Absolution 41 – Der „Internationale-Gulaschsuppen-Tag“

Kapitel 14

Manchen Theorien zur Folge sind unsere Träume keine Reflektionen auf unser Tag-Leben, sondern es verhält sich umgekehrt: Die Traumwelt ist die echte Welt und das Tag-Leben nur der Sammel- und Versuchsballon der dazu dient, Eindrücke für die tatsächliche Wirklichkeitsebene zu speichern, um schließlich in der von uns so genannten „Traumebene“ neues Leben und Zusammenhänge entstehen zu lassen. Von dieser Perspektive aus betrachtet, hätte Paul gar kein Leben. Fast immer waren seine Träume ein grabdunkles, tiefes Schwarz, welches am Ehesten noch mit einem schwarzen Loch zu vergleichen war, in dem seine Erlebnisse nicht aufgearbeitet wurden; sie wurden einfach nur zu einer Eiskalten Singularität spagettisiert, aus der es keine Rückkehr mehr zu geben schien.  Seine schlaflosen Nächte gaben ihm die verlockende Vorstellung zu wissen, wie es sich anfühlen müsste, tot zu sein. Der Tod: Eine dunkle, schwarze, nichts verarbeitende Stille der Seele. Ein Wortloses, ersticktes Unterbewusstsein. Frei jeder Hoffnung, Zukunft oder Vergangenheit. Bei jedem Erwachen beschlich ihn das Gefühl, dass sein eigenes Unterbewusstes nichts mit ihm zu tun haben wollte.

„Katha ficken“. Immer noch eine gute Idee. Doch wie und wann hatte er das notiert… Und warum?…

Heute war noch minus einen Tag bis zum Wochenende. Er war sich darüber klar, es diesmal sein zu lassen. Es seien lassen zu müssen. Keine Ur-Völker mehr mit Fantasy-Problemen. Keine Ylva oder andere Spinnereien. Dieses Wochenende würde er sein Leben geschissen bekommen. Und da er aus dem letzten Wochenende was gelernt hatte, schrieb er heute, an diesem Freitag, voller Motivation und kaltem Bewusstsein: „Leben geschissen bekommen“ auf ein Post-It und klebte es an die gleiche Stelle, an der er sich noch vor ein paar Tagen geraten hatte, es Katha zu besorgen.  Kurz und gar nicht lächerlich nickte er dem Post-It in seinem Badezimmer zu, dann tippte er auf seinem Handy eine Nachricht für Katha ein, ob sie nicht mal Bock hätte mit ihm was zu machen. Kino oder so. Morgen wäre klasse. Er würde sich sehr darüber freuen. Am liebsten würde er gerne heute. Nur heute, war leider Familientag. Schon wieder. Danach machte sich Paul fertig für die Arbeit. Nicht ohne sich mit wild pochendem Herzen darüber freuen zu dürfen, wie Katha ihm ebenfalls freudig zusagte.

 

Nach der Arbeit besorgte er sich die obligatorische Dose Gulaschsuppe. Wie immer die von „Fleischmann“. Der „Internationale-Gulaschsuppen-Tag“ war eine Marotte von Pauls Familie. Ein Running-Gag und Familien-Tradition in einem, die jedes Jahr am gleichen Datum abgehalten wurde. Zur Erinnerung an den verhängnisvollen Tag, als Pauls Mutter sie verlassen hatte. Dieser Tag war so wohl merkwürdig als auch lächerlich gewesen, denn auch wenn sich manche Ereignisse Monate, vielleicht sogar Jahrelang vorher überdeutlich andeuten, waren am Ende doch alle überrascht gewesen, dass wirklich geschah was alle hatten kommen sehen. Von einem Tag auf den anderen war „Mutter“ weggewesen und Vater stand mit seinen beiden Kindern und der Karate-Schule alleine da. Alle hatten gewusst, dass dieser Tag kommt, außer Paul wahrscheinlich, der noch zu jung war um die Zeichen zu deuten. Er war viel zu sehr Muttersöhnchen gewesen um zu verstehen, dass es andere Prioritäten in Mutters Leben gab. Und Vater war sich seiner Sache viel zu sicher gewesen. Viel, viel zu sicher. „Soll die Alte mal drohen und toben. Am Ende wird sie es doch nicht durchziehen“, so simpel und lange auch richtig waren seine Gedanken gewesen. Nur Pauls Schwester hatte die Situation realistisch gesehen und die Familie deswegen seelisch und geistig schon lange aufgegeben. Für sie war es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis Mutter ihre Frau stand… Dann war sie fort und die Familien-Geschichte, die in Mutters Kopf „gar nicht mehr schlimmer hätte sein können“, war genau das geworden: Viel schlimmer als sie es sich selbst hätte vorstellen können oder wollen. Was nun keine Rolle mehr spielte, da sie selbst nun endlich nichts mehr mit diesen grauenhaft selbstverliebten Leuten zu tun hatte. Während die zurückgebliebenen Kinder und der Mann fassungs- und wortlos vor den Scherben ihrer Vergangenheit standen.

