Absolution – 11- Auch Junkies haben Familie

Paul mochte seine Familie. Selbst wenn er nicht wusste ob das Wort „Liebe“ für die Beziehung zutreffend war. Sie waren vertraute Fremde. Gute alte Freunde. Ehemalige WG-Partner, denen man keine Wünsche abschlägt. Auf deren Nöte man hört und reagiert. Aber Liebe? Das große Drama darüber, das Pauls Mutter die Familie verlassen hatte, zerstörte die Familie und schweißte sie zu gleichen Teilen auch nur fester zusammen. In ein merkwürdiges Gebilde von Einzelgängern, die sich alle paar Monate um einen Restaurant-Tisch versammelten und so taten, als wüssten sie private Dinge übereinander. So wie es in einer Kleinstadt der Fall sein sollte.

Eine Kleinstadt war auch nicht anders als eine Großstadt. Für einige Dinge gab es andere Worte, wenn auch für einzelne Ausdrücke kein Synonym, die Tatsache bieben jedoch dieselben: Menschen leben zusammen und jede Menschengruppe erfüllt ein gewisses Klischee. Was in der Stadt der „Nerd“ war, ist auf dem Land der „Klugscheißer“ oder „Besserwisser“ (oder banaler ausgedrückt: „Der ist komisch“), „Proleten“ wurden in der Kleinstadt/Dorf „Bauern“ genannt, usw. usf.

Ebenso wie man in der Stadt nur in gewissen Situationen mit „Nerds“ und „Proleten“ zu tun haben musste, musste man sich auf dem Land nicht den ganzen Tag mit „Bauern“ auseinandersetzen. Jeder ging seiner Wege.  Baute sich seinen eigenen Mikrokosmos aus Beziehungen auf. Außer. Außer deine Schwester war mit so einem „Bauern“ zusammen und drückte dir diese Weltsicht damit bei jeder Familienfeier auf die Augen. So wie es bei Paul der Fall war.

Hans war kein Landwirt und doch würde ihn jeder als einen „Bauern“ bezeichnen. Es war nicht das was er beruflich machte und es ging auch nicht darum, dass er wirklich des Öfteren  einen Traktor fuhr. Es ging um eine gewisse Geisteshaltung. Paul mochte das Wort „konservativ“ nicht mehr, denn es stand für alles und ebenso für nichts. Doch durch seine bloße Verwendung entstand ein gewisses Bild in den Köpfen der Leute, gerade wenn man über Landmenschen sprach. Dabei konnte ein Intellektueller ebenso konservativ sein wie ein Dosenbierstechender Fußball-Hooligan. Hans war in dem Bezug konservativ, dass er ein klares, sexistisches Frauen- und Familienbild vertrat und typisch bayrisch dachte, dass am eigenen Wesen die Welt genesen sollte; wenn doch nur jeder so wäre wie er. Kein Wunder dass Paul ihn verabscheute. Und es war ebenso kein Wunder, dass Hans Paul für eine Schwuchtel hielt.

„Liberal“ und „Liberace“ hatten für Hans den gleichen Wortstamm.

 

Bei jedem Familientreffen blitze und krachte es zwischen den Beiden, ohne dass sie die Worte und erst recht nicht die Stimme gegeneinander erhoben. Es war ein eindeutiges Nebeneinanderher-Reden. Ohne Anbiedern. Manchmal. An Pauls guten Tagen.

An den schlechten, wenn Paul die ganze Nacht auf seinem Drogen-Film durch onaniert hatte, hielt er einfach seinen Mund und ließ den Macho gewähren – und somit gewinnen. Es war schon schwer genug für Paul überhaupt die Augen aufzuhalten und nicht in perverser Absicht auf die noch nicht ausgereiften, immensen Möpse seiner 16 Jährigen Nichte zu glotzen (was er zwar nicht wollte, denn er fand sie – da ganz gesund im Geiste – überhaupt nicht anziehend, schließlich war sie seine Nichte verdammt noch mal, leider aber konnte er die Blicke auch nicht unterdrücken). Da brauchte er sich nicht auch noch mit dem Hinterwäldler auseinandersetzen, der glaubte dass alle nach seiner Pfeife tanzen müssten.

 

Auch dieses Mal hangelte sich das Kuchenverdauende, stockende Gespräch in der Familie, bestehend aus Pauls Vater, dessen neuer Frau, der erwähnte und beschriebene Hans, die Schwester Pauls und ihre Tochter, Pauls Nichte, welche überhaupt nichts zu keinem Thema sagte, von Thema zu Thema, bis man, über die verschlungenen und kuriosen Wege Zeitlöcher der Stille mit Sprache zu stopfen, zum Thema „Bundeswehr“ gekommen war. Paul war ja damals noch dort gewesen. Hatte seinem Land „gedient“, wofür Hans nur ein verächtliches Schnauben übrig hatte. Auch der Vater war nicht dort gewesen, fügte aber gleich hinzu dass er damit alles richtig gemacht hätte, Paul mit harter Hand dorthin zu leiten, da der sonst ja nichts auf die Reihe bekam. Darüber. War Paul. Verwundert. Wie der Vater ihm so in den Rücken fallen konnte. Gerade vor der ganzen Familie. Und vor Hans; idiotischer weise schien Paul doch vor Hans gut dastehen zu wollen. Manchmal will man die am Stärksten beeindrucken, die man am Meisten verabscheut.

 

Sie wäre ja gerne Polizistin geworden, erklärte Pauls Schwester, doch MUTTER hatte sie überredet erst eine vernünftige Ausbildung zu machen, deshalb war sie Arzthelferin in einer kleinen Praxis geworden. Nebenher hatte sie alle Prüfungen und Bescheinigungen  erledigt, um zur Polizei zu gehen, es fehlte nur noch die Sportprüfung, die an drei verschiedenen Tagen abgenommen werden musste. Und weil sie keine Möglichkeit sah frei zu bekommen und sie auch nicht ihrem Chef sagen konnte, weshalb sie freihaben wollte (da sie die Angst umtrieb, wenn sie bei der Prüfung versagen würde, würde ihr Arzt sie auch nicht mehr übernehmen, da er nun wusste, dass sie eigentlich weg wollte), ging sie nicht hin und vertat somit ihre Chance Polizistin zu werden. Ihren großen Lebenstraum.

