Absolution 43 – Die junge Christiane Paul

Katha lachte Paul an. Und die Welt lachte mit ihr.

Schon seit jeher hatte Kathas Äußeres Paul an die Schauspielerin „Christiane Paul“ erinnert. „Die junge Paul“, selbstverständlich nicht die alte. So ticken die Hormone. „Die junge Paul“ hatte es Paul seit jener Nacht angetan. Er hatte sie zufällig im Fernsehen gesehen, in jenen Tagen, als das Fernsehen für Pauls Generation noch existierte. Wie lange mochte das her sein? Fünf Jahre. Sechs Jahre. Eine Ewigkeit. Paul war ein noch junger Kerl gewesen, der es nicht nötig hatte sich vor dem Rechner in Träumen zu verlieren. Bestimmt würde der junge Paul, den alten verabscheuen, wenn er sein Schicksal antizipieren könnte.  

„Im Juli“ hieß der Spielfilm von Fathi Akin, in dem „die junge Paul“ und Moritz Bleibtreu einen Roadtrip nach Istanbul bewältigten, um nicht weniger als die Liebe zu finden. Der reale Paul hatte Katha gerade vor ein paar Stunden kennen gelernt gehabt und genau in dieser Nacht, in welcher dieser Film lief, kam er nachhause, was zu dieser Zeit noch das Haus seines Vaters war, und sah mit druffer, verliebt verschobener Optik „die junge knackige Paul“ aus dem Empfangsgerät lächeln. Nein. Strahlen. „Die junge Paul“ strahlte ihn aus dem Fernseher an – und Pauls Herz ging auf. Die Ähnlichkeit zu Katha schien ihm verblüffend, obwohl „die junge Paul“ in dem Film afrikanisch geflochtene Haar trug und ihre eindrucksvollen Titten doch ein wenig zu groß und saftig waren, um mit denen von Katha zu vergleichen gewesen wären. Tatsächlich war es der Körper der jungen Frau gewesen, welcher ihn nicht weiter durch das Programm zappen ließ. Gefangen nahm ihn letztendlich doch nur ihr Lächeln. Ihre Aura. Ihre einnehmende Ausstrahlung, die es Paul schon damals erschwerte, zwischen der echten Katha und der Schauspielerin zu unterscheiden. In diesem Moment, auf dem Sofa seines Vaters, wurde die Figur auf dem Bildschirm eins mit dem Mädchen, dass er gerade zum ersten Mal getroffen hatte. Fast automatisch spürte Paul eine ungeheure Verliebtheit in sich, die weit über die Banalität des Sexes hinausging. Ob das die Drogen waren? Oder ein Fingerzeig einer höheren Instanz? Nun. Das spielte jetzt keine Rolle. Ebenso, wie es in Zukunft keine Rolle spielen würde. „Die junge Paul“ im Film lächelte weiter. Sie wuchs im Film vor Pauls Augen zu einer Über-Frau heran. Nicht weil sie eine „Sex-Bombe“ war. Es war ihr offenes Schauspiel ohne Visier, dieser Blick, der gleichzeitig Mut und Verletzlichkeit ausstrahlte. Sie wirkte kokett devot, obwohl sie doch in jeder Situation die Zügel über den weiteren Filmverlauf in der Hand hielt… Sie war mehr Frau, als jegliche kalte Hollywood-Schauspielerin, die Paul jemals in der Flimmerkiste gesehen hatte. Sie war so, wie sich Paul eine komplette Frau vorstellte. Eine komplette Persönlichkeit, nicht nur ein lächerlich überzeichnetes Idealbild einer Frau. Sie war ein junges Mädchen und eine erwachsene Frau in einer Erscheinung. Und. Sie war auch Katha… Und Katha war „die Paul“.  

Der Name des Regisseurs war „Faith“ was so viel bedeutete wie Schicksal. Der Name des Hauptdarstellers „Bleibtreu“… Wie konnte der Film kein Zeichen sein? Selbst als Paul einige Monate später feststellen musste, dass der Name des Regisseurs keineswegs „Faith“ sondern „Fathi“ lautete. Nur spielte dieser Umstand schon lange keine Rolle mehr… Nun schon gar nicht mehr. Seine „junge Paul“ lag verschmitzt lächelnd in seinen Armen. Und Paul war am Ende seiner Reise angekommen. Hier dürfte Pauls Film nun enden. Katha und Paul lächeln sich verliebt an, während die Kamera Abschied nimmt. Abblende.

