4 tote Kinder

Meine Nachbarin ist ein Idiot. Kein schlechter Mensch. Nur ziemlich dumm. Die Wohnung unter uns ist ihre erste Wohnung eigene und die Monate haben gezeigt, dass sie alleine fast nicht überlebensfähig ist. Sie trifft ständig die falschen Entscheidungen und hängt mit den falschen Leuten herum. Schon komisch: Früher war ich einer der „falschen Leute“. Heute treffe ich ein Urteil über sie.

Sie genießt es augenscheinlich nicht mehr unter dem wachsamen Auge ihre Mutter leiden zu müssen. Sie hat ständig verschiedene Typen. Drogenleute. Auch nicht von der hellsten Sorte. Was mir natürlich vollkommen egal ist. Hauptsache. Es ist nach 10 Uhr abends ruhig und mir parkt keiner die Einfahrt zu. So bin ich geworden.

Die Typen kommen und gehen. Und sie ist nun wirklich nicht die Schönste. Aber so ist das bei einer Frau, wenn zwischen ihren Beinen Tag der offenen Tür ist. Klar tut sie mir irgendwo leid dafür, dass sie sich ständig ausnutzen lässt und von den Typen nur verarscht wird. Das hat sie mir selbst erzählt. Doch jeder trifft seine eigenen Entscheidungen.

Vor etwa einem Jahr klopfe es an unserer Haustüre. Die Nachbarin. Sie wollte mit meinem Lebensgefährten sprechen. Er ist raus und dann wurde laut an der Türe geredet. Eine halbe Stunde lang. Und am Ende sagte sie, mein Freund solle mir davon nichts, was ich die ganze Zeit im Zimmer nebenan mit dem Kindl auf dem Schoß schon mitgehört hatte: Sie war schwanger. Und mein geliebter Freund, seines Zeichen Doktor der Medizin, gab ihr ein paar Ratschläge. Zwei Wochen später war sie nicht mehr schwanger. Und mit den Tipps zur Empfängnisverhütung sollte es auch so bleiben.

Ein halbes Jahr später klopfte es wieder an der Türe. „Es ist schon wieder passiert.“ „Wie es ist SCHON WIEDER passiert?!!“ Mein Freund war außer sich. Was für ne Assi-Braut. Sie wusste nicht einmal, von wem das nächste Kind war. Zweifelhaft ob sie es beim ersten wusste. Mein Freund führte ein sehr ernstes, weniger empathisches Gespräch mit ihr, als beim ersten Mal. Und zwei Wochen später war sie nicht mehr „in froher Hoffnung“. Es war für alle Beteiligten der beste Weg. Wie sollte eine Frau wie sie auch noch für ein weiteres Leben Verantwortungen übernehmen, wenn sie es nicht einmal für sich selbst kann?

Vor ein paar Jahren stellte mir ein Freund eine Bekannte von ihm vor. Ich freundete mich mit ihr an. Ein Jahr und 5 Monate vor dem heutigen Tag, stellte sie mir ihren neuen Freund vor. Ein Pfundskerl. Wenn auch ein wenig klein an Wuchs. Sie wollte immer Kinder bekommen. Doch wegen einer Operation in ihrer Vorgeschichte war die Wahrscheinlichkeit gering. Sie wurde trotzdem schwanger. Wir freuten uns alle sehr für sie. Und dann auch noch Zwillinge. Doppeltes Glück. Die Wochen, ein paar Monate gingen ins Land, bis die Herztöne der Zwillinge verstummten. Nicht nur der Himmel weinte. Das Wehklagen wimmerte stumm aus unseren Telefonen, als unsere Daumen die Kurznachrichten verschickten. Ich hätte nicht gewusst, was mein Mund an direkter Sprache hervor gebracht hätte. Was kann es schlimmeres für eine Frau geben, als ihre toten Lieblinge gebären zu müssen?

4 tote Kinder.

2 die unbedingt gewollt wurden, aber nicht lebensfähig waren.

