Mein Herz aus Plastik

Jeden Tag esse ich Plastik. Zum Beispiel. Heiße Nudeln aus „Minuto“-Schüsseln. Warme Kartoffeln mit  Roulade von „Mamas-Beste“ im Kunststoffschälchen. Eingeschweißte Bockwürste vom Discounter, geschnittene Wurst vom Metzger in einer Papier/Kunststoffverpackung. Eingefrorene Westernpfanne im Sackerl für 2 Euro 99. Um nur einige zu nennen.

Dazu die ganzen Flüssigkeiten. Alle möglichen Produkte von Coca Cola, Billiganbietern. Milch. Joghurt. Wasser. Und solltest du trotzdem so klug sein und aus Glasflaschen trinken, kannst du dir dennoch fast sicher sein, dass z.B. die Zitronensäure deiner Limonade aus einer Kunststoffpackung im Lebensmittelbetrieb zugesetzt wird; vertrau mir: Ich bin vom Fach.

Alles gibt es jetzt auch schon mit Kunststoff. Mit Kleinstteilchen, die in unserem Essen und in den Getränken enthalten sind. So klitzeklein, dass wir davor keine Angst haben. Obwohl wir wissen, dass sich dieser Kunststoff in unsere Zellen einlagert und unser Blutkreislauf verbreitet das Plastik (veraltetes Wort) im ganzen Körper. Sei es in der Leber. Im Herz. Und auf Umwegen bestimmt auch in unseren Lungen und Gehirnen.

Wenn die Zeitkoordinate lange genug ist, sind wir durch und durch durchsetzt mit Plastik. Ja. Wenn die Zeitgerade über das Papier hinausreicht auf die wir sie zeichnen, haben wir vielleicht eines Tages mehr Plastik im Körper, als normale Zellen.  Wir werden größtenteils nur noch aus Plastik bestehen. Das ist Evolution. Natürlich werden bis zu diesem Zeitpunkt  Millionen Menschen (die wir teilweise auch persönlich kennen) an Krebs sterben. Da unsere Zellen sich nicht ergeben wollen. Irgendwann einmal. Sind wir dennoch. Vollendete Plastikmenschen. So. Wie Gunther von Hagens uns haben will. Plastinierte Gesichter. Plastinierte Hände. Plastinierte Herzen. Die Herzen voller Feinstaub.

Zeitgleich wird die Entwicklung der Technologie total abgehen. Wir werden noch mehr auf spacige Plastik-Handys starren. Werden noch mehr künstliche Intelligenz verwenden und werden irgendwann – wahrscheinlich VOR unseren Körpern – vollendete, atemberaubende Kunststoffseelen erhalten, in der wir einen ungesunden Geist aufbewahren, der nichts mehr mit dem zu tun hat, was der Mensch einmal war; was er auch jetzt schon nicht mehr ist.

Das ist Evolution. Das befeuern wir Tag für Tag. Und es spielt keine Rolle was der Einzelne dagegen macht. Solange die anderen ans World Wide Web auch Kabellos angesteckt sind. Solange alle andern Plastik in sich aufnehmen, als wären es Sonnenstrahlen.

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Ich liebe mein Kind nicht

Wie an jedem seiner Geburtstage, denkt er an die Worte seiner Mutter, an diese Rede, die sie ihm entgegen gefaucht, entgegen gespuckt hatte, vor ein paar Jahren war dass; sie war dabei nicht einmal betrunken gewesen.

Keiner hatte ihn haben wollen, hatte sie gesagt gehabt. Niemand! Weder sein Vater, noch sie, nicht einmal seine Großeltern. Die hatten nur gelacht und ihr den Vogel gezeigt. Den Unsinn sollte sie sich schnell wegmachen lassen. Dieses Elend. Doch damals war das noch gar nicht so einfach wie heute. Der Arzt sei das gleiche gewesen wie er jetzt: Ein Arschloch! Hatte viel vom ungeborenen Leben erzählt und die Geschichte – mit diesem noch größeren Arschloch von Priester – immer weiter und weiter und weiter in die Länge gezogen. Bis es zu spät war… Das hatten diese Arschlöcher genau gewusst! Und dann war aus diesem „ungeborenen Leben“ ganz echt ER geworden, der ihr ihr Leben versaut hatte. Dieses Arschloch-Egoisten-Kind, dass in jeder Phase seines Lebens, immer wieder und andauernd nur an sich selbst gedacht hatte….

Scheiße…. Er war ein Kind gewesen… Er konnte doch nichts dafür! Was hätte er denn nur anders machen sollen? Er konnte doch nichts dafür, dass seine Eltern nicht aufgepasst hatten…
„Du wärst mir nicht weniger fremd, wenn du das Produkt einer Vergewaltigung wärst.“ So was hörte er sich an. Andauernd. Über all die Jahre. Und er hatte auch nicht den Charakter um gegen so etwas anzukämpfen. Manche können das. Und sie sind die Helden von Filmen, die „auf wahren Begebenheiten beruhen“. Er nicht. Er würde gern. Wenn er könnte… Was könnte?…
Manchmal erwischt er sich dabei, wie er ein Fleischmesser aus der Spülmaschine nimmt und es ein paar Sekunden zu lange in der Hand hält. Das Gewicht des Stahls spürt. Und er merkt gar nicht. Wie sein Blick in die Ferne geht. Bis ihn seine Mutter aus seiner Gedankenlosigkeit holt, durch ein Bellen aus ihrem Mund, dass er Trottel doch einmal begreifen soll, dass man das Besteck mit den Spitzen nach OBEN in die Maschine packt!

