Cover-Entwurf für „Verlorene Jungs“

Diesen Cover-Entwurf habe ich für mein kommendes E-Book anfertigen lassen. Es entspricht nicht absolut meinen Erwartungen. Gut anzusehen ist es meiner Meinung nach dennoch.

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Das Einzige was mir Sorge bereitet ist der Umstand, dass es auf dem Kindle in schwarz/weiß zu dunkel dargestellt wird…

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Ketamin in der „Wilden Renate“ in Berlin

Wie das halt so ist. Man reist durch die ganze verdammte Republik, durch die ganze abgefuckte Provinz, um schließlich in der Hauptstadt von Ostdeutschland anzukommen. So was merkt man nämlich ganz schnell wenn man durch den Osten fährt, dass Berlin nämlich vor allem die Hauptstadt von Ostdeutschland ist. Vom Rest ist man ziemlich weit entfernt. WEST-Berlin hin oder her. Das hier ist der Osten. Nirgendwo gibt es so viele antisemitische Überfälle in der Bundesrepublik. Ganz klares Ossi-Ding. Oder Dortmund. Aber da bin ich das letzte Wochenende ja nicht hin.

Ich habe eh keinen Plan warum Berlin immer als so tolerant dargestellt wird, denn, nirgendwo wird man auf offener Straße so grundlos und saublöd angemacht wie hier. Das gibt es nicht einmal in Bayern. So was ist doch konservativ. Leute blöd anwichsen wegen nichts. Okay. Meistens ist es dann auch wirklich eh egal was für ne Hautfarbe oder Geschlecht das verabscheute Gegenüber dann hat: Hier hasst einfach jeder jeden. Wenn nicht jeder jedem gerade scheißegal ist. Was dann mit Toleranz verwechselt wird.

Von meinem hierher gezogenem Kollegen bekomme ich erst Mal eine rein gewürgt: „Hör auf so schwäbisch zu sprechen! Das mögen die Leute hier nicht!“ Und ich: „Was willsch denn du? Ich komm hald von da. S´sagt ja auch keiner was wenn einer von Berlin runter kommt: Red mal gscheid. Du Penner. Ich hasse dich, weil du mir die Nachbarschaft gentrifizierst.“ Weil Gentrifizierung. Das weiß der Berliner nicht, der zu 90 Prozent vom verhassten Toursimus lebt, gibt es eben auch in München, Stuttgart, Augsburg: Überall. Da musst du dann halt schon ins Ruhrgebiet oder in den Osten gehen um dem zu entkommen.. Da bekommst du dann halt auch deinen liebgewonnen Antisemitismus.

Die Berliner Clubs hängen mir schon lange zum Hals raus. Trotzdem gehen wir da natürlich hin. Was in der ersten Nacht immer problematisch ist: Ich bin noch gar nicht vom Kopf her angekommen und muss mich dann von irgendwelchen Arschgeburten an der Türe beurteilen lassen. Mag ich nicht. Wir wollten dann ins „Suicide“. Weil aber Liebesparade (Irgendwas) in Berlin war, war da ein gutes Line-Up gebucht. Nichts gewesen mit der leichten und schnellen Türe. Also dann doch gleich in „die wilde Renate“. Letztes Mal waren wir noch bei der Neueröffnung beim Club gegenüber, in der „Magdalena“; gibt es schon nicht mehr. An der Tür dann also Anstehen und blöde Blicke von blöden Türstehern. Die zwar gar nichts für den Umstand können, trotzdem das Gesicht des beschissenen Berlins sind. Klar. Man will nicht jeden Deppen im Club haben. Doch so was ist halt auch keine Lösung. Wir kommen dann rein, weil mein Kollege sagt, wir sind „Bordell-Nacht-Besucher“. Das ist da so ne Partyreihe. Und dann wird man gleich angegoscht, wegen mir wäre man fast nicht rein gekommen. Ich stand da nur. Und hab nichts gesagt: Aber nach der Ansage hat man gleich gar keinen Bock mehr. Da fährt man durch die ganze verschissene Republik zum Freund, und darf sich von dem Anhören, dass man Schuld ist irgendwo nicht reinzukommen: Was ist dir wichtiger? Die saublöde Location – oder der Freund der einen besucht? Das Ketamin was man drinnen kaufen kann. Ach so. Ja klar. Liebe steht im Raum…

Drinnen also erst Mal Streit. Immer der gleiche Streit über Erwartungshaltungen von dem oder von mir. Müßiges Thema. Das ewiggleiche. Bis man es dann gut sein lässt.

In der „Renate“ darf nicht gefilmt oder fotografiert werden. Da muss man dann wie im Kindergarten seine Handykameras abkleben.

Die Renate ist aber auch ne coole Location. Sehr Berlin like und ich mag ja Club mäßiges Sightseeing. Da bin ich gerne Tourist. Was dem einen sein Eiffelturm. Ist mir mein Cocoon-Club. Ultraschall. Watergate. Oder hier halt der „Salon – zur wilden Renate“. Die Renate ist einfach nur ein mehrstöckiges, verwinkeltes Haus, mit kleinen Zimmerchen, in denen zwar Floors sind, da aber irgendwie wieder Wohnzimmer und Club-Atmo in einem Mit Beichtstuhl und Vulva. Für so was ist Berlin bekannt. Ist auch ehrlich gesagt ganz cool. Gerade wenn man früh genug kommt, um mit zu erleben, wie die Floors nacheinander öffnen. Wie ein Fächer, der sich ausbreitet. Das war cool und machte Spaß. Auch wenn ich nicht auf Krawall gebürstet war. Mit Ende dreißig. Braucht man halt ein paar Stunden um anzukommen.

Der Freund war dann natürlich weg. Ketamin für sich kaufen. Und ich wippte und nippt da so. Alleine. Während die jungen Leute um mich herum feierten. Ich kam mir da schon ziemlich einsam und alt vor. Kein Wunder.

Der Freund kam dann zurück. Plärrte einen an, dass er jetzt Keta hätte. Und dass man nun gefälligst mitkommen solle. Auf Toilette. Zum Nehmen. Und ich: Näh. Ich hab genug Quatsch genommen. Jetzt reicht es aber. Ich will nichts Neues mehr ausprobieren. Ich will einfach nur am Leben sein. Und mich daran freuen.

Ich holte mir dann nen Longdrink und gab Trinkgeld (so euphorisch wie die sich bedankt haben, kommt dass da einmal im Jahr vor) und suchte und fand meinen Freund. Ehrlich gesagt weiß ich nicht viel über Ketamin. „Nahtod-Erfahrungen“ und „Pferdeberuhigungsmittel“ kommen mir in den Sinn. Beobachtet habe ich so was nie. Wie so etwas aussieht?

Mein Kollege stand mit weit ausgebreiteten Armen in der Ecke von einem kleinem Floor (roter, grüner Raum – was weiß ich) und hielt sich damit alle anderen Menschen vom Leib. Seine Zunge war mehr als träge. Der Verstand entrückt. „ÜÜÜäää üüüäää ääää“. Mehr kam da eigentlich nicht raus. Ich setzte ihn dann lieber auf ein Sofa. Wo er mir irgendwas davon erzählte, dass er das Universum sehen könnte. Tiefere Einblicke in unglaubliche Verhältnisse, wurden da behauptet. Mit einer Gestik, die er von einem irischem Dorftrunkenbold aus dem 18ten Jahrhundert gelernt zu haben schien. Der war vollkommen hinüber. Absolut. Vollkommen. Hinüber. Er torkelte und fiel über alles was da war (Menschen, Möbel, Emotionen) und war einfach total im Arsch. Ich übertreibe nicht wenn ich sage, dass Johnny Depp bei seiner Darstellung des Äther-Rausches in „Fear and Loathing in Las Vegas“ nüchterner und beherrschter rüberkam als mein Freund auf Ketamin. Ich dachte dann irgendwie, dass es eine gute Idee wäre ihn an die frische Luft zu bringen – was sich mehr als schwierig gestaltete, wenn man durch den ganzen Club im ersten Stock muss. Der war vollkommen hinüber. Kugelte am Boden herum. Blieb da einfach liegen. Gerne hätte ich sein Verhalten gefilmt – nur gerade wegen solchen Aktionen ist das Filmen hier verboten.

Ehrlich. Ich gehe jetzt bald seit 20 Jahren auf Techno weg. Habe mehr Drogen genommen und Druffis gesehen, als es sichtbare Sterne am Himmel gibt. So etwas. Ist mir jedoch noch nie untergekommen. Er lag dann da in ausgelaufenem Bier wie ein Schildkröte auf dem Rücken, in so einem kleinem Boot, was da als Zierde in der Gegend herumsteht. Klar kann man sich da auch rein setzen und schön drauf sein und die Sterne bewundern. Oder halt voll im Arsch sein und Stöhnen. Seine total Überdosierung wurde mir dann zu blöd. Ich stellte ihn irgendwann auf die Beine. Machte ihm die Jacke zu. Und brachte ihn irgendwie nach draußen. Wo wir einen netten schwarzen Taxi-Fahrer fanden, der auch solche Ruinen von Menschen nach hause fährt.

Die Tage danach waren sehr schön in Berlin. Der erste Tag. War von unermesslichem Grauen durchzogen. Nicht weil es so „unglaublich heftig war“. Ne. Es war eher unglaublich langweilig. Denn so ein Verhalten ist bei weitem nicht abendfüllend.

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Absolution – 32 – Gehen wir noch zu dir?

Sie verließen den Club nicht allzu spät (4 Uhr morgens) und fuhren mit der Bahn zurück. Katha und Paul taten so, als wären sie normale Freunde, während Sarah sichtlich von Miguels Annäherungsversuchen genervt war. Miguel erzählte ständig Geschichten um irgendwie doch noch interessant auf Sarah zu wirken, auch wenn seine Erzählungen an Belanglosigkeiten kaum zu überbieten waren; nur die über Story einer ihm bekannten Lesbe fand echten Anklang und Diskussionsbedarf. Die beschriebene Lesbe sei (laut Miguels dramatischer Darstellung, bei der er nicht aufhören konnte zu betonen, wie absolut wahr die Geschichte sei) ständig schwanger, da sie – Hölle Kleinstadt – ständig mit Typen ins Bett stieg, da es „auf dem Dorf“ keine LGBT-Szene gab, zu der sie sich zählen und von der sie zehren konnte.

Tatsächlich hasst sie Männer mit ihren dummen Schwänzen. Es ist eine megamiese und eklige Situation. Sie ist nur so einsam, dass sie dann doch jeden über sich drüber lässt“, erklärte Miguel Achselzuckend.

Das ist ja wohl das Dümmste was ich jemals gehört habe“, verdrehte Sarah ihre Augen.

Aber es ist wahr!“

Sarah weiter: „Du hast doch gar keine Ahnung wie sich eine lesbische Frau fühlt! Die würde doch niemals! Das ist doch lächerlich! Aus Einsamkeit!“
Katha seufzte: „Ich kann schon verstehen aus sexueller Not lesbisch zu werden.“ Sie lachte noch schnell ein wenig falsch ihrer Aussage hinterher.

Was weißt DU denn davon lesbisch zu sein?!“ ging Miguel Sarah an. „Die Story ist wahr!“

Das ist doch nur eine Männerphantasie!“ lachte Sarah Miguel aus und die Frauen lachten zusammen.

Vielleicht ist das ganze Leben nur einer Männerphantasie“, setzte Paul mit einem schiefen Lächeln hinzu. Worauf nun Miguel zu Lachen begann und Paul, der gar nicht verstehen konnte warum, High-Five geben wollte. Es war wie immer: Keiner verstand irgendwen und alle redeten aneinander vorbei.

Die Umarmung zwischen Katha und Paul war merkwürdig und schön zu gleich. Dann öffnete sich die Zugtüre, worauf Miguel und sie aus Pauls Blickfeld entschwanden. Paul glaubte noch, bevor sich die Türe mit dem typischen mechanischem Rucken schloss, zu hören, wie Miguel sagte: „Ich hab die Alte doch AUCH geknallt!“

Vielleicht. War auch das nur eine Einbildung gewesen.

Puh“, seufzte Paul. Das war ja irgendwie eher beschissen gelaufen.

Ja… Puh…“, meinte Sarah mich hochgezogener Augenbraue. „Du bist´n Idiot.“

Wieder sein schiefes Lächeln. „Ja… Das bin ich wohl…“

Weißt du noch als wir in Stuttgart waren? Bei Carl Cox?“

Klar weiß ich das. Der war suuuper.“

Genau. Was du aber nicht mitbekommen hast, war, dass Katha dich da schon die ganze Zeit wie blöde Angegraben hat.“

Echt? Ja… Ne… Das weiß ich nicht mehr… Das denkst du dir doch gerade aus… Das ist doch… Monate her…“
„Du Idiot. Ich saß hinter euch im Zug zurück, als Katha zu dir sagte, dass ihr zwei doch bestimmt noch zu dir gehen würden. Und du dann so (verstellte Männerstimme) WAS WOLLEN WIR DENN BEI MIR??!!! NENENE! ICH GEHE JETZT SCHÖN ALLEIN NACH HAUSE! ES REICHT JA WOHL LANGSAM MIT FEIERN!“

Wirklich?“ Ein kurzes, echtes Lachen. „Das habe ich überhaupt nicht überrissen…“

Weil du ein Idiot bist. (Pause) Weißt du. Katha ist ein zu gutes Mädchen als dass sie das verdient hätte… Und das wird sie auch nicht ewig mitmachen.“

Die Haltestelle kam und sie stiegen aus.

Du bist´n Idiot Fleming“, sagte Sarah noch während der Abschiedsumarmung. Als sie sich getrennt haben zuckte Paul wieder mit den Schultern: „Ich weiß…“
„Irgendwann wird sie weg sein. Du… Magst sie doch? Oder?…“

Ich mag sie sogar sehr.“

Dann hör auf so ein Idiot zu sein!“

Wirst du mich jetzt immer so nennen?“

Oh ja. So lange bis du die Sache hinbekommen hast. Und hör auf dich ständig zuhause einzusperren. Warum auch immer…“

Ich hab dich lieb.“

Fick dich Paul.“

Lachend und Kopfschüttelnd trennten sie sich.

Auf dem Nachhauseweg war Paul klar wie der Tag weitergehen würde. Der PC und das Speed warteten schon auf ihn. Und trotzdem war er fassungslos darüber, dass er die Avancen Kathas nicht gerafft hatte, sondern heute wie damals nur nach Hause wollte, um weiter in seine Träume zu fliehen. Träume von Katha. Träume von der Zukunft. Träume davon, es beim nächsten Mal besser zu machen.

Nicht um des Sex willens.

Für die Liebe.

Auf gar keinen Fall würde er in die Welt der Ma-Fag zurückkehren. Für so einen Unsinn hatte er nun wirklich keine Zeit. Er musste sein Liebesleben auf die Reihe bekommen.

Nein. Sein ganzes Leben.

Absolution – 31 – Angst vor Frauen

11.