„Wo ist Mutter?“ hatte Paul seine Schwester und den Vater gefragt, als er abends vom Nachmittagsunterricht zurückgekommen war. Er hatte sich morgens nur kurz darüber gewundert, dass für ihn kein Pausenbrot vorbereitet war und hatte sich aus Vaters Geldbörse den kleinstmöglichen Schein genommen. Die Schule hielt genug Prüfungen und Teenagergeilheit für ihn bereit. Da konnte er sich nicht auch noch vom Familienleben ablenken lassen. Paul war schon immer ein Spätentwickler gewesen. Und sollte es auch bleiben.

„Fort“, seine Schwester hatte nur noch schief lächeln können.

„Wie fort? Wann kommt sie wieder?“

„Ja weg! Ganz weg!“ hatte sein Vater laut gekläfft gehabt, laut und böse und deprimiert.

„Wie weg?“ Wie hätte es Paul auch verstehen können?

„WEG! WEG!“ hatte Pauls Vater ihn wie noch nie in seinem Leben zuvor angeschrien und hatte mit seiner massigen Karateschulfaust auf den Tisch gedroschen, so dass jener erbebte wie unter der Hand Gottes.

So war das also gewesen. Weg, weg… Niemand hatte geweint. Keiner hatte jemand umarmt. Einfach nur weg, weg. Auf immer. Wahrscheinlich auf ewig.

Wäre dies eine Fernsehfamilie gewesen, wäre nun der übliche Trostmechanismus angesprungen. Menschen hätten einander versichert, nichts dafür zu können. Dass es jetzt schon „irgendwie weitergehen würde“. Dass die Familie jetzt zusammenhalten müsste, wie nie im Leben zuvor. Dass es irgendwie gar nicht so schlimm wäre. Irgendwie… Nur war diese Familie keine Fernsehfamilie. Niemand sprach ein Wort. Jeder hing in seinem Kopf fest. Das Undenkbare war zum Unsagbaren geworden.

Bis.

Bis Vater aufstand und die ersten drei Lebensmittel aus dem Schrank nahm, die sich ihm dargeboten hatten: Drei Dosen Gulaschsuppe. Jeder von einem anderen Hersteller. Dass eine von ihnen sogar abgelaufen gewesen war: Geschenkt. Vater schüttete die drei ungleichen Dosen zusammen und die wurden dann von den drei ungleichen Familienmitgliedern wortlos verspeist. Es hatte ebenso nach nichts geschmeckt, wie sich die Situation angefühlt hatte. Es hatte das Salz gefehlt. Ebenso wie das Brot. Salz und Brot hatten die Familie verlassen. Und so sollte es auch bleiben. Für immer. Dann war das Leben einfach weitergegangen, wie es immer der Fall ist.

 

Um an diesen Tag zu erinnern, kam die verstümmelte Familie jedes Jahr zusammen. Vater. Schwester und Bruder brachten jeder eine Dose Gulaschsuppe mit, die sie wie jedes Jahr zusammenmischten und aßen. Jedes Mal darauf wartend, dass Mutter hereinkäme und Salz und Brot auf den Tisch stellen würde. Im ersten Jahr hatte Vater kurz geweint. Danach nie wieder. Auch nicht. Als seine neue Frau die Drei nur kopfschüttelnd ansah und in die Küche ging. Und das brachte und wurde, was sie alle so lange vermisst hatten. „Ihr seid doch bekloppt“, hatte die neue Mutter kopfschüttelnd geraunt und die Suppe gesalzen. „Ihr wisst doch gar nicht was gut ist.“ Worauf sich nach Jahren der Tradition keine Gefühlsregungen zu zeigen, ein Lächeln in ihre Gesichter schlich.

Zum heutigen Tage war diese Tradition, der „Internationale-Gulaschsuppen-Tag“ wie Paul ihn nannte, Pauls liebstes Familienfest geworden. Nie war er so ausgelassen mit seiner Familie, als zu diesem Fest. Selbst der obligatorische Hans und das unpassend viel zu tiefe Dekolleté seiner Nichte konnten Paul nicht irritierend. Diese Gulaschsuppe. War jedes Jahr das beste Essen, welches er sich nur vorstellen konnte. Dabei mochte er weder die neue Frau seines Vaters, noch seine Familie besonders gern. Aber dennoch…

 

Einen Tag später schmeckte Kathas Mund nach Gummi-Bärchen.

 

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Zitat des (jungen) Tages

„Alone bedeutet: All one.“

Das ist richtig groß. Auf eine romantische Weise und auf die fatal, tatsächliche Gaspar Noé-Art, in der wir immer alleine sind, in der wir alleine leben, lieben und sogar alleine Ficken…

Im U-Boot

An den guten Tagen vergesse ich es. Ich blinzle kurz. Unbewusst. Dann ist diese Ahnung auch schon wieder vorbei. Wie ein Auto das an der Seite deines Sichtfeldes eine Sekunde lang deine Aufmerksamkeit erregt. Du wendest kurz den Kopf in die Richtung, siehst aber nicht wirklich hin.

Keine Gefahr. Kein Grund, um aus dem tiefen Schlaf der Alltäglichkeit aufzuwachen.

