Als das Lachen starb: Andy Sauerwein

Eigentlich wollte ich nicht jeden Tag im Urlaub darüber schreiben, wo ich jetzt schon wieder war; ich wollte lieber eine Kurzgeschichte aus dem erlebten Material basteln. Nur. Der gestrige Abend in der Kresslesmühle (ja, ich war schon wieder da, eine gute Freundin hatte Karten gewonnen und meinte es gut mit mir) war so schlimm, dass ich die Menschheit vor Andy Sauerwein WARNEN muss.

 

Nicht das er ein schlechter Musiker wäre, nein, überhaupt nicht, auf der Ebene kann er wirklich überzeugen – deswegen empfehle ich ihm eine Karriere als Kneipen-Pianist. In solch einer Funktion darf er sein Talent ausspielen und möglichst wenig Schaden anrichten. Zwischen den Stücken kann der den Besoffski seine Sprüchleins erzählen und bekommt dann sicherlich eine viel direkteres Feedback (oder besser gesagt: „Feet-Back“ – der Spruch hat Sauerwein-Niveau) als von einer Bühne herunter, von der er dem Publikum gegenüber in einer stärkeren Position ist und Kritik (die vom Publikum durch Enthaltsamkeit vorhanden war – ICH BIN STOLZ AUF EUCH!) niederbrüllen kann.

 

Als Kabarettist (kann man ihn wirklich so nennen?) ist er ein blanker Reinfall. Unglaublich überspielt und affektiert Jahrhunderte alte Witze zu verkloppen, die teilweise auch noch von diversen – dort auch schon nicht lustigen – Facebook-Seiten gestohlen wurden, ist nun wirklich keine Kunst. Überhaupt. Gar nicht. Und auch die Themen-Auswahl: Zum Davonlaufen.

Ein Kabarett-Programm muss keine rote Line besitzen, wünschenswert wäre es. Gestern bekam man leider nur auf der dünnsten und dümmsten Art möchtegern linksliberales Gedankengut serviert (schließlich soll es Kabarett sein), dem zwar sicherlich jeder mehr oder weniger zustimmen kann (an guten Tagen), die Präsentation jedoch ist so dermaßen unpointiert und unter aller Kanone, dass man schon sehr wohlwollend und/oder 50 plus sein muss, um darüber Lachen oder (in den ein, zwei stilleren Momenten) betroffen sein zu können. Dazu ein paar Klischees und „persönliche Erlebnisse“, fertig ist der Sauerwein.

Ehrlich: Ich. Habe. Vielleicht. Zweimal. Geschmunzelt.

Auch meiner Begleitung ging es so.

Und nicht einmal die Niveaulosen Witze waren wirklich böse… Hätte er das Elend doch nur besser erzählen können… Andy ist halt einfach kein Bühnenmensch. Was nicht schlimm ist, ich bin das ja auch nicht, nur weiß ich wo meine Grenzen liegen. Es bedarf halt weniger Kunstfertigkeit um sich selbst als Künstler zu bezeichnen, als solche wirklich produzieren zu können.

 

Die Menschen die dafür Geld ausgegeben haben, die tun mir leid. Noch viel mehr Mitleid (siehe Nietzsche: Mitleid würdigt die Menschen herab) habe ich allerdings mit den Intelligenzwüsten, die über diese Scherze auch noch Lachen konnten: Leute, was ist denn los mit euch?

