Orlando – Was ist mit der Anteilnahme?

Ich hab ein wenig gewartet und habe über die „Ereignisse“, über das Morden in Orlando, nachgedacht. Es sollte bekannt sein dass dort ein fanatischer Mörder in einem Schwulenclub, dem „Pulse“, 50 Menschen erschoss und fast genauso viele verletzte.

Wie vor ein paar Monaten bei dem Konzert der „Eagles of death metal“ wurde hier konkret, sogar noch konkreter, meine Lebensart angegriffen, wobei das nichts mit meiner sexuellen Orientierung zu tun hat. Das Nachtleben war mein Leben und ist noch immer meine Lebenseinstellung und auch wenn ich in meinem Dasein nicht viel in Schwulenclubs unterwegs war tanzte ich fast zwei Jahrzehnte zu Musik, die nicht nur sehr tolerant jeder Art von Sexualität gegenüber war und ist, nein es geht noch weiter, denn House und Techno ist von den Schwulen groß gemacht worden. Meine Anteilnahme ist bei den Opfern. Wirklich.

 

In Folge des miesen und feigen Anschlags habe ich bei irgendeinem Online-Medium, verlinkt über Facebook, einen bewegenden Artikel gelesen, in denen der Autor, selbst homosexuell, darauf pocht, dass das kein Anschlag auf „unsere gemeinsame Lebensart“ war, sondern auf die der Homosexuellen. Die Begründung ist gut: Der schwulen Club ist der Ort, an dem homosexuelle Männer (oder auch lesbische Frauen) sich endlich frei fühlen können, ohne sich beobachtet und in eine Ecke gestellt fühlen zu müssen. Der Gay-Club als „sichere Zone“, in welcher man Vorurteilsfrei der sein kann, für den man vor der Tür verspottet oder wenigstens belächelt wird. Und mit dem Anschlag auf diese sichere Zone hat der Mörder versucht den Menschen  die letzte Sicherheit zu nehmen, an Orten, in denen sie sie selbst sein können.

Wie gesagt, eine gute Begründung.

 

Ich bemängele dennoch die Ausgrenzung der Anteilnehme, die einem normalen, mitfühlenden Hetero wie mir da entgegentritt. Natürlich hat der Autor Recht. Und er hat allen Grund um wütend zu sein und hier eine konkrete Linie zu ziehen: Überall ihr mit euren Vorurteilen und Klischees – hier wir. Das macht alles Sinn.

Anteilnahme sollte man dennoch nicht ablehnen.

 

Im Normal- und Glücksfall werde ich niemals spüren, wie es ist vergewaltigt zu werden, wie es ist in einem Krieg zu leben, wie es ist wenn Freunde und Familie einen gewaltsamen Tod sterben. Ich werde so Gott will niemals wirklich hungern müssen. Oder von Fremdenhass verfolgt werden. Ja ich weiß, ich, du, wir haben sehr privilegierte Leben. Auch wenn der eine oder andere zu einem besonderen Kreis zählt. Dem Kreis der Geschändeten. Dem Zirkel der Verachteten. Der Gruppe der Traumatisierten. Ich will das jetzt nicht auf „jeder hat seine Last zu tragen“ herunter brechen, ein wenig geht es dennoch darauf zu.

Das Problem an diesen Kategorisierungen ist nur, dass durch dieses Grüppchen-Denken andere ausgeschlossen werden. Wisst ihr, ich weiß nicht wie es ist ihr zu sein, wie könnte ich? Dabei weiß ich dennoch wie es ist, ein empathischer Mensch zu sein.

Schmerzen und Leid definieren dich. Sie stellen dich abseits und in diesem Abseits stehen noch andere Menschen und ja, mit ihnen kann man geschlossen gegen die Gesellschaftlichen Konventionen an leben, um das zu sein, was im Prinzip jeder von uns ist: Normal. Jeder auf seine Art. Das ist ja auch etwas Gutes. Die Gruppe gibt Zuspruch, Halt und du findest Gleichgesinnte. Man sollte sich nur nicht in seiner Gruppe abschotten und sich – auch wenn man es auf der einen Hand natürlich ist – für etwas Besonderes halten und dadurch wieder Leute ausschließen, denn das ist die Kehrseite der Medaille: Auf Ausgrenzung erfolgt in einer Minorität nur wieder Ausgrenzung der Majorität und so sollte es nicht sein. Wenn Menschen Anteilnahme, ehrliche Anteilnahme ablehnen, stoßen sie den Anteilnehmenden vor den Kopf: Und stoßen ihn in die falsche Richtung. Auf bedingungslose Akzeptanz und Anteilnahme sollte man eben genauso damit reagieren. Denn wenn wir die Schmerzen, das Leid und die Schmach nur für uns und unsere Gruppe postulieren, stoßen wir die anderen von uns fort, was einen Teufelskreislauf zur Folge hat.

