Alle machen nur ihren Job – Guerilla

„Hast du das hier gelesen?“
„Ge-le-sen? Ich lese doch keine BILD-Zeitung. Das ist immer nur ein besseres Bilder angekucken.“
Schneiderin: „Wer hat die überhaupt gekauft?“
Ich antworte nicht.
„Aha. Am Ende will es wieder keiner gewesen sein… Aber der Artikel hier ist gut. Der mit dem Krebs. Passt auch gut zum Thema. Willst du ihn hören? Also gut.
Ein Mann arbeitet in einer Firma mit Chemikalien. Nach Jahren stellt sich heraus, dass eine dieser Chemikalien Krebs erzeugt und das Erbgut verändert, was der Chef auf einer Fortbildung erfährt. Weil der Chef ein lockerer Kerl ist, sagt er nur seinem Lieblingsmitarbeiter was los ist und geht davon aus, dass der das weitersagt. Der Liebling aber denkt im Gegenzug, dass der Chef die anderen Mitarbeiter informiert. Die arbeiten also fröhlich weiter mit der Flüssigkeit – und sehen natürlich keinen Grund um sich Handschuhe anzuziehen. Die Jahre ziehen in das Land und einer der betreffende Mitarbeiter bekommt Nachwuchs. Leider ist das Kind behindert. Kurz danach erfährt er, dass dieser Indikatorstoff eben das Erbgut schädigt und Krebs erzeugt. Der Chef weißt alle Schuld von sich.“
„Gab es da denn keine Schulung?“
„Scheinbar nicht. Hmm… Steht hier nicht.“
„Normal wird man da doch geschult. Und muss dann dafür unterschreiben.“
„Wie gesagt: Steht hier nicht. Dafür aber, wie es weiter ging. Der Chef stellt sich als Unschuldslamm hin, außerdem ist ja gar nicht bewiesen, dass das Kind deswegen behindert ist. Das muss dann so gewesen sein wie die Debatte damals beim Rauchen; erzeugt Krebs: „Jaha.“ Aber DIESEN Krebs?
Auf jeden Fall kommt der Chef davon und der Arbeiter bleibt bei der Firma. Das sieht auf den ersten Blick sehr unglaubwürdig aus, doch wenn man die Geschichte zu Ende liest, versteht man warum. Der Mitarbeiter mit dem behinderten Kind träufelt nämlich die Chemikalie in den Kaffee des Chefs: Jeden Tag. Natürlich um sich zu rächen. Und jetzt wird es eigentlich erst interessant. Der Chef bekommt Wind davon und zeigt den Mitarbeiter an – und der kommt wegen schwerer Körperverletzung dran.“

Ich: „Das ist das Ende der Geschichte?“
„Das ist das Ende. Verstehst du die Ironie nicht?“
„Doch klar. Aber es geht halt um Vorsatz.“
Die Guerilla-Schneiderin sieht mich abwertend an: „Pf… Vorsatz… Das ist doch nur so ein Unwort um sich herauszureden. Es geht nicht um Absichten. Sondern um Taten. Das ist einfach eine Frechheit!“

Koji steigt zu uns in den Van.
Er hat den Peressigsäure-Behälter verkabelt und drückt der Schneiderin die Fernbedienung in die Hand. Ohne große Diskussionen aufkommen zu lassen löst sie das Ding aus. Die Explosion ist verheerend. Sehr gut.