Der unbewusste Alltag ist unser Glück. Unser Lebensfluss, der uns vorantreiben lässt. Und doch ist er nur ein närrischer, infantiler Schlaf, der uns all jenes ausblenden lässt, was uns verfolgt.

Das sind die guten Tage.  Und es ist ein Segen, dass die guten Tage in der Mehrzahl sind.

In anderen Momenten, an den anderen Tagen, ist es unerheblich ob ich mich in einem Gebäude oder unter freiem Himmel befinde. Räumlichkeiten spielen keine Rolle, da der Raum nicht mich oder dich umgibt, wie man vielleicht denken könnte, sähe man die Welt mit Kinderaugen. Es ist doch eher so, dass wir mit unserem Bewusstsein den Raum um uns herum schaffen. Ihn mit Leben füllen. Ich weiß auch gar nicht, ob dieser Welten-Raum (unsere Häuser, Gassen, Berge, Wüsten, die Tiefen des Meeres oder all die kalten Monde, die wir jetzt noch nicht Sehen können) wirklich existiert, wenn keiner da ist um ihn zu betrachten.

Ich. Bin der Raum. Denn ich bin das Wesen, welches den Raum erst zur Realität macht.

Dann knirscht und knackt es. Ein bisschen wie das Knacken von Sehen, und dabei doch sehr metallisch. Wie schwitzige Hände, die ein Blech flach nach innen drücken. So stark, dass die Luft aus den unsichtbaren Rohren gedrückt wird, die uns umgeben, bis unter der Anpressungskraft die Luft stöhnend entweicht. Ich weiß, dass klingt verrückt, doch wir, jeder von uns ist, sind umgeben von einem gigantischen Rohrleitungssystem. ..

Hin und wieder kommt Migräne dazu. Meistens nicht. Diese Migräne besteht aus Schmerzen und einer Lichtempfindlichkeit, die vom Inneren meines Schädels gegen meine Stirn drückt. Ich kann dann Blitze sehen, helle Waben, die sich über mein Augenlicht legen. Das ist der andere Druck. Der Schmerz, der aus mir herauskommt.

Denn unser Dasein besteht aus zwei Druckbarrieren, die sich meistens die Waage halten: Der Druck von außen, der auf den innen Druck unserer Schädel trifft. Sind beide Kräfte gleich stark, merken wir gar nicht, dass hier zwei Mächte am Werk sind, die aufeinander einwirken. Da ist es wie mit der Anziehungskraft der Sonne, oder des Mondes. Solange da nicht aus den Bahnen läuft, nehmen wir es gar nicht wahr.

„Stress“ ist der Auslöser, der das Gleichgewicht der Kräfte durcheinander bringt. Die Arbeit. Die Freundin. Der Herzkranke Vater. Die Zukunft. Die Wünsche und Süchte, die man dachte überwunden zu haben. Die animalische Geilheit. Die Sorgen des Alltags. Der Jahreszeitwechsel. Das Sodbrennen. Die Lipome unter der Haut. Die Qualen unserer Mitmenschen, die auf uns einprasseln. All das bringt das Kräfte-Verhältnis durcheinander. Und dann kann ich die Geräusche hören. Und unter Schmerzen, dieses merkwürdige Licht in meinem Kopf sehen.

Jeder ist sein eigenes U-Boot. Angefüllt mit einer Besatzung von Experten, die Alle wissen was zu tun ist, um das Boot auf Kurs – und wichtiger – am Laufen zu halten. Da werden Wartungsarbeiten ausgeführt. Maschinen repariert. Befehle angenommen. Torpedos geladen und in Position gebracht. Nicht selten wird auch geschossen. Im Prinzip aber taucht unser U-Boot fast blind mit veralteten Karten durch eine trübe, undurchsichtige schwarze Suppe, halb blind mit überholter, prähistorischer Technik, mal höher, näher an der Meeresoberfläche, so dass wir fast das Licht der Sonne sehen können, meistens jedoch tief im Marianen-Graben unseres Erlebnishorizonts, wo kaum mehr ein Leben möglich ist; der Druck ist einfach zu hoch. So ungeheuerlich groß, dass er einen zerquetschen kann, ganz egal wie viele Überdruckventile unsere Besatzung auf und zudreht.

Kein Wunder das wir ständig Tabletten gegen unsere Schmerzen fressen.

Das sind die anderen Tage.

Wenn du auf einer Wiese liegst. Und sich der Himmel ein wenig nach innen wölbt. Bis die Schmerzen in deinem Kopf beginnen unerträglich zu werden.

Leider. Lassen sich manche Dellen nicht mehr ausbeulen. Bis wir schließlich zum „Herren Doktor“ rennen und flehen: „Doktor, Doktor ich werde verrückt!“

Kreutzers Stille

Stille kann ein ganz eigener, geometrischer Raum sein. Es äußert sich in dem Surren eines Kühlschranks. Ein gelegentliches Poltern in der Wohnung über einem. Das wummernde Geräusch des PC-Lüfters. Eine Tasse die man auf den Tisch stellt. Doch die Stille ist mehr. Sie ist auch das fahle, gelbe elektrische Licht, dass in der Küche auf das Linoleum fällt. Das Geschirr in der Spüle. Der geschlossene Schrank in dem ein kaltes Bügeleisen steht. Sie ist der Fußweg vom Auto zur Haustüre, durch die perfekte Geometrie und Symmetrie einer Wohnsiedlung, in der alles im richtigen Winkel zueinander steht. Stille ist, den eigenen Atem oder die eigenen Schritte zu hören, ohne dem zu viel Gewicht beizumessen.

