Absolution – 12 – Sarah und Fettsack?

Als er ein paar Stunden später Sarah im Bosporus antraf,  überraschte es Paul. Obwohl Sarah und Fettsack gute Freunde von Paul waren, hatten sie kaum eine Beziehung zueinander. Sie waren Freunde von Freunden. Und nun saß sie doch hier am Tresen und quatsche mit Pauls altem Freund. Sie. War wunderschön wie immer. Er. War bekifft wie immer. Bei Leuten wie dem Fettsack muss das nicht gleich bedeuten dass er platt und unbeweglich von der Droge war. Oft blühte er durch sie erst auf. Paul gab draußen im Sommer-Licht André die Freundschaftshand. Und drinnen ging ein großes „Hey!“ durch die Runde, als er die ehemalige Dönerbude betrat. Stevo, der hier irgendwie als Resident-DJ  durchging, mixte mit seinem Abelton gerade ein paar feine House-Tunes zusammen; ihm gab Paul gewohnheitsmäßig zuerst die Hand. Nicht dem Hausherren. Dieses „Ich-begrüße-erst-einmal-den-DJ“ war ein Running-Gag der sich verselbstständig hatte. Dann wurde der Fettsack ge-high-fivet. Zuletzt und doch als erstes umarmte er Sarah. Sarah die so roch wie Frauen riechen müssen.

„Du? Hier?“ Lachte Paul. Er klang ein wenig überraschter und verunsicherter als er auftreten wollte. Einerseits war es so, dass es nicht das erste Mal gewesen wäre, dass sich plötzlich die Freunde von Fleming untereinander besser verstanden als sie sich mit ihm – und er aufs Abstellgleis geschoben wurde. Andererseits war Sarah, Sarah. Und auch wenn sie nur Freunde waren, gönnte ein Mann nicht sofort einem anderen Mann ein tieferes Verhältnis zu einer scharfen Frau, als man es selbst zu ihr pflegte.  Besonders. Wenn der Freund ein anderes Moralverständnis als man selbst an den Tag legt. Sarah wischte die Frage mit einem Lächeln fort. Diesem endgültigen, Herzerwärmenden Lächeln, mit dem sie schon einige Fragen zu neugieriger Männer totbeglückte. Wieder eine dieser Fähigkeiten, zu der man sein musste wie Sarah. Der Fettsack grinste nur sein sympathische Gewinnergrinsen. Bestellte mit der gleichen Gestik für sich einen „Shirley Temple“ und für den von ihm so gerufenen „Fleming“ einen Whiskey Cola. Wie zu erwarten half der Whiskey Paul zu entspannen. Der Tag war so schon nervig genug gewesen. Das Glas zügig geleert.

Ein paar Gläser später, wie das Lachen der Freunde immer lauter wurde, die Musik noch housiger und aufgewühlter, ließ Paul Gedankenverloren die Kühlsteine in seinem Glas herum wirbeln. Er blickte scheinbar nach draußen. In das dunkle Nichts der Kleinstadt-Straßen. Sah aber in Wirklichkeit das Spiegelbild von Sarah in der daneben stehenden Fensterwand an. Wie sie da so saß. Einfach so da saß. Und mit ihrer Schönheit den Mittelpunkt des hier veranstalteten Gemäldes ausfüllte. Sie war. Wie ein Schwarzes Loch. Dass den Raum krümmte. So dass alle Männer und Frauen mehr oder weniger verstohlen ihr Augenpaar auf sie richtet mussten. Manchmal nur kurz und diebisch (Paul). Oder lange und wohlwollend (Fettsack). Es war ein Physikalisches Gesetz der Anziehung. Und sie war der Mittelpunkt des Trichters in dem sie versinken wollten. Es war fast schon lächerlich. Wie sehr die Männer sie wie prähistorische Wilde angeiferten. Und die Höhlenfrauen neidisch die Augen beim Blick auf sie verdrehten.

Nebenher erzählt Stevo ihnen eine Geschichte:

„Ja die verdammte Arbeit…  Hab ich dir die Geschichte erzählt wie sie mich aus der letzten raus gemobbt haben?“ Die Frage war eindeutig an Sarah gerichtet – wir Jungs kennen die Geschichte schon.

Fettsack zu Sarah: „Hör zu. Die ist witzig.“

 

Stevo: „Also ich komme in die Arbeit, weiß gar nicht, war Dienstag oder Mittwoch und ich war noch eeecht gut dabei, n bisschen verplant, ein wenig dehydriert, was blöd war, weil, ich hab doch damals in dem Metallverarbeitungsbetrieb gearbeitet, weil, da hat mich das Arbeitsamt hingeschickt und da war es heißt und laut. So richtig heiß und laut.“
Sarah: „Mhm.“

„Okay, okay. Da gings dann halt um Metall und so´n Kram. Legierungen oder was weiß ich.. Und die meinten zu mir: Hey, so wie du aussiehst dachten wir nicht wie gut du arbeiten kannst – bist aber voll in Ordnung. Dann kam halt der eine Tag. Ich also total verplant mit Gehörschutz, im Lärm, IN der Halle und dann kommt der Meister auf mich zu, eigentlich ein netter Kerl, so Mitte 40, dünn, weder abgerissen noch zu schnicke, hm… ich DACHTE das wäre ein netter Kerl, vorher , auf jeden Fall kommt der zu mir her und fragt so los: „Hast du die Drogen schon genommen?“
Und ich so, total verballert und verdreht und total dehydriert weil mir das Bier in der Nacht ausgegangen ist, ich also lasse mir überhaupt gar nichts anmerken, so ne Mischung aus Dummstellen und Pokerface: „Hä?“ Weil, war  ja laut. Ich also so: „Hä?“

Und er so: „Was?“

Und ich noch mal: „Hä?“

Und er: „Wie? Hast du die Drogen schon genommen? Oder soll ich die nehmen?“

Und ich so: „Hm. Ja ne. Ich kann die schon nehmen.“ Weil wenn der schon was hat, dachte ich. Man will ja nicht unhöflich sein.

