Die verschiedenen Gesichter der deutschen Weltmeister

Und wenn schon? Wen interessiert es denn nun wirklich ob die Weltmeisterschaft 2006 gekauft wurde? Korruption ist ein Weltweites Problem und Deutschland war  sicherlich nicht so viele Jahre Exportweltmeister, ohne dass dazu die eine oder andere Mark „spendiert“ wurde.

Korruption ist ne blöde und schlimme Sache, die für viel Ungerechtigkeit auf der Welt sorgt, das ist keine Debatte wert, die Verwunderung darüber das es wohl gesehen ist,  teile ich nur nicht.

Ich habe mich einmal vor vielen Jahren über den Wandel des Kleidungsstils hier im Blog echauffiert (siehe damals die fetten Kerle in ihren „Wir sind Opel“-Shirts, kontra die dürren Arbeitslosen im Anzug! während der Weltwirtschaftskrise), jetzt ist mir, im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Beckenbauer-Affäre und den dazu gezeigten Bildern, aufgefallen, wie sehr sich die Art des Feierns der deutschen Nationalmannschaften beim WM-Pokal- Gewinn verändert hat:

1954  

1974

1990

2014

Wenn man den Links folgt sieht man nicht nur 11 Männer die sich freuen. Bei genauerer Betrachtung ist zu sehen, wie die Freude immer erst kindischer, dann viehischer, würdeloser wird.

Heute schreien sich die „Herren“ weg wie die Tiere, während – siehe Beckenbauer 1974 – Jahrzehnte vorher noch, ich würde aus heutiger Sicht sagen, mit verhaltener und doch sichtlicher Freude der Pokal emporgereckt wird (1954 sogar gar nicht, da wurde noch der TRAINER gefeiert, nicht die eigene Leistung…). Heute reißen alle Dämme.

Frage: Wie sieht das beim nächsten WM-Gewinn aus? Reißen sich die Männer dann gleich wie die Tiere die Trikots vom Leib? Pinkeln sie sich dann Jahrzehnte später auch gleich noch ins Gesicht? Klar: Übertreibung. Die Frage bleibt offen: Was wird uns, wenn man diese Entwicklung ernst nimmt und sie auf die gesamte Gesellschaft auslegt, für die diese Fußball-Millionäre eine Metapher bedeuten?

Ich finde es sehr bemerkenswert, wie der deutsche Mann sich über die Jahrzehnte selbst entfesselt hat. Es gibt sicherlich viele Leute die rundum und ohne Vorbehalt sagen würden, dass das eine gute Entwicklung sei; ich bin mir dabei nicht so sicher.

Wo ist die Würde? Wo ist die Größe?

Umgekehrt ist (und das habe ich schon oft festgestellt) es sogar noch erbärmlicher zu sehen, wenn Männer mit Körpern aus Stahl nach einem verlorenen Fußball-Spiel auf dem Boden liegen und weinen wie kleine Mädchen… Sie haben es sich doch so sehr gewünscht zu gewinnen…  

Was soll das? Was wird aus uns? Aus unseren Gefühlen? Wo hat das ein Ende? Wird das Verhalten des Pöbels einem das perfekte Ideal? Werden wir eines Tages zu vollendeten Kindern werden?

Das sind Anzeichen für unseren Ausverkauf an den Jugendwahn.

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Ich wäre gerne schwul.

So ein Statement ist natürlich eine Provokation. Dabei will ich weder an homosexuellen Handlungen teilhaben, noch will ich mich von meiner Art her so geben; dass muss man dazu sagen, denn der Wunsch schwul sein zu wollen ist heutzutage ebenso eine anrüchige Aussage, wie in den 60ger Jahre in den USA zu meinen, man wäre gerne Kommunist. Natürlich schlägt mir jetzt für so ein Statement kein blanker Hass entgegen (wir sind doch so super tolerant aufgeklärt), doch für mich als Mann ist es natürlich ein Gebot diese Aussage sofort zu entkräften und zu relativieren. Nicht dass man mich WIRKLICH für schwul hält… Das wäre ja furchtbar, oder?…
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Als schreibender und kreativer Mensch denke ich mich hin und wieder in andere Rollen hinein. Das empfinde ich als durchweg normal, denn wer sich auf nichts einlässt, der kann nichts entdecken und auch nichts erleben.
Heute saß ich in luftiger Höhe auf einem Stahlträger (wie in dem berühmten Arbeiterbild, nur nicht ganz so hoch), ging meiner Arbeit nach und hörte dabei wieder einmal das Hörbuch „Flugbegleiter“ von Thomas Meineke.

In diesem (Hör)Buch geht es um einen heterosexuellen Mann, der im Frauenkontext lebt und arbeitet, androgyne Züge besitzt und auch ausführlich über die Homosexualität in seinem (Arbeits)Alltag und im Pop-Bereich (ganz Meineke) philosophiert, und das in eindeutiger Sprache und passenden Jargon. Für mich hat es immer einen besonderen Touch in meinem eindeutig heterosexuell geprägten Arbeitsleben dieses Hörbuch zu hören (oder auch andere von Meineke wie „Lookalikes“), da die Worte an sich schon eine Provokation auf den hier sehr „männlichen“ Arbeitsalltag sind. Das finde ich witzig, da ich das Ganze überhaupt nicht verklemmt sehe. Wobei ich die Anderen durchaus manchmal als sehr homophob empfinde.

