Herzversagen sterben… Sie waren Primzahlen und ohne sie jetzt unnötig zu überhöhen (das haben sie während ihres Lebens schon selbst genug getan), fehlen solche Köpfe in der Medienlandschaft. Alles ist so furchtbar NETT geworden. Nett und austauschbar. So nett und austauschbar, dass man über diese beiden großen deutschen Künstler heutzutage sogar sagt, dass sie „manisch depressiv“, „cholerisch“, einfach psychisch krank waren, so als ob man ihre Kunst mit einem Etikett erklären könnte: „Krankheit“. Da muss man gleich weiter an Van Gogh denken…

Krankheiten, Verrücktheiten passen nicht mehr in unsere sterile Gewinnerwelt. Ich glaube, das ist der Preis, den wir für unseren Wohlstand zahlen müssen: Uniformität. Und Langeweile. Unsere „Vorbilder“ sind Sportler geworden, Fußballer mit Zahnpastalächeln, die, auch wenn sie keinen gerade Satz heraus bekommen, für Fairness und Erfolg stehen. Dagegen ist nichts zu sagen, wenn diese „Charakterköpfe“ (haha) nicht so unglaublich langweilig wären (Erfolg hin oder her). Mit Beratern und Coaches (Unwort) für jeden Lebensbereich. Nur nicht anecken. Immer schön brav das machen was der Trainer sagt. Unter Jogi Löw ist diese Arschkriecher-Kultur perfektioniert worden.
Natürlich können wir froh (aber nicht stolz) sein, was in den letzten Jahren für tolle junge Sportler in die Nationalmannschaft gerückt sind, das sind mehr als nur Talente sondern Sportler, die den Unterschied ausmachen können. Aber. Primzahlen? Nein. Primzahlen sind das nicht. Auf jeden Fall nicht neben dem Platz.

Selbst in der populären Musik ist eine unglaublich konservative Uniformität angesagt: Entweder die perfekten Schwiegersöhne aus der Indie-Richtung, oder die Krawallproleten jeglicher Ausrichtung, sei es Dubstep, Electro oder Metal. Da wird zwar musikalisch alles vermengt und aufeinander bezogen, doch wirkliche Charaktere finden sich da kaum. Und auch James Hetfield von Metallica taugt nicht mehr zur Primzahl, spätestens seitdem er angefangen hat herum zu heulen, der unendliche Sex mit Fremden, die Drogen umsonst und die Millionen hätten ihn krank gemacht – der arme Mann… (doch sehr passend in einer Welt, wo selbst die Superheld krank sind und depressiv sind – wenn das mal keine Metapher auf die Gesellschaft ist und bleibt).
Alle machen etwas, doch nichts sticht wirklich heraus. Das ist auch der Nachgeschmack, den Berlin in der Welt verbreitet (so ein „unglaublich kreativer Ort“, aus dem kaum etwas Beeindruckendes kommt: Zählt mal 5 Dinge auf…).

Doch die Leute wollen das. Wir wollen das. Wir wollen es nicht verrückt und unberechenbar. Wir wollen Ordnung und Gesundheit. Vielleicht will man als Frau in der Jugend einen Revolutionär, doch wenn man mal verheiratet ist will man doch einen „Mann“ (in schweren Anführungszeichen), der zu den Elternabenden geht, einmal in der Woche zum Wertstoffhof und dann doch noch eine Schublade reparieren kann – und dann langweilen sie sich mit ihren Kerlen. Und das Fernsehen sagt einem, wie man zu Leben hat: In Koch-Shows, in Heimwerker-Sendungen, Hochzeits-Dokus usw. usf., bis man sich in „politischen Magazinen“ erklären lassen darf, was man zu wählen hat und warum. Überall wird einem die ganze Zeit der Perfektionismus vorgelebt: „So ist es richtig. So musst du es machen.“ Ob das überhaupt umsetzbar ist für einen normalen Menschen mit Hobbys, Freunden, Familie und unterschiedlichen Begabungen (also Lebenswegen) ist zweitrangig. Hauptsache es bleibt dieses kleine Gefühl in deinem Hinterkopf, dass nagt, welches dir erzählt – egal wie toll du auch bist – dass du eben NICHT perfekt bist. Und ganz egal was man auch sagt: Jeder will doch ein bisschen so sein wie das perfekte Leben, dass man jeden Tag vorgespielt bekommt. Sonst würden wir es uns ja nicht ansehen. Nicht ALLES, aber so manche Dinge…