„Ja dann nimm du die mal“, sagt der, geht aber weg ohne mir was zu geben. Ich hab dann da so weitergewurschtelt an der Maschine, schon am Überlegen was das denn jetzt war, und so ne viertel Stunde später oder was weiß ich, kam der wieder daher und fragt, ob ich die Drogen endlich genommen habe… Weil die im Labor schon darauf warten würden. Und ich werde natürlich langsam sauer, brülle ihn an was für DROGEN er denn meinen würde?! Was soll denn der Scheiß?! Das würde ihn doch überhaupt gar nichts angehen! Das ist doch wohl meine Sache! Und jetzt war der total verwirrt und fragte MICH ob bei mir alles okay ist… Ich dann so: „Ja… Klar.“ Und er dann so: „Okay. Siehst n bisschen verrückt aus und verhältst dich komisch…“ Er würde es dann halt selbst machen. Und ich gucke dem so nach wie er zur Maschine geht, Handschuhe anzieht und dann ein paar Teile mitnimmt, und dann checke ich es erst: ACH DU SCHEIßE! Der meinte gar nicht DROGEN! Der meinte Proben! Ob ich die Proben schon genommen habe! Fürs Labor! Weil die da irgendwas stündlich überprüfen mussten“…

Sarah: „Oh nein…“ Sie hielt sich beim Lachen die Hand vor dem Mund. Total süße Geste. Als würde sie ihre perfekten Zähne verbergen müssen…

Fettsack und Paul lachten dreckig. Was Stevo nur sauer macht: „Ja man kann sich doch auch mal verhören! Ihr Arschlöcher! Und… Na ja… Wenig später haben sie mich dann raus gemobbt, weil sie´s dann gecheckt haben. Die Schweine…“

Sarah mitfühlend: „Dumm gelaufen.“ Sie legt zu dem Kommentar tröstend kurz ihre Hand auf die von Stevo. Was ihn aufblühen und erröten ließ: „Aber meine Arbeit habe ich trotzdem gut gemacht, ist doch egal ob ich dicht bin oder kaputt aussehe…“

 

 

 

 

Absolution – 10 – Freunde mit Vermögen

4.

Bevor er für gewöhnlich mit der S-Bahn die Trabantenstadt in Richtung Lebensmittelpunkt, in die Clubs der Großstadt aufbrach, zeigte er sein Gesicht gerne im „Bosporus“, bei seinem alten Freund, den er nur Kumpelhaft „Fettsack“ nannte. Der Fettsack war alles andere als das, trotz seines breiten Rückens und der stattlichen Erscheinung, die er sich in seiner frühen Jugend antrainiert hatte und welche fantastischer weise niemals ganz verloren gegangen war. Den Namen hatte er deswegen spendiert bekommen, da er im bekifften Zustand der faulste Mensch auf Erden zu sein schien und sich auch sonst nicht gerade um Arbeit schlug.

 

Von seinem Vater hatte er einen florierenden Metzgerei-Betrieb übernommen, den er wegen seiner Geschäftstüchtigen Weitsicht sofort umbaute und optimierte: Er schloss alle 5 Filialen seines Geschäfts und setzte dagegen auf die von ihm so betitelte „Online-Wurst.“ Die „Online-Wurst“ war das, was schon der Name sagte, eine übers Internet versandte spezielle Wurst (in besonderen Frischhalte-Boxen), die so gut war, dass die Leute sie ihm schon in den Filialen aus den Händen gerissen hatten. Und da „die bayrische Wurst die beste Wurst der Welt“ war, wie der Fettsack nicht müde wurde zu betonen, versendete er nun diese Wurst in ganz Europa herum – und sie machte ihn reicher als es der Krimskrams an der Wursttheke jemals hätte machen können.

Auf die Frage, weshalb er überhaupt die Filialen geschlossen hatte – schließlich hätte er auch dort weiter Wurst verkaufen können – gab er immer nur genervt als Antwort: „Ich kann dieses Gelaber nicht mehr hören.“ Er imitierte dann immer eine alte Frauenstimme und sagte: „Darfs a bissle mehr sein?“ Da schüttelte ihn es gleich vor Grausen. Diese furchtbare Kundennähe. Dieses Kriecherische. Diese scheinbare Abhängigkeit, obwohl es für ihn eher so war, dass die Leute seine Qualität mehr brauchten als er sie. Ja. Nein. Das falsche, aufdringliche Sprüchlein wollte er nie wieder in seinem Leben hören. Und weil er ein lustiger Typ und das genau sein Humor war, stand als Werbespruch auf seinen Spezialwurst-Behältern genau dieser Werbeslogan: „Darfs a bissle mehr sein?“, der jedoch von niemanden mehr so ausgesprochen werden durfte; es war nur noch von DEM Slogan die Rede.

So war der Fettsack.

 

Doch der Fettsack war noch mehr. Davon abgesehen, dass er nicht nur den „natürlichen“ Drogen in keinster Weise abgeneigt war, war er auch noch Pauls bester Freund. Die Zwei kannten sich schon von Kindheitstagen, Kindergartengeschichten. Die besten Freundschaften waren für Paul nie jene mit den Leuten gewesen, die er tagtäglich traf, sondern diejenigen, die die Jahre überdauerten. Mit dem Fettsack war es auch noch 2 Monaten an denen sie sich „Feivel, der Mauswanderer“ mäßig permanent knapp in der Kleinstadt verpassten immer noch bei nächsten Treffen so, als hätten sie sich gerade erst am Tag davor gesehen – und die Nacht zusammen durchgemacht. Dass sind Freundschaften, die den Unterschied ausmachen. Sich permanent zu sehen ist bei den meisten Menschen nicht förderlich für eine gute Beziehung, was eine Erkenntnis ist, die sich jeder selbst schwer erarbeiten muss.

 

Irgendwann lief die „Online-Wurst“ so gut, dass sich der Fettsack begann zu langweilen – und bei jemand der diesen Spitznamen weg hat, hat das etwas zu bedeuten. Er ging eigentlich nur noch abends zum Geldzählen an den PC um die Umsätze zu checken. In äußerst seltensten Fällen sah man ihn sogar in seinem Hauptgeschäft, wo ihn die von ihm nach der Daily-Soap betitelten „GZSZ“-Probleme seiner Angestellten nur noch nervten und langweilten. Und so selbstironisch, verquer und strange der Fettsack nun einmal war, kaufte er sich eine Döner-Bude am Kleinstadt-Rand und machte dort einen Mini-Dance-Club auf, wo er sich als Gastronom theoretisch noch mehr „GZSZ“-Probleme ins Haus geholt hätte, wenn, ja wenn der Mini-Club nicht einen indirekt proportional großen Türsteher vor der Glasfassade gehabt hätte.