Die Nacht ist dunkel. Er liegt auf dem Bett. In der Bettwäsche, die schon längst einmal gewachsen gehört, er aber findet es gerade richtig und angenehm hier. Es ist nicht Spätnachts. Morgen wird gearbeitet. Er ist zu einer vernünftigen Uhrzeit in die Laken gestiegen. Und da liegt er nun, in seinem Bett und starrt in die Dunkelheit wie in einen Abgrund. Dabei ist es nicht so wie Nietzsche sagte. Denn ganz egal wie lange er im Bett mit seinen offenen Augen in seinen eigenen Abgrund starrt, starrt der Abgrund nie zurück.

Er überlegt welche Frauen er getroffen hat. Heute. Gestern. Letzte Woche. Ihm fällt niemand ein. Obwohl es da doch bestimmt Eine gegeben haben müsste… Zumindest… Im Supermarkt?

Sein Beruf ist der des Mälzers. Ein Mälzer verarbeitet Gerste zur Gerstenmalz, die zum Beispiel für das Bierbrauen weiterverwendet wird. „Der Mälzer veredelt die Gerste“, hatte sein Lehrmeister einmal zu ihm gesagt. In der Realität bedeutet das für einen Mann wie ihn, dass er den ganzen Tag Keimkästen reinigt. Das Malz wird – je nach Keimstadium – von einem Keimkasten zum nächsten bewegt. Bei ihnen in der Firma wird mit 4 Keimeinheiten gerechnet, d.h. er muss pro Woche 4 Keimanlagen reinigen: Das ist sein ganzer Job.
Die Gerste wird automatisch durch ein sich öffnendes Loch im Boden zur nächsten Keimanlage befördert. Er muss nur die übrige Gerste (die die Maschine nicht greifen kann) in das Loch fegen und die leere Anlage säubern, damit kein Schimmel entstehen kann. Dann kommt die nächste Charge in den frei gewordenen Raum. Seine Arbeit besteht dabei schlicht darin, dass er den ganzen Tag mit seinem Kollegen in einem Ganzkörperanzug mit Schutz- und Atemmaske herumläuft und Chemikalien verteilt. Viel geredet wird da nicht. Andere Menschen gibt es dort auch nicht. Und Frauen schon gar nicht. Dort. Sind nicht einmal Fenster. Nur er. Und sein Kollege. Dazu die feuchte, manchmal schon sprießende Gerste. Und die Chemikalien.

Selbst hier, unter dem Donner der großen Maschinen und der Hochdruckspritze in seiner Hand, lebt die Stille. An manchen Tagen findet er sogar, dass gerade dann wenn er vor lauter Lärm nichts hören und durch das viel zu viel an Wasserdunst in der Luft nichts mehr sehen kann, die Stille am Stärksten ist. Als wäre er in ihr eingeschlossen. In diesem Weltall des Lärms, in dem es doch nichts zu hören gibt als die eigenen Gedanken, die um sich selbst kreisen.

Nein. Er kann sich nicht erinnern eine hübsche Frau getroffen zu haben. Nicht einmal an eine aus dem Fernsehen oder Internet kann er denken. Da liegt er. Ganz still. Mit seinem schlaffen Schwanz in der Hand. Und weiß nicht wozu er onanieren soll.
Unten auf der Straße fährt ein Auto vorbei. Ein wenig später ein zweites. Während er nur da liegt. Und in Gedanken durch seine Erinnerungen wie durch ein blödes Menü eines Smartphones blättert, um irgendwas zu finden. Irgendwen. Während er stoisch und apathische über den Bildschirm seiner Erinnerung wischt. Obwohl er weiß, dass es dort nichts Neues zu finden gibt. Ebenso, wie er oft deppert durch das Handy wischt, wohlwissend, dass keine Veränderung stattgefunden hat.
Er denkt an die Frauen die er einmal liebte. An Frauen aus seinem Bekanntenkreis. Was nichts hilft. Es sind nur kalte Gesichter, deren Lächeln sich – auch wenn er nicht daran denkt – mehr über ihn lustig machen, als mit ihm zu Lächeln. Auch seine Vorstellung über ihre nackten Leiber ist keine Hilfe. Fast. Sind das für ihn keine Menschen. Diese schönen, eigentlich begehrenswerten Frauen.
Seine Freunde sagen: Er braucht eine Frau. Vielleicht stimmt das auch. Dennoch kann er sich nicht vorstellen, dass eine Frau die Lösung „aller seiner Probleme“ ist. Eigentlich: Was für Probleme überhaupt? Er hat doch Alles. Nur keine Frau, okay. Und?

