Brief an den Chef

Sie haben mir heute die Monatszahlen unserer Gesamtproduktion vorgeführt, um auf das Gespräch von gestern zu reagieren, in dem ich darauf hingewiesen habe, dass ich kurz vor einem Burnout stehe und, wenn sich nichts an der Produktion und deren Tempo ändert, über kurz oder lange Gesundheitliche Schäden davon tragen werde, dich mich unfähig machen werden für eine kürzere oder sogar längere Zeit an der Arbeit und am sozialen Leben selbst teilzuhaben.

 

Mit ihren Monatszahlen wollte sie mich motivieren, denn laut diesen Zahlen produzieren wir gerade einmal die Hälfte von dem, was vor drei Jahren vom Hof gefahren wurde. Ich glaube ihnen, dass diese Zahlen stimmen. Sie sind exakt in SAP eingetragen worden und stehen für das was sie sind: Ausstoßzahlen unserer Firma. Doch so wahr diese Zahlen auch sind, so falsch sid sie auch im Bezug auf meine körperliche und geistige Gesundheit. Denn diese (wie sie von mir ihnen gegenüber genannte wurden) „nackten Zahlen“ sagen nichts aus, bis auf die Tatsächlichkeit der Existenz des hergestellten Produkts im Bezug auf vor drei Jahren.

 

In der Zahl ist nicht aufgeführt, dass wir inzwischen 2 Leute weniger in der Produktion sind, dazu kommt ein Landzeitkranker, der in den letzten 3 Jahren nur insgesamt 2 Monate gearbeitet hat. Es ist nicht enthalten, dass die Maschinen inzwischen noch veralteter sind und dass teilweise zwar neue angeschafft wurden, diese aber noch nicht so eingestellt sind – schließlich sind sie gebraucht von den beiden Partnerfirma geliefert worden – wie wir es benötigen, da wir nun ein Mischmasch von drei (!) Firmen in unserer Halle stehen haben, deren Maschinen aus unterschiedlichen Baujahren und damit Fähigkeit sind. Auch ist nicht aufgeführt, dass wir die alten Maschinen selbst (teilweise an Wochenenden) selbst abbauen und darauf folglich auch mit dafür verantwortlich waren, die Neuen mit aufzubauen. Es ist nicht enthalten, dass unsere Kompressoren nur noch auf halber Energie arbeiten, und wir deswegen manche Arbeitsbereiche nicht gleichzeitig fahren können.

 

In den Zahlen ist  zwar enthalten, dass wir  nicht mehr so viele Stückzahlen produzieren, doch immer mehr kleiner Margen in höherer Anzahl, was ein ständiges Umrüsten und Überprüfen zur Folge hat.

Weiterhin ist in diesen Zahlen nicht aufgeführt, dass wir kurz vor dem Zeitpunkt einer Zertifizierung stehen und wir deshalb Arbeitsschritte verändern müssen und mussten, und deswegen einen höheren Sicherheitsstandard erfüllen, was mehr Probenahmen und Überprüfungen zur Folge hat – mit immer weniger Leuten. Dies verlängert die Arbeitszeit erheblich.

In den verglichenen Monatszahlen steht nicht, dass Arbeitskollegen in Rente gegangen sind und nun als Teilzeitkräfte am Produktionsprozess teilnehmen, aber eben nur in Teilzeit. Überhaupt ist der menschliche Faktor gar nicht berücksichtigt.

 

Überstunden, Dauererkrankungen im Vergleich zu damals sind überhaupt nicht aufgeführt, so wie die Persönlichkeit und der Background der Belegschaft im Speziellen. Es ist nicht darin enthalten, dass mancher Kollege Nachwuchs bekommen hat und deswegen a) Elternteilzeit genießt (was jeder Manns und Fraus Recht ist, verstehen sie mich richtig) oder b) durch den Schlafentzug den ein Säugling hervorrufen kann nicht volle Leistung bringt und nicht mehr universell einsetzbar ist.

Körperliche wie geistige Komponenten sind in den Zahlen überhaupt nicht enthalten. Denn, guter Herr Chef, auch wenn früher sicherlich nicht alles besser war und es sich nicht alles zum Schlechten gewandelt und sich natürlich auch einiges gebessert hat, muss man auch die Menschen von damals zu heute vergleichen. Niemand von uns ist jünger geworden. Hunderte Überstunden für jeden, die niemals abgefeiert werden können, obwohl dies Vertraglich so vereinbart ist, wurden angehäuft, manche Arbeitskollegen haben im September  noch den Urlaub von letztem Jahr, während andere schlicht und ergreifend gar keinen zusammenhängenden Urlaub nehmen können, da es keine Zweitbesetzung für ihren Arbeitsplatz gibt.