In den „Bosporus“ wie er den Laden nannte – er hatte einfach die Schilder der Dönerbude vor dem Eingang hängen lassen, bis auf jene, die einen türkischen Mann mit großen Messer, Fleischspieß und imposanten Schnauzbart zeigten – passten ohnehin gerade einmal 20 Leute. Es war ja nicht mehr als eine Dönerbude, ganz in weiß. Bis auf die Decke fast durchgängig gekachelt.

Wo früher die Schalen mit Salat und Sauce standen, war jetzt ein kleines aber feines (und vor allem teures) DJ-Pult gestellt worden, daneben wiederrum ein ebenfalls kleiner Bereich für die Bar. Ein bisschen Technikschnickschnack hier und da und schon war der „Club“ fertig. Zum Drogennehmen musste man das Hinterzimmer verwenden, denn das „Bosporus“ war im Prinzip einfach nur ein von drei Seiten absolut und ohne Einschränkung einsehbarer Glaskasten. Jeder der vorbeilief hatte das Gefühl von „totaler Transparenz“ und nicht wenige Besucher bekamen ein Gefühl der Beobachtung von Passanten. Das Besondere aber war André. André der Türsteher. Der Mann, der den Unterschied ausmacht. Schließlich entscheidet der Türsteher wer IN oder OUT ist. Und es war gerade der Reiz des Bosporus, dass man sich von drinnen den draußen Abgewiesenen als glücklichen Menschen präsentieren konnte. Es war etwas Besonderes in den „Bosporus“ gehen zu dürfen. Und es war ein außergewöhnlicher Spass des Fettsacks große DJs (von Oliver Koletzki bis zu der Marke eine Richie Hawtins) zu buchen, um drinnen mit gerade mal 30 Leute zu feiern, auch wenn die gar keinen Platz mehr zum Tanzen hatten auf den paar Quadratmetern.

 

Paul könnte gar nicht mehr sagen, wie oft und wie lange er in dem Gebäude verbracht hatte, nicht nur unten in der alten Dönerbude, auch oben in der als Junggesellenwohnung eingerichteten Behausung seines besten Freundes, der eigentlich verheiratet war.

Die Ehe. Das war schon immer so eine Sache in der Kleinstadt. Da war es auch ganz egal wie viel Geld der Fettsack verdiente: Die Ehe wurde wie eine Schablone über dich und dein Auftreten gelegt. Die Kleinstadt maß nach ihren eigenen, unausgesprochenen Regeln. „Je kleiner die Stadt, desto größer die Regeln“, war so eine Faustregel die sich Paul und Fettsack aufdrängten, wenn sie ihr Leben von außen betrachteten. Vom Blickpunkt „der Anderen“ aus. Paul, der nichtsnutzige Single. Sein Freund Fettsack, der seine Ehe nicht so führen wollte wie andere es taten. Nicht dass der Fettsack seine Frau und sein Kind nicht lieben würde. So eine Behauptung war pure Verletzung und sollte nach deutschem Recht zur Anzeige gebracht werden können. Der Fettsack ging nur anders damit um als die Kleinstadt sich das vorstellte. Dabei waren der Fettsack und seine Ansichten zu groß für die Kleinstadt, so viel zu groß und zu fett sogar, dass er mit der Kleinstadt zu einem merkwürdig symbiotischen Klumpen verwachsen war, der nicht mit und ohne aneinander konnte.

Paul und der Fettsack würden immer Freunde bleiben. Da war sich Paul sicher. Manche Dinge sind in Stein gemeißelt.

An diesem Wochenende war Fettsacks Geburtstag. Was schenkt man jemanden der schon alles hat? Genau, eine kleine, persönliche, etwas verrückte Verschrobenheit. Für seinen Freund Fettsack, der nun doch nicht in den Knast musste, obwohl bei ihm eine Hausdurchsuchung der eine einmonatige Observation vom Haus gegenüber voran gegangen war, bei welcher eben nicht von der Staatsanwaltschaft das zu erwartende K. in großen Mengen gefunden wurde, sondern nur 13 Gramm Marihuana und die Staatsgewalt die Sache am Ende gegen eine Zahlung von 1000 Euro einstellte (sein Anwalt zu ihm: „Seien sie froh das sie reich sind. Sonst würden sie nicht so gut davon kommen.“), musste es was besonderes sein. Denn schließlich war er ein Kerl der einen Monat nach der Hausdurchsuchung auf die Anweisung seines Anwalts, nicht mehr mit dem Auto zu fahren wenn er „was gemacht“ hätte, antwortete: „Ich bin schon seit 4 Wochen kein Auto mehr gefahren.“

 

Ja. Etwas besonders. Also bestellte Paul im Internet Scheckkarten, auf die er den Aufdruck den „Ich-Komme-Aus-Dem-Gefängnis-Frei“-Spruch von der berühmten Monopoly-Karte drucken ließ. Dass der Fettsack die Karten dazu nutzen würde um sich fette Lines zu legen, war eh klar – und schon war aus der ganzen Geschichte ein doppeldeutiger Witz geworden. Und beim Teilen mit Freunden wurde aus der Karte eine richtige „Gesellschaftskarte“.

 

Der Fettsack lachte viel über das Geschenk und war glücklich. Noch glücklicher war er selbstverständlich darüber, dass die Sache „fallengelassen“ wurde. Sein Freund Fettsack gab Paul die dicken Lines aus und das Kokain machte ihre Kehlen, Nasen und Gehirne taub. Irgendwann war ihre Konversation wie Tennis in Zeitlupe. Der Eine sagte: „Boah…“ Dann kam lange gar nichts. Und „plopp“: Gab der andere ein „Heftig“ zurück. Und dann ging es wieder von vorne los, plopp: „Boah…“. Da lagen sie nun. 35 Jahre alt. Zusammen im Ehebett des Fettsacks. Hatten sich mal wieder total selbst außer Gefecht gesetzt. Konnten sich nur zum Rauchen und zum Ziehen aufraffen.