Da sitze ich also sehr männlich herum, arbeite, und höre mir dieses Hörbuch an. Und ich denke nach, über meine Identität. Über die Identität der Männer an sich. Ich bin ein Mann. Ich war ein Mann. Ich werde immer Mann bleiben. Irgendwie fühlt sich der Gedanken langweilig an.
Ich hab in der Richtung nie viel ausprobiert (in der frühen Jugend einmal) und ich hatte auch nie das Gefühl etwas verpasst zu haben. Männer sind für mich nicht anziehend und total unerotisch. Aber, wie gesagt, aus schreibender Sicht (und ich sage absichtlich nicht aus „schriftstellerischer“) ist das für mich – ich kann es nicht erklären – durchaus interessant.
Vielleicht liegt es daran, dass ich in meinem Leben nie eine Metamorphose durchgemacht habe. Ich war immer das was ich bin. Natürlich gab es die Jugend und die LSD-Zeit (die zeitlich sehr nahe beieinander lagen), in der ich mich sehr klar definiert und erforscht habe, aber eines war immer klar: Frauen ziehen mich an. Keine Männer. Ich musste also nie meine Sexualität definieren oder suchen. Meine Identität war schon immer für mich klar. Und wie ich da jetzt so saß und grübelte, kam es mir schon verdammt fad vor, ein Mann zu sein.
Das Geschlecht wird gern mit der Identität verglichen und ich hatte nie eine Identitätssuche… Warum finde ich diesen Gedanken auf mich projiziert so deprimierend? Und warum (viel interessanter) haben andere Männer so sehr Angst davor diesen Gedanken zu haben oder danach zu forschen?

Es stimmt nun einmal: Unsere Gesellschaft (Mode, Musik, Design usw. usf.) wird und wurde in hohen Maße von den Homosexuellen geprägt. Deswegen sehe ich sie nicht als die besseren Männer an, aber ich spreche ihnen (unbewusst, ja unterbewusst) einen kreativen Touch zu, dem den normalen Mann natürlich nicht abgeht (das wäre Unsinn), aber hier (bei uns) auf eine viel plumpere Art daherkommt. Es geht ja immer auch um Attitüde, gerade in der heutigen Zeit.

Ich komme nun einmal aus dem Dance-Aspekt und es ist (das kann man nicht verleugnen) eine Bewegung, die ihren Ursprung im Homosexuellen Bereich hat. In Amerika ist das sogar immer noch so. Wir sind Kinder einer homosexuellen Kultur, was das angeht. Deswegen habe ich Respekt vor den Vätern der Bewegung, auch wenn ich nicht so bin wie sie, auch nicht so sein will, aber von meiner Art zu Feiern her bin ich natürlich von dieser Kultur beeinflusst worden, denn ich feiere eben NICHT wie meine Vorväter – was natürlich auch etwas mit Pop an sich zu tun hat. Doch dieser Disco/Dance-Pop ist eindeutig homosexuell geprägt. Und die Gesellschaft hat das nicht nur angenommen, sondern übernommen. Auch die Technik- und Designverliebtheit unserer Zeit (z.B. Apple). Und das ist nicht nur „gut so“, das ist Normalität. Und das is gut so.

Möglich das die Angst der Heteros auch etwas mit dem drohenden Identitätsverlust zu tun hat; sie mussten nie suchen oder sich zur Wehr setzen, weswegen sie sich angegriffen vorkommen, wenn eine „andere Lebensform“ auf sie trifft, denn sie mussten sich nie anpassen, Konzessionen oder Kompromisse machen, weswegen sie sich oft wie 5 Jährige in Abwehrhaltung benehmen und sich bedroht fühlen. Manchmal könnte man meinen als gäbe es eine Grenzlinie zwischen Homos und Heteros und dass manche Heteros in Angst davor leben, von den Homos auf die anderen Seite geschuppst zu werden, worauf sie dann sofort schwul werden würden – sie würden also „schwul gemacht“; was für eine surreale und bescheuerte Vorstellung. Allein die Reflexion über die Möglichkeit der eigenen, potentiellen Homosexualität gilt als Sakrileg. Wieso? Kann man denn nicht einfach sagen: Ich habe darüber nachgedacht, und es wäre nichts für mich?

Ich werde in meinem Leben keine Metamorphose mehr durchleben. Ich bin ein Mann und werde immer ein Mann bleiben. Würde ich meine Identität wirklich verändern wollen, wäre es meine einzige Möglichkeit, schwul zu werden. Nur das würde meine Identität verändern. Ich kann keine Frau mehr werden. Kein Tier. Kein Fels. Kein Gott. Als Mann bleibt mir nur diese eine, einzige Möglichkeit. Und vielleicht verstehen deswegen Männer diese Möglichkeit als Bedrohung.
Selbstverständlich werde ich als Mann reifen. Werde altern, vielleicht heiraten, Kinder bekommen. Aber ich werde immer ich bleiben. Immer ein Kerl – mit allen Vorteilen, Klischees und dem Korsett dieses Daseins. Und wenn ich so darüber nachdenke – nur heute, nur an diesem Tag – stelle ich es mir als verdammt langweilig vor, immer der Gleiche zu bleiben. Immer derselbe Kerl. Der kann von mir aus auch mal auf dem höchsten Berg der Welt stehen. Oder zu Korallen tauchen. Der kann (wie gesagt) auch Kinder haben. Oder mehrere Frauen gleichzeitig. In verschiedenen Ländern. Aber dieser Kerl wird immer der gleiche Kerl sein. Und deswegen wäre ich gerne schwul. Nur ein bisschen. Damit ich die Welt etwas anders sehen, nein erleben könnte. Der Welt wäre deswegen nicht größer, aber Facettenreicher.

