Deutschtürken

Rund 3 Millionen Türken leben in Deutschland. Davon sind 1,3 Millionen wahlberechtigt Und davon haben 63 Prozent Erdogan gewählt: Stand heute Vormittag. Alle Zahlen sind wie immer ohne Gewähr.

Wie sich das jetzt nun genau zusammensetzt, wann ein Türke eine doppelte Staatsbürgerschaft hat, warum diese Türken in der Türkei nicht als Deutschtürken angesehen werden, weshalb die da nur als Türken gelten (deshalb können sie dort den Journalisten „Deniz Yücel“ einfach so wegsperren, ohne dass die Bundesregierung irgendetwas dagegen unternehmen kann) und was da überhaupt und so genau los in der Türkei; dazu kann ich herzlich wenig sagen. Ich bin wie die wahrscheinlich meisten von euch auch nur halbinformiert durch unsere Medien, die natürlich selbst eine gewisse Position vertreten, wobei ich mich auch nicht wirklich mit dem Thema auseinander gesetzt habe.

Heute Morgen nach dem Referendum habe ich Artikel gelesen, so wie man heutzutage Bücher liest. Locker wischte ich die Informationen beiseite, manche vielen mir ins Gedächtnis. Erdogan kann also nun so gut wie alles machen was er will. Das Parlament hat keine großartigen Kontrollfunktionen und damit  keine Macht mehr, außer sich selbst aufzulösen – was sehr ironisch klingt.  Los wird man den Erdogan auch nicht mehr so schnell, irgendwas mit mindestens 15 Jahre bis lebenslänglich bleibt der „an der Macht“, dabei gilt in anderen Ländern 15 Jahre ohnehin schon als lebenslänglich. So sieht es wohl aus. Das ist ein Ding der Türken in der Türkei. Ihr Scheiß.

 

Mir bleiben als Deutscher nur die oben genannten Zahl zu interpretieren: Warum wählen so viele Deutschtürken bei uns Erdogan? Auch das kommt mir wie eine sehr ironische Sache vor, denn die Väter und Vorväter die aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind um mit uns dieses Land wieder erfolgreich aufzubauen, scheinen nicht ganz verstanden zu haben WARUM dieses Land aufgebaut werden musste. Ja, ja. Da scheint es so einen Despoten gegeben zu haben, der hat da Krieg gemacht, diese dummen Deutschen. Und 50 bis 60 Jahre später halten die gleichen Leute (nicht alle) und Teile ihrer Nachfahren einen Despoten mit „Präsidialsystem“ für eine geeignet Lösung für ihr Land um es Zukunftstauglich zu machen. Da. Muss einiges schief gegangen sein. Bei den Deutschtürken. Und bei den Deutschen selbst natürlich auch.

Man muss sich ja auch nicht wundern wenn man immer von „Gastarbeitern“ sprach und Parallelgesellschaften hochzog, dass sich die Leute in diesem Land nicht besonders gut integrierten. Klar muss man sich auch integrieren lassen wollen, „Willkommenskultur“ sah aber anders aus. Irgendwann, als die Bezeichnung „Gastarbeiter“ gescheitert war und die Nachkommen der Türken plötzlich Deutschtürken waren und hier nicht mehr weg wollten, sprach man dann von „Multikulti“, was so viel bedeutete, dass man die Parallelgesellschaften akzeptierte und man wenigstens den Versuch einer Integration startete – und als dass nicht innerhalb von ein paar  Jahren geklappt hat, sprach man sofort davon, dass „Multikulti“ gescheitert war. Gescheitert war man aber meiner singulären Meinung nach schon am Anfang, als man die Menschen hier wie Menschen zweiter Klasse behandelte. Eigentlich kein Wunder. Schließlich sind wir die Nachfahren der Nazis…

Natürlich sind die Deutschen nicht alleine an der Geschichte schuld, auch wenn sie sich plötzlich von „Kanaken“ umzingelt sahen. Die ganze deutsch/türkische Geschichte ist kompliziert und von Vorurteilen behaftet.