Wir starren mit offenen Mündern aus dem Fenster.
„Bleibt nur noch ein Problem“, meine ich, als ich meine Sprache wieder gefunden habe.
„Welches?“ Fragt Koji nach, während wir drei noch immer auf den Krater glotzen.
„Wie bekommen wir das Gebäude geräumt?“ Ich drehe mich zur Schneiderin um. „Ich meine. Jedes Gebäude ist heutzutage mit Wachleuten gesichert. Ganz besonders wenn es leer steht und einen wirtschaftlichen Nutzen hat. Wie also bekommen wir die Arbeitssklaven aus dem Gebäude?“
„Ich hab schon darüber nachgedacht“, entgegnet die Schneiderin. Wir sehen uns an. „Das ist fast so, als würden die Firmen Geiseln nehmen, um ihre Anlagen zu beschützen: Sie müssen nur jemand bezahlen, der vor Ort ist und schon sind sie vor Anschlägen sicher, nicht wegen der Arbeit der Wachleute, sondern wegen ihrer körperlichen Gegenwart. Denn was gerade noch Sachbeschädigung war, ist im nächsten Moment Mord. Das ist wirklich ziemlich clever. Wachleute sind die menschlichen Schutzschilder der Unternehmen. Das begreifen Wachleute wahrscheinlich gar nicht. Es ist gar nicht ihre Absicht als menschliches Schutzschild zu agieren.“
„Du kommst mir jetzt aber nicht mit so einem Absichten-zählen-nichts-sondern-es-geht-um-Taten-Ding, oder? Die machen doch auch nur ihren Job. Das sind arme Schweine wie du und ich.“
„ALLE machen nur ihren Job. Das ist doch das Problem.“ Die Schneiderin lässt den Motor an: „Und wir werden auch unseren Job machen.“

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Traumjob und Traummensch

Ich bin noch bis morgen krankgeschrieben, und da habe ich mir den neuen Roman von Carlos Ruiz Zafon geholt (der Limonow ist gut, aber nach 10 Seiten lege ich ihn immer weg) und ich erinnere mich vage an ein Zitat von Zafon (aus einem der beiden Vorgängerbücher), welches eine Internet-Freundin in einem Forum in ihrem Profil geschrieben hat. Irgendwie ging es darum, das man als junger Erwachsener nicht nur entscheiden muss mit irgendetwas sein Geld zu verdienen, sondern auch darum, es mit etwas zu machen, was einen erfüllt.

Vorher habe ich mir einen Vollkornsemmel geholt. Früher hat man das gesagt: „Ein Vollkornsemmel, bitte.“ Und man bekam einen. Heute bekommt man darauf nur eine Gegenfrage: „Den mit Kürbiskern? Roggen? Mehrkorn? Dinkelstange? Kümmelbrötchen? Kornspitz? Weltmeister?“ Usw. Usf.
FRÜHER war das anders. Da gab es eben nur Semmel. Brezen. Brot. Und das war es im Prinzip auch so. Und das Gleiche war auch so mit dem Süßkram.
Das ganze Thema beschränkt sich ja nicht nur auf die Bäckerei – es ist mit allen Dingen so. Spezialisierungen wohin man sieht. „Starbucks“ ist dafür das beste Beispiel – von wegen einfach nur Kaffee – oder jede nur erdenkliche Getränkesorte (wie hätten sie ihr Wasser denn gerne? Still, Medium oder Spritzig? Mit Aroma? Mit viel Kalzium? Usw. usf.), Inneneinrichtung, Mode, Autos, Handys, Musikgeschmack, Schmuck, Menschen – ALLES. Alles wird immer mehr spezialisiert und damit individualisiert. Jeder Geschmack wird noch delikater ausgeleuchtet und es muss noch IMMER mehr Geschmack erzeugt generiert werden, damit es WIRKLICH Geschmackvoll zusammenpasst.

Ich bin ein Mann und ich bin ziemlich Old School. Für mich braucht es im Prinzip keine zigtausend Kaffeesorten bei Starbucks, keine Millionen Salatsorten, keine großartige verschiedenen Menüs beim Fast Food Restaurant – und total abgenervt bin ich von „Subways“, wo ich nach all der Fragerei immer total fertig bin und freiwillig eine Tüte Chips dazukaufe, da ich nervlich total am Ende bin…
Kurz: Es ist ganz nett die Wahl zu haben, aber wieso muss man immer und überall Alles spezialisieren?

