Absolution – 3 – Verliebt in Sarah

Paul folgte seinem Freund Chris. Sie wanden sich wie zwei Schlangen ihre Bahn an den stehenden oder tanzenden Leuten vorbei. Paul folgte Chris. Denn er war viel zu druff um die Initiative zu ergreifen. Er traute sich aus einem natürlichen, inneren Bedürfnis heraus nicht einmal die anderen Club-Besucher auch nur mit seinem Körper zu streifen. So zart fühlte sich seine berauschte Seele an. Die Misubishis hatten ihn ganz „gentle“ gemacht.

An der breiten und langen Club-Bar waren ein Bestell- und ein Anlehnplatz frei. Paul lehnte sich erschöpft beseelt an. Chris bestellte die Getränke. Irgendwie schien Chris alles zu machen. Immer. Die ganze Zeit. Dabei und vielleicht gerade deswegen bekam er nicht den Respekt den er dafür verdient hätte. Merkwürdig. Dass das Nichts-Tun für andere mehr Respekt auslösen kann, als sich selbst hinzugeben. Das Bier das Chris Paul reichte war super kalt und von Wasser beschlagen, so als ob der Barkeeper direkt in eine Fernsehwerbung gegriffen hätte um es dann Chris zu geben. Dieses Bier. War in diesem Moment. Das beste Getränk der ganzen Welt. Paul war Chris unendlich dankbar dafür. Doch Chris wollte auch etwas für sein Geschenk. Etwas ungleich wertvolleres: Chris wollte das Paul zuhörte. „Zuhören“ ist kostbarer als „Sprechen“.

So hörte Paul Chris Worten zu. Die nicht gerade eine große Überraschung verbargen. Denn Chris war verliebt in Sarah. Genau. In die Sarah. Die Schönheit ihres Clans. Die Frau. Die so fantastisch aussah, dass sie mit ihrem Aussehen jede Club-Tür für sie öffnen konnte.

Sarah war der mächtigste Mensch den Paul kannte. Das war schon immer so gewesen. Sarah hatte diese Macht, diese Aura, die die Welt um sie herum krümmt. Die sie in diesem ganz besonderen Licht darstellte. Sarah war schön, wenn nicht fast perfekt. Sarah war das Schönheitsideal. Nicht eines dieser Schönheitsideale, die sich im Laufe der Jahrzehnte ändern, so wie es sich von großen Brüsten und breiteren, „weiblicheren“ Hüften zu schlanker Taille, breiten Wangenknochen und Laufstegsehnigen Schultern entwickelt. Nein. Sarah würde immer als Schönheit betrachtet werden, vielleicht mal mehr oder weniger. Aber ihre Schönheit würde die Jahrhunderte überstehen, ganz egal wie der Feminismus auch abgehen würde: Ihre fantastische Äußerlichkeit würde sie immer objektifizieren.

Das war schon in ihrer Kindheit so gewesen, in ihrer Jugend, sowie auch zu diesem Zeitpunkt im Club, wo sie eine Frau in der zweiten Hälfte der 20ger war. Nur war sie ebenso verloren an das Märchen von Peter Pan, wie es die „verlorenen Jungs“ in der Geschichte waren. Sarah war nicht Wendy. Denn Wendy hat Peter Pan nie geliebt…

Sarah wollte nie erwachsen werden. Und ihr unbedingter Wille Spaß zu haben, machte aus ihr eine sehnige, blonde Drogenschönheit, ohne Kinder, ohne festen Mann und obwohl sie einen hatte, doch nie zu jemanden mit festen Wohnsitz. Sarah war wie ein Groupie der Rolling Stones: Seit einer Ewigkeit on Tour. Bis die Tour der Lebensinhalt wird.

 

Sie wollte immer nur Spaß haben, so wie alle das wollen, und was spräche schon dagegen? Nur wenn einem durch das Aussehen alle Türen offenstehen und man überall in dunklere und hellere Ecken vordringen kann, verändert das einen. Die Macht wird zu einer Natürlichkeit. Und plötzlich wird man von seiner Umgebung „leicht“ genannt. So werden Menschen schnell beurteilt, die leicht im Leben voran kommen. Die Dinge geschenkt bekommen weil sie etwas ausstrahlen. Weil sie etwas bekommen können, was für uns unerreichbar ist. Sie werden zu „leichten Frauen“, da es für uns so unfassbar schwer erscheint, das Gleiche zu bekommen. Und ganz egal ob das stimmt oder nicht, solche Behauptungen können zu Prophezeiungen werden, denen wir nicht entkommen können.  Nur fragt hinterher niemand, ob zuvor die Henne oder da Ei da war. Später, war Sarah immer so gewesen.

 

Getuschelt wurde schon früh. Das ist die Kehrseite der Schönheit. Sie nennt sich „Phantasie“. Denn wer so aussieht, bei dem stellen sich die Jungs und besonders die Mädchen, alles vor. Ihr Urteil ist ebenso klar, wie vernichtend es ist. Sarah war für ihr Umfeld immer wie eine Griechische Göttin: Makellos und doch menschlich.  Viel zu menschlich. Personifiziert. Besonders wenn man ein Mädchen ist, das gerne Lacht. Und mit den „bösen Jungs“ (die wie immer nur die ein wenig „älteren Jungs“ waren, sich aber ganz böse fühlten und gaben) mitgeht. Die Phantasie der anderen machte Sarah zu dem, was sie noch gar nicht war. Das fing klein an.

Sarah war die Erste, die Jungs auf den Mund küsste. Sie war die Erste, die mit Zunge küsste. Und selbstverständlich war sie die Erste, die ihn in den Mund nahm.