 

In den Zahlen ist auch nicht das Geschäftsklima erfasst, der Teamgeist oder dass jeder Mensch verschieden ist; der eine arbeitet mehr, der andere weniger; einer macht in der gleichen Zeit das Doppelte, während der andere lieber Überstunden macht um das Selbe zu erreichen. Es steht nichts über die individuelle Belastung in den Ziffern und wie der Mensch damit umgeht. Außerdem muss ich anmerken, dass die Belegschaft nie danach gefragt wurde, ob die Margen in Unterbesetzung überhaupt auf längere Zeit eingehalten werden können.

Nach der Privatperson und seinen Problem wird ohnehin nicht gefragt, jedoch, es ist ein Faktor.

 

Sie, mein Chef, sagen, dass bei jener Anzahl von Menschen eine gewisse Anzahl von Gütern hergestellt werden muss, da dies bei Firma A auch der Fall ist. Doch ob Firma B überhaupt mit Firma A gleich gesetzt werden kann, diese Frage wird offensichtlich nicht abschließend geklärt, obwohl klar ist dass es keine Firma eins zu eins im anderen geben kann – das ist unmöglich, selbst wenn eine Firma ein planerischer Klon der anderen wäre; denken sie an den menschlichen Faktor.

Firmen sind organische Einzelwesen, wie der Mensch selbst, die sich ähneln und in Medizinischer Hinsicht das gleiche Grundkonzept verfolgen, doch so wie jeder Mensch am Ende unterschiedlich zu seinem Gegenüber ist – obwohl jeder über ein Herz, eine Lunge usw. verfügt (in den meisten Fällen) – ist auch jede Firma ein ganz eigener Mikrokosmos, der durch keine Zahl mit einer anderen Firma identisch gemacht werden könnte; Vergleiche können angestellt werden und um beim Beispiel der Medizin zu bleiben: Diagnosen müssen gemacht werden und dafür gibt es Lehrbücher und die Wissenschaft. Und selbstverständlich benötigt man dafür auch die Mathematik. Aber die falsche Diagnose beim falschen Patienten kann eine Katastrophe bewirken.

 

Ich weiß, mein Herr, dass sie ein gebildeter Mann sind. Und ich weiß auch, dass sie um all das was ich gerade aufgezählt habe – und bei dem noch viele Komponenten fehlen – selbst wissen. Ihnen ist das bewusst, dass diese Zahlen viel, und doch gar nichts aussagen.

Ich nehme an, dass sie mir die Zahlen gezeigt haben, um mich zu motivieren, denn andernfalls wäre es ein Scherz über meine geistige Intelligenz, wenn sie glauben würden, ich würde darauf denken: „Aha, heute ist alles besser als früher. Zahlen lügen nicht. Ich muss mir meine körperlich/geistige Schwäche nur einbilden.“

„Zahlen lügen nicht“, das ist richtig. Man muss die Zahlen aber auch in das richtige Verhältnis stellen. Und vor allem muss man sie in das richtige Verhältnis stellen wollen.

 

So schließe ich mein Schreiben an sie, wohlwissend, dass sich daraus nichts ändern wird, denn unser Wissen um die Falschheit dieser richtigen Zahlen, wird niemals die Befehlskette nach oben kriechen, da ihr Chef, mein guter, lieber und tüchtiger Chef, zu ignorant ist um die Zahlen richtig zu lesen, obwohl selbst er weiß, da auch er intelligent ist, was diese Zahlen wirklich bedeuten und deswegen Unsinn behauptet, wie zum Beispiel das wir genug Leute sind, diese aber nur falsch eingeteilt seien. Dies haben sie mir vor meinem Eintritt ins Wochenende erklärt worauf ich lachend meinte: „Blöd, dass der Chef keine Ahnung hat“, worauf sie meinten: „Woher soll er auch eine Ahnung haben? Er ist im Mutterkonzern und nie da.“ Umgekehrt hätten sie auch keinen Überblick wie es im Mutterkonzern zuginge. Und ich konnte mich nur wundern, wie ein Chef ein logistischer Vorstand einer Firma sein kann, wenn er gar keinen Überblick über die Firma hat, für die er die Verantwortung trägt. Das ist kafkaesk, ebenso wie es kafkaesk ist zu glauben, Produktionszahlen sind tatsächliche Zahlen.