Sicher. Das liegt an der Globalisierung. Das musste auch unser Bundestagsvizepräsident Thierse feststellen. Worte. Werden exportiert. Aber auch Essgewohnheiten und Kultur. Das ist weder schlecht noch unnormal. Das ist der Lauf der Dinge. Dennoch frage ich mich, warum man jeden Quatsch kennen muss, um dann nicht gleich als Volltrottel und Hinterwäldler dazu stehen. Ganz ehrlich (auch wenn es sau doof klingt): Ich will gar nicht alles wissen (Das klingt jetzt wie ein Simpsons-Zitat, darum geht es aber nicht: „Es gibt viele Dinge die wir nicht wissen wollen; ganz wichtige Dinge sogar!“ :)) ). Das ist jetzt keine Absage an „Multikulti“, sondern an den Terror des überzogenen Individualismus.
Damit. Hat der Eintrag hier ja angefangen:

Früher. Da konnte auch nicht jeder werden was er will. Klar, man konnte sich bemühen, hatte Träume aber man hatte nicht den einen Traumberuf (in der Kindheit vielleicht) und stellte sich dann quer oder verlor den Lebenssinn, wenn man eben nicht Anwalt, Arzt oder Filmstar wurde, sondern doch in einer Fabrik arbeiten musste, Pakete austrug (das finde ich sehr witzig) oder sonst etwas. Ich glaube, man sah auch nicht so sehr auf Jobs wie Müllmann, Verkäufer/in im Supermarkt oder dergleichen herab. Es war normal. Jemand musste diese Jobs machen und das tat dann auch jemand. Es gibt eben nicht nur Traumberufe – deswegen konnte man dennoch ein sehr glückliches Leben führen.
Heute wird einem immer mehr und mehr ein Elitedenken vorgeführt. Die Schere zwischen „Arm und Reich“ – und für die, die nicht viel Geld haben: Die Scheren zwischen „Hübsch und Hässlich“, „Cool und Langweilig“, „Fick oder ungefickt“. Das gab es ja schon immer. Doch heute geht es viel extremer darum, und, es kommt immer mehr auf die Verpackung an – auf den Stil.
Okay, in letzter Zeit darf man ja modisch „Alles“, im Prinzip aber wird immer mehr spezialisiert. Und: „Hauptsache Auffallen“ – dies aber nur durch modische Uniformität (kurz: Alle sehen besonders aus, aber auch im eher gleichen Look), und wehe man läuft so herum wie die Jugend in den 50gern des letzten Jahrhunderts oder dem Jahrhundert davor. Man darf eben nicht Alles. Es wird nur so getan.

So sind die Menschen also geworden. Nerds oder Freaks. Sexy oder Intellektuell. Schick oder Hippie-Stil. Und für Alles gibt es DEN Modestempel, z.B.: „So haben Emos auszusehen“. Es ist mehr Look als Gefühl. Auch bei den Rockern oder bei den Bankern. Die Oberfläche macht den Unterschied. Und auch wenn der Traum von der Rock/Popstar-Karriere nichts geworden ist. Nun. Man kann sich doch wenigstens so anziehen und fühlen. Es geht gar nicht mehr um Wirklichkeit, sondern um ein Gefühl der Wirklichkeit. Um Individualität. Denn wie man aussieht und wo man sich dazu denkt, das ist man auch. Wirklich? Gibt es diese Traummenschen als die wir uns sehen nicht nur in unseren Träumen?

Das Ganze ist jetzt irgendwie abgedriftet. Im Prinzip wollte ich nur sagen, dass Semmeln (Brötchen, von mir aus 😛 ) immer Semmel seien werden, ganz egal mit was für Körner, Salz oder sonstigen Zutaten sie gemacht oder belegt wurden. Und dass es auch mit den Menschen so ist. Ganz egal wie toll und wichtig sie sich vorkommen oder verkleiden. Menschen sind immer Menschen. Und es gibt keinen real existierenden Übermenschen, auch wenn wir diese Daseinsform anstreben sollten. Es ist nicht die Form wie du die Haare trägst. Was du arbeitest. Was du für Musik hörst, was du liest oder ob du ins Kino oder Theater gehst.
Und ich finde wirklich dass sich nicht jedes Arschloch wie etwas Besonders vorkommen sollte.
Wir sind nichts Besonderes. Ganz egal was uns Walt Disney auch eingeredet hat. Wir werden nicht alle Filmstars, Prinzessinnen oder Pornodarsteller. Und das ist auch gut so. Denn Erfüllung ist mehr als nur Arbeit und/oder Liebe.
Semmel sind Semmel. Menschen sind Menschen.
Fertig.