2 die wahrscheinlich lebensfähig waren, aber von keinem gewollt wurden.

Nur in Märchen ist das Leben fair.

Und die ganze Welt schaut auf die Fußball-WM.

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Mein Boykott der Fußball-WM 2018, Teil 2

Großmaulig und vollmundig habe ich vor über einem Jahr angekündigt, die Fußball-WM 2018 in Russland zu boykottieren. Es gibt ja auch mehr als genug Gründe dafür. Sei es die korrupte FIFA, als auch Russland selbst, der Austragungsort, der sicherlich auch durch die Medien in den letzten Monaten zum „Reich des Bösen“ stilisiert wurde; wenn man aber völkerrechtswidrig in ein anderes Land einfällt (auch wenn es Teil eines ehemaligen gemeinsamen Großreiches ist), Staatsdoping betreibt (was die Russen selbst zugegeben haben) und Schwule, Lesben wie Transgender verklopft (auch wenn die Ukrainer da auch kein Vorbild sind), braucht man sich für mein Gefühl auch nicht wundern, wenn einen keiner leiden kann. Themen wie Attentate auf Menschen im Ausland lasse ich jetzt mal dahin gestellt. Schließlich bin ich kein Geheimdienstler. Und wenn der nur von sich selbst ergriffene Bundesjogi kritiklos Land und Leute in Russland lobt, wenn er auch noch in der Bild-Zeitung Kanzlerin Merkel dazu ermutigt sich der Putinschen Propaganda-Show anzuschließen, haben Leute wie ich auch keinen Bock mehr auf den DFB. Alle nur Marionetten der Macht und des Geldes.

Zermürbt werden meine Boykottabsichten nur von meinen Freunden: Wie jetzt? Im Sommer keine Fußball-WM? Aber das machen wir doch immer zusammen! Fußball schauen! Du bist doch mein Buddy!

Und das stimmt ja auch. Das man das gerne macht. Weit weg von den bescheuerten Fan-Meilen, wo die Superproleten, die keine Ahnung von Fußball, aber vom Saufen haben, sich zusammenrotten um IHRE Mannschaft zu feiern – aber Özil und Gündogan nach ihrem Erdogan-Auftritt bitte gleich abschieben… Davon abgesehen dass ich Özil und Gündogan selbst für undankbare Deppen halte, die dem Projekt „Integration“ in Deutschland einen Bärendienst erwiesen haben, mag ich natürlich auch dieses vereinende Gefühl von Fußball-Weltmeisterschaften. Wenn ganze Länder im Aufruhr sind und jeder sich mit seinem Nachbar auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen kann. Wobei. Das stößt mich auch schon wieder ab… Mir ist es egal ob ihr Fan von Borussia Dortmund seid (wie ich es bin), oder den verhassten Bayern oder den Schalkern zujubelt: Liga-Fans sind für mich echte Fußball-Fans. Denn sie sehen sich die ganze Zeit die Spiele ihrer Mannschaften an. Nicht nur wenn es gerade „in“ ist. Auch. Wenn der Kommerz beim Vereinsfussball natürlich nicht weniger (wenn nicht sogar mehr) ist und die gleichen Superhelden aktiv sind, die auch während der WM ihr Geld in Steueroasen verstecken. Zugegeben: Da ist auch viel Doppelmoral vom meiner Seite aus mit dabei. Trotzdem kann und konnte ich den „Schland!“-schreienden, Bierverschüttenden, grabschenden rotköpfigen Vollidioten im Deutschland-Dress noch nie viel abgewinnen… Wenn jeder Fußball-Fan als der Vertreter seines Landes gesehen werden würde, könnte man von Deutschland als einem tatsächlich sehr würdelosem Land sprechen… Es muss doch nicht immer alles gleich so doof und besoffen sein.

Zurück zum Thema: Ja. Ich würde die WM wirklich gerne ansehen. Mit meinen Freunden. Und zusammen diese Hochs und Tiefs erleben, die man früher auch im Kino haben konnte, bevor es von Comic-Verlagen gemanagt wurde. Es ist halt leichter so einen Boykott durchzuziehen, wenn man den Sport eh nicht mag. Wenn doch, dann wird es anstrengend.