Dabei. Eine Erklärung hätte ich:

Die Gegenwärtigkeit in so einer Kabarett-Situation entspricht der in einem Tanz-Club (mal wieder…). Denn genauso wie man in einem Tanz-Club aus purer Langeweile zu Musik tanzt, die scheiße ist, weil der DJ nichts kann, man aber halt trotzdem nun einmal da ist und hofft, dass es später vielleicht noch besser wird, lacht man halt im Kabarett notgedrungen zu Witzen, die nicht witzig sind, weil man den Drang verspürt sich zu amüsieren. Verständlich. Ihr habt ja auch Geld ausgeben. Lasst es aber bitte trotzdem. Dadurch werden nämlich vollkommen irrwitzige Leute gezüchtet, die glauben auch nur entfernt eine künstlerische Ader zu besitzen (Kabarettisten, DJs, ist wisst schon), während sie in Wahrheit einfach nur durch ihre Unfähigkeit nerven. Denn in Wahrheit ist es doch so:

Solange dumme und wohlmeinende Leute zu den Scherzchen von Andy Sauerwein lachen, wird er viele intelligente Menschen unglücklich machen.

 

Mit dem hätte ich nicht einmal Mitgefühl, wenn er als Penner in der Fußgängerzone mit seiner Musik um Geld betteln würde. Obwohl ich ein sehr empathischer Mensch bin. Tut mir leid Sauerwein, doch dank dir ist gestern in mir etwas zerbrochen, was ich in den nächsten Monaten wieder mühsam zusammensetzen muss; gib mir meine verschwendete Lebenszeit zurück!

 

Ich füge jetzt einmal ein Video von ihm mit ein. Lasst euch nicht von dem Gelächter des Publikums mitreißen: Das ist das absolute Gegacker geistiger Leere, armes Deutschland… Da wünscht man sich sogar Mario Barth auf die Bühne… Wo ist Josef Hader wenn man ihn braucht?

Hatten wir ein Glück. Neulich, bei Jess Jochimsen..

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Sexuelles Asyl

In ihrem Traum  wurde sie von antifaschistischen Häschern gejagt. In Frankreich. In Holland. Belgien. Das war nicht so klar zu erkennen. Die anderen Frauen, die ebenfalls gesucht und im Gegensatz zu ihr auch gefunden wurden, was sie von ihrem Fenster, hinter den Vorhängen hervor, erblinzeln konnte, wurden bespuckt und auch geschlagen, angeschrien, und als Kennzeichnung dafür, dass sie etwas mit einem nationaldeutschen Soldaten gehabt hatte, wurden ihr die Haare vom Kopf geschoren; damit jeder sofort ihre Schande erkennen konnte, ihr Verbrechen, die Geliebte eines Besatzungssoldaten gewesen zu sein. Dabei, hatte sie ihren Franz, Hans, Josef, wie auch immer der Mann im Traum hieß, wirklich geliebt. Nur geliebt. Und jetzt, nachdem die Nazis vertrieben worden waren, war diese Liebe ein Verbrechen. Vaterlandsverrat.

Nach dem Aufwachen wunderte sie sich ein wenig über die Reflektionen ihres Verstandes. Den Traum hatte ihr eindeutig ihr Ex-Freund eingeredet, als er im Streit „Kollaboration“ mit den „Wirtschaftsflüchtlingen“ vorgeworfen hatte. Der arme Amadeo konnte es einfach nicht verschmerzen, dass sie nicht mehr mit ihm, sondern mit „Nadim“ aus Syrien zusammen sein wollte.

 

In ihrer Internetwirklichkeit wurde sie von faschistischen Kommentaren bombardiert, auf Facebook, da sie ehrenamtlich für ein Flüchtlingshilfswerk arbeitete. Ihr Ex-Freund Amadeo nannte es nicht Hilfe, sondern „berechnende Zuhälterei“, obwohl er selbst wusste, dass das nicht der Fall war. Sie wollte nicht Menschen zum Sex an andere Menschen vermitteln, sie stand einfach auf diesen Typ Mann. „Richtige Männer“, wie sie zu Amadeo in einem schwachen Moment sagte. Was sie nicht ausführte nachdem sie Amadeos Gesicht auf den Ausspruch sah: Nicht so Waschlappen wie dich.