Die Stille schwebt über ihm wie eine zweite Dunkelheit. Sie ist die schweigenden Bücher in seinem Regal. Der Staub unter seinem Bett. Die digitale Uhr. Irgendwo. Dort drüben. Die Stille sind seine alten Bilder auf dem Handy, und in seinem Fotoalbum. Noch stiller ist nur sein Bewusstsein über die Zukunft… Müsste er für einen Psychiater das Wort „Hoffnung“ beschreiben, wäre für ihn das passende Bild ein Aschenbecher voll abgestandenem Regenwasser, in dem sich eine breiige Masse gebildet hat; kalter, nasse Rauch. Sein Resümee zum Thema Hoffnung.
Er soll zu Nutten gehen, sagen seine Freunde. Doch wie könnte er zu Prostituierten gehen? Das ist einfach nicht sein Ding. Dazu fehlen ihm vielleicht „die Eier“. Oder anders ausgedrückt: Dafür ist er zu gut. Dafür ist er einfach zu nett. Angst und Nettigkeit liegen nahe beieinander. Für ihn hat das nichts mit Feigheit zu tun. Sondern mit Moral. Er ist. Ein moralischer Mensch. Ein einsamer. Moralischer. Mann.

Alle drei Wochen aber, geht er „zum Friseur“. So sagt man halt. Denn in Wahrheit geht er zu dem jungen Mädchen, das ihm dort die Haare schneidet, wäscht und dabei den Kopf massiert. Sie heißt Anita. Alle sprechen sich dort mit dem Vornamen an. So wie es wohl auch bei den Prostituierten so ist, nur stimmen hier die Namen mit der Wahrheit überein. Anita ist die einzige junge Frau zu der er „Kontakt“ hat. Sie ist hübsch, wenn auch keine Schönheit. Und wenn sie ihre Finger in seinen Haaren vergräbt und ihm den Kopf wäscht und massiert, könnte er schnurren vor Wonne…
Er kommt nicht auf den Gedanken, dass Anita für ihn so etwas wie eine Prostituierte ist. Er kommt nicht einmal auf den Gedanken seinen schlaffen Schwanz zum Rhythmus seiner Gedanken an Anita zu bewegen. Nein. Er liegt einfach nur, kramt in seinen Gedanken nach jemanden, den er nicht finden kann…

Schließlich. Gibt er es auf und dreht sich um. Sein Gesicht vergräbt er tief in sein Kopfkissen. Erst glaubt er sicherlich nicht einschlafen zu können – um fast augenblicklich weg zu dösen. Nun. Als er eingeschlafen ist. Ist auch die Stille verschwunden. Auch wenn sie nur auf ihn wartet.

Regen der auf Särge prasselt

Es regnet. Regen ist gut, finde ich. Man kann sich in seiner Wohnung einsperren und die ganze Welt draußen lassen. Bei Regen ist das okay. Scheint die Sonne wird von überall an einem gezerrt: Komm schon Mann! Gehen wir an den See, Fluss, Park, Wald, Freibad, Hallenbad, Restaurant, Kaffee, Mc Donalds, ins Fitness, den Club, den Sportplatz, ins Kino – wo immer man auch hingehen kann, wenn man RAUS will oder soll. Vor allem: Zusammen, „Ja lass doch mal etwas zusammen machen. Alleine oder mit dem Partner daheim sitzen, das ist doch ungesund auf Dauer. Das stumpft doch ab. Macht blöd. Vor allem das Internet und der Fernseher – was ja im Prinzip das Gleiche ist. Let´s do something!“
Ist ja okay. Wirklich. Gute Idee. Auch wenn man dank der sozialen Netzwerken gar kein Gefühl mehr für Alleinsein hat. Unter Menschen sein. Das ist doch toll. Und so richtig. Sei kein Misanthrop…
Bei Regen aber. Da ist das okay.

Ich höre von oben meinen Nachbarn „Offspring“ mit „Self Esteam“ grölen und ich sehe kurz das ganze Haus wie durch Röntgenaugen: Da steht jemand drei Meter Luftlinie von mir entfernt, über mir, und singt diesen auch schon fast 20 Jahre alten Song. 8 Meter Luftlinie weiter schlafen zwei in einem Bett, ist nur eine andere Wohnung. 5 Meter in die andere Richtung wird geduscht usw. usf. Und überall: Diverse Tiere. Da muss man doch an das Abgepackt seien denken. Jeder in seinem eigenem Wohnsarg. Alleine, jede „Partei“ für sich allein. Hat sich weggesperrt. Selbst eingesperrt. So als hätte man Angst vor den anderen.
Da kommt natürlich gleich der Romantiker in mir heraus: Wie es wohl früher war. Als alle noch zusammenlebten, Urzeit – ihr wisst schon, wo der Mensch nicht am Ende der Nahrungskette stand und man sich als Menschenmaterial zusammenballen musste, um nicht von der Natur verschlungen zu werden, die Natur, die damals keiner als „BÖSE“ gedeutet hätte, denn die Natur war Ernährer und Zerstörer, und sowieso GAB es solche Ausdrücke wie „gut“ und „böse“ gar nicht, und womöglich ging das Menschenwerden und nicht mehr Tierseien erst da richtig ab, als man anfing zu kategorisieren und eben nicht mehr im Einklang mit der Natur zu leben, wo eine Schlange eben nicht nur BÖSE war, sondern ein Tier mit Vor- und Nachteilen, dabei aber immer und die ganze Zeit ein Teil von etwas Allumfassenden, zu dem man selbst gehört hat – ja (Romantik, Romantik) ein Teil von etwas Unendlichen, eben alles was auf und über der Erde so abgeht, quasi eine Ur-Masse, zu der nicht nur alle Lebewesen gehören, sondern auch die Luft und die Kontinentalplatten, Mond und Sonne waren dagegen (auch wenn sie Teil des Ganzen sind) schon zu abgefahren und crazy für die Ur-Masse, dass alles gut war, weil man eben den Begriff „schlecht“ nicht wirklich definieren konnte, höchstens durch Krankheit, denn der Tod war weder/noch sondern ein Teil dieses großen, plumpem Moments des Daseins, kurz: Ein Planet wie ein einziges, großes Om…
Na das muss doch geil gewesen sein. Oder? So alle miteinander, ungeteilt, zusammen, diese Ständigkeit des Zusammenseins im Einklang, mit dem Nachbarn und der Natur. Auch wenn es nur aus Existenzängsten so war.

