Greenfields Open-Air-Festival in München. Es war der 08.07.2018

20180708_163737

Das Problem bei einem Sonntagsfestival sind die Tage danach: Absolute Zerstörtheit. Schließlich ist man keine 17 mehr. „Siebzehn“ ist in diesem Fall keine willkürliche Zahl, denn schließlich bin ich einer der Wenigen, der 2001 auf dem ersten „Greenfields“ auf der Pferderennbahn in München/Riem dabei war. Schwer zu sagen ob man darauf stolz sein soll oder sich schämen müsste. Zur Zeit um die Jahrtausendwende waren diese „Sven Väth“-Sonntagsfestivals gerade in Mode. Sven legte auf ner Burg auf, Sven legt in ner Kiesgrube auf, Sven legt an nem See auf; natürlich auch auf dem „Love Family Park“ oder eben bei uns in München. Wo wir. 21 Jahre alt und ordentlich durch geraved, das Prinzip von solchen Tagesveranstaltungen noch gar nicht ganz verstand. Okay. Da war der Sven. Kennt man. Wegen dem ist man da. Guter Typ. Und er war der einzige der seine Platte drehen lies, bis auf einen oder ein paar Münchner Locals im Vorprogramm. Doch was sollte das mit dieser Sonne? Mit diesem freien Himmel? An einem Sonntag? Warum nicht einfach Techno-Keller oder altes Heizkraftwerk, wie sonst auch immer? Daran war doch nichts falsch gewesen…

20180708_170954

2018 gibt es das „Heizkraftwerk“ auch schon seit 15 Jahren nicht mehr – und das „Greenfields“ hat statt einem Floor gleich drei. Der Sven kommt aber immer noch. Wie in jedem Jahr. Auch wenn seine Sets für meinen Geschmack immer unspektakulärer geworden sind. Er hat noch diesen Spirit die Massen zu begeistern, leider fehlt es ihm aber an der gewissen Verve, dem unbedingten Willen. Er scheint etwas zu sehr in sich zu ruhen, ein wenig zu satt zu sein. Zwar sind da noch immer die famosen Einzelaktionen, das Begeisternde, dass er mit sich bringt. Am Ende aber ist er ein Schatten seiner selbst, wenn man ihn früher kannte.

2018 ist DJ-Altmeister Väth gut vergleichbar mit der deutschen Nationalmannschaft.

20180708_153210

Es hat ja auch seine Vorteile, dass der Sven nicht mehr alles alleine machen muss. Gerade eben richtig zur letzten halben Stunde von Kollege „Kölsch“ schlugen wir an der Mainstage auf. Der dänischer Kompakter hat mir schon auf dem „Contact Festival“ gut gefallen. Nicht zu langweilig. Nicht zu knüppelig. Schöne Töne. Verknarzte Flächen. Macht er richtig gut, der Mann mit dem furchtbaren Hut.

20180708_164021

Allzu viel mehr bekamen wir dann auch nicht mit. Ich fand mich zum Set von „Maceo Plex“ in der Sonne wieder. Im Liegestuhl. Die Frauen schwenkten ihren Aperol im bauchigen Echtglas. Wir chippten uns den Jägermeister rein. Große Gesten. Viel zu lautes Lachen. Peinliche Fotos. Und die Frage, wann Techno denn nun wirklich starb. Damals, als es zum ersten Mal was ZU ESSEN auf nem Techno-Festival gab. Oder jetzt, als die AOK original einen Stand auf dem Greenfields hatte. Verkehrte Welt – gekreuzte Gläser. Schön mit den Freunden in der Sonne.

20180708_160120

Und dann geht es weiter im Selfie-Wahn, rüber zur nächsten, schattigen Bühne, wo der Blick trotz überteuerter Getränke immer trüber wird und die Frage, ob das schon Matthias Tanzmann ist, mit „Maya Jane Coles“ beantwortet wird. Getanzt haben wir eh nicht wirklich, den ganzen Tag über nicht. Es war mehr so ein Hin-und-Her-Schmofen, wo man bei der halb abgerauchten Kippen schon an das nächste volle Glas dachte, und umgekehrt. Schlagartig, ohne wirklich zu wissen wie man dorthin gekommen ist, lagen wir dann auf DER DECKE auf dem grünen Hügel und quatschten die Leute zu. Der Torsten aus Niedersachsen war da. Später das Pärchen aus Tirol drüben beim dritten Floor. Und noch einer von sonstwo, bei dem ich mich bei aller Liebe wirklich nicht mehr daran erinnern konnte, was für einen Schwachsinn ich an den armen Kerl hin gelabert habe – egal. Lauter nette Leute von sonst wo her, wo ich mir gar nicht erklären konnte, warum die an einem fuckin Sonntag in München sind. Und alle sagten: Weil die Leute hier so nett und chillig sein. Baffheit von meiner Seite aus. Das ist zum Glück nicht mehr das München meiner Jugend, als die musikalische Qualität mir viel wichtiger war als die dort kennen gelernten Leute, da diese sich tatsächlich oft für was besseres hielten. Wir aus Nähe Augsburg waren für die immer der eigentliche Techno-Strich gewesen. 2018 hatten sich alle lieb.

20180708_182733

Rodhad“ bolzte mir ein wenig zu sehr. Bis wir uns alle dann doch natürlich wieder drüber beim Sven trafen. Sven Väth wie immer; Kleiner Mann ganz groß. Und dann war der Tag auch schon wieder vorbei. Hat wie immer sehr viel Spaß gemacht. Vermutlich nächstes Jahr wieder. Warum auch nicht?

20180708_190439

 

Erst am nächsten Tag, als ich die Fotos auf dem Handy durch flippte, wurde mir klar wie viele Bilder ich von uns geschossen hatte. Zahlreiche Lichtbilddokumentationen davon, wie wir immer mehr in den Suff abglitten und dabei sichtlich Spaß hatten. Gewagte These: Selfies und Gruppenbilder mit Freunden sind die eigentlichen Umarmungen in den ersten zwanzig Jahren des neuen Jahrtausends. Festgefroren auf des Displays unserer digitalen Rechtecke. Und bei aller Kritik: Irgendwie ist das doch auch was Tolles.

 

Advertisements

4 tote Kinder

Meine Nachbarin ist ein Idiot. Kein schlechter Mensch. Nur ziemlich dumm. Die Wohnung unter uns ist ihre erste Wohnung eigene und die Monate haben gezeigt, dass sie alleine fast nicht überlebensfähig ist. Sie trifft ständig die falschen Entscheidungen und hängt mit den falschen Leuten herum. Schon komisch: Früher war ich einer der „falschen Leute“. Heute treffe ich ein Urteil über sie.

Sie genießt es augenscheinlich nicht mehr unter dem wachsamen Auge ihre Mutter leiden zu müssen. Sie hat ständig verschiedene Typen. Drogenleute. Auch nicht von der hellsten Sorte. Was mir natürlich vollkommen egal ist. Hauptsache. Es ist nach 10 Uhr abends ruhig und mir parkt keiner die Einfahrt zu. So bin ich geworden.

Die Typen kommen und gehen. Und sie ist nun wirklich nicht die Schönste. Aber so ist das bei einer Frau, wenn zwischen ihren Beinen Tag der offenen Tür ist. Klar tut sie mir irgendwo leid dafür, dass sie sich ständig ausnutzen lässt und von den Typen nur verarscht wird. Das hat sie mir selbst erzählt. Doch jeder trifft seine eigenen Entscheidungen.

Vor etwa einem Jahr klopfe es an unserer Haustüre. Die Nachbarin. Sie wollte mit meinem Lebensgefährten sprechen. Er ist raus und dann wurde laut an der Türe geredet. Eine halbe Stunde lang. Und am Ende sagte sie, mein Freund solle mir davon nichts, was ich die ganze Zeit im Zimmer nebenan mit dem Kindl auf dem Schoß schon mitgehört hatte: Sie war schwanger. Und mein geliebter Freund, seines Zeichen Doktor der Medizin, gab ihr ein paar Ratschläge. Zwei Wochen später war sie nicht mehr schwanger. Und mit den Tipps zur Empfängnisverhütung sollte es auch so bleiben.

Ein halbes Jahr später klopfte es wieder an der Türe. „Es ist schon wieder passiert.“ „Wie es ist SCHON WIEDER passiert?!!“ Mein Freund war außer sich. Was für ne Assi-Braut. Sie wusste nicht einmal, von wem das nächste Kind war. Zweifelhaft ob sie es beim ersten wusste. Mein Freund führte ein sehr ernstes, weniger empathisches Gespräch mit ihr, als beim ersten Mal. Und zwei Wochen später war sie nicht mehr „in froher Hoffnung“. Es war für alle Beteiligten der beste Weg. Wie sollte eine Frau wie sie auch noch für ein weiteres Leben Verantwortungen übernehmen, wenn sie es nicht einmal für sich selbst kann?

Vor ein paar Jahren stellte mir ein Freund eine Bekannte von ihm vor. Ich freundete mich mit ihr an. Ein Jahr und 5 Monate vor dem heutigen Tag, stellte sie mir ihren neuen Freund vor. Ein Pfundskerl. Wenn auch ein wenig klein an Wuchs. Sie wollte immer Kinder bekommen. Doch wegen einer Operation in ihrer Vorgeschichte war die Wahrscheinlichkeit gering. Sie wurde trotzdem schwanger. Wir freuten uns alle sehr für sie. Und dann auch noch Zwillinge. Doppeltes Glück. Die Wochen, ein paar Monate gingen ins Land, bis die Herztöne der Zwillinge verstummten. Nicht nur der Himmel weinte. Das Wehklagen wimmerte stumm aus unseren Telefonen, als unsere Daumen die Kurznachrichten verschickten. Ich hätte nicht gewusst, was mein Mund an direkter Sprache hervor gebracht hätte. Was kann es schlimmeres für eine Frau geben, als ihre toten Lieblinge gebären zu müssen?

4 tote Kinder.

2 die unbedingt gewollt wurden, aber nicht lebensfähig waren.

2 die wahrscheinlich lebensfähig waren, aber von keinem gewollt wurden.

Nur in Märchen ist das Leben fair.

Und die ganze Welt schaut auf die Fußball-WM.

Mein Boykott der Fußball-WM 2018, Teil 2

Großmaulig und vollmundig habe ich vor über einem Jahr angekündigt, die Fußball-WM 2018 in Russland zu boykottieren. Es gibt ja auch mehr als genug Gründe dafür. Sei es die korrupte FIFA, als auch Russland selbst, der Austragungsort, der sicherlich auch durch die Medien in den letzten Monaten zum „Reich des Bösen“ stilisiert wurde; wenn man aber völkerrechtswidrig in ein anderes Land einfällt (auch wenn es Teil eines ehemaligen gemeinsamen Großreiches ist), Staatsdoping betreibt (was die Russen selbst zugegeben haben) und Schwule, Lesben wie Transgender verklopft (auch wenn die Ukrainer da auch kein Vorbild sind), braucht man sich für mein Gefühl auch nicht wundern, wenn einen keiner leiden kann. Themen wie Attentate auf Menschen im Ausland lasse ich jetzt mal dahin gestellt. Schließlich bin ich kein Geheimdienstler. Und wenn der nur von sich selbst ergriffene Bundesjogi kritiklos Land und Leute in Russland lobt, wenn er auch noch in der Bild-Zeitung Kanzlerin Merkel dazu ermutigt sich der Putinschen Propaganda-Show anzuschließen, haben Leute wie ich auch keinen Bock mehr auf den DFB. Alle nur Marionetten der Macht und des Geldes.

Zermürbt werden meine Boykottabsichten nur von meinen Freunden: Wie jetzt? Im Sommer keine Fußball-WM? Aber das machen wir doch immer zusammen! Fußball schauen! Du bist doch mein Buddy!

Und das stimmt ja auch. Das man das gerne macht. Weit weg von den bescheuerten Fan-Meilen, wo die Superproleten, die keine Ahnung von Fußball, aber vom Saufen haben, sich zusammenrotten um IHRE Mannschaft zu feiern – aber Özil und Gündogan nach ihrem Erdogan-Auftritt bitte gleich abschieben… Davon abgesehen dass ich Özil und Gündogan selbst für undankbare Deppen halte, die dem Projekt „Integration“ in Deutschland einen Bärendienst erwiesen haben, mag ich natürlich auch dieses vereinende Gefühl von Fußball-Weltmeisterschaften. Wenn ganze Länder im Aufruhr sind und jeder sich mit seinem Nachbar auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen kann. Wobei. Das stößt mich auch schon wieder ab… Mir ist es egal ob ihr Fan von Borussia Dortmund seid (wie ich es bin), oder den verhassten Bayern oder den Schalkern zujubelt: Liga-Fans sind für mich echte Fußball-Fans. Denn sie sehen sich die ganze Zeit die Spiele ihrer Mannschaften an. Nicht nur wenn es gerade „in“ ist. Auch. Wenn der Kommerz beim Vereinsfussball natürlich nicht weniger (wenn nicht sogar mehr) ist und die gleichen Superhelden aktiv sind, die auch während der WM ihr Geld in Steueroasen verstecken. Zugegeben: Da ist auch viel Doppelmoral vom meiner Seite aus mit dabei. Trotzdem kann und konnte ich den „Schland!“-schreienden, Bierverschüttenden, grabschenden rotköpfigen Vollidioten im Deutschland-Dress noch nie viel abgewinnen… Wenn jeder Fußball-Fan als der Vertreter seines Landes gesehen werden würde, könnte man von Deutschland als einem tatsächlich sehr würdelosem Land sprechen… Es muss doch nicht immer alles gleich so doof und besoffen sein.

Zurück zum Thema: Ja. Ich würde die WM wirklich gerne ansehen. Mit meinen Freunden. Und zusammen diese Hochs und Tiefs erleben, die man früher auch im Kino haben konnte, bevor es von Comic-Verlagen gemanagt wurde. Es ist halt leichter so einen Boykott durchzuziehen, wenn man den Sport eh nicht mag. Wenn doch, dann wird es anstrengend.

Szenen eines wüsten Lebens

Nach den Show-Kämpfen der aufgepumpten Wrestling-Monster ging es dann doch nicht mit dem Taxi, sondern ganz gesittet mit der Bahn zurück nach Augsburg. Gefühlt hatten wir unsere Cocktail-Kunststoffbecher noch in der Hand, als wir in das Abteil stiegen. Dann wurde geredet. Wobei wir nie aufgehört hatten zu reden. Sei es während der Wrestling-Show, dem Kaufen der Getränke und Würste, nicht einmal beim Essen. Schon gar nicht mit dem Becher im Mund. Ständig wurde was erzählt. Wohl wissend, dass bis morgen, spätestens bis Augsburg, eh schon wieder alles vergessen sein würde, was der andere da palavert hatte. Auch schon Wurscht. Irgendwann würde man das schon noch einmal hören, in diesen Kreislaufen an ständigem Gerede. Also zwei bis drei Mal würde man die Themen sicherlich noch erwähnen. Warum dann zuhören? Es ging irgendwie um Drogen und Frauen, was selbstverständlich und bei genauerer Betrachtung das Gleiche ist und immer war. Wobei es wie immer mit den Drogen ein ernsteres Ding ist, als mit den Frauen. Drogen sind einfach eine sicherere Sache. Denn bei denen geht es immer um einen selbst. Teilweise wurde dann auch so offen und laut daher geredet, gerade weil man sich in diesem öffentlichen Raum befand. Die Zunge ist immer lockerer, wenn es jemand gibt, der zuhören muss, dir gegenüber sitzt, und dich nicht schon 20 Jahre kennt. Jemanden, den du jetzt und dann nie wieder siehst. Der eigentlich gar nichts von dir hören will. Und dann doch die Ohren spitzt. Wenn du Kokain sagst. Blowjob. Oder „Geld ist nicht das Problem“. Wir redeten also wie pseudocoole Proleten daher, während wir tatsächlich unsere Handwarmen, gestohlenen Cocktail-Gläser einander zu schwenkten. Die restlichen Passagiere Geisel nehmend.

In Augsburg angekommen ging es dann per Taxi zur Partymeile, in die Maxstraße. Die Straße in Augsburg, in der man sich für ein betuchtes Taschengeld ordentlich betrinken kann. Bitte noch einmal in fett: Betucht und ordentlich. Vor dem Club stand keiner aus den Türstehern. Und wir zwei Gesichter würden gleich mal gar nicht rein kommen. Richtig. Wir hatten ja noch die Wrestling-Kleidung an. Eine Minute später waren wir drin. Man muss nur wissen was man sagen darf.

Unten im Keller war schwer der Chartssound an. Und außer uns keiner. Pfingstsonntag. Nicht gerade DER Tag für die Location. Cocktail-Zeit. Da kam dann auch schon unser Mann aus der Seitentüre. Großes Hallo! Wie geht’s und war´s denn so? Ganz gut. Hände wurden geschüttelt. Floskeln und Wahrheiten getauscht. Der Besitzer freute sich sichtlich uns zu sehen. Schon komisch wie sich manche Menschen entwickeln. Schon seit der frühen Jugend kennen wir drei uns. Von der Schule. Vom Ticken. Dann hat er Underground-Techno aufgelegt und Partys organisiert. Bis die Sache mit dem Metal-Label kam. Voll Hardcore. Und jetzt betreibt er hier diesen Charts-Club, in dem die Moet-Flasche zu jedem guten Gespräch dazugehört. Man muss machen was geht. Sonst winkt das Armenhaus. Mit Ende dreißig verstehen wir das.

Einen Handzeig später sind wir hinten im weniger glamourösen Teil des Ladens, in den uns die Türstehers vorhin gar nicht rein lassen wollten. So kann es gehen. Wir stehen zwischen vollen und leeren Cola- und Bierkisten. Aschen in offenstehende Bierhälse. Von drinnen dröhnt der Bass. Wir reden über die Gegenwart und die Vergangenheit. Netflix und was das alles noch wird. Die Großunternehmer. Und ich. Und ich komme mir ganz klein vor. Als einziger Angesteller hier. Während die ihren Traum leben. Und trotzdem sind wir auf dem gleichen Level.

Wichtig ist: Die Leute mögen. Nichts von ihnen wollen.

Ein paar Wochen vorher waren mein Wrestling-Freund und ich in ner Techno-Kneipe gewesen. Wo sich die dichten Boys an meinen Kumpel anbiederten. Nur um irgendwann einmal das doppelte oder fünffache von meinem Freund mit den Connections zurückzubekommen. Pure Berechnung. Beschissene Scheinheiligkeit. Rückblende in die Zukunft: Ich kann von meinen beiden Jungs hier fast alles bekommen. Von einem sogar mit Sicherheit. Seien es Umsonstdrinks. Gästelistenplätze oder was für die Nase. Nicht weil ich so toll wäre. Sondern weil ich die Jungs einfach mag. Und sie es von mir auch bekommen würden. Es muss Ehrlichkeit dabei sein wenn man sagt: „Ich finde es toll was du da machst.“ Ohne dabei zu meinen: „Ich finde es toll, was du für mich machen kannst.“

Junge Leute und Techno im „Terminal 7“ in Paris – ein Erlebnisbericht

Eine Reise ins Ausland kann einem den Glauben an die Menschen zurückgeben. Sicherlich, das sind große Töne. Für ein paar Tage fühlte es sich trotzdem danach an. Ich wollte nie nach Frankreich. Meine Freundin dagegen schwärmte davon. Und als ich das Interview im Spiegel zur großen Macron-Grundsatzrede zu Europa gelassen hatte, dachte ich mir: Okay. Dieses Frankreich von Macron würde ich gerne sehen.

Manchmal bekommt man das wonach man sich sehnt.

Unser erster Eindruck von „Macrons Frankreich“ war der Bahn-Streik. Fährt unser Zug? Fährt er nicht? Und falls doch, wie lange würden wir von Stuttgart tatsächlich brauchen? Das Einzige was wir schließlich von der ganzen Sache mitbekamen, war eine Flasche Wasser, die uns die streikenden Bahner nach der Ankunft in Paris schenkten. Wegen den Unannehmlichkeiten. Welche Unannehmlichkeiten?

20180418_201440

Macron sprach in dem Interview auch und viel davon, dass es gerade die jungen Menschen gewesen wären, die ihn gewählt hätten und sie seien es, die sich ein starkes Europa mit einer großen Zukunft wünschten. „Geschwätz“ dachte ich. Typisches Politiker Blahblah. Umso überraschter war ich, Tausende junge Franzosen im ersten Bezirk zu sehen, die friedlich und außerordentlich gesittet vor dem Louvre auf den Grünflächen saßen und quatschten. Nicht nur dort. Überall am Uferverlauf der Seine saßen junge Leute wie Perlenschnüre aufgereiht und zeigten friedliche Präsenz. Das beeindruckte mich mehr, viel mehr als die schwer bewaffneten Soldaten, die durch die Innenstadt patroulierten und ebenfalls Präsenz demonstrierten. Frankreich ist immer noch im Ausnahmezustand. Na und? Die jungen Leute zeigten, dass sie keine Angst haben.

20180418_192847

Am letzten Tag ging es dann in das „Terminal 7“. Ein In-Club am Rande des ersten Bezirks. Google Navi wollte uns durch das Messegelände schicken, doch das war geschlossen. Weswegen wir durch die warme Pariser Nacht irrten. Dann trafen wir wieder junge Leute. Ja. Sie würden auch den Club suchen. Hier sei mal wohl nicht richtig. Ob wir mit ihnen mitfahren wollten? Ihr Auto stehe dort drüben. Man verständigte sich in diesem Wust aus Französisch und Englisch, der alle Vorbehalte aufhob und das Lachen wie Interpunktion benutzte. Gern fuhren wir mit. Wir hätten den Eingang zum Terminal 7 ohne sie nie gefunden. Es lag oben an der Straße. Ein Eingang ohne Schild. Da waren nur ein paar unscheinbare Metallgitter und Security-Leute. Neben einem gigantischen Billboard. Hier verloren wir kurz unsere neuen Freunde. Folgten dann aber hinab über die Autozufahrt, die extra für die Clubfahrt gesperrt wurde – wahnsinnig schön urban war das, ich liebe das ja, diese Annexionen, die das Nachtleben manchmal vornimmt – dem Strom der Menschen. Rings herum um das Gebäude, hinauf, hinauf, über die Dächer von Paris. Ah. Da. Dort. Der beleuchtete Eiffelturm. Den konnten wir auch durch das Panorama-Fenster des Clubs sehen. Das Terminal 7 ist nicht der schönste Club der Welt. Doch mit Panorama-Fenster ist ja jede Klitsche geil. Siehe Berghain.

20180421_223351

Das Tollste hier drin war: Die Franzosen tanzten. Es war gerade einmal 10 Uhr abends. Ame war der Erste  von der Innervision-Posse den wir in dieser Nacht hörten – und er war richtig stark. Endlich konnten wir einmal wieder MIT den Leuten tanzen, nicht GEGEN sie. Denn ganz anders als im verhassten Berlin, wo man sich für zu cool zum verschwitzten Tanzen hält und sich eigentlich nur darüber freut, HINEIN GEKOMMEN ZU SEIN, lachten und tanzten die Franzosen, als gäbe es keinen Morgen. Die Getränkepreise waren auch so. 10 Euro für ein Bier. Für Paris normal. Also gib mir doch bitte gleich einen Cocktail, junge Dame. Ich. War einer der wenigen die überhaupt noch mit Bargeld bezahlten. Ganz anders als bei uns.

20180421_224054

Draußen fanden wir dann auch unsere neuen Freunde wieder. Denen man gefälschte, weil bereits entwertete Tickets verkauft hatte. Bei einer Zigarette wurde über Techno schwadroniert; im „Concrete“ sei es viel geiler. Dorthin gehen die hippen Pariser. Während die Mädels sich umarmten, lachten und Facebook-Freundschaft bestätigten. Zeit für das Gruppenbild. Dann alle wieder rein auf die Tanze. Lachen, schwitzen und abgehen. Freundlich. Nett. Schön. Und als i-Tüpfelchen noch die Frage, ob wir Teile wollen würden? Ich: Ich würde ja gerne, aber… Und so hatten wir von den wildfremden Leuten jede Aufmerksamkeit bekommen, die man als Fremder so gerne hat: Sie haben uns mit ihrem Auto mitgenommen, haben uns Zigaretten geben, Kontakt-Daten ausgetauscht und gleich auch noch Drogen angeboten – das geschah innerhalb von 2 Stunden.

Später legte dann noch Dixon auf. Genau. Der Dixon. Bekannt von den resident advisor Wahlen.

Es war also eine sehr geile Nacht. Und ja. Wenn man das Geld hat. Und die Lust. Und das Herz am richtigen Fleck. Dem kann ich Paris nur empfehlen.

Das Glück der anderen

Ich will mich nicht immer erklären müssen. Ich will verstanden werden. Dafür ist ein Mindestmaß an Empathie nötig; jene Empathie, gleicher Form, die ich euch gegenüber ebenfalls aufbringe. Wir sind Freunde. Da müssen die Erzählungen nicht immer wieder bei Eva und Adam beginnen.

Ich verstehe. Verstehe die Wut. Verstehe die Gier. Und ich verstehe den Schmerz, den man  mit einer lachenden, polternden Robustheit von sich vorschiebt. Vorrübergehende Blindheit kann manchmal nur im Nachhinein als solche erkannt werden. Solange sieht man seine Schwäche als Stärke an. Gleichfalls sind wir alle zu jeder Zeit blind für gewissen Aspekte des Lebens, die uns im Später erst gewahr werden können. Und doch ist man nicht „nachher immer schlauer“. Das ist nicht wahr. Nachher sieht man die Welt einfach anders. Selbst wenn sich Gesichter nicht großartig ändern. Prioritäten tun es.

Irgendwo muss es dann um den gemeinsamen Level gehen. Dass, was vom Herzen übrig bleibt. Da wäre es doch gar nicht so schwer sich gegenseitig anzuerkennen. Wenn man denn will.

Aber Anstrengungen, Bemühungen, kann man heutzutage ebenso leicht aus dem Weg gehen wie der Langeweile. Wer würde sich auch den eigenen Neid gerne eingestehen? Ich habe. Dafür. Mein ganzes. Bisheriges. Halbes. Leben. Gebraucht.

Das Sprichwort von „den Früchten im Garten des Nachbarn, die einem besser als die im eigenen Garten erscheinen“, ist wahrer als man sich eingestehen will. Weil so gut wie jeder zu sich sagt (und es heute auch von allen Orten eingeredet bekommt), dass er nicht so  wie die anderen sei. Man selbst hält sich ja für stärker und klüger. Nur wer ehrlich zu sich selbst ist sollte sich eingestehen können, dass wenn man nicht so ist wie die anderen, diese in ihrer Andersartigkeit auch Stärken gegenüber einem selbst besitzen, um die wir sie insgeheim beneiden. „Ich will nicht so sein wie du“, kann nicht bedeuten, ich bin in allem besser wie der andere. Es heißt nur. Dass man sich in bestimmten Situationen anders verhalten will. Eine Generalisierung ist immer ein Trugschluss. Deswegen ist es falsch sich ständig zu sagen, dass die Früchte im Garten des anderen immer besser sind. Immer schlecht. Oder dass sie uns nie interessieren. Das sind alles Lügen. Tatsache ist dagegen: Mein Nachbar ist mein Nachbar. Wir haben beide Früchte im Garten. Und je nach Gefühls- sowie Lebenslage beurteile und vergleiche ich uns unterschiedlich miteinander.  Wie immer sind die „Extreme“ das Problem. Nicht der manchmalige Neid. Nicht das hin und wieder auftretende Gefühl der stolze Gewinner zu sein. Das Extrem vom ständigen Gewinnen und seinem Gegenteil machen uns blind und roh; wer sich ständig für einen Gewinner-Typ hält, sieht seine Schwächen nicht mehr, wie der ständige „Verlierer“ sich seine Stärken nicht mehr zugestehen kann. Wer zu anderen empathisch sein will, sollte es auch zu sich selbst sein können. Wer also meiner Meinung nach über andere urteilen will, sollte auch über sich selbst urteilen können.

Neid ist ein stärkeres Gefühl als ich dachte. Es gab Zeiten. Jahre. Da glaubte ich frei davon zu sein. Weil ich den Mangel an bestimmten Dingen in mir selbst überspielte. Wobei genau diese Mangelerscheinung die Triebfeder für jeglichen Neid ist.

Ich verstand mich selbst nicht als ich behauptete, dass meine Freunde schlechte Freunde wurden, nur weil sie Kinder hatten. Verabscheute ihre neue Rolle. Verabscheute Kinder an sich. Nur weil ich selbst in mir einen Mangel spürte. Den Mangel nicht dazuzugehören. Die Tatsache zu fühlen. Dass mir etwas entgeht und fehlt. Ich musste in meiner eigenen Zeitrechnung sehr alt werden um das zu verstehen. Ganz begriffen habe ich es vielleicht heute noch nicht.

Heute führe ich eine tolle, liebevolle Beziehung, in der es mir an nichts mangelt. Ich habe alles. Ständig gehe ich auf Konzerte von angesagten und/oder legendären Bands. Mache Urlaube in Köln, Bulgarien, Singapur. Kann mir kaufen was ich will. Und habe eine mich liebende Freundin, die ich eines Tages heiraten will. Die mich, und das ist das Wichtigste, aushält und erträgt. Die nicht nur ein höheres Einkommen als ich einfährt, die mir auch in vielen Geistesdingen voraus ist. Mein Leben an diesem Elften Elften Zweitausendundsiebzehn ist übervoll mit guten, mit hervorragenden Dingen. Und erst jetzt spüre ich, was Neid ist. Denn den eigenen Neid spürt man weniger als den Neid der anderen. Getuschel wird an mich herangetragen. Die habe dieses und jenes gesagt. Deswegen haben sich der und die so und so verhalten, wie man es selbst nicht erwartet hätte. Manche meiner Freunde. Einige meiner Bekannten. Sind neidisch auf mich und meine Freundin.  Anders kann ich es mir nicht erklären. Obwohl ich jedem das gleiche Glück wie mir gerne gönnen würde. Jetzt.

 

 

Kuriose Sache: Die Abwesenheit von Neid macht einen hier mehr zum Außenseiter, als die polternde Bosheit anderen ihr Glück nicht zu gönnen.

Sowie es allen Anschein nach auf andere besser wirkt, ein Drogensüchtiger Versager zu sein. Den man bemitleiden kann.

Absolution – 16 – Das erste Mal in der Traumwelt

6.

Dieses Mal war es anders. Während ansonsten die Frau im Mittelpunkt stand, das Lustobjekt und die heilige Maria in einem, die Eroberung, die Beute… Der Sinn von alldem… Dieses Mal fand er sich in einem Bambuswald wieder. Er wusste nichts über Bambus an sich. Nur, dass es keiner dieser freistehenden Bambusse aus japanisch/chinesischen Filmen war, sondern sehr engstehender, scheinbar undurchdringlicher Bambus, Dschungel wie er ihn  aus diesen Klaus Kinski/Werner Herzog-Filmen kannte, von denen er auch nur die Trailer oder Youtube-Kritiken kannte… Es war wie in diesem einem ganz besonderen Film aus seiner Kindheit, sein Vater hatte ihn auf VHS gehabt… SMARAGDWALD. So war der Titel gewesen. Auch wenn er sich nicht mehr daran erinnern konnte, dort sehr viel Bambus gesehen zu haben… Dieser Wald. Dieser Amazonasdschungel fühlte sich jedoch ebenso an, wie „der Smaragdwald“ im alten, schweren, großen Röhrenfernseher seiner Familie ausgesehen hatte. Nur war es NICHT der Smaragdwald in seiner Vision, und er war auch nicht dieser blonde, amerikanische Hauptdarsteller, der als Kind von Eingeborenen entführt wurde um in dieser pseudotypischen Geschichte als Teil des Stammes aufzuwachsen und sich dann gegen seinen wahren Vater aufzulehnen. Nein. Er war Teil dieses Stamms. Und er war es schon von Geburt an hier – er war immer hier gewesen. In einer Welt, fern ab jeder Zeitrechnung, versteckt, vor der so genannten industriellen Zivilisation. Wobei… Er konnte sich dumpf (sehr dumpf) daran erinnern, dass der Smaragdwald auf einer wahren Geschichte beruhte – was sogar NOCH besser für seine Vision war.