 

Im Sommer, an diesem berühmten Tag, der dazu beitrug dass sogar die Bundeskanzlerin ihre Politik danach ausrichtete, holte sie ihren Vater von München vom Flughafen ab. Sie nahmen den Zug und wurden dadurch Zeuge und Teilnehmer einer Aktion, deren Bilder rund um die Welt gingen; sie war eine der applaudierenden „Begrüßer“ am Münchner Hauptbahnhof, als die Flüchtlinge eintrafen. Es wurde sogar ein Foto von ihr gemacht… Sie verteilte Wasser und Süßigkeiten vom „Yorma´s“ an Alte und Junge. Schüttelte Hände. Lächelte. Bis es ihrem Vater zu viel wurde und sie schließlich in einen anderen Zug stiegen und sie ihn nachhause nach Augsburg brachte. Schließlich hatte ihr Vater einen langen Flug hinter sich.

 

Ihr Vater war auf Sex-Urlaub in Thailand gewesen. Er machte daraus kein großes Geheimnis, nicht einmal seiner Tochter gegenüber (wohl aber über seine „sexuellen Experimente“ im Urlaub) und wie sie dort am Hauptbahnhof des Freistaats Bayern die vielen jungen Männer sah, sah sie mehr als nur Hilfe suchende Flüchtlinge; sie sah eine Chance, auch für sich.

Ihre Beziehung mit Amadeo steckte schon seit längerer Zeit in einer Krise und dies war eine historische Möglichkeit um ihrem Leben neue Würze zu geben. Auch. Wenn sie es sich selbst nicht eingestand. Sie war keine berechnende Frau. Und erst recht keine Schlampe. Sie suchte nach Liebe und Geborgenheit – aber auch nach Abenteuern. Und zu diesem Abenteuer musste sie nicht einmal reisen: Es kam zu ihr.

Was könnte man auch Besseres für diese verwirrten, teilweise traumatisierten Jungs machen, als mit ihnen zu schlafen? Wie könnte man ihnen besser den richtigen Umgang mit europäischen Frauen beibringen, als durch Intimität? Diese Männer mussten lernen, dass eine Frau in diesem Land nicht nur die gleichen Rechte, nein, dass sie auch denselben Wert hatten wie ein Mann? Und würde sie nicht einfach nur mit ihren ganzen Körper etwas für die Integration tun? Diese Halbwahrheiten, diese dünnen Lügen, erzählte sie sich selbst um sich Lust zu verschaffen.

Amadeo meinte, sie sei krank. Abartig. Jemand, der sich für eine „Heilige Hure“ hielte. Und sie konnte nicht einsehen, weshalb es a) unmoralisch sei als Single-Frau (denn sie hatte sie zuvor von Amadeo getrennt) mit so vielen Männern zu schlafen wie sie wolle, und b) weshalb Amadeo ihrem Vater dann nicht vorgeworfen hatte, dass er wegen dem Sex-Tourismus ein schlechter Mann sei.

Und schließlich tat sie es doch offensichtlich nicht nur aus egoistischen Gründen, nein, um die Sprachbarriere zu überwinden und gegen die Traumas des Krieges vorzugehen, benutzte sie einfach nur die Sprache der Liebe…

 

Es war alles Unsinn. Sie wusste das auch. In Wahrheit war sie einfach nur einsam und wenn sie die armen, heimatlosen Vertriebenen, die im Sommer an den öffentlichen Plätzen ihrer Stadt im ebenfalls öffentlichen WLAN herumhingen und nachhause in den Krieg schrieben, glaubte sie, dass nur diese Männer ihre Sehnsucht verstehen konnten, eine Sehnsucht, die einer Philosophie gleichkommt. Die Philosophie der Verstümmelten, die etwas verloren haben und nun unter Phantomschmerzen danach suchten.

Auf „Namir“ folgte „Safi“, auf „Safi“ „Ruhi“, auf „Ruhi“ „Zarif“. Sie verstanden sich über ihre Körper und schenkten einander den Frieden, der für alle längst schon lange verloren und abgebrannt war.