Was ist eigentlich mit mir selbst? Tja, wie allseits bekannt ist komme ich aus einer Kleinstadt und bin in den 80ger aufgewachsen, was alleine schon selbsterklärend dafür steht, dass ich kaum Türken kenne und kaum welche zu meinen Freunden zählen. Die gibt es hier schon auch, ich habe auch 3 in meiner Facebook-Freundesliste und bin mit einem wirklich echt befreundet, doch hier gibt es einfach keinen Platz um mit den Leuten zusammen zu kommen – und sind wir ehrlich: Wer will das eigentlich? Zwar gibt es immer ein paar Ausreißer die zwischen den Klischees leben (und inzwischen neue gebildet haben) die man dann ja auch kennenlernt und mag, aber wer hat schon Lust sich mit den Großeltern und Eltern solcher Leute auseinander zu setzen?

Jetzt aber die Hände über dem Kopf zusammen zu schlagen und fragen: Wie kann das nur sein, ist auch lächerlich. Irgendwo ist es sogar sehr verständlich, dass es so ist. Ist es sehr erklärbar, warum Leute hier gegen die Demokratie stimme: Weil sie bei ihnen nicht angekommen ist. Weil Demokratie Mitsprache-Recht ist. Auch wenn das oft mit Wohlstand vertauscht wird. Da ist es doch ganz logisch wie man sich verhält, wenn man von Beidem abgeschnitten fühlt.

Ohnehin scheint kaum einer mehr zu wählen weil er für etwas ist oder um was zu unterstützen. Wir leben in einer globalen  DAGEGEN-Kultur. Warum ist das so?

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Auf der #PulseofEurope Demonstration

Es soll ja Leute geben, Leute wie mich, die auf einer Demo stehen und sich plötzlich fragen: Bin ich hier eigentlich richtig? Stehe ich überhaupt für das Gleiche, wofür die Typen hier herumstehen? Europa… Europa war für mich doch immer dieses Bürokratie-Monster, das mit mir nichts zu tun hat. Wenigstens war das vor ein paar Jahren so gewesen. Vor der „Flüchtlingskrise“ (komisches Wort in dem Zusammenhang: „Krise“. „Krisen“ enden. Die Flüchtlinge vor Krieg und Armut wird es aber immer geben…). Vor der „AFD“. Vor „Pegida“. Vor dem „IS“. Vor dem neuen kalten Krieg. Heute ist  vieles ganz anders und Dinge die man als selbstverständlich angesehen hat, sind es einfach nicht mehr. Die Sicherheit ist weg.  Nicht nur die innere Sicherheit; die innerste Sicherheit der Menschen ist beschädigt.

Lustig ist: VOR der Krise haben Freunde von mir noch behauptet, dass sie auf ein bisschen Wohlstand verzichten würden, wenn es dadurch den Armen der Welt ein wenig besser gehen würde. Und ein Jahr später nahmen ihnen die Flüchtlinge ihren Wohlstand weg. Wirklich? Wie arm sind wir denn jetzt? Vielleicht doch eher, moralisch arm während wir immer reicher werden?

„Wohlstand“ ist ein Wort, das ich sehr eng mit Europa verbinde. Nicht dass ich überall hin reisen kann, ohne Grenzen zu fürchten. Das ist eine Sache, die andere Leute glücklicher macht als mich. Nein. Ich, WIR sind so reich, dass wir uns auf einem realistischen Level über ein Bedingungsloses Grundeinkommen unterhalten können. Zwar glaube ich nicht, dass dieses Bedingungslose Grundeinkommen umgesetzt wird. Doch wir könnten es uns leisten.