Erinnernd an den abgewendeten Gerichtsprozess klatschte Paul  ihm mehr mit einer fallengelassenen, als mit einer schlagenden Hand, gefühlt auch noch in Zeitlupe, auf dessen dicken Bauch und sagt, in dieser Melange aus Zerstörtheit und irgendwie so was wie Freude: „Jetzt hast du echt gewonnen…“
Und er… Eine Weile später. Plopp. „Ja Mann. Ich habe gewonnen.“ Da lagen sie. Die Gewinner. Zerstört wie die letzten Loser. Freuten sich darüber. Irgendwie. In ihrem Emotionslosen Glück. Diese befreundeten Häufchen Elend. Oben in der Junggesellenwohnung. Während unten Fettsacks Geburtstagsparty richtig abging, seine Frau und seine Freunde die Arme in Höhe warfen und der Bass gedroppt wurde. Surreale, atemlose Momente. Bis Paul schon wieder den Drang verspürte nachhause zu gehen und den Rechner hochzufahren. Das hatte nichts mit dem Fettsack zu tun und der Freundschaftlichen Liebe die er ihm gegenüber fühlte. Nur mit Paul selbst. Aber das war nicht möglich. Morgen war Familientag.

Absolution – 5 – Afterhour der Träume

2.

Für viele Menschen funktionieren Drogen nur in einem gewissen Kontext. Sie müssen im Club geschluckt werden. In der Bar getrunken. Bei gewissen Freunden durch die Nase gezogen werden. Oder sie werden hinter irgendeinem Wohnkomplex auf einer Parkbank neben den Mülltonnen geraucht. Weil es sich einfach so gehört. Die Menschen verbinden mit der Wirkung ein gewisses Setting. Ihre guten Erfahrungen haben sie an diese Stelle gebracht. Drogenkonsum hat schon immer  mit der Gestaltung  von Sehnsuchtsorten zu tun.  Heile-Welt-Blasen. Die nach und nach zerplatzen. Techno-Nächte leben von der Kopie eines Gefühls, dass die Menschen bei ihrem ersten Feiererlebnis haben: Die erste und beste Nacht die sie jemals auf Drogen hatten. Und genau dieses Erlebnis, diese Nacht, suchen sie in all den Nächten wieder, wenn sie –  Wochenende für Wochenende – die Tür hinter sich abschließen und sich auf die Suche nach ihrer eigenen Vergangenheit machen. Es ist die Möglichkeit immer wieder und wieder ein Kind zu sein. Sich immer wieder und wieder wie zum ersten Mal verliebt zu fühlen. Doch Blasen platzen. Oder sie fallen ermüdet in sich zusammen.

 

Eines Tages war das Feiern nicht mehr so wichtig. Das Feiern war, wie das Leben, nur noch ein Rahmenprogramm für seine Träume. So wie man Essen, Trinken, Schlafen und auf eine gewisse Art auch Arbeiten musste, so musste auch gefeiert werden, nur um sich komplett zu fühlen. „Alibi-Weggehen“ nannte das der Fettsack, wobei er meinte, dass man nur deswegen in den Club ging um später zu anderen und vor allem zu sich sagen zu können, dass man was gemacht hätte, außer zuhause dicht auf dem Kanapee vor der Glotze herumzuhängen. Das Feiern war nicht mehr der Grund weswegen man Drogen nahm. Das Feiern war die Ausrede, die Begründung, die einfache Zerstörte wie Fleming brauchten, um seine Sucht vor sich selbst zu rechtfertigen. Es legitimierte den Konsum. Eine Legitimation, die in Wahrheit niemand brauchte. Man hätte ja einfach machen können was man wollte, wenn da nicht diese merkwürdige Feiermoral im Weg stand, dieses „Wer A sagt, der darf auch B sagen“, dass von Freunden und einem selbst intonierte: „Drogen einfach so zu nehmen ist schäbig“. Sie hielten sich für „Partysüchtig“, nicht für Drogensüchtig. Eines Tages taugte das Alibi aber nur noch als Alibi.

Fleming wollte irgendwann nicht mehr nach draußen gehen. Er wollte zuhause bleiben. Alleine. Unbeobachtet, ungestört. Frei. Und vor allem druff.

 

Er wollte nicht mehr die Bahn in die Stadt nehmen, wollte nicht mehr mit seinen Freunden lachen, feiern, trinken, schnupfen – nur das Tanzen fehlte ihm, da das Tanzen ihn an eine vergangene Ekstase erinnerte, die es nur in seiner Jugend gegeben hatte. Das konnte er nicht mehr zurückbekommen, die Welt hatte sich weitergedreht und er mit ihr, ob er wollte oder nicht. Und der Rest dieser Party-Kultur war zwar ganz nett, nur ziemlich egal, wenn es um das Wesentliche geht. Wir wollen eben nur das haben, was wir nicht bekommen können. Und wenn man nicht mehr jung sein kann, nur so tut, weshalb also sollte man dann nicht einfach zuhause bleiben, sich abschießen und von der Vergangenheit träumen, in der „Alles besser“ war? War das denn nicht ehrlicher als dieses unsinnige Aufbrechen in die Gegenwart um dort Rituale aufzuführen, die man schon immer zelebrierte nur um sich zu fühlen wie vor 10 Jahren? Das war kein Alibi mehr, das war nur lächerlich und verlogen. Keine S-Bahn bringt dich zurück in die Vergangenheit. Kein DJ-Set macht dich wieder jugendlich, nicht einmal ein aufgezeichnetes… Und ganz bestimmt macht dich keine neue Jugendbewegung, für deren Teil du dich mit Ende 20 noch hältst, noch einmal jung.

Und bei all diesen falschen Fake-Feiereinstellungen konnte er sich fast gar nicht mehr daran erinnern, wann er wirklich real gewesen war… Wie lange ging denn nun die Wahrheit? Ein Jahr? Zwei? Fünf? Oder nur so lange die Pille in seinem Kopf ihn glücklich machte? Gab es in Wahrheit denn nicht nur diese eine, unglaubliche, diese perfekte Nacht der man dann Jahre lang hinterher läuft wie Alice dem Hasen? Oder war es immer noch die Wahrheit, wenn er auf der Tanzfläche wirbelte wie mit 20 Jännern und seine Wut und die Sorgen aus sich heraus tanzte?

