Absolution 42 – Besser als Sex?

Einen Tag später schmeckte Kathas Mund nach Gummi-Bärchen. Paul überraschte das nicht weiter. Vanille hätte er auch nicht übel gefunden. Oder Erdbeere. Alles Geschmacksrichtungen nach der eine Traumfrau wie Katha in Pauls Vorstellung schmecken musste. Zum Glück hatte sie sich bevor die Beiden den Kinosaal betreten hatten, für die Fruchtgummis entschieden, nicht für dieses tropfende, scharfe, käsige Chipszeugs, was sich die dicken Marvel-Fans Tonnenweise in ihren fetten Hals stopfen.

Ihren ersten wirklichen Kuss, womit sowohl Paul als auch seine Traumfrau einen Kuss OHNE Drogen meinten, gab sie sich auf jene angespannte Art, über die im Nachhinein keiner öffentlich sprechen würde. Der erste Kuss ist meistens der schlechteste aller Küsse, wenn auch der wichtigste, da es ohne ihn keine gemeinsame Zukunft geben kann. Kathas und Pauls Lippen waren seit Monaten auf diesen Moment vorbereitet, was die „Aktion“ ungemein erschwerte. Aufeinander wartende Lippen verhalten sich gerne wie zwei unterschiedlich geladene Magnet: Immer gerade so am Ziel vorbei. Doch es passierte. Und mit dem zweiten Kuss war der erste sofort vergessen. Die Wärme, Nähe und Lust des anderen waren plötzlich überall. Das Joch war zerbrochen, der Fluch besiegt: Was zum Teufel war all die Monate so schwer daran gewesen? ALLES war daran schwer gewesen. Jede einzelne Minute. „Hände“, dachte sich Paul als er seine Hände wandern ließ. Dabei meinte er nicht „Hände“, sondern „Brüste“. Katha lachte leise. Er schmunzelte daraufhin laut. Dann rief er die Hände wieder zurück. Schließlich befanden sie sich in der Öffentlichkeit, wenn auch in der Dunkelheit eines Kinosaals, in der irgendeine unwichtige Fortsetzung zu einem  ebenso wichtigen Superhelden-Film lief. Es gab nichts Anderes zu dieser Zeit. Und das Lachen des Publikums hinter und um ihre Küsse herum vertiefte im Beobachter die Gewissheit, dass dieser Film ebenso redundant war, wie sein Publikum. Sei es drum: Katha und Paul waren glücklich. Ihre Welt drehte sich nur noch um sie, ganze 2,5 Stunden lang. Denn dann würde der Film enden. 2,5 Stunden hatten sie Zeit. Fürs Erste.

Sie knutschten wie die Teenager.

Paul wusste nach dem Abspann gar nicht, wie er aus dem Sessel aufstehen sollte.

In Kathas Wohnung fielen sie endlich übereinander her. Ihr erster Sex war ein wüstes, animalisches, sich gegenseitiges Verschlingen. Ihre Sinne tauchten ineinander ab, gleich einem psychedelischen Zeichentrickfilm-Strudel aus den 80ger Jahren, in welchem die Kamera keinen Halt findet und Bilder, Farben und Formen ineinander verschwimmen. Jeder Zentimeter unerforschte Haut, glich einem neu entdeckten Phänomen. Jede zärtliche Berührung der Intimität des begehrten Objekts, einer neuen Mondlandung. Paul glaubte tausende Finger zu benötigen, um mit hunderten Augen diesen Traum der Weiblichkeit zu erforschen. Indessen Kathas Augen unglaublich fordernd und suchend über ihn hinwegstrahlten. Desto realer ihre Körper und Lippen gegeneinander drangen, desto surrealer fühlte es sich an. Ihre Gedanken schlugen unendliche Purzelbäume miteinander, während sie sich gegenseitig den heißen Atem der Lust entlockten. Ein Stöhnen des einen, wurden stets mit einem Lachen des anderen gefeiert. Es begann als Spiel, als erwachsene Kinderei, bis die Lust sie in verspielte Tiere verwandelte. Eine gefühlte, gefeierte Unendlichkeit lang verloren Katha wie Paul die Fähigkeit ganze Sätze zu bilden, was vom anderen nur noch mit mehr Wollen und Geilheit erwidert wurde. Da waren keine Kommandos. Kein Dirty-Talk. Kein Alphatier. Für was hier geschah, reichen Worte nicht aus. Außer, um den Zustand der Tat zu banalisieren…

Paul konnte länger als er gedacht hatte. Und er ärgerte sich sofort darüber, dass das eine Rolle spielen musste. Er schob den Gedanken fort und sah sich in Kathas Schlafzimmer um, während nebenan schon längst die Dusche rauschte. Paul fühlte sich gut. Sehr gut. Lange hatte er auf diesen Moment gewartet gehabt. Seine Freunde würden sagen: ZU LANGE. Dennoch fühlte sich das alles nicht echt an. Und. So schön es auch gewesen war… So unglaublich toll und geil und… Das Ende seiner Träume… Wie könnte sein Leben nach diesem Fick, während dem er Kathas Liebe spüren konnte, noch weitergehen? Und doch… Er wandte den Kopf planlos ab und sah eine Topfpflanze an, die schöne, strahlende Blüten zur Schau stellte, wie es nur Topfpflanzen von echten Frauen können… Was für eine unsagbar schöne Pflanze das war. Selbstverständlich konnte ein echter Mann den Namen dieser Pflanze nicht kennen… Daneben die Solarbetriebene Katze aus China, die den Liebenden unbemerkt gerade die ganze Zeit zwecks ihres integriertem, automatischen Mechanismus zugewinkt hatte… Dieser ganze Frauenkram… Der viel zu kleine Fernseher… Überhaupt HIER zu sein, erwünscht zu sein, geliebt zu werden… Wenn auch nur für den Moment… War wichtiger für Paul als der Sex gewesen… Denn… Und jetzt musste er es doch aussprechen. Wenigstens für sich… Denn der Sex auf Drogen. In Gedanken. Mit Katha. War geiler gewesen als die köstliche Rangelei, die sie gerade veranstaltet hatten. Nein. Doch. Es war ME-GA gewesen. Und doch. Trotzdem. War da plötzlich so viel von einem anderen Menschen. Und zu wenig von Paul selbst gewesen… Nicht dass er zu kurz gekommen wäre. Nein. Katha hatte keine Wünsche offen gelesen. Es war mehr so ein… Ding in seinem Kopf. Ein saublödes, absolutes Un-Ding. Welches im sagte. Und Paul wusste: Es hatte Recht. Dass der echte Sex nie so gut werden würde, wie sein Sex in Gedanken…