Wie blöd man nur sein kann, war Hansens Kommentar. „Da hätte ich doch einfach KRANK gemacht!“

„Ich habe NIE krank gemacht! Ich arbeite seit 25 Jahren und war NIE krank!“

„Typisch Frau. Das ist doch bescheuert! Sich so eine Chance entgegen zu lassen! Typisch hysterisches Huhn!“

„Das verstehe ich jetzt aber auch nicht“, schlug Pauls und ihr Vater in die gleiche Kerbe, „Du warst doch früher beim Sport bei mir! Ich kannte doch die Polizisten hier in der Gegend! Ich hätte dir doch eine Bescheinigung ausschreiben lassen können! Hättest du doch was gesagt!“

„Ich war damals 20. Sport habe ich bei dir bis 14 gemacht – was hätte das BRINGEN sollen!“

Hans, ganz besoffen an sich selbst, auch wenn er nur Kaffee trank: „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt! Da sieht mal deine Tochter was passiert, wenn man nichts wagt!“

„Da verstehe ich dich wirklich nicht“, blaffte der Vater noch hinterher. „Da hätte ich doch eine Lösung für dich gefunden.“

„Das war beim Bundesgrenzschutz in Kaufbeuren! Das ist hundert Kilometer entfernt! Als wären sie zu dir in die Sportschule gekommen!“

„Ja der Ronnie…“

„Ach hör mir auf mit dem Ronnie… Und dann habe ich ja SIE bekommen und dann war es eh vorbei mit meinem Traum…“

Und Paul saß einfach nur besiegt da und konnte nicht fassen wie man auf einem aufgegebenen Lebenstraum so herum trampeln konnte, sagte aber nichts. Auch weil er irritiert war, wie seine Schwester noch ihrer Tochter eine verbale Ohrfeige mitgab, nur um den Druck von sich selbst zu nehmen. Wer wusste schon, wie oft das geschah… Paul verstand zu keinem Moment, warum seine Schwester mit so einem Idioten wie Hans zusammen war, der sie nur herunterputzte. Und er verstand auch nicht, wie sein Vater sich so aufspielen konnte, nachdem er die Kindheit Pauls und seiner Schwester lieber damit verbrachte in Gläser, als in die Wünschen und Bedürfnisse seiner Kinder zu schauen. Er war doch nie dagewesen. Wie konnte er sich jetzt darüber wundern, dass ihn keiner um Hilfe fragen wollte?

Und wie immer. Wollte Paul nur noch heim zu seiner idealen Realität. Zu seinen Vorstellungen von Katha und Sarah. Die er unbedingt auch wieder im echten Leben sehen musste.  Auch seinen Chris und seinen Fettsack vermisste er.

 

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Die Kleinstadt-Familie (Absolution)

Eine Kleinstadt ist auch nicht anders als eine Großstadt. Für manche Dinge gibt es andere Worte, wenn auch für einzelne Ausdrücke kein Synonym, die Tatsache bleiben jedoch dieselben: Menschen leben zusammen und jede Menschengruppe erfüllt ein gewisses Klischee. Was in der Stadt der „Nerd“ ist, ist auf dem Land der „Klugscheißer“ oder „Besserwisser“ (oder banaler ausgedrückt: „Der ist komisch“), „Proleten“ werden in der Kleinstadt/Dorf „Bauern“ genannt, usw. usf.

Ebenso wie du in der Stadt nur in gewissen Situationen mit „Nerds“ und „Proleten“ zu tun haben musst, musst du dich auf dem Land nicht den ganzen Tag mit „Bauern“ auseinandersetzen. Jeder geht seiner Wege.  Baut sich seinen eigenen Mikrokosmos aus Beziehungen auf. Außer. Außer deine Schwester ist mit so einem „Bauern“ zusammen und drückt dir diese Weltsicht damit bei jeder Familienfeier auf die Augen, wie es bei Paul der Fall war.

Hans war kein Landwirt und doch würde ihn jeder als einen „Bauern“ bezeichnen. Es ist nicht das was er beruflich macht und es geht auch nicht darum, dass er wirklich des Öfteren  einen Traktor fährt. Hier geht es um eine gewisse Geisteshaltung. Paul mag das Wort „konservativ“ nicht mehr, denn es steht für alles und ebenso für nichts, doch durch seine bloße Verwendung entsteht ein gewisses Bild in den Köpfen der Leute, gerade wenn man über Landmenschen spricht. Dabei kann ein Intellektueller ebenso konservativ sein wie ein Dosenbierstechender Fußball-Hooligan. Hans ist in dem Bezug konservativ, dass er ein klares, sexistisches Frauen- und Familienbild vertritt und typisch bayrisch denkt, dass am eigenen Wesen die Welt genesen sollte; wenn doch nur jeder so wäre wie er. Kein Wunder dass Paul ihn verabscheute. Und es war ebenso kein Wunder, dass Hans Paul für eine Schwuchtel hielt.

„Liberal“ und „Liberace“ haben für Hans den gleichen Wortstamm.

 

Bei jedem Familientreffen blitze und krachte es zwischen den Beiden, ohne dass sie die Worte und erst recht nicht die Stimme gegeneinander erhoben. Es war ein eindeutiges Nebeneinanderher-Reden. Ohne Anbiedern. Manchmal. An Pauls guten Tagen.

An den schlechten, wenn Paul die ganze Nacht auf seinem Drogen-Film durch onaniert hatte, hielt er einfach seinen Mund und ließ den Macho gewähren – und somit gewinnen. Es war schon schwer genug für Paul überhaupt die Augen aufzuhalten und nicht in perverser Absicht auf die noch nicht ausgereiften, immensen Möpse seiner 16 Jährigen Nichte zu glotzen (was er zwar nicht wollte, denn er fand sie – da ganz gesund im Geiste – überhaupt nicht anziehend, schließlich war sie seine Nichte verdammt noch mal, leider aber konnte er die Blicke auch nicht unterdrücken). Da brauchte er sich nicht auch noch mit dem Hinterwäldler auseinandersetzen, der glaubte dass alle nach seiner Pfeife tanzen müssten.

