Brief an den Chef

Sie haben mir heute die Monatszahlen unserer Gesamtproduktion vorgeführt, um auf das Gespräch von gestern zu reagieren, in dem ich darauf hingewiesen habe, dass ich kurz vor einem Burnout stehe und, wenn sich nichts an der Produktion und deren Tempo ändert, über kurz oder lange Gesundheitliche Schäden davon tragen werde, dich mich unfähig machen werden für eine kürzere oder sogar längere Zeit an der Arbeit und am sozialen Leben selbst teilzuhaben.

 

Mit ihren Monatszahlen wollte sie mich motivieren, denn laut diesen Zahlen produzieren wir gerade einmal die Hälfte von dem, was vor drei Jahren vom Hof gefahren wurde. Ich glaube ihnen, dass diese Zahlen stimmen. Sie sind exakt in SAP eingetragen worden und stehen für das was sie sind: Ausstoßzahlen unserer Firma. Doch so wahr diese Zahlen auch sind, so falsch sid sie auch im Bezug auf meine körperliche und geistige Gesundheit. Denn diese (wie sie von mir ihnen gegenüber genannte wurden) „nackten Zahlen“ sagen nichts aus, bis auf die Tatsächlichkeit der Existenz des hergestellten Produkts im Bezug auf vor drei Jahren.

 

In der Zahl ist nicht aufgeführt, dass wir inzwischen 2 Leute weniger in der Produktion sind, dazu kommt ein Landzeitkranker, der in den letzten 3 Jahren nur insgesamt 2 Monate gearbeitet hat. Es ist nicht enthalten, dass die Maschinen inzwischen noch veralteter sind und dass teilweise zwar neue angeschafft wurden, diese aber noch nicht so eingestellt sind – schließlich sind sie gebraucht von den beiden Partnerfirma geliefert worden – wie wir es benötigen, da wir nun ein Mischmasch von drei (!) Firmen in unserer Halle stehen haben, deren Maschinen aus unterschiedlichen Baujahren und damit Fähigkeit sind. Auch ist nicht aufgeführt, dass wir die alten Maschinen selbst (teilweise an Wochenenden) selbst abbauen und darauf folglich auch mit dafür verantwortlich waren, die Neuen mit aufzubauen. Es ist nicht enthalten, dass unsere Kompressoren nur noch auf halber Energie arbeiten, und wir deswegen manche Arbeitsbereiche nicht gleichzeitig fahren können.

 

In den Zahlen ist  zwar enthalten, dass wir  nicht mehr so viele Stückzahlen produzieren, doch immer mehr kleiner Margen in höherer Anzahl, was ein ständiges Umrüsten und Überprüfen zur Folge hat.

Weiterhin ist in diesen Zahlen nicht aufgeführt, dass wir kurz vor dem Zeitpunkt einer Zertifizierung stehen und wir deshalb Arbeitsschritte verändern müssen und mussten, und deswegen einen höheren Sicherheitsstandard erfüllen, was mehr Probenahmen und Überprüfungen zur Folge hat – mit immer weniger Leuten. Dies verlängert die Arbeitszeit erheblich.

In den verglichenen Monatszahlen steht nicht, dass Arbeitskollegen in Rente gegangen sind und nun als Teilzeitkräfte am Produktionsprozess teilnehmen, aber eben nur in Teilzeit. Überhaupt ist der menschliche Faktor gar nicht berücksichtigt.

 

Überstunden, Dauererkrankungen im Vergleich zu damals sind überhaupt nicht aufgeführt, so wie die Persönlichkeit und der Background der Belegschaft im Speziellen. Es ist nicht darin enthalten, dass mancher Kollege Nachwuchs bekommen hat und deswegen a) Elternteilzeit genießt (was jeder Manns und Fraus Recht ist, verstehen sie mich richtig) oder b) durch den Schlafentzug den ein Säugling hervorrufen kann nicht volle Leistung bringt und nicht mehr universell einsetzbar ist.

Körperliche wie geistige Komponenten sind in den Zahlen überhaupt nicht enthalten. Denn, guter Herr Chef, auch wenn früher sicherlich nicht alles besser war und es sich nicht alles zum Schlechten gewandelt und sich natürlich auch einiges gebessert hat, muss man auch die Menschen von damals zu heute vergleichen. Niemand von uns ist jünger geworden. Hunderte Überstunden für jeden, die niemals abgefeiert werden können, obwohl dies Vertraglich so vereinbart ist, wurden angehäuft, manche Arbeitskollegen haben im September  noch den Urlaub von letztem Jahr, während andere schlicht und ergreifend gar keinen zusammenhängenden Urlaub nehmen können, da es keine Zweitbesetzung für ihren Arbeitsplatz gibt.

 

In den Zahlen ist auch nicht das Geschäftsklima erfasst, der Teamgeist oder dass jeder Mensch verschieden ist; der eine arbeitet mehr, der andere weniger; einer macht in der gleichen Zeit das Doppelte, während der andere lieber Überstunden macht um das Selbe zu erreichen. Es steht nichts über die individuelle Belastung in den Ziffern und wie der Mensch damit umgeht. Außerdem muss ich anmerken, dass die Belegschaft nie danach gefragt wurde, ob die Margen in Unterbesetzung überhaupt auf längere Zeit eingehalten werden können.

Nach der Privatperson und seinen Problem wird ohnehin nicht gefragt, jedoch, es ist ein Faktor.

 

Sie, mein Chef, sagen, dass bei jener Anzahl von Menschen eine gewisse Anzahl von Gütern hergestellt werden muss, da dies bei Firma A auch der Fall ist. Doch ob Firma B überhaupt mit Firma A gleich gesetzt werden kann, diese Frage wird offensichtlich nicht abschließend geklärt, obwohl klar ist dass es keine Firma eins zu eins im anderen geben kann – das ist unmöglich, selbst wenn eine Firma ein planerischer Klon der anderen wäre; denken sie an den menschlichen Faktor.

Firmen sind organische Einzelwesen, wie der Mensch selbst, die sich ähneln und in Medizinischer Hinsicht das gleiche Grundkonzept verfolgen, doch so wie jeder Mensch am Ende unterschiedlich zu seinem Gegenüber ist – obwohl jeder über ein Herz, eine Lunge usw. verfügt (in den meisten Fällen) – ist auch jede Firma ein ganz eigener Mikrokosmos, der durch keine Zahl mit einer anderen Firma identisch gemacht werden könnte; Vergleiche können angestellt werden und um beim Beispiel der Medizin zu bleiben: Diagnosen müssen gemacht werden und dafür gibt es Lehrbücher und die Wissenschaft. Und selbstverständlich benötigt man dafür auch die Mathematik. Aber die falsche Diagnose beim falschen Patienten kann eine Katastrophe bewirken.

