Serdar Somuncu über Faschismus und Rap

Kann man insgesamt gut so stehen lassen. Auch wenn ich kein Problem mit dem Wort „entartet“ habe.

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Wo Schönheit regiert, regiert der Faschismus

Alles muss gut aussehen. Besser: Alles muss richtig aussehen. Wer sagt das? Ich sage das, denn ich bin der kleine Mann in deinem Kopf, der Spion, den die Außenwelt in deine Vernunft gepflanzt hat. Dank Film, TV und vor allem Werbung (mein ewiges Thema) sind wir so indoktriniert worden, dass die Welt in ein gewisses Raster passen muss, sonst nehmen wir sie nicht ernst. Das beginnt beim sich stetig ändernden Schönheitsideal der Mode und geht weiter über die Politik und deren „Fortsetzung mit anderen Mitteln“, was auch ein Grund ist, weswegen manche unserer Mitmenschen es zum Beispiel es den bei uns hilfesuchenden Asylanten ganz rot und schlecht ankreiden, wenn sie ein neues Handy besitzen, womit sie zuhause im Krieg anrufen; besser wäre es für mich, den kleinen Mann im Kopf, hätten diese schwarzen Asylanten noch zerrissene Klamotten an und Handys, die Nokia einstmals in Bochum produziert hat. Das würde in mein Weltbild passen.

Sind solche Vorstellungen von Flüchtlingen und deren Mobilfunkgeräten dumm? Finde ich jetzt gar nicht, denn unsere Meinungen und unser Verständnis über Bilder und deren Aussagenkraft, ihrer Funktion, wurden uns Jahrzehntelang in die Innenseite unseres Schädels gemeißelt, ironischer weise von den ganzen Hilfsorganisationen die um unsere Spenden oder sogar um eine Patenschaft für schwarze Kinder mit aufgeblähten Bäuchen und mit Fliegen im Gesicht geworben haben. Jetzt sind diese Kinder plötzlich groß geworden, laufen hier über die Straße, und haben statt Fliegen im Gesicht ein nagelneues Smartphone am Ohr. Die Gutmenschenmedien kommen dann schnell mit einer Neid-Debatte daher (was teilweise stimmt), übersehen dabei aber auch gerne die Macht der Bilder, deren sie sich selbst bedienen.

Die Medien sind in einer Medienwelt selbstverständlich Teil des Problems. Einerseits wollen sie informieren und (leider) auch unterhalten, andererseits müssen sie auch mit anderen Medien um Aufmerksamkeit konkurrieren und geben dabei ihre „Ideale“ auf – für viele Kritiker der Medienlandschaft wird der Begriff „Ideal“ ohnehin nur noch ironisch verwendet. Wie bindet man also die Aufmerksamkeit der Zuschauer (Konsumenten) am besten an einen Beitrag? Genau, mit den Klischees von Worten und Bilder, idealerweise noch mit Über- oder Extraklischees, d.h. mit reißerischen Bildern – und mit einer Prise Sex und Humor. Das kann man jetzt einfach nur verteufeln und ablehnen, okay, dennoch hat die Berichterstattung durch die Medien eine gewisse Vorbildfunktion für unser Denken. Denn. Siehe oben. Die Art wie etwas gezeigt wird indoktriniert unser Verständnis davon, wie die Welt zu funktionieren hat.

Für manche ist das so schlimm, dass sie sich „alternative Medien“ suchen die zwar neue Denkansätze verfolgen, leider aber immer noch schlimmer politisch verortet und Klischee beladener sind, als all die „Mainstream-Medien“. Hier wird RICHTIG Meinung gemacht.