Pauls Gesicht zeigte ein unbewusst schiefes Lächeln. Es verschwand sofort, als Katha blitzblank geduscht und strahlend wie eine Göttin aus dem Badezimmer zurück schwebte und sich zu ihm legte. Der idiotische Vergleich war sofort vergessen. Das war sicherlich nur einer seiner Blödsinns Gedanken. Eine typische, Paulsche Dummheit.  

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Psychische Probleme bei der eigenen Hochzeit

Grundsätze der Physik: Ein Körper kann nicht an zwei Orten gleichzeitig sein.

Vorab hätte ich mir nicht gedacht, was für ein Stress so eine Hochzeit ist. Genauso wenig hätte ich erwartet, dass ich jetzt, ein paar Tage nach der Feier, wegen psychischen Überlastungsproblemen krankgeschrieben sein würde. Starke Burnout-Symptome hatte ich zuletzt vor über einem Jahr und ich war tatsächlich auf einem guten Weg, wieder richtig gesund zu werden, jedoch… Wieder einmal war es die Mischung aus Arbeitsstress und privaten Aufgaben, die mich über meine Grenzen brachten. Dabei hatte ich das auf der Arbeit kommuniziert. Mehrmals war ich dort lautstark in Erscheinung getreten und donnerte, dass es nicht funktioniert wenn man eine ungelernte Arbeitskraft „mal so kurz über dem Sommer“ (unserer Hauptsession) in meinen alten Arbeitsbereich stellt, während ich einen anderen mache und dennoch meinen alten Arbeitsbereich vorbereiten soll. Bei Sortenwechsel umstelle. Und schließlich die Anlagen reinige. Denn alleine dass kam jeden Tag auf etwa 4 bis 5 Stunden, zu meiner eigentlichen Arbeit, die ein Vollzeitjob ist. Und man kann auf Dauer nicht 12,5 Stunden in 8,5 Stunden Tageswerk pressen. Denn Überstunden waren zwar eine Option, nur hilft es nicht mit Überstunden zu argumentieren, wenn ein Arbeitsbereich in den anderen greifen muss, da es sonst zu Verzögerungen kommt. Zudem bin ich Hygiene-Arbeiter und ich kann mich nicht einfach so durch den Tag schludern. Denn die von Vorgesetzten hingeworfene Aussage „Mach mal schnell“ ist nicht mit Sauberkeit vereinbar. Hygiene hat keine Grauzone. Entweder etwas ist sauber – oder nicht. Und dann zu argumentieren: „Hey, ich war gar nicht vor Ort sondern woanders“ hilft nicht. Es ist doch dein Arbeitsbereich, oder?

Am Ende habe ich meinen Vorgesetzten nur noch angeschrien: Dass er keine Ahnung von der Arbeit habe. Wie ein General hinter den feindlichen Linien, der erst mit Stundenlanger Verspätung erfährt, was an der Front geschieht. Manche Vorgesetzte. Wollen nicht sehen. Dass ihr Plan mehr Wollen als Möglichkeit ist.

Und dann die Hochzeit. Ich habe mich sehr darauf gefreut verheiratet zu sein. Und ich bin das jetzt auch. Nur der Weg dahin ist schon ziemlich steinig und schwer wenn beide Partner Vollzeit und der andere auch noch mit 24 Stunden-Schichten arbeiten. Da gibt es nun einmal selten die Option dass man vormittags zum Konditor gehen kann wegen der Torte, da die Konditoren nur vormittags arbeiten. Nicht zu vergessen die Details, die dann wieder hinzu kommen, wie dass man ein Brautpaar für die Torte selbst suchen muss, da dieser Konditor mit der speziellen Torte das nicht anbietet. Überhaupt: Diese ganzen Details bei einer Hochzeit sind der Wahnsinn. Jeder will (ganz Instagram like) individuell bei seiner Hochzeit sein. Wir eigentlich nicht. Wir wollten nichts großartiges. Aber trotzdem scheint sich der Markt für den „schönsten Tag im Leben“ dorthin entwickelt zu haben. Es wie Lego für romantische Irre: Alles folgt einem Detail, einem Detail, einem Detail… Von Lieferproblemen für Hochzeitssackos oder was weiß ich ganz zu schweigen (davon abgesehen, dass wir auf dem Land leben und nur dann in die Stadt kommen, wenn alle am Einkaufen sind, abends, nach der Arbeit…). Insgesamt ist das ehrlich gesagt nichts dramatisches. Doch wenn beide Partner Vollzeit arbeiten, werden aus den Details kleine Berge, hinter denen noch mehr Berge stehen, viel größere sogar, die man erst nicht sehen konnte – obwohl sie höher sind als die Erhebung davor.

Wir machten an einem Wochenende die Trauung mit Familie. Am zweiten, die Party für die Freunde. Es war Beides sehr schön. Und bei der Trauung war noch alles paletti. Es war vielleicht ein zu heißer Tag, doch wir freuten uns über die Sonne, über das Gelingen unserer Pläne und sogar über die Familie. Es war keine große Eventhochzeit. Doch wer meinen Blog ein wenig kennt weiß, dass ich genug „Events“ im Leben habe. Ich führe ein gutes Leben, in dem viel mit Party und Freizeitaktivitäten geschieht. Und wenn man dann mal an der Hochzeit keinen berühmten oder berüchtigten DJ oder Band hört, sondern nur in ein teueres Hotel geht, dann ist das kein Schaden, sondern der Verzicht auf etwas was man ansonsten eh macht, und immer noch mehr als sich viele Leute leisten können.