 

Nicht dass Sarah selbst solche Geschichten über sich erzählte. Nein. Auf jeden Fall nicht zu Anfang. Aber was soll ein Kerl der mit so einer klassischen Schönheit intim wird, denn anderes erzählen? Der blöde Kerl muss die Schönheit auf sein Niveau herunterziehen. Er muss sie beschmutzen um in ihrem Licht nicht zu verglühen. So wurde geredet. Nach und nach. Mehr und mehr. Und irgendwann dachte sich unsere Sarah, dass wenn sie schon von keinem mehr als Heilige betrachtet wird, sie auch keine sein muss. Sie wollte Spaß haben, sich amüsieren und was sprach dagegen? War es denn wirklich so eine Bürde im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen? Sarah war nicht dumm. Kein Mensch ist wirklich dumm. Und nur ein anderes Weltbild als andere zu haben, macht dich nicht zu einer dummen Schlampe. Das sagen nur Leute, die neidisch sind, die sich einer komischen Moral unterwerfen, weil sie innerlich hässlicher sind als in ihrem durchschnittlichen Äußeren. Manche Leute wollen dich einfach nur mit Dreck bewerfen, um dich auf ihr Niveau herunterzuziehen.

 

Es ist  nicht leicht eine Schönheit unter den Gewöhnlichen zu sein. Es ist nicht leicht von jedem angestarrt und reduziert zu werden. Da spielt es auch keine Rolle ob man die Situation einfach als leicht und gegeben betrachtet, ob man über sie hinweg lächelt. Was einem auch wieder als gewisse „Begrenztheit“ ausgelegt wird. Schöne Menschen tun sich viel schwerer gemocht und als „authentisch“ betrachtet zu werden, als der Durchschnitt. Schönheit hat immer auch den Ruf der Falschheit. Und der Stumpfheit. Das mag sogar stimmen, nur liegt diese „Falschheit“ nicht in der DNA der Schönheit begraben. Die „Falschheit“ liegt darin, dass man das Richtige im Falschen ist. Die Perle im Durchschnitt. Und so wird eine Perle vom Pöbel gerne aus Unwissenheit und Verachtung als „Fälschung“ deklariert und deklassiert, ohne dass sie sich überhaupt die Mühe machen sie wirklich anzusehen. Es ist leicht darüber zu urteilen, was man niemals haben wird.

Deswegen mochte Sarah die Partydrogen. Nicht weil die Männer auf Drogen nicht weniger geil oder die Frauen auch nur ansatzweise weniger schnippisch und neidisch wären. Aber auf Drogen ist ab einem gewissen Punkt eh alles egal. Irgendwann kippt die Stimmung, alle fühlen sich gleich. Auf einer Situation unter Drogen, kann sich selbst eine Schönheit mit einem Normalo richtig normal unterhalten. Die Blödheits-Urteils-Schranke zwischen einander ist weg. Und du bist nur der, der du bist. Nicht einmal mehr Frau oder Mann. Es sind nur zwei Menschen die sich unterhalten. Die miteinander tanzen, rauchen, trinken… Es mag sein dass die Drogen Sarah nicht schöner machten, sie erlösten sie aber auch von ihrer Schönheit. Sie machte sie menschlich. Für sich und für andere. Wenigstens für eine gewisse Zeit. Bis zu der Zeit, in der das Herz eines Freundes auf sie aufmerksam wurde.

Chris sah in ihr nicht dass was die Leute über sie erzählen. Nicht einmal dass, was er über sie wusste. Chris sah nur die Göttin in ihr. Und das war es was er Paul erzählte. Der da so lehnte. Und nur zuhörte und doch gleich wieder vergas. Der das alles total schön fand was sein Freund ihm da erzählte – die Tablette wirkte immer stärker in ihm, anstelle an Kraft zu verlieren – und dabei doch sehr tragisch. Sarah. War einfach nicht die Liga von Chris. Im Guten wie im Schlechten. Und das Schlimme daran war, das Chris das wusste. Chris war bewusst, dass das Leben kein „romantische Komödie“ war, in der der Held irgendwann alle Grenzen überwindet. Ganz sicher war Chris auch kein Held.

Bad Mum

In der Nacht ist sie mit ihren „alten“ Freundinnen unterwegs. Sie kennen sich seit bald 30 Jahren. Fast ihr ganzes Leben lang. Eigentlich waren sie Alle nie „Wooo!-Girls“ gewesen, doch das Herauskommen aus der Kindergärtlichen, Grundschulischen Tristesse machte sie dazu. Endlich konnten sie all das Fahren lassen, was sie sonst immer zu Räson brachte: „Wooo! Keine Kinder!“ Die Sekt-Gläser klirren aneinander: „Heute ist Kinderfrei! Woooo!“

Ständige, fürsorgliche  Liebe und ein gutes Vorbild-Sein ist anstrengend. Da braucht es hin und wieder… Sie weiß schon vorher, dass sie um spätestens 11 Uhr müden sein würde, da geht es den anderen ihrer Weiber aber auch nicht anders.

 

Früher – in einer Zeit bevor die Zahlen erfunden wurden und es demnach unmöglich ist, zurück zu rechnen, wie JUNG sie damals waren und wie viel Zeit vergangen ist – hatten sie doch auch die Nächte und Tage durchgemacht. Jedes Wochenende woanders. Frankfurt. München. Nürnberg. Würzburg. Manchmal auch Berlin. Kein Problem. Und waren sie heute denn nicht dass, was man heute eine MILF nannte? War das denn nicht ein Kompliment? Über 30 zu sein und immer noch potentiell erregend? Eine Hot-Mum? 30 ist heute doch kein Alter mehr. Auch, wenn sie das vor 10 Jahren selbst noch ganz anders sahen… Nein. Es liegt nicht an der Selbstwahrnehmung, und dass sie „nicht erwachsen werden“ wollten – dieses Prädikat haben die Kindsköpfigen Männer für sich gepachtet – DIE ZEITEN haben sich einfach verändert. So ist das doch. Und nicht anders. Wer hätte sich früher auch noch einen schwulen Außenminister und eine KanzlerIN vorstellen können? Und in dieser neuen Zeit, sind sie nicht mehr alt. Niemand ist mehr zu alt, wenn er sich nicht so fühlt. Oder man ist vielleicht über 40. Das sieht dann natürlich wieder ganz anders aus… Und die jungen Leute. Nun. Die sind halt einfach jünger, so wie sie schon seit 10 Jahren jünger waren.  Wen interessiert es? Und selber war man doch eigentlich blöd, dass man die alten Leute auf den Party immer schief ansah. Unreif war das. Und dumm.