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Absolution 33 – Eine Welt ohne Schauspieler

Eine dreiviertel Stunde, eine Flasche „Fritz Kola“ und 0,6 Gramm eher mäßiges Pep später, befindet sich Paul wieder im Körper Banyardis. Was die letzte Zeit mit einer starken psychischen Anstrengung verbunden war, gelang ihm nun, ohne dass er es forcieren musste. Er musste es nicht einmal wollen. Der Übergang vollzog sich ähnlich des Einschlafens, denn wie zu Beginne eines Traumes konnte sich Paul nicht an den Moment des Wechsels in einen anderen Bewusstseinszustand erinnern. Es war wie durch eine offene Tür ins Paradies zu treten, nach dem er sich nach dem ganzen Wirrwarr mit Katha außerordentlich sehnte. Plötzlich war die „andere Welt“, wie Paul sie unterbewusst schon bezeichnete, jene geworden, in der er sich sicherer und behüteter fühlte, als in seinem tatsächlichen Leben. Die Fronten waren ebenso geklärt, wie die Ziele. Warum konnte es im normalen Leben nicht genauso sein? Warum konnte er nicht einfach Kathas Held sein? Und warum wusste er nicht einmal für sich, ob er das überhaupt wollte?

Kaum war er in Banyardis muskulösem, wildem Körper angekommen, fühlte er sich endlich bei sich selbst angekommen. Die Verwandlung „in“ Banyardi war wie ein Upgrade zum Superhelden. Banyardi kennt keine Zweifel. Keine Furcht. Banyardi ist ein Fels. Ein Mann wie ein Nietzsche Zitat, dessen „Formel meines Glücks“ lautete: „Ein Ja, ein Nein, eine gerade Linie, ein Ziel.“

Banyardi würde sich die Frauen so nehmen wie er wollte. Er würde sich auch niemals lächerlich machen. Niemals wanken. Niemals zweifeln. Banyardi stand über der Meinung der anderen. Seine Welt war einfach und deswegen voller Hoffnung.

 

Die Welt der Ma-Fag liegt schon in der Dämmerung. Der Krieger ist auf dem Weg zu den gefangenen Frauen der Mi-Cock. Erschüttert über dieser Erkenntnis öffnet er dumpf seinen Mund und bleibt stehen, denn: Noch nie wusste Paul, was Banyardi vorhatte und woher er kam. Bisher war Paul immer einfach nur in die Welt der Ma-Fag eingetaucht, ohne auch nur im mindesten zu wissen, was sein Auftrag ist. Er war einfach nur immer dagewesen. Mitten im Geschehen. Jetzt ist sich Paul bewusst, indessen Banyardi seinen Weg fortsetzt, dass er auf den Weg zu den gefangenen Frauen der Mi-Cock ist, die von den männlichen Gefangenen separiert worden waren. Und. Banyardi hatte bereits eine weitere Begegnung mit Ylva geführt. Die blonde Frau vom Wasserfall, die den Jungen mit so stolzem Blick Paroli geboten hat. Die Tochter Murdocks.

Wie findet man Vertrauen zu einer Person, die man gefangen hält? Über die man verfügen und richten könnte, wie es einem beliebt? Die Ältesten hatten entschieden: Durch Menschlichkeit – und Schwäche. Menschlichkeit signalisierte der Mann, der vor ihren Augen ihren Beschützer, wenn das Biest nicht sogar ihr Freund war, getötet hatte, in dem er sich auf die gleiche Stufe stellte, wie die Gefangene. Er ermahnte die Wärter der Gefangenen sie gut zu behandeln und sprach davon, dass auch die Ma-Fag eines Tages Geflüchtete sein könnten, sollten die Mi-Cock recht behalten. Würden die Wachen es denn nicht auch wollen, dass ihren Frauen kein Leid zugefügt werden würde? Würden sie selbst denn nicht Obdach bei Fremden finden wollen, würden sie vertrieben werden? Und was wäre wenn es tatsächlich diesen einen großen Feind gäbe, gegen den sie alle zusammenstehen mussten, ganz egal aus welchem Teil der Welt die künftigen Alliierten kommen würden? Das müssten sich die Wachen doch einmal klarmachen!

 

Tatsächlich war das alles nur Show für die Gefangenen, denn noch niemals hatte ein Bübchen wie Banyardi den tapferen Kriegern der Mi-Cock überhaupt irgendetwas zu sagen gehabt. Bei den Mi-Cock gab es eine klare Rangordnung, die an das Alter geknüpft war, nicht an Erfolge. Was für Erfolge außer der Jagd könnte so ein Wald-Volk schon vorweisen könne?  So nickten die Krieger nur müde und sahen erschöpft vor lauter Langeweile in den Urwald. Sollte er doch reden, der Kleine.