 

Ich weiß, mein Herr, dass sie ein gebildeter Mann sind. Und ich weiß auch, dass sie um all das was ich gerade aufgezählt habe – und bei dem noch viele Komponenten fehlen – selbst wissen. Ihnen ist das bewusst, dass diese Zahlen viel, und doch gar nichts aussagen.

Ich nehme an, dass sie mir die Zahlen gezeigt haben, um mich zu motivieren, denn andernfalls wäre es ein Scherz über meine geistige Intelligenz, wenn sie glauben würden, ich würde darauf denken: „Aha, heute ist alles besser als früher. Zahlen lügen nicht. Ich muss mir meine körperlich/geistige Schwäche nur einbilden.“

„Zahlen lügen nicht“, das ist richtig. Man muss die Zahlen aber auch in das richtige Verhältnis stellen. Und vor allem muss man sie in das richtige Verhältnis stellen wollen.

 

So schließe ich mein Schreiben an sie, wohlwissend, dass sich daraus nichts ändern wird, denn unser Wissen um die Falschheit dieser richtigen Zahlen, wird niemals die Befehlskette nach oben kriechen, da ihr Chef, mein guter, lieber und tüchtiger Chef, zu ignorant ist um die Zahlen richtig zu lesen, obwohl selbst er weiß, da auch er intelligent ist, was diese Zahlen wirklich bedeuten und deswegen Unsinn behauptet, wie zum Beispiel das wir genug Leute sind, diese aber nur falsch eingeteilt seien. Dies haben sie mir vor meinem Eintritt ins Wochenende erklärt worauf ich lachend meinte: „Blöd, dass der Chef keine Ahnung hat“, worauf sie meinten: „Woher soll er auch eine Ahnung haben? Er ist im Mutterkonzern und nie da.“ Umgekehrt hätten sie auch keinen Überblick wie es im Mutterkonzern zuginge. Und ich konnte mich nur wundern, wie ein Chef ein logistischer Vorstand einer Firma sein kann, wenn er gar keinen Überblick über die Firma hat, für die er die Verantwortung trägt. Das ist kafkaesk, ebenso wie es kafkaesk ist zu glauben, Produktionszahlen sind tatsächliche Zahlen.

Hiermit verabschiede ich mich ins Wochenende, lieber, gütiger und geliebter Chef. Und ich entschuldige mich dafür, dass man in meiner Jugend noch Geld in die Bildung investiert hat, die einem reibungslosen Arbeitsverlauf manchmal im Weg stehen.

 

Dienerhaft ihr

Paul Fleming.

Migräne-Man

Ich kenne so gut wie kein Musikstück in dem ein Saxophon vorkommt, in welchem es sich im Hintergrund hält oder nur zur Begleitung spielt. Das Saxophon drängt sich immer in den Vordergrund. Ein furchtbares Instrument.

Männer haben seltener Migräne als Frauen. Ich gehöre dazu. Seit gestern Abend. Mal wieder. Los ging´s mit dem berühmten Lichtblitz im Sichtfeld. Schmerzen im Stirnbereich. Dann die Lichtempfindlichkeit. Und heute ist der Mist immer noch nicht weg. Immerhin hilft die Tablette die ich gerade genommen habe. Die kommt aus der Ukraine. Und ist bei uns verboten. Weil, Barbiturate. Und andere, dings. Wenigstens kann ich jetzt fast die ganze Zeit auf meinen weißen Bildschirm im „Word“-Modus sehen, ohne dass mir schlecht wird. Fast…

Ich habe zu viel Stress. Was in Wahrheit bedeutet: Ich MACHE mir zu viel Stress. Denn Stress hat nur der, der sich Stress macht. Verdammtes Pflichtgefühl. Verdammte Arbeit. Verschissener Leistungsdrang.
Da erkennt man sich kaum wieder. Seit ich mit den Drogen aufgehört habe, habe ich das Gefühl, mir läuft die Zeit davon. Es gibt kein echtes Abschalten mehr. Schlaf ist ein sehr unsteter Gast geworden. Drogen nehme ich zwar schon länger nicht mehr, nur erkennt man im Rückspiegel, wie sehr sich der Körper darauf eingestellt hat, überladen und dann ausgeknipst zu werden. Dass war ja einmal mein Urlaub. Meine allwochenendliche Kur. Unsere Intelligenz. Es gibt dann doch wohl ein Richtig im Falschen, sagt der Taschenspiel-Betrüger und zwinkert.

Um beim Arbeitsamt (die so genannte „Agentur“) einen Beratungstermin zu bekommen, muss man sich online oder am Telefon „arbeitssuchend“ nennen. Ist mit Migräne jetzt auch nicht gerade zu empfehlen. Ich nenne so was eher: Migräne fördernd. Heute muss ich mir wohl Ruhe verordnen. Aber das ist ja genau das Problem mit der Krankheit: Das man Ruhe nicht mehr gewohnt ist. Die Arbeit hat mich dahingehend konditioniert, mich kaputt zu hetzen. Arbeit macht auch krank. So krank leider, dass man nicht einmal mehr das Programm auf der Arbeitsamt-Seite bedienen kann, ohne Tabletten in sich hinein zu schaufeln. Teufelskreislauf.

Es hilft nur wilder, leidenschaftlicher Sex. Oder andere Medizin. Beides aus dem Osten.

Sonst endet man noch so. Was irgendwie auch ein gutes Statement ist.

Humor ist wenn man trotzdem drüber lacht.

Früher nannte man so was „Spass-Gesellschaft“, heute sind wir schon so sehr dieselbe geworden, dass uns der Begriff dafür verlorenen gegangen ist, was dann noch eher zum Kotzen ist…

Angst vor Jugendlichen

Mit dem Alter versteht man, dass der Körper eben nicht aus Stahl ist. Das dachte ich einmal von mir selbst, auch wenn ich es nicht mit diesen Worten benannte, nein, es fühlte sich einfach so an. Ich war einfach jung und wenn man das ist, fühlt man sich wirklich wie der junge Siegfried. Das Blöde ist nur, dass selbst der große Siegfried, der Drachentöter, eine Stelle hatte, an der er verwundbar, an der er normal menschlich war. Und das sind wir immer. Egal in welchem Alter. Wir verdrängen das.Wollen es nicht wahrhaben. Denken an andere Dinge. Doch die Wahrheit holt uns immer ein.