 

Das letzte Mal hangelte sich das Kuchenverdauende, stockende Gespräch in der Familie, bestehend aus Pauls Vater, dessen neuer Frau, der erwähnte und beschriebene Hans, die Schwester Pauls und ihre Tochter, Pauls Nichte, welche überhaupt nichts zu keinem Thema sagte, von Thema zu Thema, bis man, über die verschlungenen und kuriosen Wege Zeitlöcher der Stille mit Sprache zu stopfen, zum Thema „Bundeswehr“ gekommen war. Paul war ja damals noch dort gewesen. Hatte seinem Land „gedient“, wofür Hans nur ein verächtliches Schnauben übrig hatte. Auch der Vater war nicht dort gewesen, fügte aber gleich hinzu dass er damit alles richtig gemacht hätte, Paul mit harter Hand dorthin zu leiten, da der sonst ja nichts auf die Reihe bekam. Darüber. War Paul. Verwundert. Wie der Vater ihm so in den Rücken fallen konnte. Gerade vor der ganzen Familie. Und vor Hans; idiotischer weise schien Paul doch vor Hans gut dastehen zu wollen. Manchmal will man die am Stärksten beeindrucken, die man am Meisten verabscheut.

 

Sie wäre ja gerne Polizistin geworden, erklärte Pauls Schwester, doch MUTTER hatte sie überredet erst eine vernünftige Ausbildung zu machen, deshalb war sie Arzthelferin in einer kleinen Praxis geworden. Nebenher hatte sie alle Prüfungen und Bescheinigungen  erledigt, um zur Polizei zu gehen, es fehlte nur noch die Sportprüfung, die an drei verschiedenen Tagen abgenommen werden musste. Und weil sie keine Möglichkeit sah frei zu bekommen und sie auch nicht ihrem Chef sagen konnte, weshalb sie freihaben wollte (da sie die Angst umtrieb, wenn sie bei der Prüfung versagen würde, würde ihr Arzt sie auch nicht mehr übernehmen, da er nun wusste, dass sie eigentlich weg wollte), ging sie nicht hin und vertat somit ihre Chance Polizistin zu werden. Ihren großen Lebenstraum.

Wie blöd man nur sein kann, war Hansens Kommentar. „Da hätte ich doch einfach KRANK gemacht!“

„Ich habe NIE krank gemacht! Ich arbeite seit 25 Jahren und war NIE krank!“

„Typisch Frau. Das ist doch bescheuert! Sich so eine Chance entgegen zu lassen! Typisch hysterisches Huhn!“

„Das verstehe ich jetzt aber auch nicht“, schlug Pauls und ihr Vater in die gleiche Kerbe, „Du warst doch früher beim Sport bei mir! Ich kannte doch die Polizisten hier in der Gegend! Ich hätte dir doch eine Bescheinigung ausschreiben lassen können! Hättest du doch was gesagt!“

„Ich war damals 20. Sport habe ich bei dir bis 14 gemacht – was hätte das BRINGEN sollen!“

Hans, ganz besoffen an sich selbst, auch wenn er nur Kaffee trank: „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt! Da sieht mal deine Tochter was passiert, wenn man nichts wagt!“

„Da verstehe ich dich wirklich nicht“, blaffte der Vater noch hinterher. „Da hätte ich doch eine Lösung für dich gefunden.“

„Das war beim Bundesgrenzschutz in Kaufbeuren! Das ist hundert Kilometer entfernt! Als wären sie zu dir in die Sportschule gekommen!“

„Ja der Ronnie…“

„Ach hör mir auf mit dem Ronnie… Und dann habe ich ja SIE bekommen und dann war es eh vorbei mit meinem Traum…“

Und Paul saß einfach nur besiegt da und konnte nicht fassen wie man auf einem aufgegebenen Lebenstraum so herum trampeln konnte, sagte aber nichts. Auch weil er irritiert war, wie seine Schwester noch ihrer Tochter eine verbale Ohrfeige mitgab, nur um den Druck von sich selbst zu nehmen. Wer wusste schon, wie oft das geschah… Paul verstand zu keinem Moment, warum seine Schwester mit so einem Idioten wie Hans zusammen war, der sie nur herunterputzte. Und er verstand auch nicht, wie sein Vater sich so aufspielen konnte, nachdem er die Kindheit Pauls und seiner Schwester lieber damit verbrachte in Gläser, als in die Wünschen und Bedürfnisse seiner Kinder zu schauen. Er war doch nie dagewesen. Wie konnte er sich jetzt darüber wundern, dass ihn keiner um Hilfe fragen wollte?

Und wie immer. Wollte Paul nur noch heim zu seiner idealen Realität. Und zu seinen Drogen.

Falsche Familienmitglieder

Warum sterben dieses Jahr so viele Stars? Lemmy Kilmister. Prince. David Bowie. Muhammed Ali. Götz George. Der verdammte, einzigartige Muhammed Ali. Onkel Buds Spencer.

Seiner Vermutung nach hat diese Häufung mit der Popularisierung bestimmter Teile der Gesellschaft zu tun. Populäre Gesellschaftschichten gab es schon immer. Am Anfang der Stammesführer. Dann Könige. Prinzen. Später wurden sogar Frauen wichtig. Es handelte sich dabei nur immer um einen eingegrenzten Bereich. Eine Elite. Und heute, ach was, seit Jahrzehnten, dank dem Kino, Radio, dank dem Fernsehen gibt es immer mehr populäre Menschen in unserer Wahrnehmung. Einen König und einen Promi unterscheidet bei nüchterner Betrachtung nicht viel: Beide leben und handeln durch die Aura, die ihnen andere zusprechen. Jeder ist nur ein Mensch, dessen Macht ihm andere zusprechen und ihn deswegen achten. Ein König ist auch nur ein Mensch. Und nicht einmal Brad Pitt wer Besonderes. Und da wir in einer popularisierten Gesellschaft leben die irgendwann ihren Anfang nahm und in welcher theoretisch jeder berühmt werden kann, ist es kein Wunder das man schließlich an einen Punkt gelangt, an denen die Stars von Gestern beginnen reihenhaft weg zu sterben. So ist das, wenn man inflationär mit dem Begriff, vor allem mit dem Gefühl für  „große Menschen“ umgeht.

Lemmy war der Fuck-Off-Rebel. Prince und David Bowie standen für die Befreiung der Sexualität durch Musik. Götz George war der, der die „Scheiße“ aus Duisburg Salonfähig machte. Ali war der erste schwarze Superstar. Und Buds Spencer war… Der HELD unserer Kindheit. Was zum Teufel das auch  bedeuten soll.