Noch viel schlimmer als das Schauspiel der Wachen war der Beginn dieser ganzen Szene, die sich Masiyo ausgedacht hatte. Sie sollte als Türöffner zum Vertrauen der Gefangen benutzt werden. In diesem Szenario stürzte sich Masiyo als Vergewaltiger auf die eingesperrten Weiber, vor welchem Banyardi die Frauen retten sollte. Dadurch würde Banyardi als tapferer Held und Retter der Frauen ihre Gunst erwerben. Jedoch geriet die Aktion genau zu der Farce die eintreten musste, wenn sich zwei Ureinwohner vornehmen, Theater zu spielen, ohne jemals auch nur ein Schauspiel gesehen zu haben, nein, ohne überhaupt zu wissen, was Theater ist. In der Welt der Ma-Fag gibt es zwar gewissen Riten und Feste, die sich jedoch ausschließlich an den Jahres- und Mondzeiten, sowie an den Brunftzeiten der Tiere orientieren. Das Wort „Schauspieler“ gibt es un Dorf nicht. Wozu auch? Die Ma-Fag sind ehrliche Leute, denen es gar nicht in den Sinn kommt dem Gegenüber etwas vorzuspielen. Schließlich kennt im Ma-Fag-Dorf jeder jeden und es ist geradezu lächerlich seinem Nachbarn, der ohnehin alles über einen weiß, eine große Lügengeschichte vorzuspielen. Gerade deshalb empfand Masiyo seine Geschichte auch als so genial: In seiner Welt hatte er etwas erfunden, was es bei den Ma-Fag nicht gab. Das „So tun, als ob“. Schließlich kannten die Mi-Cock die Ma-Fag nicht, wie sollten sie also zwischen Wahrheit und dem Schauspiel unterscheiden können? Eine geniale Idee für einen Dorflehrer, der niemals das Dorf verlassen hatte. Masiyo ist wahrlich ein großer Geist. Ein Visionär, der etwas erdacht hatte, was kein Ma-Fag vorher auch nur denken konnte. Der Plan MUSSTE einfach funktionieren.

 

Das traurige Ende der Geschichte war ein absolut überzogenes, grauenvolles Schauspiel von Masiyo und Banyardi, dessen Lächerlichkeit seines Gleichens suchte. Alles daran improvisiert. Nichts war einstudiert (auf den Gedanken vorher zu üben, wären die beiden Wilden nie im Leben gekommen). So ging schief was schiefgehen konnte. Das Timing stimmte nicht. Der Mut zu Aktion fehlte total. Dass sie sich nicht versprochen und damit gänzlich verraten hatten, war schon alles. Hätten sie wenigstens die Wachen in ihre Idee eingeweiht doch die lagen einfach nur gelangweilt in der Sonne und verzogen keine Miene, als Banyardi theatralisch und mit großen Worten (und wenig Kraftaufwand) den Erektionslosen Masiyo von Ylva riss. Masiyos Gesicht war bei der ganzen Geschichte rot wie eine Tomate ob der Peinlichkeit, Ylva überhaupt so nahe zu kommen. Noch nie hatte der alte Dorflehrer eine andere Frau berührt als seine eigene. Schon gar nicht so eins junges und pralles Weib wie Ylva. So gab der „Vergewaltiger“ nach dem Eingreifen des Heldens auch sofort auf und trollte sich. Nicht in Hast, Furcht oder mit sonstigen großen Gesten: Er ging einfach davon, als hätte er gerade ein Bier von einer Bar geholt. Nach dem Motto: „Meine Aufgabe ist erledigt. Ich geh dann mal nachhause.“  Die ganze Szene war furchtbar unglaubwürdig und Banyardi hatte kurz das Gefühl, das Ylva und die Frauen es sich verkneifen müssten laut los zu lachen, als Masiyo – wenn auch nicht gleich pfeifend – vollkommen gechillt seines Weges ging.

Paul stöhnte im Kopf Banyardis peinlich berührt auf, als ihm diese Farce gewahr wurde. Absolut lächerlich.