Henry Rollins erzählte in einem seiner Spoken-Words-Programme, dass er irgendwo in einem fremden Land unterwegs gewesen war (ich glaube es war Afghanistan oder der Irak – jedenfalls eines dieser Länder, die einem Amerikaner nicht besonders wohlgesonnen sind), auf einer von Straßenlaternen beleuchteten, abgelegenen Straße, die von ein paar Jugendliche aus Spaß an der Freude kaputt geschlagen wurden. Einfach so. In aller Öffentlichkeit. Die 3 Jugendlichen (ich schreibe das aus dem Gedächtnis, bitte verzeiht mir Fehler in der Nacherzählung) waren so um die 13 bis 15 Jahre alt, und er muss damals so um die Mitte 40 gewesen sein, und ihm machten diese Jugendlichen Angst, da er (obwohl er selbst heute noch gut trainiert ist) glaubte, gegen die Kids keine Chance zu haben. Wenn man Mitte 20 ist und im Saft steht, fügte er hinzu, sind das nur ein paar Kids mit denen man locker fertig wird. Wenn man aber einmal die 40 überschritten hat, sieht man das ganz anders.
Der Körper will nicht mehr so. Man hat auch schon ein paar Kämpfe verloren. Und man weiß, wie sich das anfühlt.
Die Kids interessierten sich dann auch nicht für ihn.

Daran dachte ich erst, als wir nach Köln gefahren sind. Die Regionalbahn war, wie im Ruhrgebiet fast schon üblich, übervoll und es saßen ein paar junge Typen arabischer Abstammung auf den Treppen zum Ausgang. Sie waren Anfang 20. Und man merkte ihnen genau, dass sie sich die Hörner noch nicht abgestoßen hatten. Sie sprachen cool und locker daher; überheblich, viel zu laut. Was einer wie ich überhaupt nicht schlimm finden kann. Schließlich. War ich früher auch so. Einer dieser arroganten Kerle, der glaubte etwas zu haben, was andere nicht haben. Das heißt nicht dass diese Jungs aggressiv waren oder mich mehr taxierten als irgendwem anders. Ich war denen sicherlich mehr egal als sie mir. Trotzdem strahlten sie für mein Gefühl eine unangenehme Aura aus. Und es spielte für mich in dem Moment keine Rolle, ob ich vielleicht früher genauso war; das stimmt nicht, vielleicht machte dass die Situation für mich sogar noch unangenehmer,wenigstens unterbewusst… Jedenfalls vermied ich es sie anzusehen, ganz instinktiv. Wie gesagt: Die hätten mir SCHON NICHTS GETAN. Doch darum ging es für mich in dem Moment nicht. Es ging für mich darum, dass ich verstand, nicht mehr jung zu sein. Und ich auch keine Lust mehr auf Konflikte habe.
Darüber habe ich die restliche Fahrt viel nachgedacht. Über dieses Wegsehen. Dieses Abducken.

So ein „Unterlegenheitsgefühl“, welches eine direkte Nähe zur Angst hat, rührt daher, nicht mehr jung und stark zu sein. Der Verlust der Jugend ist nicht nur ein Verlust von Schönheit und Aufmerksamkeit die man generieren kann, sondern es gipfelt direkt in ein Gefühl der Unterlegenheit. Der Schwäche. Und der Beginn der Angst ist bekanntlich der Beginn der Sklaverei… Es muss sehr viele Menschen geben, die in dieser Angst leben, die es gewohnt sind eher auf den Boden zu sehen, als den Mitmenschen ins Gesicht, besonders nicht den lauten Jugendlichen, die sich weder ihrer AusdrucksKRAFT noch ihrer Schönheit bewusst sein. Man sieht weg, weil man nicht da sein will. Weil. Man alleine sein will… Das geschieht einfach aus der Angst heraus. Weil man nicht mehr körperlich mithalten kann.
Ich glaube das geschieht ganz langsam: Am Anfang geht man erst lieber nicht mehr feiern weil es zu anstrengend ist und bleibt lieber zuhause, am Ende hat man Angst vor die Türe zu gehen, da die Welt sich dort nicht mehr „sicher“ anfühlt. Es ist ein schleichender Prozess.
Wenn man jung ist, begreift man das nicht.

Ja. Ich habe schon lange keine Lust mehr auf Ärger. Bin friedlicher geworden, was auch heißt, dass man mehr hinnimmt. Manchmal vermisse ich diese Zeiten in denen ich wild, aber auch sehr dumm war; das Dumme hat sich in diesen Momenten ja nicht so angefühlt, sondern mehr wie eine sehr echte Form der Freiheit, da man ja die Jugend hatte um sich die Freiheit zu nehmen, auch einmal etwas Dummes zu tun. Weil man sich für unzerstörbar hält. Ein paar Wehwechen und mit immer wieder auftretenden Rückenschmerzen später hat man auf die harte Tour gelernt, dass dem so nicht ist. Das ist der normale Gang der Ding: Erst hält man sich für unglaublich stark oder unendlich schön, um dann zu lernen, dass die Schönheit und die Kraft eines Tages weg ist. Dass man sie vergeudet hat. Verschenkt. Verlebt. Für nichts… Im Prinzip. Und dann will man nur noch sein Leben so leben, wie man es am liebsten hätte: In Ruhe und in Frieden. Ohne Schmerzen. Alles andere macht einem Angst.
Das ist natürlich vernünftig. Wenn es im Rahmen bleibt. Doch damit ist es wohl ebenso, wie die Mut nahe zur Dummheit liegt. Es ist eine Gratwanderung. Und es ist sicherlich leichter und in unserer Gesellschaft natürlicher, ängstlich anstatt mutig zu sein.