Hiermit verabschiede ich mich ins Wochenende, lieber, gütiger und geliebter Chef. Und ich entschuldige mich dafür, dass man in meiner Jugend noch Geld in die Bildung investiert hat, die einem reibungslosen Arbeitsverlauf manchmal im Weg stehen.

 

Dienerhaft ihr

Paul Fleming.

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Kafkaeske Abgründe im Alpenblick Idyll

Die neue Zeit bietet neue Möglichkeiten, neue Aufreger. Vorhin im Bett, kurz nach dem Erwachen, geht der Blick zuerst auf Facebook (wie jeden Morgen – was hat man sich früher denn eigentlich angesehen nach dem Erwachen? Etwa den Kerl neben sich?), auf die Time-Line, oder heißt das Pinwand? Nicht einmal das weiß ich… Nun, diese Übersicht mit den Anzeigen von Freunden und Sachen die man ge-like-de, also abonniert hat und dort sehe ich dass ein Realschulkamerad von mir mit dem ich befreundet bin, hier auf Facebook, den ich jedoch seit Jahrzehnten nicht mehr gesprochen habe, nicht einmal im sozialen Netzwerk, den ich nur einmal getroffen habe, in der Stadt, auf einer Art Kinderstadtfest, wo er neidisch auf meine junge Freundin gegafft hat, während er sein Kind an der Hand hielt, dieser als Vermögensberater arbeitende und von mir deswegen im inneren Karteischrank als Verbrecher und Lügner verortete Mensch, von dem ich nur weiß, wie stolz er auf Facebook darüber ist im Winter nach Kitzbühel zu fahren um dort mit den Reichen und Mächtigen zu Trinken, wahrscheinlich um sich ebenfalls so zu fühlen, um zu glauben, er sei ein Teil von Reichtum und Macht, weswegen ich mich frage, warum man so was sein wollen würde, so ein Steigbügelhalter der Arbeitgebervereinigung, dieser Mann hat nun endlich beim Heimatverein in meiner Heimatstadt bei einer kleinen Fotoserie auf „gefällt mir“ geklickt, da dort der seit einer Weile der bei uns residierende Multimillionär ein Haus im Stadtkern auch meiner Stadt restaurieren ließ, um dort eine Pizzeria zu eröffnen, zu lassen.

Gestern sah ich vor dem Schlafengehen Michael Hanekes Gesellschaftsscherenschnitt „Code: Unbekannt“, jetzt bevor ich anfing zu schreiben und danach sicherlich weiter bis zum Ende, das Standbild der Play Station 3 zeigt den in Wahrheit schon lange verstorbenen Ulrich Mühe schreiend im Schnee, nach Barnabas, werde ich Michael Hanekes Verfilmung des sicherlich einflussreichsten Romans auf mich in meiner Entwicklung ansehen, Kafkas „Das Schloss“, und als ich gerade in den Extras Hanekes und Mühes Worte zu Kafka und seinem Jahrtausendwerk hörte, fühlte ich mich wieder ganz 16 oder 15 Jährig, als ich nichts verstand von der Welt, von Deutschland, vom bayrischen Miteinander, und das kafkaeske Werk mir wie ein Leitfaden schien für eine Welt, in der es viele Leerstellen ob der vielen „Warums“ gibt, auf die es in Wahrheit keine Antwort gibt, sondern nur Gehorsam und Boshaftigkeit – wo ich emotional wieder beim Vermögensberater angekommen war. Beim Vermögensberater und seinem Brötchen-König, dem Millionär, bei dem eine gute Freundin von mir arbeiten durfte (was sonst?) und die ihn und die seinen in guter Erinnerung wiedergab, weswegen ich ihn nicht verunglimpfen will, denn ich kenne den Mann gar nicht. Und eine Pizzeria zu unterstützen ist das Gegenteil von „schlecht“.

