Das Glück der anderen

Ich will mich nicht immer erklären müssen. Ich will verstanden werden. Dafür ist ein Mindestmaß an Empathie nötig; jene Empathie, gleicher Form, die ich euch gegenüber ebenfalls aufbringe. Wir sind Freunde. Da müssen die Erzählungen nicht immer wieder bei Eva und Adam beginnen.

Ich verstehe. Verstehe die Wut. Verstehe die Gier. Und ich verstehe den Schmerz, den man  mit einer lachenden, polternden Robustheit von sich vorschiebt. Vorrübergehende Blindheit kann manchmal nur im Nachhinein als solche erkannt werden. Solange sieht man seine Schwäche als Stärke an. Gleichfalls sind wir alle zu jeder Zeit blind für gewissen Aspekte des Lebens, die uns im Später erst gewahr werden können. Und doch ist man nicht „nachher immer schlauer“. Das ist nicht wahr. Nachher sieht man die Welt einfach anders. Selbst wenn sich Gesichter nicht großartig ändern. Prioritäten tun es.

Irgendwo muss es dann um den gemeinsamen Level gehen. Dass, was vom Herzen übrig bleibt. Da wäre es doch gar nicht so schwer sich gegenseitig anzuerkennen. Wenn man denn will.

Aber Anstrengungen, Bemühungen, kann man heutzutage ebenso leicht aus dem Weg gehen wie der Langeweile. Wer würde sich auch den eigenen Neid gerne eingestehen? Ich habe. Dafür. Mein ganzes. Bisheriges. Halbes. Leben. Gebraucht.

Das Sprichwort von „den Früchten im Garten des Nachbarn, die einem besser als die im eigenen Garten erscheinen“, ist wahrer als man sich eingestehen will. Weil so gut wie jeder zu sich sagt (und es heute auch von allen Orten eingeredet bekommt), dass er nicht so  wie die anderen sei. Man selbst hält sich ja für stärker und klüger. Nur wer ehrlich zu sich selbst ist sollte sich eingestehen können, dass wenn man nicht so ist wie die anderen, diese in ihrer Andersartigkeit auch Stärken gegenüber einem selbst besitzen, um die wir sie insgeheim beneiden. „Ich will nicht so sein wie du“, kann nicht bedeuten, ich bin in allem besser wie der andere. Es heißt nur. Dass man sich in bestimmten Situationen anders verhalten will. Eine Generalisierung ist immer ein Trugschluss. Deswegen ist es falsch sich ständig zu sagen, dass die Früchte im Garten des anderen immer besser sind. Immer schlecht. Oder dass sie uns nie interessieren. Das sind alles Lügen. Tatsache ist dagegen: Mein Nachbar ist mein Nachbar. Wir haben beide Früchte im Garten. Und je nach Gefühls- sowie Lebenslage beurteile und vergleiche ich uns unterschiedlich miteinander.  Wie immer sind die „Extreme“ das Problem. Nicht der manchmalige Neid. Nicht das hin und wieder auftretende Gefühl der stolze Gewinner zu sein. Das Extrem vom ständigen Gewinnen und seinem Gegenteil machen uns blind und roh; wer sich ständig für einen Gewinner-Typ hält, sieht seine Schwächen nicht mehr, wie der ständige „Verlierer“ sich seine Stärken nicht mehr zugestehen kann. Wer zu anderen empathisch sein will, sollte es auch zu sich selbst sein können. Wer also meiner Meinung nach über andere urteilen will, sollte auch über sich selbst urteilen können.

Neid ist ein stärkeres Gefühl als ich dachte. Es gab Zeiten. Jahre. Da glaubte ich frei davon zu sein. Weil ich den Mangel an bestimmten Dingen in mir selbst überspielte. Wobei genau diese Mangelerscheinung die Triebfeder für jeglichen Neid ist.

Ich verstand mich selbst nicht als ich behauptete, dass meine Freunde schlechte Freunde wurden, nur weil sie Kinder hatten. Verabscheute ihre neue Rolle. Verabscheute Kinder an sich. Nur weil ich selbst in mir einen Mangel spürte. Den Mangel nicht dazuzugehören. Die Tatsache zu fühlen. Dass mir etwas entgeht und fehlt. Ich musste in meiner eigenen Zeitrechnung sehr alt werden um das zu verstehen. Ganz begriffen habe ich es vielleicht heute noch nicht.

Heute führe ich eine tolle, liebevolle Beziehung, in der es mir an nichts mangelt. Ich habe alles. Ständig gehe ich auf Konzerte von angesagten und/oder legendären Bands. Mache Urlaube in Köln, Bulgarien, Singapur. Kann mir kaufen was ich will. Und habe eine mich liebende Freundin, die ich eines Tages heiraten will. Die mich, und das ist das Wichtigste, aushält und erträgt. Die nicht nur ein höheres Einkommen als ich einfährt, die mir auch in vielen Geistesdingen voraus ist. Mein Leben an diesem Elften Elften Zweitausendundsiebzehn ist übervoll mit guten, mit hervorragenden Dingen. Und erst jetzt spüre ich, was Neid ist. Denn den eigenen Neid spürt man weniger als den Neid der anderen. Getuschel wird an mich herangetragen. Die habe dieses und jenes gesagt. Deswegen haben sich der und die so und so verhalten, wie man es selbst nicht erwartet hätte. Manche meiner Freunde. Einige meiner Bekannten. Sind neidisch auf mich und meine Freundin.  Anders kann ich es mir nicht erklären. Obwohl ich jedem das gleiche Glück wie mir gerne gönnen würde. Jetzt.