Zuhause, bei sich selbst angekommen spielte das keine Rolle mehr. Man braucht keine Ausrede um daheim zu bleiben – selbst wenn man diesen Irrtum mit 20 begeht und Rechtfertigungen dafür braucht nicht wegzugehen…

Zuhause musste er keine Verhaltensstunts aufführen. Er musste niemanden gefallen, nichts beweisen und in keiner Situation souverän oder stark wirken. Zuhause, eingeschlossen im Rausch, wo er sich generieren konnte wie der typische Junkie, war er frei von allen Ansprüchen. Hier war er lebendig. War es denn in Wahrheit nicht so, dass das Leben um ihn herum zum Alibi geworden war? Dass er arbeiten, einkaufen, auf Konzerte, Freunde und Familie besuchen usw. ging, bis er allen Ansprüchen an sich selbst (von außen und von innen) gerecht geworden war, um schließlich in seinen perfekten Träumen endlich er selbst zu sein und das tun zu können, was ihm die ganze Zeit verwehrt blieb? Ist denn das Glück nicht etwas, dass in uns selbst entsteht, auch wenn wir es normalerweise durch äußere Einflüsse in uns selbst finden? Sind wir denn nicht in Wahrheit in uns selbst eingeschlossene Wesen und unser Glück nicht nur eine Mischung von Hormonen, biochemischen Reaktionen  und den damit verbundenen Gefühlen? Ist denn nicht jede Befriedigung die wir von zweiten, dritten oder von allen anderen erhalten nicht in Wirklichkeit nur eine besondere Form von Selbstbefriedigung? Ist denn nicht jede Handlung, jeder Handgriff, jedes Wort und sogar jede Lust die wir einem anderen zufügen nicht eigentlich nur auf uns selbstgezielt; ist unser Leben denn nicht eine egoistische Kettenreaktion zur eigenen Selbstbefriedigung und -verwirklichung?

 

Wenn alles was du suchst in dir selbst verborgen ist, wieso also noch das Haus verlassen, wenn dort draußen Gefahren lauern, die dich nicht bestätigen, nein, die dich im Gegensatz sogar verletzen wollen?

 

Aber er musste hinaus. Musste Geld verdienen um sich seine nasal zugefügten Träume zu ermöglichen.  Musste Nahrung kaufen. Musste Drogen besorgen und sich deswegen mit den besten und falschesten Freunden auseinandersetzen, was immer ein Drama war. Und irgendwo brauchte er immer noch die anderen Menschen. Die Frauen. Der emotionale Austausch. Ihre Normalität. Ihre Zuneigung. Trotzdem. Wenn er ehrlich zu sich selbst war,  war das Ganze für ihn nur noch eine Alibi-Welt, die nur deswegen existierte und hinter sich gebracht werden musste, bis er sich endlich, endlich zuhause einsperrte um frei von dem ganzen Mist zu sein, den wir alle Gesellschaft nennen und uns gegenseitig aufdrängen.

Sein Traum war Realität geworden. Der Traum war das, weswegen er jeden Morgen aufstand – wenn er denn schlief. Und der Rest war nur eine Ausrede um sich diesen Traum zu erfüllen.

Absolution – 1 – Mit Freunden beim Feiern

„Was ist los mit dir?! Träumst du?!“ Katha streifte ihre Haare hinter ihr linkes Ohr zurück. Lachte ihn dabei an. Das Sekunden genau programmiert Licht der Scheinwerfer huschte über sie hinweg und erleuchtete ihr von innen heraus strahlendes Gesicht. Er huscht über ihre großen lachenden Augen. Ihren wunderbaren Mund mit den fröhlich entblößten Zähnen. Dann war das Licht fort. Nur das Lachen blieb. Ein Lachen. So einnehmend und wunderschön, dass es kein Licht benötigt um vorhanden zu sein. Paul strahlte zurück. Das Scheinwerferlicht war nun mit ihm. Einen Augenblick lang fühlten sie sich wie zwei große schöne Sonnen, die ihr Feuer ineinander reflektierten. Unvermittelt nahm irgendwer den anderen in die Arme. Es spielte auch gar keine Rolle, wer die erste Bewegung machte. Denn bei solchen Umarmungen gibt es keinen Auslöser. Nur das Gefühl einen Menschen den man mag in seinen warm verschwitzen Armen zu halten. Der Techno-Sound hämmerte über sie hinweg.

Sie trennten sich voneinander und tanzten ein wenig wild zu dem Techno-Beat. Wie man es seit jeher so macht. Miteinander. Und jeder für sich alleine. Bis einen weiteren Augenblick später, die anderen Freunde von irgendwoher absolut plötzlich zu ihnen kamen und sich mit ihnen freuten. Und tanzten. Es war einer dieser Momente, in dem sich die gesamte sichtbare Welt daran erfreute, vorhanden zu sein. Selbst der falsche Nebel freute sich. Ebenso wie die von warmen Schweiß nassen Fließen an den Wänden. Aus den Maschinen klackerte dazu stakkato mäßiges Geklacker. Während der Beat und der Bass ihren Körpern automatische Bewegungen vorgaben. Überall war Rhythmus. Eine heitere Diktatur. Alles was geschah, musste so geschehen. Geschah ohne Kraftaufwendung. Ohne Plan. Ohne Wiederstand. Ein unbeteiligter Beobachter, ein Vernunft- und Tagmensch, mochte die Szene in dem finster verrauchten, stinkenden Techno-Club als hart, kalt und rau, gar „Lebensfeindlich“  missverstehen, was nur daran liegen könnte, dass er das Glück in den Menschen nicht verstand. Dieses Treiben hier war alles andere als kalt und rau. Es war alles andere als lebensfeindlich. Es war das pure Glück. Ein Himmelreich. Unter der Erde. In einem alten Industriekeller. Den wahrhaftig. Die Gebrüder Grimm hatten gelogen. Und Kinder haben keine Ahnung von den Märchenlandschaften der Erwachsenen.

Dann schrie irgendwo wer. Und plötzlich schrien alle mit. Im programmierten Licht. Im inszenierten Nebel. Im Geschepper der Maschinen. Ein Gefühl wie im Garten Eden.