 

In den Tagen vor Silvester, als die Explosionskörper der Jahresfeier immer lauter und näher einschlugen, als die Erinnerungen an den Krieg immer deutlicher in die Köpfe der Traumatisierten zutage traten und sie sich zitternd an ihren Körper drückten, spürte sie, dass sie mehr tat als sich diesen Männer hinzugeben. Es war mehr als Trost was ihnen gab. Oder Schutz. Sicherheit. Es war Hoffnung. Und ihr war es ganz gleich was die Leute über sie sagten. Die Einheimischen. Oder die Fremden. Es war ihr gleich welche Namen und Titel man ihr gab. Denn sie wusste, ganz tief in ihrem Innern, dass es mehr war als nur Sex: Es war Vergebung. Sie vergab den Männern die Schuld, noch am Leben und nicht ebenso tot zu sein, wie all die Verwandten und Freunde, all die Söhne, Töchter, Mütter und Väter, die der Krieg ihnen entrissen hatte. Ja.  Vielleicht war sie genau das, was Amadeo ihr vorgeworfen hatte: Eine heilige Hure.

Helfen als Investition für die Zukunft

Vielleicht wird es eines Tages so sein wie damals, als wir unsere Großeltern fragten, wie sie zu ihrer Zeit zum Nationalsozialismus standen: Waren sie Täter, Opfer oder Helden?

Was werden wir unseren Kindern und Enkelkindern erzählen? Waren wir diejenigen die, die Vertriebenen unterstützt haben? Oder waren wir jene, die wegsahen?

So hätte ich den Text vor ein paar Wochen angefangen. Seitdem haben sich die Ereignisse überschlagen und die Deutschen stehen als großes solidarisches Retter-Volk da. Es scheint gar nicht mehr um uns Einzelne zu gehen, was falsch ist, denn es sind gerade die vielen Einzelnen, die den Unterschied ausmachen.

Dadurch verändern sich auch die hypothetischen Fragen und die potentiellen Anliegen, die unsere Kinder einmal an uns herantragen werden: War es richtig diese Horde von Asylsuchenden Menschen aufzunehmen?

Aus der Gegenwart betrachtet kann man diese Frage nur mit „Ja“ beantworten. Es sind Menschen die Hilfe brauchen, Existenzen auf der Flucht, und wenn man wirklich für freiheitliche, christliche Werte stehen will, muss man helfen. Irgendwie. Zumindest Mitgefühl haben und seine öffentlichen Sätze so führen, dass man dem Miteinander in der Gesellschaft Kraft und Ausdauer gibt.

In der Retroperspektive fällt die Bewertung der Gegenwart oft ganz anders aus. Niemand weiß was kommen wird. Was aus der Dankbarkeit der „Geretteten“ wachsen kann. Denn die Menschen sind vergesslich. Und Dankbarkeit kann man zwar Kindern und Nachgeborenen lehren, sie werden jedoch in einer anderen Welt, in einer anderen Perspektive leben. Der Krieg der sie vertrieben hat, wird längst zu Ende zu sein und sie werden sich wie vor einem Konflikt gerettet fühlen, den sie nicht kennen lernen und auch nie fürchten mussten…

Nachgeborene können sich in zweiter Generation fremder in ihrer neuen Heimat fühlen, als es ihre Väter, Mütter, Schwestern und Brüder jemals verstehen könnten, die hier Zuflucht vor Mord und Verfolgung bekommen haben, denn auch das Verständnis der Kinder der jetzt helfenden Deutschen wird auf einem anderen Fundament errichtet werden; die Zukunft ist spannender als jemals zuvor. Es handelt sich um ein soziales Experiment, bei dem niemand aussterben will: Weder die Identität der Deutschen, noch die der hier angekommenen Flüchtlingen.