Die Menschen nutzen das aus. Die Politik, die Medien, die Wirtschaft… Sie spielen mit unserer Angst alt zu werden. Sie schüren sie sogar noch. Sie hetzen uns gegeneinander auf. Kriminalisieren die Jugendlichen, nur um uns Angst zu machen. Damit wir still und brav sind. Unsere Wohnungen wie goldene Festungen schmücken. Und berechenbar bleiben. In unseren Särgen mit Flat-Screen. Sie machen Geld mit unserer Angst. Und obwohl ich das weiß. Und obwohl ich mir sicher bin, dass viele, fast alle Menschen das auch wissen, bin ich mir nicht sicher, ob ich mich nicht eines Tages auch von dieser Angst gefangennehmen lasse…

These boots are made for walking…

An Anthony Rother habe ich schon ewig nicht mehr gedacht. Eine Internet-Bekannte die ich nur einmal auf einem Konzert traf, hat bei ihm eine Ausbildung zu sonst was gemacht. Doch nicht deswegen kam er mir gerade beim Hören seines „Father“s in den Sinn, sondern dass er kurz vor dem Love Parade Unglücks von Duisburgs die – auch wenn ich mich nicht erinnere, doch sicherlich beknackte – Hymne der damaligen Love Parade gespielt hat. Da war die Welt noch in Ordnung. Ein paar Stunden später waren 21 Menschen die nur friedlich zusammenfeiern wollten tot. 541 verletzt.

m asd

Mir geht es bei meinem kleinen Gedanken jetzt gar nicht so um Anthony, sondern darum, dass die Menschen die dort verletzt wurden, psychologisch behandelt wurden. Wenigstens hoffe ich das. Aber nein. Noch genauer gesagt geht es mir nicht direkt um die verletzten niedergetrampelten Menschen, sondern die große stille Masse, die die anderen zu tote getreten haben. Wie leben sie damit? Was für Ausreden flüstern sie sich selbst ein? Haben sie auch Hilfe gesucht? Oder haben sie es verdrängt? Leiden sie noch daran? Sagt man sich: „Wenn nicht die dann wäre ich jetzt tot?“ Nun, das bestimmt. Gegen den Selbsterhaltungstrieb kommt man in solchen Situationen nicht an.

Es gibt keine direkte Schuld der Menschen dich sich retten wollten und dafür nicht nur sprichwörtlich „über Leichen gingen“. Doch als normal denkender, moralischer Mensch muss doch da eine Teilschuld im Herzen vorhanden sein, denn es ist keine abstrakte Schuld wie die die ich gegenüber Dritte Welt-Ländern verspüre, weil sie durch meinen Lebensstil leiden, hungern, sterben oder bald im Meer ertrinken werden (seien es die Flüchtlinge vor Europa, als auch die Küstenanwohner, die in ein paar Jahrzehnten keinen festen Boden mehr unter den Füßen haben werden); das kann ich einfach verdrängen, weiter aus Kunststoffflaschen trinken, weiter mit dem Auto zur Arbeit zu fahren und nicht politisch aktiv zu sein.

Ich glaube, die Menschen fressen so was wie in Duisburg in sich hinein und denken nur ganz selten daran was passiert ist. Man spricht ja von einer „Tragödie“, fast schon von einer höheren Macht, für die keiner die Schuld übernehmen wollte. Doch ich kann mir nicht vorstellen, dass man sich selbst frei von Schuld fühlt, wenn man über Menschen voran stolpert, ganz gleich wie sehr man geschoben wird und wie eingezwängt man ist. Denn irgendwann ist die Panik weg, die Luft wieder in den Lungen und dann muss doch das Gehirn wieder auf Normalbetrieb laufen…

Ob die Leute darüber reden?
In Anthony Rothers Lied heißt es:
“If you can’t tell me how you feel
I may say, there will be no freedom”

Die Bipolarität des Wohlstands

Bipolare Störungen sind wie Privatfernsehen: Nach dem höchsten Hoch folgt der tiefe Fall, darauf folgt das noch höhere Höch (über das Höchste der „normalen“ Menschen hinaus) und der – die Klügeren erahnen es – noch tiefere Fall; und immer so weiter. Alles muss also immer krasser werden, sei es die nächste „Reality“-Show auf RTL, als auch die Realityshow deines Lebens.

Keine Ahnung wo eine bipolare Störung überhaupt losgeht. Wahrscheinlich ist dass das Problem der psychischen Krankheiten/Störungen: Was ist noch normal? Was nicht? Und was ist krank, was gesund? – und so weiter und so fort. Der Mensch an sich IST bipolar. Darüber hinaus kann diese Bipolarität also auch noch gestört sein.
Die Hoch-Zeit der Bipolarität im Leben des Menschen ist wohl die Pubertät, diese furchtbare Zeit, in der sich alles als so immens und dramatisch darstellt, wie sonst nie wieder. Faszinierend und grausam zugleich, was ein einziger Nicht-Kuss in so einer Zeit auslösen kann. In meiner momentanen Gefühlswelt weitergesponnen, in der wir uns in einer Gesellschaft bewegen, die nicht mehr altern will, in der man „ewig jung“ und sexy sein muss, immer am „Puls der Zeit“, ist es fast eine logische Konsequenz, wenn man durch das Hinausschieben des richtigen und echten Erwachsenseins die Bipolarität der Jugendzeit weit über die gewohnten Ausmaße hinaus verlängert und man sich wie ein ewig Jugendlicher fühlt und generiert (Funfact: Ich habe mir übrigens das Cappy bestellt, ihr wisst schon), dass also nicht nur den positiven Effekt des lockeren und junggebliebenen Filous entsteht, sondern auch des ständig an der Welt und sich selbst scheiternden Kindskopfs, der sich seiner selbst so sehr, also zu sehr bewusst ist und daran zerbricht, weil man nun einmal einfach alt wird! Das lässt sich nicht ändern! Und in Würde altern ist kaum möglich…
Gefühlt werden die psychisch Kranken um einen herum immer mehr. Hier also die These des Tages von mir: Wer nicht erwachsen sein will und nur an sich selbst und sein Ego denkt, den kann es in der Seele zerreißen. Oder ganz kurz: Ewige Jugend muss man erst mal aushalten.

So gesehen ist der ständig wiederkehrende Vampir in unserer Hollywood-Pop-Gegenwart ein gutes Symbol für die ganze Misere, siehe auch Kirsten Dunst in „Interview mit einem Vampir“: Das untersterbliche junge Mädchen, dass niemals den Körper einer Frau erreichen kann.