 

 

Kuriose Sache: Die Abwesenheit von Neid macht einen hier mehr zum Außenseiter, als die polternde Bosheit anderen ihr Glück nicht zu gönnen.

Sowie es allen Anschein nach auf andere besser wirkt, ein Drogensüchtiger Versager zu sein. Den man bemitleiden kann.

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Absolution – 16 – Das erste Mal in der Traumwelt

6.

Dieses Mal war es anders. Während ansonsten die Frau im Mittelpunkt stand, das Lustobjekt und die heilige Maria in einem, die Eroberung, die Beute… Der Sinn von alldem… Dieses Mal fand er sich in einem Bambuswald wieder. Er wusste nichts über Bambus an sich. Nur, dass es keiner dieser freistehenden Bambusse aus japanisch/chinesischen Filmen war, sondern sehr engstehender, scheinbar undurchdringlicher Bambus, Dschungel wie er ihn  aus diesen Klaus Kinski/Werner Herzog-Filmen kannte, von denen er auch nur die Trailer oder Youtube-Kritiken kannte… Es war wie in diesem einem ganz besonderen Film aus seiner Kindheit, sein Vater hatte ihn auf VHS gehabt… SMARAGDWALD. So war der Titel gewesen. Auch wenn er sich nicht mehr daran erinnern konnte, dort sehr viel Bambus gesehen zu haben… Dieser Wald. Dieser Amazonasdschungel fühlte sich jedoch ebenso an, wie „der Smaragdwald“ im alten, schweren, großen Röhrenfernseher seiner Familie ausgesehen hatte. Nur war es NICHT der Smaragdwald in seiner Vision, und er war auch nicht dieser blonde, amerikanische Hauptdarsteller, der als Kind von Eingeborenen entführt wurde um in dieser pseudotypischen Geschichte als Teil des Stammes aufzuwachsen und sich dann gegen seinen wahren Vater aufzulehnen. Nein. Er war Teil dieses Stamms. Und er war es schon von Geburt an hier – er war immer hier gewesen. In einer Welt, fern ab jeder Zeitrechnung, versteckt, vor der so genannten industriellen Zivilisation. Wobei… Er konnte sich dumpf (sehr dumpf) daran erinnern, dass der Smaragdwald auf einer wahren Geschichte beruhte – was sogar NOCH besser für seine Vision war.

 

Die Luft war heiß und feucht. Er schwitzte. So wie er auf seinem Sofa in sein Leder schwitzte. Sein echter Körper war da, wie im Schatten seiner selbst war er noch zu spüren, ähnlich wie in den Erzählungen von Menschen, die eine Nah-Tod-Erfahrung erlebt hatten. Aber der reale Körper war nicht mehr wichtig. Er war abgelegt worden. Wie eine zweite Haut. Ein Kleidungsstück. Ein Mantel, den man an einer Garderobe für Geld der Obhut anderen überlässt.

Seine Vision konnte sich nicht entscheiden, ob es Tag oder Nacht in war. Es war dunkel und schummrig, während es gleichzeitig auch hell und erleuchtet zu sein schien. Und er war nicht alleine.

 

Vor ihm ging sein bester Freund, den er von Kindesbeinen an kannte. Sein Name war Paco. Und das war  die Größte und bemerkenswerteste Neuheit, die er jemals in einer seiner bisher immer sexuellen Visionen gehabt hatte: Er war nicht der einzige Mann dort. Bisher gab es dort Männer ohne Gesichter, ohne Biografie, schemenhafte Hüllen, die im Prinzip nur wortlose Doppelgänger und Willenserfüller seiner selbst waren, Kopien, die nicht fähig waren zu sprechen. Paco dagegen war keine Erweiterung seines Selbst. Paco war nicht nur ein Mensch. Er war sein bester Freund. Paco war sein Vorbild. Der Junge, der er selbst immer sein wollte. Das Vorbild, dass Paul im echten Leben nie gefunden hatte.

Es waren keine körperliche Unterschiede, die sie voneinander trennten. Das Leben am Amazonas hatte ihre Körper schlank und athletisch geschnitzt. Ihre Körper waren sehnig, jung und straff.  Raubkatzen gleich. Es war der Respekt den Paco auf ihn ausstrahlte (und er war sich sicher, dass es „Respekt“ war und kein „Neid“, da er in seinem Innersten wusste, dass sie den Begriff NEID hier nicht kannten und nicht verstehen könnten), einzig und alleine durch dessen unerschütterliche Souveränität. Durch das Gelingen all seiner Absichten. Paco war ein Anführer. Das Schicksal hatte  ihm das in die Wiege gelegt.

 

Auch wenn sie Wilde waren, sahen sie nicht so aus wie typische Amazonas-Wilde. Sie sahen schon ein wenig so aus wie Hollywood-Schauspieler, die Indios spielen, nicht wie Indios an sich. Deshalb hatten sie auch keine bemalten Gesichter oder seltsame Frisuren (ihre Haare waren geschoren, jedoch nicht auf eine wilde oder kämpferische Art). Sie fühlten sich an wie zwei normale Europäische Jungs um die 16 bis siebzehn Jahren. Der Jugend ist es gleich auf welchem Kontinent, in welcher Umgebung man sich aufhält. Junge Männer sind junge Männer. Die glauben, dass ihnen die Welt zu Füßen liegt.

