Ich sehe was, was du nicht siehst

Die Frage ist durchaus, was einen mit den Menschen noch verbindet, mit denen man sich umgibt; viel wichtiger ist die Frage, was man in Zukunft noch für gemeinsame Ideen vertritt – eine Frage, die sich irgendwie verbietet, zu sehr sind wir gefangen in der Kontinuität der Gegenwärtigkeit.

 

Das „Früher“ erscheint einem irgendwie einfacher, selbst wenn man ihm ein gewisses Gewicht zugesteht, denn „Früher“ ist vergangen, ist überlebt, ist durchgestanden und so sieht man dieses „Früher“, selbst wenn man subjektiv an sein Existenzminimum gedrängt worden war (sei es finanziell, geistig, moralisch usw. usf.), als einen Berg den man überqueren musste, um jetzt stark und erfahren sein zu können; früher sind für mich die 90ger, die Nuller Jahre, Jahre der Unschuld und ich kann nicht sagen, ob das vornehmlich mit meinem Alter und der damaligen Politiklosigkeit zusammenhängt, sprich: meiner Jugend, oder ob die Zeit damals nicht wirklich leichter war, wenigstens im direkten Umgang. Die Leute waren sich näher und ferner zu gleich. Es wusste nicht jeder fast alles über den anderen, wie es inzwischen ist, in unserer sozialen Überwachungswelt, und es war auch nicht wichtig unbedingt eine Meinung zu bestimmten Themen zu haben, ohne dafür gleich als „oberflächlich“ oder gar „ignorant“ abgestempelt zu werden. Die Menschen lebten zusammen nebeneinander her und man war weniger vom Export, weniger von der ganzen Welt und ihren Problem abhängig, betroffen und eingeengt. Dabei waren wir auch damals gut genährt, in all dem Reichtum den wir schon damals hatten, der sich nur nicht wie Überfluss anfühlte.

Wir wussten weniger – und hatten mehr davon.

 

Heute geht es dann gleich nach 5 Minuten um „Haltungen“ um Positionierungen, die uns von überall her aufgedrängt werden. Wir müssen von allem „Ahnung“ haben, damit wir auch den pointierten Witz oder das mehr oder weniger unterschwellige Geschimpfe unseres Gegenübers sofort verstehen, denn „2016“ bedeutet ja mehr als in den meisten Jahren, sich in bestimmten Schützengräben der Sprache zu bewegen. Bomben werden dauernd platzen gelassen. Sei es auch nur zwischen den Zeilen. Der Krieg scheint dauernd präsent zu sein, wie ein Film im Hintergrund abzulaufen, auch wenn man sich nur über Kleinigkeiten, richtige Nichtigkeiten unterhält. Irgendetwas trägt immer zu den Planspielen der geistigen Feldherren bei.

Diese andauernde Sprachliche Tortur verändert unsere Sicht aufeinander. Während wir früher unsere politische Meinung oft nur im stillen Kämmerchen mit uns selbst oder in der Wahlkabine abgeschottet (GEHEIM!) mit dem Staat ausmachten, werden wir nun von überall beschossen und befeuert – und ausgefragt („Das musst du doch zugeben, oder?“). Die Intelligenzia muss heute „links“ grollen, die Ängstlichen „rechts“ und zwischendrin sind die Agenten der einzig wahren Matrix, des Internets, dass die Leute die verschiedensten, aufgebrachten Halbwahrheit abschießen lässt, über die man dann kaum mehr diskutieren kann. Wir sprechen zwar darüber, wir hören uns nur nicht mehr, wie Brieffreunde in fremden Ländern, die zwar ein gemeinsames Gespräch führen, nur in verschiedenen Wirklichkeiten leben und dazu noch in einer für beide Parteien nicht Muttersprachlichen Konsenssprache führe, so dass das der zeitverzögerte Papieraustausch an der gewollten Wirklichkeit vorbeispricht.

 

Ich finde das belastend, diese Gespräche. Nicht weil ich am Ende nicht mehr einfach nur „Recht haben“ kann (und wie die meisten Leute habe ich gerne „Recht“), nein, es geht darum, dass ständig so getan werden muss, als müsste jemand am Ende jemand Recht gehabt haben; nach so einem Gespräch gibt sich kaum einer mehr respektvoll die Hände und sprich von einem „schönen Abend“. „Idiot“, „Naiv“ oder „Weltfremd“ wird man geheißen, bestenfalls.

 

Diese ständige Penetranz dieser Schützengrabengespräche bei denen es um jeden Zentimeter geht, führt zur Ausgangsfrage zurück: Was verbindet uns noch miteinander, sei es als Freunde, sei es als Gesellschaft? Ist dieser ständige Haltungsdrang nicht viel zu zersetzend, um ihn auf Dauer aushalten zu können?

