DJ Koze – Magical Boy

Das Video kann man auf der einen Seite nur mögen, da es Sehgewohnheiten auf den Kopf stellt und durch die Verwendung von Menschen mit Down Syndrom als Feier- und Glücksmeute natürlich auch das gängige Schönheitsideal und noch mehr die super ästhetischen „Mann-sind-wir-geil-und-sexy“-Dance-Videos der Szene persifliert.

Für mein Befinden wäre es mir lieber, wenn in dem Video nicht nur Leute mit Down Syndrom vorkommen würden. Wenn da auch noch „gesunde“ Menschen wären. Damit sich das mischt. Denn auch wenn ich zugegebener Maßen keine Ahnung habe, wehre ich mich dennoch ein wenig gegen dieses „gleich und gleich gesellt sich gern“ – warum sollte sich nicht einmal ein Mann ohne, in eine Frau mit Down Syndrom verlieben – oder umgekehrt? Vielleicht ist das aber auch zu viel verlangt, bei dem Stand der Gesellschaft den wir haben.
An Christoph Schlingensief musste ich dabei natürlich auch denken – war ein echt guter Mann.

Die Dankbarkeit der Moral

Sie kam vom Land. Dennoch wusste sie, dass Sex Männer glücklich macht, wahrhaftig glücklich, so dass der Geschlechtsverkehr Auswirkungen auf ihre ganze Lebenseinstellung und –führung nimmt; ein Mann mit regelmäßigen Geschlechtsverkehr ist ausgeglichener und glücklich. Nicht das Sex nicht auch Frauen glücklich machen würde, nur war es für Frauen viel leichter Sex zu haben, da es immer einen „bereiten“ Mann gab, der sich gerne ausnutzen ließ; „benutzte Männer“, auch das wusste sie, gab es in deren Selbstverständnis nicht.

In ihrer direkten Umgebung war sie viel von Frust umgeben und sie war im Gegensatz zu ihren Freundinnen zu sich selbst ehrlicher darüber, was man gegen diese Frustration machen kann. Und weshalb sollte man nicht lieber in einer Gesellschaft voller gut gelaunter und netter Menschen leben? Sie musste nur etwas dafür tun. Und ein Mensch ist ja kein Stück Seife das sich abnutzt.

Der Erste war der Bruder einer Freundin. Dann ein anderer Freund. Und später dessen Freund. Wie dankbar die Jungs doch waren und wie schnell sie ihre Maskerade der aufgesetzten, verbitterten Männlichkeit fallen ließen und zu glücklichen kleinen Jungs wurden, kaum hatte sie ihren Rock gehoben oder die Bluse geöffnet. In Wahrheit ging es dabei weniger um Sex sondern um eine Kopf-Sache. Der Sex war nur Mittel zum Zweck. Ein Instrument um die Männer zu befreien. Eine Entspannungstherapie.

Später tat sie ES auch mit richtigen Männern. Vätern von Freunden, Freunden von Vater. Wie unerfüllt sie doch in ihren eingefahrenen Ehen waren, und wie wahrhaft glücklich sie zu ihren Frauen zurückkehrten, zu der sie nach dem „Akt“ ihre alte Liebe neu entdeckten. Es hatte nur ein kleines Abenteuer gefehlt um die „Lebensqualität“ wieder zu entdecken. Sie war wahrhaft glücklich zu sehen, wie fröhlich und dankbar die Männer nach dem bisschen Gymnastik mit ihr waren.

Sie mochte nicht Alle mit denen sie schlief. Doch die meisten. Und selbstverständlich machte es ihr auch Spaß. Wenn auch nicht immer. Doch nach und nach. Änderten sich die Männer. Es war so, als hätten sich die Männer darüber ausgesprochen, denn vom ersten schlechten Wort bis zur nächsten Grausamkeit ging es allgemein recht schnell. Die kindliche Dankbarkeit von erwachsenen Männern während sie entrückt an ihren Brüsten knabberten, wich überraschend schnell einer gewissen überheblichen Hartherzigkeit. Die Männer verstanden das unglaublich große Geschenk nicht, dass sie ihnen machte. Sie verstanden nicht das WARUM, sondern sahen nur das dumme Mädchen, das unter ihnen lag und stöhnte. Zuerst nannten sie sie im Spaß eine Hure, nur um es dann ernst zu meinen. Bis sie sie schließlich wie einen gefügigen Hund zu behandelten, dessen gute Absichten und Naivität der schlechte Charakter ebenfalls als Dummheit identifiziert und nicht als Hingabe und einer höheren, selbstlosen Form der Liebe…
Und sie lernte, dass ein Mensch sich sehr wohl abnutzen kann wie ein Stück Seife, wenn auch nicht äußerlich. Die Männer. Verbrauchten sie.