Möglicherweise haben die psychischen Krankheiten (die meiner Meinung nach wie „Selbstmord“ durchaus Ansteckungsgefahr haben) auch viel mit Wünschen und deren Erfüllung zu tun, der Wunsch nach Liebe, nach Perfektion, so wie es uns früher die Dorfgemeinschaft vorgelebt, vorgezeichnet hat, so wie es jetzt mit den allgegenwärtigen Medien ist, die sagen: „So hast du zu sein“. Blöd nur, dass niemand auf Dauer so sein kann. Nicht einmal die Filmstars.
Damit wir uns nicht falsch verstehen. Ich halte die Menschen nicht für so blöde den Hollywood-Versprechungen bedingungslos zu vertrauen, doch unter- und unbewusst sehnen wir uns nach unserem Idealbild des Menschen, der alles erlebt und verstanden haben soll (von der totalen Aufsparung für DEN Menschen unseres Lebens, bis hin zur absoluten Ekstase durch die Promiskuität – was heutzutage für viele Menschen überraschenderweise gar kein Widerspruch mehr in sich ist), der nicht nur Familie hat, sonder auch diesen klaren, freien Blick auf die Welt, der Super-Mensch also, der alles vereint: Sexy sein, obwohl man drei Kinder geboren hat, der frei ist, auch wenn man Täglich 10 Stunden arbeitet. Und irgendwie glauben wir (tief ins uns drin), dass das auf uns zutrifft. Und dass ist die Krankheit. Hier, in meiner Erklärung.

Ich weiß, Mediziner und Leute vom Fach werden jetzt wohl die Hände über dem Kopf zusammenschlagen oder mich gleich verlachen, doch die Bipolarität von der ich spreche, ist mehr als nur eine Krankheit, sondern etwas, dass in uns allen lebt und agiert, die berühmten „zwei Herzen in einer Brust“.
Ja, für mich ist die Krankheit der Irrglaube, dass wir den Traum der Werbefirmen (die uns ständig das „perfekte Leben“ vorführen) glauben. Ich denke diese Krankheit beginnt nicht mit einem Tief, sondern mit einem Hoch. Ausgelöst durch den bloßen Wahn, dass wir, sei es auch nur für einen Moment, die Perfektion erreicht haben, vielleicht nach dem ersten Kuss in einer perfekten Nacht, dem ersten Sex, der ersten Liebe, die uns selbst so sehr überzeichnen kann, dass wir fast schon besoffen an uns selbst sind – dann kommt das Einsehen, der Fall, der Sturz. Doch wir geben nicht auf, können es auch gar nicht, weil wir so sehr von uns überzeugt sind, so sehr daran glauben, perfekt sein zu können – damit ist der Stein ins Rollen gekommen. Das Auf und Ab hat begonnen.
Das ist die andere Seite der perfekten Momente, die wir auf Partys oder bei flüchtigen Sex, durch die anerkennenden Blicke anderer Menschen ob unseres tollen Aussehens, unserer ironischen Rhetorik, der neuen Schuhe oder der geilste App die sonst keiner kennt, genießen und in uns aufsaugen, leider halten solche Momente nicht an. Zeit lässt sich nicht festhalten. Selbst Bilder auf Facebook verblassen vor dem moralischen Auge unserer Herzen. Und dadurch geraten wir aus dem Tritt. Beginnen zu stolpern und verlieren nach und nach die Selbstverständlichkeit unseres Daseins, können nicht mehr Maß halten und wollen MEHRmehrMEHR, raus aus der Depression, aus dem Alleinsein nach dem Fick, der Beziehung, der perfekten Partynacht – es gibt aber kein unendliches MEHR, ebenso wenig, wie eine Volkswirtschaft immer wachsen kann, so wie es niemals andauernden Frieden auf der Erde geben kann, oder unendliche, feurige Liebe.
In Wahrheit gibt es keine „Prinzen“ und „Prinzessinnen“, da nur Märchen und Filme mit einem Happy-End enden – die Wirklichkeit geht immer weiter und weiter und weiter, ganz gleich wie happy man auch zeitweise ist; man kann nichts festhalten. Und desto fester du zupackst um einen Moment festzuhalten, desto mehr wird es dich verletzten, dich infizieren und schlussendlich wirst du daran erkranken. Vielleicht sollten wir unsere Kinder nicht in dem Glauben erziehen einmal Filmstar zu sein, sondern ihnen die Wahrheit nicht vorenthalten, dass das Leben nicht immer nur Spaß sein kann, sondern im Gegenteil meistens aus harter Arbeit besteht – und dass das überhaupt gar nicht schlimm ist. Weder die Arbeit, noch das Altern. Dass das einfach dazugehört. Ja. Vielleicht wäre die Welt eine bessere wenn wir nicht ständig unsere Kinder unter dem Deckmantel einer „glücklichen Kindheit“ belügen würden. Möglicherweise schadet dieses „Schonen“ ihnen mehr, als dass es ihnen gut tut.

Psychische Störungen sind Wohlstandskrankheiten – das sagt wenigstens der Volksmund. Ich weiß nicht ob das stimmt. Ich weiß nur, dass die Menschen um uns herum, ich, du, wir Alle, scheinbar Probleme damit bekommen haben, zufrieden zu sein.
Ich bin ein Suchtmensch, das ist kein Geheimnis, und vielleicht glaube ich deswegen ein wenig Ahnung von der Sache zu haben. Schließlich erzeugt die Sucht in uns auch einen stark bipolaren Charakter. Das macht mich nicht zu einem Experten, doch das ist der Grund warum ich überhaupt darüber spreche: Weil ich davon Ahnung habe. Wenn auch nicht gerade besonders viel. Zum Glück.
Schön wäre es, wenn man einfach „Nein“ zur perfekten Welt sagen würde, die man uns ständig vorgaukelt, damit das Thema so einfach vom Tisch wäre – ich denke nicht, dass es noch so einfach ist. Unsere Gesellschaft hat sich einen neuen Virus eingefangen, an dem wir noch lange zu knabbern und zu leiden haben, denn wir geben es weiter an unsere Kinder, Generation über Generation. Leider mutiert die Krankheit immer mehr und wird schlimmer und schlimmer: Das Ende ist nicht abzusehen.