Irgendwer von den Freunden hatte Wasser dabei; es wird herumgereicht. Alle freuen sich. Ja geil jetzt! Wasser! Bis die Flasche leer war. Kein Wunder dass es am Ende nicht der schöne Miguel war der den letzten Schluck aus der Flasche nahm und dann ein wenig überrumpelt in seiner Dichtheit damit herum stand. Es war Chris. Der kleine deplatzierte Chris. Der schon immer nie ganz zu einer Gruppe gehört hatte und durch seine Erlebnisse und Erfahrungen einen viel reflektierten Charakter mit sich herumtrug als der gutaussehende Miguel. Miguel, der Südländer. Der Student. Ein Sammelsurium an Charme und Bildung, die sich profaner weise nie bis in seine Seele erstreckte. Natürlich war es Chris der ein klein wenig überfordert mit der leeren Glasflasche dastand. Im Nebel umher blickte. Bis er schließlich ein paar Meter entfernt einen Stehtisch erspähte und die Flasche dort hintrug. Währenddessen hatte sich Miguel längst zwischen die Frauen geschlichen und je eine mit einem Arm umfasst. Natürlich hatte er den letzten Schluck für Chris „übrig gelassen“. Zum Wassertragen war er zu wichtig. Auch wenn er das selbst gar nicht mehr wahr nahm. Chris kam zurück und stellte sich an die Seite.

In dem Kreis den sie nun bildeten gab es kein wirkliches Gespräch. Auch wenn ein paar Fetzen durch den brülllauten Sound hin und her gerufen wurden. Sie lachten sich nur an. Glücklich. Verstehend. Dicht. Es war jetzt genau der richtige Zeitpunkt nachdem sie zusammen und jeder für sich das Ecstasy genommen hatten, dass Chris in einer fast einstündigen Suche im Club aufgestellt hatte. Wahrscheinlich war dies auch der richtigste und genauste Zeitpunkt ihrer gemeinsamen Freundschaft, wie sie druff so im Halbkreis dastanden. Wie das Auge eines Orkans. IM Auge eines Orkans. Der aus ihrem eigenem Glück und  dem aufgewühlten Darumherum bestand. Tosend und still zugleich. Sicherlich würde sich ihre Freundschaft nie wieder so klar und intensiv anfühlen wie in diesem ehrlichen Moment auf Droge. Nichts könnte jetzt. In diesem Augenblick  der klarsten Wahrheit. Ihren Kreis durchbrechen.

Und dann war es auch schon wieder vorbei.

„Solomun“ auf der Prater-Insel in München, es war der 4.6.2017

So eine Party ist wie die bezahlte Version eines Flash-Mobs: Menschen die sich größtenteils nicht kennen kommen für ein paar Stunden zusammen um etwas Außergewöhnliches zu erleben. Dabei wird dann nicht nur die große gemeinsame Geschichte der Nacht erzählt, die ewig gleiche und immer wieder andere Version dieser „Abfahrt“, die vor Generationen begann und die einfach nicht zur Ruhe kommen will, viel mehr sind da die vielen kleinen persönlichen Geschichten, die jede/r einzelne als subjektives und liebenswertes Wesen in so eine Veranstaltung mit einbringt. Der Eine, der schon eine Nacht durchgemacht hat und ziemlich ausgepowert ist, die andere, die einen dramatischen Streit mit ihrer Familie wegen Nichtigkeiten hat, der Nächste, der voller Stress ist, deswegen nicht abschalten kann und wie ein Klotz herumsteht, ein getrenntes Paar, das vielleicht keine Drogen mehr zusammen nehmen sollte, was an solchen Tagen in Problemen mündet, dann die Damen, die lieber nichts über sich Preis geben, während Geschwister von alten Freunden über deren Erkrankungen erzählen. Jeder Einzelne hat seine Story zu erzählen, weshalb er an diesem Tag auf der Prater-Insel so war wie er war, warum er die Dinge so anging wie er sie behandel musste und warum er Teil dieser Menge war, die an diesem Tag zusammen gekommen war, um´- wir wissen es – eigentlich etwas Schönes zu erleben.

Im Endeffekt werden diese Geschichten von den Unterhaltungschefs an den Platten/CD-Spielern oben tüchtig platt gewalzt. Das ist die Therapie die DJs anbieten: Leute tüchtig und glücklich platt walzen, so dass jeder die gleiche Jetzt-Geschichte mit seinem Tanznachbarn teilen kann, ohne an seine eigene denken zu müssen und ohne den Typen neben sich zu kennen. Die Soundgewaltigen oben an den Reglern sind große Gleichmacher die nicht nach den „Warums“ und Gründen fragen, sondern eine Möglichkeit des Gemeinsamenmiteinanders anbieten, bei dem man nur ein wenig mit dem Hintern wackeln oder die Arme heben muss, um dazuzugehören. Wenn man denn so will. Wenn man es überhaupt kann.

Dieses „Nicht-Können“ war gestern nicht nur ein Teil der Perspektive die jeder selbst mitbrachte. Es lag auch am Veranstalter, denn es waren einfach viel zu viele Menschen im Häuserhof der Prater-Insel. Ich weiß gar nicht wie oft und in wie vielen Texten ich schon darüber gemotzt habe, dass zu viele Karten verkauft werden und man auf Tanz-Events nicht mehr (hoppla) tanzen kann. Das führt sie ad absurdum. Leider sind Veranstaltungen, Großveranstaltungen im besonderen, ja gar keine Freundschaftshappenings wie man es gern hätte, nein, es geht natürlich nur ums Geld und umso mehr Leute man durch den Fleischwolf des Einlasses presst, desto mehr Geld kommt hinten heraus. Da sind die Party-Veranstalter (und ich bin seit 20 Jahren eigentlich ein Fan von „World League“ die dieses Event mitten in München auf die Beine gestellt haben) auch nicht anders als Fußball-Vereine, die zwar ihr Geld mit den Fans machen, ihnen aber auch jedes Mal wieder verdeutlichen, wer in der stärkeren Position ist und welches Bild man nach außen abliefern will. „Mitspracherecht“ findet nur in den Kommentar-Spalten statt und die werden vom Social-Media-Team eh nur überflogen. Ich verplapper mich:

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(Das Bild ist noch vom frühen Nachmittag)

Also, es war viel zu voll zum Tanzen, so voll, dass man nicht einmal ganz hinten bei den Würstchen noch einen ruhigen Platz gehabt hätte, wo man mehr machen konnte als „hands-up“ und mit den Schultern zu pendeln. Da war der Sound aber eh schon wieder zu leise.  Das ist schon sehr schwach. Noch trauriger aber waren die Getränke-Preise:  5 Euro für ein Becks. Für ein einzelnes Becks! Da bekommt man im Supermarkt schon nen ganzen Six-Pack oder wahlweise eine Flasche Wodka. Und bei den Temperaturen die wir gestern hatten, war das sogar noch eine größere Frechheit. Das Wasser war schließlich nicht besonders viel billiger.