 

Die „Gemäßigten“ erscheinen mir nach und nach als die einzig echten Intellektuellen, nicht weil sie Teil einer schweigenden Masse sind (was jedoch auch der Fall sein kann), sondern da sie verstehen, dass die Wahrheit nicht nur Gegen- oder Pro-Asyl, nicht nur Religion oder keine, nicht für oder gegen den Staat und auch kein Wirtschaftsmodell ist, gar nicht sein kann. Alles ist Alles. Alles hat seine Richtigkeit, seine Wertigkeit und seinen Sinn. Man muss also leider jedes Mal neu abschätzen. Nur treibt unsere diese Räson nicht voran, sie ist die ständig getriebene der Extremen. Und ich glaube, das wird noch schlimmer, bevor es besser wird.

 

Diese Welt in der wir leben, ist auf einer Droge. Und diese Droge heißt „Information“. Die Dosis, die wir uns tagtäglich davon verabreichen, ist viel zu hoch, als dass unser Geist sie richtig verarbeiten, dass wir irgendeinen momentanen Nutzen daraus ziehen könnten. Früher oder später werden wir einen Filter, einen Regulator brauchen, wie es früher die sogenannten „Leitmedien“ waren, die großen Print-Medien, die „Tagesschau“, die „Heute“-Nachrichten. Doch solange wir nicht soweit sind, leben wir in einem Wust der Wirrniss, der sich zwischen uns stellt und unsere Kommunikation miteinander entartet, wie einst zum Turme zu Babel. Und die größten Dummköpfe sind jene, die in einer fremden Sprache auf eine fremde Kultur einbrüllen, sie selbst wären im Recht.

 

Das ist das Besondere unserer Zeit: Wir brauchen Informationen und die richtige Bildung um sie begreifen zu können – weder zu viel, noch zu wenig. Denn zu viele Informationen machen den Gebildeten ebenso dumm, wie zu wenig.

Es hilft also nicht nur unzählige Informationen zu horten, man muss sie auch verarbeiten können, und dafür braucht es Zeit und Gewissenhaftigkeit. Wir müssen uns alle mehr Zeit geben um Informationen zu verstehen und sie auszulegen. Um Investitionen in die Zukunft betreiben zu können. Um echte Meinungen zu bekommen, nicht nur Reaktionen auf Umstände…

Der ganze Planet muss entschleunigt werden, nicht nur jeder für sich. Nein. Alle. Insgesamt. Aber wir fangen natürlich wie immer klein an.

Und jetzt muss ich diese Geschichte nur noch denen verkaufen, die ich für im Unrecht halte. Jene die glauben, dass Halloween eine Satansmesse ist… Obwohl, hatten solche Leute nicht schon genug Zeit? Sind 30 Jahre nicht Zeit genug? Und was mache ich mit denen?

 

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Dummes Filmzitat des Tages

In Erinnerung an Halloween 2 von Rob Zombie – einem der schlechtesten Filme überhaupt.

Was sage ich zu einem 2 Meter 20 Hünen, den ich nachts zum ersten Mal auf einem Feld treffe und der noch kein Wort gesagt hat? Genau:
„Du bist genauso riesig, wie dumm du bist.“

Da muss man sich nicht wundern, wenn man umbracht wird…

Eine etwas andere Monsterparty…

Etwa fast genau eine halbe Stunde nach dem die ersten Partybesucher von meiner Bowle gekostet hatten, stellten sich die ersten nuancierten Veränderungen ein. Philosophisch ausgedrückt würde ich behaupten, dass „die Aura der Halloweenparty ins Wanken geriet“. Nicht dass die Partybesucher sich großartig anders verhalten hätten als noch Minuten zuvor, nein, es war ähnlich einer Schwingung, so als ob eine unsichtbare, übernatürliche Gitarrenseite angeschlagen worden wäre, die nun Alles und Jeden ergriff und in Bewegungen versetzt hätte.
Manche sahen etwas irritiert und eingeschüchtert in der Gegend herum. Andere öffneten und schlossen ihre Augen verwundert, mit einem O-Mund, so als ob sie etwas sehen würden, dass sie zwar begreifen, aber nicht ganz verstehen konnten.
Ganz andere Kaliber, jene, die die Tanzfläche aufgesucht hatten, teilten sich in zwei vollkommen unterschiedliche Lager, denn während die eine Hälfte wie durch eine Geisterhand gerührt einfach stehen blieben und gafften, explodierte der andere Part förmlich, begann wie irr zu Tanzen und zu Lachen, so laut und wirr und verrückt sogar, dass das Ausbleiben der Konversationen der restlichen Festbesucher einfach nieder geplättet, und weg unterdrückt wurde; fast könnte man meinen, es wäre gar nichts passiert…