 

Auf Sekt folgt Sekt. Folgt Bier. Folgt Wein-Schorle. Folgt ein Joint. Das war noch nie ein Problem. Heute natürlich auch nicht. Ist doch wie früher.

 

Nein, sie will nicht zu viel auf einmal. Und man muss das doch  verstehen: Auf was man die letzten Jahre, fast schon ein Jahrzehnt lang, verzichten musste! Immer Kind hier. Kind da. Und vorher die Schwangerschaft. Umzug. Vernunft. Erziehung. Jobwechsel. Teilzeit. Halbe Stelle – und die Kinder. Heute ist nun endlich heute. Und heute ist Kinderfrei; bei aller Liebe: „Woo!“

 

Sie tanzen sie, lachen, sie stoßen an. Bis ihr schlecht wird – das ist ja noch nie passiert. Wo kommt der denn jetzt her, der Helikopter im Kopf? Und alles dreht sich, dreht sich, dreht sich. „Ich weiß gar nicht woher das kommt“, murmelt sie noch zu ihren besten Freundinnen hin – und dann kotzt sie sich die Seele aus dem Leib. Lange. Laut. Und permanent. Nach einiger Zeit hat auch keine der besten Freundinnen mehr Lust ihre Haare zu halten oder sie aufzumuntern. Sie ist halt doch keine 20 mehr. Vielleicht fehlt es doch ein wenig an Training…

 

Währenddessen stehen die Freundinnen rauchend an der Seite und zucken mit den Schultern, tauschen Blicke und Wörter darüber, dass es doch wirklich ein jemand nervig ist, dass ihr das JEDES Mal passieren muss… Wenigstens einmal könnte sie sich doch vielleicht nicht übernehmen.

 

Inzwischen bricht und bricht sie weiter. All die Zeit hinfort die ihr durch die Kinder „verloren“ ging. All die Zeit, in der sie mehr Mutter als Frau war. Und sie bereut es inständig dass sie es heute wieder einmal ersucht hatte, keine Mutter von zwei „Kids“ zu sein, sondern eine Frau. Ihr war so unglaublich schlecht. Bitte lieber Gott…. Sie würde auch für immer eine gute Mutter bleiben… Wenn das nur endlich aufhört…

 

Angst vor Frauen

In Wahrheit war es so, dass er Angst vor Frauen hatte. Wobei, das klingt etwas zu sehr nach „Alles Fotzen außer Mutti“ von den Böhsen Onkelz. Die wirklich wahre Wahrheit war, dass er Angst vor peinlichen Situationen verspürte. Woher das kam, wusste er nicht. Irgendwas war da gewesen. Verschüttet in seiner Kindheit. Eine Peinlichkeit, die so stark und brutal gewesen sein musste, dass sie sein gesamtes bisheriges Leben überspannte und gleichzeitig so eine Schlagkraft entwickelt hatte, wodurch sein Unterbewusstsein ihm verbot, sich daran zu erinnern.

Er konnte einfach keine Frauen ansprechen.

 

Er wusste weder was er ihnen sagen sollte, noch was er antworten könnte. Denn für ihn war es doch so offensichtlich, dass er so gut wie jedes hübsche Mädchen nicht nur be-, sondern verehrte, weswegen ihm das Gefühl nachging, er trüge ein geheimes Zeichen auf seiner Stirn spazieren, sein „sign of  he void“, dass seine Absichten sofort klar machte – am liebsten hätte er sich sofort den Frauen unterworfen und wäre zu ihrem Schosshund geworden. Und wie das mit der Psyche so ist, war genau das Umgekehrte der Fall. Wenigstens. Bis er anfing in seinen Träume zu verreisen.

Zuvor war seine Antwort auf die allumfassende Schüchternheit Mädchen (es waren ja noch keine Frauen) gegenüber, sie zu beleidigen, zu ignorieren und sie nieder zu machen; Psychologisch gesehen keine Seltenheit: Man reduziert das Objekt der Begierde aus seine eigene Größe, um damit umgehen zu können. Wie eine Hyäne, die sich den feindlichen Angreifer kleiner denkt, da es nur gegen Gegner kämpft, die nicht größer ist als sie selbst. Die Ironie der Geschichte war nur, dass die Mädchen sich von so einem schroffen, aber sehr lauten und bösen Typen angezogen fühlten, da sie ihn für einen dominanten Macho hielten – wie wir wissen war das genaue Gegenteil der Fall, was wieder zu noch mehr Problemen führte….

Wahrscheinlich hatte das etwas mit dem frühen Verschwinden seiner Mutter zu tun – wer weiß das schon?

 

Als er später in seinen Drogenräuschen die Sonnenbarke seiner vorgestellten und dabei doch so realen Lustbarkeit betrat und mit ihr an ferne, fremde Ufer der Weiblichkeit anlegen konnte, war es vor allem der Akt der Kommunikation und Überredung die ihn erregte, seine Dominanz über die Situation mit der Frau, eben genau der Umstand, den ihm im realen Leben abging. Das beinhaltete einen kleinen Hauch von Erniedrigung der Frauen, da er für sich aus den Göttinnen sexual Partner zauber konnte – und ER sagte ihnen, wo es lang ging. ERNIEDRIGUNG bedeutete dabei nicht, dass er in seinen Träumen die Frauen schlug oder gar unterdrückte (von einem kleinem „Facial“ hier und eher ruppigerem Analverkehr dort abgesehen), nein, er machte sie für sich zu echten Menschen. Und das konnte seine beschädigte Psyche nur, indem er absolute Kontrolle über die Situation bekam.