Boykott der FIFA-Fußball-WM und des Konföderationen-Pokal in Russland

Ich komme aus einer bayrischen Kleinstadt. Das betone ich um meinen Background zu verdeutlichen. Hier, in diesem Kaff kenne ich keinen einzige/n Homosexuelle/n, deswegen habe ich nur Berührungspunkte mit dieser Bevölkerungsgruppe, wenn ich in die Großstadt fahre. Für mich ist es immer noch ein merkwürdiger Anblick wenn ein gleichgeschlechtliches Pärchen sich in der Öffentlichkeit küsst. Genauso merkwürdig ist es für mich, eine Frau in der Öffentlichkeit beim Stillen zu sehen. Na ja. Ich gehe auch nicht viel in Restaurants…

Hier komme ich also her. Bin liberal und ganz egal was ich behaupte und wie ich mich gebe, eher konservativ. Natürlich kenne ich ein paar Homosexuelle Leute, denke aber an niemand konkreten, dessen Rechte ich unterstützen will wenn ich sage, dass Menschen diejenigen lieben sollen, die sie lieben müssen und wollen. Ich finde das einfach richtig. Und ich gebe zu (und mache mich damit auch ein wenig zum Kleinstadttrottel –  na und?) dass mich offen homosexuelle Menschen in meiner direkten Umgebung erst einmal irritieren würden; doch das würde nur meinen Kopf irritieren, nicht mein Herz. Und der Kopf ist ein Erfahrungsbiest. Der braucht nur Gewohnheiten. Das Herz dagegen muss von Natur aus verstehen was richtig und was falsch ist.  Das sollten auch die Russen wissen. Auch wenn sie in einer anderen Kultur leben als wir hier in Europa. Meiner Meinung nach gibt es für den Hass den sie schwulen und lesbischen Menschen (und Transgender) entgegen bringen, keine Rechtfertigung. Seit 2013 wird dort Homosexualität sogar mit Pädophilie gleichgesetzt, weshalb jede öffentliche Zurschaustellung von Homosexualität verboten ist, da die Gefahr besteht dass sich Kinder beeinflusst fühlen und deswegen zu Schwulen gemacht werden – aha.

 

Weiterhin ist es mein Standpunkt, dass „die Russen“ aus den von ihnen völkerrechtswidrig besetzten Gebieten in der Ukraine abziehen müssen, um damit den dort von ihnen verursachten Krieg zu beenden. Dass ich mich mit diesem Thema auseinandersetze und diese Haltung vertrete, hat persönliche Gründe. Dazu stehe ich. Dennoch folgt es der gleichen Logik, die der Toleranz gegen über LGBT-Menschen folgt: Es fühlt sich einfach richtig an. Die Ukraine ist ein selbstständiger Staat, in der eine fremde Besatzungsmacht – egal ob sie sich als „Großer Bruder“ fühlt oder nicht – nichts verloren hat. Und wer damit argumentiert, dass doch viele Menschen im ukrainischen Grenzgebiet zu Russland leben und Russland näherstehen als der Regierung in Kiew, dem kann ich nur erwidern, dass es sicherlich viele Menschen in Ost-Deutschland gab die den Russen nahestanden, dass dies aber keine Rechtfertigung dafür ist, dass Russland Ost-Deutschland besetzt. Der Vergleich ist anschaulich. Hinkt natürlich ein wenig – denn die Ukraine ist nicht Ost-Deutschland. Der Grundgedanke von selbstbestimmten freien Ländern ist jedoch der Gleiche.