Dennoch schlägt sich der Bogen vom Brötchen-König meiner Heimatstadtidylle, der grinsend mit seiner Frau aus der Ortschaft, die zwar seine Tochter sein könnte, dass für mich aber überhaupt gar keine Rolle spielt, wohl aber vielleicht als Metapher von der Kleinstadt in Bayern, hin zum Großbürgertum stehen KÖNNTE, wie die Gruppe also und endlich auf dem bei Facebook geteilten und „Gefällt mir“ gedrücktem Bild posiert hin zum Haneke mit seinem Film „Code: Unbekannt“ unter dessen Eindruck ich gestern einschlief, in welchem es darum geht (meiner Meinung nach) dass die Gesellschaftliche Übersetzung zueinander IN einer Gesellschaft einfach fehlt und man deswegen in großen Missverständnissen, Angst, falsch gemeinter Gutness doch auch Bosheit zueinander agiert, und wie ich endlich den Brötchen-König im Haus mit der neuen Fassade lachend mit Frau und Belegschaft posieren sah, hatte ich das Gefühl eines kafkaesken Moments, da dieses von mir wohlbekannte Gebäude selbstverständlich auch ein Teil meiner Drogen-Fortsetzungsromans hier im Blog mit dem Arbeitstitel und „tag“ benannte „Text zur Nacht“ sein könnte und in was für Paralleluniversen man auf dem bayrischen Land doch lebt, wo die Drogenkaputtness und dieses rotköpfige, Bluthochdruck-Grinsen der Vermögenden Hand in Hand geht und was der Herr Brötchen-König wohl zu der Drogenwahrheit der Kleinstadt sagen würde, diesem Geschwür, dass in lauten Bässen aus Autos und aus 2-Zimmer, Küche, Bad hier aus dem Mittelbürgerlichen Untergrund hervor wummert.
Ob man das nicht sehen will, oder, ob darüber überhaupt nachgedacht wird, wir sind hier SO SEHR Idylle, dass es so etwas hier gar nicht geben sollte, ja, ob der Heimatverein auf dem Auge blind ist oder sich blindstellt und der Verein eben nur zur Heimat erklärt, was ihm in den Kram passt, nämlich die Idylle, nicht die Wahrheit des sich chemisch verbesserten Wegschießens, dass ich viele Jahre so geil und wirklich fand, so geil sogar, dass dieses Feierleben zu MEINER Kultur geworden ist, auch zu meine Spiegelbild meiner Heimat, wo unter der Hand alles zu bekommen war und was wir so auch gut und toll fanden. Damals brauchte es hier auch noch keinen Brötchen-König und die Stadt sah langweilig und kaputt aus, doch nur für all jene, die nicht wussten an welche Tür man klopfen musste um Zutritt zur Zauberwelt zu bekommen. Das meine ich ganz ernst: Meine Jugend hätte man vergolden sollen. So toll war das.

Sollte ich eines Tages wirklich so ein wenig Erfolg haben mit meinem Büchlein über Drogen (was ein Traum ist, vlt auch ein Albtraum) würde ich nicht müde werden zu betonen, WOHER ich komme, wie das Kaff heißt und wie kaputt und verlogen das Ganze ist – während der Heimatverein mit seinem Brötchen-König sicherlich und ganz bestimmt alles leugnen würde, weil man sich die schöne heile Welt gut und daherredet so wie man sie sehen will, in purer Verachtung der Wirklichkeit und der Tatsachen, wie sie vorhanden sind. Einen Lügner würde man mich nennen. Und ich sie ebenso.
Der gesellschaftliche Kommunikativ zueinander wäre eben jener unbekannte Code. Kafkaeske Abgründe im Alpenblick Idyll. Welches da ist – und doch nicht.

Superheld Kafka

Es ist jetzt bald 20 Jahre (gut, sagen wir 18 Jahre), seit ich zum ersten Mal Kafka las. Das war eine Erleuchtung. Franz Kafka ist selbstverständlich für junge Köpfe eine besondere Begegnung, denn gerade für sie ist diese Welt in der das Individuum ja wirklich durch höhere, fremde Mächte bestimmt wird, eine greifbarere Wahrheit als wenn man Mitte dreißig ist. Denn das ist ja das was Kafka so sehr ausmacht, seine Beobachtung und Verstörung darüber, wie wir auf verschwommene Weise von dunklen Mächten geführt werden, Dinge tun die wir nicht verstehen, jedoch auch nicht hinterfragen – und wenn wir es tun bleiben wir verwirrt zurück.
An Kafka habe ich schon ewig nicht mehr gedacht, wieso eigentlich? Wahrscheinlich ist die Antwort ganz einfach: Weil man erwachsengeworden ist, denn erwachsen sein bedeutet, dass man sich auf die Welt eingestellt hat; die Träume sind kleiner und realer geworden, zudem fühlt man zu glauben, dass man weiß, wie die Welt so ist, nicht dass man wirklich verstehen würde, warum die Welt so ist, wie sie uns vorkommt. Man akzeptiert viel mehr, ohne elementare Fragen zu stellen, außer jene Fragen, die eh alle ausplappern.