Die Naturalisten unter uns wollen diese Zeit zurück. Beklagen das einsame Sitzen des abgekapselten Borg in seinem Wohnsarg und fordern ein Zurück zur Natur. Ein Zurück zum echten Mensch sein.
Für mich ist das Hippie-Quatsch, also echte konservative Utopien. Bei über 7 Milliarden Menschen geht das einfach nicht. Ich will nicht sagen dass die Entwicklung so gut war wie sie war, aber der Reaktionismus der Vergangenheit, der uns so werden ließ, wie wir sind (ja, ich habe Kausalität gerade wirklich als Reaktionismus bezeichnet :)) ), war, auch wenn nicht darüber diskutiert sondern einfach nur gemacht also gelebt wurde, in sich ein logischer Prozess. Ein geplantes Rückwärts ist unmöglich, außer durch den roten „Rest“-Knopf für den ganzen Planeten. Klar kann man natürlicher, bewusster und ökologischer Leben (sollte man auch), doch so wie es war, wird es niemals wieder werden. Komisch dass die Zukunftsutopien oft auch nur noch als reaktionär zu bezeichnen sind, obwohl man das genaue Gegenteil vor hat.

Nein. Ja. Jeder von uns ist froh seinen Rückzugsort, seinen persönlichen Platz zu haben, nur für sich. Alles andere wird als Menschenunwürdig empfunden, da es eben nicht mehr möglich ist nur in der Natur zu leben – und jetzt kommt mir ja nicht mit den Aussteigern daher, denn das ist pure Augenwischerei – oder einfach nur alleine für sich zu seien.
Die sozialen Netzwerke sind dabei ironischer weise ein Zurück in die globale Höhle, in der alle Menschen zusammensitzen und über die böse Natur und dem Dasein auf dem Planeten diskutieren. Hier sitzt man geballt aufeinander, jeder hat – so wie in der Frühzeit – seine Aufgabe zu erfüllen und geht in der restlichen Zeit den anderen Mitmenschen mit seiner „Einzigartigkeit“ (guter Witz) auf die Nerven; denn wer beklagt dass die Menschen nicht mehr zusammensitzen und miteinander am Klischeelagerfeuer reden, der verdrängt den Umstand, dass heutzutage der ganze Planet via Facebook zusammen in seiner globalen Höhle sitzt – und auch nur Unsinn daher brabbelt. Das kann man nicht vergleichen? Ich denke schon.
(Und wer ein „Zurück-zur-Natur“ fordert, der darf nicht vergessen, dass er nicht von einer Wüste spricht, sondern von einem Garten Eden, bei dem ihm – Landwirtschaft hin oder her – das Essen in den Schoß fällt. Zurück zur Natur und Einklang mit ihr bedeutet Hunger und Plagen, Seuchen und Tod, neben all den positiven Dingen, die man dafür erhält. Natur bedeutet auch natürliche Auslese. Das ist kein Disneyland. Siehe Flüchtlingslager wo man in einem „Zurück zur Natur“ lebt – während man dicht an dicht in Zelten haust. Das ist die Wahrheit – nicht „die blaue Lagune“).

Heutzutage gibt es einfach eine andere Natürlichkeit, als es sie vor 2000 Jahren gab. Unsere Lebensqualität ist viel besser geworden und das Leben an sich viel länger, weswegen wir auch mehr Zeit haben um unglücklich zu sein und uns neue Krankheiten auszudenken oder einzufangen. Wer aber will ernsthaft wieder in einer kalten nassen Höhle sitzen und sich vom Alpha-Männchen dominieren lassen, richtige Alpha-Männchen, nicht die „Reichen“ unserer Zeit, die auch nichts anders im Leben haben als wir, wenn auch Milliardenfach mehr. Früher war nicht besser. Heute ist nicht besser. Es ist immer wieder anders.
Einstmals, bei den Stämmen, im Urwald, war die Natur unendlich – man konnte sich gar nicht vorstellen, wie schweinegroß der Planet in Wirklichkeit ist. Heute weiß man, dass zumindest der Planet endlich in seinen Ausmaßen ist und plötzlich kommt man sich viel einsamer vor in seiner Eingeengtheit, obwohl genau das Umgekehrte der Fall ist: Alle paar Quadratmeter ein Mensch. Zumindest in der Stadt. Die Begrenztheit der Welt hat uns einsam gemacht, weil der Platz für Träume und Sehnsüchte nicht mehr da ist und für das All reicht unsere Phantasie scheinbar nicht aus.