 

Schon vor ein paar Wochen fragte mich meine Freundin, ob ich es nach all meiner Maulhelderei überhaupt hinbekommen würde, die anstehende Fußball-Weltmeisterschaft in Russland zu boykottieren. Das machte mich nachdenklich. Ehrlich gesagt kann ich mich nicht einmal daran erinnern, ob ich die Olympischen Spiele in Sotschi gesehen habe. Bestimmt habe ich irgendwas davon im TV nebenher laufen lassen. Daran sieht man aber, dass ein Boykott der Olympischen Spiele in Sotschi für mich viel zu leicht gewesen wäre, denn dann könnte man gleich behaupten dass jedes Desinteresse einem Boykott gleichkommt. Fußball dagegen, mag ich.  Nicht gerade diesen Nationalfußball, den Jogi-Ball, für den sich die Massen interessieren. Mein Verein ist der BVB und die Liga finde ich spannend. Dennoch sitzt man halt doch gerne im Sommer zu Turnier-Zeiten mit Freunden zusammen und hat dieses Kollektiverlebnis, welches es ansonsten kaum mehr gibt in unserer freien Gesellschaft: Wann sitzt man schon noch mit Freunden zusammen und erbost oder erfreut sich über das gemeinschaftliche Gleiche? Das macht Spaß. Zusammen unterhält man sich halt doch am Besten. Und sich zusammen zu Freuen ist am Schönsten. Wann freut man sich denn noch zusammen?

 

Die letzten Absätze habe ich vor ein paar Tagen geschrieben und schon bin ich nicht mehr so sehr überzeugt von meiner Idee die WM zu boykottieren – aus purer Bequemlichkeit. Aber wenn man für eine Meinung steht, dann muss es auch „wehtun“ sie umzusetzen. Jetzt schauen wir mal was für eine Form von Schwätzer ich bin. Oder auch nicht. Los geht es in einer Woche mit dem Confederations-Cup. Der ist nicht nur für Russland ein Probelauf.

Stehplatz in Augsburg

Freunde muss man haben. Es geht zwar auch ohne, gut aber, wenn man sie hat. Gerade wenn man sehr unterschiedlich ist und sich trotzdem mag. Sehr entgegen kommt es da, wenn man sich erst „im Alter“ kennen lernt und einem die Unterschiede in Ansichten und Hobby als Charaktereigenschaft gewahr werden, während es bei alten Kinder- und Jugendfreunden ein wenig komplizierter ist, denn entweder  verändern die Freunde sich gar nicht, weshalb man sie als totalst langweilig empfindet, oder aber sie verändern sich so sehr, dass man irgendwie enttäuscht ist und kann mit ihnen nichts mehr anfangen. Nicht auserzählte, neue Freunde haben also oft einen gewissen Bonus was die eigene Toleranz angeht. Wenigstens bei mir.

Eine meiner neueren Freunde (Freundin) ist ein großer Fan des Fc Augsburg. An dieser Stelle darf gerne gelacht werden. Und ich finde Fans von Mannschaft die so gut wie immer gegen den Abstieg spielen, auch irgendwie lächerlich, halte sie aber auch für bewundernswert: Es gehört schon einiges dazu jedes Wochenende in ein Stadion zu gehe, wo die Mannschaft regelmäßig verprügelt wird. „Erfolgsfan“ wird man leicht und kann es dann auch ebenso bleiben. Fan einer Bananen-Mannschaft muss man erst mal werden und bleiben können.

Dabei bin ich keiner dieser eingefleischten Traditionalisten. Obwohl es genau darum in dem Freitagsspiel an diesem Wochenende ging: „RB Leipzig“ gegen den „FC Augsburg“ ist ein Spiel eines großen durch Geld gepushten Newcomers gegen einen traditionell „kleinen Verein“, was in Fußballsprache bedeutet, dass der FC A nur einen sehr kleines Budget zu Verfügung hat. Solche „kleinen Vereine“ sehen sich durch die Leipzigs und Hoffenheims schwer unter Druck gesetzt vor, da diese einen Esel besitzen der goldene… Ihr wisst schon. Ich wusste also im Vorfeld das eine aufgeheizte Stimmung in der WWK Arena sein würde. Dazu ist meine Freundin Jahreskarten-Besitzer weswegen sie mir einen guten und billigen Stehplatz an ihrer Seite besorgen konnte. Bisher. Bin ich im Stadion immer nur gesessen.