Das Licht ändert sich nach und nach. Es wird dunkler. Sie bewerten den Umstand, dass die große Göttin Sonne schon so früh ihren Wagen über den Himmel fährt, kritisch. Ihre Speere sind lang und dünn. Spitz wie Reißzähne walisischer Fürsten. Sie wiegen nicht viel in ihren starken Händen. Ihre Körper sind gestählt vom ständigen Überlebenskampf. Sowohl Paco als auch er sind erfüllt von der stillen, warmen Euphorie frei und auf der Jagd zu sein. Würden sie den Vergleich kennen, könnten sie sich wie Götter fühlen. In dem Gefühl einer Unantastbarkeit, gepaart mit den fokussierten und zu ihrer zweiten Haut gewordenen Bewegungen der elementaren Stille ihrer Fortbewegungen, schleichen sie durch den Dschungel. Jäger und keine Gejagten. Männer. Und keine Insekten. In diesem Moment kennen sie weder Durst noch Hunger. Noch Hast oder Gier.

Die Drogensucht meiner Freunde

Wer selbst über ein Jahrzehnt an Jahren Drogensüchtig war, sollte sich darüber eigentlich gar nicht aufregen. Von außen betrachtet. Von innen gesehen sieht die Sache meistens anders aus. Denn auch bei der Sucht gibt es solche und solche Kameraden. Ich bin wütend und enttäuscht darüber, dass meine Drogensüchtigen Freunde sich wie Drogensüchtige verhalten. Klingt doof. Ich weiß. Trotzdem habe ich das Spielchen selbst viele Jahre mitgemacht und weiß daher, dass „Drogensucht“ erst ab einem gewissen Punkt ein Totschlagargument ist. Zuvor kann man sich auch in der Krankheit (denn das ist es) entscheiden was für eine Art von Kranker man ist. Ob man ein guter Kerl ist, ob man sich bemüht, ob man nachsichtig ist. Oder einfach nur ein egoistischer Arsch.

Bei Drogensüchtigen wird immer und gern schnell gesagt: „Der ist halt so.“ Oder „das ist halt so“. Finde ich aber nicht. Man muss und sollte nicht den ganzen Tag mit Junkies Rücksicht halten. Sie machen es ja auch nicht. Schließlich bin ich mit einem Freund befreundet. Nicht mit seiner Drogensucht. Für mich sind diese Leute (überlege… Finger an die Lippen) keine Behinderten. Man kann von ihnen soziales Verhalten in einem gewissen Rahmen erwarten. Denn sie wissen was richtig und was falsch ist. Und sie wissen auch, dass man sich um gewisse Dinge kümmern muss. Denn selbst wenn man drauf ist, kann man Entscheidungen treffen. Ich wiederhole mich jetzt noch mal und sage: „Ja, ja. Ich weiß wie das ist wenn man denkt der Zug ist für einen abgefahren und es ist eh alles schon scheißegal.“ Ich mache niemanden Vorwürfe dafür, eine Weile lang im Arsch zu sein. Aber ich habe mich dann auch nicht darüber beschwert, dass mein Umfeld entsprechend reagiert. Mir war immer klar, dass die Menschen Interesse an mir hatten, nicht an meiner Drogensucht. Außer bei den Leuten die das am besten auszunutzen wussten. Die berühmten falschen Freunde. Und wenn jemand lieber mit Ja-Sagern herumhängen will, die nur die Brocken wollen die von seinem Tisch herabfallen: Bitteschön. Ich bin das definitiv nicht. Und natürlich musste auch ich meine Lektionen lernen.

Es ist schwierig keine Drogen mehr zu nehmen und mit Drogenleuten abzuhängen. Man ist ja nicht mehr der, der man einmal war – während man genau der ist, der man immer gewesen ist. Das ist anstrengend für beide Seiten. Ich verstehe das. Doch wenn man schon vorher Freund miteinander war, vor all den Abstürzen und den Ultrabrutalen und Ultraglücklichen Momenten miteinander, dann muss da doch was da sein, worauf man zurück greifen kann.

Ich bin seit Wochen, seit Monaten sauer auf einen Freund, der mich an seinem Geburtstag versetzt hat. Der war an einem Montag und sie haben Sonntagnacht scheinbar wie wild hinein gefeiert. Das wäre jetzt gar nicht so dramatisch. Davon abgesehen dass ich am Sonntag mehrmals angerufen habe und Gespräche mit ihm und seiner Frau geführt habe, dass er mit mir am folgenden Tag in die Therme fahren und chillen. Ich wollte fahren und zahlen. Hatten ja Beide Urlaub. Und das Ende vom Lied war dass ich mittags im strömenden Regen vor seiner Scheißdreckshaustüre stand und keiner die Tür öffnete oder ans Handy ging. Da war ich selbstverständlich sauer. Das war aber noch nicht der Punkt der das berühmte Fass zum Überlaufen brachte. Der war erst erreicht als einer seiner Kollegen hinten am Geschäft vorbei lief und ich ihn fragte, ob er etwas wisse. Und der sah mich an als wäre ich ein Vollidiot und meinte lachend zu seinem Kumpel der daneben stand: „Ist halt gestern sehr spät geworden.“ Und dieser Moment war es, bei dem es vorbei war. Denn der Idiot in diesem Augenblick war ich. Ich, der gutgläubige naive dumme Freund, der so blöd war zu glauben, dass auf den anderen coolen Junkie Verlass sein könnte: Wie blöd bist du eigentlich? Ist doch normal dass dein Freund im Arsch ist. So als wäre mein Freund ein verdammter Behinderter von dem man nichts erwarten darf. Nur ein Trottel würde das. Und da war es dann halt vorbei mit dem Verständnis. Aber es tut mir leid, ich bin halt nicht der Typ der seine Leute einfach so abschreibt und sagt: „Der ist halt so.“ Denn Menschen sind mehr als ihre Drogensucht. Ich glaube an sie. So wie Menschen auch einmal an mich geglaubt haben. Krank kann jeder werde. Und ja. An manchen Krankheiten hat man  selbst schuld. Dann sollte man aber auch die Größe haben sich dafür zu entschuldigen, und den Willen, es wieder geradebiegen zu wollen.