Auf eine gewisse Art waren sie alle Vorbilder. Prototypen dafür, was wir sein wollten. Nicht jeder im Einzelnen. Keiner war ein Held. Zusammengenommen jedoch waren sie DIE Helden, die unsere Gesellschaft einschneidend geprägt haben. In einer Zeit wie unserer, in denen es keine realen Vorbilder mehr für Menschen gibt, waren sie wenigstens die Hologramme davon. Man darf ja auch nicht vergessen, dass kaum einer von uns diese Leute wirklich gekannt hat. Sie standen einfach nur für etwas – und das reichte schon. Sie waren jemand für uns, mit Visionen aufgeladenen Leuchttürme unserer Wünsche.  Ja, im Prinzip waren sie eigentlich nur Wunschvorstellungen für uns, wie zuvor Sagenhelden oder andere Leute, die es in Wahrheit gar nicht geben musste. Mit Bedeutungen aufgeladene Monolithen der Austauschbarkeit.

 

Er ist traurig bei jeder einzelnen Todesnachricht. Egal ob Lemmy, Prince oder Bowie. Er fühlt jeden dieser Tode wie den Verlust eines Familienmitglieds. Diese Stars waren immer für ihn da gewesen. Diese Helden hatten ihn immer umgeben. Sie hatten sich nie beschwert wenn er launisch oder wütend war. Sie hatten ihm immer das Richtige eingeflüstert, zu jeder Lebenslage. Nicht so wie seine echten Freunde und Verwandte.

Fakt ist doch, dass er öfter Götz George dabei zugesehen hatte wie man Menschen behandelt, als seinem großen Bruder. Es stimmt auch, dass er mehr Zeit dabei verbrachte hatte als Kind Buds Spencer bei seinen zweifelhaften Abenteuern zuzusehen, als mit seinem eigenen Großvater zu verbringen. Und sein Großvater war weit weniger gewalttätig als dieser aggressiver Italiener, der zwar in sich zu ruhen schien, doch viele Leute zusammenschlug.  Und sein Großvater war im Krieg gewesen. Er hatte häufiger mit Prince und David Bowie über den Wolken geschwebt, als mit seinen Freunden. Und mit Lemmy konnte man so wunderbar krass rebellieren.

Ja. Jede einzelne Todesnachricht hatte ihn mehr geschockt als die Beerdigungen aller seiner Großeltern. Seine Großeltern waren alle nur irgendwelche Menschen gewesen. Sie lebten und starben – für nichts. Für was hatte dagegen ein Lemmy Kilmister gelebt! Oder der unglaubliche Muhammed Ali!

 

Er weiß nichts von meiner Meinung, dass wir Menschen nur so wahrnehmen, wie wir sie mit Wert aufladen. Welche Macht wir ihnen zugestehen. Und würde ich ihm die Frage stellen, weshalb er nicht seinen Großvater mit diesen Werten bedacht hat, würde er mich nur verwirrt ansehen. Was hat das Eine denn mit dem Anderen zu tun?

Schon in seiner Kindheit hat er sich von seiner Familie abgewandt und eine neue gefunden. In diesem Punkt kommt das „Superstar“-System einer Sekte gleich.

Otto Normalversager

Um 4 Uhr in der Früh piept der Wecker. Seine Hand saust routiniert auf die „Off“-Taste. Das Ding hat nur ein einziges Mal gepiept. Er will nicht dass seine Frau ebenfalls aufwacht. Das Aufwachen ist er geübt.

Am Abend zuvor hatten sie noch gestritten gehabt. Es war nichts Wichtiges gewesen, kein Grundsatzthema, sondern einer dieser Grundsatzstreits, die mit der Grundsätzlichkeit des Zusammenlebens zu tun haben; es ging wie immer um das gemeinsame Kind, die Tochter, mit ihrer unheilbaren Lungenkrankheit, um die richtige lebensverlängernde Therapie, und ob sich die Familie diese leisten kann oder leisten können muss. Der Streit handelte wie so oft um Möglichkeiten, Wahrscheinlichkeiten, Prozentzahlen, die ihnen fremde Ärzte im vertrauten Tonfall nahgebracht haben. Und trotz der ganzen Streiterei war Mama und Papa die ganze Zeit über klar, dass es für die Liebe keiner Prozentrechnung bedarf.

Eine Tochter ist eine Tochter ist eine Tochter.

Papa und Mama sind sich in ihrer Sorge fremdgeworden. Sie berühren sich kaum mehr umeinander. Nur noch in ihren Blicken. In ihrem Kummer. Das Höchste sind traurige Umarmungen, die Kraft geben sollen und sie dabei doch, fast ab dem Moment wo sie sich voneinander trennen, auseinander stoßen, in die Einsamkeit des guten Willens.

Er fährt sich zuerst mit der Zahnbürste durch den Mund und dann mit der Bahn zur Arbeit.

Im Betrieb ist schon wieder die Hölle los. Kurt ist krank, schon wieder. Kurt ist eigentlich immer krank. In den letzten 8 Jahren geschlagene 4 Jahre, und die Chefs lachen schon darüber, dass man den eigentlich gar nicht brauchen würde, die anderen würden ja seine Arbeit ohnehin mitmachen. Die aber, die diese Arbeit machen müssen, wissen, dass sie diesen ewig kranken Kurt brauchen. Dass sie es nicht mehr lange durchhalten. Dass der Druck irgendwann einmal einfach zu groß wird. Woher konnten sie damals auch erahnen, dass der Typ dessen Arbeit sie sich auf die Schultern legten, jeder viertel Jahr wieder ein viertel Jahr fehlen würde?

Unser Mann arbeitet auf zwei Etagen gleichzeitig. Unten hebt er mit seiner ganzen Kraft die gepressten Metallplatten aus der Presse, während er oben, eine Etage höher, die Reinigung des Kessels überwacht und gleichzeitig den Papierkram macht. „Geht nicht, gibt´s nicht“. Man muss nur ein System haben. Und leider – verdammt noch mal – funktioniert das System auch. Unser Held weiß nur nicht, wie lange er noch funktionieren wird. Die Maschinen nutzen sich nicht ab. Sie werden gewartet. Er nicht… Keiner wartet ihn – alles wartet auf ihn.

Neben seinen drei Aufgaben gibt er noch den Lehrlingen Ratschläge, weißt seine anderen Gesellen an, erledigt Betriebsbedingte Telefonate – und reißt Witze. Im Sog der Arbeit merkt er den Stress gar nicht mehr, der macht sich erst bemerkbar, wenn er später zuhause bei der Frau ist und einfach nicht mehr kann. Nichts mehr. Dann sitzt er einfach nur da und starrt in die Leere, während ihn seine Frau ausschimpft, weshalb er denn so DUMM ist so hart zu arbeiten.

Sie versteht es nicht. Sie ist nicht dort. Sie weiß gar nichts.

Pausen macht man dann wenn man Zeit hat. Der Kaffee wird im Stehen getrunken. Der Muffin aus kohlrabenschwarzen Händen gegessen. Und seit er nicht mehr Raucht hat er nicht mehr Zeit für sich (wie er erst dachte, als er das mit den Zigaretten ließ), sondern noch weniger, denn da war plötzlich noch mehr Zeit um zu Arbeiten.

Manchmal sind die Pausen schlimmer als die Arbeit, denn kaum sitzt er länger als 10 Minuten, kommt er kaum mehr hoch; „Niemals anhalten“, denkt er sich dann, und weiß, dass er nicht müde geworden wäre, hätte er keine Pause gemacht, denn die Pausen erinnern den Körper daran, dass er keine Maschine ist und fordern den logischen Tribut ein.

Seine Hände sind Landkarten seines Tuns. Sie sind von weißen, braunen, violetten Striemen und von unförmigen, vertrockneten Seen gleicher Couleur überzogen, Grüße von Metallsplittern und Verbrennungen, von anorganischen Küssen, die sich tief in seine Haut gebohrt haben. Er hat große Hände. Menschen die mit ihren Händen arbeiten, haben große Hände.

Die Überstunden sind schon so etwas wie Routine. Und er hasst sich dafür, dass er sie so wahrnimmt und nicht mehr nur als Ausnahme. Irgendwie braucht er sie auch um seine Familie über die Runden zu bekommen, wohlwissend, dass er viel weniger für ausbezahlte Überstunden bekommt, als dass sie es wertgewesen wären sie zu verdienen.

Im Winter sieht er manchmal Wochenlang keine Sonne, denn er kommt zu früh zur Arbeit und geht zu spät, um die Lebensspenderin am Himmel zu finden. Er arbeitet „unter Tage“, auf zwei fast Fensterlosen Stockwerken über der Erde. Sein Keller ist der erste Stock.

Und als er dann endlich um 7 Uhr abends in die Bahn steigt, ganz wirr und kaputt, gar nicht fähig die Informationen von Spiegel Online aus seinem Handy zu lesen, sind da plötzlich diese jugendlichen Nazis, die sich im gleichen Abteil über einen hermachen, der wie ein Asylant aussieht.

„Scheiße“, denkt er sich, „jetzt hört aber auf…“ So einen Mist kann er jetzt gar nicht gebrauchen. Er ist müde. Zerschunden. Will nur zu seiner Tochter. Zu seiner Frau. Und will wissen wie ihre heutige Untersuchung im Detail abgelaufen ist.

Im ersten Moment blickt er weg. Und es hilft. Dann setzt es die erste Ohrfeige, die jungen Superdeutschen machen sich über „Abdul“ her (wie sie ihn nennen) und bei der nächsten Haltestelle steigt unser Held aus und zieht draußen sein Handy hervor: Um die Polizei zu rufen.

Dazu kommt es aber nicht.

Hinter ihm stürmt sowohl der rechte Mob, wie der angegriffene Abdul aus der Bahn, das Kamerateam von RTL 3 im Schlepptau. Das Ganze war eine inszenierte Geschichte, wegen dieser die „Journalisten“ wissen wollen, warum der große starke Mann nichts unternommen hätte, weshalb er keine Zivilcourage gezeigt hatte. Wie könne das denn sein?! Schließlich sei er doch ein großer und starker Kerl!

Unser Held sieht die jungen Typen um die 20 an, die einem wirklichem 9-to-5-Job nachgehen, der im Wesentlichen darin besteht Kaffee zu trinken und sich im Büro überlegen, wie sie die Gesellschaft „enttarnen“ können. Unglaublich klug und belesen kommen sie sich vor. In ihren teuren Klamotten und mit ihren wichtigen I-Phones.

Und unser Held, betroffen über die Situation („Ich habe wirklich falsch gehandelt!“) ist dennoch zu müde, zu erledigt und zu k.o. um sich wirklich zu ärgern. Er fragt die Jungs nur: „Was wisst ihr denn von Courage?“

Und geht nachhause. Heim. Wo das Glück. Und die Trauer wohnt.

Mohrenkopfsemmel

Ich würde die Situation als „komisch“ bezeichnen.

Vor einer Stunde bin ich bei dem neuen Liebhaber meiner Schwester angekommen. Ihre Kinder sitzen uns gegenüber, er rechts neben mir, wir spielen „Mäxle“ und uns damit gegenseitig den Würfelbecher in die Hand.

Es ist jetzt ein gutes halbes Jahr vergangen seitdem meine Schwester mit diesem Kerl ihren damaligen Mann und meinen Noch-Schwager betrogen hat, und ich sehe den Typen heute zum ersten Mal. Anlass meines Besuches bei ihm zuhause (in dem Haus, in dem auch meine Schwester jetzt lebt) ist der Geburtstag meiner Nichte. Sie sitzt mir gegenüber.

Komisch ist die Situation für mich deswegen, da ich nicht genau weiß wie ich mich verhalten soll. Schließlich kenne und brauch ich den Typen nicht. Wieso auch? Er hat eine Familie zerstört, auch wenn dafür zugegebenermaßen mehr gehört als ein Mann alleine.

Da ich ein nervig reflektierter Mensch sein kann, weiß ich nicht wie ich mich fühlen soll. Soll ich mich nett geben? Oder mürrisch? Würde ich denn wollen, dass ich diesen Kerl mag? Würde ich denn selbst gerne von ihm gemocht werden? Schließlich steht das Moralische zwischen, meine Moral, die mir (antrainiert durch zu viele amerikanische Filme in meiner Kindheit/Jugend) ständig von innen gegen die Schädeldecke pocht und darüber lamentiert, dass man bestimmte Sachen nicht macht. Hier: Trotz des Wissens dass eine Frau verheiratet ist und Kinder hat, versuchen mit ihr etwas anzufangen.

Für mich geht das gar nicht. Wohl auch deswegen, da ich auch schon einmal der Gehörnte war.

Der Würfelbecher wird herumgegeben und der Lover meiner Schwester macht Witzchen um die Kinder zum Lachen zu bringen. Es freut mich dass sie lachen; ich weiß dennoch nicht ob ich das gut finden soll. Dieser Familien-Stunt, diese Parodie einer Familie, irritiert mich zusehends. Und wie das so ist mit den Beobachtern von solchen Situationen, bin ich nicht gerade gesprächig, werfe nur hin und wieder ein paar Brocken hin.