 

„Sitzen“/“Stehen“ gibt es da einen großen Unterschied? Den gibt es.

 

„Vor dem Spiel ist an der schwarzen Kiste“. Macht man so in Augsburg wenn man 25 Plus ist. Das ist so eine Art Winter-Biergarten, wo man draußen in der Kälte aber sehr gesellig zusammen sitzt und vortrinkt. Nehmen wir es den Augsburgern nicht übel. Bei ihrer Mannschaft muss man vortrinken. Das ist aber richtig schön gemacht an der schwarzen Kiste, Haltestelle Haunstetterstraße. Es ist nicht nur „gemütlich“ oder „urig“, es hat auch ein gewisses Niveau, Schankwagen und Toiletten-Container hin oder her. Das war mir fast schon zu cool für Augsburg. Schön das es hier auch solche Ecken gibt.

Hier waren dann auch. Die Menschen.

Mit großem „Hallo“ kannten sich hier jeder, ich natürlich keinen. Zum Glück wurde eine gewisse Form von Geselligkeit vorausgesetzt, auch wenn mein Gesicht selbst dafür nicht steht. Alle nett und freundlich an der Kiste, keine Berührungsängste, auch wenn ich als BVBler nicht einmal zum Fan-Team gehöre. Dass man mich jetzt nicht gleich verprügelt war mir auch klar, die warme Herzlichkeit die ich erleben durfte war dennoch was Schönes und sollte den ganzen Abend erhalten bleiben.

Da bekam man zum Fußball-Abend die Europa-League-Geschichten der Fans zu hören, die dem FC A das letzte Jahr hinterher gereist waren. Teilweise ein wenig arrogant vorgetragen, was ich aber mit einem amüsierten Zwinkern quittieren konnte; ich selbst kenne es ja zur Genüge, dass wenn man von einer Sache absolut überzeugt ist, Themenfremde Menschen erst einmal belächelt und sie trotzdem beeindrucken will. Insgesamt ein sehr geerdeter Haufen den man da traf.

Massen-Fan-Veranstaltungen haben ja immer etwas besonders für mich. Sei es bei den Nerd-Veranstaltungen meiner Freundin (Stichwort: Hochbegabt) oder die christliche Sekte die ich auch zwei Mal besucht habe. Egal ob es um Religion, Sport oder sonst etwas geht: Es gibt immer diesen einen bestimmten Menschenschlag, der zwar aus sehr unterschiedlichen Individuen besteht, es aber immer diese gemeinsame Sache gibt, diesen kleinsten gemeinsamen Nenner. Offen feindlich wurde ich nirgendwo aufgenommen. Warum auch? Schließlich nimmt man an der Sache der Anderen Teil und zeigt Interesse. Das Lustige an solchen Ausflügen ist wirklich das unterbewusste Gerede der Menschen, wie sie über ihre Leidenschaft sprechen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Denn egal ob es um „Gott“ oder „die schönste Nebensächlichkeit der Welt“ geht, alle sprechen aus dem Herzen heraus und das ist so ein nacktes und offenes zur Schau stellen der eigenen Herzlichkeit, dass man gar nicht weiß ob man darüber Lachen oder Weinen kann oder sollte.

So ging es  dann auch weiter. In der Straßenbahn. Vor dem Stadion. Darin.

Diese Steh-Atmo mit Schlacht- und Fan-Hymnen kenne ich ja schon längst aus meinen „Böhse Onkelz“-Zeiten, deren Fans sehr nahe am Fußball-Fan gebaut sind. Und ich habe das durchaus (auch wenn es nie ganz meine Welt war und es jetzt auch sicherlich nicht mehr wird) immer sehr genossen. Dieses rohe, in sich abgeschlossene „Wir-gegen-Die“. Auch wenn es halt immer sehr prollig rüberkommt (der Prolet ist nun einmal der „kleinste gemeinsame Nenner“ auch wenn dort nicht alle Proleten sind, ach was, das ist die Minderheiten). Den Gewalt-Fußball-Depp, den Hool suchte ich am Freitag erst gar nicht und es wäre bis auf ein paar Ausnahmeerscheinungen auch gar nicht möglich gewesen. Hier steht und schreit der Mittelstand, der sich in diesem Moment gar keine Zeit für Selbstreflektionen hat. Denn es geht gar nicht darum was du sonst machst, sondern wen du hier, heute und das nächste Wochenende vertreten willst.