Der Generationsvertrag

Ich war mit meinem Kopf überhaupt nicht dabei – wieso auch? Die Arbeit war stupide genug, selbst jemand, der nicht einmal die Sprache von Klaus sprechen würde, hätte sie machen können. Nein. Meine Gedanken waren bei meinem Mädchen. Bei meiner Frau. Was sie wohl gerade machen würde, wann wir uns wiedersehen. Handys gab es noch keine, so blieb mir als Kontaktaufnahme nur das allabendliche Telefonat, welches der schönste Moment unter der Woche war, bis auf das spätere Onanieren unter der Dusche. Nein. Warum auch? Warum hätte ich „die Augen offen halten sollen“? Wir fuhren nur Bier und Limonade aus, Klaus und ich, und bei mir war es nicht einmal ein richtiger Beruf: Es war ein Ferienjob.
Und doch quatsche Klaus mich voll:

„Das mit der Arbeitslosigkeit ist der volle Witz“, raunte er, während er die schnaubende Bestie von LKW durch die kleinen Gassen quälte, „Ich meine, warte noch ein paar Jahre ab, dann gibt es dank dem Pillenknick eh kaum mehr genug Kinder, und plötzlich wird man vom Jobwunder sprechen“, er fauchte „Jobwunder“ geraderecht heraus, „Wunder wird es dabei aber keines geben, sondern das ist bloß Evolution, auf ne andere Art.“
Ich musste gar nichts sagen. Wahrscheinlich sollte ich es auch nicht. Ein „Mhm“ reichte vollkommen. Ich mhm-te.
„Und dann wollen wir mal schauen WER meine Rente bezahlt. Denn dann wird es nicht mehr genug Kinder geben, die die Alten bezahlen. Generationsvertrag, du weißt schon.“
„Mhm.“
„Wobei das Wort an sich ein Witz ist, denn wie kann man einen Vertrag mit der nachfolgenden Generation machen, wenn die noch gar nicht geboren ist? Schon ein Scheißsystem irgendwie… Die Nachkommen werden ausgenutzt. Verurteilt, wenn man so will… Im Prinzip ist das mehr wie eine Wette: Zahlen die Kinder für uns, oder nicht? Ich meine, wer ist noch Dankbar für das, was er als Kind bekommen hat? Keine alte Sau…“
„Mhm.“
So Unrecht hatte er vielleicht gar nicht. Vorhin hatte er mir von Triebtätern erzählt und das man sich heutzutage kaum mehr wundern muss, wenn die Mädchen halbnackt über die Straße laufen. Kein Wunder das die Männer dann dicke Eier hätten.
Klaus redete gern. Er war alt. So um die 40. Doch das sah man ihm kaum an.

Kamen wir bei einer Wirtschaft oder einem Supermarkt an, war es immer das Gleiche. Klaus zeigte mir wo ich das Vollgut abstellen sollte, wo ich das Leergut mitnehmen musste. Er lud ab und öffnete die Türen. Getränke werden im Normalfall zur billigeren Kühlung im Keller gelagert und Keller sind meistens nicht dafür bekannt, dass sie leicht zu durchqueren sind. Wenn man einmal zehn 60 Kilofässer eine Wendeltreppe hinuntergetragen hat, dann weiß man am Abend was man gemacht hat – und wir machten natürlich nicht nur eine Gaststätte.

Als Lieferant kommt man herum. Sieht die Welt. Hässliche und schöne Ecken. In manches Restaurant bin ich seitdem nie wieder gegangen… Was man so über die Asiaten sagt ist nebenbei gar nicht so verkehrt, doch ein 4 Sterne Hotel muss unter Umständen nicht besser sein. Es ist Alles. Nur. Fassade.

Am Anfang bekam ich es gar nicht mit. Es war nur ein Keller wie viele Andere auch. Und im Kopf war ich schon im Wochenende. Bei meiner Liebsten. Ihr Haar. Ihr Geruch. Ihr Lachen. Doch etwas wunderte ich mich dennoch. Hier sah es nicht aus wie nach einem Gasthof und wir stellten die Fässer auch nicht in einem Keller ab, sondern ließen sie über ein Rutschenartiges Gebilde hinunter sausen. „Komisches Ding“, meinte ich zu Klaus, und diesmal war er es der mhm-te.
Es waren nicht viele Fässer. Nur ein paar 20ger Cola und Wasser.