Mutter hat viel für ihn aufgegeben. Das weiß er. Weil sie es ihm gesagt hatte. Und er fühlt auch, dass sie Recht hat. Ohne ihn wäre ihr Leben ganz anders verlaufen. Vielleicht wäre Vater noch da, nur dass er nicht sein Vater wäre, sondern ein Mensch mit allen Möglichkeiten, der nicht an diese furchtbare Frau und an dieses schreckliche Kind gebunden ist. Ja. Man hätte ihn wegmachen sollen. Das wäre das Beste gewesen. Was für arrogante Menschen stellen den Schutz eines ungeborenen Lebens über so eine Existenz wie er sie führen muss? Hätte man nicht im Umkehrschluss das ungeborenen Leben vor so einer Zukunft schützen müssen? Wieso gab es für solche Fälle keine Bürokraten, die eine Prognose für das Kind abgaben?

Er sitzt da, schwitzt wie ein Tier und weiß natürlich, dass das schwer nach Nazi-Logik klingt. „Die Vernichtung Lebensunfähigen Lebens.“ Na und? Er weiß wer er ist und dass sein Leben nichts wert ist. Ihm. Hätte man damit einen Gefallen getan.

Seit Jahren geht er an seinem Geburtstag in die nahegelegene Therme. Das Dumme ist nur, dass er am zweiten Weihnachtsfeiertag Geburtstag hat. Erst jodeln ihm alle Fernsehprogramme eins davon vor, wie TOLL es ist eine intakte Familie zu haben, dann schreien sie ihm in der Sauna in die Ohren, wie happy sie an den Feiertagen sind, und wie sehr sie auf jeden anderen Badegast scheißen. Diese Kinder dürfen das. Da sie geliebt werden… Er ist sich aber auch sicher, dass wegen dieser Kinderliebe die Welt ein schlechterer Ort ist. Da man nur ein Herz für seine Kinder hat. Nicht für andere. Für Kinder, wie er es einmal war. Liebe die ausgrenzt. Daran wird die Welt zugrunde gehen. Nicht an einem Mangel an Liebe. Sondern wegen der Liebe an sich. Weil sie ist, wie sie ist. Da sie nur für bestimmte Personen gilt. Die Liebe wird unser aller Untergang sein… Er fühlt das. Sein junger Verstand ist nur noch nicht fähig solche Dinge auszuformulieren.

Er mag es in der Sauna zu sitzen und zu spüren wie sein Körper sich über die Haut erleichtert. Mit jedem Schweißtropfen hat er das Gefühl, ein wenig zu schrumpfen, ein wenig kleiner zu werden, sich mehr und mehr aufzulösen. Am Liebsten. Würde er sich ganz weg schwitzen.
Der Junge sieht niemanden an. Sondern vor sich. Auf die Bank. Ganz krumm sitzt er da. Und schwitzt und schwitzt und schwitzt.

Es kommt eine Frau herein, und mit ihr strömt frische Luft in die Sauna. Sie setzt sich ihm schräg gegenüber hin. Kurz blickt er auf – und spürt Hoffnung. Die Frau sieht aus wie die freundliche Version seiner Mutter. Sie hat sanfte Züge und ein nettes Gesicht; ansonsten wirklich wie seine Mutter… Dann blickt er wieder auf die Bank vor sich. Und schwitzt. Ja… Was wäre gewesen, wenn DIESE Frau seine Mutter gewesen wäre, wenn sie und nicht seine Mutter ihn geboren und großgezogen hätte? Wäre er dann geliebt worden? Hätte man ihn dann gewollt? Könnte er dann eine Zukunft haben?
Er blickt hoch. Und sie an. Sie lächelt. Und nickt. Was ihm das Herz öffnet. Ihm wird ganz warm in seiner Mitte. Ganz anders warm als durch die Hitze der Sauna. Diese Herzenswärme ist übernatürlich. Der Fernseher hatte ihm viel davon erzählt die letzten Tage. Seine Gedanken zeigen ihm dämliche lachende Menschen, die ihm jetzt gar nicht mehr so dämlich vorkommen. Er nickt zurück und lächelt. Sie. Nickt ihm noch einmal zu und zeigt dann mit dem Kopf, mit ihrem Liebe-Mutter-Gesicht, vor ihm hin. Er: „Entschuldigung. Ich verstehe nicht…“ Worauf die Frau mit dem dem Liebe-Mutter-Gesicht, mit einer dunkel verrauchten, für ihn ganz unpassenden Stimme sagt: „Junger Mann, könnts ihr Füße bittschee auf ihr Handtuch stellen. Sie schwitzen ja alles auf die Bank. Okay? Danke.“ Dann sieht sie weg.
Und er sagt darauf dass was er sein ganzes Leben lang gesagt hat: „Tut mir leid.“ Und er tut was man ihm gesagt hat.

depression

Ich habe gelesen: Wenn ein Herz immer gleichmäßig schlägt, dann ist es krank. Denn je nach Situation und Anforderung sollte sich die Geschwindigkeit anpassen. Hier spricht man von einem Herzfehler…
Ich glaube.
Mit dem Verstand ist es ähnlich..