 

Vor dem Spiel die Fan-Choreografie gegen Red Bull und ihren Mainstream-Fußball. Hier zeigten die Fans Haltung, wobei dem Einzelnen gar nicht klar war, wogegen:

„Wieso sollen wir jetzt schwarze Pappen hochhalten? Ist das gegen Leipzig oder gegen Red Bull?“

„Ja gegen Beides!“

„Ich will aber nicht bei so einer Gewalt-Scheiße mitmachen! Weiß jemand was da am Ende für ein Bild daraus wird?“

„Wahrscheinlich ein Sarg.“

„Witzbold.“

„Ne, Ne. Das wird nur zur Hintergrund-Untermalung benötigt. Wissenschaftliche Studien haben erwiesen, dass man mit schwarzem Hintergrund die Message besser sehen kann.“

„Aber ich will nichts GEGEN Leipzig unterstützen. Nur gegen Red Bull. Die Leipziger können doch nichts dafür…“

„Jetzt halt einfach die verdammte Pappe hoch.“

Und das machte man dann auch. Kritiklos und doch mit analytischen Hintergedanken.

Das Spiel war dann richtig gut. Okay, die zweite Hälfte der ersten Halbzeit war ein wüstes Getreten und Geschupse auf dem Platz. Ansonsten war es schön anzusehen. Ein 2 zu 2. Hat für Alle was. Und es war richtig „Musik“ im Stadion. Was ich von den blöden Sitzplätzen gar nicht kannte. Aber. Vom Spiel und seinen Nuancen bekommt man auf der Stehplatz-Tribüne überhaupt nichts mit. Ganz egal wie sehr da gehasst und geschrien wird: Aus der Perspektive siehst du eh keine knappen Entscheidungen. Dafür bekommst du aber mal ordentlich stimmungsvoll nach einem Tor einen jubelnden Plastikbecher voll Bier auf die Rübe. Man kann halt nicht Alles haben.

Woody Allen und Guardiola

In den Simpsons sagt Ned Flanders einmal, dass er die Filme von Woody Allen möge, nur nicht den hektischen Typen der das jedes Mal mitspielt.

 

Nach gestern könnte man das Gleiche über den FC Bayern und Pep Guardiola in den letzten Jahren sagen: Man mochte die Spielweise des FC Bayern, nur nicht den dauerpräsenten, hektischen Typen der da an der Seitenlinien herum sprang 😉

 

Ich bin aber nicht die nationale Presse, die nach einem schlechten und verlorenem Spiel der Bayern gleich die Hände über den Kopf zusammen schlägt. Für eine Krise gehört mehr als ein verlorenes Spiel – oder drei Unentschieden in Folge wie bei Real Madrid. Schon schlimm was man sich von den Medien für einen Blödsinn anhören muss, wenn man nur Fussball schauen will.

Fight Club im Fussball-Stadion

„Ist ein Fußballturnier, ist dem Pöbel alles egal.“

„Wer sagt denn das?“

„Na die Medien.“
„Hm. Stimmt ja jetzt auch nicht. Man sollte nicht vergessen, dass die Medien nur noch über Fußball berichten… Es wird einem normalen Menschen fast schon erschwert an normale Infos zu kommen.“

„Vor ein paar Jahren haben die im Bundestag in der Zeit unbeliebte Gesetze durchgedrückt. Hat ja keiner gemerkt.“