 

Die Wirklichkeit über die „absolute Kontrolle“ einer Situation bestand darin, dass er mit seinen Freunden in irgendeinem Club unterwegs war, sich im Meer der Menschen und des alles dominierenden Lärm des Techno-Sounds versteckte, und einsam und alleine vor sich hin tanzte, dabei nicht einmal fähig eine Frau richtig anzusehen. Und kaum tanzte eine hübsche Frau mal 10 Minuten neben ihm gedankenversunken auf ihrem eigenen Film vor sich hin, bedrängte sie ihn ohne auch nur ein Wort oder eine Geste in seine Richtung zu verlieren durch ihre bloße Präsenz. Und da Drogen nun einmal geil und paranoid machen, glaubte er – wie ach so viele seiner Freunde – das die doch „was von ihm wolle“… Was ihn noch mehr verunsicherte und er nicht einmal mehr in Ruhe für sich tanzen konnte. Denn er wollte sie so gerne ansprechen. Nur leider ebenso sehr. Wie er sie gerne weggehabt hätte. Damit er sich auf seiner Tanzerei konzentrieren könnte…

 

Ganz furchtbar lächerlich wurde es immer – und darüber musste er selbst im Nachhinein Lachen und erzählte die Geschichte auch selbst – wenn ihn eine Frau ansprach, was durchaus vorkam, auch, wenn sie dabei nicht immer sexuelle, sondern meistens nur informative Gründe hatte. Wenn das geschah. Und wenn er den Moment der Kontaktaufnahme als aufdringlich in irgendeiner Form erachtete.  Lief er einfach davon. Woanders hin.

Ja.

Er konnte sich noch genau an den Moment erinnern, als eine hübsche Frau wie ein Schulmädchen auf ihn zukam. In der „Reithalle“. In München. Noch bevor Sven Väth das DJ-Pult geentert hatte. Irgendein Warm-Up-DJ legte gerade auf. Vielleicht Rene Vaitl. Und wie diese hübsche Frau ihn ansprach, während er da tanzte, um ihn zu fragen, ob er denn nicht ihre Freundin kennenlernen wolle. Die da drüben. Die große mit den roten Haaren und jetzt sehr neugierigen Blick. Und wie er da einfach davon gelaufen war. Obwohl er der Roten mit dem großen Charakter zu gern seine Zunge in den Hals gesteckt hätte.

(ein weiterer Text-Versuch für den Roman)

Großvaters Vermächtnis

Tommy braucht Hilfe, denn Tommy zieht mit seiner Freundin in das Haus seines Großvaters. Sein Großvater, der Alois, hatte das Haus in den 50ger Jahren, nach der Kriegs-Gefangenschaft, mit seinen eigenen Händen gebaut. Er hatte es nicht nur mit dem Architekten GEPLANT wie das heute der Fall ist, den Bau dann ÜBERWACHT, wie es einem der Gastgeber im frisch errichteten Eigenheim in unseren Tagen mit Whiskey-Glas in der Hand so stolz erzählt, als hätte er selbst die Ziegel geschlagen und nicht nur ausgesucht. Nein. Der Alois hat das mit seinen Brüdern und Freunden alles selbst gemacht, vom Ausheben des Kellers bis zum Legen der Ziegel auf dem Dach. Mit jenen Brüdern und Freunden, die der Krieg ihm gelassen hatte.

„Scheiß alter Dreck“, flucht Steve draußen im Gang, wie er da versucht neue Kabel in die Wände zu ziehen, „alle Schächte sind total überladen mit diesen Schrottkabeln!“ „Vor 60 Jahren hat man halt noch anders gearbeitet als heute. Und es hat ja bis heute gut gehalten“, meint Tommy dazu, ein wenig trotzig, ein wenig peinlich berührt und doch ebenso ein kleines bisschen stolz auf seinen Großvater. Durch seiner Hände Arbeit.

 

Ich bekomme davon gar nichts mit. Drinnen im Haus zerlege ich mit weitausholenden Schlägen die Küche. Vor jedem Hieb überlege ich mir die Mathematisch richtige Schlagrichtung um die Nägel und den Leim zu überlisten, dann KRACH! und die Küche geht ein klein wenig mehr ihrem Ende im Bauschutt entgegen.

Im Esszimmer hängen noch schwarzweiß Bilder von einem wüst schnauzbärtigen Mann im Nietzsche-Stil und einer hübschen, Bäuerlichen Frau in Schürze und Kopftuch. Den Ur-Großeltern von Tommy. Die den Krieg nicht überlebt haben. Tommy weiß nicht einmal mehr, welchen Krieg.

 

Der Alois, Tommys Opa, war nie mehr wirklich aus der Gefangenschaft, aus dem zweiten Weltkrieg zurückgekehrt. Ja. Er hat dieses Haus gebaut. Hat seinen Sohn bekommen. Den Bruno, den Vater von Thomas, der für uns der der „Tommy“ ist. Und dennoch war der sogenannte „Lois“, wenn auch körperlich unversehrt, geistig extrem kriegsversehrt, ständig betrunken durch dieses alte Haus  gelaufen. Die Geschichten und Erinnerungen von Tod und Angst in seinem Kopf. Eingebrannt wie eine Prägesignatur bei einem Zuchtrind; er würde immer dem Krieg gehören. Tommy hat mir so einiges über seinen Großvater erzählt. Und. Es hatte mich sehr an meinen eigenen Opa erinnert. Hieb! KRACH! Geht die Vergangenheit und all ihre Schmerzen zugrunde.

Es staubt in der Küche. Noch mehr im Bad. Wo der Metin die Fließen von den Wänden meißelt. Und wir Alle atmen den Staub der Vergangenheit ein. Räuspern uns. Und spucken aus.

 

Als die Küche verschlagen ist und wir deren Überreste draußen in den großen, anonymen, alten Metall-Container geworfen haben (ich habe noch nie einen NEUEN Bauschuttcontainer gesehen), gehe ich in die Küche und nehme mir den großen Eichenholzschrank vor. Tommy hilft mir ihn so in den Raum zu legen, dass ich ihn am Leichtesten in seine Einzelteile zerschlagen kann. Plötzlich.

Als ich die Rückwand zertrümmere. Fällt eine große Schatulle heraus. Der Holzwandschrank hatte eine verstecke Zwischenwand. Tommy und ich machen „Oho!“ Gesten und Gesichter.