Gewalt = Pop = Kultur

Erst neulich las ich einen Artikel (Spiegel online?) zu welchen ein Kommentator meinte, dass die Jugend heute mehr Beatles hören solle, damit sie endlich etwas Kultur abbekommt. Merkwürdig eigentlich, denn damals als die immer aktuellen Beatles WIRKLICH aktuell waren, hätte man sie mit vielen Begriffen belegt, nur nicht mit „Kultur“; der Untergang des Abendlandes wurde mit ihnen schon eher assoziiert – und auf eine bestimme Art haben wir ihn auch bekommen, auch wenn man das gerne anders sieht und feiert…
(Räusper)

Erst neulich sah ich mit meiner Freundin „Uhrwerk Orange“. Ein ganz toller Film natürlich, der aber auch sehr viel Gewalt transportiert, dabei geschieht das jedoch nicht als einfacher Selbstzweck, wie es teils in heutigen Horror- und Torturefilmen dargestellt wird. So gesehen ist der damalige Skandalfilm heute vom Gewaltpotential eher leichte Kost (auch wenn er natürlich krasse Verbrechen und Bilder am Fließband liefert), besonders, da er sowieso eine klare Message vermittelt und quasi eine Studie über Gewalt ist. Meine Freundin dachte, dass er „schlimmer sein würde“. Schlimm ist er eigentlich auch nicht. Oder doch? Oder etwa nicht mehr?

Als Kind sah ich gerne Filme. Neben Horrorfilme (der verbotene Aspekt daran reizte mich, zugegeben) auch gern Filme über Kung-Fu und Martial Arts. Jackie Chan und Bruce Lee waren meine Helden (neben den Schwarzeneggers und Van Dammes usw. usf.), und wenn ich mir heute diese Filme ansehe, muss ich mich wundern, dass diese Streifen oft ab 18 Jahren freigegeben wurden, denn, was sollte daran denn schlimm sein? Klar gabs in den alten Jackie Chan Filmen („Police Story“) noch wirklich ordentlich und zudem sehr spektakulär auf die Fresse, und der Held schlug im Gegensatz zu jetzt seine Gegner auch wirklich tot. Bruce Lee hat ja nie wirklich Gefangene gemacht. Trotzdem: Nur etwas für Erwachsene?
Oder wurde wurde zur Zeit der Einstufung für FSK 18 die Gewalt in Filmen einfach nur anders wahrgenommen?

Hin und wieder sehe ich ja bei Schnittberichte.com vorbei und dort gibt es die nette Rubrik, welche Filme diesen Monat indiziert wurden. Damit aber nicht genug. In der gleichen Rubrik kann auch sehen, welche Filme vom Index genommen wurden, manche („Terminator“) werden sogar gleich auf FSK 16 zurück gestuft. Damit ist es amtlich: Alte Film vermitteln in der Zukunft weniger Gewalt, als zu dem Zeitpunkt ihres Erscheinens. Warum ist das so? Werden wir brutaler? Gefühlskälter? Zügelloser? Und ist das wirklich etwas anderes als mein Beispiel mit den Beatles?

Die Gesellschaft ist im Wandeln. Natürlich. Immer und zu jeder Zeit und wir bekommen das gar nicht mit, Sex ist das beste (und mein letztes) Beispiel. Was in den Neunzigern Nachts in „Wa(h)re Liebe“ und „Peep“ kam und als schmudellig galt, kommt heute im Vorabendprogramm (z.B. „Taff“) oder gleich in der Duschgel-Werbung. Wir „härten ab“. Wir „verrohen“. Auf eine gewisse Art. Und wir denken uns gar nichts mehr dabei: „Ist doch nicht schlimm.“ „Macht doch nichts.“ „Ist doch normal, ne?“ Es braucht immer mehr um uns zu schocken.
Daran sind die Unterhaltungsmedien schuld, denn es geht nur noch um die Quote und es verkauft sich nun einmal das am Besten, was am Meisten auffällt. Die Medien- und Unterhaltungsindustrie muss sich immer wieder toppen um interessant zu sein. Und so verrohen wir. Nach und nach. Jeden Tag wird ein anderes Tabu gebrochen und der gilt am Ende als Genie, der es am Schönsten, aber auch am Lautesten und Medienwirksamsten zertrümmert hat; wir leben in einer Zeit der ständigen Unterhaltungsrevolution.

Neulich sah ich „7 Psychos“ im Kino. Und ich musste wirklich lachen, als der festgebundene Serienmörder im Irrenhaus von den Serienmördern-Mördern mit einer alten Säge den Kopf am Hals abgeschnitten bekam. Wie sollte man da auch nicht lachen? Es war so grotesk und überzogen, welche Reaktion wäre die Richtige gewesen? Der Film ist ohnehin eine Komödie…
Leute: „I’ve them all“. Ich hab die japanischen Filme gesehen („Ichi – The Killer“), die französischen Schocker („Martyrs“) die amerikanischen und woher sie auch immer stammten; mich kratzt nicht mehr viel. Todesarten und -szenarien habe ich fast alle gesehen. Und ich habe auch liebend gern das erste „Manhunt“ durch gezockt.
Meine Überlegung ist jetzt aber, wie man in 20, dreißig, vlt in 50 Jahren darüber nachdenkt. Sind solche Filme dann auch eher „Nicht so schlimm wie gedacht“? Oder sind sie gar nach der Beatles-Logik oben schon Kultur geworden? Ist es da nicht kein Wunder, dass die islamisch geprägten Länder von einer Verrohung der Sitten bei uns sprechen?