Mitte der Woche haute es mich dann aber psychisch um.

Vielleicht lag es auch mit an meinem Junggesellenabschied, wobei ich da im Nachhinein nicht zu viel hineininterpretieren will. Fest steht aber: Den auch noch fast spontan organisieren zu müssen, hat meiner Psyche nicht geholfen. Seitdem war alles irgendwie doppelt belastet. Und es fühlte sich alles undankbar an. Nichts was ich tat wurde dem gerecht, wie es sein sollte. Dieser Gedanken kam aus mir selbst heraus. Zudem ist er einer meiner Grundprobleme, die (siehe Psychotherapie) in meiner Kindheit verwurzelt sind. Ich. Das ungeliebte, vergessene, letzte Kind, dass allen irgendwas beweisen will – und doch nur getadelt wird. In schwachen Momenten kommt das einfach wieder hoch. Wenn man dann den ganzen Tag nur am Rennen, Rennen und Rennen ist, um in der Arbeit und danach sich und anderen etwas beweisen will, und man ständig das Gefühl hat niemals anzukommen, dann macht es irgendwann einfach mal „Knacks“. Ich verlor absolut den Boden unter den Füßen und litt an einem starken Erschöpfungssyndrom. Ich kam dann auch gar nicht mehr wirklich auf die Beine, obwohl die anstehende Hochzeitsparty für Freunde ein glatter Erfolg für alle Gäste war – nur für mich leider nicht ganz. Die Menschen sahen in meinen Augen und in meinem Verhalten, wie schlecht es mir ging und taten das Schlimmste, was man mir antun kann: Sie hatten Mitleid mit mir. Ich weiß, das klingt seltsam. Denn es waren und sind meine Freunde, die mir etwas Gutes tun wollten. Und doch gab mir diese übertriebene Freundlichkeit und die Aufbauversuche eine Weile lang ziemlich den Rest. Es war einfach peinlich und erniedrigend, dass sie es sehen konnten, wie ich die Kontrolle zu verlieren schien. Und dabei hatte ich mich doch für so einen taffen Typen gehalten. Am Morgen nach der Party hab ich nur noch geheult… Obwohl die Party selbst ein Erfolg war. Auch für mich. Ich überwand mich sogar noch mein DJ-Set auf meinem DJ-Controller im Garten zu spielen (Burnout-Symptome hin oder her, ich hatte mich so lange darauf vorbereitet; ich sage absichtlich immer SYMPTOME, da ich nicht an einem alles zersetzenden Burnout litt, denn dass wäre eine ganz andere Nummer gewesen) und unseren Freunden schien es auch nicht nur aufgesetzt viel Spaß zu machen, nein, sie warfen sogar im Garten ihre Schuhe in die Ecke und tanzten teilweise barfuß in dieser kalten, Sternenklaren Sommernacht zu meiner Musik. Wieder war mir ihr Wohlwollen eher peinlich – auch wenn ich unglaublich dankbar dafür war. Das hat mir sehr viel bedeutet. Dass mich die Leute unterstützt haben. Ich weiß, was Freundschaft ist. Aber selten war es mir so wichtig, wie in diesem Moment.

Jetzt sind beide Hochzeitsevents vorbei. Was bleibt sind schöne Bilder. Meine Frau sieht traumhaft auf. Und ich konnte durch mein Beisein ihre Schönheit schmücken. Wir haben überschwängliche Hochzeitsvideos, Grußbotschaften, die meine Freunde uns schickten. In denen ich mehr Freude lesen kann, als in jeder mit Herzchen voll gekleisterten Messenger- oder Whatsapp-Nachricht die wir später bekamen. Das war auch wichtiger als all das Geld was wir bekamen. Witziger Fun-Fakt: Ich hatte nie damit gerechnet überhaupt Geld zu bekommen. Mir war klar, dass ich bereit war für das Vergnügen meiner Freunde locker 1000 Euro auszugeben, aber dass sie mir fast genauso viel schenken würden. Damit. Hätte ich nicht gerechnet.

Am Ende habe ich alles so bekommen wie ich es wollte, auch, wenn ich nicht der war, der ich sein wollte. Es war nicht unsere Party für uns. Sondern unsere Party für andere. Und das war okay. Und süß. Wie mein bester Freund (obwohl ich nichts von solchen Wertungen halte, doch in diesem Zusammenhang und der Mühe die er sich machte, hat er den Titel verdient) aufgeregt eine kleine Rede für uns hielt. Das sind Dinge, die ich nicht vergessen will. Die guten Sachen. Vielleicht bleiben am Ende wirklich nur die guten Erinnerungen übrig. Und über die schlechten Ding kann man später eh immer Lachen.

Was soll ich nach der Geschichte anderen Leuten bieten, die ebenfalls unter großem Stress bei solchen Events stehen, was sicherlich sehr viele sind: Nichts. Es hilft halt auch nichts wenn man sagt: „Nimm es nicht so schwer. Reg dich nicht auf. Alles wird gut.“ Leider. Reichen solche Worthülsen nicht. Ich habe nichts was ich euch mitgeben kann und das ist auch okay so. Ihr müsst damit selber klar kommen und wenn ihr das alleine nicht schafft, dann sucht euch Hilfe. Es ist keine Schande. Es ist keine Schande den Menschen an eurer Seite, mit dem ihr euer ganzes Leben verbringen wollt damit zu belasten, noch eure Familie, oder eure Freunde. Klar. Es wird nicht jeder Verständnis dafür haben. Wenn ich mit meinem Vater darüber sprechen will, dann ist es so, als würde ich eine andere Sprache sprechen. Er versteht absolut nicht was ich ihm sagen will. Aber das ist okay. Findet eure Leute, die die gleiche Sprache sprechen wie ihr – und ich bin mir sicher, ihr werdet sie finden. Ihr seid nicht alleine. Und eine Hochzeit MUSS auch nicht der schönste Tag im Leben sein. Das Produkt eurer Liebe ist die Hochzeit, nicht umgekehrt. Und am Ende wird hoffentlich auch für euch ein Tag zurückbleiben, den ihr jedes Jahr wieder gerne feiert. Das ist wichtiger als all der Perfektionismus, die irgendwelche Fakeprofil von verstellten, optimierten und vielleicht sogar gecasteten Leuten im Internet euch glauben machen wollen. Niemand ist perfekt. Nur die Liebe die ihr zueinander spürt, sollte es sein.