In der großen Schatulle – ich weiß gar nicht ob das Wort SCHA-Tulle passend ist, es ist nur das einzige Wort was mir dazu einfällt – sind alte Fotos. NACKTBILDER, vergilbt. Amateur-Aufnahmen. Und Tommy lacht mich peinlich berührt an: „Das ist meine Großmutter!“

„Der Lois, der alte Schelm“, lache ich. „Das braucht dir nicht peinlich sein…“ Ich überlege, dann weiter: „Du Tommy. Du musst mir einen Gefallen tun wenn ich mal sterbe.“

„Hm?“ Geistesabwesend:  „Tun ist schlechtes Deutsch.“

„Wenn ich mal tot bin, dann geh durch die Wohnung, Haus, wie auch immer und vernichte den ganzen Porno-Kram der bei mir herumliegt.“

„Echt? Du hast noch Porno-Kram?“

„Ähm. Ich meine. Lösche meine Festplatte.“

„Versprochen Großer.“

Unter den Fotos von Oma, in der sie vielleicht Mitte 20 gewesen sein muss, sind noch andere Fotos. Sie sind alt, dabei aber erkennbar neuer als die von der nackten Großmutter. Sie haben einen Rot-Stich. Vielleicht aus den 60gern? Siebzigern? Darauf sind eine junge Frau. Sie sieht nicht sehr glücklich aus. Da so an den Stuhl gefesselt. Irgendwer hat sie geschlagen. Eine schöne junge Frau. Toller, wirklich geiler Körper, gutes Gesicht. Komische, veraltete Frisur.

„What the fuck?…“ Tommy schaut mich an. Und darunter sind noch mehr Fotos. Polaroids. Die noch AKTUELLER sind. Wieder eine junge, hübsche Frau. Eher. Ein Mädchen. Wieder wurde sie an den gleichen Stuhl gefesselt. Wieder wurde sie geschlagen.

Als ich den Hintergrund sehe, murmle ich, nicht erschrocken, abwesend: „Das ist doch hier im Keller oder?“

Tommy und ich sehen uns an. Ganz unten in der Box ist: „Hanf?“ Tommy ist verwirrt, hält mir das hin, was er für Hanf-Fasern hält. Nicht der zum Rauchen. Sondern so einer, mit dem man Dampf-Leitungen isoliert.

Ich: „Tommy. Das ist kein Hanf.“

Und er: „Das sind Haare!“

Er lässt sie fallen. Auch die Schatulle. Und wir stehen da. Sprachlos. Während Metin drüben die Fließen von der Wand meißelt das es nur so staubt.

Ich bin es, der als erstes die Sprache wiederfindet: „Ich glaube, dein Opa hat dir nicht JEDE Geschichte über den Krieg erzählt.“

Und Tommy meint nur Kreidebleich: „Wir sollten uns den Garten mal genauer ansehen.“

Gewalt gegen Frauen

Silvester wirkt nach. Seien es die Erlebnisse und Gefühle die ich selbst in München in der Silvester-Nacht hatte, sowie die schleppende Berichterstattung aus Köln, aus derselben Nacht. Zufällig waren wir das Jahr zuvor zur Jahreswende auch in Köln gewesen, deswegen gibt es dazu von mir eine besonders emotionale Bindung dazu, eines dieser „Hätte-auch-uns-passieren-können“-Gefühle, auch wenn Deutschland vor einem Jahr noch ein ganz anderes Land war.

 

Auch wenn ich weiterhin für ein menschliches Miteinander bin, für Offenheit, Toleranz und auch ein gutes Stück weit für Vergebung, ja, sogar bereit bin einen Schritt zurückzugehen in meinem Selbstverständnis, und einen Quadratmeter Boden meiner eigenen Überzeugungen für andere aufgeben würde, wurden in Köln Grenzen überschritten, die nicht überschritten werden dürfen. Nicht bei uns. Nicht anderswo.

Ohne vorzuverurteilen zu wollen. Ohne mit dem Finger auf Leute zeigen zu wollen, die eine große Gruppe sind und unter denen es nicht nur „schwarze Schafe“, sondern schwarze Wölfe gibt, ist dies selbstverständlich ein Integrationsproblem. Und ich habe nicht vor mich auf die Debatten einzulassen, ob dies nun wirklich Muslime waren, die diese Verbrechen verübt haben, obwohl sie als betrunken geschildert wurden, was Muslime ausschließen sollte, ob die jungen Männer aus Afrika oder sonst woher unter sexuellen Druck stehen, den sie nicht ablassen können (als ob nicht jeder Mann schon einmal unter dem Druck gezwungener sexueller Enthaltsamkeit gestanden hätte, deswegen aber nicht gleich zum Vergewaltiger wird) oder ob das einfach „nur“ eine Sache von Bildung und kultureller Unterschied ist: Das ist mir vollkommen egal. So ein Verhalten geht einfach nicht. Man muss dafür kein Verständnis haben und darf sogar keine Begründungen oder Ausreden suchen: Es geht einfach nicht. Wer solche Dinge macht verspielt jeglichen Kredit den man ihm bis dato zugestanden hat. Und wer diese Dinge macht darf sich auch nicht wundern, wenn die Wut die man dadurch auslöst in eine generelle Verurteilung einer ganzen Bevölkerungsgruppe gipfelt.

 

Das was man diesen Frauen konkret in dieser Nacht genommen hat, werden sie niemals wieder bekommen. Ihre Seelen sind beschädigt und eine gewisse Form der Angst und Unsicherheit kann sie ihr ganzes Leben lang begleiten. NIEMAND kann ihnen das wiedergeben. Und ich verstehe jede Frau in diesem Land, die nun Angst hat vor Übergriffen, obwohl ihnen, mir, uns allen klar ist, dass dieses Ereignis in seiner Extremität bisher ein Novum ist, und rein statistisch gesehen die Gefahr viel größer ist von Bekannten, Verwandten oder scheinbaren „Freunden“ vergewaltigt zu werden; doch was sagen schon Statistiken aus? Wir wissen alle, dass Statistiken nicht die Zukunft vorhersagen können…

 

Dieses Ereignis hat die Sprengkraft die Meinungen zu ändern, Menschen den Blick auf das Gegenüber zu trüben, Angst und Hass zu schüren. Und gerade jetzt müsste man noch entschlossener aufeinander zu gehen, müsste noch mehr zu Integration beitragen und nicht nur nach besserer Überwachung, nach noch mehr Schutz rufen, auch, wenn diese Forderung eine Selbstverständlichkeit ist, denn wir wollen unsere Freiheit nicht um deren Freiheit aufgeben; da sind wir also angelangt. Bei „wir“ und „deren“.