Unterhaltungsfilme und Kunstfilme müssten unterschiedlich bewertet werden

Superhelden-Filme sind nicht „auch für Erwachsene“. Das sind Kinderfilme für Erwachsene. Sie haben einen starken Einfluss auf die Infantilisierung der Gesellschaft. Und ja. Ich lese mit 37 auch noch gerne Mangas. Und die sind manchmal kindischer als so ein nordischer Gott oder ein Kapitän Amerika. Der Unterschied ist nur, dass ich diese Bücher (oder Filme) mit einem lachenden Auge lese, während die Marvel- und DC-Trottel immer mit einer so lächerlichen Ernsthaftigkeit daher kommen. Seien wir ehrlich: Die Filme sind totaler Unterhaltungsschmarrn – dagegen ist nichts zu sagen. Ich habe früher auch gerne die Schwarzenegger und Stallone Klamotten angesehen. Die sind ebenso Müll wie Ironman- und X-Men-Abenteuer. Und haben damit ihre Daseinsberechtigung. Aber nehmt den Müll doch nicht so ernst.

Irgendwie und sowieso wäre ich für ein neues Bewertungssystem: Unterhaltungsschrott bekommt seine eigene Bewertungsskala. Und richtige Filme, vom Lars von Trier bis Godard, eine andere. Man kann doch nicht ernsthaft „Fast and furious“ dieselbe Punktzahl geben wie einem Film von Rainer Werner Fassbinder. Das ist grotesk. Ich bewerte doch Van Gogh auch nicht in der gleichen Skala wie Andy Warhol. Das ist verrückt. Mein Vorschlag: Anspruchsvolle in einem Punkte-System von 1 bis 10: Grün. Unterhaltungskram. 1 bis 10: Aber in blau.

So einfach wäre das.

Es spielt eine Rolle, von wem wir sexuell belästigt werden

Die schlimm dümmsten Beiträge zu einem Thema, welches gesellschaftlich kontrovers diskutiert wird, haben diesen Ton, von wegen: „Ich will nichts beschönigen, aber…“ Dennoch wird mein kleiner Text genau in jene Sparte rutschen. Dabei will ich gar nichts falsch machen – was die schlimmsten Kommentare zu einem Thema überhaupt sind. Wir sind hier aber bei „Strategien gegen Vernunft“, da muss man auch einmal im Halbjahr auf gängige weise unvernünftig sein.

„Sexuelle Belästigung“ ist das Thema 2017. Es ist eine große und ebenso wichtige Debatte, die da geführt wird. Diese Debatte läuft nun auch schon so lange, dass ich gar nicht mehr darauf eingehen will, wie und durch was sie in Gang gesetzt wurde. Das ist bekannt. Die Frage die mich und alle Männer und Frauen damit am Meisten beschäftigt ist (oder sie sollte es sein) was mein Part in diesem Spiel ist, also wie habe ich mich verhalten? Was habe ich getan? Was nicht? Und wenn dann, was habe ich daraus gelernt?