Absolution – 12 – Sarah und Fettsack?

Als er ein paar Stunden später Sarah im Bosporus antraf,  überraschte es Paul. Obwohl Sarah und Fettsack gute Freunde von Paul waren, hatten sie kaum eine Beziehung zueinander. Sie waren Freunde von Freunden. Und nun saß sie doch hier am Tresen und quatsche mit Pauls altem Freund. Sie. War wunderschön wie immer. Er. War bekifft wie immer. Bei Leuten wie dem Fettsack muss das nicht gleich bedeuten dass er platt und unbeweglich von der Droge war. Oft blühte er durch sie erst auf. Paul gab draußen im Sommer-Licht André die Freundschaftshand. Und drinnen ging ein großes „Hey!“ durch die Runde, als er die ehemalige Dönerbude betrat. Stevo, der hier irgendwie als Resident-DJ  durchging, mixte mit seinem Abelton gerade ein paar feine House-Tunes zusammen; ihm gab Paul gewohnheitsmäßig zuerst die Hand. Nicht dem Hausherren. Dieses „Ich-begrüße-erst-einmal-den-DJ“ war ein Running-Gag der sich verselbstständig hatte. Dann wurde der Fettsack ge-high-fivet. Zuletzt und doch als erstes umarmte er Sarah. Sarah die so roch wie Frauen riechen müssen.

„Du? Hier?“ Lachte Paul. Er klang ein wenig überraschter und verunsicherter als er auftreten wollte. Einerseits war es so, dass es nicht das erste Mal gewesen wäre, dass sich plötzlich die Freunde von Fleming untereinander besser verstanden als sie sich mit ihm – und er aufs Abstellgleis geschoben wurde. Andererseits war Sarah, Sarah. Und auch wenn sie nur Freunde waren, gönnte ein Mann nicht sofort einem anderen Mann ein tieferes Verhältnis zu einer scharfen Frau, als man es selbst zu ihr pflegte.  Besonders. Wenn der Freund ein anderes Moralverständnis als man selbst an den Tag legt. Sarah wischte die Frage mit einem Lächeln fort. Diesem endgültigen, Herzerwärmenden Lächeln, mit dem sie schon einige Fragen zu neugieriger Männer totbeglückte. Wieder eine dieser Fähigkeiten, zu der man sein musste wie Sarah. Der Fettsack grinste nur sein sympathische Gewinnergrinsen. Bestellte mit der gleichen Gestik für sich einen „Shirley Temple“ und für den von ihm so gerufenen „Fleming“ einen Whiskey Cola. Wie zu erwarten half der Whiskey Paul zu entspannen. Der Tag war so schon nervig genug gewesen. Das Glas zügig geleert.

Ein paar Gläser später, wie das Lachen der Freunde immer lauter wurde, die Musik noch housiger und aufgewühlter, ließ Paul Gedankenverloren die Kühlsteine in seinem Glas herum wirbeln. Er blickte scheinbar nach draußen. In das dunkle Nichts der Kleinstadt-Straßen. Sah aber in Wirklichkeit das Spiegelbild von Sarah in der daneben stehenden Fensterwand an. Wie sie da so saß. Einfach so da saß. Und mit ihrer Schönheit den Mittelpunkt des hier veranstalteten Gemäldes ausfüllte. Sie war. Wie ein Schwarzes Loch. Dass den Raum krümmte. So dass alle Männer und Frauen mehr oder weniger verstohlen ihr Augenpaar auf sie richtet mussten. Manchmal nur kurz und diebisch (Paul). Oder lange und wohlwollend (Fettsack). Es war ein Physikalisches Gesetz der Anziehung. Und sie war der Mittelpunkt des Trichters in dem sie versinken wollten. Es war fast schon lächerlich. Wie sehr die Männer sie wie prähistorische Wilde angeiferten. Und die Höhlenfrauen neidisch die Augen beim Blick auf sie verdrehten.

Nebenher erzählt Stevo ihnen eine Geschichte:

„Ja die verdammte Arbeit…  Hab ich dir die Geschichte erzählt wie sie mich aus der letzten raus gemobbt haben?“ Die Frage war eindeutig an Sarah gerichtet – wir Jungs kennen die Geschichte schon.

Fettsack zu Sarah: „Hör zu. Die ist witzig.“

 

Stevo: „Also ich komme in die Arbeit, weiß gar nicht, war Dienstag oder Mittwoch und ich war noch eeecht gut dabei, n bisschen verplant, ein wenig dehydriert, was blöd war, weil, ich hab doch damals in dem Metallverarbeitungsbetrieb gearbeitet, weil, da hat mich das Arbeitsamt hingeschickt und da war es heißt und laut. So richtig heiß und laut.“
Sarah: „Mhm.“

„Okay, okay. Da gings dann halt um Metall und so´n Kram. Legierungen oder was weiß ich.. Und die meinten zu mir: Hey, so wie du aussiehst dachten wir nicht wie gut du arbeiten kannst – bist aber voll in Ordnung. Dann kam halt der eine Tag. Ich also total verplant mit Gehörschutz, im Lärm, IN der Halle und dann kommt der Meister auf mich zu, eigentlich ein netter Kerl, so Mitte 40, dünn, weder abgerissen noch zu schnicke, hm… ich DACHTE das wäre ein netter Kerl, vorher , auf jeden Fall kommt der zu mir her und fragt so los: „Hast du die Drogen schon genommen?“
Und ich so, total verballert und verdreht und total dehydriert weil mir das Bier in der Nacht ausgegangen ist, ich also lasse mir überhaupt gar nichts anmerken, so ne Mischung aus Dummstellen und Pokerface: „Hä?“ Weil, war  ja laut. Ich also so: „Hä?“

Und er so: „Was?“

Und ich noch mal: „Hä?“

Und er: „Wie? Hast du die Drogen schon genommen? Oder soll ich die nehmen?“

Und ich so: „Hm. Ja ne. Ich kann die schon nehmen.“ Weil wenn der schon was hat, dachte ich. Man will ja nicht unhöflich sein.