4 tote Kinder

Meine Nachbarin ist ein Idiot. Kein schlechter Mensch. Nur ziemlich dumm. Die Wohnung unter uns ist ihre erste Wohnung eigene und die Monate haben gezeigt, dass sie alleine fast nicht überlebensfähig ist. Sie trifft ständig die falschen Entscheidungen und hängt mit den falschen Leuten herum. Schon komisch: Früher war ich einer der „falschen Leute“. Heute treffe ich ein Urteil über sie.

Sie genießt es augenscheinlich nicht mehr unter dem wachsamen Auge ihre Mutter leiden zu müssen. Sie hat ständig verschiedene Typen. Drogenleute. Auch nicht von der hellsten Sorte. Was mir natürlich vollkommen egal ist. Hauptsache. Es ist nach 10 Uhr abends ruhig und mir parkt keiner die Einfahrt zu. So bin ich geworden.

Die Typen kommen und gehen. Und sie ist nun wirklich nicht die Schönste. Aber so ist das bei einer Frau, wenn zwischen ihren Beinen Tag der offenen Tür ist. Klar tut sie mir irgendwo leid dafür, dass sie sich ständig ausnutzen lässt und von den Typen nur verarscht wird. Das hat sie mir selbst erzählt. Doch jeder trifft seine eigenen Entscheidungen.

Vor etwa einem Jahr klopfe es an unserer Haustüre. Die Nachbarin. Sie wollte mit meinem Lebensgefährten sprechen. Er ist raus und dann wurde laut an der Türe geredet. Eine halbe Stunde lang. Und am Ende sagte sie, mein Freund solle mir davon nichts, was ich die ganze Zeit im Zimmer nebenan mit dem Kindl auf dem Schoß schon mitgehört hatte: Sie war schwanger. Und mein geliebter Freund, seines Zeichen Doktor der Medizin, gab ihr ein paar Ratschläge. Zwei Wochen später war sie nicht mehr schwanger. Und mit den Tipps zur Empfängnisverhütung sollte es auch so bleiben.

Ein halbes Jahr später klopfte es wieder an der Türe. „Es ist schon wieder passiert.“ „Wie es ist SCHON WIEDER passiert?!!“ Mein Freund war außer sich. Was für ne Assi-Braut. Sie wusste nicht einmal, von wem das nächste Kind war. Zweifelhaft ob sie es beim ersten wusste. Mein Freund führte ein sehr ernstes, weniger empathisches Gespräch mit ihr, als beim ersten Mal. Und zwei Wochen später war sie nicht mehr „in froher Hoffnung“. Es war für alle Beteiligten der beste Weg. Wie sollte eine Frau wie sie auch noch für ein weiteres Leben Verantwortungen übernehmen, wenn sie es nicht einmal für sich selbst kann?

Vor ein paar Jahren stellte mir ein Freund eine Bekannte von ihm vor. Ich freundete mich mit ihr an. Ein Jahr und 5 Monate vor dem heutigen Tag, stellte sie mir ihren neuen Freund vor. Ein Pfundskerl. Wenn auch ein wenig klein an Wuchs. Sie wollte immer Kinder bekommen. Doch wegen einer Operation in ihrer Vorgeschichte war die Wahrscheinlichkeit gering. Sie wurde trotzdem schwanger. Wir freuten uns alle sehr für sie. Und dann auch noch Zwillinge. Doppeltes Glück. Die Wochen, ein paar Monate gingen ins Land, bis die Herztöne der Zwillinge verstummten. Nicht nur der Himmel weinte. Das Wehklagen wimmerte stumm aus unseren Telefonen, als unsere Daumen die Kurznachrichten verschickten. Ich hätte nicht gewusst, was mein Mund an direkter Sprache hervor gebracht hätte. Was kann es schlimmeres für eine Frau geben, als ihre toten Lieblinge gebären zu müssen?

4 tote Kinder.

2 die unbedingt gewollt wurden, aber nicht lebensfähig waren.

2 die wahrscheinlich lebensfähig waren, aber von keinem gewollt wurden.

Nur in Märchen ist das Leben fair.

Und die ganze Welt schaut auf die Fußball-WM.

Absolution – 2 – Tanzen auf Ecstasy

Paul, um den es hier gehen soll, tanzte bald schon wieder alleine auf der stickigen Tanzfläche des „Ultraschalls“.  Nicht wirklich „alleine“. Die Tanzfläche war voll und wenn man nicht achtgab, konnte man sehr schnell die Person neben sich anrempeln und in ihrem Tanz stören. Es waren noch nicht die Jahre der überfüllten, geradezu überrannten Tanzflächen. Noch akzeptierte man den Raum den der Nächste benötigte um sich zu entfalten. Noch trampelte niemand auf der Moral dessen mit den gleichen Rechten herum. Paul tanzte nur für sich. Dafür war er nach München gereist. Er hatte das mit seinen Freunden getan und ja, dieses Feierreisen war hauptsächlich ein Freundschaftsding. Dennoch waren es genau solche Momente wie diese hier, die ihn immer wieder in die Clubs der großen, großen Stadt zogen. Paul liebte es zu Tanzen. Paul liebte diese Form von Freiheit. Wenn keiner etwas von dir will und die Musik dich in eine andere Welt saugt. Dass war Pauls Urlaub. Seine Freiheit. Seine Liebe. Für ihn waren diese Geschehnisse vorhin – die Umarmung mit Katha, die Bildung des magischen Kreises – nur Episoden der Nacht. Schönes Beiwerk. Tatsächlich aber war er nur zum Tanzen hierhergekommen. Darum ging es.