 

Ich habe auch viel darüber gelesen, dass man diese Sache nicht politisieren soll, dass es doch in Wahrheit doch wie immer darum geht, dass hier Männer Gewalt gegen Frauen ausüben, und dass man das nun nicht verklären soll, nein, man solle anerkennen, dass dies nicht nur ein ethnisches, sondern ein generelles Problem ist, und ja, natürlich: Das ist so. In diesem Fall ist es aber mehr. Und das meine ich nicht um von mir als Mann abzulenken (auch wenn man mich und meine „Art“ dadurch unter Generalverdacht stellt – damit kann ich leben, denn ich weiß wie ich bin, und andere leider nicht), von der generellen Gewalt und der Unfairness mit denen Frauen auch in unserer Gesellschaft behandelt werden, nur in diesem speziellen Fall (der vielleicht gar nicht so speziell ist, wenn in Stuttgart und Hamburg ähnliche Verbrechen geschehen sind) geht es um mehr als ein generelles Problem zwischen den Geschlechtern, sondern um eine konkrete Tat. Und auch wenn das für manche eine Vorverurteilung ist, eine Woche nach dieser Silvester-Nacht, so glaube ich doch den massenhaften Augenzeugenberichten und den Stimmen der Betroffenen mehr, als der großen Vernunft die besagt, dass man erst einmal die Ermittlungsergebnisse abwarten soll.

Ja ich weiß, dass nicht alle so sind, die in unser Land geflüchtet sind, im Wahrheit weiß das jeder. Und ja ich weiß auch, dass nicht alle Männer hier in Deutschland Frauen wie gleichwertige Mitmenschen ansehen, schließlich gibt es hier genug Strömungen die Frauen als Dinge darstellen, als Gut, als Objekte (und das geht nicht erst bei der Pornografie los, das beginnt in den Massenmedien). Dennoch ist es in diesem konkreten Fall schwer nicht politisch zu denken, wenn man von den Ausmaßen und den Schrecken dieser Nacht hört.

 

Die Fragen sind wie immer, was bleibt? Was wird kommen? Ich weiß es nicht. Niemand weiß es. Und gerade die, die am Meisten behaupten zu wissen was die Zukunft bringt, wissen es am Allerwenigsten. Was ich aber glaube zu wissen, wenigstens für mich, ist die Überzeugung das wir unsere Werte nicht aufgeben dürfen, das wir in unserem Land unseren Frauen nicht das Gefühl geben dürfen, nicht mehr sicher zu sein, nicht mehr frei zu sein, und das wir deswegen endlich – verdammt noch mal – die totale Gleichstellung de facto umsetzen müssen, also auch eine Genderunabhängige Bezahlung und Behandlung, damit auch der Letzte versteht das es keine Unterschiede von Mensch zu Mensch geben darf, dass eine Frau auch hier genauso viel wert ist wie ein Mann.

 

Ich weiß nicht was die Integration bringen wird; ich war ja nie so blauäugig zu sagen, dass das ganze „Projekt“ ohne Blut und Schmerzen vorangehen wird. So verblendet war ich dann doch nie, egal wie humanistisch ich auch drauf bin. Jeder wusste immer, dass schlimme Dinge passieren würden und dass bereits schlimme Dinge geschehen. Verluste und Schmerz gibt es auf beiden Seiten, und es wird noch Jahrzehnte dauern, bis man nicht mehr von „Seiten“ spricht. Ja, wer weiß ob eines Tages alles so weit gekommen ist, dass wir wirklich EINE Gesellschaft geworden sind, doch auch selbst wenn das einmal Wirklichkeit geworden ist, wird das was den Frauen in Köln, Stuttgart und Frankfurt geschehen ist,  für sie nie eine Anekdote der Geschichte geworden sein, es wird immer ihr persönliches Schicksal bleiben. Und sollte dann, irgendwann, das komplette Politische aus der Diskussion verschwunden sein, hoffe ich inständig, dass man sich daran  nicht nur als einen „typischen“ Fall von Gewalt gegen  Frau erinnert, nein, ich hoffe das in dieser zukünftigen Zeit die Männer an sich beschämt auf unsere Zeit zurückblicken, und sich nicht mehr erklären können, wie es soweit gekommen ist, da in dieser Zukunft keine Gewalt mehr zwischen den Geschlechtern ausgeübt wird. Und ich glaube daran, dass das mehr ist als eine Utopie. Das ist unsere Zukunft.

Die neuesten Attentate auf die Freiheit

Ich glaube nicht dass ich etwas unglaublich Wichtiges oder gar Neues zu den Geschehnissen gestern in Paris beitragen kann. Und dennoch ist es wichtig in diesen Zeiten seine Meinung zu sagen, auch wenn man nicht derjenige ist, der die Debatte auf ein neues Level heben kann.

Das Spiel habe ich gestern live im Fernsehen mit verfolgt, sowie die betroffene Berichterstattung zu den Anschlägen von dem ziemlich hilflosen Sportreporter Matthias Opdenhövel und einem am Boden zerstörten Mehmet Scholl. Heute habe ich viel auf Facebook zu dem Thema gelesen, Phoenix gesehen und nach all dem ist mir klar, dass ich nichts mehr sagen kann, was nicht schon ein anderer vor mir gesagt hat – und ich finde gerade das bemerkenswert, dass die meisten von uns ziemlich gleich ticken, wir solche Taten (egal wo auf der Welt) verurteilen und echte Pazifisten sind, was bedeutet dass wir nie eine Waffe in die Hand nehmen würden um unsere Ansichten durchzusetzen, wobei wir sicherlich auch in der komfortablen Lage sind, dies nicht tun zu müssen. Dennoch: Fast jeder in unserer Gesellschaft lehnt die Gewalt ab und ich finde, dass das ein gutes Zeichen von uns ist, ganz egal wie das von Außen auch wahrgenommen wird.