 

Die Luft war heiß und feucht. Er schwitzte. So wie er auf seinem Sofa in sein Leder schwitzte. Sein echter Körper war da, wie im Schatten seiner selbst war er noch zu spüren, ähnlich wie in den Erzählungen von Menschen, die eine Nah-Tod-Erfahrung erlebt hatten. Aber der reale Körper war nicht mehr wichtig. Er war abgelegt worden. Wie eine zweite Haut. Ein Kleidungsstück. Ein Mantel, den man an einer Garderobe für Geld der Obhut anderen überlässt.

Seine Vision konnte sich nicht entscheiden, ob es Tag oder Nacht in war. Es war dunkel und schummrig, während es gleichzeitig auch hell und erleuchtet zu sein schien. Und er war nicht alleine.

 

Vor ihm ging sein bester Freund, den er von Kindesbeinen an kannte. Sein Name war Paco. Und das war  die Größte und bemerkenswerteste Neuheit, die er jemals in einer seiner bisher immer sexuellen Visionen gehabt hatte: Er war nicht der einzige Mann dort. Bisher gab es dort Männer ohne Gesichter, ohne Biografie, schemenhafte Hüllen, die im Prinzip nur wortlose Doppelgänger und Willenserfüller seiner selbst waren, Kopien, die nicht fähig waren zu sprechen. Paco dagegen war keine Erweiterung seines Selbst. Paco war nicht nur ein Mensch. Er war sein bester Freund. Paco war sein Vorbild. Der Junge, der er selbst immer sein wollte. Das Vorbild, dass Paul im echten Leben nie gefunden hatte.

Es waren keine körperliche Unterschiede, die sie voneinander trennten. Das Leben am Amazonas hatte ihre Körper schlank und athletisch geschnitzt. Ihre Körper waren sehnig, jung und straff.  Raubkatzen gleich. Es war der Respekt den Paco auf ihn ausstrahlte (und er war sich sicher, dass es „Respekt“ war und kein „Neid“, da er in seinem Innersten wusste, dass sie den Begriff NEID hier nicht kannten und nicht verstehen könnten), einzig und alleine durch dessen unerschütterliche Souveränität. Durch das Gelingen all seiner Absichten. Paco war ein Anführer. Das Schicksal hatte  ihm das in die Wiege gelegt.

 

Auch wenn sie Wilde waren, sahen sie nicht so aus wie typische Amazonas-Wilde. Sie sahen schon ein wenig so aus wie Hollywood-Schauspieler, die Indios spielen, nicht wie Indios an sich. Deshalb hatten sie auch keine bemalten Gesichter oder seltsame Frisuren (ihre Haare waren geschoren, jedoch nicht auf eine wilde oder kämpferische Art). Sie fühlten sich an wie zwei normale Europäische Jungs um die 16 bis siebzehn Jahren. Der Jugend ist es gleich auf welchem Kontinent, in welcher Umgebung man sich aufhält. Junge Männer sind junge Männer. Die glauben, dass ihnen die Welt zu Füßen liegt.

Das Licht ändert sich nach und nach. Es wird dunkler. Sie bewerten den Umstand, dass die große Göttin Sonne schon so früh ihren Wagen über den Himmel fährt, kritisch. Ihre Speere sind lang und dünn. Spitz wie Reißzähne walisischer Fürsten. Sie wiegen nicht viel in ihren starken Händen. Ihre Körper sind gestählt vom ständigen Überlebenskampf. Sowohl Paco als auch er sind erfüllt von der stillen, warmen Euphorie frei und auf der Jagd zu sein. Würden sie den Vergleich kennen, könnten sie sich wie Götter fühlen. In dem Gefühl einer Unantastbarkeit, gepaart mit den fokussierten und zu ihrer zweiten Haut gewordenen Bewegungen der elementaren Stille ihrer Fortbewegungen, schleichen sie durch den Dschungel. Jäger und keine Gejagten. Männer. Und keine Insekten. In diesem Moment kennen sie weder Durst noch Hunger. Noch Hast oder Gier.