An sich ist die Prater-Insel keine schlechte Location, wenn auch nicht so grün und chillig wie man sich eine Insel inmitten der Isar vielleicht vorstellt. Nicht schlecht unten mit der Strandbar/Biergarten-Atmosphäre, es hilft nur nicht viel wenn man für 100 Meter Fußweg fast 10 Minuten braucht, weil jeder irgendwo hin will oder auf sein Recht des Tanzes besteht: 1000 oder 500 Leute weniger, dafür ein höherer Eintrittspreis wäre ein gute Option gewesen.

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Die meisten Menschen waren dennoch gut drauf. Seien es die Verkäufer in vorderster Front an den Theken, die Security, die Toiletten-Menschen oder (am Wichtigsten) das Publikum. Überall entspannte Gesichter, luftig Kleidung und es war die Stimmung zu spüren, dass die Leute „Bock“ hatten. Ja. Es ging ein guter Vibe umher der auch von den DJs ordentlich angefeuert wurde.

Der DJ Linus machte draußen den Anfang und machte es einem leicht sich gut ein zu wippen. Nachtmittagsatmosphäre. Sonnenbrille im Gesicht. Die Regenjacke in der Tasche hatte man schnell vergessen.

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Dann der unermüdliche DJ Hell. Der einfach nicht aufhören mag. Der so oft schon tot gesagt wurde. Und dann schließlich doch nicht nur wieder relevant ist, sondern gleich die Party rettet. Die einhellige Meinung bei uns: Der Helmut hat den Tag gerockt. Das liegt natürlich nicht nur daran dass sein Stil uns alten Säcken viel mehr zu sagt. Es liegt auch daran, dass seine kickende, ein wenige dunkle Art von EBM die in diesem Jahr spielt, einfach gut nach vorne geht. Und wer „Dead End Thrills“ im Patrice Bäumel Remix spielt, der macht nie etwas verkehrt.

Die Männer feierten ihn. Die Frauen liebten ihn. Und alle waren zufrieden. Das Problem wurde dann nur (wie oben erwähnt) dass dann immer noch mehr und noch mehr Leute kamen, die befriedigt werden wollten.

Bei Solomun, dem  Namensgeber der Veranstaltung, waren wir so in unsere persönlichen kleinen Geschichten vertieft, dass wir nicht besonders viel von ihm mitbekamen. Von Teile-Schubphasen und Liebes-Dramen einmal abgesehen hätte ich auch wirklich nicht gewusst wo und wie ich seinen Sound auch genießen oder gar feiern hätte können: Da war kein Platz um sich in der Musik zu verstecken. Dafür die „rote Karte“ World League.

Doch so geil fand ich sein Set eh nicht. Es war schon klar dass er mehr seinen Sound spielen würde, der ruhiger und mit weniger, kleineren Höhepunkten an die Sache heran gehen würde als der Hell. Das Brachiale ist nicht seine Sache. Ganz so austauschbar hätte es dann aber doch auch nicht sein müssen. Das kann er besser. Wobei ich auch ziemlich froh bin dass er nicht so legendär war. Zum letzten Mal: Wo und an welchem Fleck hätte ich seinen Sound auch feiern sollen?

Irgendwie erschien mir der Solomun gedanklich schon auf seinem nächsten Gig auf Ibiza.

Um 22 Uhr war dann schlagartig Schluss. Es ging hinein in die verschwitzten, schlecht belüfteten Räumlichkeiten der Prater-Insel, bei der man vor Hitze schon mal umkippen konnte. Irgendwie war es dort nett und furchtbar zu gleich – wir sind dann demnächst auch gefahren.

Was bleibt von so einem Tag? Von so einer Nacht? Nichts. Alles. Keine Ahnung. Normales Leben. Die Leute gehen zurück zu ihrem Alltag und zu ihren Problemen. Die eine freut sich ein Loch ins Knie, der andere ist total fertig und irgendwie wollen alle nur schlafen um das zu verarbeiten, was sie sich wieder einmal zugemutet haben: Den Versuch für ein paar Stunden das Glück in der Menge zu finden. Mehr oder weniger erfolgreich.

Stehplatz in Augsburg

Freunde muss man haben. Es geht zwar auch ohne, gut aber, wenn man sie hat. Gerade wenn man sehr unterschiedlich ist und sich trotzdem mag. Sehr entgegen kommt es da, wenn man sich erst „im Alter“ kennen lernt und einem die Unterschiede in Ansichten und Hobby als Charaktereigenschaft gewahr werden, während es bei alten Kinder- und Jugendfreunden ein wenig komplizierter ist, denn entweder  verändern die Freunde sich gar nicht, weshalb man sie als totalst langweilig empfindet, oder aber sie verändern sich so sehr, dass man irgendwie enttäuscht ist und kann mit ihnen nichts mehr anfangen. Nicht auserzählte, neue Freunde haben also oft einen gewissen Bonus was die eigene Toleranz angeht. Wenigstens bei mir.

Eine meiner neueren Freunde (Freundin) ist ein großer Fan des Fc Augsburg. An dieser Stelle darf gerne gelacht werden. Und ich finde Fans von Mannschaft die so gut wie immer gegen den Abstieg spielen, auch irgendwie lächerlich, halte sie aber auch für bewundernswert: Es gehört schon einiges dazu jedes Wochenende in ein Stadion zu gehe, wo die Mannschaft regelmäßig verprügelt wird. „Erfolgsfan“ wird man leicht und kann es dann auch ebenso bleiben. Fan einer Bananen-Mannschaft muss man erst mal werden und bleiben können.

Dabei bin ich keiner dieser eingefleischten Traditionalisten. Obwohl es genau darum in dem Freitagsspiel an diesem Wochenende ging: „RB Leipzig“ gegen den „FC Augsburg“ ist ein Spiel eines großen durch Geld gepushten Newcomers gegen einen traditionell „kleinen Verein“, was in Fußballsprache bedeutet, dass der FC A nur einen sehr kleines Budget zu Verfügung hat. Solche „kleinen Vereine“ sehen sich durch die Leipzigs und Hoffenheims schwer unter Druck gesetzt vor, da diese einen Esel besitzen der goldene… Ihr wisst schon. Ich wusste also im Vorfeld das eine aufgeheizte Stimmung in der WWK Arena sein würde. Dazu ist meine Freundin Jahreskarten-Besitzer weswegen sie mir einen guten und billigen Stehplatz an ihrer Seite besorgen konnte. Bisher. Bin ich im Stadion immer nur gesessen.