Silvester 2013 im Lehmann Stuttgart, CLR-Silvester

Lehmann Stuttgart
Die Luft ist schlecht. Da wird geraucht. Gestoßen. Dieser billige Nebel den sie in die Menge pusten (billigen künstlichen Nebel erkennt man an seinem schlechten Geschmack Schrägstrich Geruch). Die Anlage ist bis zum Anschlag aufgedreht, dadurch ist dieses Dröhnen in dir, dass sich durch deinen Brustkorb zieht und dir noch mehr den Atem nimmt. Alle sind betrunken oder auf Drogen oder zumindest „am Suchen“. Dazu dieses verdammte Stroboskop, welches die einzige, epileptische Lichtquelle ist und ganz wichtig (hier: Ganz schlimm) : Dieser furchtbare, unkommerzielle Technosound. Dieses (Sorry) Geschranze. Es ist mehr ein Knüppeln oder Prügeln als wirklich Musik. Die Leute hier zahlen Eintritt dafür. Sie lieben das. Schreien, johlen und tanzen maschinell dazu. So ist das, und ich habe das bis zum Erbrechen hier im Blog beschrieben. Dennoch wunderte ich mich gestern im Lehmann in Stuttgart ganz neu darüber. Denn. Für mich war das mit den Jahren geile Gewohnheit geworden. Ich liebe ja dieses asoziale, nicht Massenkompatible ohne es noch wirklich zu hinterfragen, weil es in meine DNA übergegangen ist. Als es meiner Freundin durch die Umstände der Zustände körperlich richtig schlecht ging, sah ich es von einer anderen Seite. Nicht dieses „GEILgeilGEIL“ welches ich mir auf die Fahne geschrieben hatte, als ich mir den Kopf rasierte, Drogen nahm und dazu solange tanzte, bis ich fast dehydriert umfiel.
Vor der Nacht dachte ich, dass es ihr entweder gefallen würde oder nicht – Thema erledigt; Irrtum. Denn diese Szene kann einen körperlich attackieren: Keine Luft, das Strobo, der Alkohol und dieser furchtbare, unmenschliche Sound der sich durch alles hindurch schiebt. Das ist eben nicht sozial, nicht kommerziell – und deswegen lieben wir das ja auch so. Doch es ist halt auch körperlich anstrengend. Darauf muss man vorbereitet sein. Das ist Männermusik in meinen Augen. Proletarier Sound – Ärzte findet man dort wohl eher selten. Außer. Sie sind zum Arbeiten da. Ich finde das geil, versteht mich richtig. Wenigstens war das so. Im berühmten „Früher“. Heute sieht man, wie lebensfeindlich diese Situation ist (fast wie aus nem Horrorfilm: Denen geht´s noch nicht schlecht genug? Pump noch mehr Nebel rein!) und dass es für eine Party-Situation absolut ungewöhnlich ist, sich eben nicht in ein angenehmes, sondern zerstörtes Ambiente zu begeben, richtig menschenfeindlich. Und wir finden und fanden das toll – schon krass eigentlich. Dieses umso zerstörter desto besser.
Lehmann Stuttgart
Mir hat es auch nicht gefallen. Obwohl. Das „Lehmann“ ist das alte M1 und das war früher schon ein geiler Club. Jetzt ist der total auf progressiven Techno gesetzt worden (früher waren da auch mal Lexy und K-Paul oder so, jetzt wurde das „Prag“-Zeichen dort gehisst, wem das was sagt), was nichts Schlimmes ist. Das ist der Sound, der mein Leben veränderte. Was aber (DJ-Namen unter Vorbehalt, hab nicht hochgeguckt) DJ Emerson oder Raphael Dincsoy nach 12 da vom Stapel ließ, war einfach nur saudoofes Gebolze, ultrabrutal, okay. Aber sonst? Wirklich unglaublich austauschbar und uninspiriert. Mensch. Wir haben doch Silvester 2013. Wie kann man da nur so klingen wie 2003? Gut. Ja. Die Leute wollen das. Ich aber nicht mehr. Mich stieß das ab. In seiner monotonen Redundanz. Und der Live-Act danach von Brian Sanhaji war mit das Schlechteste was ich seit Jahren gehört habe… Wirklich grauenhaft.
Vielleicht wäre ich wieder mit in den Groove gekommen. So wie früher. Aber ich wollte auch nicht mehr. Im zweiten Floor unten war der Sound noch schlechter. Nur ein blöder Beat, der variiert wurde. Klar. Ich wusste ja ungefähr was kommt, aber so was… Das ist ein Sound für „Angry young men“ und die paar Girls die da herumlaufen. Auch nicht wild.
Dass aber der Sound so beklemmend und schmerzhaft sein kann, dass einem schlecht davon wird, das musste ich erst verstehen, ich Simpel. Denn für mich ist Dubstep einfach nur eine andere Art von Techno – was Wahrheit und Quatsch in einem ist, denn die Szene verhält sich nun einmal total unterschiedlich. Davon kann man schon mal überrascht werden.
Der Club kann bestimmt ein legendärer Old-School-Techno-Laden werden, aber ich brauche das nicht mehr. Viel Spaß euch, ihr jungen, mit den beschissenen Frisuren.

Ach, beklaut haben sie uns auch. Ne. 2014 ist bisher eher nicht so geil. Macht aber auch nichts. Schluss mit Retro.
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Leiden verbindet

Die nächsten zwei Wochen bin ich noch in der Reha wegen meiner Bandscheibe. Das ist eigentlich ganz locker und nicht unansprechend. Ich mag die „Anwendungen“, die Kurse. Etwas Nordic Walking, Bewegungsbäder (Wassergymnastik), Krankengymnastik, Fitnesskram, Massagen, usw. usf. Dagegen kann man nichts haben, auch wenn man sich manchmal etwas lächerlich vorkommt. Doch. Es soll ja helfen. Und wer Schmerzen hat der will dass ihm geholfen wird. Schmerzen machen gefügig, dankbar und anspruchslos. Das Problem ist für mich nicht das Programm der Therapie, sondern die Menschen.

Da ich ja von allen möglichen Menschen um mich herum das Prädikat „ruhiger geworden“ aufgestempelt bekomme, muss ich ehrlich sagen, dass ich mit den Menschen dort auch nachsichtiger umgehe als ich es noch vor einiger Zeit getan hätte. Nervig ist es aber schon. Diese Kultur über seinen eigenen Körper und den Schmerz zu erzählen. Ich weiß nicht ob das ein deutsches, oder allmenschliches Ding ist.