Der Text zur Nacht (215) Warum man die besten Drogen wegwirft

Ebenso lächerlich ist meine Geschichte, die ich hinter herschiebe, die Story darüber, wie ich neulich das gute, allerbeste und megageilste Pep weggeworfen habe, dass mir der Fettsack jemals mitgebracht hatte, das Speed, das Moses vom Herren Gott auf dem Berg Sinai bekam, um sich solange die Zeit zu vertreiben, während der Allmächtige dabei war die 10 Gebote in Stein zu kalligrafieren; deshalb steht in den 10 Geboten auch nichts vom „Drogenmissbrauch“; god is a DJ – einer von uns, ihr wisst schon… Auf jeden Fall war das Zeug nicht nur feucht, sondern schon richtig flüssig, so dass er zwei Abpacktütchen brauchte die er Matrjoschka mäßig ineinander packte, damit der flüssige Teil der Droge nicht sofort verloren ging und auslaufen konnte. Die Droge stank so stark und war dermaßen aggressiv, dass sich der Aufdruck AUSSEN von den durchsichtigen Tütchen löste und wie von chemischen Tränen weggewischt und kondensiert wurde. Dazu erzählte er mir stolz die Geschichte, dass das der Stoff sei, bevor die Dealer ihn strecken. HAMMAR-Zeug. So rein, steril und bereit totale Dichtness zu verbreiten, dass man es am besten nur mit Handschuhen anfassen sollte, was ich sehr schnell merkte, als ich meinen kleinen Finger in das chemische Nass steckte um einen Tropfen zu versuchen, was äußerst dumm von mir war, da ich eine kleine offene Stelle am Finger hatte (die schon am zuheilen war) und sich die chemische Superdroge blitzschnell durch die Wunde in meinen Organismus fraß, das war mir noch nie mit irgendwas passiert, eine kickende Verätzung wenn man so will.
Der Fettsack erklärte mir noch wie man die Droge nimmt. Weil. Sie ja viel zu nass war (selbst der feste Teil der Pampe war zu viskos um das nasal einzunehmen), musste man das Zeug wie Butter aufs Brot schmieren – nur nicht WIRKLICH auf ein Brot (Igitt… Amphetamin-Brot braucht die Welt nun wirklich nicht, wer Erfahrung hat heiß wie eklig das Zeug zu essen ist), sondern halt auf eine glatte Oberfläche, wie ein Spiegel oder so, wo man es dann trocknen lassen musste, bis es endlich abgekratzt, gehäuft und gezogen werden konnte – das ist der 5 Kreis der Hölle: Eine Hammar-Droge die man erst gar nicht, sondern erst später nehmen kann, weil sie zu nass ist… Also habe ich sie gefressen. Ganz klar. Hatte ja nicht den ganzen Tag Zeit. Brechreiz inklusive. Da muss man hart sein. Später wurde sie dann normal gezogen, nachdem ich sie mit einer Lampe getrocknet hatte…

Ich war tagelang dicht.

Von dem Zeug kann man auch nicht die Finger lassen. Selbst. Wenn man gerade den ganzen Tag in der Arbeit war. Da macht man abends weiter. Nächtelang. Tagelang. Vielleicht knickt und nickst du mal ein paar Stunden ein – dann geht es weiter. Da das Zeug ehrlich absolut verboten gut ist. Da muss man dem Gesetzgeber im Prinzip Recht geben. Damit muss man schon verantwortungsvoll umgehen. Wozu ich. Wirklich. Nicht. Fähig war.

Tagelange Wachness hinterlässt Spuren. Das hatten wir ja schon ziemlich oft oben im Text. Und wenn du dann auch noch weiter Arbeiten gehst, kommt die Paranoia dazu (die mehr als begründet ist, denn man sieht, fühlt und benimmt sich scheiße). Man kann halt nicht Beides haben: Die ganze Zeit drauf sein – und sich normal in der Arbeit verhalten. Das geht nicht. Was das Blöde an Speed ist, da es einfach nicht aufhören will zu fahren… Und du weißt das. Doch das spielt keine Rolle. In der Mittagspause in der Arbeit sagst du dir noch: „Heute schlafe ich aus! Keine Debatte! Das ist so was von klar!“ Während du am Nachmittag feststellst, dass es dir überraschend gut geht… Dafür… Dass du schon seit 4 Tagen wachen bist… Aber nein, nein… Heute nimmst du nichts mehr… Du bist doch nicht blöd! Nur um dann plötzlich eine halbe Stunde früher aus der Arbeit abzuhauen (mit der vollkommenen Überzeugung, dass genau DIESE halbe Stunde es herausreißt…), um dann mit quasi Vollgas an der Schule und am Kindergarten vorbei durch die 30ger Zone zu rasen, am mürrischen Hausmeister vorbei die Treppe zur Wohnung hoch zu rennen und sich noch ein bisschen… Ein BISSCHEN wird doch NOCH ok sein?!!! Na… Ihr wisst schon.

Bis es irgendwann der zigte Tag ist und die Stimme in dir sagt: „Es geht einfach nicht mehr. Du hältst das nicht mehr lange durch. Du baust scheiße in der Arbeit, oder sie kommen dir drauf, dass du dauernd drauf bist und nicht krank, so wie du behauptest. Das geht nicht gut. Aber. Seien wir ehrlich. Du kannst auch nicht die Finger von dem Scheiß lassen. Und. Das Hammar-Zeug wird auch nicht weniger. Wie denn auch? Es ist Hammar… Da reicht so wenig um so viel Glück und Schaden anzurichten… Was tun? Du musst das Zeug loswerden…“ Darüber bist du dir klar.

Im Klo runterspülen willst du es aus irgendwelchen Gründen nicht. Weil es zu „nass“ ist. Total lächerlich. Aber trotzdem kommst du gar nicht auf den Gedanken.
Es ist 5 Uhr früh, du kannst es also auch nicht verkaufen oder weiterverschenken. Und wenn du bis heute abend wartest wo du es verschenken/verkaufen könntest, klappt das nicht, weil du dann sicher wieder drauf bist, denn du hast keine Chance „Nein“ zur Chemie zu sagen… Blöde Situation.
Also. Steigst du eine halbe Stunde später mit dem Zeug ins Auto (was total bescheuert ist – jetzt hätten dich die Bullen voll am Arsch), fährst zur Arbeit und wirfst den Dreck einfach aus dem Fenster. Nur WEGwegWEG mit dem Mist. Das bringt dich sonst um… Es ist einfach zu gut… Ja wirklich. Du wirfst die Drogen deswegen weg, weil sie ZU fuckin gut sind… Schlechte Drogen werden dagegen zu 99 Prozent aufgebraucht, da man darauf hofft, dass Viel viel hilft, wenn das Zeug schon so scheiße ist. Was für eine Ironie…

Total glücklich und erleichtert steigst du in der Arbeit aus dem Auto und fühlst, wie du dich selbst von einer großen Last befreit hast… Puh… Das war aber knapp 😉 Ein großer Stein ist von deiner Psyche gefallen.
Erst eine Stunde später kommt dir der Gedanke, ob es jetzt wirklich so klug war die SUPER-Droge aus einem fahrenden Auto vor eine Schule zu werfen… Panik und schlechtes Gewissen kommen auf und die übernächtigten Überlegungen, welche Kinder so scheiße sind, dass sie Drogen vom Boden fressen… Immerhin sind das keine bunten Pillen, sondern so eine breiige Mansche, die nach purem Lösungsmittel stinkt… Das macht doch keiner…

Und diese scheiß Geschichte erzähle ich lachend meinen Freunden, die das gar nicht lustig finden und nur den einen, einzigen angemessenen Kommentar dazuhaben: „Du Idiot! Hättest du es halt mir gegeben!“ Und es ist mir unmöglich (jetzt sowieso nicht) ihnen zu erklären, dass es die einzige Möglichkeit war von dem Zeug die Finger zu lassen, es sofort los zu werden – sonst wäre ein Unglück geschehen.
Wobei. Die Geschichte natürlich sehr lächerlich ist. Wenn man später auch wieder nur druff auf ner Pferderennbahn steht und sie erzählt… Lernfaktor? Leider Null.

Die lieben Tanten

Wie abgepackte Menschen stehen sie da. Wie Heringe in ner Büchse. Auch wenn Heringe für ihr Privileg für ihr Leben bezahlen und die Jugendlichen hier nur 60 Euro. Plus Vorverkaufsgebühren. Es ist eng. Es ist voll. Es ist heiß. Hormone liegen in der Luft. Frag mich nur nicht welche. Hormone halt, die wie ein Dunstschleier oder Kondenswasser in der Luft und an den Scheiben hängen. Sie tropfen sogar von der Decke. Alle sind nass und verschwitzt. Dabei ist noch gar nichts passiert.
Irgendwelche Penner mit Bierbechern drängen sich vorbei, viel zu viele Bierbecher für einen allein, gegen viel zu viele Leiber, die fest verkörpert niemanden vorbeilassen wollen, aber auch nicht unhöflich sein. Überflüssig zu erwähnen, dass der Idiot mit den Bechern auch nicht nüchtern ist. Wie könnte er auch?

Irgendwer macht einen Witz. Du hast auch schon einmal einen besseren gehört…
Da steht man also. Und hätte auch gern so ein Bier. Man will nur nicht einer dieser Idioten sein, der sich wie ein fleischener Pflug durch die Menge gräbt, nur dass sich die dadurch entstandene Wunde sofort schließt. Neben dir steht dein bester Freund – und man seid ihr jung. Richtig scheiß jung. 17 Jahre alt. Und obwohl es nicht euer erstes „richtiges“ Konzert ist, seid ihr ohne Ende angespannt. Ihr kennt jeden Song, jede Textzeile, jedes Wort der Opas, die gleich auf die Bühne kommen. Es gibt ja keine jungen Bands mehr. Obwohl irgendwer gesagt hat, das alle Idole sterben müssen. Tun sie aber nicht mehr – was sagt das über die Welt aus? Eine Welt voller Idole, die sich überlebt haben? Doch natürlich denkst du nicht daran – warum auch? Du stimmst lieber in den Chor ein, der jetzt, ganz Fußballstadion mäßig, skandiert: „Jetzt geht´s los! Jetzt geht´s los!“ Und natürlich geht erst mal gar nichts los. Das sind nur Fans die irgendwas rufen, während die „Stars“ sie gar nicht hören können, hinter der Bühne, so zugekokst wie „Profis“ nur sein können, die sich das Geld mit einer Gitarre verdienen. Da wäre es doch ehrlicher sich das Geld mit der Pistole zu erwirtschaften… Aber nehmt es mir nicht übel, ich bin nur der Beobachter, Erzähler, Klugscheißer. Ich will euch Jungs auch nicht den Spaß nehmen, wobei uns klar ist, dir so wie du da stehst, und ich, wie ich so daher labere, dass das gar nicht möglich ist: Manchen Spaß kann man nicht verderben.

Nach „Jetzt geht´s los!“ folgt: „Tanten! Tanten! Tanten!“ Ein Teil des Namens der „Rockband“, die behauptet hat dir ihre Seelen zu verkaufen; das einzig Wahre an der Story ist, dass etwas verkauft wurde… Aber sorry… Ja. Tut mir leid. Das driftet hier eindeutig in das Negative weg, sorry, dabei wollte ich doch einfach nur davon erzählen, wie du da mit deinem besten Freund auf die beste Band der Welt wartest, und wie fuckin lebendig du dich dabei fühlst. Alles. Fühlt sich absolut echter an als sonst, auch wenn dir durch die schlechte Luft auch ebenso absolut schwindlig ist, was du in diesem Moment aber niemals zugeben könntest. Es wird geraucht. Na klar. Man will ja cool sein. Doch seine Coolness hilft dir in dem Moment gar nicht, während du mit erhobenen Händen: „Tanten! Tanten!“ rufst. So als vorletztes Lebenszeichen.
Die Körper drücken sich zusammen. Ein junges Mädchen presst sich an deinen Körper. Total verschwitzt. Und du würdest einen Ständer bekommen, wenn dein junger Kreislauf das noch hinbekommen könnte. So toll ist die.
Sie ist alles was eine Frau sein muss. Dunkle Augen. Dunkle Haare. Feines Lächeln. Vermutlich Osteuropäische Wurzeln. Die kaukasische Madonna. Und da klebt sie vörmlich links an deinem Oberkörper, während du „Tanten!“ rufst, zweimal in die Hände klatscht um wieder „Tanten!“ mit zu grölen. Und auch die kleine Madonna an deiner Seite schafft es ihren wunderschönen verschwitzten Arm zu heben, um „Tanten“ zu rufen. Strange Szene. Jetzt wirklich. Doch das Lächeln eurer Gesichter sagt eine unglaubliche Euphorie aus, die man nicht malen oder fotografieren könnte. Durch den ganzen Schweiß, die Enge, die Hormone liegt Sex zwischen euch in der Luft, ganz ohne Anmache, Ansprache oder sonst irgendeinem überflüssigen Gesellschaftskrimskrams, den man sonst zu erfüllen hat.

Ihr tauscht eure Namen und Smalltalk aus. Versteht euch richtig gut, während ihr weiter nach „der Band“ grölt, gegen die die Beatles Pop-Zwerge sind, wenigstens für euch; nicht einmal wenn Jesus Christus selbst mit John Lennon ein Duett singen würde, kämen sie ansatzweise an die Mitfünfziger der Tanten hin, der so unglaublich ehrlich und rau sind, die das Leben, wovon alle in der Halle hier träumen. Wenigstens glaubt ihr das. Und die Backliner der verlogenen Rockband machen immer noch die Instrumente warm.

Es ist nicht so, dass ihr groß was Intelligentes sagen würdet. Ihr schreit euch eher an und lacht dabei. Irgendein Wichtigtuer hat natürlich (es ist ein Konzert) die egoistischste Droge von allen angezündet, und kifft alle in seiner Umgebung mit seinem gestreckten Zeug voll, was den Umstehenden total auf den Sack geht, doch keiner traut sich was zu sagen, weil er eben „cool“ sein will. Oder wie man heute dazu sagt.

Auf den Leinwänden seht ihr Kameraaufnahmen aus der Halle, von der Menge, vom Publikum, wo die Freundinnen auf den Schultern ihrer Typen gefilmt werden, und die heiße Menge sie dazu einheizt ihr Tshirt zu heben und ihre Brüste zu zeigen. Die Männer machen: „Ooooooooooooo….“ Und wenn wirklich eine Schlampe dabei ist (Glaub mir und sei überrascht: Es sind viele Schlampen dabei die den Spaß mitmachen) die ihre Glocken zeigt, geht das Lauteste und Krassest „HEYYYYYYY!“ durch die Halle, das man sich vorstellen kann. So klingt Glück. Jetzt ganz ohne Ironie. Das „Hey!“ ist so laut und geil und glücklich, wie nicht einmal ein entscheidendes Tor in der Champions League abgefeiert werden kann. Die Typen drehen total durch, und die mehr oder weniger hübsche Maus die gerade wirklich nur das „Wunder“ vollbringen musste ihr „Tanten“-Shirt zu heben, grinst ob der unglaublichen Wirkung ihrer Weiblichkeit; das ist auch eine Form von Macht.
So eine Tittenshow:

Du guckst frivol und aufmunternd deine neue Freundin an, die nur scheu – aber auch etwas neckisch verspielt – deine Vorstellung lachend ablehnt.
Und du weißt. Das ist genau die Richtige für dich. Sie ist es. Wird es immer sein. Die Frau. Mit der du gegen die Welt kämpfen kannst. Ihr zwei. Gegen Alle. Bis ihr alt und grau seid – und „Tanten“ hört sie auch noch, was könnte geiler sein? Ihr werdet zusammen aus und genauso zusammen ins Bett gehen. Werdet euch lieben wie die Karnickel, euch im Bett glücklich halten als gäbe es nur noch euch zwei. Euer Lachen wird ebenso verschmelzen wie eure Gedanken. Und ihr werdet unsterblich sein. Auf ewig. Und für immer.

Dann beginnt das Intro. Das Licht geht aus. Ihr johlt. Und mit den ersten Tönen der E-Gitarre beginnt die Menge sich wie ein einziger Organismus zu bewegen, aneinander und gegeneinander zu drängen, Pogo hier, Wahnsinn dort. Und kaum hast du es dich versehen, hast du sofort – aber sofort – deine neue unendliche Liebe aus den Augen verloren, und deinen besten Kumpel gleich mit dazu. Die Leiber und die Dunkelheit verschmelzen, und du singst die Lieder, die du seit Jahren so liebst, mit einem ganz komischen Stich im Herzen, weil du das Mädchen nicht mehr sehen kannst. Nur noch nackte Oberkörper von irgendwelchen Typen, die gegen dich rempeln, also mit dir „Tanzen“, wie man neudeutsch so sagt.

Die Rockband gibt 2 Lieder als Zugabe.
Und natürlich findest du am Ende auch deinen besten Freund wieder, mit dem du total euphorisiert dieser besonderen Nacht hinterher erzählst, während du tief im Herzen weißt, das heute Nacht mehr drin gewesen wäre als ein paar alten Säcken mit Mitte50 abzufeiern, die, wenn man es genau nimmt, auch nur wegen den Geldes hier waren.

Ich liebe mein Kind nicht

Wie an jedem seiner Geburtstage, denkt er an die Worte seiner Mutter, an diese Rede, die sie ihm entgegen gefaucht, entgegen gespuckt hatte, vor ein paar Jahren war dass; sie war dabei nicht einmal betrunken gewesen.

Keiner hatte ihn haben wollen, hatte sie gesagt gehabt. Niemand! Weder sein Vater, noch sie, nicht einmal seine Großeltern. Die hatten nur gelacht und ihr den Vogel gezeigt. Den Unsinn sollte sie sich schnell wegmachen lassen. Dieses Elend. Doch damals war das noch gar nicht so einfach wie heute. Der Arzt sei das gleiche gewesen wie er jetzt: Ein Arschloch! Hatte viel vom ungeborenen Leben erzählt und die Geschichte – mit diesem noch größeren Arschloch von Priester – immer weiter und weiter und weiter in die Länge gezogen. Bis es zu spät war… Das hatten diese Arschlöcher genau gewusst! Und dann war aus diesem „ungeborenen Leben“ ganz echt ER geworden, der ihr ihr Leben versaut hatte. Dieses Arschloch-Egoisten-Kind, dass in jeder Phase seines Lebens, immer wieder und andauernd nur an sich selbst gedacht hatte….

Scheiße…. Er war ein Kind gewesen… Er konnte doch nichts dafür! Was hätte er denn nur anders machen sollen? Er konnte doch nichts dafür, dass seine Eltern nicht aufgepasst hatten…
„Du wärst mir nicht weniger fremd, wenn du das Produkt einer Vergewaltigung wärst.“ So was hörte er sich an. Andauernd. Über all die Jahre. Und er hatte auch nicht den Charakter um gegen so etwas anzukämpfen. Manche können das. Und sie sind die Helden von Filmen, die „auf wahren Begebenheiten beruhen“. Er nicht. Er würde gern. Wenn er könnte… Was könnte?…
Manchmal erwischt er sich dabei, wie er ein Fleischmesser aus der Spülmaschine nimmt und es ein paar Sekunden zu lange in der Hand hält. Das Gewicht des Stahls spürt. Und er merkt gar nicht. Wie sein Blick in die Ferne geht. Bis ihn seine Mutter aus seiner Gedankenlosigkeit holt, durch ein Bellen aus ihrem Mund, dass er Trottel doch einmal begreifen soll, dass man das Besteck mit den Spitzen nach OBEN in die Maschine packt!

Mutter hat viel für ihn aufgegeben. Das weiß er. Weil sie es ihm gesagt hatte. Und er fühlt auch, dass sie Recht hat. Ohne ihn wäre ihr Leben ganz anders verlaufen. Vielleicht wäre Vater noch da, nur dass er nicht sein Vater wäre, sondern ein Mensch mit allen Möglichkeiten, der nicht an diese furchtbare Frau und an dieses schreckliche Kind gebunden ist. Ja. Man hätte ihn wegmachen sollen. Das wäre das Beste gewesen. Was für arrogante Menschen stellen den Schutz eines ungeborenen Lebens über so eine Existenz wie er sie führen muss? Hätte man nicht im Umkehrschluss das ungeborenen Leben vor so einer Zukunft schützen müssen? Wieso gab es für solche Fälle keine Bürokraten, die eine Prognose für das Kind abgaben?

Er sitzt da, schwitzt wie ein Tier und weiß natürlich, dass das schwer nach Nazi-Logik klingt. „Die Vernichtung Lebensunfähigen Lebens.“ Na und? Er weiß wer er ist und dass sein Leben nichts wert ist. Ihm. Hätte man damit einen Gefallen getan.

Seit Jahren geht er an seinem Geburtstag in die nahegelegene Therme. Das Dumme ist nur, dass er am zweiten Weihnachtsfeiertag Geburtstag hat. Erst jodeln ihm alle Fernsehprogramme eins davon vor, wie TOLL es ist eine intakte Familie zu haben, dann schreien sie ihm in der Sauna in die Ohren, wie happy sie an den Feiertagen sind, und wie sehr sie auf jeden anderen Badegast scheißen. Diese Kinder dürfen das. Da sie geliebt werden… Er ist sich aber auch sicher, dass wegen dieser Kinderliebe die Welt ein schlechterer Ort ist. Da man nur ein Herz für seine Kinder hat. Nicht für andere. Für Kinder, wie er es einmal war. Liebe die ausgrenzt. Daran wird die Welt zugrunde gehen. Nicht an einem Mangel an Liebe. Sondern wegen der Liebe an sich. Weil sie ist, wie sie ist. Da sie nur für bestimmte Personen gilt. Die Liebe wird unser aller Untergang sein… Er fühlt das. Sein junger Verstand ist nur noch nicht fähig solche Dinge auszuformulieren.

Er mag es in der Sauna zu sitzen und zu spüren wie sein Körper sich über die Haut erleichtert. Mit jedem Schweißtropfen hat er das Gefühl, ein wenig zu schrumpfen, ein wenig kleiner zu werden, sich mehr und mehr aufzulösen. Am Liebsten. Würde er sich ganz weg schwitzen.
Der Junge sieht niemanden an. Sondern vor sich. Auf die Bank. Ganz krumm sitzt er da. Und schwitzt und schwitzt und schwitzt.

Es kommt eine Frau herein, und mit ihr strömt frische Luft in die Sauna. Sie setzt sich ihm schräg gegenüber hin. Kurz blickt er auf – und spürt Hoffnung. Die Frau sieht aus wie die freundliche Version seiner Mutter. Sie hat sanfte Züge und ein nettes Gesicht; ansonsten wirklich wie seine Mutter… Dann blickt er wieder auf die Bank vor sich. Und schwitzt. Ja… Was wäre gewesen, wenn DIESE Frau seine Mutter gewesen wäre, wenn sie und nicht seine Mutter ihn geboren und großgezogen hätte? Wäre er dann geliebt worden? Hätte man ihn dann gewollt? Könnte er dann eine Zukunft haben?
Er blickt hoch. Und sie an. Sie lächelt. Und nickt. Was ihm das Herz öffnet. Ihm wird ganz warm in seiner Mitte. Ganz anders warm als durch die Hitze der Sauna. Diese Herzenswärme ist übernatürlich. Der Fernseher hatte ihm viel davon erzählt die letzten Tage. Seine Gedanken zeigen ihm dämliche lachende Menschen, die ihm jetzt gar nicht mehr so dämlich vorkommen. Er nickt zurück und lächelt. Sie. Nickt ihm noch einmal zu und zeigt dann mit dem Kopf, mit ihrem Liebe-Mutter-Gesicht, vor ihm hin. Er: „Entschuldigung. Ich verstehe nicht…“ Worauf die Frau mit dem dem Liebe-Mutter-Gesicht, mit einer dunkel verrauchten, für ihn ganz unpassenden Stimme sagt: „Junger Mann, könnts ihr Füße bittschee auf ihr Handtuch stellen. Sie schwitzen ja alles auf die Bank. Okay? Danke.“ Dann sieht sie weg.
Und er sagt darauf dass was er sein ganzes Leben lang gesagt hat: „Tut mir leid.“ Und er tut was man ihm gesagt hat.

Die Kinder haben mich geweckt…

…dann bin ich aufgestanden. Sie poltern und tollen durch das Haus, als würde es kein Morgen geben. Man kann ihnen diese Illusion nehmen, zum Glück gibt es keinen Grund dafür. Ich dagegen weiß das es einen Morgen geben wird, ziehe mir die Unterhose aus, steige in die Dusche und ziehe den Vorhang zu. Das Wasser wird schnell heiß, so wie es immer geschieht. Und natürlich wird es eines Tages keinen neuen Morgen geben, einmal nur, bis dahin ist das Leben Ruhe und Gewohnheit, ein Mond der seine Ellipsen um die Erde zieht. Das ist sowohl für mich als für die Kinder eine große Überraschung die auf uns wartet: Das es immer einen Morgen gibt – der irgendwann nicht mehr kommt… Das Dilemma des Daseins.
Duschgel wäscht die Träume ab.

Unten im Esszimmer küsse ich mechanisch meine Frau, fast schon steril, lasse meine Vaterhände über die Nacken und Schultern der Kinder huschen, die nur an eines denken können: Sich und den bevorstehenden Schultag, der nichts mit Tristesse zu tun hat, im Gegenteil, jeder Tag scheint noch ein Abenteuer zu sein. Meine Frau und ich sprechen über die Kinder hinweg die Organisation des Tages durch. Wir folgen der Road-Map unserer Ehe. Der Kaffee und der Toast verursachen mir Sodbrennen.

Aus der Garderobe nehme ich mir meine Jacke, die mir meine Frau ausgesucht hat, schlüpfe mit dem Schuhlöffel in die Schuhe, die auch die Idee meiner Frau waren; daneben stehen und hängen die Schühchen und Jacken meiner Kinder, ebenfalls von Mama handverlesen. Ich grüße noch. Gerne hätte ich nun einen Hut gehabt den ich aufsetzen könnte, doch meine Frau fand ihn albern.