Inzwischen hat es aufgehört zu regnen. Die Menschen kommen unter ihren Steinen hervor. Plappern sich ins I-Phone oder ins Gesicht und tummeln sich wieder miteinander. Machen Dinge miteinander aus, erfüllen oder brechen sie; gehen einfach voran und teilen sich die Spitze der Nahrungskette mit dem, was sie erschaffen haben, namentlich der Technik.
Nein. Ich will nicht raus. Will ganz hier bei mir bleiben. Will mich nicht streiten und nicht mit fremden Meinungen im Clinch liegen. Weder online, noch vor Ort. Natürlich werde ich die Wohnung auch wieder verlassen. Werde neue Erfahrungen machen, werde lernen, was schon Milliarden vor mir gelernt haben, werde mich blenden lassen vor der Weite der Aussicht, hinab von tropischen Bergen…
Na und? Macht mich das besser?

Die neuen Superhelden

Claudio war 12 Jahre alt als er merkte: „Mit mir stimmt etwas nicht.“ Es waren seine Hände. Seine eiskalten Hände. Ihm selbst kamen sie gar nicht kalt vor, doch wenn er jemand anderen berührte, zuckte die Person (oder das Tier) vor Schreck zusammen. Manche glaubten auch eine Verbrennung erlitten zu haben, nachdem sie ihn berührt hatten. Doch. Da war nichts. Nur die Kälte. Die sie kurzzeitig zusammenzucken ließ.
Seine Eltern schickten ihn zum Arzt, der…

Daniela war 12 Jahre alt als sie merkte: „Mit mir stimmt etwas nicht.“ Es war ihre Kraft. Für ein Mädchen war sie unglaublich kräftig, was sich auch in ihren Körperausmaßen ausdrückte. Aber kein anderes Kind wagte es sich über sie lustig zu machen. Sie konnte andere Kinder packen und sie unterwerfen… Manchmal lag sie im Bett und hatte Angst vor ihrer Kraft. Und dann dachte sie an die Süßigkeiten, die sie unter ihrem Bett versteckte. Die würden sie bestimmt wieder süßer und zierlicher machen. Wie die Kinder in der Werbung. Doch. Es half nichts. Sie war einfach zu stark. Und brach einen Jungen beim Rangeln den rechten Zeige-Arm.
Ihre Eltern schickten sie zu Arzt, der…

Morten war 12 Jahre alt als er merkte: „Mit mir stimmt etwas nicht.“ Es war sein Herz. Sein wildes, wildes Herz. Mit seiner Energie und seinem Temperament konnte er schneller laufen, denken und reagieren als alle anderen Kinder. Er war der geborene Anführer. Nur leider konnten die anderen Kinder nicht mit seiner physischen und psychischen Schnelligkeit mithalten. Manche lachten über ihn, da sie nicht verstehen konnten, wie sehr er ihnen überlegen war. Auch in der Schule langweilte er sich. Schrieb deswegen schlechte Noten.
Seine Eltern schickten ihn zum Arzt, der…

Die Medikamente wirkten nicht. Claudios Hände blieben kalt. Daniela stark. Morten schnell. Es lag bestimmt nicht daran, dass sie mit den Marvel Kinofilmen aufwuchsen. Nein. Das konnte nicht der Grund sein. Denn wie sollten auch Filme zu Wahrheiten werden? Es war auch keine Einbildungen. Ihre Kräfte waren doch eindeutig da. Auch wenn nur sie es waren, die sie sahen. Die Drei hatten Superkräfte. Und Kräfte können oft eine Bürde sein.
Sie reiften heran. Und ihre Kräfte mit ihnen. Auch wenn sie sich nicht kannten, teilten die Drei das gleiche Schicksal: Sie waren Außenseiter.

Bei Claudio wurde eine besondere Form der Raynaud-Krankheit diagnostiziert. DESWEGEN wurden seine Hände immer so kalt und grau, deswegen hatte er Gefäßkrämpfe, wenn er ein kaltes Eis oder eine gekühlte Cola trinken wollte. Doch Claudio glaubte nicht an die Diagnose der Ärzte.
Danielas Kraft sollte eine Reaktion auf ihre Dicklichkeit sein. DESWEGEN wuchs auch mit dem Alter nur ihr Bauch und nicht ihre Brüste – weil sie als Kind zu fett war. Deshalb konnte sie beim Ringen im Sportkurs alle Konkurrentinnen besiegen und wuchs langsam zu einer gefürchteten, aber einsamen Gegnerin heran. Auch Daniela glaubte nicht an die Schlussfolgerungen der Ärzte.
Auch das wilde, wilde Herz von Morten wollte sich nicht beugen. Trotz der Medikamente blieb er hyperaktiv, wie die Ärzte es nannten. Nicht hyperintelligent, wie die Eltern es sich erhofft. Und auch Morton glaubte nicht seinem Urteil.