Und wenn man „Wohlstand“ vor „Frieden“ bringt, sagt das eigentlich schon alles aus. Verdammt geht es uns gut heutzutage. Dass hier sin die fetten Jahre. Sie sind noch nicht vorbei. Die „Freiheit“ dagegen ist etwas, dass wir gerade im Begriff sind zu opfern, für „Frieden“ und „Wohlstand“; wir opfern unsere persönliche „Freiheit“ sogar in einem so hohen Maß, dass sich schon die Frage aufdrängt, was „Frieden“ und „Wohlstand“ in dem Zusammenhang noch bedeuten… Denn nichts von unseren Privilegien ist selbstverständlich. Millionen sind dafür gestorben.

Da steht man dann plötzlich mit 2 Hundert anderen vor dem Augsburger Rathaus und demonstriert für Europa. Wofür? Für den Status-quo? Ja genau, für den Status-quo. Das muss man sich einmal überlegen, wie konservativ dass eigentlich ist. Aber es ist richtig. Und man hebt sein Fähnchen in den Wind, welches man dort vorne an dem kleinen Stand bekommen hat. Es zeigt 12 gelbe Sterne auf einem satten, einem deftig selbstzufriedenem Blau…

Niemand behauptet, Europa wäre perfekt. Niemand würde verneinen, dass das Europa in dem wir leben, nicht nur vom Terror, sondern viel mehr vom Kapitalismus bedroht ist. Europa wird sich nicht durch den Terror zerstören lassen – da steht man zusammen. Aber nicht wenige munkeln, dass die Konzerne die Staaten schon längst geschluckt haben…

Vielleicht hätte man früher auf die Straße gehen sollen. Wahrscheinlich hätte man früher zusammen stehen müssen, doch die Zeiten müssen erst richtig alarmierend werden, bevor man sich aufmacht. Dass die europäischen Staaten für sich in Nationalistisches Denken zurückfallen würden, ist kein Wunder. Die Menschen haben Angst vor Neuerungen. Die Menschen haben Angst vor Veränderungen. Die Menschen fürchten die Fremden. Ich auch. Deswegen ist es gar nicht so konservativ zu Europa und brüderlichen Werten zu stehen. Es ist sogar sehr mutig. Denn Europa verändert sich mit der Zeit. Und vielen Menschen geht und ging dass zu schnell. Sie fühlten sich abgehängt, entmündigt und bekamen plötzlich Angst vor der Zukunft, hatten Angst davor zu ENDEN wie die Spanier, Italiener und Griechen, deren Jugend jetzt schon als VERLOREN gilt. Ja. Europa ist eine Maschine die knirscht und kracht. Und die viele Verlierer produziert. Und gerade wegen dieser Verlierer muss Europa wieder europäischer werden. Was die Gleichheit und die Sozialleistungen angeht… Man muss auch ein wenig von seinem Reichtum abgeben können, ohne in Panik zu geraten… Und wir denken gleich nur an „die Faulen“ und „die Schmarotzer“… Dass ist etwas was wir uns nicht einreden lassen dürfen.

Ich weiß gar nicht ob ich das hier wirklich denke, während ich auf dem Rathausplatz stehe und mir die Kinder der Demonstranten etwas von ihrer Zukunft erzählen, die wir doch bitte bewahren sollen (Sätze, die ihre Eltern ihnen eingeflüstert haben, die sie selbst gar nicht verstehen), oder ob es nur der verblendete Traum der Leute hier ist, die die Vergangenheit heller und die Zukunft schöner zeichnen, als die vergangenen Tage es jemals waren und einmal sein könnten. Alles ist voller Kitsch. Politischem Kitsch. Humanitärem Kitsch. Irgendwie glaube ich nicht daran. Aber… Ich würde auch ganz gerne daran glauben. Sowie ich die „Europa-Hymne“ gerne mitsingen würde, in die einige hier einsteigen, während sie aus den Boxen dröhnt; aber ich kann nicht. Ich würde mir dabei nur lächerlich vorkommen…

EUROPA… Dass ist doch nur ein Traum. Eine Phantasmagorie. Eine Fata Morgana, die in Wahrheit ganz anders aussieht, als wir sie uns hier herbeisehnen. Und doch leben wir in diesem merkwürdigen Traum, der auf der einen Seite korrupte, bestechlich und ausgehöhlt ist, während er auf der anderen Seite all das bietet, was ich in den Gesichtern der Leute hier ablesen kann: „Frieden“, „Freiheit“ und „Wohlstand“.