Besonders mag ich es, wenn Kinder in Filmen sterben. Nicht weil ich irgendwie pervers wäre. Sondern genau aus dem Umkehrschluss: Ich finde es pervers wenn man bei Kriegs- und Horrorfilmen so tut, als würden ihnen nie etwas passieren. Nur Männer sterben grauenvoll, weil sie die Bösen waren und es verdient haben. Tote Kinder dagegen bring echte Realität in so einen Film.
Heutzutage sterben aber kaum Kinder in Filmen. (Der Hund aber muss überleben. Das ist ganz wichtig. Sonst fühlt sich der Zuschauer schlecht: Wie dekadent ist dass denn? In einer Gesellschaft, die den Massenhaften Tod von Tiere mehr als liebend gern in Kauf nimmt, Hauptsache der Burger ist billig). „Das muss ich mir doch nicht auch noch ansehen, ich will doch unterhalten werden“ – grotesk ist das.

Vielleicht ist das Kinderabschlachten der nächste große Hype vom Morgen. Wer weiß? Die Sache in Connecticut wird bestimmt von einem „Künstler“ irgendwie filmisch verarbeitet werden – denn wir brauchen ja die Kunst um die Wirklichkeit besser zu verstehen (also Hauptsache: Tabu-Bruch, weil erfolgreich sein, weil Aufmerksamkeit generieren, weil Geld, Weiber, Autos, Ansehen – aber ja ja, alles für die „Kunst“, schon klar. Danke. Bitte setzen). So sagt man wenigstens. Ich will aber diese Dinge nicht verstehen. Und ich will nicht noch mehr verrohen, noch kälter und abgehärteter werden. Auch nicht in meinem Humor. Wer aber „langsam“ oder „das geht zu weit“ ruft, der gilt schnell als aus der Zeit gefallen. Das ist wie beim Raubkopieren:
Es setzt sich das durch, was technisch möglich ist. Das ist dann das Recht. Und die Moral. Die Möglichkeit schafft die Kultur. Das ist unsere Bestimmung. Unsere Evolution. So wurde aus einem erfundenem Kindermörder im Strickpulli wie die Figur des Freddie Krueger ein Pop-Phänomen – so etwas hätte sich nicht einmal Andy Warhol ausdenken können. Und was sagt das über uns aus?

Das ganze Gewicht der Welt

Die eigene Last ist immer größer als die der Anderen, oder?
Es hatte Tim sichtliche Überwindung gekostet ihm den Brief zu geben. Dabei waren Tim und er, Harald, der von Allen nur „Harry“ gerufen wurde, beste Freunde; sonst hätte er den Brief ja auch gar nicht bekommen. So etwas gibt man nur seinem BESTEN Freund. Dem Einen…
Der Brief (wen mag es verwundern?) war einer der größten und wichtigsten Briefe, die ein Bote überbringen könnte, keiner zwar der über Krieg und Frieden, Leben oder Tod entscheiden würde, jedoch Einer von jenen, die ein ganzes Leben entscheiden, auf einen bestimmten Weg ausrichten können, denn jeder hat ja sein eigenes, ganz persönliches Marathon. Es ging. Um die Liebe.
Kurz:
Harry sollte seiner alten Freundin Anke den Brief von Tim übergeben, in dem er ihr seine Liebe offenbare würde.

Der Plan war gut, denn wer könnte dafür besser geeignet sein, als der Eine, der BESTE Freund? So gut aber war der Plan dann am Ende doch nicht, denn was Tim nicht bedachte, war, dass hinter allen Verleugnungen und der ganzen Widerrede Harrys über mögliche „Gefühle“ für Anke der gleiche Zeckenbiss saß, wie bei Tim auch: Die Angst vor der Schmach entdeckt zu werden und das die Reinheit der jugendlichen Emotionen sich in das genau Gegenteil verkehren würden, nämlich dem lachenden Zeigefinger der anderen. Aller Anderen (was für junge Menschen, die gerade erst damit beginnen sich gegen die Umwelt abzugrenzen und sich selbst zu festigen, die größte Pein überhaupt ist – Ablehnung, Isolation, Verbannung).
Was für Tim nun also ein leichter Ausweg aus einer schwierigen Situation zu sein schien, wurde für seinen BESTEN Freund Harry genau zum Gegenteil: Nun hat er ein Problem. Auch er war in Anke heimlich verliebt. Noch heimlicher sogar als Tim.
Aber er war doch der BESTE Freund von Tim. Und BESTE Freunde sich „4 Life“. Da gab es nichts zu meckern. Entweder ganz oder gar nicht.

Er steckte den kleinen Brief, der fast in der großen Hand Haralds verschwand, in seinen Schulranzen. Zwischen Mathe und Bio. Ja. Nein. Er würde der Anke den Brief heute Nachmittag geben. Wenn sie die Klavierstunde hätte. Bei Haralds Schwester. Tim dankte ihm überschwänglich.