Ich war nie ein Heiliger, dachte jedoch, mich bei dem Thema auf die Seite „der guten Männer“ stellen zu können. Frauen habe ich immer respektiert und habe sie seit jeher als gleichwertig zu Männern gesehen. Sie waren für mich nie Freiwild, auch wenn ich sie natürlich objektifiziert habe. Ich glaube, dass es in Gedanken auch gar nicht möglich ist, dass nicht zu tun. Gerade in der Jugend, wenn die Hormone der Verstand nahezu überwältigen. Die Frage ist dann nur, was man herauslässt. Wie man damit umgeht. Es ist ja und sollte nie ein Verbrechen sein, wenn man durch einen Mitmenschen geil wird. Das gehört zum Menschsein dazu. Gedanken, Wünsche und Triebe sind frei. Und auch jetzt fallen mir sofort einige Frauen ein, deren Körper und Aussehen nicht anders als in meine geistige Kategorie „Gerät“ passen. Das hatte bei mir nur immer auch mit einer gewissen Form von Anbetung zu tun, als in dem Wunsch Frauen zu erniedrigen, d.h. auf mein Niveau herunterzuholen. Etwas, was die Machtmenschen mit Minderwertigkeitskomplex in Hollywood und sonst wo getan haben. Ja. Ich glaube dass die falsche Ausübung von Macht so gut wie immer mit einem Minderwertigkeitskomplex zu tun haben, von dem keiner von uns frei ist. Wir kommen nicht als fertige Menschen auf die Welt sondern machen uns zu denen, die wir sind; in diesem Zusammenhang vermeide ich die Formulierung: „Wir werden zu etwas gemacht.“ Das mit den äußeren Einflüssen die uns formen ist natürlich richtig. Hier will ich aber diese Ausrede nicht gelten lassen. Denn selbst wenn wir von außen beeinflusst und geformt werden, liegt es doch an uns was wir daraus machen. „Ich konnte nicht anders“ ist beim Charakter keine Ausrede. Denn wenn wir dachten wir konnten nicht anders, liegt es auch daran, dass wir den leichteren Weg in unserer Entwicklung gewählt haben. Man muss nicht alternativlos ein Verbrecher oder Drogensüchtiger werden, nur weil man in solchen Kreisen aufgewachsen ist. Jeder hat die Wahl. Doch ganz gleich was diese Wahl am Ende mit uns gemacht hat, ist in uns dieser kleine Punkt, dieser kleine oder große Haufen an Erfahrungen, an Komplexen, die unser späteres Verhalten in Machtpositionen erklärt. Es ist keine Rechtfertigung zu sagen, dass weil wir in der Jugend ausgelacht oder nicht gefickt wurden, wir im späteren Leben genau deswegen Frauen erniedrigt oder misshandelt haben. Oder Männer. Es ist keine Rechtfertigung. Aber eine Erklärung. Menschen sind nie von Grund auf Böse. Sie haben Gründe für das was sie tun. Auch wenn im seltensten Fall die Gründe schlimmer sind als das folgende Resultat daraus. Ich glaube diese Gründe, diese Komplexe, häufen sich über die Jahre, über die Jahrzehnte an, werden immer größer und größer, da wir sie nie verarbeiten wollen, da es zu peinlich ist, darüber zu sprechen, und irgendwann ist der Berg aus der Wut der Jugend oder der Kindheit groß genug, um ein ihm angemessenes Verbrechen zu begehen. Und wie es so ist mit Verbrechen für die man nicht bestraft oder belangt wird (das ist ja schon so als Kind wenn man zum ersten Mal lügt), handelt man wieder so. Okay. Das ist jetzt mal wieder ganz schöne Küchenpsychologie. So aber. Erkläre ich es mir. Ich, der gar keine Ahnung davon hat in einer Machtposition  anderen Menschen gegenüber zu sein.

 

Und selbst das ist eine Lüge. Sicherlich war auch ich schon in Machtpositionen Leuten gegenüber, habe es so aber nicht wahr genommen. Und ich weiß auch, dass ich mich nicht immer korrekt verhalten habe. Sei es Freunden gegenüber, die ich Alpha-Männer mäßig dominieren musste. Oder Frauen gegenüber, die ich nicht immer korrekt behandelt habe. Ich glaube nicht, dass ich ein TÄTER bin. Aber wahrscheinlich ist es auch so, dass ich selbst das gar nicht einschätzen kann. Keiner kann von sich selbst sagen, ob er Täter ist. Das müssen die anderen entscheiden. Ich selbst kann nur sagen, ob ich nicht doch einige Dinge im Leben hätte anders machen sollen.

Sex ist ein schwieriges Thema. Denn zuerst dreht sich alles um Sex. Und dann um Macht. Über diese beiden Themen kann man natürlich den Hauptbegriff LIEBE schreiben, doch die Liebe ist so ein heiliger, also ein schwammiger, Begriff, dass er alles und nichts aussagt…

Über mich selbst würde ich sagen, dass ich Fehler gemacht habe. Auch wissentlich. Ich daraus aber die richtigen Schlüsse gezogen habe. Ich war in meiner Schulzeit ja auch dass, was ich heute einen „Bully“ nennen würde. In meiner Jugend war ich schon ein ziemlicher Prolet und Alpha-Depp, der andere gemobbt hat. Das tut mir im Rückblick sehr leid. Aber ich musste das auch tun, um heute der zu werden, der ich bin. Das ist keine Entschuldigung. Doch es war leider ein Weg, den ich gehen musste. Wie gesagt. Niemand kommt fertig auf die Welt. Und wahrscheinlich ist dies die Erklärung dafür, warum wir Menschen keine Heiligen sind. Wir alle tragen die Narben der Vergangenheit an uns. Wir alle sind Täter und Opfer zu gleich. Auch und im besonderen in sexuellen Dingen. Daran müssen wir arbeiten. Und deswegen ist diese Debatte auch so wichtig.