Berechenbare Konsumenten sind gut für die Politik und für den Kapitalismus, die sich an Zahlen orientieren. Zahlen wie dich und mich. Und Primzahlen passen da nicht so besonders hinein. Da sind doch lieber Werte gefragt, die sich auf alle Menschen umrechnen lassen –und ganz egal wie besonders du dir vorkommst: Du bist mit deiner Nuance Andersartigkeit schon in den Abweichungen von der Norm mit verrechnet worden. Am geilsten ist immer noch der Trick, dass sich alle als Primzahl fühlen (sich hässliche Mützen und Schals umlegen, boah, das muss ein toller, kreativer Mensch sein der so aussieht!). Doch was ist eine Herde von Primzahlen? Eine aufteilbare Summe natürlich.

Und kaum bist du oder dein Kind auffällig, bist du verhaltensauffällig, d.h. krank. So wird die Abweichung von der Norm definiert: Krankheit. Und Krankheit bedeutet auch: „Mit dem kann man nicht arbeiten“. Was in unserer Zeit einem Todesurteil gleich kommt. Du musst dich doch in die Gesellschaft einfügen, deine Persönlichkeit/Arbeitskraft muss doch vermarkbar sein. Und wer nicht in dieser Raster des Kapitals und der Bilder (Medien) passt, wird an der Rand der Gesellschaft geschoben: Inkompatibel – siehe Arbeitsunfähig.

Laut dem SPIEGEL und anderen Medienberichten muss man seine psychischen Störungen nutzen, für den Aufstieg, denn nur wer emotionslos und ohne Moral agieren kann, bringt es etwas in der Arbeitswelt:
Da die moralischen Fußvolkschafe, da drüben die Macher, die keine Grenzen kennen und mit ihrem Risikoreichtum (und geistiger Armut) die Welt lenken, also das Kapital. Witzig ist: Diese Irren in Führungsetagen sind die Primzahlen unserer Zeit. Das sind die Außerwählten, von denen wir uns vorschreiben lassen, was wir anziehen, essen, in die Wohnung stellen, wo und wie wir wohnen, wohin wir in den Urlaub fahren, was wir im Fernsehen sehen und so weiter und so fort, während wir Normalverbraucher auf Teamfähigkeit trainiert werden und Fußballhelden zujubeln, die keinerlei Führungsmentalität verkörpern (höchstens auf dem Platz „Verantwortung übernehmen“ – also ich muss bei diesem Ausdruck lachen; beim Spielen Verantwortung unternehmen…). Es ist alles in Reihe geschaltet – doch nur bis zu einem gewissen Punkt. Oder wer von uns würde Spitzenmanager und Teamfähigkeit als Synonym verwenden? Und ja: Ich habe Respekt vor diesem arroganten, überheblichen und unsympathischen Primzahlen, die nicht einmal wissen was ne Packung Milch kostet – weil ich zu blöd bin um mich anders zu verhalten.

Es hat alles mit Vorbildern zu tun. Und wer Max Mustermann als Vorbild hat, der braucht sich nicht zu wundern, wenn er ein Null8Fünfzehn Leben lebt, in dem er Alles besitzt, aber nichts hat.
Man muss Strategien gegen Vernunft entwickeln, um etwas Neues zu finden. Keine Kopie werden. Teilbar sein. Austauschbar. Vielleicht muss man wirklich krank sein. Doch man muss nicht jede Krankheit behandeln, denn selbst die Kreativität ist etwas Ungewöhnliches.