„Ja dann nimm du die mal“, sagt der, geht aber weg ohne mir was zu geben. Ich hab dann da so weitergewurschtelt an der Maschine, schon am Überlegen was das denn jetzt war, und so ne viertel Stunde später oder was weiß ich, kam der wieder daher und fragt, ob ich die Drogen endlich genommen habe… Weil die im Labor schon darauf warten würden. Und ich werde natürlich langsam sauer, brülle ihn an was für DROGEN er denn meinen würde?! Was soll denn der Scheiß?! Das würde ihn doch überhaupt gar nichts angehen! Das ist doch wohl meine Sache! Und jetzt war der total verwirrt und fragte MICH ob bei mir alles okay ist… Ich dann so: „Ja… Klar.“ Und er dann so: „Okay. Siehst n bisschen verrückt aus und verhältst dich komisch…“ Er würde es dann halt selbst machen. Und ich gucke dem so nach wie er zur Maschine geht, Handschuhe anzieht und dann ein paar Teile mitnimmt, und dann checke ich es erst: ACH DU SCHEIßE! Der meinte gar nicht DROGEN! Der meinte Proben! Ob ich die Proben schon genommen habe! Fürs Labor! Weil die da irgendwas stündlich überprüfen mussten“…

Sarah: „Oh nein…“ Sie hielt sich beim Lachen die Hand vor dem Mund. Total süße Geste. Als würde sie ihre perfekten Zähne verbergen müssen…

Fettsack und Paul lachten dreckig. Was Stevo nur sauer macht: „Ja man kann sich doch auch mal verhören! Ihr Arschlöcher! Und… Na ja… Wenig später haben sie mich dann raus gemobbt, weil sie´s dann gecheckt haben. Die Schweine…“

Sarah mitfühlend: „Dumm gelaufen.“ Sie legt zu dem Kommentar tröstend kurz ihre Hand auf die von Stevo. Was ihn aufblühen und erröten ließ: „Aber meine Arbeit habe ich trotzdem gut gemacht, ist doch egal ob ich dicht bin oder kaputt aussehe…“

 

 

 

 

Absolution – 10 – Freunde mit Vermögen

4.

Bevor er für gewöhnlich mit der S-Bahn die Trabantenstadt in Richtung Lebensmittelpunkt, in die Clubs der Großstadt aufbrach, zeigte er sein Gesicht gerne im „Bosporus“, bei seinem alten Freund, den er nur Kumpelhaft „Fettsack“ nannte. Der Fettsack war alles andere als das, trotz seines breiten Rückens und der stattlichen Erscheinung, die er sich in seiner frühen Jugend antrainiert hatte und welche fantastischer weise niemals ganz verloren gegangen war. Den Namen hatte er deswegen spendiert bekommen, da er im bekifften Zustand der faulste Mensch auf Erden zu sein schien und sich auch sonst nicht gerade um Arbeit schlug.

 

Von seinem Vater hatte er einen florierenden Metzgerei-Betrieb übernommen, den er wegen seiner Geschäftstüchtigen Weitsicht sofort umbaute und optimierte: Er schloss alle 5 Filialen seines Geschäfts und setzte dagegen auf die von ihm so betitelte „Online-Wurst.“ Die „Online-Wurst“ war das, was schon der Name sagte, eine übers Internet versandte spezielle Wurst (in besonderen Frischhalte-Boxen), die so gut war, dass die Leute sie ihm schon in den Filialen aus den Händen gerissen hatten. Und da „die bayrische Wurst die beste Wurst der Welt“ war, wie der Fettsack nicht müde wurde zu betonen, versendete er nun diese Wurst in ganz Europa herum – und sie machte ihn reicher als es der Krimskrams an der Wursttheke jemals hätte machen können.

Auf die Frage, weshalb er überhaupt die Filialen geschlossen hatte – schließlich hätte er auch dort weiter Wurst verkaufen können – gab er immer nur genervt als Antwort: „Ich kann dieses Gelaber nicht mehr hören.“ Er imitierte dann immer eine alte Frauenstimme und sagte: „Darfs a bissle mehr sein?“ Da schüttelte ihn es gleich vor Grausen. Diese furchtbare Kundennähe. Dieses Kriecherische. Diese scheinbare Abhängigkeit, obwohl es für ihn eher so war, dass die Leute seine Qualität mehr brauchten als er sie. Ja. Nein. Das falsche, aufdringliche Sprüchlein wollte er nie wieder in seinem Leben hören. Und weil er ein lustiger Typ und das genau sein Humor war, stand als Werbespruch auf seinen Spezialwurst-Behältern genau dieser Werbeslogan: „Darfs a bissle mehr sein?“, der jedoch von niemanden mehr so ausgesprochen werden durfte; es war nur noch von DEM Slogan die Rede.

So war der Fettsack.