„Gut das wir wenigstens da nicht in den Keller mussten“, grinste ich Klaus bereits mit fühlbaren Muskeln im Lkw an.
„Nein Mann. In den Keller kann man gar nicht rein.“
„Hä? Ach so. Wir haben also keinen Schlüssel dafür. Klar. Warum auch? Gibt ja die Rutsche.“
„Nein Mann. Zu diesem Keller gibt es keine Tür.“
„Ein Raum ohne Tür? Jetzt hör aber auf. So was gibt es nicht. Und selbst wenn, wie sollte man dann die Fässer da raus holen? Wer sollte sie trinken?“
„Die leeren Fässer stehen immer neben der Rutsche. Die Kinder sieht man nie.“
„Was für Kinder?“
Dann antwortete er nicht mehr, sondern drehte die furchtbare Schlagermusik lauter. Sie erschlug das Gespräch.

Als wir die Woche darauf wieder bei dem Keller-Rutschen-Gebäude waren, ließ Klaus eine Tüte mit ins Dunkle gleiten.
„Was war das?“ fragte ich ihn.
„Kastanien.“
„Kastanien?“
„Vielleicht wollen die Kinder Kastanien-Männchen bauen.“
„Mhm…“
Doch trotz des „Mhm“ wunderte mich die ganze Sache: Was wurde da gespielt? Von Klaus bekam ich keine Antwort, also unterhielt ich mich mit meiner Freundin darüber, die meinte zu mir (Scherzhaft), die einfachste Lösung wäre folgende: „Er spinnt.“ Das stellte mich jedoch nicht zufrieden. Längst war meine Phantasie angeregt. Was wäre, wenn das so ein Fritzl-Haus ist? Oder so ein Ding wie mit der Kampusch? Nein jetzt mal ehrlich: Was ist, wenn da Kinder gefangen gehalten werden?
„In einem Zimmer ohne Türe“, grollte meine Freundin mit Kellermeister-Stimme.
Ja. Das Ganze klang schon ziemlich verrückt.

Als Klaus beim nächsten Mal – meiner letzten Tour – eine Packung Haribo „Tropifrutti“ versenke, sprach ich ihn noch mal darauf an. Er seufzte. Dann. „Ich habs dir doch erklärt. Das ist der Generationsvertrag. Die Jungen zahlen für die Alten.“ Erst verstand ich gar nichts. Dann glaubte ich zu verstehen.

In der Nacht kam ich zurück. Es war nicht schwer in das Haus einzusteigen. Es lag abseits vom Ort, wie diese Sportheime, die wir die letzten Wochen des Öfteren frequentiert hatten. Dass man mich sehen könnte war eher unwahrscheinlich. Außer von dem Bewohner natürlich, doch Auto stand keines dort. Dunkelheit herrschte. Ich suchte den Kellereingang – doch es gab keinen. Ich tastete die Wände ab, zerriss den Teppich, suchte nach einer verborgenen Türe. Fehlanzeige. Mir wurde mulmig. Ein Zimmer ohne Türe… Dann legte ich mein Ohr auf den Boden. Lauschte. Ob da jemand ist. Ein Mensch. Ein Kind. Ein Vergewaltiger. Womöglich. Doch. Ich hörte nichts. Im ganzen Haus war nichts. Gar nichts. Bis auf die Schatten, die meine Taschenlampe warf und das Klopfen, das Hämmern meines eigenen Herzens. Ich bekam es mit der Angst zu tun und radelte nachhause.

Am nächsten Tag besuchte ich einen Freund von mir. In Wirklichkeit aber wollte ich gar nicht zu ihm. Ich wollte zu seinem Vater, denn sein Vater war der Bürgermeister unserer kleinen Stadt. Zur Polizei traute ich mich nicht, und den Vater von Lorenz kannte ich schon seit meiner frühen Kindheit. Ich passte ihm ab und erklärte ihm die Lage. Erst seufzte er, dann bat er mich die Tür hinter mir zu schließen, damit wir in Ruhe reden könnten.