 

„Sitzen“/“Stehen“ gibt es da einen großen Unterschied? Den gibt es.

 

„Vor dem Spiel ist an der schwarzen Kiste“. Macht man so in Augsburg wenn man 25 Plus ist. Das ist so eine Art Winter-Biergarten, wo man draußen in der Kälte aber sehr gesellig zusammen sitzt und vortrinkt. Nehmen wir es den Augsburgern nicht übel. Bei ihrer Mannschaft muss man vortrinken. Das ist aber richtig schön gemacht an der schwarzen Kiste, Haltestelle Haunstetterstraße. Es ist nicht nur „gemütlich“ oder „urig“, es hat auch ein gewisses Niveau, Schankwagen und Toiletten-Container hin oder her. Das war mir fast schon zu cool für Augsburg. Schön das es hier auch solche Ecken gibt.

Hier waren dann auch. Die Menschen.

Mit großem „Hallo“ kannten sich hier jeder, ich natürlich keinen. Zum Glück wurde eine gewisse Form von Geselligkeit vorausgesetzt, auch wenn mein Gesicht selbst dafür nicht steht. Alle nett und freundlich an der Kiste, keine Berührungsängste, auch wenn ich als BVBler nicht einmal zum Fan-Team gehöre. Dass man mich jetzt nicht gleich verprügelt war mir auch klar, die warme Herzlichkeit die ich erleben durfte war dennoch was Schönes und sollte den ganzen Abend erhalten bleiben.

Da bekam man zum Fußball-Abend die Europa-League-Geschichten der Fans zu hören, die dem FC A das letzte Jahr hinterher gereist waren. Teilweise ein wenig arrogant vorgetragen, was ich aber mit einem amüsierten Zwinkern quittieren konnte; ich selbst kenne es ja zur Genüge, dass wenn man von einer Sache absolut überzeugt ist, Themenfremde Menschen erst einmal belächelt und sie trotzdem beeindrucken will. Insgesamt ein sehr geerdeter Haufen den man da traf.

Massen-Fan-Veranstaltungen haben ja immer etwas besonders für mich. Sei es bei den Nerd-Veranstaltungen meiner Freundin (Stichwort: Hochbegabt) oder die christliche Sekte die ich auch zwei Mal besucht habe. Egal ob es um Religion, Sport oder sonst etwas geht: Es gibt immer diesen einen bestimmten Menschenschlag, der zwar aus sehr unterschiedlichen Individuen besteht, es aber immer diese gemeinsame Sache gibt, diesen kleinsten gemeinsamen Nenner. Offen feindlich wurde ich nirgendwo aufgenommen. Warum auch? Schließlich nimmt man an der Sache der Anderen Teil und zeigt Interesse. Das Lustige an solchen Ausflügen ist wirklich das unterbewusste Gerede der Menschen, wie sie über ihre Leidenschaft sprechen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Denn egal ob es um „Gott“ oder „die schönste Nebensächlichkeit der Welt“ geht, alle sprechen aus dem Herzen heraus und das ist so ein nacktes und offenes zur Schau stellen der eigenen Herzlichkeit, dass man gar nicht weiß ob man darüber Lachen oder Weinen kann oder sollte.

So ging es  dann auch weiter. In der Straßenbahn. Vor dem Stadion. Darin.

Diese Steh-Atmo mit Schlacht- und Fan-Hymnen kenne ich ja schon längst aus meinen „Böhse Onkelz“-Zeiten, deren Fans sehr nahe am Fußball-Fan gebaut sind. Und ich habe das durchaus (auch wenn es nie ganz meine Welt war und es jetzt auch sicherlich nicht mehr wird) immer sehr genossen. Dieses rohe, in sich abgeschlossene „Wir-gegen-Die“. Auch wenn es halt immer sehr prollig rüberkommt (der Prolet ist nun einmal der „kleinste gemeinsame Nenner“ auch wenn dort nicht alle Proleten sind, ach was, das ist die Minderheiten). Den Gewalt-Fußball-Depp, den Hool suchte ich am Freitag erst gar nicht und es wäre bis auf ein paar Ausnahmeerscheinungen auch gar nicht möglich gewesen. Hier steht und schreit der Mittelstand, der sich in diesem Moment gar keine Zeit für Selbstreflektionen hat. Denn es geht gar nicht darum was du sonst machst, sondern wen du hier, heute und das nächste Wochenende vertreten willst.

 

Vor dem Spiel die Fan-Choreografie gegen Red Bull und ihren Mainstream-Fußball. Hier zeigten die Fans Haltung, wobei dem Einzelnen gar nicht klar war, wogegen:

„Wieso sollen wir jetzt schwarze Pappen hochhalten? Ist das gegen Leipzig oder gegen Red Bull?“

„Ja gegen Beides!“

„Ich will aber nicht bei so einer Gewalt-Scheiße mitmachen! Weiß jemand was da am Ende für ein Bild daraus wird?“

„Wahrscheinlich ein Sarg.“

„Witzbold.“

„Ne, Ne. Das wird nur zur Hintergrund-Untermalung benötigt. Wissenschaftliche Studien haben erwiesen, dass man mit schwarzem Hintergrund die Message besser sehen kann.“

„Aber ich will nichts GEGEN Leipzig unterstützen. Nur gegen Red Bull. Die Leipziger können doch nichts dafür…“

„Jetzt halt einfach die verdammte Pappe hoch.“

Und das machte man dann auch. Kritiklos und doch mit analytischen Hintergedanken.

Das Spiel war dann richtig gut. Okay, die zweite Hälfte der ersten Halbzeit war ein wüstes Getreten und Geschupse auf dem Platz. Ansonsten war es schön anzusehen. Ein 2 zu 2. Hat für Alle was. Und es war richtig „Musik“ im Stadion. Was ich von den blöden Sitzplätzen gar nicht kannte. Aber. Vom Spiel und seinen Nuancen bekommt man auf der Stehplatz-Tribüne überhaupt nichts mit. Ganz egal wie sehr da gehasst und geschrien wird: Aus der Perspektive siehst du eh keine knappen Entscheidungen. Dafür bekommst du aber mal ordentlich stimmungsvoll nach einem Tor einen jubelnden Plastikbecher voll Bier auf die Rübe. Man kann halt nicht Alles haben.