Von der Freiheit den "Heiligen Abend" alleine zu verbringen

Am Heiligabend herrscht für die Singles und Familienlosen natürlich der Einsamkeitsterror, denn auch wenn man versucht sich dem gesamten Weihnachtsding zu entziehen, hängt es lediglich von der Tagesform ab, wie locker man die „Problematik“ wegsteckt.
Schon komisch. Das ganze Jahr über macht der Kapitalismus auf Einzelkämpfer, Egoist und Arbeitskollegenfresser, pünktlich zu Weihnachten aber wird die Strategie auf den Kopf gestellt und das große „Miteinander“ propagiert. Natürlich. Man könnte sich dieses und jenes einfach so kaufen um den Tag zu überbrücken, aber dem Weihnachts- und Zusammengefühl kommt man schwer davon – umso schlimmer dass es MEHRERE Feiertage sind und nicht nur Einer. Deswegen ist es nur halb so praktisch wenn man wie ich heute fast den ganzen Tag im ICE verbringt; ein wirkliches Entkommen bietet auch das nicht, denn, morgen geht´s ja weiter, mit den Weihnachtsfeierlichkeiten, schlimmer aber noch, mit den Gesprächen darüber.

Ja. Man kann sich auch einfach wegbetrinken und feiern gehen, in den Urlaub fahren oder sonst etwas, doch die innere Einsamkeitsdebatte wird auf jeden Fall angeschnitten. Dazu kommt das große Dilemma des Selbstzweifels: „Warum ist es bei mir so? Warum bei den anderen so viel anders? So viel familiärer? Warum bin ich alleine? Wo ist mein Glück?“ Und je nach innerer Verortung sind dann schnell die anderen Schuld oder (Im Gegenteil) dann doch man selbst. Komisch, denn über das Jahr verteilt ist das Ganze eher ein marginales Problem mit dem man Alltagsgeschult leicht umzugehen weiß. Solche Monologe zappt man im Normalfall einfach weg – jetzt hat sich sogar das TV gegen einen verschworen (außer auf Pro Sieben, das sich scheinbar auf Singles am Heiligabend spezialisiert hat; gar nicht blöd eigentlich).
Dabei ist es überhaupt nicht schlimm alleine zu sein. Es hängt nur von der Perspektive ab und von dem Terror, dem man ausgesetzt wird. Denn. Weihnachten mit der Familie unter dem Weihnachtsbaum ist nicht gleich Liebe. Ganz egal was der Fernseher uns jetzt tagelang versucht zu erzählen.

Kommen wir zurück zum Kapitalismus: Er verarscht uns. Das ganze Jahr sagt redet er uns ein (mit verstellter Stimme, so, als wäre sie die Unsere): „ICH, ICH, ICH!“ Um dann plötzlich Weihnachtslieder anzustimmen und das Lied der anderen zu singen. Denn. Das ist ja klar. Dem Kapitalismus ist egal wie es uns geht. Hauptsache Geld wird ausgegeben. Deswegen ist er ja auch so brutal und gefühllos in seinem Umgang.
Um der perfekte Mensch nach dem Sinnbild des Kapitalismus zu sein, muss man heutzutage der perfekte Mensch an sich sein: Selbstbestimmt, von sich selbst überzeugt, gepflegt, modisch, schön, ausgeruht, arbeitsam, aufmerksam (den Bedürfnissen der Anderen gegenüber), vermögend (für sich und die anderen), liebevoll (aber nicht zu liebevoll) und natürlich Erfolgreich in allen Belangen (usw. usf.). Das ist der perfekte Mensch wie wir ihn uns geschaffen haben. Eine Art Superfamilie wie die von Brad Pitt und Angelina Jolie, die alle Bedürfnisse befriedigt (adoptierte Kinder neben den eigenen, Stars, Helden nicht nur in den Filmen, engagieren sich für den Schutz und Erhalt der Umwelt, Bekämpfung die Weltarmut, dabei immer top gestylt und ultraschön, spielen sowohl in tragischen Filmen als auch in Komödien, d.h. nicht nur ernst ODER lustig usw. usf.), die aber eine Perfektion vorlebt, die wir zwar niemals erreichen können, doch immerhin in bestimme Momenten imitieren wollen; wer kann es dem Kapitalismus auch übelnehmen? Denn er will (Stichwörter Vorbild, Werbung und Medien) doch nur das Beste, genau, dass aller Beste (nur für sich, nicht für uns…) und wir können ja wenigstens so tun, als würden wir annähernd an das Beste und Geilste heranreichen können.
Eine Jolie/Pitt-Familie spielt uns also auch noch im Reallife vor, wie wir gerne wären. Sie sind die perfekte Leinwand.