Beim Gedanken an Kafka, meinem ersten Literarischen Superhelden, überkommt mich die Frage, ob Kafka noch zeitgemäß ist, neben der Überlegung, ob ich noch zeitgemäß für Kafka bin… Ist die Zeit in der wir leben weniger „kafkaesk“ als früher?
Laut Wiki sagte Kafka Biograph Rainer Stach: „Wenn diejenigen, die das Zentrum der Macht besetzen, im Dunkeln bleiben, dann hat man das Gefühl, die Situation sei kafkaesk.“ Dank dem Internet und dem „Informationszeitalter“ welches es ausgelöst hat, sind wir für mein Gefühl dem „Zentrum der Macht“ näher gerückt. Damit meine ich nicht die Mutmaßungen der Verschwörungstheoretiker in Sachen „Geheimbünde“, darüber kann ich nichts sagen. Doch wir glauben durch unsere digitalen Anbindungen zur Welt zu wissen, warum wo was geschieht. Es stehen keine offenen Fragen mehr im Raum. Alles scheint einen Mausklick entfernt zu sein. Ob das die Wahrheit ist sei einmal dahingestellt. Deswegen sind „die höheren Mächte“ zwar nicht transparenter geworden (mein Gott nein), aber es ist leichter die Urheber für die Umstände zu benennen. Die Drahtzieher scheinen nicht mehr im Verborgenen ihre mysteriösen Anweisungen zu geben. Wenigstens glauben wir das. Und auch bei den kleinen Dingen, wie die Bürokratie mit der sich jeder Bürger auseinander setzen muss, ist der Kafka-Faktor zurückgegangen, da wir uns online über unsere Probleme austauschen können und meistens sehr schnell Rat bekommen. Die Verwirrung und die Isolation des Individuums sind oberflächlich zurückgegangen.

Ich weiß nicht… Ich glaube deswegen nicht, dass unsere Welt weniger kafkaesk geworden ist, wahrscheinlich hat es nur den Anschein, es sei so. Die Flut von Informationen mit denen wir (Entschuldigung) zugeschissen werden, überlastet uns und macht aus den Informationen an sich das genaue Gegenteil von dem was wir darunter verstehen, denn dadurch dienen Informationen nicht mehr der Erhellung und Erweiterung des Geistes, sie sind eher eine Art Junk-Food geworden, dass zwar satt macht, nur nicht klüger.
Vielleicht aber werden eines Tages unsere Kinder auf die ersten Jahrzehnte des 3ten Jahrtausends zurückblicken und gerade den Overflow der Informationen kafkaesk nennen, denn ich glaube, nein, ich habe eine Ahnung davon, dass sich das alles in den nächsten Jahrzehnten regeln könnte. Der Mensch muss nicht der Sklave und Müllsack der Informationsmöglichkeiten sein, nein, vielleicht und wahrscheinlich wird sich der Umgang mit den Daten eines Tages ändern, so dass man einen echten Nutzen daraus ziehen kann. Das Chaos wird sich ordnen und die Unterhaltungs- und Informationsgeilheit der Gegenwart wird möglichweise als etwas Asoziales gelten… Wir und das Internet werden uns entwickeln, der Mensch wird sein Leben anders filtern können.