Ja. Es ist merkwürdig für den Erhalt des Status-Quo zu demonstrieren. Das ist wie für die eigene Selbstzufriedenheit auf die Straße zu gehen. Und doch kann ich nichts Falsches daran feststellen. Denn ich würde Leuten denen es nicht so gut geht wie uns, das Gleiche gönnen. Ganz egal ob sie in Italien, Griechenland oder in Nord-Afrika leben. Oder in der Zukunft.

Plötzlich sind wir wieder alle Christen?

Kaum auszuhalten sind diese Religionsdebatten, die einem jetzt von überall aufs Auge gedrückt werden. Die Menschen haben Angst vor Überfremdung, das kann man verstehen, vor anderen Kulturen auch, ja. Doch ebenso wenig wie ich als Europäer Angst vor dem Islam haben muss, muss ich mich jetzt auch nicht von den Christen vollquatschen lassen, dass wir doch alle hier Christen sind und man jetzt im Glauben zusammenhalten muss: Gegen die Anderen die da kommen.

Ne.

In dieser lächerlichen Debatte wird gerne vergessen, dass seit Jahren die Leute massenweise aus den christlichen Kirchen austreten und jetzt über die Flüchtlingshysterie versucht wird, durch die Angst vor den Moslems sie da wieder hineinzubekommen.

Demokrat oder Europäer zu sein heißt aber nicht zwangsläufig Christ sein zu müssen, es kann auch heißen diesen ganzen Religionsquatsch überwunden zu haben und davon einfach nur gelangweilt, sowie  im besten Fall tolerant gegenüber den Gläubigen, zu sein. Warum wir keine Angst vor dem Islam haben? Weil wir das Christentum als Staatsreligion überwunden haben, wieso sollten wir nicht den Islam ebenso überwinden und als das tolerieren was er ist? Nämlich jedem seine eigene Entscheidung was er denkt, glaubt, fühlt oder macht, solange es nicht gegen unsere freiheitlichen Werte verstößt.

Da stellt es einem wirklich die Zehennägel auf wenn so Originale wie Margot Käßmann daherkommen und behaupten, dass der beste Schutz vor Angst über die Islamisierung ein regelmäßiger Kirchenbesuch ist. Das würde ich vielleicht auch sagen wenn ich für den Verein arbeite.

Wenn dann aber auch noch die Kanzlerin zu christlichen Werten rät (derselbe Artikel oben im Link) ist das schon ziemlich heikel. Denn die ruft hoffentlich nicht vorher im Vatikan an, bevor sie wichtige Entscheidungen für „ihr Volk“ trifft (okay, wichtige Entscheidungen trifft die Merkel eh erst wenn alles fast zu spät ist, ihr wisst schon was ich meine).

Es reicht schon ein guter Mensch zu sein, der auch so handelt. Kirchensteuer und anderen  Firlefanz bedarf es dazu nicht.

Es geht nicht um CHRISTLICHE WERTE. Obwohl ich gegen die gar nichts habe. Es geht darum, was sich die Menschen aus dieser Leitreligion aufgebaut haben, dieses gilt es zu leben und zu verteidigen. Und europäische Werte zu verteidigen heißt in diesem Fall auch, fremde Menschen ganz gleich welcher Religion die Hilfe brauchen nicht einfach ihrem Schicksal zu überlassen, wenn sie vor unserer Haustüre stehen. Damit verteidigen wir unsere Werte: In dem wir sie rein lassen. Klingt ironisch. Ist aber so. Denn das ist es was uns ausmacht. Und dazu muss ich nicht sonntags in die Kirche gehen, sondern mein Herz öffnen.