 

Doch der Fettsack war noch mehr. Davon abgesehen, dass er nicht nur den „natürlichen“ Drogen in keinster Weise abgeneigt war, war er auch noch Pauls bester Freund. Die Zwei kannten sich schon von Kindheitstagen, Kindergartengeschichten. Die besten Freundschaften waren für Paul nie jene mit den Leuten gewesen, die er tagtäglich traf, sondern diejenigen, die die Jahre überdauerten. Mit dem Fettsack war es auch noch 2 Monaten an denen sie sich „Feivel, der Mauswanderer“ mäßig permanent knapp in der Kleinstadt verpassten immer noch bei nächsten Treffen so, als hätten sie sich gerade erst am Tag davor gesehen – und die Nacht zusammen durchgemacht. Dass sind Freundschaften, die den Unterschied ausmachen. Sich permanent zu sehen ist bei den meisten Menschen nicht förderlich für eine gute Beziehung, was eine Erkenntnis ist, die sich jeder selbst schwer erarbeiten muss.

 

Irgendwann lief die „Online-Wurst“ so gut, dass sich der Fettsack begann zu langweilen – und bei jemand der diesen Spitznamen weg hat, hat das etwas zu bedeuten. Er ging eigentlich nur noch abends zum Geldzählen an den PC um die Umsätze zu checken. In äußerst seltensten Fällen sah man ihn sogar in seinem Hauptgeschäft, wo ihn die von ihm nach der Daily-Soap betitelten „GZSZ“-Probleme seiner Angestellten nur noch nervten und langweilten. Und so selbstironisch, verquer und strange der Fettsack nun einmal war, kaufte er sich eine Döner-Bude am Kleinstadt-Rand und machte dort einen Mini-Dance-Club auf, wo er sich als Gastronom theoretisch noch mehr „GZSZ“-Probleme ins Haus geholt hätte, wenn, ja wenn der Mini-Club nicht einen indirekt proportional großen Türsteher vor der Glasfassade gehabt hätte.

In den „Bosporus“ wie er den Laden nannte – er hatte einfach die Schilder der Dönerbude vor dem Eingang hängen lassen, bis auf jene, die einen türkischen Mann mit großen Messer, Fleischspieß und imposanten Schnauzbart zeigten – passten ohnehin gerade einmal 20 Leute. Es war ja nicht mehr als eine Dönerbude, ganz in weiß. Bis auf die Decke fast durchgängig gekachelt.

Wo früher die Schalen mit Salat und Sauce standen, war jetzt ein kleines aber feines (und vor allem teures) DJ-Pult gestellt worden, daneben wiederrum ein ebenfalls kleiner Bereich für die Bar. Ein bisschen Technikschnickschnack hier und da und schon war der „Club“ fertig. Zum Drogennehmen musste man das Hinterzimmer verwenden, denn das „Bosporus“ war im Prinzip einfach nur ein von drei Seiten absolut und ohne Einschränkung einsehbarer Glaskasten. Jeder der vorbeilief hatte das Gefühl von „totaler Transparenz“ und nicht wenige Besucher bekamen ein Gefühl der Beobachtung von Passanten. Das Besondere aber war André. André der Türsteher. Der Mann, der den Unterschied ausmacht. Schließlich entscheidet der Türsteher wer IN oder OUT ist. Und es war gerade der Reiz des Bosporus, dass man sich von drinnen den draußen Abgewiesenen als glücklichen Menschen präsentieren konnte. Es war etwas Besonderes in den „Bosporus“ gehen zu dürfen. Und es war ein außergewöhnlicher Spass des Fettsacks große DJs (von Oliver Koletzki bis zu der Marke eine Richie Hawtins) zu buchen, um drinnen mit gerade mal 30 Leute zu feiern, auch wenn die gar keinen Platz mehr zum Tanzen hatten auf den paar Quadratmetern.

 

Paul könnte gar nicht mehr sagen, wie oft und wie lange er in dem Gebäude verbracht hatte, nicht nur unten in der alten Dönerbude, auch oben in der als Junggesellenwohnung eingerichteten Behausung seines besten Freundes, der eigentlich verheiratet war.

Die Ehe. Das war schon immer so eine Sache in der Kleinstadt. Da war es auch ganz egal wie viel Geld der Fettsack verdiente: Die Ehe wurde wie eine Schablone über dich und dein Auftreten gelegt. Die Kleinstadt maß nach ihren eigenen, unausgesprochenen Regeln. „Je kleiner die Stadt, desto größer die Regeln“, war so eine Faustregel die sich Paul und Fettsack aufdrängten, wenn sie ihr Leben von außen betrachteten. Vom Blickpunkt „der Anderen“ aus. Paul, der nichtsnutzige Single. Sein Freund Fettsack, der seine Ehe nicht so führen wollte wie andere es taten. Nicht dass der Fettsack seine Frau und sein Kind nicht lieben würde. So eine Behauptung war pure Verletzung und sollte nach deutschem Recht zur Anzeige gebracht werden können. Der Fettsack ging nur anders damit um als die Kleinstadt sich das vorstellte. Dabei waren der Fettsack und seine Ansichten zu groß für die Kleinstadt, so viel zu groß und zu fett sogar, dass er mit der Kleinstadt zu einem merkwürdig symbiotischen Klumpen verwachsen war, der nicht mit und ohne aneinander konnte.

Paul und der Fettsack würden immer Freunde bleiben. Da war sich Paul sicher. Manche Dinge sind in Stein gemeißelt.