Der Jüngste am Tisch, der kleine Timmi, gerade einmal 9 Jahre alt, benimmt sich wie die Axt im Walde, rülpst herum und pöbelt seine Schwester von der Seite an, dass sie ganz schön große Brüste bekommen hätte, die schon hängen würden. Mich will er mit „meiner Glatze“ aufziehen und dem Lover-Bauern wirft er einfach so Spielkarten ins Gesicht. Absolut Respektlos. Meine Schwester, die früher in der Ehe noch so aufbrausend und herrisch war, nimmt das gelassen wie eine Hindu-Kuh hin. Sie schwebt in ihrer Heile-Welt-Luftblase und idealisiert den Jungen im Kopf wohl zum Opfer der Ehelichen Umstände, weshalb sie ihm einige Privilegien einräumt. Sicherlich ist der Knabe Opfer, was jedoch auch kein Grund ist um ihm alles durchgehen zu lassen und ihn zu verziehen.

Das Spiel ist lustig, wir Lachen viel. Und dabei gar nicht so oft gezwungen wie ich es in Erinnerung habe. Einmal sage ich aus dem Spaß heraus: „Ja leck mich am Arsch, wie kann man so viel Glück haben?“, wofür ich indirekt von dem Kerl getadelt werde, da doch Kinder im Raum sind.

Der Typ verunsichert mich. Er ist so etwas, was man einen „gestandenen Mann“ nennen würde. Er ist ein wirklicher Bauer, handwerklich sehr begabt und sehr direkt im Umgang; ich habe einen kleinen Minderwertigkeitskomplex gegenüber solchen Kerlen mit fundierten Handwerklichen Wissen und Geschick, ganz egal wie ungebildet sie auch sonst sind. Ich bin kein Superhandwerker, und das bedrückt mich. Ganz klare Kindheitsneurose: Ja Vater! Ich war niemals der Sohn den du dir gewünscht hast!

Daher meine Verunsicherung.

Aber das ist mein Ding.

Also lasse ich mich indirekt über mein Schandmaul tadeln, bis mir bewusst wird wie GROTESK das Ganze doch ist, sich von einem Kerl darüber belehren lassen zu müssen, dass man ANSTÄNDIG vor Kinder zu sprechen hat, der doch in Wahrheit die UNANSTÄNDIGKEIT in Person ist, da er die Ehefrau eines anderen bumst und dann mit deren Kindern auf heile Welt macht, beim „Mäxle“ spielen –  wie Doppelmoralisch ist das denn bitteschön? In was für einer Welt lebt der denn überhaupt?

Am Ende des Abends bekommt Timmi von Mama noch einen Mohrenkopfsemmel gemacht. Ich wusste gar nicht was das ist: Dazu wird ein Semmel aufgeschnitten und echter Mohrenkopf hineingelegt.

Ich: „Das passt doch gar nicht zusammen.“
Und meine Schwester darauf nur so: „Ja geht so. Ihm schmeckt das. Andere essen das aus Gewohnheit gern.“

Und Timmi sagt trotzig: „Es hat zusammenzupassen. Weil es mir schmeckt.“

Das Statement zum Abend: Es hat zusammenzupassen.

Ich verabschiede mich. Wundere mich nur noch im Hinausgehen darüber, dass alle Kerle meiner Schwester die gleiche Frisur haben.

Fernweh

Die ersten, beiden Sachen, die ich mir mit 17 Jahren von meinem ersten Lehrlingsgehalt leistete, waren ein Fremdwörter-Duden und ein 1 Gramm Kokain. Damals dachte ich mir nichts über diese Konstellation, wogegen es heute eine schöne Metapher ist. Nutzlos, doch schön.

Der, dieser böse, schlechteste, älteste, beste Freund von dem ich die Droge in einem gefalteten Stück Papier gekauft hatte, hat sich gestern Abend nicht mehr gemeldet, was bei ihm kein Wunder ist, obwohl er es zugesagt hat sich nach der großen Land-Party mit Biertischgarnituren und Spanferkel, draußen beim Flugplatz, noch einmal zu melden, auf einen Absacker und auf eine Gute-Nacht-Zigarette.

Dafür sah ich mir auf Arté die Dokumentation über Jean Michel Jarre an und war gänzlich verzückt über all die Dinge, die ich nicht wusste und nun lernte, und so ließ ich mich mit meiner Dose „Wodka Gorbatschow Orange“ in der Hand auf dem Kanapee verzaubern.

Nachmittags war ich bei meiner Schwester gewesen. Erst in der Zahnarzt-Praxis, wo ich mich gut und small mit dem sehr adretten und äußerst höflichen, jungen und außerordentlich großgewachsenen Zahnarzt unterhielt der zum „Tag der offenen Tür“ geladen hatte, wir Beide total unaffektiert und dabei doch auf einen gewissen Stil bedacht, lachend, scherzend, immer kurz unter die Oberflächlichkeit der Konversation abtauchend, eine Szene wie bei Puschkin, Tolstoi oder Dostojewskij; Abendszene, große Gesellschaft mit kleinen Intrigen, von denen nicht jeder weiß.

Bei meiner Schwester „zuhause“ dann die große Geschichte, wie es dazu kam dass sie ihre Familie verließ, eine Anhäufung von dummen Zufällen, die schließlich darin gipfelten, dass die verheiratete Frau, meine Schwester, auf dem Bett ihres neuen Liebhabers saß, mit dem sie keine Zukunft wollte, sondern nur Flucht aus der Tristesse des Alltags, und ihr Ehemann sie – wie es auf dem Land leicht passieren kann – aufgespürt hatte, unten vor dem Haus stand und nach oben brüllte: „Schick meine Frau raus!“ Und daneben stand auch noch (ach Gottchen) ihre gemeinsame Tochter, meine Nichte, die der gehörnte Vater und Ehemann meiner ältesten Schwester gerade von der Jugenddisco abgeholt hatte und auf dem Nachhauseweg das Auto seiner Frau bei einem fremden und doch vertrauten Haus  stehen sah, weswegen er sehr emotional gehalten hatte, diese jugendliche Tochter stand also daneben und rief ebenfalls an die nackte, weiße Hauswand: „Lass meine MUTTER heraus!“

Kaputte Szene. Absolut.

Und oben meine Schwester, die noch gar nichts mit dem Liebhaber angefangen hatte, sich entscheiden musste, jetzt sofort, wie ihre Zukunft aussehen würde: Bleiben oder gehen?