Alle Drei googelten im Internet nacheinander. Nach Artgenossen. Einer Art „Superhelden-Forum“, wo sich Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten austauschen könnten. Wo sie sich über ihre Form der Andersartigkeit, ihrem Leiden darüber austauschen wollten; denn was ist schlimmer als etwas wirklich Besonderes zu sein? Weder dumm noch hochbegabt? Sondern eine Art Übermenschen? Doch im Gegensatz zu Selbstmord-Foren, gab es kein Superhelden-Forum. Wahrscheinlich. Waren die Helden von morgen zu ängstlich verlacht zu werden. Denn jeder Held braucht eine Initialzündung um zum Helden zu werden. Auch Helden brauchen Erlöser.

Als Ersten hatten sie Morton geknackt. Sie hatten das Mittel gefunden, dass ihn ruhig stellte. Es war kein ADS gewesen, das man bei ihm zu früh „fest gestellt“ hatte, sondern eine andere Form von psychischer Auffälligkeit. Ein Antidepressivum macht aus dem blitzgescheiten Übermenschen, einen Typen wie du und mich. Er war… Geheilt worden. Und konnte nun EIN NORMALES LEBEN führen. Morton fühlte sich besser. Wenigstens glaubte er das… Wenigstens war er kein Außenseiter mehr. Als Normalo war er gleich viel beliebter. Er hörte mehr zu. Und sagte was alle anderen sagten.

Daniela knackten sie nicht. Nun. Vielleicht auf eine andere Art. Irgendwann hängte sie die Ringerei an den Nagel und ging zum Catchen über. Ihre Kräfte konnte sie ohnehin nicht einsetzen, also warum nicht gleich mit einer Zirkusnummer Geld verdienen? Sie bekam… Selbstvertrauen. Schämte sich nicht mehr für ihren Körper. Und ihre Kraft. Sie wurde auch lockerer, entspannter im Umgang. So, als hätte sie ihr Coming-Out gehabt. Sie verliebte sich. Und ging mit ihm – ihrem geliebten Manager – auf Tour. Er würde für sie sorgen (ganz bestimmt sogar, er MUSSTEmussteMUSSTE). Und sie würde sich weiter das Gesicht bemalen und unter dem Gejohle von betrunkenen Massen von der Ring-Ecke, von den Seilen, auf ihre Gegnerin springen. Bis der Boden bebte. Sie war keine Außenseiterin mehr. Es wurde sogar ihr Name skandiert. Auch wenn das nicht ihr richtiger Name war, sondern der Name eine Parodie auf ihre Kraft bedeutete…
So hatten sie Daniela geknackt.

Und Claudio?
Claudio war eine harte Nuss. Vielleicht lag es daran, dass er etwas zurückgeblieben war. Er glaubte nicht an die Prognosen der Ärzte. Dass die „Krankheit“ bald vorbei sei. Er solle nur weiter seine Handschuhe tragen. Sport treiben. Und die Gefäßerweiternden Medikamente nehmen. Und nach und nach. Mit der Zeit. Überließ er die Menschen ihrem Glauben. Der Glauben darüber, dass sie ihn geheilt hätten. Er wusste ja selbst, was für eine Macht er hatte, wenn er aus Wasser mit seinen Händen Eiswürfel für seine Longdrinks machte. Was sollte es auch ändern? Seine Macht? Er war nur ein normaler Typ und hatte schon genug Sorgen durch seine Homosexualität; nicht dass er unter seiner sexuellen Orientierung litt, sondern dass ihm seine Kraft hier ein Fluch war – wie konnte man ihn lieben können? Er, der nur Kälte vergeben konnte? Wie sollte er dazu auch noch sein sexuelles Coming-Out schaffen? Ja… Darunter litt er mehr, als unter dem Geheimnis seiner Macht… Seine Hände waren zum kalt um Liebe zu geben…
Claudio blieb alleine. Baute und wartete Kühlmaschinen. Wurde verbittert. Und war sich sicher, dass diese Gesellschaft ihn niemals knacken würde. Und wusste doch, dass er durch seine Außenseiterrolle schon längt geknackt war. Weil er nicht Teil des Systems sein konnte. Und es deswegen war.
Er konnte niemals so glücklich wie wir anderen sein. Musste immer alleine bleiben.
Dabei hatte er nur kalte Hände.

Oldboy Remake – Der erste Trailer

Spike Lee hat meiner Meinung nach nicht nur gute Filme gedreht, aber auch echte Klassiker wie „25 Stunden“… Doch seien wir mal ehrlich: Ein Remake von Chan-Wook Parks Klassiker braucht nun wirklich keine alte Sau.
Die ersten Bilder sind sehr nah am Original, wobei die Handlung doch etwas (was man aus dem Trailer mitbekommt) anders gestrickt sein sollte (so ganz zufrieden war ich mit dem echten Ende eh nie und halte zudem „Oldboy“ nicht für den besten Film des kreativen Koreaners), was etwas mehr Lust auf dem Film macht. Auch Josh Brolin ist interessant. Na, seht selbst: