Absolution – 9 – Auf Amphetaminen arbeiten gehen

Schon der Weg in die Arbeit war in diesem Zustand die Hölle. „Lieber Gott lass mich gut ankommen“, sagte er sich jedes Mal im Geiste, wiederholte es wie ein Mantra, obwohl sein Verhältnis zu Gott alles andere als geklärt war. Unter der Dusche konnte man sich noch einreden „normal“ zu sein. Das es „gar nicht so wild“ sei. Hinter dem Lenkrad eines Autos gibt es nichts mehr zu verbergen. Hier wurde ihm ein um das andere mal sofort klar, wie drauf er eigentlich noch war. Und dann fuhr er los. „Hauptsache ankommen“. „Nur keinen Unfall bauen“. „Gleich bin ich da“. So sollte es sein: Paul kam ohne sich oder jemand anderen verletzt zu haben sicher in der Arbeit an. Parkte seinen Wagen. Zerkratze nicht mal den Lack eines anderen Autos. Vielleicht. War diese ungesühnte Narrenfreiheit sogar das Heftigste für Paul. Dass er immer wieder und wieder damit durchkam. Bis zu diesem Punkt. In der Arbeit angekommen dachte er sich nach jeder Drogennacht: „Normal verhalten“. Doch wie verhält man sich eigentlich normal? Was redet man denn so normalerweise? Wer ist man denn, wenn man nüchtern ist? Wie sieht einen das Umfeld im Gegensatz dazu, wie man sich selbst einschätzt? Am besten. Gar nichts sagen. Auf den Boden sehen und ansonsten seine Arbeit machen. Unter dem Radar bleiben. Das wird schon. Und möglichst viel Flüssigkeit in sich hineinschütten um den Wasserhaushalt wieder auszugleichen. Bloß keinen Kaffee trinken! Der Extra-Kick-Kaffee würde ihn nach der durchgemachten Nacht, in der er Kalorien verbrannt hatte wie ein Hochleistungssportler, komplett wahnsinnig machen. Das Koffein würde ihn nur noch wirrer machen als er ohnehin schon war. Sein Herz schlug ihm so schon unaufhörlich bis zum Hals. Irgendwie kam er so jedes Mal durch den Tag. Machte seinen Kram. Mucksmäuschenstill. Blieb unter dem Radar. Benahm sich „normal“ und fand darin Erleichterung. Wie gut er seine Prallheit verbarg. Bis irgendein Arbeitskollege angewidert raunte, wie beschissen Paul schon wieder aussah; einfach Überhören, einfach gar nicht darauf eingehen. Und damit kam Paul durch. Seit Jahren. Er musste nur kommen und scheinen Scheiß gebacken bekommen. Der Rest interessierte niemanden… Bis auf einmal. Dieses eine Mal brachte der Stress, den er sich selbst machte, dazu, dass er hyperventilierte. Paul klappte damals zusammen. Spürte seine Arme und Beine nicht mehr. Ihm wurde schwindlig. Kippte um. Ein Arbeitskollege brachte ihn zum Arzt. Der sah Paul mitleidig an. Ob er unter Stress stehe. Ob er vielleicht Ärger mit der Freundin hätte. Paul, total auf Amphetamine, nickte nur wie ein Idiot: „Ja, ja. Ärger mit der Freundin“. Obwohl er gar keine hatte. Dabei lachte er sich ins Fäustchen über die Blödheit des Arztes. Der einen eindeutig Megadruffen und irren Typen wie ihn nicht all das identifizieren konnte, was er war. Ein toller Arzt. Und dieser Arzt ist selbstverständlich auch heute noch Pauls Hausarzt. Nachdem der ihn krankgeschrieben hatte fuhr Paul nachhause, machte das nächste Briefchen Speed auf, und lachte darüber wie dumm alle anderen Menschen seien.

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Die „Sportfreunde Stiller“ im Roxy in Ulm, es war der 29.04.2017

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Jetzt auch noch die „Sportis“? Ja. Inzwischen gehe ich überall hin. Hauptsache. Es macht Spaß. Ein (bezahlter) Besuch bei den Sportis ähnelt meinem einstmaligen Konzert-Besuch bei Scooter: Das ist so weit weg von mir selbst, dass man es einfach mal gemacht haben muss. Also kaufte ich mir im Vorfeld die 6 Lieder von ihnen die mir schon immer irgendwie (heimlich) gefallen haben und hörte sie hoch und runter. Dabei stellte ich fest, dass ich diese Lieder wirklich mag. Ja. Viel zu poppig und softrockig für meinen gängigen Geschmack, na und? Man kann ja nicht immer den gleichen Mist hören. Und bei „Geschenk“ geht mir einfach das Herz auf, egal wie kitschig das Lied auch ist.

Mit den Wochen freute ich mich richtig auf den Auftritt und ganz besonders darauf, die Texte mitsingen zu können, denn seien wir mal ehrlich, wann kann man schon noch catchy deutsche Texte aus sich heraus singen?

Wie es dann oft so ist hatte ich am Tag des Geschehens gar nicht übermäßig Bock. Schon mittags in Ulm angereist und dort viel herumgerannt, viel zu viel gut gegessen und dann auch noch vorgetrunken – ich bin ja keine 35 mehr…

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Grob geschätzt passen so 2000 Leute in das „Roxy“, was natürlich sehr kuschelig ist – und anstrengend. Ich war jetzt schon auf hunderten Konzerten und ich musste gestern feststellen, dass man bei den Sportis genauso schlecht durch die Menge von Punkt A zu Punkt B laufen kann, wie bei den Einstürzenden Neubauten; bei den Neubauten wird extrem viel gestarrt und jeder Quadratmeter verteidigt, bei den Sportis haben dass die meist weiblichen Fans ebenso gehandelt. Komischer coincidence bei gerade diesen nicht sehr ähnlichen Bands.

Der Platz muss also „verteidigt“ werden und da steht mal also Stunden vor Anpfiff  dumpf in der Menge und langweilt sich. Merkwürdig ist: Ich bin summa summarum bestimmt schon Wochenlang vor Bühnen herumgestanden und habe auf Band-Auftritte gewartet. Jedoch vergisst man diese Zeit im Nachhinein immer wieder komplett und stellt sich eine Woche später wieder total gelangweilt und doch motiviert für das nächste happening an.  Zum Glück bin ich ein Trinker.

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Die Vorband der „Sportfreunde Stiller“ waren die „Kytes“. Austauschbarer Softrock auf einem angenehmen Niveau. Eine dieser idealen Vorbands die im Prinzip alles richtig machen. Nur kam ich mit der Art des Sängers nicht ganz klar, der mir ein wenig zu selbstbesoffen und bayrisch überheblich rüberkam – auch wenn er gut singen konnte. Aber. Das war mein Problem. Die machten dass ganz gut und waren mit dem Herzen dabei, was an den wenigsten Konzertbesucher vorbei ging. Außer vielleicht an Empathielosen Monstern wie mir.

Die Sportis kamen dann um 5 nach 9 auf die Bühne. Wir standen auf der „Peter“-Seite und dann ging es mit einer der beiden neuen Singles los (die andere kam eh danach), dazu wurde noch die heute du gerade vom FC Bayern eingetütete deutsche Meisterschaft gefeiert. Wenigstens von den Sportis. Dass da nicht jeder mit ihnen „Juhu!“ rufen muss ist klar und auch okay, und daran sieht man dass die Band zwar gefallen will, hier aber auch klare Kante zeigt. Mir gefällt so etwas. Auch wenn ich den FC Bayern scheiße finde.

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Gepackt hat es mich dann erst bei „New York, Rio, Rosenheimer“, einen meiner 6 Songs die ich hören wollte und die ich auch alle 6 präsentiert bekam. Das hat richtig Spaß gemacht und für „meine“ Songs haben sich die 40 Steine schon gelohnt.

Würde mich jemand fragen ob die „Sportfreunde Stiller“ eine sehr gute Band sind, könnte ich das gar nicht beantworten; und so geschah es dann auch. Sänger Peter fragte ziemlich am Ende in die Menge, ob denn alle Spaß hätten und ich machte mit meiner Hand die „Na ja“-Bewegung. Ich bin fast 2 Meter groß und stach da wohl aus der Menge der kleinen Mädchen ziemlich heraus, ob ich wollte oder nicht. Darauf meinte Peter, nachdem er den Mann neben mir abgefeiert hatte, dass der HERR daneben wohl nicht ganz überzeugt sei – also ich. Das stimmte aus folgendem Grund: Die Sportis haben tolle Lieder, bloß nur nicht genug davon. Zwischendurch kommen halt so austauschbare Rockblasen, die auch von der Vorband hätten sein können. Wenn man Fan ist  feiert man die Stücke selbstverständlich mit ab, als „Besucher“ (wie ich mich jetzt mal bezeichne) waren diese Stücke aber nur sehr mau und ich sehnte mich währenddessen nach einem alkoholischen Kaltgetränk. Aus Spaß sagte der Peter, jetzt fühle es sich von mir unter Druck gesetzt. Dabei war es genau anders herum.

Die Sportis sprechen zwar sehr locker mit dem Publikum (was sie häufiger und sehr sympathisch machen), ich halte aber ein Gespräch mit jemanden auf einer Bühne der 15 Mal lauter ist als du selbst für absolut sinnlos, da es immer von oben herab geschieht und es keine gleichgestellten Gesprächs-Parteien sind, weswegen man als In-der-Menge-Steher eh auf die eine oder andere Art den Kürzeren zieht (sehr analytisch ausgedrückt). Deswegen machte ich eine aufpeitschende Handbewegung und er sagte irgendwas davon, dass ich es wohl „härter“ wollte. Und im Prinzip stimmt das auch. Nur wollte ich es nicht „Sportfreunde Stiller hart“, sondern einfach nur härter und vor allem besser 😉

Der Witz ist, dass sie mit „Applaus, Applaus“ und „Ich roque“ genau das brachten was ich hören wollte. Nur sind diese Songs leider nur die Kirschen auf der Sahnetorte. Also ist meine Antwort darauf ob ich das bekommen habe was ich mir von dem Konzert erhofft habe und ob ich die Band für sehr gut halte ein klares „Jein“. Es war richtig und spaßig dorthin zu gehen. Aber nein. Noch mal brauche ich das leider nicht, obwohl ich manche Songs von ihnen abfeiere, vor mich hin singe und fast schon mechanisch dazu meine Freundin küssen muss.

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Die Zugaben schenkten wir uns, denn es wurde schon alles gespielt was wir hören wollten; wozu also noch Songs anhören die einem eh nicht gefallen? Und ein „54, 74, 90…“ mit Bayern München Konfetti-Regen (siehe Facebook) brauche ich nicht. Das Lied ist eines ihres Schlechtesten und wie die Ironie oft so spielt ist es ihr erfolgreichstes.

Sollte es mich mal wieder auf ein Festival verschlagen und da stehen irgendwo die Sportfreunde auf der Bühne herum, würde ich wieder hingehen. Ein Muss ist die Band leider nicht. Nicht einmal als Fc Bayern Fan würde ich behaupten. Ihre Daseinsberechtigung und ihren Platz in der deutschen Pop-Geschichte haben die drei Jungs allemal. Und ich hoffe dass sie noch lange weiter machen und guter Lieder schreiben. Sich aber auch weiterhin Kritik gefallen lassen 😉

Der Text zur Nacht – Versuch eines Nachworts

Irgendwann blickt man auf dieses vertraute, plötzlich scheinbar fremde Leben zurück, und wundert sich, wundert sich darüber, wie krank und zerstört man damals war, wie verloren, und wie wenig Hilfe und Unterstützung man bekam, von denen, die man liebte, brauchte und für die man auch selbst dagewesen war. Zwar hatte man immer wieder – so weit wie möglich – ein Geheimnis aus der Sucht gemacht, doch jetzt, Jahre später, wo der Kopf langsam aufgeht wie ein verkrampfter, verzogener Muskel der vom Bewusstsein gedehnt und reaktiviert wird, jetzt, wenn ich die Gespräche mit meinen langjährigen Freunden suche und ich von ihnen und vor mir zugebe, wie absolut verloren, krank und Drogensüchtig ich war, wie unnormal dieses Leben, mein Leben, von statten ging und mit wie viel Gewohnheit und Normalität wir an die Sache herangingen, absolut blind für die Wahrheit: Dass wir krank und hilflos waren, den Fluss hinab trieben wie ein ausgedörrte Zweige, die sich durch einen kleinen, seichten, nicht einmal starken, Windstoß vom Baum des Lebens lösten, herab fielen, da die Verbindungen ohnehin nicht mehr stark zum gesunden Baum-, Trieb- und Knospenwerk zu nennen gewesen wären.
Ja. Ich war krank. Wir alle waren das.

Ebenso wahr ist es, dass wir natürlich selbst schuld an unserer Krankheit waren. Wir hatten die Realität auf eine zu leichte Schulter genommen, hatten uns selbst überschätzt, was aber spielt das für eine Rolle, wenn man am Ende wirklich nur krank und fertig ist, woher diese Krankheit kam? Hat denn der Suchtkranke, ebenso wie derjenige, der an einer Geschlechtskrankheit leidet, nicht das gleiche Recht auf Versorgung und Hilfe verdient wie jener, der eine Krankheit durch Unachtsamkeit oder aus ihm nicht nachvollziehbaren Quellen? Auch, wenn man eindeutig persönliche Fehler gemacht hat? Aber es ist schwer in unserer Gemeinschaft zwei Dinge gleichzeitig anzuerkennen: Fehler UND Krankheit? Das geht schwer zusammen in der halbherzigen Toleranz eines scheinbaren Perfektionismus, der uns allerorts indoktriniert wird…

Da war diese Zeit, in der ich gar nicht mehr Leben wollte. Wozu auch? Es gab nichts was mich hielt, was mich glücklich machte. Kein Wunder dass ich damals zu Rauchen begann… Da waren nur die Drogen und das Trauma, dass dieses Nachtleben der einzige Anker zum Dasein sein konnte und das Nachtleben ist nun einmal eine schwere Geliebte, da sie einen aufzehrt und einen mit kurzer Lebenserwartung zurücklässt – und ja natürlich, irgendwo hat man sich doch frei dafür entschieden. Ein Paradox, ja. Doch war diese Entscheidung nicht das eigentliche Hauptmerkmal der Krankheit? Und ist es nicht mehr als logisch dass man sich im Krankheitsfall an das Umfeld hängt, in dem man sich auskennt, dass man liebt?

Ich hätte zu dieser Zeit sicherlich auch keine Hilfe angenommen. Dafür war ich viel zu arrogant, selbst bezogen und blind. Später ist irgendwann und damit eh egal. Und irgendwie hing man die ganze Zeit mehr im Gestern als in der Gegenwart fest; trauerte um alte Liebe, seien es Frauen, Freunde, Musik und Familie. Drogensucht ist wie eine alte Platte, die immer wieder an der gleichen Stelle springt. Man hängt fest.
Also nein. Ich will mich gar nicht beschweren, dass meine Freunde, meine Familie nicht für mich da waren, da sie es a) teilweise gar nicht wusste und b) ich diese Hilfe gar nicht angenommen hätte. Wundern muss ich mich aber dennoch, dass einen nie jemand zur Seite genommen und gefragt hat: „Du Fleming? Ist mit dir alles in Ordnung? Kann ich etwas für dich tun?“ Und um noch ehrlicher zu sein könnte ich nicht einmal sagen, ob das nicht doch jemand versucht hätte…

Ich wollte nicht mehr leben, gefangen im süßen Thanatos, dabei fühlte ich mich so unglaublich lebendig, leuchtete, glühte so stark aus meinem Innersten heraus, dass ihr, die keine starken chemischen Drogen genommen habt, das wahrscheinlich gar nicht verstehen könnt. Ich fühlte mich so lebendig, wohlwissend dass ich mich damit zugrunde richtete und gerade dieser absolut überzogene, grenzenlose Drang sich lebendig zu fühlen, war das größte Symbol meines Todestriebes; lieber jetzt und sofort verglühen, als mit den Konsequenzen meines Daseins klar kommen zu müssen, das war meine Formel, auch wenn ich sie erst jetzt entschlüsseln kann. Denn diese Krankheit ist wie ein großes Bild, dessen ganze Ausmaße man erst erkennen kann, wenn man zwei Meter zurücktritt.
Es war nicht alles schlecht – ach was, so etwas zu sagen ist Unsinn. Alles war super, schön, Übermenschen überlebensgroß. Man hatte die besten Freunde, die schönsten Träume und war von den tollsten Frauen umgeben. Und das war nicht nur Lüge, schlecht und asozial wie einen die Drogen-Prävention der 80ger und 90ger Jahren beibringen wollte, das war auch die Wahrheit. Würde ich alles noch einmal so machen, hätte ich die Chance dazu? Nein, sicherlich nicht. Deswegen gibt es selbstverständlich dennoch Momente die ich niemals hergeben wollen würde, die so unglaublich wichtig und schön waren und es in meinem Herzen immer noch sind. Und auf der anderen Hand ist all das Leid was ich verursacht habe, dass mir unendlich leid tut, für das ich mich schäme und selbst nicht verstehe; Drogensucht und Krankheit ist eine Sache, aber was getan wurde, wurde von mir getan und da gibt es keine Ausreden. Dazu muss man stehen.

Heute sehe ich milder auf mich und meine Freunde. Nicht herablassend, nein. Die Distanz zur Vergangenheit macht mich nur zu einem reuigen, milderen Menschen. Wahrscheinlich hätte ich das früher „Altersdummheit“ genannt und vielleicht stimmt das ja auch. Was bleibt ist die Vergangenheit mit der man hadert und- da springt die Platte wieder – die man gerne einmal wieder zurückhaben würde, nur für ein paar Stunden, ein Wochenende, einen Tag. Doch das geht nicht. Ja. Man kann druff sein und sich in seiner eigenen Melancholie sonnen. Aber das bin nicht ich von damals, das bin ich der ich heute bin. Drogen machen aus dir vielleicht einen Zeitreisenden, nicht aber dein jüngeres Ich. Denn es reist immer der, der du an einem bestimmten Zeitpunkt ist mit der Zeitmaschine, und das ändert alles. Menschen sind Menschen, keine Symbole.
Was will ich eigentlich sagen?
Ich weiß nicht. Es gibt keinen Major Point auf den ich hinaus will. Würde nicht sagen das ich heute klüger bin als damals. Ich bin einfach ein anderer geworden. Der ebenso ein Arsch ist und sein kann, wie meine frühere Ausgabe. Heute begreife ich vielleicht besser, dass ich wahrscheinlich nicht so lange leben werde wie ihr anderen und vielleicht auch nicht so gut altern werde. Krebsrisiko, Spätfolgen. Plötzlich klingt das nicht mehr nach Abstraktion. Das klingt nach morgen. Übermorgen. Viel zu bald.
Selber schuld? Ich weiß nicht. Menschen haben gute Gründe um Drogenkrank zu werden. Und das sollte man ihnen nicht auch noch vorhalten, auch wenn es unmöglich ist mit Süchtigen nicht die Geduld zu verlieren. Ich will auch gar kein Mitleid haben. Ach Gott nein. Darauf bin ich gar nicht aus. Noch ist nichts passiert. Noch geht es mir gut. Doch wer einen Roman über seine Drogensucht verfasst, muss auch die späteren Kapitel im Auge behalten, in der sich die Perspektive gewechselt hat. Ich wollte ja nie bewundert, bemitleidet oder von besonders vielen Menschen gehört werden:
Von Anfang an wollte ich nur meine eigene Wahrheit erzählen. Und das ist ein verdammt großes Unterfangen.

Sexuelle Blindheit

Als ich vor zwei Wochen den ICE von München nach Dortmund nahm, war dies der letzte Tag an dem Bundesweit über eine längere Zeit die Software für die Sitzplatzreservierungen in den Zügen ausfiel. Das schaffte Bewegung im Zug. Ich selbst hatte keine Reservierung und wurde also – wie viele andere auch – immer wieder aufgescheucht und musste mir einen neuen Platz suchen, bis ich schließlich einen festen Platz an einem Vierer-Tisch fand.

Beim stetigen „Umziehen“ hatte ich aber die Gelegenheit gefunden zurückgelassene Zeitschriften einzusammeln und war nun ordentlich eingedeckt mit den aktuellen Ausgaben des Spiegels, des Kickers und der Spex, während ich auch noch zwei Bücher (von Rainald Goetz und David Foster Wallace) mit mir führte; ich war also sehr gut versorgt. Ich las und blätterte hier und dort und überall, ganz vertieft an den Schmarrn der Information, den mein Kopf nicht gespeichert hat und ich mich heute so gut wie überhaupt nicht mehr daran erinnern kann, was mir damals so wichtig erschien.

Mir gegenüber saß eine Frau, etwa 10 Jahre älter als ich, die die „Zeit“ weit über den dafür viel zu knappen Tisch ausgebreitet hatte (wo zum Teufel liest man so eine Zeitung anständig?) und ebenfalls sehr ins Lesen vertieft war. Da wir uns dank der Bahnüblichen Verspätungen (insgesamt eine ganze Stunde) sehr lange gegenüber saßen, kamen wir ins Gespräch über die Dinge, die wir lasen. Der Bachmann-Preis für Goetz, die Schönheit der Bücher von David Foster Wallace usw. Ich dachte mir: „Nettes Gespräch.“ Und wendete mich wieder meinem Lesematerial zu.

Die Dame hatte ihre Jugend schon lange hinter sich gebracht und war damals sicherlich keine absolute Schönheit gewesen, wenn auch eine ansehnliche Frau. Ihr bedacht sehr schlanker Körper könnte ein Indiz für Kinderlosigkeit oder auf eine hohe Selbstdisziplin schließen lassen, wozu auch ihre sehr ausgesuchte und nicht übertrieben dezente Kleidung passte. Die Sprache derer sie sich bediente gefiel mir sehr. Ruhig, bedacht und an mancher Stelle dann doch wieder ein wenig hibbelig. Nicht zu Damenhaft, trotzdem mit einem kleinem Hang zum Altmodischen… Sie hatte Stil. Den ich mochte. So wie man als kleiner Junge den Aura und den Stil mag, den die Lehrerin vorne an der Tafel ausstrahlt, nichts forciert sexuelles, wenn auch sehr weibliches. Ein Stil, den ich an den allermeisten Frauen die ich kenne, schwer vermisse, ihn aber zum Glück schon bei der ersten Begegnung mit meiner jetzigen (und hoffentlich ewigen) Freundin wiederfand; für mich und meine Ästhetik sind die meisten Frauen viel zu laut, ja, fast schon zu vulgär.

Die namenlose Frau verabschiedete sich höflich in Duisburg und stieg aus. Inzwischen hatte der Zug sich so weit geleert, dass ich ans Fenster rutschen konnte, von wo aus ich der Dame zusah, wie sie ihren dort wartenden Lebensabschnittspartner küsste, umarmte, und mich dann durch das Fenster von außen wie ein kleines Mädchen über die Schulter ihres Geliebten eindeutig schmachtend ansah, weiter sogar mich anblickte, als der Mann sich schon längst aus der Umarmung gelöst hatte; ich lächelte ihr zu und dachte für mich: „Hoppla. Die fand mich wohl doch ziemlich besser als erwartet.“ Sie stand noch da wie ein kleines Mädchen mit Hundeaugen. Sprach mit ihrem Kerl und sah zu mir hoch. Und dann setzte sich der ICE endlich wieder in Bewegung.

Ich erzähle diese kleine Episode natürlich nicht deswegen um zu zeigen, was für ein verhinderter Casanova ich bin, nein, es ist nur eine typische Geschichte meines Lebens, da ich fürs Flirten vollkommen unempfänglich bin, leider. Man könnte da fast schon von einer Flirt-Blindheit sprechen, da ich viel zu ernst und doch ausufernd in Gedanken bin, um die leichten Nuancen heraushören, die das Spiel ausmachen. Wobei. Nicht nur die… Ja. Bei mir muss sich eine Frau fast schon auf den Schoß setzen damit ich kapiere was los ist.

Im Nachhinein lustig ist auch die Geschichte wie wir aus Stuttgart nach dem Abtanzen im damals noch existierenden Rocker33 auf dem Weg nachhause waren, und eine damalige Freundin süß zu mir hauchte: „Und jetzt gehen wir noch zu dir…“ Worauf ich, absolut überrascht und nicht verstehend sie anraunte: „Was wollen wir denn bei mir? So ein Quatsch! Ich will jetzt heim und meine Ruhe haben!“ Nicht weil ich sie nicht gerne mitgenommen hätte, nein, sondern es ist leider wirklich so, dass ich viel zu dumm und unaufmerksam bin. Zu plump. Zu grobmotorisch…
Da könnte ich einige Geschichten erzählen, die mir erst im Nachhinein („Oh scheiße!“) klar wurden.

An meine Unfähigkeit Frauen gegenüber musste ich denken, als gestern auf Facebook eine alte Bekannte „gefällt mir“ bei einem Beitrag von mir gedrückt hatte, die einstmals im Kesselhaus vor mir stand, mit MDMA in der Hand, die sie mir hinhielt, und meinte: „Das nehmen wir jetzt. Und dann ficken wir im Fliegen.“ Woraus auch nichts wurde, weil ich viel zu überfordert mit der Situation war; jeder ging zu sich nachhause… Ein Held und Casanova bin ich nur in Gedanken. Und meine Reaktionen hatten nie was mit den Frauen zu tun, immer nur mit mir selbst…

Da kann ich nur froh sein, jetzt in festen und besten Händen zu sein. Glücklich aufgeräumt 🙂

Vom Hallenbad in der Kleinstadt

Nach meinem vierten von insgesamt 4 Migräne-Anfällen an diesem Wochenende, gingen wir in das örtliche Freibad. Fähig dazu war ich nur, da mir meine Freundin noch eine dieser Ukrainischen Verbesserungs/Schmerztabletten gab, die hierzulande nicht nur indiziert, sondern wirklich VERBOTEN sind. Damit sollte ich das Geschrei der Kinder ertragen können, die fröhlich wie Babys mit den Armen rudern oder plump wie Pinguine vom Beckenrand springen würden. Meine Wahrnehmung wurde ein wenig – anders. Gegenständlicher. Die Winkel schienen gerader zu werden. Überflüssig zu erwähnen: Meine Freundin lenkte den PKW zum Bad.

Dort angekommen stand da erst einmal einer der Russen der mich vor Jahren verprügelt hatte, mit seinem dicken Porsche, der sehr passend ist zu seinem FETTEN Körper; es war einer dieser Porsche-Geländewagen, wo man als Normalverbraucher nur den Kopf schütteln kann: Was will man mit einem Porsche Geländewagen? Das klingt so als würde man sagen, „Ja, ich bin fett, und ich weiß es“. Das ist wohl Wahrhaftigkeit, aber eben genau das Gegenteil davon, wofür ein Porsche steht.

Im Hallenbad-Gebäude bei der vier-fach Turnhalle, war ich seit meiner Kindheit nicht gewesen. Man hatte wohl renoviert über die Jahre. Die Brille legte ich ab und folgte dem Körper meiner Freundin ins Wasser. Das Schwimmbecken ist sehr klein und (fast) in der Mitte abtrennt. In Schwimmerbereich und Nicht-Schwimmer. Wir Schwimmer: Schwammen ein paar Bahnen. Die Tabletten schützten mich vom Schall aus den Kehlen, aus den Mündern der Glückskinder, die schrien und krakelten, als ob es keinen Morgen gäbe, wobei, die jeden Tag bei Gelegenheit so schreien; wie ist das eigentlich? Machte eine glückliche Kindheit ein glückliches Erwachsenenleben unmöglich? Oder umgekehrt?

Wir lehnten unsere Körper mit roten Gesichtern an die unter Chlor-Wasser stehenden Fliesen im Nicht-Schwimmer-Bereich. Holten Luft. Der Schmerz klopfte ein wenig an meinem Kopf. Noch waren. Keine Lichtblitze zu sehen. Obwohl eine Frau neben uns mit ihrem kleinen Sohn vor sich (mit Taucherbrille) zu schreien begann, zu dem Mann, der neben dem Becken, an der Wandhohen Glasfassade saß: „Sie Perversling! Sie habe ich doch neulich erst am Spielplatz gesehen! Sie Pädophiler! Was starren Sie unsere Kinder so an?“ Und ich dachte mir, mhm, das SIE zeigt an, dass man trotz aller Entrüstung noch in Bayern ist.
Wir reckten unsere Köpfe zu dem Mann, der peinlich berührt und mit rotem Kopf dort auf der Bank der Gemeinde saß. Fast ganz nackt. In seiner Boxer-Short. Der wie ein Boxer von Worten immer mehr zusammengeknüllt und in die Kunststoffbank geschoben zu werden schien, so sehr schlugen die Worte auf ihn ein, denn nicht nur Frau A. sondern auch Frau B. bellte plötzlich los, auf diesem Mann mit Halbglatze und Bauch, ein untersetzter Perversling, wie man sich hier nicht nur erzählte, sondern skandierte. Die Frauen und Männer im gesamten Hallenbad in der Kleinstadt meines Ortes schrien ihn an, drohten ihm, schüttelten Fäuste wie Fernseh-Film-Statisten, bevor der Hauptdarsteller auftritt und die Sache übernimmt. Nur waren hier alle Hauptdarsteller. Besonders der so genannte Perversling. Und deswegen kaum auch niemand um die Sache zu klären.

Der stand auf. Hob, fast schon messianisch, die Arme und wollte dem Mob im Wasser Einhalt gebieten, dieser Hai-Brigade, die vor lauter Wut und dem Schütteln von Körpern und Fäusten – auch die Kinder waren dabei – das Wasser zum Tosen und Aufschäumen brachten, und brüllte seinerseits über die hallenden Eskapaden, dem Getöse der stehenden Fluten hinweg: „Aber! Aber! Aber!“ Er wollte widersprechen, das war sicher. „Aber! Aber! Aber!“ Die Arme sanken ein wenig. „Mein Sohn ist doch vor 2 Monaten gestorben! Ich vermisse ihn so sehr!“ Doch diese Wahrheit brachte das Fass der Wut zum Überlaufen, die Hai-Brigade schnappte sich den armen Mann, der auf weiß Gott welchen Art sein Kind verloren hatte, an den Beinen, so dass er mit dem Kopf auf die glitschigen Außenfließen schlug und aufbrach wie eine reife Melone – Ruck! Zuck! Zogen die Menschenfresser und -Verurteiler in einem Rutsch den zuckenden Leib ihres Opfers ins Wasser und zerrissen ihn, bis überall im Badewasser nur noch Blut zu sehr war.