An diesem Wochenende war Fettsacks Geburtstag. Was schenkt man jemanden der schon alles hat? Genau, eine kleine, persönliche, etwas verrückte Verschrobenheit. Für seinen Freund Fettsack, der nun doch nicht in den Knast musste, obwohl bei ihm eine Hausdurchsuchung der eine einmonatige Observation vom Haus gegenüber voran gegangen war, bei welcher eben nicht von der Staatsanwaltschaft das zu erwartende K. in großen Mengen gefunden wurde, sondern nur 13 Gramm Marihuana und die Staatsgewalt die Sache am Ende gegen eine Zahlung von 1000 Euro einstellte (sein Anwalt zu ihm: „Seien sie froh das sie reich sind. Sonst würden sie nicht so gut davon kommen.“), musste es was besonderes sein. Denn schließlich war er ein Kerl der einen Monat nach der Hausdurchsuchung auf die Anweisung seines Anwalts, nicht mehr mit dem Auto zu fahren wenn er „was gemacht“ hätte, antwortete: „Ich bin schon seit 4 Wochen kein Auto mehr gefahren.“

 

Ja. Etwas besonders. Also bestellte Paul im Internet Scheckkarten, auf die er den Aufdruck den „Ich-Komme-Aus-Dem-Gefängnis-Frei“-Spruch von der berühmten Monopoly-Karte drucken ließ. Dass der Fettsack die Karten dazu nutzen würde um sich fette Lines zu legen, war eh klar – und schon war aus der ganzen Geschichte ein doppeldeutiger Witz geworden. Und beim Teilen mit Freunden wurde aus der Karte eine richtige „Gesellschaftskarte“.

 

Der Fettsack lachte viel über das Geschenk und war glücklich. Noch glücklicher war er selbstverständlich darüber, dass die Sache „fallengelassen“ wurde. Sein Freund Fettsack gab Paul die dicken Lines aus und das Kokain machte ihre Kehlen, Nasen und Gehirne taub. Irgendwann war ihre Konversation wie Tennis in Zeitlupe. Der Eine sagte: „Boah…“ Dann kam lange gar nichts. Und „plopp“: Gab der andere ein „Heftig“ zurück. Und dann ging es wieder von vorne los, plopp: „Boah…“. Da lagen sie nun. 35 Jahre alt. Zusammen im Ehebett des Fettsacks. Hatten sich mal wieder total selbst außer Gefecht gesetzt. Konnten sich nur zum Rauchen und zum Ziehen aufraffen.

Erinnernd an den abgewendeten Gerichtsprozess klatschte Paul  ihm mehr mit einer fallengelassenen, als mit einer schlagenden Hand, gefühlt auch noch in Zeitlupe, auf dessen dicken Bauch und sagt, in dieser Melange aus Zerstörtheit und irgendwie so was wie Freude: „Jetzt hast du echt gewonnen…“
Und er… Eine Weile später. Plopp. „Ja Mann. Ich habe gewonnen.“ Da lagen sie. Die Gewinner. Zerstört wie die letzten Loser. Freuten sich darüber. Irgendwie. In ihrem Emotionslosen Glück. Diese befreundeten Häufchen Elend. Oben in der Junggesellenwohnung. Während unten Fettsacks Geburtstagsparty richtig abging, seine Frau und seine Freunde die Arme in Höhe warfen und der Bass gedroppt wurde. Surreale, atemlose Momente. Bis Paul schon wieder den Drang verspürte nachhause zu gehen und den Rechner hochzufahren. Das hatte nichts mit dem Fettsack zu tun und der Freundschaftlichen Liebe die er ihm gegenüber fühlte. Nur mit Paul selbst. Aber das war nicht möglich. Morgen war Familientag.

Absolution – 5 – Afterhour der Träume

2.

Für viele Menschen funktionieren Drogen nur in einem gewissen Kontext. Sie müssen im Club geschluckt werden. In der Bar getrunken. Bei gewissen Freunden durch die Nase gezogen werden. Oder sie werden hinter irgendeinem Wohnkomplex auf einer Parkbank neben den Mülltonnen geraucht. Weil es sich einfach so gehört. Die Menschen verbinden mit der Wirkung ein gewisses Setting. Ihre guten Erfahrungen haben sie an diese Stelle gebracht. Drogenkonsum hat schon immer  mit der Gestaltung  von Sehnsuchtsorten zu tun.  Heile-Welt-Blasen. Die nach und nach zerplatzen. Techno-Nächte leben von der Kopie eines Gefühls, dass die Menschen bei ihrem ersten Feiererlebnis haben: Die erste und beste Nacht die sie jemals auf Drogen hatten. Und genau dieses Erlebnis, diese Nacht, suchen sie in all den Nächten wieder, wenn sie –  Wochenende für Wochenende – die Tür hinter sich abschließen und sich auf die Suche nach ihrer eigenen Vergangenheit machen. Es ist die Möglichkeit immer wieder und wieder ein Kind zu sein. Sich immer wieder und wieder wie zum ersten Mal verliebt zu fühlen. Doch Blasen platzen. Oder sie fallen ermüdet in sich zusammen.

 

Eines Tages war das Feiern nicht mehr so wichtig. Das Feiern war, wie das Leben, nur noch ein Rahmenprogramm für seine Träume. So wie man Essen, Trinken, Schlafen und auf eine gewisse Art auch Arbeiten musste, so musste auch gefeiert werden, nur um sich komplett zu fühlen. „Alibi-Weggehen“ nannte das der Fettsack, wobei er meinte, dass man nur deswegen in den Club ging um später zu anderen und vor allem zu sich sagen zu können, dass man was gemacht hätte, außer zuhause dicht auf dem Kanapee vor der Glotze herumzuhängen. Das Feiern war nicht mehr der Grund weswegen man Drogen nahm. Das Feiern war die Ausrede, die Begründung, die einfache Zerstörte wie Fleming brauchten, um seine Sucht vor sich selbst zu rechtfertigen. Es legitimierte den Konsum. Eine Legitimation, die in Wahrheit niemand brauchte. Man hätte ja einfach machen können was man wollte, wenn da nicht diese merkwürdige Feiermoral im Weg stand, dieses „Wer A sagt, der darf auch B sagen“, dass von Freunden und einem selbst intonierte: „Drogen einfach so zu nehmen ist schäbig“. Sie hielten sich für „Partysüchtig“, nicht für Drogensüchtig. Eines Tages taugte das Alibi aber nur noch als Alibi.