 

Katha hatte ihn noch angelacht. Dann war sie in dem falschen Nebel verschwunden, der wie eine Wand auf der Tanzfläche lag. Rein faktisch sah Paul gar nichts. Da war nur der Sound. Und der dicke, dicke Nebel. Hin und wieder blitzte etwas. Ein Arm flog vorbei. Eine wüste Gestalt… Irgendwo… Wäre er noch fähig zu Assoziieren, hätte er an Carpenters „Der Nebel“ denken können. Oder an ein schottisches Hochmoor. „American Werewolf“. Oder so. Die Optik war auf jeden Fall sehr spuky. Aber das war ihm natürlich total egal. Das Ecstasy schob ihn brutal voran. Und er fand es schön gerade Katha bei sich gehabt zu haben. Die süße, schöne, kleine Katha. Mit ihrem ehrlich schönem Lachen. Und den gelockten Haaren. Eine Frau, ein Mädchen mit 20 Jahren. Das aus ihrem Herzen heraus strahlen konnte. Und nein. Das konnte nicht nur die Wirkung des Ecstasys sein. Die  so genannten „Teile“ machen Dinge ja nicht schöner, sondern nur offensichtlicher… Er könnte gar nicht sagen, ob das stimmte… Auf alle, alle, alle, alle Fälle ging es ihm sehr gut. Ihm ging es leuchtend… Blendend. Wunderbar.

 

Als er begann im hellen, dicken Wolkennebel im Keller des Ultraschalls zu tanzen, wunderte er sich fast, wie leicht sich die gerade so schweren Arme fühlten, wie angenehm zart er sie zum harten Beat um seinen Körper gleiten lassen konnte. Er fühlte sich wie eine schwebende Sternschnuppe. Ein elektrisch geladenes Teilchen… Teilchen… Haha. Dabei musste er schmunzeln… Ohne auch nur eine Sekunde mit dem Getanzte innezuhalten. Ein Sonnenteilchen voller Glück. Und ja. Ihm war klar wie klischeehaft druff das schon wieder klang. Aber das war er. Ein Wesen voller Glück. Voller Energie. Jenseits von Gut und Böse. Ein Schmetterling. Ein Engel. Von sich selbst. Und von der Welt. Völlig losgelöst.

 

Er tanzte.

 

Der Nebel wurde mal mehr, mal weniger. Und bei dem Versuch die gekachelte Tanzfläche der alten Industrieanlage zu ein wenig zu durchlaufen. Verlief er sich… Auf diesen 30 Quadratmetern. Irrte er umher. Sah und trag niemanden. Was vollkommen unmöglich war. Und dabei war es doch auch ganz egal. So gut war das Gute. So schön war das… Schöne… Er würde gerne jetzt… Katha in die Arme nehmen. Gar nicht mehr. Nur einander festhalten. Und glücklich sein. Jenseits von Sex. Jenseits von allen Versprechen. Jenseits von Bindungen oder Zeit. Einfach nur hier, und jetzt. Und gut.

Er blieb stehen. Und tanzte weiter.

Nichts destotrotz zauberte es Paul ein Lächeln auf seine Lippen, als er neben sich Chris wahrnahm. Chris schien ihn – möglicherweise – schon eine Weile zu beobachten. Ob der Zeitraum in diesem Moment eine halbe oder gar fünf Minuten ausmachte, spielte in diesem Zustand keine Rolle. Pauls Verwunderung war kurz und sofort verflogen. Er mochte Chris. Auf Droge sowieso noch mehr als ohnehin. Was kein Grund für Paul war das Tanzen einzustellen. Sein Körper machte einfach weiter und wenn Chris Lust dazu verspüren würde, würde er mitmachen. Chris aber stand einfach nur da und rauchte seine Zigarette. Paul konnte und wollte auch gar nicht wirklich erkennen, was für ein Gesicht der Chris da zog. Es spielte auch gar keine Rolle. Die Musik, die Bewegung und die Droge bereiteten ihm genug Vergnügen um einfach weiter zu machen. Und als der im Untergrund weltberühmte DJ eine noch aufpeitschendere Platte spielte, musste Paul Chris einfach angrinsen. Dazu beschleunigte er seine Bewegungen. Chris grinste ihn aufmunternd an. Bis. Bis Chris sich zu ihm vorneüberbeugte und leicht nass in sein Ohr brüllte: „Lass mal hochgehen!“. Ohne zu Zögern nickte Paul seinem Freund zu. Er war inzwischen so drauf, dass jede Aktion eine gute Aktion zu sein schien. Das zweite Ecstasy-Tablettchen mit dem Misubishi-Symbol zu essen war ihm in dem Moment vor 20 Minuten wie eine blöde Idee vorgekommen – natürlich hatte er es trotzdem gemacht. Hatte die von einem dunklen Drogenimperium selbst gestanzte Tablette aus Chris verschwitzter schmutziger Hand in seinen Mund genommen. Sie hinunter gespült.

„Hochgehen“ war eindeutig ein Ausdruck dafür um an die große Bar zu gehen.

Absolution – 1 – Mit Freunden beim Feiern

„Was ist los mit dir?! Träumst du?!“ Katha streifte ihre Haare hinter ihr linkes Ohr zurück. Lachte ihn dabei an. Das Sekunden genau programmiert Licht der Scheinwerfer huschte über sie hinweg und erleuchtete ihr von innen heraus strahlendes Gesicht. Er huscht über ihre großen lachenden Augen. Ihren wunderbaren Mund mit den fröhlich entblößten Zähnen. Dann war das Licht fort. Nur das Lachen blieb. Ein Lachen. So einnehmend und wunderschön, dass es kein Licht benötigt um vorhanden zu sein. Paul strahlte zurück. Das Scheinwerferlicht war nun mit ihm. Einen Augenblick lang fühlten sie sich wie zwei große schöne Sonnen, die ihr Feuer ineinander reflektierten. Unvermittelt nahm irgendwer den anderen in die Arme. Es spielte auch gar keine Rolle, wer die erste Bewegung machte. Denn bei solchen Umarmungen gibt es keinen Auslöser. Nur das Gefühl einen Menschen den man mag in seinen warm verschwitzen Armen zu halten. Der Techno-Sound hämmerte über sie hinweg.