In der U-Bahn zeigt der Monitor von „N 24“ an, dass die Amerikaner irgendeinen Terroristen von ihrer Todesliste folgerichtig getötet haben. Einen Moment lang fühle ich mich wie in einer Persiflage auf das reale Leben, wie bei einem dieser Videospots aus einem Paul Verhoeven Film, „Robocop“, „Die totale Erinnerung“, „Starship Troopers“, die wir vor 15, vor zwanzig Jahren im Kino noch so verlacht hatten, da sie so übertrieben daherkamen, jetzt ist der visionäre Wahnsinn Realität geworden, und wir stehen ebenso teilnahmslos und unterbezahlt herum, wie die Statisten in den Filmen. Hätte ich einen Bart, würde ich dem Terroristen wohl ähnlich sehen. Ich zwinkere.

Die Flachbildschirme in der U-Bahn reißen mich nicht aus meinen Gedanken, lassen aber auch keine Konzentration aufkommen. In mir ist nur Leere. Dann doch: Eine Mutter mit einem Kind lässt mich an meine Kinder denken, wie sie jetzt wohl fröhlich im Schulbus sitzen. Ich denke an meine Frau. Wie wir früher waren. Wie wir wohl in Zukunft sein werden. Ohne Kinder. Kinder sind eine ganz eigene Zeitrechnung.

In der Arbeit löse ich virtuelle Probleme. Treffe Menschen, zu denen ich virtuelle Beziehungen führe. Das Leben fühlt sich an wie eine Simulation. Die Blumen sind aus Plastik, eine andere Form von Plastik als die Tastatur die ich die ganze Zeit bediene, noch mal anders ist das Material des Bürostuhls auf dem ich sitze: Doch alles ist aus Kunststoff. Kunst-Stoff… Nur eine Sekunde lang wundere ich mich über den Begriff.

Nach dem digitalen Ausstempeln warte ich auf die Bahn. Der Bildschirm zeigt mir Bilder eines scheinbaren Racheakts der Terroristen. Irgendwo in einem Land wo Bürgerkrieg herrscht, von dem ich nur weiß, dass jeder der dort war absolut beeindruckt von deren Gastfreundlichkeit nachhause kommt. Ich setze mich auf einem freien Platz in der Bahn und habe keinen Hunger. Mit einem Ruck fahren wir los.

Ich denke an meine Frau. An unsere Vergangenheit, was wohl schiefgelaufen ist. Ob überhaupt etwas schiefgelaufen ist.
Vor mir sitzt ein wunderschönes, vielleicht jüdisches Mädchen mit Bob-Frisur, die in ihr weißes Smartphone blickt. Eigentlich ist sie gar kein Mädchen, sie ist eine junge Frau. Nur in diesem Moment, da…
Da würde ich am liebsten diesem Mädchen folgen. Ganz egal wohin. Nur weit, weit weg von hier. Weg von meiner Frau und den Kindern. Weg von meiner virtuellen Arbeit. Ganz weit weg auch von mir selbst und dem der ich geworden bin. Wir könnten überall hingehen, denn mit ihr wäre die Welt kein zugeschraubtes Marmeladen-Glas mehr auf dessen Deckel jemand innen „Morgen“ geschrieben hat. Mit ihr wäre die Welt eine Art Urknall, der sich immer schneller und immer weiter ausdehnt, zu Orten und Angelegenheiten, die ich mir gar nicht vorstellen kann. Unbegrenzt und ohne räumliche Stagnation.
Das hat nichts mit Sex zu tun.

Sex habe ich nachts mit meiner Frau. Während die Kinder in ihren Betten eine verträumte Vorstellung von „Morgen“ erahnen. Der Sex ist gut. Und sie weiß es das ich so denke, weswegen meine Frau glaubt, sie tue mir damit einen Gefallen und dass der Sex all das ins Reine bringen würde, was die letzten Jahre zwischen uns schief gelaufen ist. Doch das stimmt nicht. Das ist eine Lüge der sie ihren Magazinen und den „Romanen“ von E. L. James aufgesessen ist.
Als das Licht aus ist. Im warmen Bett. Wo ich alles bekommen habe „was sich ein Mann nur wünschen kann“, überlege ich MORGEN die Frau und die Kinder zu verlassen. Bevor alles zu spät ist.