Die eigentliche Sache, auf die ich mit dem ersten Absatz einleiten wollte, ist eine andere. Ich sah mir vorhin auf Bild (jaja) ein Textchen über die Prominenten aus Hollywood an, denen sexuelle Gewalt oder Übergriffe nachgesagt wurden. Und mir fiel auf, dass diese Machtmenschen entweder a) nicht gerade schön gewachsen waren, oder aber  b)  sie haben gleichgeschlechtliche Grenzen überschritten haben, also Homosexuelle Männer haben Heterosexuelle begrabscht. Auffällig ist doch – ohne das Thema bagatellisieren zu wollen – dass sich keine Frauen melden, die von den Brad Pitts dieser Welt sexuell belästigt wurden…

Meine Wut darüber, dass der amerikanische „Ghost in the Shell“-Film floppt

Die amerikanische Version von „Ghost in the Shell“ (Gits) ist kein überragender Film geworden, aber ein sehr guter. Das Problem für einen Fan der ersten Stunde wie mich ist der Plot des Films, wobei man als echter und ehrlicher Fan, dem der Erfolg des gesamten Projekts am Herzen liegt, hier Zugeständnisse machen sollte:

Für ein globales Publikum, für die breite Masse, muss man den Anspruch ans Publikum herunterfahren. Ja. Das Produkt wird verwässert. Ja. Der Anime hat mehr Tiefe und das ist auch dessen Stärke; wer aber die Serie und den Manga mag, kommt auch damit klar, dass manche Dinge etwas softer angegangen werden, denn dort war auch mehr Platz für Spaß und Albernheiten.

Und ganz wichtig: Die Geschichte des Animes ist nicht die der amerikanischen Verfilmung. Der Film von Rupert Sanders ergänzt das Gits-Universum. Er ist mehr als ein Aufguss.

Über die Optik des amerikanischen Filmes gibt es keine Debatte: Die ist Atemberaubend.

Dass der Film nun ein eindeutiger Kassenflop ist, kommt für Fans wie mich einem Desaster gleich, denn Gits ist und war auch ein Pilot-Projekt für sämtliche nachkommende Manga- und Anime-Verfilmungen. Wenn so ein Projekt, dass 120 Millionen-Dollar gekostet hat, baden geht, bedeutet dass  das ähnliche andere Projekte nicht realisiert oder billiger veranschlagt werden, was im Bezug auf einen neuen „Akira“-Film eine Katastrophe ist, da der Film nun einmal viel Geld für seine Realisierung braucht, denn ein „Akira“ in billig geht nicht. Diese Dystopien kosten einfach Geld.

Sollte „Gits“ wirklich wegen dem lächerlichen Vorwurf des „white washings“ vom Kunden nicht angenommen worden sein, bekomme ich echt das Kotzen, denn einer Geschichte mit so einem internationalen Setting (egal ob im Manga oder im Anime) so etwas vorzuwerfen, ist absolut lächerlich – und wer den fertigen Film gesehen hat weiß zudem, dass es unbegründet ist. Ja. „Scarlett Johansson“ spielt die Hauptrolle in einem Film dessen Vorlage von Japanern für Japaner gemacht wurde, aber, bereits damals wurde die Figur des „Majors“ als jemand beschrieben, die sich, da sie keinen menschlichen Körper – „Shell“ –  mehr besitzt, ihren Verstand – „Ghost“ – in einen menschlich anmutenden Cyborg-Körper transferieren ließ; und dabei bevorzugt sie KAUKASISCHE Modelle. So viel zum Thema „white washing“. Warum der Major eigentlich „Kusanagi“ heißt wird im amerikanischen Film erklärt. Das Problem mit der Erklärung ist nur, dass sie der Dreh- und Angelpunkt im fertigen Film ist, und dass im Vorfeld zu spoilern hätte den ganzen Kino-Besuch überflüssig gemacht.

Dass man einen Film dieser Größenordnung mit einem Super-Star besetzen muss, ist logisch und  verständlich und Johansson spielt den Major wirklich gut. Ihr kann man keinen Vorwurf machen. Vorwürfe kann man nur denen machen, die keine Ahnung von der Materie haben und stur behaupten: „Ja ne. Eine japanische Geschichte muss auch japanische Hauptdarsteller haben.“ Das ist Unsinn. Wer wie ich viele Mangas liest weiß, dass die Figuren oft nicht als pure Japaner angelegt sind, sondern als Hybridwesen, die fast immer internationale Züge tragen (siehe hier z.B. „Attack on titan“ wo die Realverfilmung optisch nichts mit den Mangas zu tun hat, obwohl dort nur Japaner besetzt wurden), oft sogar keine japanischen Namen; Mangas orientieren sich am internationalen Markt. Bezeichnenderweise spielt die Handlung nie in Tokio sondern in „Newport City“.