Sie trennten sich voneinander und tanzten ein wenig wild zu dem Techno-Beat. Wie man es seit jeher so macht. Miteinander. Und jeder für sich alleine. Bis einen weiteren Augenblick später, die anderen Freunde von irgendwoher absolut plötzlich zu ihnen kamen und sich mit ihnen freuten. Und tanzten. Es war einer dieser Momente, in dem sich die gesamte sichtbare Welt daran erfreute, vorhanden zu sein. Selbst der falsche Nebel freute sich. Ebenso wie die von warmen Schweiß nassen Fließen an den Wänden. Aus den Maschinen klackerte dazu stakkato mäßiges Geklacker. Während der Beat und der Bass ihren Körpern automatische Bewegungen vorgaben. Überall war Rhythmus. Eine heitere Diktatur. Alles was geschah, musste so geschehen. Geschah ohne Kraftaufwendung. Ohne Plan. Ohne Wiederstand. Ein unbeteiligter Beobachter, ein Vernunft- und Tagmensch, mochte die Szene in dem finster verrauchten, stinkenden Techno-Club als hart, kalt und rau, gar „Lebensfeindlich“  missverstehen, was nur daran liegen könnte, dass er das Glück in den Menschen nicht verstand. Dieses Treiben hier war alles andere als kalt und rau. Es war alles andere als lebensfeindlich. Es war das pure Glück. Ein Himmelreich. Unter der Erde. In einem alten Industriekeller. Den wahrhaftig. Die Gebrüder Grimm hatten gelogen. Und Kinder haben keine Ahnung von den Märchenlandschaften der Erwachsenen.

Dann schrie irgendwo wer. Und plötzlich schrien alle mit. Im programmierten Licht. Im inszenierten Nebel. Im Geschepper der Maschinen. Ein Gefühl wie im Garten Eden.

Irgendwer von den Freunden hatte Wasser dabei; es wird herumgereicht. Alle freuen sich. Ja geil jetzt! Wasser! Bis die Flasche leer war. Kein Wunder dass es am Ende nicht der schöne Miguel war der den letzten Schluck aus der Flasche nahm und dann ein wenig überrumpelt in seiner Dichtheit damit herum stand. Es war Chris. Der kleine deplatzierte Chris. Der schon immer nie ganz zu einer Gruppe gehört hatte und durch seine Erlebnisse und Erfahrungen einen viel reflektierten Charakter mit sich herumtrug als der gutaussehende Miguel. Miguel, der Südländer. Der Student. Ein Sammelsurium an Charme und Bildung, die sich profaner weise nie bis in seine Seele erstreckte. Natürlich war es Chris der ein klein wenig überfordert mit der leeren Glasflasche dastand. Im Nebel umher blickte. Bis er schließlich ein paar Meter entfernt einen Stehtisch erspähte und die Flasche dort hintrug. Währenddessen hatte sich Miguel längst zwischen die Frauen geschlichen und je eine mit einem Arm umfasst. Natürlich hatte er den letzten Schluck für Chris „übrig gelassen“. Zum Wassertragen war er zu wichtig. Auch wenn er das selbst gar nicht mehr wahr nahm. Chris kam zurück und stellte sich an die Seite.

In dem Kreis den sie nun bildeten gab es kein wirkliches Gespräch. Auch wenn ein paar Fetzen durch den brülllauten Sound hin und her gerufen wurden. Sie lachten sich nur an. Glücklich. Verstehend. Dicht. Es war jetzt genau der richtige Zeitpunkt nachdem sie zusammen und jeder für sich das Ecstasy genommen hatten, dass Chris in einer fast einstündigen Suche im Club aufgestellt hatte. Wahrscheinlich war dies auch der richtigste und genauste Zeitpunkt ihrer gemeinsamen Freundschaft, wie sie druff so im Halbkreis dastanden. Wie das Auge eines Orkans. IM Auge eines Orkans. Der aus ihrem eigenem Glück und  dem aufgewühlten Darumherum bestand. Tosend und still zugleich. Sicherlich würde sich ihre Freundschaft nie wieder so klar und intensiv anfühlen wie in diesem ehrlichen Moment auf Droge. Nichts könnte jetzt. In diesem Augenblick  der klarsten Wahrheit. Ihren Kreis durchbrechen.

Und dann war es auch schon wieder vorbei.

Frühschoppen mit DJ Hell

Seltsam, diese Nervosität zuvor… Ich hatte lange keine Drogen genommen und  das letzte Mal war so „na ja“, dieses Mal machte sich also eine gewisse Aufregung breit. KANN ich das denn noch? Komme ich darauf KLAR? Mache ich mich zum VOLLHONK? Komische Überlegungen die man sich da  macht. Typisch: Viel zu kontrolliert. Es soll doch um ENTSPANNUNG gehen! Ja oh Herr, das ist der SINN der Sache.  Am Ende lagen ich/wir sehr, sehr endzerstört und damit super entspannt in der Ecke des MMA (Mixed Munich Arts) in München, ließen die Nacht geschehen – was hätten wir auch sonst machen sollen?

 

Mit alten, nicht einmal so besonders guten Bekannten von FRÜHER war ich unterwegs gewesen und am Ende war man dann doch – dazu hätte es gar keine Drogen gebraucht – als gute Freunde auseinander gegangen. Schön. Manchmal, wenn man glaubt das die Drogen besonders wichtig sind, braucht es sie gar nicht. Ich bin eigentlich und überhaupt schon länger kein großer Freund mehr von Ecstasy, denn zu groß ist dann am Ende immer die Ekstase und zu begierig das Hirn nach dem absoluten Abfeiern der Synapsen: Zuviel ist nicht genug. MehrMehrMehr.

Wir sahen dass es gut war, auch wenn wir schon gar nichts mehr erkennen konnten. Süß wie mir mein Freund die Kippe anzündete und sie mir dann fast schon in den Mund schob. Ich. Sah das Ende der Zigarette ohnehin nicht mehr. Selber Anzünden: Unmöglich.