Natürlich wollen wir nicht genau SO sein wie die Pitts und Jolies. Wir wollen ja schön normal sein (Weihnachtsbaum, Kinder, wenigstens die kleine Wünsche erfüllt bekommen), aber hier und da, diese oder jene Nuance, doch… Also jetzt mal ehrlich… Das ist schon toll… Und irgendwie (irgendwie, irgendwie) ähnelt man denen dann doch auch. Auf SEINE ART. Das ist ja der schöne Selbstbetrug. Wir lieben ja unsere Vorbilder.
Das sind dann die normalen Familien. Die Scherenschnittfamilien, die einfach nur normal sind und ich mit einem Seitenblick nach diesen Leuten orientieren. Diesen Parademenschen.

Daneben gibt es uns. Die das Ganze a) entweder ablehnen oder b) das einfach nicht bekommen. Die a)s kommen für mich aus der Rechnung nicht ganz heraus, denn selbst wenn sie den perfekten Familie-Terror ablehnen, so schwingt dieser Wunsch nach dem Scherenschnittfamiliendasein doch immer etwas mit. Wir leben ja in so einer Gesellschaft und IN dieser Gesellschaft. 24 Stunden am Tag. Ganz egal ob wir den Fernseher an haben oder nicht, denn die Fußgängerzonen und Einkaufspassagen, ja selbst der Bäcker von neben an ist voll mit dieser Traumvorstellung von Zusammensein und Familie, die uns der Kapitalismus beim Thema Weihnachten aufdrängt. Es mag einmal etwas mit Weihnachten zu tun gehabt zu haben, doch davon sind wir inzwischen weit entfernt. Heute. Macht es nur noch den Anschein, als wäre dieser ganze Weihnachtswahnsinn und Standardfamiliengetue normal. Und das ist das Problem: Eine aggressive Normalität, die sich uns aufdrängt. Ein Zeigefinger, der sich auf uns richtet, selbst im Herablassenden Gutmenschentum, der die ganze Zeit mit seinen Familienweisheiten sagt:
So hast du zu sein.

Aber das stimmt nicht. Das muss nicht sein.

Auch ich mag es gern. Dieses Weihnachts- und Familiending. Auch ich hätte gern irgendwie die perfekte Familie. Aber es MUSS NICHT SEIN. Und das ist auch gut so. Man muss mit guten Gewissen und Überzeugung das ganze Ding auch einfach ablehnen können. Das ist eben NICHT asozial – denn dadurch ist man nicht weniger sozial, sondern einfach nur anderer Meinung. Aus dem System kommt man eh nicht heraus; warum müssen wir es also auch noch idealisieren und anbeten?

Es ist okay alleine zu sein. Sei es am Heiligabend. Silvester oder sonst wann. Natürlich braucht der Mensch das Miteinander. Aber er muss es nicht immer genau zu diesem oder jenem Zeitpunkt haben; ein Jahr hat viele Tage. Und wenn man an bestimmten Tagen das Zusammensein feiert, dann geschieht das zwangsläufig immer auf Kosten derer, die alleine sind:
Wir sollten nicht auch noch auf sie herabsehen. Oder den Eindruck erwecken, dass es so ist.

Ich bin momentan in einer sehr guten Situation. Ich bin keiner der einsamen Singles mehr, auch wenn ich die Feiertage nicht mit Familie und meiner Freundin verbringe. Aber ich weiß noch genau, wie es sich anfühlt, wenn man von der Stimmung bedrückt und „bedroht“ wird.
Also kommt mir nicht mit eurer scheißperfekten Welt, die keine ist.
Und nein: Ich werde am Ende dieses Textes keinen versöhnlichen Ton anschlagen. Denn zum Versöhnen gehören immer zwei. Sonst. Ist es eine Unterwerfung.