„Die großen Terroranschläge“ und Katastrophen seit dem 11.09.2001 nehme ich wie die meisten Leute immer auf dieselbe Art und Weise wahr, nämlich vor dem Fernseher oder dem PC (egal in welchen Ausführungen, Hosentaschenpassend oder nicht), gebannt, scrollend und zappend. Leider ist da auch schon eine gewisse Abstumpfung und Gewohnheit mit dazugekommen. Denn es handeln sich im Prinzip immer um die gleichen, überflüssigen Bilder von grundlos traumatisierten Menschen und Politiker mit ernstem Blick; grundlos deswegen, weil diese Anschläge den Attentätern nichts gebracht haben, außer dass die Gesellschaft immer mehr zusammensteht, wie es bisher der Fall war.

Auf der anderen Seite habe ich mehr Sorge vor dem was jetzt kommen wird, als dass ich über diese Mordtat betroffen wäre, vor allem ob nun wieder die „Sicherheitsvorkehrungen verstärkt werden“ und  wie wird die Gesellschaft reagieren, gerade in diesen Zeiten in denen wir viele Flüchtlinge aufnehmen? Denn. Ich kann sehr gut verstehen wer jetzt Angst davor hat sich den Terror ins eigene Haus zu holen. Dazu habe ich diesen Banner auf Facebook gesehen, der das Dilemma gut zusammenfasst:

(Die Rechte für das Bild liegen nicht bei mir. Sie sind aber auf ihm abgedruckt)

Die Vernunft wird in dieser Debatte nicht immer die Oberhand behalten und es liegt an uns die Debatte richtig zu führen (und ja, ich bin mir der Ironie bewusst, dass ich hier „gegenvernunft“ heiße, das bedeutet jedoch nicht unvernünftig oder dumm zu handeln/zudenken, nein, es bedeutet gegen die Vernunft, die man nicht mehr hinterfragt und der man blind folgt).

Die größte Anzahl von Todesopfern sind in der Nacht bei dem Konzert der amerikanischen Band „Eagles of death metal“ zu beklagen, die meiner Einschätzung nach einfach als Symbol für Amerika (da es sich um eine amerikanische Rockband handelt) und deren Lebensstil herhalten mussten; sollte es dabei tiefere Zusammenhänge geben, bin ich gespannt.

Es ist sicherlich nicht das erste Mal das ein Rockkonzert in einer Halle oder ein DJ-Gig in einem Club von fanatischen Mordkommandos angegriffen wurden, und viele Todesopfer und Schwerstverwundete zu beklagen sind, wenn auch ansonsten nicht direkt im Herzen Europas.

Die Band selbst kannte ich gestern noch gar nicht, obwohl sie schon auf mindestens einem Festival spielten, dass ich besucht habe (das war damals das Southside im Jahre 2012). Im Zuge der Vorgänge habe ich heute einmal dort hinein gehört und fand die Band gar nicht mal so übel, was somit folgerichtig für mich und mein Umfeld bedeutet würde, das ich/wir dort auch einmal hingehen könnten oder würden. Nicht gleich nach Paris. Aber wenn sie einmal in München oder in Bochum/Köln gespielt hätten, wäre ein Besuch im Bereich des Möglichen gewesen. Die Band an sich wird jetzt nichts für die Tat können, ich will nur darauf hinaus, dass diese Ereignisse ein direkter Anschlag auf meinen Lebensstil sind. Es ist nicht einfach nur ein willkürliches Attentat auf einen Zug oder einen Bus in dem die Mörder möglichst viele Todesopfer erreichen wollten: In diesem Fall geht es eindeutig um unseren westlichen, freiheitlichen Lebensstil.

Ich kann mich noch gut an die Stimmung nach dem 11.September erinnern  und wie wir das Wochenende danach trotzdem zu Sven Väth ins Heizkraftwerk gefahren sind und eine wirklich krasse und unvergessliche Party abfeierten. Und auch wenn ich jetzt nicht mehr 21 bin, so würde ich ein solches Party-Trotzverhalten als die richtige Reaktion auf das Massaker in Paris ansehen.

Man darf jetzt keine Angst bekommen und sich nicht dieses Weltbild der Unterdrückung und Angst aufdrängen lassen. Natürlich sind Konzerte und Partys oberflächliche Welt- und Kulturbilder, ebenso wie Mode, Musik und die Kunst an sich; nichts davon braucht man für das nackte Überleben. Aber es geht darum was wir mit diesen Begriffen verbinden, unseren freiheitlichen und vor allem toleranten Lebensstil, miteinander zu feiern, zu tanzen und zu lachen, auch wenn das nicht immer als Speerspitze des intelligenten Verhaltens herhalten kann und darf. Ich bin sicherlich der Letzte der den Hedonismus der Nacht unreflektiert über alles andere stellt, bin keiner der jeglichen Anstand und Würde an der Garderobe abgibt. Nichtsdestotrotz bleibt die Möglichkeit es zu tun, eine Basis unserer Gesellschaft. Das ist die Freiheit des Individuums sich ausleben zu können. Das ist die Freiheit der Kunst. Nicht zu vergessen die Gleichstellung der Frau und sexuell Andersorientierter.

Ich hoffe nicht dass diese verklemmten Mörder uns soweit bringen, dass wir Angst haben müssen auf Großveranstaltungen zu gehen, die dafür gedacht sind, uns Freude zu bereiten; ja, ich hoffe sie können uns nicht unsere Freude selbst nehmen. Leider leben wir in einer Welt, in der unsere Werte immer wieder auf die Probe gestellt werden und jetzt heißt es, solche Situationen auszuhalten. Und daran zu wachsen.

Von solchen Durchhalteparolen kann man heute bestimmt so einige im Netz finden, sei es darum. Wir sind keine Schweigende Masse. Und was ist richtiger, als wenn viele das Gleiche sagen?