Den ganzen Tag über kullerte immer wieder sein rechtes Auge hinunter auf den Schulranzen. Sein Herz wurde schwer. Er konnte nicht zuhören, dem Unterricht nicht folgen. Alles war ziemlich weit weg. Seltsam verzerrt. Wie eine Nachricht vom Mars. Oder so.
Er seufzte viel. Sein Gesicht sprach Bände – solche von Puschkin; ganze Gedichtbände.
Der Brief strahlte aus seinem Schulranze hervor wie radioaktives Material. Wie Plutonium. Oder eher gar wie Kryptonit. Er hatte eine Anziehungskraft, die schwerer war als der Unterricht, war schwerer als die Sonne, der Mond und erst Recht als die Sterne. Alles. Drehte sich um den Schulranzen. Und diesen Brief.

Endlich.
Endlich war der Unterricht vorbei. Missmutig schulterte Harald seinen Ranzen. Grüßte nickend zum Abschied. Dann zog er los. Allein wie immer. Nachdem er Tim bis zu Bus gebracht hatte.
Nein.
Halt.
So alleine wie sonst war er nicht. Denn dieses Mal waren seine Gedanken ein voller Ozean, der stürmte und aufbrauste. Überschwappte und überlief. Anke war bei ihm. Und Tim. Sie hielten ihn Beide an seinen Händen. Er. Ging in der Mitte. Doch irgendwas… Irgendwie… Zog ihn nach hinten. Oder?

Der Ranzen lag schwer auf seinen Schultern. Musste wohl an der Sonne liegen.
Seine Gedanken gingen wieder zurück. Zu Anke. Und zu Tims Irrtum. Klar war Anke seine Freundin. Seit langer Zeit. Busenfreunde konnte man sie nennen, doch irgendwann wurde aus der Busenfreundin eine „Busenfreundin“. Das ist bis zu einem gewissen Grad ganz natürlich. Doch wer hatte es jemals Anke, Tim und Harry gesagt? Solche Dinge lernt man auf der Schule – doch nicht im Unterricht.
Sein Rücken schmerzte.
Was war denn der Rucksack denn heute so schwer? Die Riemen schnitten ihn in die Schultern. Sie schmerzten. Waren bestimmt schon ganz wund… Das musste wohl an der Sonne liegen. Diese verdammte Hitze. Der Schweiß rann an ihm herab.
Er musste zwar ein Stück laufen bis nach Hause, doch so WEIT war es bisher doch noch nie gewesen. Obwohl. Na ja. Aber es kam ihm nie so vor.
Er dachte an Anke. Ihr Lachen. Ihre Beine. Ihr Hintern. Und an Tim. Wie sie in seinem Baumhaus saßen und Mangas lasen – die besseren Comics als dieser Superhelden Kinderkram…
Und wieder…

Zog der Rucksack an ihm. Er stieß ein „Wooohh“ aus vor Schreck. Ging in die Knie. Und ging. Schritt. Füüüür. Schriiiieet. Wei….Ter…. Seinen Weg entlang. Das ganze Gewicht der Welt schien an ihm kleben. An ihm zu ziehen. Doch Harry war ein Beißer. Ein Harter. „Dirty Harry“ nannten ihn die Fußballtrainer lächelnd. Er stemmte sich voran. Immer weiter voran. Dachte schon gar nicht mehr an Anke und Tim. Sondern stampfte nur noch voran. Stur. Trotzig. Wie ein Astronaut auf einem sehr Massereichen Planeten, auf dem jeder Körper doppelt so viel wiegt, wie eigentlich. Oder so.
Verblüfft sah er dabei zu, wie ihn die anderen Schulkinder an ihm vorbei spazierten, als wäre nichts so wie an anderen Tagen. Sie lachten und sprachen. Manche sangen oder pfiffen sogar ein lustiges HipHop-Liedchen vor sich hin. Diese Kindermusik…
Harald. Konnte das gar nicht begreifen. Sahen sie denn nicht, begriffen sie denn nicht wie SCHWER das Gehen hier denn war?

Er nahm stöhnend und derbe schwitzend den Tornister ab. Konnte ihn gerade noch so mit einer Schulter halten. Bis er mit einem ungeheuren Schlag auf den Asphalt schmetterte (es hätte auch ein fernes Flugzeug sein können, dass die Schallmauer durchbrach) wo ein Sprung im Stein zurückblieb (der vielleicht schon vorher da gewesen war, wenn man bedenkt, dass das Gras nicht so schnell hatte wachsen können, wie der Bruch entstand); Harry war fassungslos. UNGLAUBLICH! Sein Schulranzen war verhext!

Erschrocken ließ er sich auf seinen Hosenboden fallen. Sah – vollkommen erledigt und ausgezehrt – den Ranzen an. Papa hatte ihm einmal die Geschichte von dem Griechen Sisyphos erzählt, der aus Strafe weil er den Göttern ein Schnippchen geschlagen hatte immer wieder einen Fels auf einen Berg stemmen musste, nur um ihn wieder herabfallen zu lassen – um ihn wieder hinauf zu schleppen. Das aber war ein Witz gegen das, was Harald gerade durchmacht; Sisyphos hatte doch keine Ahnung davon, was eine Qual ist. DAS hier war eine Qual.
Und er dachte wieder an Anke. An Tim. An BESTE Freunde. 4 Life. Und an sein Kryptonit.