 

Ja. Nein. Ich werde es zum Glück nie erleben meine Sexualität unterdrücken und verstecken zu müssen. Das macht mich zu einem glücklichen Menschen. Dafür bin ich dankbar. Und ich weiß dass es bei manchen von euch nicht so ist. Aber deswegen sollten wir uns dennoch gegenseitig erlauben, mitfühlend mit den anderen zu sein. Denn der Mangel an Mitgefühl für uns (auch für uns selbst) treibt uns nur weiter auseinander. So wie es jeden einsamen Versager, der später als Amokläufer endet, von uns weggetrieben hat.

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Discopumper

Sieht man sich die heutigen männlichen Jugendlichen auf einem „Rave“ (Unwort) an, sehen sie aus wie aufpumpte, überstylte, homosexuelle Proleten-Langweiler aus den 90gern.

Es ist fast so, als hätten sich die Stylisten der Gegenwart, die Gogo-Tänzer aus alten Love Parade Umzügen als Vorbild genommen, um der Jugend von heute ein Idealbild von Männlichkeit vorzugaukeln, um zu sagen: So hat man auszusehen. Leider wurden diese „Parade-Menschen“ in den 90gern vom Fernsehen dafür bezahlt um so auszusehen, und so sehen die Jungen heute aus: Wie vom Fernsehen gekauft. Von RTL 2.
Und wie es so will hat die Jugend für sich selbst einen ironischen Begriff parat: Discopumper. (sprich Jugendliche/Männer, die nur ins Fitness-Studio gehen um ihre Muskeln für die Disco aufzupumpen)

Homosexualität ist nichts Besonderes mehr, gut so! Die Rechte wurden hart erkämpft und schwer verdient. Und kaum jemand würde heute noch den heilsamen und kreativen Einfluss von queerer Mode und Lebens-Stil auf unsere Gesellschaft leugnen. Wieso aber muss man als Hetero sämtliche männliche Attribute über Bord werfen und diesem queeren Chick huldigen? Wieso will man überhaupt wie ein „Berlin – Tag & Nacht“-Prolet aussehen?
Oder anders gefragt: Wenn man schon Vorbilder braucht um sein Ego zu definieren (haha), wieso sucht man sich keine richtigen?

Es geht nicht darum als Mann wieder mehr Macho zu sein. Das ist zu kurz gedacht. Männer sind mehr als nur Weicheier oder Machos, ganz egal was dir dein Testosteron einflüstert.
Männer sollten komplett sein.

Das Problem mit den Discopumpern ist leider, dass sie sich stylen wie Homosexuelle, und sich dabei fühlen wie Machos, ja, Homosexuelle nicht einmal als Menschen zweiter Klasse durchgehen lassen und verspotten, wenn auch nicht mehr so krass wie ihre großen Brüder davor… Die Verpackung ist mal wieder nicht der Inhalt.

Der Look von Männer und Frauen wird sich immer ähnlicher. Das finde ich im Prinzip sehr gut. Wieso aber muss das Mittelding zwischen Mann und Frau die gestylte Schlampe sein – und nicht ein Hybrid mit Stil und Klasse?
Ihr tragt Esprit – habt aber keinen…

Fitness ist ne gute Sache. Man sollte aber nicht nur Gewichte stemmen, sondern auch ein paar Bücher. Hört doch mal ein paar Hörbücher auf dem Stepper…

Dürr ist hübsch

„Dürr ist hübsch“ –das scheint die Meinung von Frauen in meinem Alter zu sein. „Dürr ist jugendlich“, auch das stimmt nur begrenzt. Die Wahrheit ist, dass die meisten Menschen egal welchen Geschlechts, auf schlankere Menschen stehen, doch Männer scheinen „weibliche“ Frauen zu bevorzugen. Nicht androgyne. Schon seltsam wenn man das inzwischen hervorheben muss.