Ich. Wollte noch bevor die Menge sich auf ihn stürzte verteidigend zu seiner Hilfe eilen, das Wort „Solidarität“ lag selten klar und wahr auf meiner Lippen, da sprang das Kind von Frau A. von hinten auf meinem Kopf und tauchte mich lachend unter – danach konnte ich ihm nicht mehr helfen. Zu viel Blut war schon verloren worden. Und wir standen darin. Wie in einer menschlichen Lache aus Wein.
Und die einzige Reaktion des Bademeisters war, eine Prise Chlor ins Wasser zu geben, um es zu reinigen.

Die Türsteher in der "Kantine" in Augsburg

Und noch was ist mir eingefallen.
Als unsere Bekannte oben beim Toilettenwartekanapee in die Kantine gekotzt hatte, nahmen wir sie und setzten sie draußen vor dem Eingang zum Luftschnappen. Bis dahin waren die Kantine-Leute supernett zu uns trotz der Situation, ich bekam an der „Welt-Bar“ (heißt die so?) sogar eine Mülltüte geschenkt in die unsere Bekannte auf der Rückfahrt theoretisch gut reinkotzen gekonnt hätte.
Auf jeden Fall bin ich dann mit meiner Freundin raus zu unseren beiden Bekannten, von der es wie erwähnt einer richtig schlecht ging und wir sind dann zum nächsten Taxi.

Erst sah alles ganz gut aus, dann wurde ihr natürlich (natürlich) wieder schlecht und der Taxi-Fahrer wollte erst nicht losfahren – was wohl sehr verständlich ist; auch ich dachte mir: „Dann setzen wir uns noch ein Viertel Stündchen an die Luft und fahren später heim. Also stieg ich als einziger aus und war ein wenig unentschlossen wie es weiter geht (war ja auch nicht nüchtern), da riefen zwei Türsteher zu mir herüber: „Nutz ja nicht die Situation aus!“ Und ich so: „Häh?“ Bin wieder verwirrt eingestiegen, dann gleich wieder raus, hab zu denen rüber gerufen: „Was meint ihr denn damit?“ Weil ich es echt nicht gerafft habe… Und die dann voll nett zu mir: „Frag doch nicht so saublöd!!“

Später habe ich dann kapiert was die von mir dachten, weil, die Türsteher an der Kantine wohl nur dann Frauen ins Bett kriegen, wenn diese draußen bei ihnen total durch vor der Eingangstüre abgekotzt haben und eh kaum mehr was checken, worauf aller Vermutung nach ihre große Stunde schlägt und sie die vollgekotzten Frauen in ihren Mini-Van schleifen – die Typen haben nur von sich auf mich geschlossen… Diese Versager – was für eine Frechheit! Ich hab doch nicht deren Masche nötig!
Da kümmert man sich rührend um ne Freundin (ich bin ein klarer Fall von Helfersyndrom) und dann so was… Davon absehen dass meine eigene Freundin sogar noch mit im Auto war – solche Honks.

Schließlich konnten wir den Taxi-Fahrer mit dem Versprechen auf einen wahren Goldschatz gefügig machen, und am Ende einigten wir uns im Wohlwollen für beide Seiten.

Wenn euch mein Beitrag  gefallen hat, empfehle ich euch meinen Roman „Verlorene Jungs“. In dem erzähle ich am Beispiel eines verrückt/normalen Wochenendes von meinem durchgeknallten Techno- und Drogenleben. Klickt entweder hier bei Amazon oder hier Bookrix rein, von wo aus ihr auf weitere eBook-Shops Zugriff bekommt.

Viel Spaß damit!

Das Verhalten von Frauen auf Facebook

Sieht man sich die Facebook-Chronik von zum Beispiel alten, eigentlich im Kopf längst vergessenen Klassenkameradinnen an, zeigt sich meistens der immer gleiche Verlauf:

Am Anfang sind da viele Bilder wo man glücklich und froh mit dem Freund posiert, worauf (nicht immer, doch häufig) romantisch inszenierte Ehepaar-Fotos von der Hochzeit folgen, bis schließlich ein Kind in das Leben tritt – und plötzlich gibt es kein einziges Foto mehr vom Mann sondern nur noch von Kind und Mutter.
Im Prinzip ist das ein Lehrstück über Psychologie, Liebe und Sehnsüchte: Da läuft doch was falsch.