„Welche UNBELIEBTEN Gesetze denn?“

„Ja keine Ahnung.“

„Mhm…“
„Auf jeden Fall wird so getan, als hätten wir nur noch Fußball im Kopf während so ner EM.“
„Weil wir der Pöbel sind?“

„Na ja… Vielleicht sind wir schon eher das Pack.“

„Immerhin sind wir in der Gewerkschaft.“

„Pack ist dann auch ein wenig übertrieben. Und als Bildungsferne Schicht würde ich nur die Jungs in der Nachtschicht bezeichnen.“

„Sehr witzig.“

„Aber es ist doch eh Quatsch. Als würden wir uns ansonsten nur über die Flüchtlingskrise, Griechenland oder unsere Renten unterhalten. Der Normalo ist ein Depp. Der redet da kaum drüber. EM hin oder her. Soma gibt es immer…“

„Soma… Weißt du, das Wort „Flüchtlingskrise ist furchtbar. Weißt du warum?“

„Tja…“

„Krisen enden.“

„Genauso wie Kriege… Das hast du aus the wire, stimmts? Krieg gegen die Drogen…“

„Jo.“

„Vielleicht geht es auch darum, dass wir bei so einer WM unsere Leute rumlaufen sehen. Fussballer sind doch in Wahrheit auch eher Pöbel, so denken doch die Anderen. Die Gebildeten.“

„Die Anderen… Hm…“

„Ja du weißt doch. Gut aussehen dürfen Fußballer. Am Besten sind sie noch lustig. Mehr wird denen aber auch nicht zugestanden. Die sind doch für DIE ANDEREN auch nur ein Haufen Hauptschüler. Und das ist noch milde ausgedrückt. So wie wir. Ein Fußball-Spieler ist quasi das Idealbild, der König und zugleich  Prototyp der Proleten. Muskulös. Gut aussehend. Eher selten in ner Bibliothek anzutreffen.“

„Ein Fußballer muss ja nicht klug sein.“
„Kann er aber! Und das wird von den Anderen gerne absichtlich übersehen.“

„Dann noch der richtige Abschaum. Das totale Pack. Die Nazi-Schläger.“

„Die Hooligans… Hm. Weißt du was mich wundert? Du und ich, wir würden niemals Karten für so ein Spiel bekommen. Die Schläger schaffen das aber cool easy. Wo bekommen die die Tickets eigentlich her?“

„Hooligans müssen nicht im Stadion sein um Prügeln zu können.“
„Manche aber schon. Meine Theorie ist ja, dass das gar nicht das Pack ist, dass da zum Schlagen auf die Straße geht.“

„Die mit den Reichsfahnen sind kein Abschaum?…“

„Ich sag nicht das sie kein Abschaum sind, ich sage nur, dass das keine Hartzer oder Geringverdiener sein müssen; woher sollen die eigentlich das Geld für so ne Karte haben?“
„Das unterstellt man recht schnell.“

„Ja. Die Medien suggerieren das nur. Weil. Alle gleich sind. Die Zuschlagen. Zuschlagen ist gleich dumm.“

„Und das stimmt nicht?“

„Ein Bekannter von nem Freund von mir ist Manager bei BMW und der macht bei so was gerne mit. Dafür nimmt der sich extra Urlaub.“

„So ein Filial-Leiter?“
„Ne. So richtig Manager. Der geht gerne zu solchen Kloppereien. So richtig aufs Maul. Der findet das gut. Das reinigt die Seele: Irgend nem Fußball-Ausländer aufs Maul zu hauen.“
„Und das Hotel zahlt bestimmt auch noch die Firma.“

„Würde mich nicht wundern.“

„Schon eine krasse Vorstellung. Manager die normale Fußball-Fans zusammenschlagen.“

„Eigentlich passt das doch voll ins Klischee-Bild.“

„Ist das nicht etwas zu… Fight Club?…“

„Ja und? Glaubst du die Leute gehen nur aus den RICHTIGEN Gründen in den Fight Club? Glaubst du so eine Selbsterlösung ist per se etwas Gutes?“