Für meine Transformation, für meinen Racheakt, hatte ich weniger LSD in die Bowle gepackt, als mit später nachgesagt wurde. Es waren eigentlich mehr Amphetamine darin enthalten, Speed und Ecstasy, wobei ich mir selbst nach der eigenen Verköstigung auf die symbolische Schulter klopfte, da a) die Bowle überhaupt nicht bitter und chemisch schmeckte, und b) sich alle Pülverchen und Kartonagen fast restlos auflösten und sich dem Orangestich der Bowle anpassten, was gar nicht so leicht zu bewerkstelligen war, denn wer weiß schon, was „Die“ in die Drogen wirklich hineinpanschen?
Dass ein paar den mir durchaus bekannten Partygäste psychisch auf der Strecke bleiben würde, kalkulierte ich mit ein. Wahrscheinlich würde ich eine Anzeige wegen schwerer Körperverletzung erhalten, und dafür verknackt werden, doch dass, was mir dieses Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, angetan hat, in dem man mich niedergehalten und verspottet hat, war nicht weniger eine Form von psychischer Körperverletzung.
Rache ist ein Drogencocktail, den man am Besten kalt serviert…

Dieser Moment des kollektiven Augenblicks der einsetzenden Drogenwirkung war der Dreh- und Angelpunkt, der Schreckmoment des Abends für mich:
Würden die Gäste, immerhin Männer um Frau im Altersschnitt von etwa 45 Jänner, insgesamt verstummen und betroffen in der Gegend herumblicken, oder würde die Party jetzt erst richtig losgehen? Ich will nicht zuviel verraten; aber es wurde eine Party, bei der (dem Sprichwort folgend) „kein Auge trocken blieb“.

Zu meinem Glück tat mir der DJ einen Gefallen – er sah, dass die Tanzfläche überwiegend zur „Stehfläche“ wurde – und haute „Surfin USA“ von den Beach Boys raus, ein Partykracher bei diesem Semester.

Der Song verfehlte nicht seine Wirkung. Die als Zombies, Krankenschwestern, Hexen und Ritter verkleideten Halloweengästen begannen ausgelassen lachend zu twisten und zu tanzen, mit riesigen Schwarzlochaugen warfen sie ihre Arme in die Höhe, und umarmten und packten ihr Gegenüber, während die Gäste an den Tischen anfinden sich ihr Zwerchfell kaputt zu lachen, Andere begannen ekstatisch miteinander zu knutschen – manche davon unterhielten im „normalen“ Leben nur unterschwellige, gedachte Beziehungen, was die Situation freudigerweise, exzessiv kaputt machte; dafür würde es am nächsten Tag die eine oder andere Erklärung und Entschuldigung gegeben müssen.
Meine Saat schien aufzugehen.

Ich. Lehnte mich zurück. Und genoss das Szenario.

Etwa zehn Minuten nach dem Einsetzen der Wirkung meines Cocktails, setzte sich Pfarrer Ernst zu mir. Er sah ganz aufgedunsen aus. Hatte riesige Augen auf, die er durch weiteres „Augenhöhlenaufreißen“ scheinbar aus seinem Kopf heraus katapultieren und drücken wollte. Seine Schultern waren ganz zusammengesunken. Sein Blick glitt vor seinen Zehenspitzen über den Boden, nur hin und wieder sah er mich an, während er auf mich zusteuerte.
„Karl, Karl. Ich muss mit dir sprechen“, sagte er zu mir, nachdem er sich zu mir auf die Bank gepflanzt hatte.
„Was ist denn Herr Pfarrer?“ erkundigte ich mich, das Unschuldslamm gebend.

„Karl. Diese Menschen hier. Unsere Mitbürger. DAS SIND ALLES MONSTER!“ Er sah mich total entsetzt an, seine Augen wären fast aus seinem Kopf gespritzt, so weit bogen sie sich aus seinem Schädel heraus, während er mich an der Hand nehmen wollte.
„Typischer Fall von schlechtem Drogenfilm“, dachte ich bei mir. Immerhin sahen alle Partygäste mehr oder weniger wirklich aus wie Monster, in ihren Verkleidungen.
„Awa!“ winkte ich ab, „ist doch nur Halloween, Herr Pfarrer.“
Er sofort: „Nein, nein Karl… Diese Leute… Sind wirklich Monster…“
Dann verstummte er.