Besonders auffällig ist das im Gits von 2017 an der Figur des „Togusa“ zu erkennen, der von einem japanischen Darsteller wortwörtlich verkörpert wird – und nicht einmal ansatzweise so aussieht wie sein „Original“ im Anime oder Manga.

Außerdem: Was ist das für ein Vorwurf? Warum muss ein japanischer Film ausschließlich mit Japanern besetzt sein? Sind amerikanische Filme nur mit Amerikanern besetzt? Das ist lächerlich… Würde es sich bei „Gits“ um eine der unzähligen Bibel-Verfilmungen Hollywoods handeln, wäre der Vorwurf gerechtfertigt (Moses, Jesus und so weiter sollten wie Araber aussehen, nicht wie „Christian Bale“ und Konsorten), bei einer Dystopie über eine Zukunftswelt in der die Kulturen verschmolzen sind, macht dieser Vorwurf aber keinen Sinn, dann könnte man das „Blade Runner“ auch vorwerfen.

Ich mag den amerikanischen „Ghost in the Shell“, auch wenn ich Manga und Animes bevorzuge. Aber mich haben schon immer mehr die Nischen mit Anspruch interessiert, und dass kann man von „Otto Normalverbraucher“ halt nicht erwarten; ja, hier stelle ich mich wirklich mal in den Vordergrund. Der globale „Otto Normalverbraucher“ will nun einmal tumbe Aktion-Filme sehen, die nicht mehr sind als blanker Trash. Und das ist auch okay so. Ich habe mir in meiner Jugend auch gerne die Schwarzenegger-Vehikel angesehen. Nur hätte ich nicht behauptet, dass diese Filme wirklich gut sind. Sie sind was sie sind, sie erfüllen ihren Zweck, es ist gute Unterhaltung. Aber kein guter Film. Und schon gar kein Meisterwerk. So wie kein Film mit „Vin Diesel“ ein guter Film ist und auch kein einziger der „Marvel“-Klötze. Das ist leichteste Unterhaltung ohne jeglichen Anspruch und in einer Welt wie der unseren in denen die Menschen fast ein wenig von ihrem tristen Schicksal abgelenkt werden müssen, braucht es auch so „Colosseum-Unterhaltung“, in der Menschen und gute Vorsätze dem Pöbel aus Spaß-Gründen zum Frass vorgeworfen werden. Hirn aus: Danke schön. Viel Vergnügen Otto!

Nur ist es schon sehr anstrengend andauernd mit diesem Müll zugeschissen zu werden, der immer nach dem gleichen Prinzip funktioniert und jetzt nicht einmal mehr die Perspektive zu bekommen, anspruchsvollere Unterhaltung erwarten zu können. Denn das ist „Ghost in the Shell“ und hätte es mit dem zweiten amerikanischen Film werden können: Anspruchsvolle Unterhaltung. Zum Mitdenken und Mitfühlen. Aktion-Filme, die dem Zuschauer auch mal Fragen aufgeben. „Inception“ ist darin das Vorbild. Und von solchen Filmen hätte ich sehr gerne mehr gesehen.

Gewohnheitslisten

 

 

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Ich besitze ein giftgrünes Notizbuch im DIN A 4 Format mit weißen Sprenkeln, dessen Seiten mathematisch kariert sind. Mein Vater kaufte es mit einer Reihe anderen vor über 20 Jahren bei einem Urlaub in der Tscheslowakei, also in einem Land, dass es heute so nicht mehr gibt, und ich erinnere mich noch wie stolz und wichtig ihm diese unbedruckten Bücher damals waren. Am Ende landen diese Dinge auf die man einmal stolz war, konsequenterweise in einem, dieses Mal in unserem Keller. Von dort zog ich es vor wiederrum ungefähr 13 Jahren hervor und begann damit, jeden Film den ich zum ersten Mal ansah, dort einzutragen. Seit dem 30.11.2003 sind es – verklagt mich nicht auf Lückenlosigkeit – 1516 Filme gewesen.

Der Gedanke zu diesem Listenwesen drängte sich mir auf, da ich zu jener Zeit fast täglich in die Videothek ging und Filme auslieh, in einer so großen Zahl sogar, dass ich manche Videokassetten 2 bis 3 Mal auslieh, da ich einfach nicht mehr wusste, das ich sie schon gesichtet hatte. Nun. Mit der Liste. Konnte ich nachschlagen. Was ich nebenbei so gut wie nie getan habe. Sie aber in die Liste einzutragen, das wurde mir unglaublich wichtig. Ich mache das auch heute noch, wobei es mich eher nervt.