Gerade das Gute vergisst man

Seit 3 Jahren beglückt meine Monatliche Zahlung bei World Vision ein Kind, eine Familie in Afrika, in Simbabwe. Die Wahrheit ist, dass ich schon 6 Jahre lang ein Kind bei World Vision unterstütze, die aber vor 3 Jahren das Kind einfach ausgetauscht haben. Vielleicht wurde ich benachrichtigt. Wahrscheinlich. Und ich habe es einfach übersehen. Habe den Schrieb mit der Erklärung weggeworfen.
Vielleicht ist das erste Kind tot. Ich weiß es nicht. Es hat mich auch nie interessiert. Ändern kann ich ja eh nichts. Nun. Zumindest habe ich es versucht, durch das Geld. Trotzdem habe ich keine Ahnung was aus dem Kind wurde… Vielleicht wurde es zu alt für das Programm. Keine Ahnung. Damals waren „Unruhen“ in Simbabwe. Möglich, dass der Kleine wirklich nicht mehr lebt.

Heutzutage läuft ja eh Alles über das Internet ab und deswegen bekam ich heute die elektronische Nachricht, dass ich mein zweites Patenkind von World Vision jetzt also diese 3 Jahre unterstütze. Und ich verklicke mich gerade in meinem Emailfach, komme auf den Link, und irgendwann mal muss ich mich wohl wirklich da mal angemeldet haben, also das Fenster geht auf und ich klicke dann aus Laune heraus auf „anmelden“ – deswegen sah ich gerade das kleine traurig guckende Kind aus Afrika vor mir, dass ich seit jetzt doch schon langer Zeit unterstütze…
Ich will mich jetzt nicht als Heilsbringer darstellen. Es ist nur. Ich merke die 30 Euro gar nicht, die ich für dieses fremde Ding ausgebe. Oder sind es 20? Keine Ahnung. In Wahrheit hatte ich es schon total vergessen. Ich glaube, 30 Euro sind da unten mehr wert als hier. Und im Prinzip bin ich dadurch vielleicht ein klein wenig ein bessere Mensch, als ohne Patenschaft. Aber die volle Wahrheit ist, dass ich das Kind einfach vergessen habe. Einfach so. Vor lauter Stress und meinem ganzen Reichtum hier, den ich gar nicht wahrnehme. Und dann guckt einen so ein fremdes Kind an. Und ich helfe dem. Und ohne mich, wäre es schlechter dran. Da musste ich jetzt schon schlucken. Zwei sich vollkommen Fremde. In fremden Welten. Verdammt noch mal… Ich denke nur an den Kleinen, wenn ich meine Steuererklärung mache… Immerhin wäre das doch einmal etwas, worauf man stolz sein könnte…

Über den Gedenkmarsch in Paris

Auf „N24“ kommen gerade live die Bilder vom Solidaritätsmarsch der Mensch gegen den Terror; ganz vorne sind wie immer Publikumswirksam nur Politiker zu sehen, Europäische Staatschefs, ein „einzigartiges Bild“ wie mir die Berichterstattung aus dem Off erzählt, doch anstatt ihre mehr oder weniger echte und offene Trauer zu zeigen, müssten diese Menschen mehr für Menschen machen, mehr Solidarität durch ihre Arbeit zeigen, anstatt im Nachhinein mit Betroffenheitsmiene „so nah am Volke“ vor den Kameras zu posieren, denn im Endeffekt sind das nur mal wieder die gleichen Wir-gegen-Die-Bilder, die sicherlich uns, die von dem Attentat menschlich schockiert sind, nahegehen, den anderen aber, die sich von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlen, scheißegal sind, ja, sogar noch mehr Munition geben, ganz gleich wie sehr die Herren und Frauen Regierungschefs sich mit dem gemäßigten Islam solidarisieren wollen, denn, der Anschlag zielte doch genau darauf ab so ein Medienspektakel zu inszenieren, wie wir es jetzt – immer noch – live im Fernsehen sehen können, da Zeichen für den Frieden ein paar Wochen anhalten und dann wieder vom Alltag verschluckt werden, der neuen Hass gegen alte und neue Zustände schürt.