Es wäre übertrieben zu behaupten, dass der DJ unser Gespräch mitgehört hatte (vollkommen unmöglich über diese Distanz), doch erwies sich seine nächste Platte als Volltreffer, wenn man den Fortgang des Abends als Ganzes betrachtet.
Monster Mash – was auf keiner noch so üblen Halloweensause fehlen darf:

Die Tänzer begannen zu johlen und mit dem Hintern zu wackeln, sogar die Meisten der Sitzenden standen auf – und tanzten. Nicht nur auf der Tanzfläche, sondern auch auf den Tischen und den Bänken.
„Die, die Birgit da vorne“, meinte der Pfarrer Ernst zu mir, und zupfte mich an meinem „Biene Maya“ Kostümärmel, „die hat ein Verhältnis mit Peter (zeigte auf ihn) obwohl sie doch verheiratet ist. Der, der Peter schlägt sowieso seine Frau… Und der Herr Maurer… Gegen den ist der Fritzl gar nichts. Der sperrt seine kleine Tochter in den Keller und vergeht sich an ihr. Wie auch der Mayer… Der betatscht seine kleine Eva. Und seine Frau sieht zu. Der Schmid dahinten betrügt das Finanzamt. Der Willi hat die Reifen von der Gabi zerstochen, und filmt sie nachts. Undundund. Alle die Kinder, die onanieren.“

Dazu muss man glaube ich sagen, dass ich unseren Pfarrer Ernst für einen der Geistlichen gehalten hatte, der etwas lockerer mit der Auslegung des Glaubens umgehen. Wenigstens präsentierte er sich den Leuten so. Für mich waren solche „coolen“ Pfarrer schon immer ein Ärgernis…
„Alles Monster!“ blökte er mich nun an, etwas hilflos wirkend.
In dem Moment kam die Ehebrecherin Birgit zu uns. Stellte sich vor uns hin, lachte: „Tanzt das Monster mit uns!“ Und bommelte da mit ihren ausgestreckten Armen herum.
„Was du da tanzt ist der Monkey“, erklärte ich ihr. Sie zuckte mit den Schultern, tanzte davon. Der Herr Pfarrer zuckte auch, als er das Wort „Monster“ von ihr hörte, und zwar in sich zusammen.

Sicherlich kennt ihr den lahmen Spruch: „Aus Spaß wurde Ernst, und der lernt jetzt laufen“; diesen Ausspruch, immer gefolgt und quittiert von einem „ihr Schlawiner“ des Herren Pfarrer, hatten die Schulkinder umgewandelt in, „und Ernst ist jetzt Pfarrer“, an diese Redewendung musste ich in diesem Moment denken. Es steckte wirklich viel mehr „Ernst“ in unserem Pfarrer, als ich es vermutet, und er sich zugestanden hätte.
„Alles Monster! Alles Sünden!“ brüllte er, als, und es war natürlich schon ein starkes Stück für einen Geistlichen, als die ersten Herren und Frauen Partybesucher zu den einlullenden Klängen des „Monster Mash“ anfingen sich zu entkleiden. Teilweise, wirklich zu strippen.

„Monster!“ stieß er noch einmal hervor, sprang auf. Und stürzte aus dem Saal.
Ich konnte ihm nur noch hinterher lachen. Die Anderen nahmen ihn in ihren Drogenwahn gar nicht wahr. Die entkleideten sich nach und nach Alle, soffen weiter meine Bowle, nur dem Herren Maurer („unser“ Fritzl) schien zu meiner Genugtuung den Stoff nicht ganz ab zu können: Er lag sabbernd in seiner Kotze auf dem Tisch. Nicht mal das konnte die nun angebrochene Nudistenparty stoppen. Die teilweise schon in eine Orgie von Menschen in den „Besten Jahren“ kulminierte.
Die Rache, war mein.

Der DJ, total zufrieden mit seiner Songwahl (bestimmt dachte er, dass ER für das ganze Treiben verantwortlich war), spielte die nächste Partynummer, jenes Lied, dass eigentlich nur Diebesgut ist. Die deutsche Version von „Monster Mash“, gemacht und gestohlen von „die Ärzte“:

Und wie es der passende Zufall so will, stürzte beim Refrain “Monsterparty!!” der Herr Pfarrer Ernst mit einer Axt in das Getümmel, und wenn ich vorher meinte, dass „kein Auge trocken blieb“, dann werden sie diese Redewendung jetzt richtig deuten, besonders wenn sie gesehen hätten, wie der gute Herr Pfarrer im Auftrag des Herren den Monstern den Gar ausmachte.
Und „die Ärzte“ sangen dazu: „Aieieieiei“…