 

Das sollte jetzt eine Metapher dazu sein, warum ich in den letzten Wochen und auch schon Monaten keinen Blog mehr geführt habe: Es war alles zu einer unattraktiven Gewohnheit verkommen, die auf einem Grund basiert, die man in der gegenwärtigen persönlichen Entwicklung der blanken Jetzigkeit nur noch erahnen kann.

 

Auch meinen eigenen Blog lese ich so gut wie nie wieder, keine Ahnung wie ihr es mit euren haltet. Der Blog ist für mich immer mehr eine Liste gewesen, dessen Register man täglich aufzufüllen hat, zugegebener maßen mit Tagebuchartigen Zügen, denn der, der schrieb, war ich im Jahre des Monats am Tage in der Stunde: Einzigartig. Kein anderer. Ich, das vergangene Ich, eine fast schon vergessene Kompletterzählung, sowie ein Film  je nach Betrachtung immer auch ein Meilenstein oder ein Relikt seiner Zeit ist.

 

Ich hatte mir Mühe gegeben meine Betrachtung ins Weltgeschehen einzuordnen (auch wenn es eher umgekehrt der Fall war) und irgendwann war die Energie vom Tage Null weg, aufgebraucht, versprüht, was auch mit dem Jahr 2016 zu tun hat. Ein Jahr der Umwälzungen, von den Meisten von uns nicht positiv konnotiert.

In diesem Jahr habe ich wenige Blogs oder auch Zeitung gelesen, mehr Kurznews, wie es in der Gegenwart der Fall ist und die haben mich nicht intellektuell stimuliert, nein, sie haben meinen Geist beschnitten, ihn mit ihrer blanken Fülle erschlagen (was ich hier oft zum Thema machte). Zudem waren mir die Veränderungen, die Themen zu komplex um sie mit dem löcherigen mir zur Verfügung stehenden Schmetterlingsfangnetz meiner eigenen Psychologie zu fangen, und katalogi- und kategorisieren; die Menge an Umwälzungen war mir einfach to much als sie auf simple Formeln zu reduzieren, was leider wieder von anderen übernommen wurde. Das war schwach von mir, denn gerade in diesem Jahr wäre es wichtig gewesen dauerhaft und überall die richtige Haltung auszustrahlen und von sich zu geben. Aber ich war so erschlagen von der Arbeit, so gelangweilt von dem Listenwesen meiner Philosophie und auch viel zu satt von meinem persönlichen und sozialen Wohlstand, als dass ich noch Lust gehabt hätte mich an den Übergroßen Debatten zu beteiligen. Es kam viel zusammen was mir als Ausrede dient. Und doch fehlte mir die letzten Wochen das gewisse Etwas, durch das ich mich komplett fühlte. Also muss ich wieder Schreiben lernen, was in unserem Fall Sprechen lernen bedeutet.

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Als ich die Film-Liste begann, dachte ich, dass jeder gesehene Film auch irgendwie ein Teil von mir sein würde, da er mich mit seiner Geschichte, seiner Handlung, mehr oder weniger prägt und dass ich bestimmte Genres von Filmen sehen müsste, um der zu werden, der ich bin, auch, wenn ich viel lieber die schnelle und kurzweilige Unterhaltung hätte, die mich nicht fordert und mich menschlich nicht voranbringt und ganz egal wie Mühsam es war sich  viele Jahrelang die Arthouse-Filme, die Lars von Triers und die Hanekes anzusehen, hatte ich damals doch auch Recht: Man muss sich selbst bis zu einem gewissen Grad fordern, gerade geistig, sonst ist man nur noch ein Streaming-Dienstdurchklicker, der dünne Serielle Unterhaltung als großen Gesellschaftsroman missversteht… Also ja, nach der schlechten zweiten Jahreshälfte 2016 ist es wieder Zeit geworden sich selbst eine Stimme zu geben, sich selbst zu quälen und sich Gedankensphären auszusetzen, die mich nicht nur fordern, sondern überfordern. Was solls? Also ran an den Speck.

Heute ist mein erster Urlaubstag, mal sehen ob das so klappt wie ich mir das vorstelle.

 

Und an meine Blog-Freunde: Hallo Leute, schön das ihr noch da seid 🙂