Fleming wollte irgendwann nicht mehr nach draußen gehen. Er wollte zuhause bleiben. Alleine. Unbeobachtet, ungestört. Frei. Und vor allem druff.

 

Er wollte nicht mehr die Bahn in die Stadt nehmen, wollte nicht mehr mit seinen Freunden lachen, feiern, trinken, schnupfen – nur das Tanzen fehlte ihm, da das Tanzen ihn an eine vergangene Ekstase erinnerte, die es nur in seiner Jugend gegeben hatte. Das konnte er nicht mehr zurückbekommen, die Welt hatte sich weitergedreht und er mit ihr, ob er wollte oder nicht. Und der Rest dieser Party-Kultur war zwar ganz nett, nur ziemlich egal, wenn es um das Wesentliche geht. Wir wollen eben nur das haben, was wir nicht bekommen können. Und wenn man nicht mehr jung sein kann, nur so tut, weshalb also sollte man dann nicht einfach zuhause bleiben, sich abschießen und von der Vergangenheit träumen, in der „Alles besser“ war? War das denn nicht ehrlicher als dieses unsinnige Aufbrechen in die Gegenwart um dort Rituale aufzuführen, die man schon immer zelebrierte nur um sich zu fühlen wie vor 10 Jahren? Das war kein Alibi mehr, das war nur lächerlich und verlogen. Keine S-Bahn bringt dich zurück in die Vergangenheit. Kein DJ-Set macht dich wieder jugendlich, nicht einmal ein aufgezeichnetes… Und ganz bestimmt macht dich keine neue Jugendbewegung, für deren Teil du dich mit Ende 20 noch hältst, noch einmal jung.

Und bei all diesen falschen Fake-Feiereinstellungen konnte er sich fast gar nicht mehr daran erinnern, wann er wirklich real gewesen war… Wie lange ging denn nun die Wahrheit? Ein Jahr? Zwei? Fünf? Oder nur so lange die Pille in seinem Kopf ihn glücklich machte? Gab es in Wahrheit denn nicht nur diese eine, unglaubliche, diese perfekte Nacht der man dann Jahre lang hinterher läuft wie Alice dem Hasen? Oder war es immer noch die Wahrheit, wenn er auf der Tanzfläche wirbelte wie mit 20 Jännern und seine Wut und die Sorgen aus sich heraus tanzte?

Zuhause, bei sich selbst angekommen spielte das keine Rolle mehr. Man braucht keine Ausrede um daheim zu bleiben – selbst wenn man diesen Irrtum mit 20 begeht und Rechtfertigungen dafür braucht nicht wegzugehen…

Zuhause musste er keine Verhaltensstunts aufführen. Er musste niemanden gefallen, nichts beweisen und in keiner Situation souverän oder stark wirken. Zuhause, eingeschlossen im Rausch, wo er sich generieren konnte wie der typische Junkie, war er frei von allen Ansprüchen. Hier war er lebendig. War es denn in Wahrheit nicht so, dass das Leben um ihn herum zum Alibi geworden war? Dass er arbeiten, einkaufen, auf Konzerte, Freunde und Familie besuchen usw. ging, bis er allen Ansprüchen an sich selbst (von außen und von innen) gerecht geworden war, um schließlich in seinen perfekten Träumen endlich er selbst zu sein und das tun zu können, was ihm die ganze Zeit verwehrt blieb? Ist denn das Glück nicht etwas, dass in uns selbst entsteht, auch wenn wir es normalerweise durch äußere Einflüsse in uns selbst finden? Sind wir denn nicht in Wahrheit in uns selbst eingeschlossene Wesen und unser Glück nicht nur eine Mischung von Hormonen, biochemischen Reaktionen  und den damit verbundenen Gefühlen? Ist denn nicht jede Befriedigung die wir von zweiten, dritten oder von allen anderen erhalten nicht in Wirklichkeit nur eine besondere Form von Selbstbefriedigung? Ist denn nicht jede Handlung, jeder Handgriff, jedes Wort und sogar jede Lust die wir einem anderen zufügen nicht eigentlich nur auf uns selbstgezielt; ist unser Leben denn nicht eine egoistische Kettenreaktion zur eigenen Selbstbefriedigung und -verwirklichung?

 

Wenn alles was du suchst in dir selbst verborgen ist, wieso also noch das Haus verlassen, wenn dort draußen Gefahren lauern, die dich nicht bestätigen, nein, die dich im Gegensatz sogar verletzen wollen?

 

Aber er musste hinaus. Musste Geld verdienen um sich seine nasal zugefügten Träume zu ermöglichen.  Musste Nahrung kaufen. Musste Drogen besorgen und sich deswegen mit den besten und falschesten Freunden auseinandersetzen, was immer ein Drama war. Und irgendwo brauchte er immer noch die anderen Menschen. Die Frauen. Der emotionale Austausch. Ihre Normalität. Ihre Zuneigung. Trotzdem. Wenn er ehrlich zu sich selbst war,  war das Ganze für ihn nur noch eine Alibi-Welt, die nur deswegen existierte und hinter sich gebracht werden musste, bis er sich endlich, endlich zuhause einsperrte um frei von dem ganzen Mist zu sein, den wir alle Gesellschaft nennen und uns gegenseitig aufdrängen.

Sein Traum war Realität geworden. Der Traum war das, weswegen er jeden Morgen aufstand – wenn er denn schlief. Und der Rest war nur eine Ausrede um sich diesen Traum zu erfüllen.