„Propaganda“ ist kein Kriegsbegriff mehr. Er ist ein Dauerzustand. Deswegen gibt es zu jeder Nachricht im Jahr 2015 eine oder gleich mehrere „alternative Sichtweisen“ auf den gleichen Bericht. Im Prinzip ist das eine gute Sache, denn es hat auch eine demokratische Komponente. Das Problem ist nur dass der Hauptteil der Propaganda nicht „vom Volke“ ausgeht, sondern von der Wirtschaft. Wir leben in einer kapitalistischen Welt die nach kapitalistischen Regeln funktioniert. Der, der das Geld hat (also nicht mehr DER Einzelne, sondern DIE Unternehmen) hat die Macht über die Bilder. Ein hohes Gut wie ich hier behaupte. Denn die Propaganda der Bilder, der schönen heilen (gar nicht neuen) Welt oder der Hölle auf Erden, kommt schließlich doch immer beim Volke an – und dem wird Angst gemacht. Angst vor der Zukunft. Und es ist genau diese Angst, die die Menschen mit Fremdenhass auf die Straße treibt oder sich in ihren Wohnungen oder auf ihren Partys und Urlauben einsperren lässt, wo sie auf Facebook einen „geilen Ausnahmezustand“ feiern und markieren, den es nur in ihrer Wahrnehmungsblase gibt. Denn wir sind Getriebene der Bilder. Wir fliehen vor ihnen in den Konsum um uns selbst einzureden, dass es gar nicht so schlimm ist.

Das die Politik sich schon längst an die Wirtschaft verkauft hat ist eine gängige Floskel. Denn ansonsten würde „unsere Kanzlerin“ sich auch zu den großen Themen bekenne und die Probleme „anpacken“. Zur Flüchtlingsproblematik hört man von ihr aber fast gar nichts. Nur dass die Rüstungsexporte mal wieder gestiegen sind und damit (über kurz oder lang) noch mehr Flüchtlinge nach Europa getrieben werden – und Europa ist unser aller Problem. Das sollten wir inzwischen verstanden haben. Da ist es natürlich leichter auf die Bilder der bösen Nazi-Demonstranten zu schimpfen und bei ihnen das Problem abzuladen, anstatt zu sagen, „Ja, na ja… Wenn wir weniger Waffen verkaufen, kommen wohl auch weniger Flüchtlinge zu uns, kostet halt Arbeitsplätze“. Und den Verlust von Arbeitsplätzen kann sich kein Politiker leisten. Arbeitsplätze sind seine goldene Währung zur Wiederwahl. Wir sind soweit gekommen, dass der Arbeitsplatz selbst zum Erhalt des Systems in dem wir leben nicht nur beiträgt, nein, er erhält das System. Was wäre eigentlich wenn die Leute in der Masse sagen würden: „Ich unterstütze mit meiner Arbeitskraft dieses System nicht mehr!“ und sie würden die Arbeit niederlegen? Das wäre doch die wahre Revolution in einem kapitalistischen System; dem Kapitalismus zu entsagen.

Natürlich und leider macht das keiner. Wir kennen ja die Bilder aus dem Assi-TV – so wollen wir nicht enden. Wir wollen unser „schönes Leben“, wollen uns Dinge leisten können wie, Kleidung, Urlaube, Partys, Drogen, Smartphones, Play Stations, Autos, oder auch nur um so viel essen zu können wie wir wollen. Verhungern müsste bei uns aber eigentlich keiner. Nur ist die Angst vor dem sozialen Abstieg eine der größten Hysterien, die in Deutschland umgehen. Ich kann das natürlich auch verstehen. Bin ja selbst ein Sicherheitsfanatiker. Und der Witz an der Geschichte ist ohnehin, dass immer mehr Menschen sowieso aus dem System Arbeit ausgeschlossen werden, da wir an einem Punkt angekommen sind, in dem das Geld seltsamerweise gar keine Arbeitskräfte mehr benötigt um sich selbst zu erwirtschaften… Deutschland ist keine Insel mehr. Und eine globale Revolte gegen den Kapitalismus wird es nicht geben. Denn während es uns gut genug geht um zu revoltieren, geht es anderen schlecht genug, um sich gerne in dieses System zu begeben und unseren Platz einzunehmen.

Hups.
Manche Texte flutschen einem ein wenig durch die Finger. Ich hatte vor, mehr über die Ästhetik der Bilder zu schreiben, wie wir abhängig sind von Vorgaben. Was schön ist. Und was nicht. Und was alleine durch seinen Look einen höheren Wert besitzt als Dinge die zwar nicht „schlechter verarbeitet sind“, nein, die einfach nur ein schlichteres Design besitzen, innerlich wie äußerlich. Von Menschen, die ihr Leben lang einsam und schlecht gefickt bleiben, nur weil sie nicht so aussehen wie unsere Photoshop-Schönheiten oder unsere Fernsehsternchen, die vor ihren Aufnahmen stundenlang an einem Ort verweilen, den man nicht umsonst die „Maske“ nennt…

Ja. Die Bilder nehmen uns unsere Phantasie. Sei es im Kino („das ist aber schlecht animiert“ – was so viel heißt wie: „Das glaube ich nicht“) oder auf der so genannten Straße, im Job, im Bett, im so genannten EIGENheim…
Die Bilder nehmen uns die Träume. Denn dort wo Schönheit regiert, regiert der Faschismus.