Ja. Nein. Bei uns war alles gut. Wir lachten viel, freuten uns aneinander und waren glücklich. Und manche Dinge muss man zweimal sagen: Dazu hätte es diesen Absturz gar nicht gebraucht. Denn wenn man Menschen nicht mag und keinen Respekt voreinander hat, da helfen auch die besten Drogen nichts. Aber wenn man sich mag, freut man sich desto mehr aneinander. .

 

Die Musik war scheiße. Und wer das sagt und eigentlich gerne zu Techno weggeht UND auch noch XTC gefuttert hat, der fand die Musik wirklich scheiße. Wenn nicht einmal mehr die Drogen helfen. Viel zu früh sind wir leicht beschwipst aus der Registratur raus und die zwei Haltestellen ins MMA gefahren, wo wir mit unseren Online-Tickets beim Personal auf Verwunderung stießen; wie jetzt, die haben für heute Online-Tickets verkauft? Ist uns neu… Wir haben nicht einmal das Lesegerät da…

Aha.

 

Unten waren wir dann verwundert. Hä? Die große Halle hat zu und wir müssen im kleinen Club feiern? Das ist doch Betrug am Kunden! Wo stand denn das? Wieso wurde das nicht vorher ausgeschildert, ausgeschrieben oder zumindest ausgesprochen? Da wollte ich meinen neuen Freunden diese große Feierhalle zeigen, was blieb war diese kleine Bar – Frechheit. Nicht weil der „Club“ im MMA hässlich gewesen wäre, nein, sondern weil dort drüben, als 2 oder drei Stunden später die Bude voll war, überhaupt kein Platz zum Tanzen war – hätten wir es denn noch gekonnt. Warum hat man das nicht in den Halle gemacht, den Club dagegen zugelassen? Klar wäre die große, hohe Halle bei den  Besuchern nicht voll geworden, na und? Ich habe doch lieber Platz zum Tanzen als eine proppevolle Bude voller notgedrungener, ja, dazu erniedrigte Herumsteher, die WOLLEN, aber nicht können. Ich scheiße auf eure Verkaufsprinzip der vollen Location! Ich will lieber halb leere Läden, wo ich das machen kann wozu Techno einmal (Hoppla) ERDACHT wurde: DANCEdanceDANCE.

Wobei. Ja. Die Drogen so wunderbar stark waren, dass das ab einem gewissen Moment kaum mehr möglich schien. Schon gar nicht bei dem Sound. Viel zu durcheinander wurde da aufgelegt, kein Groove kam auf, keine Lust und schon gar nicht die Möglichkeit zwei Platten hintereinander  durch zu tanzen. Was folgte war der klassischen Triathlon der Nacht: Draußen Rauchen, unten Tanzen, hinten Sitzen. Immer wieder und wieder: Rauchen/Tanzen/Sitzen – repeat. Und: Kein Helmut, kein DJ Hell in Sicht.

Bald entspannen sich schon Erlöser-Phantasien in unseren Köpfen: „Wenn der Hell kommt wird alles besser! Der wird es schon richten! Der weiß ja wie es geht und was wir wollen!“ Er kam nur nicht. Nicht niemals. Nur sehr spät. Der Hell legt wohl nur noch auf, wenn es hell ist – sehr witzig ich weiß, haha.

Um 4 Uhr oder 4 Uhr 15 latschte der alte Mann an uns vorbei, zuckte kurz zusammen als ich ihn anblaffte: „Jetzt wird´s aber langsam mal Zeit!“ Und zog von dannen. So ab halb 5 ging es dann mit seinem Set los: Also bitte. Eine Veranstaltung „Eine Nacht mit DJ Hell“ zu nennen ist schon eine besondere Frechheit, wenn man die Decks erst dann entert, wo anderen Tags schon das „Morgenmagazin“ ausgestrahlt wird. Und. Welcher nüchterne Mensch will und kann bis halb 5 in der Früh warten, bis der DJ überhaupt mal ANFÄNGT! Was gar nicht so schlimm gewesen wäre, hätten die Jungs vorher die Chose nicht so dermaßen an die Wand gespielt: Das war mehr als ärgerlich.

Wie war er denn nun, der Morgenmagazins Helmut? Na ja. Ganz okay. Hat natürlich nichts neu erfunden, war aber ganz gut. Ich konnte da eh nicht mehr tanzen – Platz dazu war aber auch keiner mehr da.

Um halb 6 rum ging es dann raus. Wir redeten noch ein wenig der Nacht und den vergangenen Chancen hinterher, wie man es meistens macht. Ein kleines schade… Und ein großes HAT-SPAß-GEMACHT.

 

Tja. An uns alten Säcken hat und hätte es nicht gelegen. Gerne mal wieder zusammen. Nur nicht dort.

Auto.Matic.Open. Festival 2016 in Augsburg, Party Rückblick

Das wird jetzt mal wieder einer dieser ganz furchtbar grauenhaften Gute-Laune Einträge. Jeder hat tausend Leute getroffen, die er von irgendwo her kennt, sehr viel Spaß dabei, riesiges Juhu! Jeder Handschlag musste aufs Glücklichste begossen werden, jeder Scherz um einen weiteren verlängert werden. Ein sagenhaft nerviger Eintrag also, der sich genauso anfühlt wie diese Festival-Zusammenschnitte, die nur ein einziges Bild transportieren wollen, in dem alles geilGEILgeil ist, in dem jeder glücklich und aufs Beste drauf zu sein scheint. Schöne Menschen, die schöne Gefühle zueinander haben.

Als Außenstehender, der vielleicht gar nicht auf der Party war, aber viel zu viele Aftermovies über das Techno/Elektro/EDM(ja leider zählt das heute irgendwie genauso dazu, so wie Scooter früher dazu gezählt wurde)-Genre gesehen hat und gar nicht glauben mag dass all diese gezeigten Menschen ach so fröhlich und unter ihres Gleichens ständig gemeinsam was Schönes erlebt haben – scheiße, so war es aber. Diesmal schon. Die Erinnerung ist ein verdammter Happy-Nation-Best-Of-Zusammenschnitt. Tut mir leid wenn unsere gute Laune nervt. Und dass, obwohl die meisten Aftermovies nur eines machen: Lügen wie gedruckt, in dem sie mit ihrer gefakten guten Laune einen schlechten Event schön künsteln. Seehe das hier. Zum Beispiel. Da war es so „TOLL“, wir sind damals früher gefahren. Den Regen hat man schön herausmontiert aus der „Erinnerung“. 