Ja. Man muss schon die richtigen Augen haben um zu sehen, wie kafkaesk die Gegenwart ist. Das war zu der Zeit als Kafka lebte und litt nicht anders als heute, denn Kafka beschreibt für sich in seinen Büchern die Psychologie seiner Gegenwart, und es ist leichter die Vergangenheit zu psychologisieren, als die Welt in der man lebt, da die Vergangenheit abgeschlossen ist (wenn sie eine Weile zurückliegt; schon klar, die Vergangenheit hallt immer nach, doch ich hoffe ihr wisst was ich meine), die Gegenwart zu psychologisieren ist dagegen viel schwerer, denn die Gegenwart ist die gesamte Vergangenheit und das was gerade geschieht und wir wissen nicht die ganze Zeit, warum etwas passiert und weshalb diese oder jene Strömung aktuell unser Leben bestimmt und weshalb andere Strömungen nicht, obwohl das viel logischer wäre. Wir brauchen Zeit um zu überlegen, zu sortieren, um einzuordnen und nehmen deshalb das Leben als „einfach so“ hin, weil wir nicht psychologisieren oder nachfragen, sondern einfach akzeptieren, ebenso, wie die Menschen es zu Zeiten Kafkas getan haben, die ebenfalls kein Bewusstsein darüber hatten und nicht einmal haben konnten, wie fremdgesteuert und verloren sie eigentlich waren: Denn für sie war es einfach nur Normalität. Da wischt man gerne die Widersprüche und die Psychologie zur Seite. Um das zu können, brauchte es schon so einen Spinner wie Franz Kafka, der uns die Augen öffnete, während er selbst an seiner Perspektive und am Druck der Welt zerbrach. So gesehen ist Kafka immer noch aktuell. Und er wird nie aufhören aktuell zu sein.
Und:
Wieso gibt es eigentlich keine Superhelden Verfilmung über Franz Kafka?

Unrasiert

Die Frau erklärte, nein lächelte ihm zu, er solle warten. Da hatte sie ihm bereits das T-Shirt und die Hose ausgezogen; die Socken verstehen sich von selbst. Die Fremde hatte ihn mit Küssen bedeckt und ihre Hände waren sanfter als die Seiden-Laken, in welchen sie ihn in ihrem Bett zurückließ. Er wusste gar nicht wie das passiert war. Nur schnell war es gegangen. Sehr schnell. Niemals zu schnell. Um wahr zu sein.

Sie glitt aus dem Zimmer, diesem Frauenschlafzimmer, und legte den rechten Zeigefinger auf ihren frivolen Mund. Es würde nicht lange dauern. Was nun wohl kommen würde? Würde sie sich verkleiden? Halterlose Strümpfe tragen? Eine Peitsche? Nichts? Im Endeffekt spielte es gar keine Rolle. Er konnte gar nicht mehr verlieren. Auch wenn sie nur ein Kondom holen würde. Und wenn nicht, dann… Ach… Auch egal.

Sein Pimmel konnte das Glück kaum fassen. Stand irgendwie lächerlich bereit auf der Landschaft seines Körpers herum. Still vor Freude auf das Abtauchen in bessere Sphären, dem alten Rein/Raus-Spielchen, dem Grund allen Daseins, der Triebfeder jedes sinnvollen menschlichen Vergnügens.

So surreal kam ihm die Situation vor, dass er leicht beschwingt an einen Traum glauben musste, in dem er sich befände.
Von der anderen Seite der Türe hörte er Regungen, Bewegungen, Frauengeräusche. Das eigene, unverwechselbare Parfum dieses Schlafzimmers lullte ihn noch weiter ein. Er. Konnte warten. Auf diese vollendeten Brüste – diese Titten. Diesem weiblichen, nicht lächerlich drahtigen Körper. Und dieser verzehrenden Seele, den die Frau in ihrem hübschen Gesicht trug.
Ein Zauber lag in der Luft.

Und als sich die Türe öffnete, zuckte sein Schwanz schon in wilder Aufregung. Vor Wonne und Glück. Wohlwissend (er wie sein Schwanz) das Vorfreude nicht die schönste Freude ist. Nicht in diesem Fall – sein Schrei war laut und Angst erfüllt als er sah, was durch die Türe kam. Er, der Mann flüchtete, sich in die Seiden-Laken, zuckte zusammen und sein Gesicht wurde ganz bleich und von Panik zerfurcht; sein Penis ragte noch starr umher, unfähig die Situation zu verstehen.
Anstelle der schönen, anbetungswürdigen Frau, kam ein riesiger, gigantischer, nasser Biber durch die Türe, der wilden Blicks mit unglaublich großen, scharfen und harten Zähnen auf ihn zusteuerte. Die Krallen waren von enormer Größe und ließen das Holz des Bettes sofort splittern. Das Vieh stank furchtbar nach abgestandenen, Algen haltigen Wasser, steuerte auf ihn zu. Zertrampelte das Bett. Und packte mit seinem durch und durch nassen Fell unseren armen Freund mit den Fangzähnen. Während die mümmelnde Nase des Bibers die Furcht und den Angstschweiß des nackten Mannes verschlang.