Unsere Gesellschaft wird sich verändern. So oder so. Ob nun Flüchtlinge gekommen wären oder nicht. Die Zeit bleibt nicht stehen. Es ist an uns was wir daraus machen.

Heute ist der Tag an dem meine Landeshauptstadt München um Hilfe ruft. Sie kann alleine nicht mehr für alle Flüchtlinge aufkommen, den zehntausenden, die jetzt schon seit ein, zwei Wochen täglich dort ankommen. Man soll spenden. Schlafsäcke, Isomatten. Und irgendwas würde ich auch gerne tun, nur wegen einem Schlafsack und ner Isomatte fahre ich jetzt auch nicht einfach 100 Kilometer bis nach München.

Ich werde Geld spenden.

Für die Flüchtlinge.

Aber auch für mich selbst. Da ich will dass diese Menschen gut integriert werden und mit uns eine gute Zukunftsperspektive bekommen. Denn bei diesen Menschenmassen ist ihr Schicksal, auch unser Schicksal. Wer in sie investiert, der investiert auch in uns.

Geld schicken fühlt sich immer ein wenig faul, wenn auch nobel an. Als würde man sich nicht die Hände schmutzig machen wollen… Nun. Besser saubere Hände und Geld gegeben, als gar nichts getan haben.

50 Euro müssen es schon sein. Ein Betrag den ich im alltäglichen Leben spüren werde, der mich jedoch noch nicht schmerzt…

Wir sollten nicht nur geben was wir übrig haben. Man sollte aktiv auf etwas verzichten um zu helfen – und keine kleinen Almosen geben.

Spendenkonto für Flüchtlinge:

Kontoinhaberin: Landeshauptstadt München

HypoVereinsbank München
Kto. 81300
BLZ 70020270
IBAN: DE34700202700000081300
BIC: HYVEDEMMXXX

Verwendungszweck: 93254151830057

Beim Verwendungszweck müssen die o.g. Nummern unbedingt angegeben werden!

  • Eine alleinige Zuordnung wie z.B. allein durch das Stichwort „Flüchtlinge“ oder „Münchner Flüchtlinge“ etc. ist leider nicht möglich.
  • Nach dem Verwendungszweck 93254151830057 kann gerne ZUSÄTZLICH ein Stichwort angegeben werden. So fällt ggf. die Zuordnung leichter, falls beim Tippen ein Zahlendreher reinkommt.

Schweigeminute – Hilfsaktion für Flüchtlinge

Das halte ich für eine gute Idee. Bei Amazon und I-Tunes kann man den „Song“ Schweigeminute kaufen – er enthält jedoch nur das was sein Titel aussagt: Eine Minute Schweigen.

Der Erlös der Aktion geht vollständig an eine Stiftung, die die Lebensumstände im Flüchtlingslager in Traiskirchen (in Österreich) verbessern will. Hier nachzulesen im Spiegel

Da mache ich mit. Schade das es so eine Aktion nicht auch in Deutschland gibt. Es ist aber auch egal ob man den Flüchtlingen in Österreich oder in Deutschland hilft – es sind Menschen die Unterstützung brauchen.

Hier geht es zur Aktion auf Amazon.

Ein Buch in Haut geschrieben

Bevor der Stephan sich verkauft hat, schrieb er schöne Lieder mit guten Texten, in diesem Fall den Song „Narben“:

Ich blicke auf meine Narben
Zeichen von vergangenen Tagen
Schnitte so tief und wahr
Geschichten von dem der ich mal war

Wunden der Zeit
Für immer mein Kleid
Schwer abzulegen
Sind sie – ein Fluch oder ein Segen?

Ein Buch in Haut geschrieben
Ein lebenslanger Spiegel
Begraben in der Zeit
Im Nebel der Vergangenheit

Die Narben auf unseren Seelen
Bestimmen den Gang des Lebens
Hand aufs Herz
Spürst Du den Schmerz?