Nun besuchte ich sie also gestern in dem fremden Haus, in dem sich diese Schmierenkomödie abgespielte. Sie erzählte und wir lachten – ungewiss war ihr dennoch ob der Zukunft.

Bei ihrem vom Gesetz her so genannten Ehemann will sie nicht bleiben, sie sagt es ihm schon seit Jahren, dennoch tut sie sich schwer ihre Familie vollkommen zu verlassen.

Die ganze Szene erscheint mir wie eine Episode aus „the affair“, diese amerikanische Serie, in der die Geschichte eines Betrugs aus zwei verschiedenen Perspektiven erzählt wird, teilweise identisch, andererseits krass unterschiedlich in der Wiedergabe, denn mein bald ehemaliger Schwager hat die Geschichte natürlich ganz anders und von seiner Warte aus erzählt.

Meine Schwester fährt des Öfteren „heim“ zu ihrer Familie. Erst neulich schlief sie auf dem Sofa ein. Wachte auf. Ihr junges Mädchen neben sich und hatte die ganze furchtbare Szene vergessen. Sie wachte einfach nur in IHREM Haus auf, in dem sie über ein Jahrzehnt gelebt, die Möbel ausgesucht und sogar bezahlt hatte, ja, sie war kurz davor einfach nach oben zu gehen und sich ins frühere Ehe-Bett zu legen, dann aber sagte die furchtbare Stimme der Vernunft zu ihr: „Das ist nicht mehr dein Zuhause.“

Für mich ist es schwierig sich mit den Problemen meiner Familie auseinander zu setzten, weil es DIE Familie für mich nicht gibt. Und mit echten, emotionalen Problemen würde ich alles machen, nur nicht sie nach außen tragen. Ich würde meine Probleme ertragen wie „ein Mann“; wenn einer meiner Freunde zu mir kommt und sich wegen einer Frau ausheult, habe ich fast nur Verachtung für ihn. Ich. Würde es niemals machen.

Wir waren schon immer eine kaputte Familie. Auch wenn mein Vater durch die Im-Nachhinein-ist-Alles-gut-geworden-Brille unsere Vergangenheit idealisieren will, was ich nicht so sehe. Im Gegenteil. Im Nachhinein verstehe ich erst langsam, wie kaputt wir alle waren und dadurch sind. Und ich finde das auch ganz gut so. Denn dadurch kann ich besser Denken, Fühlen und vor allem Lieben.

Meine Freundin sagt mir gern, ich sei in Wahrheit kein Land- sondern ein Stadtmensch, was ich gestern meiner Schwester erzählte, angesprochen wegen dem Wunsch wegzuziehen, und sie meinte darauf, dann müsse sie doch auch ein Stadtmensch sein, schließlich sei sie unter dem selben Dach aufgewachsen wie ich.

Ich meinte dazu nur: „Nein. Das bist du nicht.“

Wir tauschten Blicke. Ließen es gut sein. Und nach ein paar Minuten umarmte ich sie und ging. Ließ sie ein wenig hilflos zurück und sie sagte noch: „Wer weiß wo wir uns das nächste Mal treffen, wo ich dann leben werde.“

Den Rest des Wochenendes habe ich viel gelesen, den Manga „I am a hero“, in „Klage“ von Goetz und Lookalikes von Thomas Meineke, von dem ich bisher nur die Vertonung mit Move D kenne.

In „Lookalikes“ geht es um Doppelgänger, die sich irgendwie wie ihre Originale verhalten, ganz herausgefunden habe ich das noch nicht. Und wenn man das so liest und über seine Familie nachdenkt, hat man das Gefühl, dass  wir alle „Lookalikes“ sind, nicht von Prominenten wie Shakira, Justin Timberlake oder Josephine Baker (oh wunderbare, gehasste Josephine…) sondern von uns selbst. Lookalikes wohin man sieht.

Es ändert sich Alles. Es ändert sich nichts. Das dachte ich gestern früh, als mein türkischer Hausmeister schon wieder den Rasen mähte und ich mich darüber ärgerte, wie jedes Mal, wie es wohl immer sein wird; von Flüchtlingswahrheiten bekommt man hier in der Kleinstadt NICHTS mit. Das Leben tropft einfach so dahin. Nun. Na ja. Du bekommst was du erschaffst.

Heute Abend werden dann noch die Filme weggeguckt. Auswärts.

Es fehlt an Geist. Es fehlt an Romantik. Die Leute verehren einander nicht mehr. Und dazu las ich in Meinekes Buch eine Stelle, die er selbst zitierte, sehr schön wie ich finde:

Wunderschöner Kitsch in Zeiten der Hardcore-Pornografie. Wo wir wieder beim Anfang wären. Bei meinem alten Freund, der glaubt, dass das Leben nur aus Essen und Ficken besteht (darüber hat er mich gestern sicherlich vergessen)

Nein.

Das sehe ich zum Glück anders.

Auch wenn man sich dafür an manchen Wochenende zuhause verschanzen muss.

Mein Urlaub in Kiew – Teil 1

Wie schreibt man über Kiew, wie schreibt man über die Ukraine, ohne politisch zu werden? In diesen Monaten und Jahren ist das wohl so gut wie unmöglich, ebenso wie es den Menschen dort unmöglich ist, nicht politisch zu fühlen oder zu denken.
Wohin ich in den Urlaub fahre ist meine Sache und deshalb war es natürlich eine bewusste Entscheidung nicht einen Strand-Urlaub zu buchen, sondern ganz im Gegenteil mit meiner Freundin in ihr vom Krieg geteiltes Heimatland zu fliegen; welches Land ist im Moment überhaupt interessanter als die Ukraine? Eine Region, ein Volk, über die zur Zeit unzählige Lügen und Halbwahrheiten die Runde machen, angefangen mit dem Protest auf dem Maidan, über die Besetzung der Krim und die Annexion Russlands des Donbass – und die verschiedenen politischen und propagandistischen Meinungen dazu. Ich bin kein Politiker. Ich bekomme keine BESONDEREN Informationen zu dem Thema von „geheimen“ Internet-Seiten (was für Bull-Shit auch nur zu denken, dass es so etwas gibt). Ich verfolge nur das Tagesgeschehen in den Medien. Und selbstverständlich war ich NICHT an der Front, sondern in der ukrainischen Hauptstadt Kiew, und dort traf ich ganz normale Menschen, nette Menschen, sympathische Leute, die ebenso wie ich im Prinzip nicht radikal politisch denken, doch durch die Situation diese Gedanken- und Gefühlswelt aufgedrängt bekommen.