„Weiter geht´s“, sagte er sich, schlug sich auf die Schenkel und stemmte den Ranzen wieder hoch, wie ein Gewichtheber (nur aber mit falscher Technik) und ging wieder voran. Es half nichts. 100 Meter weiter an einer Brücke machte er wieder Halt.
„Das gibt es doch gar nicht“, schnaufte er… „Vollkommen unmöglich.“
Dann. Fasste er eine Entscheidung.
Klappte den Schulranzen auf und zog unter der Anstrengung all seiner Kraft den eigentlich so kleinen Brief hervor – er wog TONNEN. Brach ihm fast die Finger. Harry schluckte und fasste einen Entschluss: Der Brief war verhext. Musste vernichtet werden. Am besten über die Brücke mit ihm. Im Wasser konnte er NIEMANDEN etwas anhaben. Und so stemmte er ihn hoch. Sein Gesicht war rot und Anstrengungsverkrümmt. „Uuuaaahhh!“ schrie er, während er den eigentlich so kleinen Brief über die Metallbrüstung heben wollte – er schaffte es nicht. „UAAAAHHHH!“ stieß er aus und nahm ALL SEINE KRAFT ZUSAMMEN. Doch er strauchelte fast (BESTE FREUNDE), ließ ihn aber nicht fallen. Da kam ein kleines Mädchen daher und fragte: „Kann ich dir helfen?“ Sie lächelte wie nur Kinder lächeln können: Herzhaft. Frei von Sünde. Eine Sonne-Sonnenblume. „INS WASSER!“ stöhnte Harald. „Der Brief?“ „UUUAAAAA-JAAAA!“ kreischte Harald sie hoffend an. Da nahm sie den Brief mit zwei Fingern und warf ihn in das Wasser.
Beide. Sahen sie dem Brief nach wie er im Wand etwas pendelte und sich dann geräuschlos auf die Oberfläche der Strömung legte (dicht neben ein paar Enten) und davon gerissen wurde. Harald und das Mädchen lachten.
Er schulterte seinen Rucksack wieder, der Federleicht geworden war und ging pfeifend nach Hause.

Das dunkle Mittelalter des Sex

Einer der dümmsten und verlachtesten Momente der Menschheitsgeschichte ist wohl die Hexenjagd. Kaum ein Ereignis wird so sehr mit geistiger Armut, Hysterie und Hinterwäldlerischen Lebensansichten verbunden, wie jene Zeit im Mittelalter, als Unwissenheit und blinde Religionsgläubigkeit zu Verfolgung und Mord führten, ganz ohne Beweise, nur durch die Komponenten Wille und Wahn befeuert. Blickt die moralisch aufgeklärte Seele darauf zurück, kann man nur Eines denken: Was für Narren.
In dieser Zeit deutete man die Zeichen falsch und handelte für unser Verständnis dumm und unlogisch, vollkommen von der Wirklichkeit entrückt, wahnsinnig. Damals sah das Ganze natürlich ganz anders aus: Die Hexenverbrennung war eine logische Konsequenz für das Unerklärbare. Es war. Modern.

Heute.
Heute leben wir im Gegenteil zu diesen Tagen. Der Magie haben wir abgeschworen, die Übermoral der Kirche und ihrer Moralapostel haben wir abgelegt. Heute regiert der Verstand und der Körper: Und doch jagen wir andere Hexen; ebenfalls Metaphysische.
Wahrscheinlich hat jede Zeit ihre eigene Hexenjagd, ihren eigenen Irrtum, ihre ganz persönliche Verranntheit in eine Form von Leben, Philosophie, in eine besondere Form von Bildung, Erkenntnis, Wertesystem und Dummheit; wir sind Kinder der Aufklärung.
Unsere Aufklärung ist jedoch eine Neue, ein Fort-Schritt von der Philosophischen These das „Vernunft über Allem steht“. Wir haben uns entfernt von den Vätern der Aufklärung und auch der blasse Begriff „Vernunft“ ist nicht mehr der, der er vor 200 Jahren war. Begriffe ändern sich und was einstmals vernünftig war, kann heute Unsinn bedeuten (deswegen sprach ich eins von den „Strategien gegen Vernunft“, die die Vernunft umwerfen und neu finden, zurück erobern sollte, denn mit der Vernunft ist es wie mit dem „Stillepost“-System: Da hängt ein Haufen Unsinn mit darin).

Meiner Meinung wurde der Mensch „kaputt aufgeklärt“ und entwickelt sich in ein immer dekadenteres Wertesystem. Die Schuld dafür sehe ich im Pop, dem Jungendkult, dem Sex, so wie er heute begriffen wird. Das ist ein zentrales Thema meines Blogs; spricht man von „Pop“, ist automatisch vom Hippietum der 60ger Jahre die Rede, dessen „befreiende Aufklärung“ das Grundübel und die Urwurzel für den ganzen Körperkult und dem Verlust von Spiritualität unserer Zeit steht. Die 60ger scheiterten mit ihrer Utopie die Welt zu verändern, die Dämonen aber die sie herauf beschwörten, blieben uns erhalten (Was nicht zuletzt die Schuld von Medienhuren und Nichtverstehern wie Uschi Obermaier ist, die der Idee von innenheraus schadeten):
Die Freiheit des Sex. Doch daraus wurde der ZWANG zu Sex: Wir leben im Religiösen Zeitalter der Sexualität, wo alles dem Sinnlich unterworfen wird und dies unser Gott geworden ist, ein goldenes Kalb das aus einer Melange aus Besitz, Egoismus, Rassen- und Körperkult, Individualismus, Prestige und Körperlichkeit besteht und unterworfen ist – wir leben in einer Zeit der „Idealen Oberfläche“. Wir beten jene an, auf die wir unsere Wünsche projektieren können, auch wenn dies nicht und in keinster Weise etwas mit „Leistung“ zu tun hat. Mit Spiritualität schon gar nicht. Es ist eine umgekehrte Hexenjagd:
Wir beleuchten die, die wir früher verbrannt hätten: Wir beten die magischen Menschen an – und sie können ebenfalls wie die Verfolgten von damals nichts dafür, dass dem so ist:
Es ist der Zufall der Geburt, der Gene, des Schönheitsideals.