Digitales Gelächter

Bestimmt liegt es an mir. Das Alter ja, ja. Oder die Einschnitte in der Kindheit Schrägstrich Jugend. Vielleicht auch weil ich früher zu wenig gegrübelt habe, dann zu viel, worauf die „Weder/Noch“-Phase kam. Wenn nicht, liegt es doch an „DER Zeit“. Der Globalisierung. Die vielen Anderen.
Es ist uns schon ein paar Mal dieses Jahr beim Feiern aufgefallen; vielleicht redeten wir es uns auch ein: Die Jugend lacht weniger. Anders.
Total blöde Aussage natürlich. Was weiß ich schon von der Jugend? Möglich dass auch alle 10 Jahre anders gelacht wird, über andere Dinge: Auf jeden Fall.

Wir sind überreizt. Damit meine ich nicht nur die Jugend, sondern auch mich und dich, ja, gerade dich, du bist ja auch im Internet unterwegs und „ziehst dir diese Info rein“. Es mag an der Masse der Infos liegen, die bald schon immer und überall als Entertainment verkauft werden: Witzig muss es sein. Denn ohne Humor werden keine Endorphine freigesetzt und man „teilt“ die Info (den Witz) dann nicht. Und dass ist doch das, was die meisten Internet-User antreibt, nämlich die Urquelle eines Hypes zu sein; vor 10 Jahren wollte man noch unbedingt ins Fernsehen, heute will man sich eben so präsentieren. Wie aber beim Fernsehen nur ein begrenzter Sendeplatz zur Verfügung steht, ist auch die Konkurrenz im Internet erheblich. In Wahrheit ist nirgendwo die Konkurrenz größer, weswegen ein Internetstar keine große Halbwertszeit hat. WENN man es mal geschafft hat.

Es will nicht jeder gleich ein Internetstar werden, sondern einfach nur in seinem Umfeld für die lustigen Posts und Sprüche bekannt sein. Das treibt die Menschen an, macht irgendwie (obwohl es nur um einen Diebstahl – oder Neudeutsch: Weiterverlinken – handelt) sympathisch: „Der ist lustig. Der hat meinen Humor. AUF DEN TYPEN KÖNNEN WIR UNS EINIGEN.“ Daran ist nichts zu verachten. Das ist bis zu einem gewissen Grad natürlich. Ich halte es nur für bedenklich, wenn man von überall mit virtuellen Sparwitzen zugedonnert wird. Das Gehirn verkümmert, finde ich. Es überreizt. Härtet ab. Wird vielleicht sogar süchtig davon. Das ist mit dem Humor gewiss genauso wie mit der Internetpornografie: Es ist zu viel von allem. Zu viel Internetpornografie stumpft ab, das sagt die Wissenschaft und bestimmt stumpft auch zu viel Humor ab – jetzt kommt einer dieser großartigen Vergleiche in diesem Zusammenhang, dieses „Früher“. Okay, dann wollen wir mal.

„Früher hat man nur hin und wieder und dann RICHTIG gelacht, heute immer mal wieder ein bisschen, dafür häufiger.“ Diese „Früher/Heute“-Vergleiche wonach der Internetkonsum uns auffrisst sind mir normal ein Graus, weil sie genau dort geteilt werden, wo das Übel haust: Im Internet. Es kann da auch niemand einfach mal die Fresse halt sondern muss zum Schein Kontra bieten, wodurch er auch nur ein Teil der Maschine ist. Egal. Unwahr ist es aber beileibe nicht. Wir wissen ja, dass das Internet uns verändert. Nicht nur unsere Art zu denken, zu fühlen und zu reagieren („Hab ich schon gesehen.“), sondern auch wie wir leben. Damit meine ich nicht das Starren in eine flache Kunststoffbox, sondern dieser allgegenwärtige Faschismus des Spaßes: „Ein bisschen Spaß muss sein.“ Diese Erkenntnis ist nicht neu, drängt sich für mein Gefühl aber immer mehr in den Vordergrund, während die großen Kritiker des Westen aus den islamischen Ländern jeglichen Humor abgesprochen wird. Das sind ja eh die Bösen. Und. Die Bösen lachen nicht. Weiter: Ihre scheinbare Unfähigkeit für Entspannung und Humor macht sie für uns verdächtig. Umgekehrt ist das natürlich genauso, denn wie kann man Menschen ernst nehmen, die nichts mehr ernst nehmen? Unsere liberale Haltung strahlt Schwäche aus, da sie keine Werte transportiert. Dabei: Wir sind nicht schwach. Aber. Wir sind überheblich.