Man kennt solche Bilder doch, wo viele (wenn auch nicht SO viele) Menschen durch die Straßen ziehen, in einem gefühlt nicht enden wollenden Trauermarsch, siehe Israel, siehe Palästina, und alle sind „schockiert“ und „fassungslos“, sagen ihre Zustimmung zu, sind traurig und wütend auf die Täter, auf die Aggressoren, und wiederholen immer wieder, egal wo, dass man eben keine Angst hätte und das man die Werte die die Vorväter für einen erkämpft haben, nicht aufgeben werden, und was interessiert es uns wenn das in fremden, nicht europäischen Ländern passiert, bei denen der (sorry) Bodycount viel höher liegt.
Eine Gesellschaft braucht solche Trauermärsche für ihr Selbstverständnis, um ihren Schock über die Umstände zu kühlen, doch was wird es helfen?
Der Marsch wird enden. Die Trauer wird schwinden. Doch der Terror wird immer wieder kommen. Solange der Hass nicht endet.

Frankreich weint und steht zu Recht zusammen. Heute. Sind wir alle gemäßigt. Schon morgen wird es anders sein.

Die Schwulen haben Recht

„Toleranz ist keine Schwäche“.

„Gayropa“, so wird in Russland hinlänglich das gute, alte Europa genannt, was spätestens seit dem Gewinn des Euro Vision Songcontest durch Conchita Wurst auch bis zu uns durchgedrungen ist. Schwulsein ist in Russland nicht gerade in, wie auch damals der Sänger von „Right Said Fred“ erkennen musste.
Auf der einen Seite kann man als Mann die Russen sogar gut verstehen, denn sie wollen lieber in einer „unbedrohten“ Macho-Welt leben, in der die Frauen und sexuell Andersdenke weniger Recht haben – und das spricht den niederen Instinkten der Männer natürlich an. Nur. Es ist jetzt auch nicht so, dass die Männer bei uns WENIGER Rechte genießen würden als Frauen, Schwule oder Transsexuelle – es geht um GLEICHE Rechte. Und schon das löst bei den Russen (natürlich nicht allen, den Klischee-Russen) Minderwertigkeitskomplexe aus, weswegen sie Angst haben ihre Männliche Rolle zu verlieren, möglicherweise an Homosexuelle, so wie bei wo uns! Wo man nicht einmal über die Straßen gehen kann ohne von meinem wütenden Mob Schwuler anal vergewaltigt zu werden… Nun ja. So oder so ähnlich muss man sich im tiefsten Russland wohl Europa vorstellen. Und Putin tut gut daran so ein Bild aufrecht zu erhalten: Wie jeder Diktator braucht Putin die Dummheit der Massen um an der Macht zu bleiben.

Deswegen führt Russland auch gerade den Krieg in der Ukraine. Denn es ist nichts anderes. Erst wurde die Krim annektiert, jetzt ist die Ost-Ukraine dran. Und wer mir jetzt mit „Separatisten“ kommen will, dem kann ich nur den Vogel zeigen. Denn von „Separatisten“ hat man auf der Krim auch erst gesprochen – ein wenig später war dann Putin dort um eine Militärparade abzuhalten (das war weder eine Pointe, noch eine Metapher). Danach plötzlich „Separatisten“ in der Ost-Ukraine. Wo die wohl herkamen?… Hm…
Nachdem die letzten „Separatisten“ nun eingekesselt sind und sich das Märchen nicht mehr halten lässt (konnte es sich nie), schickt Putin nun Panzer, wenigstens meldete das heute der „Spiegel“. Keine Ahnung ob das wahr ist. Aber. Wenn die „Separatisten“ südlich von Donezk bald eine Gegenoffensive starten (was sie schon angekündigt haben), soll man mir bitte danach mal erklären, wie man aus einem eingekesselten Stadtgebiete heraus ein paar Kilometer woanders eine Gegenoffensive starten kann?

Putin braucht diesen Krieg. Wieso? Weil er es sich nicht leisten kann das die Ukraine zu europäisch wird, und „europäisch“ bedeutet hier eine freie Wohlstandsgesellschaft. Es ist eine Sache aus tausenden Kilometer Entfernung ein Gesangsturnier dahingehend als den drohenden Verfall der Gesellschaft zu inszenieren, eine andere ist es, wenn der Nachbar nach und nach zu Wohlstand kommt und ein besseres Leben genießt. Dass bekommen auch die armen Bildungsfernen Russen vom Land mit – und das ist dann gefährlich für Putin und seine Schergen. Denn was passiert, wenn die Russen auch frei sein wollen? Also so richtig?

Da hilft das Macho-Image natürlich gewaltig, denn auch wenn man arm ist und nichts hat, so ist man doch ein RICHTIGER Mann! Wirklich? Bietet eine pluralistische Gesellschaft denn keine richtigen Männer? Ich finde schon. Denn unsere pluralistische Gesellschaft (GesellschaftEN, wir sprechen ja von Europa und so ganz eins sind wir noch lange nicht) produziert viele verschiedene Güter und Technik, die in die ganze Welt exportiert wird. Sogar nach Russland. Und die Russen? Außer Erdgas und Erdöl könnte ich jetzt nicht viel aufzählen was von dort kommt (wie Saudi-Arabien). Okay. In nächster Zeit wohl der Krim-Sekt… (das war eine Pointe). Kann es nicht sein, dass eine Gesellschaft in der mehr erlaubt ist, in der man keine Angst vor Unterdrückung und Verfolgung haben muss, in der es freie Medien gibt (soweit das möglich ist – na, immerhin kann ich hier alles verzapfen was ich will) einem Land mehr Möglichkeiten, Wohlstand und Zukunft bietet als Macho-Denken? In dem der Stärkere regiert? In dem es nur mit Bestechung voran geht? Ist eine Gesellschaft in der ein Mann seinen Kindern eine bessere Zukunft bieten und selbst ein komfortables Leben führen kann nicht viel angenehmer und lebenswerter als Macho-Scheiß? (und selbst den kann man hier auch haben…)

Für die deutsche Export-Wirtschaft ist Putin natürlich ein Glücksfall (wenn er nicht gerade andere Länder überfällt), denn Diktatoren verhindern einen wirklichen wirtschaftlichen Aufschwung in ihrem Land und schaffen somit keine Konkurrenz. Es ist ein bloßer Absatzmarkt mit Stabilität. Deswegen konnte man mit einem Gaddafi auch so gut Geschäfte machen. Jetzt. Ist der Markt in Libyen etwas… Sagen wir: Unberechenbarer.

Der frühere, abgesetzte Präsident der Ukraine Lukaschenko brachte es auf den Punkt, denn er meinte er sei „lieber Diktator als schwul“. Wortwörtlich. Und das ist im Prinzip der beste Kommentar zur Situation, denn der Russe wird lieber unterdrückt, als schwul zu sein.

Der Krieg wird weitergehen. Und ganz gleich wie wichtig NATO-Truppen dort wären (wofür haben wir das Scheißbündnis überhaupt?), sie werden wohl nicht kommen. Nicht einmal um die Grenze zu Russland zu schließen, was zwangsläufig den Krieg mehr oder weniger schnell beenden würde. Am Ende aber – Ukraine hin oder her – werden wohl die Schwulen den Krieg gewinnen. Oder wie Quentin Tarrantino einmal sagte: „The gays are beating the russins“.

Nicht weil Europa „besser“ wäre. Sondern weil der Drang nach Freiheit immer wieder kommen wird. Ganz egal ob es die Russen sind oder die IS-Krieger. Auf Dauer kann man den freien Willen keiner Gesellschaft unterdrücken. Wenigstens das zeigt uns die Geschichte. Es wird Rückschritte geben, die gibt es in jeder Geschichte, doch am Ende setzt sich der Wille durch. Irgendwann, hat jeder sein „coming-out“. Und dafür muss er nicht mal schwul sein.