Ruft man zurück zu „höheren Werten“ (was für ein dummer Ausdruck eigentlich), gilt man schnell als bieder und rückwärts gewandt, denn es ist entgegen den Zeitgeist. Und der Zeitgeist sagt was richtig und falsch ist.
Dass das System aber ebenfalls ein Unterdrückersystem ist, würde merkwürdigerweise jeder unterschreiben, denn wer einmal zu den Ungefickten gehört, der erlebt eindeutig den Terror des Sex, und den Hohn der sexuell Erfolgreichen. Sex ist ein Statussymbol geworden, weswegen wir auch immer mehr in eine Herrschaft des Proletariats abdriften, denn Sex zu haben ist im Prinzip die Leichteste aller Leistungen: Man braucht dazu nur Mut. Kein Können, kein Wissen, keine Erleuchtung; im Gegenteil. Auch wenn uns unsere zeitgenössischen Medien uns mit „Sex“- und Partnerschaftsratgebern genau das suggerieren wollen.
Sex aber ist nicht wichtig. Es ist ein Teil des Menschlichen Lebens, auch ein sehr wichtiger. Doch wenn man das Menschsein als das Nichttierische definiert, dann muss man anerkennen, dass es neben dem Gott „Sex“ noch ein ganzes Universum von Möglichkeiten des Glücks gibt; nicht nur des Spaßes, in dessen Gesellschaft wir noch immer leben (auch wenn der 11 September offiziell das Ende der Spaßgesellschaft ausgerufen hat): Einst wünschten wir uns einen „schönen Tag“ im Zeichen des Herrens („Grüß Gott“), nun ist der ideale Tag nur noch unter dem Deckmantel des Spaßes zu erreichen, was sich in der Wendung „Viel Spaߓ an fast jedem ernstgemeinten Abschiedsgruß an eine vertraute Person anschließt: Spaß über Alles.
Doch Sex und Spaß haben auch Schattenseiten, denn oft (zum Glück nicht immer) geht der Wohlstand des Seins auf die Kosten von anderen.
Spaß ist nicht das Höchste der Gefühle, auch wenn wir (ich natürlich permanent eingeschlossen) immer wieder diesen Irrtum erliegen: Das Leben ist mehr als Spaß und nicht die sind die Reichsten, die am meisten Spaß/Sex haben. Das ist nur der Zeitgeist. Die Unternehmen. Die Firmen, denn sie verdienen mit unserem Spaß Geld. Sie machen die wunderschöne und tolle Vereinigung zweier Menschen zu etwas simplen und banalen: Zu einer Droge. Zu einem Kick. Zu dem Must-Have.

Ich habe gern Sex und doch will ich ein Moralapostel sein, im positiven Sinn. Denn wieder und immer noch widert mich die Sexhörigkeit meines Umfelds an. Natürlich gönne ich jedem seinen Fick und sein Glück mit seinem oder mehreren Partnern, doch warum muss diese eigentlich banalste Sache aller Zeit (wir sind die Produkte von Sex, auch wenn das die Amerikaner nicht hören wollen) so überhöht werden? Weil sich damit Geld machen lässt? Warum kann man nicht Sex, Sex sein lassen und nach anderen Dingen streben. Ideellen Dingen, auch wenn die Hippies gescheitert sind und wir in der Post-Hippiegesellschaft (dank der Hippies) zu materiellen Zombies geworden sind, die Geräte und deren Entwickler anbeten, als würde das uns in unserem Menschsein auch nur einen Schritt weiterbringen, außer in unserer Bequemlichkeit (es tut mir leid: Ein I-Phone macht dich nicht zu einem besseren Menschen, auch wenn du das so sehr denkst…)
Was wir BRAUCHEN ist nichts anderes und weniger als eine neue Aufklärung, die zur Weiterentwicklung der Menschheit beiträgt und die uns aus dem Sumpf der hohlen Kicks und Sinne herausführt. Wir müssen wieder bereit werden Dinge zu opfern und uns aus dem Griff der Medien und der falschen Vorbilder befreien, um neue, bessere Vorbilder zu finden, die nicht nur eine Oberfläche oder Wichsvorlage sind. Wir brauchen den neuen Menschen. Und eines Tages wird vielleicht eine Generation dieser Menschen auf unsere „Moderne“ zurückblicken und wird unser Dasein, unsere Gesellschaftsform als das dunkle Mittelalter des Sex erkennen, als man einer Hexe aus Triebgewinn und – abfuhr hinterher lief.
Und dazu braucht es keinen Gott, keiner alten Lösungen, sondern neue Utopien. Man muss tapfer genug sein um sich dem Zeitgeist und der Schmach und der Häme zu wiedersetzen, dass jedem Um- und Andersdenken innewohnt. Oft muss man etwas aufgeben, um etwas zu bekommen und sei dies das Beklatschtwerden von unserem Umfeld, um dagegen belächelt zu werden.
Der Mensch aber soll sich hinauf paaren, nicht hinab.