Neben den Leuten die man ohnehin die ganze Zeit trifft (und das macht man ja gerne, sonst würde man es nicht machen) sind dann alte Geister von früher dabei. Gestern sogar der Extremfall: Wie war es denn so in den letzten 15 Jahren?

„Boah… Ja also…“ Dann lachen alle: „Ja war gut.“

Die Plastikbecher klonken im Anstoß gegeneinander und man tanzt da irgendwie so rum, während man versucht der verlorenen Zeit hinterher zu erzählen, wobei es jetzt gar nicht so übermäßig wichtig ist WAS man all die Jahre im Leben des anderen verpasst hat, sondern dass man hier und jetzt, live und in der Sonne, zusammen erlebt. Die Jetzigkeit der elektronischen Musik. Dieses Zeitvergessene, in dem es immer nur auf den Moment ankommt. Schön.

Man wippt und tanzt weiter. Hier ein „Servus“, da ein „Hallo“. Und in der übermäßig guten Laune wird man schnell als (Achtung Englisch) „Woo-Girl“ abgestempelt. Wieso auch nicht?

Die Freundin an der Seite, bei der meine Freunde auch schon zu den ihren wurden. Wie ist denn das passiert? Schwein gehabt.

 

(Irgendwo dahinten sind „Kollektiv Turmstraße“ zu sehen, ich mache keine blöden DJ-Fotos von ganz vorne mehr)

Drüben an der Bar werden dann die 15 Jahres-Jubiläums-Gespräche geführt: „Na, wer ist eigentlich im Laufe der Zeit untergangen? Wer ist schüttet worden? Wer hat es nicht geschafft?“
Da kuckt man dann als Angesprochener ziemlich blöd. Selbst überrascht über die Tatsache was man gleich sagen wird: „Ja alle haben es geschafft. Irgendwie. Keiner ist auf der Strecke geblieben. Niemand ist kaputt gegangen. Na ja gut. Niemand jetzt von denen die du kennst und kanntest. Und das waren dann doch ne Menge. Die Medien haben uns da einen Haufen Lügen eingetrichter mit ihrer Drogenpanikmache. Ja ne du. Allen geht es gut.“ „Toll!“

Und das ist es auch.

Wobei ich es vom Herzen her ganz toll finde, wenn Eltern im richtigen Alter, wenn die Kinder gut erzogen sind, die größten Schrecken ausgeräumt, auch mal wieder ein Tablettchen teilen. Wieso auch nicht?

(Irgendwo da vorne: Mann mit Bart = Robag)

Auto.Matic.Open an sich steht für mich jetzt nicht gerade für den geilsten Sound im Süden, obwohl „Gerd Janson“ nen guten Sound vorgelegt hat, am  Nachmittag, in der Sonne. Nicht zu viel, nicht zu wenig Bums. Leicht ankickend ohne auf die Nerven zu brettern. Da kann ich nur lobend in die Richtung des DJs nicken.

Kollektiv Turmstraße“ dagegen spielten genau den Sound für den sie bekannt sind, dieses Minimallastige, das an Stehfußball erinnert. Urlangweilig und nur mit viel Wille zum Wahnsinn zu ertragen. Wobei. Darf man sich denn darüber ärgern dass die Turmstraßenjungs genau das gemacht haben wofür sie bekannt sind? Eigentlich nicht. Der Tänzer in einem hätte es nur gerne anders gehabt, leider.

Dann der typische Auto.Matic.Open-Headliner, der Robag Wruhme, früherer Wighnomy Brother, der eigentlich „Gabor Schablitzki“ getauft wurde. Der Wruhme, unser Robag, machte das da oben sehr ordentlich tanzbar. Die Sonne ging unter und (Achtung Kitsch) unsere Herzen auf. Endlich konnte man gut und schön etwas wegtanzen von all der Realitätslast, die jeden Tag an einem ständig so herum und nach unten zieht; auch wenn ich vor lauter „Hallo, du auch hier?“ nicht wirklich zum Tanzen kam (klingt jetzt besonders wichtig, so war es aber nun einmal, ganz ohne Wichtigness).

Sehr schön ist es zu sehen, wenn die unterschiedlichen Freundesgruppen langsam miteinander können und das zu harmonieren beginnt. Boah… Furchtbar. Ich weiß. Was für ein HAPPYhappyHAPPY-Text. Aber freut euch doch auch mal, dass das noch immer so gut sein kann, elektronische Musik jetzt auch schon seit einigen Jahrzehnten.

„Wir fahren jetzt.“

„Wie? Jetzt?“

„Ja jetzt, jetzt.“

Irgendwer der jetzt lacht, hat vorhin gekotzt. Der da drüben liegt eh schon ziemlich lange ganz zerschossen da und erzählt allen, wie lieb er uns hat. Da kann man gehen, wenns gerade am Schönsten ist. Und das haben wir dann auch gemacht. Alte Leute für die einen, junggebliebene Idioten für die anderen.

Die Rest, die Majorität, ist dann noch ins Kesselhaus selbst eingezogen, um dort weiter zu feiern und zu tanzen. Ich hoffe man musste dort auch nicht lange an der Bar anstehen, sowie es draußen war. Die Damen und Herren am Zapfhahn waren sehr fix, und der große schwere Bösor, der Securitymann dem ich beim Warten an der Theke sagte, dass sie einen guten Job machen würden, schön ruhig hier, lachte mich herzlich an und war gar kein Bösor mehr, sondern ein Liebor 😉 Ein netter Kerl, der dem Betrunkenen noch einen schönen Abend wünschte.

Ja. Was für ein penetrant glücklicher Tag. Nun. Es wird auch wieder andere geben.