Zwischen den Anwendungen wartet man viel und da ist es natürlich naheliegend sich mit den ebenfalls wartenden Kollegialpatienten über die Wehwehchen zu unterhalten, worauf man dann schnell eine ganze Krankenakte rein gepresst bekommt, plus Narbenzeigen. Zusammen leidet es sich vielleicht besser als alleine, man jammert auch ausgelassener. Der nacherzählende Patient erscheint einem dabei sehr interessiert an der Medizinischen Behandlung, die seinem Körper wiederfährt und gewisse Lateinische Begriffe werden überall als Basics vorausgesetzt: „Das weiß man doch.“ „Bei mir haben sie das und das gemacht, aber natürlich nicht richtig.“ „Da habe ich so viel Pech gehabt.“
Ich hab natürlich auch Schmerzen. Nicht so schlimme wie die der meisten Menschen die ich treffe, nur bin ich leider auch oft halb so jung wie jene, mit denen ich darüber rede. Dennoch habe ich das Gefühl, dass diese Leute (ich vermutlich auch) sich immer mehr über ihre Krankheiten und Gebrechen definieren. Möglich, dass das sogar die Definition von altwerden ist: Die Ansammlungen des körperlichen Verfalls im Kontrast zur früheren kindischen Gesundheit, zu der man einfach nicht zurück kann, weil man eben dieses und jenes zu erleiden hat. Man definiert sich also über seine Behinderungen: „Ich kann ja nicht mehr.“ Mit einem sprachlosen „Aber früher“ hinten dran.
Es ist bestimmt beschissen alt zu werden. „Alt sein“ ist dagegen weniger schlecht, da man sich ab einem gewissen Alter mit alldem versöhnt hat, was altwerden bedeutet. Doch der Weg bis zu dieser äußeren Ruhe ist lang und schmerzvoll. Okay. Es macht natürlich schon Sinn sich dabei mit den Weggefährten des Gebrechens über diesen Prozess zu unterhalten. Aber man ist ja eben nicht nur die Krankheit. Das Leben ist mehr als Leiden.

So ist das aber. Über seine Handicaps kommt man leicht ins Gespräch und es kommt eine gewisse Form von Vertraulichkeit auf und es ist ja gut, dass man sich bei uns nicht dafür schämen muss, dass der Körper nicht mehr so ganz kann – obwohl einem schnell von außen vorgeworfen wird, man könne durch aus, man wolle nur nicht, was eine Frechheit ist. Junge, gesunde Menschen fehlt dafür aber auch das richtige Verständnis. Man muss vieles erst einmal am eigenen Leib erlebt haben, um es zu verstehen, bestimmte Dinge sogar immer wieder und wieder, wie es zum Beispiel mit dem Liebeskummer ist, den man als Außenbetrachter gern wieder verlernt zu akzeptieren, und kaum ist man selbst an der Reihe, sieht man die ganze Welt untergehen…

Der „Jugend- und Perfektionswahn“, der Leistungsirrsinn unserer Zeit tut sein möglichstes dazu. Nicht mehr Produktivsein ist eine gesellschaftliche Bankrotterklärung – nun, vielleicht ist auch dass der Grund warum der Deutsche so sehr über seine Krankheiten und Behandlungsmethoden Bescheid weiß: Weil er seiner geliebten Arbeit nicht mehr oder nur teilweise nachgehen kann. Und das rechtfertigen muss, gerade auch vor sich selbst. So blöd sind wir. So dumm erziehen wir unsere Kinder, und statt der dummen Angst vor dem Russen vor der Türe in meiner Kindheit, trichtern wir unseren Bälgern ein, dass die Chinesen viel Leistungsfähiger (und gesünder) sind als wir, weswegen noch mehr Leistung benötigt wird um „mitzuhalten“ (d.h. ehrlich übersetzt: Das Land so lange Konkurrenzfähig zu halten, bis man die dann sichere Rente bezieht – aber man will ja nicht an sich denken, nein, nein, es geht ja immer nur um die Kinder… ). Wir Deutschen brauchen wohl bis zu einem gewissen Grad auch die Angst um über die Runden zu kommen…

Ich habe noch zwei Wochen in der Schmerzindustrie und ich hoffe ehrlich, dass mir das auf lange Zeit etwas bringt…

Regen der auf Särge prasselt

Es regnet. Regen ist gut, finde ich. Man kann sich in seiner Wohnung einsperren und die ganze Welt draußen lassen. Bei Regen ist das okay. Scheint die Sonne wird von überall an einem gezerrt: Komm schon Mann! Gehen wir an den See, Fluss, Park, Wald, Freibad, Hallenbad, Restaurant, Kaffee, Mc Donalds, ins Fitness, den Club, den Sportplatz, ins Kino – wo immer man auch hingehen kann, wenn man RAUS will oder soll. Vor allem: Zusammen, „Ja lass doch mal etwas zusammen machen. Alleine oder mit dem Partner daheim sitzen, das ist doch ungesund auf Dauer. Das stumpft doch ab. Macht blöd. Vor allem das Internet und der Fernseher – was ja im Prinzip das Gleiche ist. Let´s do something!“
Ist ja okay. Wirklich. Gute Idee. Auch wenn man dank der sozialen Netzwerken gar kein Gefühl mehr für Alleinsein hat. Unter Menschen sein. Das ist doch toll. Und so richtig. Sei kein Misanthrop…
Bei Regen aber. Da ist das okay.

Ich höre von oben meinen Nachbarn „Offspring“ mit „Self Esteam“ grölen und ich sehe kurz das ganze Haus wie durch Röntgenaugen: Da steht jemand drei Meter Luftlinie von mir entfernt, über mir, und singt diesen auch schon fast 20 Jahre alten Song. 8 Meter Luftlinie weiter schlafen zwei in einem Bett, ist nur eine andere Wohnung. 5 Meter in die andere Richtung wird geduscht usw. usf. Und überall: Diverse Tiere. Da muss man doch an das Abgepackt seien denken. Jeder in seinem eigenem Wohnsarg. Alleine, jede „Partei“ für sich allein. Hat sich weggesperrt. Selbst eingesperrt. So als hätte man Angst vor den anderen.
Da kommt natürlich gleich der Romantiker in mir heraus: Wie es wohl früher war. Als alle noch zusammenlebten, Urzeit – ihr wisst schon, wo der Mensch nicht am Ende der Nahrungskette stand und man sich als Menschenmaterial zusammenballen musste, um nicht von der Natur verschlungen zu werden, die Natur, die damals keiner als „BÖSE“ gedeutet hätte, denn die Natur war Ernährer und Zerstörer, und sowieso GAB es solche Ausdrücke wie „gut“ und „böse“ gar nicht, und womöglich ging das Menschenwerden und nicht mehr Tierseien erst da richtig ab, als man anfing zu kategorisieren und eben nicht mehr im Einklang mit der Natur zu leben, wo eine Schlange eben nicht nur BÖSE war, sondern ein Tier mit Vor- und Nachteilen, dabei aber immer und die ganze Zeit ein Teil von etwas Allumfassenden, zu dem man selbst gehört hat – ja (Romantik, Romantik) ein Teil von etwas Unendlichen, eben alles was auf und über der Erde so abgeht, quasi eine Ur-Masse, zu der nicht nur alle Lebewesen gehören, sondern auch die Luft und die Kontinentalplatten, Mond und Sonne waren dagegen (auch wenn sie Teil des Ganzen sind) schon zu abgefahren und crazy für die Ur-Masse, dass alles gut war, weil man eben den Begriff „schlecht“ nicht wirklich definieren konnte, höchstens durch Krankheit, denn der Tod war weder/noch sondern ein Teil dieses großen, plumpem Moments des Daseins, kurz: Ein Planet wie ein einziges, großes Om…
Na das muss doch geil gewesen sein. Oder? So alle miteinander, ungeteilt, zusammen, diese Ständigkeit des Zusammenseins im Einklang, mit dem Nachbarn und der Natur. Auch wenn es nur aus Existenzängsten so war.