Die Frauen dagegen bekommen ihr Frauenbild von Models vorgelebt, die von homosexuellen Designern dazu erwählt werden, ihre Kleidung vor zu tragen. Homosexuelle lieben Männer, was ihr gutes Recht ist, und da sie die Chefs in der Branche sind, ist es auch nicht wirklich verwunderlich dass sie Frauen bevorzugen, die so dünn und so ohne Brust sind, dass sie aussehen wie junge Knaben – ohne Penis. Im Gegensatz zu vielen Männern haben einige Schwule einen gesteigerten Sinn für Ästhetik und Schönheit, dass dieser Sinn dabei nicht Zwangsläufig der gleiche sein muss wie den, der ihre heterosexuellen Artgenossen dazu antreibt aufmerksam zu werden, liegt im Prinzip so sehr auf der Hand, wie Hetero-Männer oft nichts mit dem Stil und Auftreten von Homosexuellen anfangen können.

Wieso soll mich also das Idealbild eines Homosexuellen von Model-Frauen erregen, wenn wir zwei vollkommen unterschiedliche Schönheitsideale haben? Man denke nur an diese Wangenknochigen Frauen die immer noch Mode sind…

Und Frauen denken dass die Models die in der Öffentlichkeit stehen deswegen hübsch sind, weil sie berühmt sind und viel Aufmerksamkeit bekommen. Und die Männer denken sich: „Na ja, ganz hübsches Gesicht – doch wenn du mit der fickst, holst du dir nur blaue Flecken.“

Nachtrag:
Von Natur aus sehr dünne Frauen sind ein anderes Thema, natürlich 🙂
Vielleicht ist es auch zu früh für solche Gedanken. Zum Glück kommt heute meine Freundin wieder. Dann ist Schluss mit diesen undersexten Debatten hier im Blog.

Balken vor den Augen

Er starrt auf sein Smartphone und sagt die logischen Worte dazu: „Was für eine unglaubliche Zeitverschwendung es doch ist, auf diese Dinger zu starren.“ Seufzen, dann: „Die Verbindung hier ist schlecht.“ Weiter: „Ich will gar nicht wissen wie viele Stunden meines Lebens ich damit verbracht habe auf einen Balken zu glotzen, der sich von links nach rechts bewegt, und wozu? Meistens ist das was man sehen will ohnehin nicht wichtig und das Schlimme dabei ist noch, dass man sich durchaus bewusst ist, dass das was gleich kommt einen auch nicht retten wird. Das ist wie mit dem neuen, tollen, visionären Film den jeder gesehen haben muss – der rettet einen auch nicht, warum auch?“
„Vielleicht solltest du mehr Bücher lesen?“
„Was denkst du was ich gerade herunterlade? Und Bücher zeichnen sich nur dadurch aus, dass sie von der Masse nicht so leicht konsumiert werden können – sie sind zu anstrengend. Ansonsten bekommt man doch alles so leicht und vorgekauft. Nur Zeit muss man mitbringen. Dieser verdammte Balken“, er sagt das nicht gestresst, sondern eher hilflos. „Buffer-Balken sind wie Werbung: Sie stehlen uns Lebenszeit und versprechen uns eine bessere Welt, doch eigentlich nehmen sie uns mehr weg, als sie uns geben.“
„Dann leg das Mistding weg. Das Buch läd es auch ohne deine Beobachtung herunter.“
„Stimmt eigentlich.“