Die Droge Sex ist wie jede andere Droge: Gut dosiert kann sie dir die besten Momente in deinem Leben geben. Falsch dosiert bist du nur unabhängig von ihrer Abwesenheit, oder wirst nicht mehr satt davon, selbst wenn du genug davon hast.
Wir sollten guten Sex haben und damit zufrieden sein. Wir sollten. Lieben.

Copyright der Gefühle (eine kleine Sci-Fi-Geschichte)

In der Zukunft. Wo Menschen ihr Gehirn mit in- und externen Festplatten erweitern können, in der man über den Kopf mit dem Internet verbunden ist und somit ständig und auf Wunsch mit allen verfügbaren Informationen versorgt wird (ich gebe es zu: Es ist von Vorteil „Ghost in the Shell“ für diesen Eintrag zu kennen), hat der Mensch die Möglichkeit sein gesamtes Leben, seine Emotionen, sein Sichtfeld, sein Denken mit aufzuzeichnen. Er kann seine Vergangenheit speichern und auf Wunsch neu ansehen. Es noch einmal neu erleben. Und wie der Mensch nun einmal so ist – jetzt mit den aufkeimenden sozialen Netzwerken bekommen wir eine Vorstellung davon – teilt er diese Erfahrungen mit seinen Freunden, oder, er verkauft sie.

Dies führt zu einer vollkommen neuen Form von Sex (du kannst auch ein Junge oder ein Mädchen sein – ich gebe es zu: Es ist ein Vorteil den Film „Strange Days“ für diesen Eintrag zu kennen) Pornografie, Eventtourismus und der Fähigkeit sich Wissen und Erfahrungen zu bedienen. Du musst nicht unbedingt Dinge erlebt haben, um sie erleben zu können. Du kannst das Leben nacherleben. Diese Entwicklung führt zu einer neuen Form von Markt. Zu dem Verkauf von Erlebnissen und Emotionen. Doch dort wo Verkauf herrscht, gibt es auch Raubkopien.
Diese bestehen nicht nur in der Kopie von öffentlich gemachten Erlebnissen, sondern auch durch das „Hacken“ von Personen, um bestimmte Erlebnisse zu stehlen (das erinnert jetzt etwas an „Inception“, ist jetzt aber eher nicht gewollt). Daraufhin beginnt eine völlig neue Debatte über das Urheber-Recht: Wem gehören DEIN Bewusstsein? Wem gehört DEIN Erleben? Dir? Oder der Öffentlichkeit?

Es gibt verschiedene Parteien. Jene, die ALLES von sich öffentlich machen. Ihr Gegenpol, die diese Entwicklung ablehnen und gar nichts veröffentlichen wollen. Und die dritte Partei (die wie immer die Schlimmste ist), die nur die Vorteile von beiden Denkrichtungen sehen wollen. Die diese Technik einfach nutzen ohne das Für und Gegen der Technik abzuwägen.
Am liebsten für mich, doch am schlimmsten sind: Die Liebesbriefe. Echte Emotionen, die an die geliebte Personen verschickt werden; „wenn er meine Liebe zu sich spürt, dann muss er mir einfach glauben“. Eine tragische Fehlinterpretation. Doch selbst diese Liebesbriefe. Diese echten Emotionen werden gehakt, zerlegt und fragmentiert, schließlich verfremdet um sie dann als eigene Gefühle zu verkaufen. Emotionen und Erlebnisse werden verfälscht und weiterverscherbelt. Bis sich endgültig die Frage stellt: Was sind echte Gefühle? Und was Falsche?
Ähnlich wie in dieser Mär von den genetisch veränderten Tomaten:

Die Tomaten sollen weniger wässrig schmecken – Genveränderung.
Sie sollen roter sein – Genveränderung.
Saftiger – Genveränderung.
Größer- Genveränderung.
Und schließlich wollte der Produzent, dass die Tomaten wieder tomatiger schmecken sollen – Nur leider weiß man nicht mehr, wie echte Tomaten schmecken…
So geschieht es mit den Gefühlen.
Was sind echte Gefühle?

Hilflos versuchen einige NGOs ein Copyright auf Emotionen durchzusetzen, doch das Netz lehnt das ab. Jetzt. Wo die Gefühle schon geshared werden können, gibt es kein Zurück mehr.

Persönliche Gefühle gehören nicht mehr dem Individuum. Sie gehören Allen. Die Kunst zu Fühlen ist nichts mehr wert. Sie ist Allgemeingut. Wie die Ergebnisse der Kreativität in diesen Tagen. Denken kann doch jeder. Fühlen auch. Kreativ sein ohnehin. Warum sollte etwas privat sein, wenn man es billig oder umsonst teilen kann? Ist es denn eine Leistung zu leben? Hat denn nicht jeder Mistkerl auf dem Planeten am Ende seines Lebens genau das Gleiche gefühlt und durchgemacht wie ich? Gibt es so etwas wie subjektive Rechte überhaupt? In Zeiten der Schwarmintelligenz? (wo die Aussage jedes unqualifizierten Deppens genauso viel Wert ist, wie die eines Fachmanns/frau? – ich gebe zu: Das hat Vor- und Nachteile). Ist die reale, greifbare Welt denn nicht nur ein Sammelsurium von Schwarmgefühlen? Schwarmtaten? Ist das Private denn nicht auch schon als das Politische erkannt worden?

Das Individuum löst sich auf. Doch nur scheinbar. Es verändert sich. Es entwickelt sich. Und jede Entwicklung finden wir doch gut wenn sie sich einmal durchgesetzt hat, oder?