Unser Kurzzeitgedächtnis wird immer schlechter. Jeden Tag braucht es eine neue Meldung auf unseren Smartphones, ganz egal ob sie wichtig oder unwichtig ist. Und was vor zwei Wochen war – wen interessiert dass denn? Gibt es Fukushima etwa immer noch? Wie geht es eigentlich den Mönchen in Tibet jetzt? Interessiert das wen? Wir sind faul und gemütlich geworden in unserem Luxus, alle Infos zu bekommen (auch wenn wir sie gestohlen haben – oder sie von uns gestohlen wurden), weswegen wir vergessen, dass es nicht Unternehmen wie Apple, Microsoft oder Samsung waren, die uns die Freiheit gaben so zu leben, wie wir leben, sondern Staaten. Unsere Heimatstaaten und das man für die Rechte der freien Rede usw. schwer und blutig kämpfen musste. Wir sprechen von „Grundrechten“, doch selbst diese sind keine garantierten Rechte im Wandel der Zeit. Und so wie man das Recht auf freie Rede verlieren kann (wir sind dabei es zu verlieren, gerade weil wir dachten, dass das Internet sicher sei – naiv eigentlich), so kann man auch die Fähigkeit verlieren richtig zu lachen. Was soll man tun?
Ganz einfach.
Internet ausmachen. Ganz klar.
Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich der richtige Weg ist. Denn das Internet ist nicht auszuschalten. Du kannst dich als kleiner Borg zwar mal abkapseln, insgesamt jedoch bringt das nicht viel – aber wer interessiert sich schon noch für das große Ganze? (anders gefragt: Wer würde von uns noch für eine „höhere Idee“ sterben?) Neue Medien verändern die Menschen. So wie der Buchdruck. Das Telefon. Ihr wisst schon.

Eigentlich leben wir in einer sehr spannenden Zeit, in einer Ära der Scheidewege. Wir leben in Tagen, die von Science Fiction Autoren teilweise vorher gesagt wurden; wie sich aber der Mensch und die Technik entwickeln werden, kann niemand sagen. Ob wir wie in Star Treck im Einklang mit der Technologie leben werden, oder wie in Ghost in the Shell selbst in der Digitalisierung verschwinden…

Das ist jetzt ganz schön viel Blahblah dafür, dass ich einfach nur zum wiederholten Male sagen will, dass mir der Faschismus des Humors auf die Nerven geht. Der Humor und gerade der Zynismus unserer Zeit hat alles und jeden verspotten lassen, in jeder Situation; nichts ist mehr heilig. Das kann man jetzt als sehr demokratisch und aufgeschlossen empfinden, als eine pure Errungenschaft (was es zum Teil auch ist), doch ich bemängele immer mehr die Respektlosigkeit des „Was witzig ist, ist auch erlaubt“. Jeder Spott soll also erlaubt sein, wenn man darüber lachen kann, denn der Verspottete ist dann auch noch schnell – zu allem Spott – jemand, der den Spaß nicht vertragen kann. Ich weiß nicht ob man jeder Spaß ertragen muss. Und ob ein Faustschlag manchmal nicht die bessere Antwort auf einen schlechten Witz ist, als sich mit Worten zu wehren.
Es geht um Würde.
Gerade in einer Gesellschaft, die sich hinter Nicknames versteckt (sie Südkorea), aber auch im täglich im Umgang.
Es muss noch heilige Momente geben. Auch online.

Für jemanden wie mich ist es zynisch so einen Text zu schreiben, da ich über einen sehr bösen und erniedrigenden Humor verfügen kann. Dabei sehe ich – wenn auch im Nachhinein – was falscher Humor anrichten kann, denn jede Aussage über einen anderen (Scherz hin oder her) ist immer auch ein Urteil. Ob es ein falsches oder gerechtes Urteil ist, spielt schnell keine Rolle mehr. Gerade im anonymen oder wenn es um eine Figur des öffentlichen Lebens geht. Wenigstens stand ich immer für meine Sprüche gerade, Rede und Antwort. Man sollte auch niemanden verspotten und sich dann weiter lachend entschuldigen: Man nimmt dem Verspotteten so die letzte Würde: Die der Wut.

Es gibt eine Zeit des Lachens. So wie eine Zeit des Weines. So war es schon immer. Und bei echten Gefühlen wird es immer so bleiben – oder? Die Digitalisierung lässt die Grenzen verschwimmen. Alles ist öffentlich, auch wenn nur ÜBER einen gesprochen wird. Nicht mehr mit einem.
Wirklich eine sehr interessante Zeit in der wir leben, gerade auch deswegen, weil die jetzigen digitalen Natives nicht verstehen, dass sie mit den Jahren auch wieder von der nächsten Generation digtal natives verdrängt werden. Der Netz und der Mensch sind in Bewegung. Beides verändert sich. Nichts bleibt stehen.

Lass mich dich ansehen, dann sage ich dir, wer du bist.

Grausam schlecht geschlafen. Mit den Nerven total runter. Lies doch mal ein Buch, das bringt dich auf andere Gedanken. „Der gebrauchte Jude“ – Maxim Biller. Schlechte Wahl.

In gefühlt jedem Satz geht es darum, dass die Deutschen ein Problem mit Juden haben. Überall wohin man sieht, sieht man als Jude Antisemiten. So liest sich das. Deswegen ist das Buch „Antideutsch“, weil dieses Land „antijüdisch“ ist (bis Seite 57 oder so, weiter bin ich noch nicht). Und das nervt. Das nervt total. Brutal. Nicht weil ich als alter „Komplexdeutscher“ Komplexe wegen den Judenmorden meiner Vorväter hätte, sondern weil ich eben keine Komplexe habe. Weil mir ist das vollkommen Wurst ist, ob jemand Jude ist. Oder Taliban. Oder Muslim. Oder Amerikaner. Oder Deutscher. Oder Christ. Oder Manager. Oder bei Schlecker arbeitet. Wen interessiert das? Gut, das Buch spielt in der „Nachkriegszeit“, dort geschieht auch die „Prägung“ von Biller, sein Bild von Deutschland, doch heute ist das (mir) so vollkommen egal, egaler geht es nicht. Warum sollte ich etwas gegen Juden haben? Was haben die mir getan? Und was ich ihnen?
Klar, da kann das Buch nichts dafür, denn das ist nun einmal sein Thema (und bestimmt liegt darin auch WAHRHEIT), doch es ist so vollkommen überzogen konstruiert, dass es mich nur noch ärgert.
Als müsste ich irgendeinen Standpunkt vertreten müssen. Eine Rechtfertigung.

Man will Biller zurufen: „Es ist mir scheißegal ob du Jude bist, und die Fokussierung ist einfach nur dumm.“ Worauf (mein imaginärer, mein) Biller zurückrufen würde: „Du nennst mich nur dumm, weil ich Jude bin…“ – Kopfschütteln.

Fast hat man das Gefühl, dass sich bestimmte Gruppen der Gesellschaft ob ihrer „Opfer“-Rolle wichtigmachen. Das ist wie wenn ich mit meiner Scheitelfrisur vor meinen türkischen Nachbarn stehe, und die irgendeine Rechtfertigung von mir erwarten, ob ich denn nun auch noch ein Nazi bin, wenn ich den ganzen Tag schon so finster dreinblicke: Bekommt ihr aber nicht. Nur weil in der Gesellschaft und durch die Medien ein bestimmtes Bild konstruiert wird, muss ich da nicht mitmachen (Gandhi hatte auch ne Glatze – war der ein Skinhead?). Ich muss keine Position einnehmen, nur weil jemand eine bestimmte Hautfarbe oder Frisur hat, denn das ist so etwas wie aufgezwungener Faschismus.
Man soll ein Buch nicht nach seinem Einband beurteilen. Und man sollte auch niemanden zwingen ein Buch zu lesen. Oder an dessen Inhalt zu glauben…

Genauso geärgert hat mich, als in dem Film „Shanghai“ John Cusack herumläuft und die ganze Zeit in den Wirren der japanischen Besatzung ruft: „Ich bin Amerikaner! Ich bin Amerikaner!“ so als ob er irgendetwas Besseres wäre (ganz schlimm die Szene, als eine Frau wegen ihrer Opiumsucht im Sterben liegt, und er sagt: „In der Nähe ist ein AMERIKANISCHES Krankenhaus“ – weil die chinesischen Krankenhäuser natürlich nur Schund und Dreck sind….). Dann hat er sich an den ganzen armen Schweinen vorbeidrängelt, die wie Kanonenfutter hysterisch und hilflos durch die Stadt irrten. Und das hat mich genauso genervt.
Mich kotzen diese transportierten Menschenbilder so etwas von an. Besonders, wenn sie als Rechtfertigung dienen; Rechtfertigung wofür? „Ich darf das?“

Ebenso wie die Religionen, die selbstherrlich mit dem Finger auf mich zeigen und sagen: „Du Freundchen, DU wirst in der Hölle schmorren!“ Wieso? Weil man durch das Glück oder Unglück der Geburt in eine bestimme Hemisphäre einer dort (fast zufällig) angesiedelten Glaubensrichtung dort von Geburtswegen (und die Entscheidung der Eltern) Mitglied ist? Deswegen ist man im Recht? Durch den Determinismus einer bestimmten Landmasse, die von einem Glauben besetzt wird? Ist das eine Leistung? Und wäre man nicht selbst zur Hölle verurteilt, wäre man (dumm gelaufen) leider woanders geboren worden? Ist Ungläubigkeit nicht einfach nur der Zufall der örtlichen Positionierung des Körpers auf einem bestimmten Fleckchen Erde, wo man von einer bestimmten Religion nie etwas gehört hat? (Ich weiß, der Absatz ist eine Wiederholung – das hatte ich schon mal…).

Ich habe das Gefühl als leben wir in einer Welt ohne charakterliche Leistungen, in denen nur der Stempel des Klischees zählt. In einer durch und durch konservativen Welt. Dennoch bevorzuge ich NICHT die Lebensweise eines „scheißegal hedonistischen Lebenstouches“, denn diese Umkehrung auf den Individualismus macht mich genauso wütend. Es gibt einfach keine richtigen Verhältnisse mehr, zueinander. Sondern nur Abnutzungserscheinungen der Menschlichkeit. Gruppendynamik, wohin man sieht. Denn selbst der Charakter wird nur noch im Fokus gesehen: Wie stehst du hierzu? Wie dazu? Die Frage: „Wer oder was BIST du“, stellt sich nicht mehr. Es MUSS kategorisiert werden.
Natürlich.
Ohne Klischees kommt man in Leben nicht weit. Doch die Engstirnigkeit unseres Rasters wird immer schlimmer.

Vielleicht will Biller mit seinem Buch genauso eine Reaktion. Keine Ahnung. Ich bin ja noch nicht einmal bei der Hälfte. Vielleicht kann ich auch wieder einmal die Ironie nicht herauslesen (obwohl ich im Sprachgebrauch sehr ironisch bin, geht es mir beim Lesen total ab…). Vielleicht fehlen mir auch einfach nur die Amphetamine. Oder die Zigaretten. Vielleicht sollte ich auch ein Glas Wodka trinken. Oder Spaziergehen. Und in den Wald hinein schreien wie ein Irrer. Bis die Tiere sich denken, dass ihr Klischee vom Menschen mal wieder vollkommen richtig ist: Dieser Schreihals. Dieser Depp. (Dann würde der hohle Spruch mal stimmen: Wie man in den Wald hinein schreit, kommt es auch heraus…)

Ich glaube, ich mache mir ein T-Shirt auf dem steht: „Ich mag Menschen“. Das stimmt zwar nicht, vielleicht jedoch macht es meinen Umgang mit ihnen leichter.

Und jetzt lese ich das verdammte Buch weiter 😉