Das hat er doch schön gesagt. Erst neulich dachte ich an dieses „Kleid voll Wunden der Zeit“, als mir eine Längst vergessene Narbe auf meinem linken Unterarm auffiel, nein, nicht die lächerliche „Fight Club“ Verätzung auf meiner rechten Hand, sondern diese Schnittwunde, die ich mir irgendwann einmal im Trauerspiel meiner Pubertät zufügte. Es waren mehrere Schnitte gewesen, die ich mir damals in meinen dünnen Arm ritzte. Nicht um zu sterben. Das hatte ich nie vor.
Wenn ich ehrlich bin, habe ich heute kaum noch eine Vorstellung davon, warum ich das gemacht habe. Mein Selbst von damals ist mir dermaßen fremd geworden, so dass ich mich nicht mehr erinnern kann… Natürlich schlussfolgere ich pseudopsychologisch darauf, dass es mich einfach nach Aufmerksamkeit sehnte, besonders wenn man meine damalige Lebenssituation betrachtet, als jüngstes Kind in einer in der damaligen Periode der 90ger Jahre zersprengten und zerrütteten Familie; komisch, wenn man mein Leben und die meiner beiden Brüder vergleicht, leben wir nach außen hin sehr normale Leben, die nach innen hin noch von damals verfault und verdorben sind, „Narben auf unseren Seelen“, ja, „Hand aufs Herz, spürst du den Schmerz?“

Doch lassen wir mal die Dramatik weg. Ich schnitzte damals an einem einzigen, einzelnen Nachmittag an mir herum und das war es für mich mit dem Thema. Die Narbe habe ich heute noch, obwohl ich viel zu feige war den Stahl tief in mein Fleisch und Blut zu senken, aber, ich erinnere mich noch daran, dass es kein scharfes Messer war, sondern ein eher raues, wie eine Säge… Darüber machte ich einen pubertären Verband zur passenden „Verletzung“ und ging damit in die Schule, ohne das jetzt groß Hilfeschrei mäßig zu inszenieren. Was mich jetzt aber wundert ist, dass ich von nirgendwo einen einzigen Kommentar dazu bekam; nicht von meinen Freunden, meinen Lehrern und schon gar nicht von meiner Familie.

Das stimmt nicht ganz. Einen Kommentar bekam ich darüber zu hörem, von einem meiner besten Freunde, der noch heute einer meiner besten Freunde ist. Ich weiß noch. Wie er in der Schulpause zu mir kam und mich wie ein Kind anblaffte, dass man nicht (wie ich) quer schneiden dürfte, sondern es längs machen müsste. Das war Alles. Kein „Wie geht es dir?“, „Was ist passiert?“, „Kann ich dir helfen?“, sondern nur eine bessere Anleitung zum Selbstmord, ohne dass er die Wörter „Tod“ und „Selbstmord“ dazu verwenden musste. Er erklärte nur pampig die Längs/Quer-Geschichte und ging dann wieder.
Damals und heute nehme ich ihm diesem Kommentar nicht übel, obwohl man von einem „besten Freund“ schon ein wenig mehr erwarten könnte. Es liegt nur daran, dass er mich durchschaut hatte, ihm klar war, dass es mir nicht ums Sterben ging. Ich kam mir entlarvt und dadurch entblößt vor und deshalb fühlte ich mich zwar noch schlechter, dazu aber auch lächerlicher, schämte mich für meine Tat und war traurig darüber, dass sie zu nichts gut war…

Wenn man seine kleine Geschichte über den letzten weißen verbliebenen Strich am Arm aufschreibt, weiß man zwar immer noch nicht warum man es getan hat. Vom Gefühl her aber. Ja… Seltsam. Da bin ich wieder derselbe Mensch, die gleiche Person, egal ob 15 oder 34, und nicht eine verblasse Fotografie meiner selbst.
Wahrlich: In der Scham erkenne ich mich selbst wieder…