Die Naturalisten unter uns wollen diese Zeit zurück. Beklagen das einsame Sitzen des abgekapselten Borg in seinem Wohnsarg und fordern ein Zurück zur Natur. Ein Zurück zum echten Mensch sein.
Für mich ist das Hippie-Quatsch, also echte konservative Utopien. Bei über 7 Milliarden Menschen geht das einfach nicht. Ich will nicht sagen dass die Entwicklung so gut war wie sie war, aber der Reaktionismus der Vergangenheit, der uns so werden ließ, wie wir sind (ja, ich habe Kausalität gerade wirklich als Reaktionismus bezeichnet :)) ), war, auch wenn nicht darüber diskutiert sondern einfach nur gemacht also gelebt wurde, in sich ein logischer Prozess. Ein geplantes Rückwärts ist unmöglich, außer durch den roten „Rest“-Knopf für den ganzen Planeten. Klar kann man natürlicher, bewusster und ökologischer Leben (sollte man auch), doch so wie es war, wird es niemals wieder werden. Komisch dass die Zukunftsutopien oft auch nur noch als reaktionär zu bezeichnen sind, obwohl man das genaue Gegenteil vor hat.

Nein. Ja. Jeder von uns ist froh seinen Rückzugsort, seinen persönlichen Platz zu haben, nur für sich. Alles andere wird als Menschenunwürdig empfunden, da es eben nicht mehr möglich ist nur in der Natur zu leben – und jetzt kommt mir ja nicht mit den Aussteigern daher, denn das ist pure Augenwischerei – oder einfach nur alleine für sich zu seien.
Die sozialen Netzwerke sind dabei ironischer weise ein Zurück in die globale Höhle, in der alle Menschen zusammensitzen und über die böse Natur und dem Dasein auf dem Planeten diskutieren. Hier sitzt man geballt aufeinander, jeder hat – so wie in der Frühzeit – seine Aufgabe zu erfüllen und geht in der restlichen Zeit den anderen Mitmenschen mit seiner „Einzigartigkeit“ (guter Witz) auf die Nerven; denn wer beklagt dass die Menschen nicht mehr zusammensitzen und miteinander am Klischeelagerfeuer reden, der verdrängt den Umstand, dass heutzutage der ganze Planet via Facebook zusammen in seiner globalen Höhle sitzt – und auch nur Unsinn daher brabbelt. Das kann man nicht vergleichen? Ich denke schon.
(Und wer ein „Zurück-zur-Natur“ fordert, der darf nicht vergessen, dass er nicht von einer Wüste spricht, sondern von einem Garten Eden, bei dem ihm – Landwirtschaft hin oder her – das Essen in den Schoß fällt. Zurück zur Natur und Einklang mit ihr bedeutet Hunger und Plagen, Seuchen und Tod, neben all den positiven Dingen, die man dafür erhält. Natur bedeutet auch natürliche Auslese. Das ist kein Disneyland. Siehe Flüchtlingslager wo man in einem „Zurück zur Natur“ lebt – während man dicht an dicht in Zelten haust. Das ist die Wahrheit – nicht „die blaue Lagune“).

Heutzutage gibt es einfach eine andere Natürlichkeit, als es sie vor 2000 Jahren gab. Unsere Lebensqualität ist viel besser geworden und das Leben an sich viel länger, weswegen wir auch mehr Zeit haben um unglücklich zu sein und uns neue Krankheiten auszudenken oder einzufangen. Wer aber will ernsthaft wieder in einer kalten nassen Höhle sitzen und sich vom Alpha-Männchen dominieren lassen, richtige Alpha-Männchen, nicht die „Reichen“ unserer Zeit, die auch nichts anders im Leben haben als wir, wenn auch Milliardenfach mehr. Früher war nicht besser. Heute ist nicht besser. Es ist immer wieder anders.
Einstmals, bei den Stämmen, im Urwald, war die Natur unendlich – man konnte sich gar nicht vorstellen, wie schweinegroß der Planet in Wirklichkeit ist. Heute weiß man, dass zumindest der Planet endlich in seinen Ausmaßen ist und plötzlich kommt man sich viel einsamer vor in seiner Eingeengtheit, obwohl genau das Umgekehrte der Fall ist: Alle paar Quadratmeter ein Mensch. Zumindest in der Stadt. Die Begrenztheit der Welt hat uns einsam gemacht, weil der Platz für Träume und Sehnsüchte nicht mehr da ist und für das All reicht unsere Phantasie scheinbar nicht aus.

Inzwischen hat es aufgehört zu regnen. Die Menschen kommen unter ihren Steinen hervor. Plappern sich ins I-Phone oder ins Gesicht und tummeln sich wieder miteinander. Machen Dinge miteinander aus, erfüllen oder brechen sie; gehen einfach voran und teilen sich die Spitze der Nahrungskette mit dem, was sie erschaffen haben, namentlich der Technik.
Nein. Ich will nicht raus. Will ganz hier bei mir bleiben. Will mich nicht streiten und nicht mit fremden Meinungen im Clinch liegen. Weder online, noch vor Ort. Natürlich werde ich die Wohnung auch wieder verlassen. Werde neue Erfahrungen machen, werde lernen, was schon Milliarden vor mir gelernt haben, werde mich blenden lassen vor der Weite der Aussicht, hinab von tropischen Bergen…
Na und? Macht mich das besser?