Klaus legt seinen „Apfel“ weg und denkt weiter über Zeitverschwendung nach, und was im Leben wirklich wichtig wäre. Was man tun sollte. Wie man leben könnte. Joe beißt in einen Burger und blickt dabei in der Mensa herum.
Geräusche flammen auf. Menschen gehen umher. Teller klappern. Besteck fällt auf den Boden, den Tisch oder in den Mund; es wird geschmatzt und Stühle gerückt. Jetzt kommt auch noch Licht in die Szene und wir sehen, dass die Mensa gut besucht ist: Es ist Sommer.
„Bist du eigentlich schwul?“ Joe grinst kauend Klaus an. Der stöhnt gelangweilt.
„Ich? Du weißt doch dass ich mit Jenny zusammen bin.“
„Mhm. Schon. Doch wenn ich mich hier umsehe, dann müssten rein Statistisch und Prozentual ein Haufen Schwuchteln hier unterwegs sein – wie viele kennst du? Ich meine überhaupt. So im Gesamten.“
„Zwei. Pf… Ich glaube es sind 2.“
„Eben. Ich gar keinen. Also entweder sind hier lauter verkappte Schwuchteln unterwegs, oder die Statistik stimmt nicht. Du spielst doch Fußball – da müsste es, weil es viele Kerle dort gibt, viele Homos geben.“
„Ja genau“, lacht, „da gibt es GAR KEINE Schwulen. Die haben ALLE eine Freundin.“
„Das ist doch Statistisch unmöglich.“
„Ist aber so.“
„Das ist ja wie wenn Achmadinedschad sagt, dass es im Iran keine Homosexuellen gibt. Darüber hast du dich doch auch Wochenlang kaputt gelacht. Beim Fußball aber ist das aber vollkommen unmöglich, weil Fußballer so unglaublich hetero sind.“
„Willst du jetzt den Iran mit Fußball vergleichen?“
„Was die Unterdrückung von Homosexuellen angeht – ja! Und man darf nicht vergessen, dass diese ganzen Unterdrückerheteros alle Wähler sind..“
„Rein nach der Statistik müsste es auch einen Haufen Analphabeten hier geben, aber die Wahrscheinlichkeit in ner Uni Analphabeten zu finden, ist doch eher gering.“
„Dann willst du sagen, dass Statistiken allgemein falsch sind?“
„Warum nicht?“
„Aber das ist doch noch schlimmer, denn Statistiken sind die Maßstäbe, an der unsere Welt angelegt sind! Ohne Verallgemeinerung geht gar nichts! Es gäbe keine Wirtschaft, Politik, nicht einmal Sozialsysteme!“
„Was willst du mir mit dem Gespräch eigentlich beweisen?“
„Du siehst nicht das Offensichtliche an diesem Gespräch?“
„Nein! Wer sollte hier denn schwul sein?“
„Ich.“
„Jetzt hör aber auf.“
„Okay, ich bin nicht schwul. Ich wollte dir nur zeigen, dass du deinen Blick nicht aufs Wesentliche richtest, sondern erst einmal die ganze Welt beobachtest. Das du Lösungen da suchst, wo du sie nicht findest und zwar bei der Allgemeinheit.“

Große, ausholende Geste.

„Und wie zum Teufel kommst du darauf? Was hat das mit uns! Hier! Und jetzt! Zu tun!?“
Joe lacht: „Na der Ladebalken. Das Handy. Die Frage ist doch gar nicht WARUM du auf diesen blöden Balken glotzt, sondern was du von der Welt erwartest in diesem Ding zu finden.“
„Informationen natürlich…“
„Aber was für Informationen brauchst du denn jetzt?“
„Na ich lade doch das Buch herunter…“
„Und wozu? Brauchst du das jetzt? Das ist genauso wie auf Facebook herumhängen: Es nimmt dir mehr weg, als es dir nützt.“
„Aber das sage ich doch!“
„Nein. Du sagst, es liegt am Balken. ICH sage, es liegt an dir…“
„Aber das ist doch ganz normal. Man kann seine Zeit nicht immer sinnvoll nutzen.“
„Stimmt, aber du bist Einer von denen, der immer dazu abdriftet, die Zeit GAR NICHT mehr sinnvoll zu nutzen, weil du die ganze Zeit sinnlos in das Ding hinein schaust und dich nicht mehr richtig konzentrierst.“
„Stimmt doch gar nicht.“
„Ich dachte wir essen hier was gemütlich und du machst ALLES außer essen. Mach doch einfach mal eine Sache und die RICHTIG!“
„Hm…“
Sie essen. Still. Und sehen sich um.

Nichts Erwähnenswertes geschieht.
Sie sehen sich an. Dann lachen sie. Das Handy macht ein Geräusch. Nichts passiert.
Wunderbar…

„Was denkst du, rein Statistisch gesehen, wie viele Lesben hier unterwegs sind?“