Im Prinzip: Ja

Was sagt man nicht alles so daher ohne groß darüber nachzudenken? Hypothetische Fragen lassen sich immer leicht mit „ja“ und „nein“ beantworten. So saßen wir im kleinen Kreis zusammen und sprachen (na klar) über die Kälte, den Winter, den Frost. Wie unfair das ist, dass wir in unseren warmen Wohnungen sitzen, während die Sozial- und Kapitalismusverlierer/versager draußen auf der Straße erfrieren. Nicht nur in Polen, welches zum Glück gefühlt weit weg ist (was so eigentlich nicht stimmt). Und als die Guerilla-Schneiderin meinte, ob ich einen Penner ein paar Tage bei mir wohnen lassen würde, damit er im kalten Griff der eisigen Kälte nicht erfriert, sagte ich einfach mal ja (okay, das Bier war schon geflossen, nicht zu viel, jedoch auch nicht zu wenig); war ja hypothetisch gemeint.

Als ich vorhin nachhause kam, saß Josef auf meinem Sofa. Ich machte: „Hm?“ Worauf er mit einem dumpfen „Hm“ antwortete. Meine Schlüssel warf ich auf meinen Küchentisch und zog mich erst mal in mein Badezimmer zurück, nicht aber ohne von Josef den Hinweis zu bekommen, dass das Klopapier „alle ist“. Daraufhin machte ich auf dem Absatz kehrt und holte mir eines aus meinem Schrank. Dann dachte ich mir: „Scheißdrauf“, machte mir auch ein Bier auf und pflanzte mich zu Josef auf mein Kanapee und sah mit ihm „Taff“ an. Josef (das wurde wohl schon erraten) ist die Antwort auf meine Antwort.
Keine Ahnung wo die Guerilla-Schneiderin diesen Wermutbruder aufgetrieben hat. Sie bürge für ihn, meinte sie und seit ein paar Tagen wohnt der Obdachlose bei mir. Wir… reden nicht viel…

Als wir dann (Moment… So bin wieder da, er hat nur die Zeitung gesucht) auf die geniale Idee kamen Umfragen zu dem Thema in der Fußgänger zu veranstalten, dass Ganze FILMTEN (für Schulungszwecke – haha) und die Frage stellten, ob die Befragten einen frierenden Obdachlosen ein paar Tage bei dieser unmenschlichen Kälte aufnehmen würden, antworteten einige (weil sie die Frage für hypothetisch hielten wie ich) auch mit: „Ja.“
Später.
Suchten wir die Herrschaften auf und brachten Josef mit. Zeigten auch den Leuten ihre Videogefilmte Antwort. Doch. Keiner. Wollte ihn haben. (So oft hätte ich fast noch nie eine Türe in die Fresse bekommen…). Also sitzt Josef bei mir jetzt auf dem Sofa. Wir trinken mein Bier.
Ich sehe ihn an und frage ihn: „Hast du dir den Bart geschnitten?“
Er: „Jupp… Ich habe deinen Rasierer benutzt.“
„Ist schon okay – ganz ehrlich: Ist mir lieber wenn du ihn nur benutzt, als ihn mir klaust.“
„Das kann ich mir denken.“
Wir stoßen mit dem Bier an: Klong.

Eigentlich ist er ein netter Kerl.

Japan – Jedes Mittel recht

Im Prinzip ist das Ganze nur eine mehr oder weniger große Werbeaktion, doch weshalb soll man mit Werbung nicht einfach einmal etwas Gutes tun?
Pro teilnehmenden Blog werden 2,00 CHF für Japan gespendet, und das ist mehr als nichts; die 5 Euro, die ich erst via Handy gespendet habe, rissen es natürlich auch nicht heraus, doch es ist mehr als nur Anteilnehmen – sondern Anteilgeben.
Die Aktion geht von hier aus – darauf hingewiesen wurde ich von meiner Blogfreundin Paulinchen – danke dafür 🙂

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