Sexuelle Blindheit

Als ich vor zwei Wochen den ICE von München nach Dortmund nahm, war dies der letzte Tag an dem Bundesweit über eine längere Zeit die Software für die Sitzplatzreservierungen in den Zügen ausfiel. Das schaffte Bewegung im Zug. Ich selbst hatte keine Reservierung und wurde also – wie viele andere auch – immer wieder aufgescheucht und musste mir einen neuen Platz suchen, bis ich schließlich einen festen Platz an einem Vierer-Tisch fand.

Beim stetigen „Umziehen“ hatte ich aber die Gelegenheit gefunden zurückgelassene Zeitschriften einzusammeln und war nun ordentlich eingedeckt mit den aktuellen Ausgaben des Spiegels, des Kickers und der Spex, während ich auch noch zwei Bücher (von Rainald Goetz und David Foster Wallace) mit mir führte; ich war also sehr gut versorgt. Ich las und blätterte hier und dort und überall, ganz vertieft an den Schmarrn der Information, den mein Kopf nicht gespeichert hat und ich mich heute so gut wie überhaupt nicht mehr daran erinnern kann, was mir damals so wichtig erschien.

Mir gegenüber saß eine Frau, etwa 10 Jahre älter als ich, die die „Zeit“ weit über den dafür viel zu knappen Tisch ausgebreitet hatte (wo zum Teufel liest man so eine Zeitung anständig?) und ebenfalls sehr ins Lesen vertieft war. Da wir uns dank der Bahnüblichen Verspätungen (insgesamt eine ganze Stunde) sehr lange gegenüber saßen, kamen wir ins Gespräch über die Dinge, die wir lasen. Der Bachmann-Preis für Goetz, die Schönheit der Bücher von David Foster Wallace usw. Ich dachte mir: „Nettes Gespräch.“ Und wendete mich wieder meinem Lesematerial zu.

Die Dame hatte ihre Jugend schon lange hinter sich gebracht und war damals sicherlich keine absolute Schönheit gewesen, wenn auch eine ansehnliche Frau. Ihr bedacht sehr schlanker Körper könnte ein Indiz für Kinderlosigkeit oder auf eine hohe Selbstdisziplin schließen lassen, wozu auch ihre sehr ausgesuchte und nicht übertrieben dezente Kleidung passte. Die Sprache derer sie sich bediente gefiel mir sehr. Ruhig, bedacht und an mancher Stelle dann doch wieder ein wenig hibbelig. Nicht zu Damenhaft, trotzdem mit einem kleinem Hang zum Altmodischen… Sie hatte Stil. Den ich mochte. So wie man als kleiner Junge den Aura und den Stil mag, den die Lehrerin vorne an der Tafel ausstrahlt, nichts forciert sexuelles, wenn auch sehr weibliches. Ein Stil, den ich an den allermeisten Frauen die ich kenne, schwer vermisse, ihn aber zum Glück schon bei der ersten Begegnung mit meiner jetzigen (und hoffentlich ewigen) Freundin wiederfand; für mich und meine Ästhetik sind die meisten Frauen viel zu laut, ja, fast schon zu vulgär.

Die namenlose Frau verabschiedete sich höflich in Duisburg und stieg aus. Inzwischen hatte der Zug sich so weit geleert, dass ich ans Fenster rutschen konnte, von wo aus ich der Dame zusah, wie sie ihren dort wartenden Lebensabschnittspartner küsste, umarmte, und mich dann durch das Fenster von außen wie ein kleines Mädchen über die Schulter ihres Geliebten eindeutig schmachtend ansah, weiter sogar mich anblickte, als der Mann sich schon längst aus der Umarmung gelöst hatte; ich lächelte ihr zu und dachte für mich: „Hoppla. Die fand mich wohl doch ziemlich besser als erwartet.“ Sie stand noch da wie ein kleines Mädchen mit Hundeaugen. Sprach mit ihrem Kerl und sah zu mir hoch. Und dann setzte sich der ICE endlich wieder in Bewegung.

Ich erzähle diese kleine Episode natürlich nicht deswegen um zu zeigen, was für ein verhinderter Casanova ich bin, nein, es ist nur eine typische Geschichte meines Lebens, da ich fürs Flirten vollkommen unempfänglich bin, leider. Man könnte da fast schon von einer Flirt-Blindheit sprechen, da ich viel zu ernst und doch ausufernd in Gedanken bin, um die leichten Nuancen heraushören, die das Spiel ausmachen. Wobei. Nicht nur die… Ja. Bei mir muss sich eine Frau fast schon auf den Schoß setzen damit ich kapiere was los ist.

Im Nachhinein lustig ist auch die Geschichte wie wir aus Stuttgart nach dem Abtanzen im damals noch existierenden Rocker33 auf dem Weg nachhause waren, und eine damalige Freundin süß zu mir hauchte: „Und jetzt gehen wir noch zu dir…“ Worauf ich, absolut überrascht und nicht verstehend sie anraunte: „Was wollen wir denn bei mir? So ein Quatsch! Ich will jetzt heim und meine Ruhe haben!“ Nicht weil ich sie nicht gerne mitgenommen hätte, nein, sondern es ist leider wirklich so, dass ich viel zu dumm und unaufmerksam bin. Zu plump. Zu grobmotorisch…
Da könnte ich einige Geschichten erzählen, die mir erst im Nachhinein („Oh scheiße!“) klar wurden.

An meine Unfähigkeit Frauen gegenüber musste ich denken, als gestern auf Facebook eine alte Bekannte „gefällt mir“ bei einem Beitrag von mir gedrückt hatte, die einstmals im Kesselhaus vor mir stand, mit MDMA in der Hand, die sie mir hinhielt, und meinte: „Das nehmen wir jetzt. Und dann ficken wir im Fliegen.“ Woraus auch nichts wurde, weil ich viel zu überfordert mit der Situation war; jeder ging zu sich nachhause… Ein Held und Casanova bin ich nur in Gedanken. Und meine Reaktionen hatten nie was mit den Frauen zu tun, immer nur mit mir selbst…

Da kann ich nur froh sein, jetzt in festen und besten Händen zu sein. Glücklich aufgeräumt 🙂