Viel Schwachsinn muss man lesen wenn man sich mit dem Thema beschäftigt, von den NAZIS vom Maidan, was durch die Lächerlichkeit der Begrifflichkeit schon die Denkmuster derer entlarvt, die solche Vereinfachungen in die Welt posaunen, denn: Es gibt keine Nazis in der Ukraine. Es mag Nationalisten gibt, bestimmt auch radikale, ukrainische Faschisten, aber Nazis, nein, die kann es dort nicht geben, denn die einzigen Nazis die es dort jemals gab waren die Deutschen Nationalsozialisten im zweiten Weltkrieg – und sie werden auf immer die einzigen Nazis sein, die es dort geben kann: Kein Amerikaner, kein Russe und auch kein Ukrainer kann jemals Nazi werden, das ist einfach unmöglich. Und auch wenn die russische Propaganda behauptet, dass sie sich wie damals im zweiten Weltkrieg gegen eine neue Form von Nazi-Terror zur Weht setzt, ist das einfach nur Blödsinn. Russland hat Interessen, wie jedes Land. Und das kann ich aus ihrer Perspektive mir sogar zu Recht denken, aber nicht verstehen. Nur, wer solche Begrifflichkeiten wie „ukrainische Nazis“ verwendet, der legt schon von Haus aus ein vorgeprägtes, kategorisiertes Denken an den Tag, dass den Schluss schon zieht, bevor es die Argumente des Gegenübers überhaupt gehört haben kann.
Ja. Nein. Ich traf dort nur einfache Menschen. Wie du und ich. Die Angst um ihren Job, ihre Familie und ihre Zukunft haben. Die keinen Krieg wollen und sich nach Westen orientieren, nicht weil sie sagen würden, dass dort alles besser ist, sondern einfach nur weil sie die Schnauze voll haben von „Mütterchen Russlands“. Und wer dazu nun einwerfen will, dass die Ukrainer nur ein Spielball zwischen den Großmächten USA und Russland sind, dass sie nur ausgenutzt werden, so ist die Antwort derer die ich traf folgende: „Lieber lassen wir uns von den USA ausnutzen, als uns weiter von Russland beherrschen zu lassen.“

Selbstverständlich sind die Leute dort im Moment politisiert, nationalistischer als sonst, keine Frage, und das zu negieren wäre eine bloße Lüge; russische Produkte sind dort verpönt und manche Ukrainer wollen nicht einmal mehr die russische Sprache in den Mund nehmen, obwohl sie eine der beiden Nationalsprachen des Landes ist (neben ukrainisch versteht sich) , man sieht überall die Nationalfarben des Landes, immer wieder Soldaten und das Nationalsymbol, den „Dreizack“, aber wie zum Himmel würdest du denn reagieren, wenn eine fremde Macht, auch wenn sie sich bis dato als eine Brüdermacht ausgegeben hat, in dein Land einmarschiert? Ich würde auch mehr zu meinem Land stehen, wenn die Russen oder von mir aus die Amerikaner in Deutschland einmarschieren. So etwas. Ist eine natürliche Reaktion. Und hat nichts mit Faschismus zu tun. Sondern mit Identität. Und auch sehr viel mit Angst.

Wir hatte es nicht weit bis zum Maidan, dem weltberühmten Platz der Revolution, und heute ist dort wo zigtausende Menschen für mehr Freiheit, für mehr Demokratie und ein mehr an Europa demonstrierten, eine Ausstellung aufgebaut.

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Man spürte dort von den Leuten her, wie sie ihr Land als offen und freundlich darstellten, wie sie sich europäisch geben wollten um dadurch eine gewissen Form von Solidarität zu signalisieren aber auch erhaschen zu wollen. Zudem erscheint Kiew auch von der Wirkung der Architektur in der Innenstadt sehr europäisch (ich fühlte mich teilweise an Wien erinnert), auch wenn es natürlich augenscheinliche Unterschiede gibt, jedoch weniger als ich erwartet hätte. Ich fühlte bei den Absichten der Menschen eine Anstrengung zu mehr Sympathie und Verständnis, eine Willkommensgesellschaft, die einem selbstgerechten Land wie unserem Land sehr abzugehen scheint.
Meine Meinung und mein Gefühl ist immer sehr subjektiv, doch immer wieder von den gleichen Begehrlichkeiten zu hören (kein Krieg mehr und Akzeptanz von einem Ausländer, einem deutschen Europäer) vermittelte in mir ein Gefühl von Gemeinschaft zueinander, auch wenn ich die Menschen gar nicht zusammen, nicht einmal am selben Tag traf. Krieg verbindet. Es schafft einen gemeinsamen Feind. Gemeinsame Werte. Angefacht durch eine geteilte Angst. Denn geteilte Angst ist Beides: Doppelte und auch halbe Angst. Ja. Es fühlt sich wie eine Gemeinschaft an, nicht wie GESELLSCHAFT wie bei uns hier, da wir von Eigeninteressen zerfressen und zerpflückt sind und der gemeinsame Feind im Prinzip jeder ist, der in egal welcher Form etwas von mir will, seien es die bösen Flüchtlinge, die bösen Politiker, die bösen Firmen, die bösen Medien, die bösen Nazis (wir haben das Patent auf sie), die bösen Linken, die bösen Juden, Islamisten und was weiß ich wen man gerade nach Tageslaune fürchten, hassen oder vor wem man warnen muss…
Natürlich wäre es auch gelogen, würde man sagen dass die gesamte Ukraine pro-westlich ist und es keinen Zuspruch für Russland gäbe (und da hört es sich natürlich auf mit dem Gemeinschaft); es ist – obwohl Russland den Konflikt am Leben erhält – ein Bürgerkrieg, aber ein Krieg, zu dem es nicht hätte kommen müssen…. Sei es darum. Dort. In Kiew. Abseits der heißen Konfliktzone. Merkt man davon nichts, nur dieses Schwanken zwischen Trotz und Hilflosigkeit.

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Schon am ersten Abend besuchten wir den Maidan, der Ort, wo am meisten Politik in der Stadt spürbar war. Und es war mir ein Anliegen dieses subjektive Gefühl dass ich dort hatte, ausführlich wieder zu geben. Mein „Reisebericht“ als solcher wird folgen.