Katha, Sarah und Miguel entführten Paul ins „Abseits“, einen kleinen Club in Augsburg, den nur Eingeweihte kannten. Dort legte ein Bekannter von Miguel vor 20 anwesenden Besuchern auf, der sich (in Anspielung an den Weltbekannten DJ) „Dick-Son“ nannte. Die Vier hingen dort herum, gaben sich gegenseitig Getränke aus und Pauls Freunde stellten die gute Laune zur Schau, die Paul in dieser Zeitperiode der Übernächtigung und Erschöpfung vollkommen abging. Er war einfach zu platt und zu zerstört, dazu empfand er sich selbst als viel zu große Peinlichkeit, als dass er auf „gute Laune“ machen konnte. Zudem scheiterte jeder Versuch irgendwie „besonders“ auf Katha zu wirken. Es war wie verhext. Versuchte sie mit ihm zu Reden, ging ihm fast unverzüglich der Gesprächsstoff aus, viel zu groß war die übernächtigte, leer gewichste Ödnis in seinem Kopf. Machte er eine zweideutige, lieb oder erotisch gemeinte Anspielung (die er sich schwer aus dem Brachland seines Verstandes erkämpft hatte), kam er mit ihrer begeisterten Reaktion nicht klar. Tanzten sie zusammen, fühlte Paul sich lächerlich, wie ein Troll, der nur dämliche Gesten vollführte – am Liebsten wäre er einfach davon gelaufen – währenddessen Katha eisern an seiner Seite blieb. Katha wollte Paul. Was Paul absolut überforderte. Das Problem war eindeutig nicht, dass er Katha noch erobern müsste. Das Problem war viel mehr, dass Katha bereits (wie auch immer er das geschafft hatte) erobert war und Paul einfach nicht mit der Situation klar kam. Was für die meisten Männer ein Geschenk darstellt, erschien Paul in seinem gegenwärtigen Zustand als unlösbare Aufgabe. Er stand sich selbst im Weg. Die Wünsche der Drogen hatte ihn an diesen Punkt gebracht.

Und die Drogen retteten ihn.

Das Ecstasy entspannte sie. Und schon war es nichts besonderes mehr Katha in den Arm zu nehmen, und sogar auf einer abgelegenen, dunklen Bank mit ihr zu kuscheln. Das XTC half Paul über den Wahn und Paranoia hinweg, dass das Speed aufgebaut hatte. Alles schien gut. Alles erschien bereinigt. Der Bass wummerte über ihre Köpfe hinweg. Die Lichtorgel blitzte um ihre Köpfe. Ihr Lachen wurde zum Kettenbrief. Da war es wieder, dieses Gefühl von Freundschaft und Liebe, dass alles überdauern würde… Überdauern sollte. Überdauern müsste… Paul sah Katha verliebt an. Und sie ihn. Junge Menschen. Totally in Love zueinander. Vereint durch echten Gefühle ihrer Herzen, die in diesem Moment im Gleichtakt miteinander schlugen. Vereint durch die Funkenden Eruptionen, die nur die chemische Industrie garantieren kann. Sie sahen sich an und versanken ineinander. Einen Moment lang… Zwei Momente zu lange… Drei Momente zu lange… Und es geschah…

Er hätte einfach nur seinen Mund auf den ihren drücken müssen. Hätte einfach nur seine Zunge um ihre Tanzen lassen sollen. Er hätte einfach nur einen Moment keine Angst vor gar nichts haben müssen. Weder vor sich. Vor seinen Gefühlen. Vor Katha. Vor der Peinlichkeit. Seiner Unfähigkeit. Seiner Wahrheit… Paul hätte einfach nur dass tun müssen, wovon er so viele Nächte im Delirium geträumt hatte. Doch als die Momente zu lange anhielten – selbst auf dem Ecstasy, das Glücksmomente so unglaublich lang und schön bis ihn alle Momente zu dehnen vermag – war es vorbei. Paul lächelte schief. Fragte Katha nur, ob sie nicht Tanzen wolle, worauf die Enttäuschung in ihren Augen aufblitze, gleich einem Erdloch, dass plötzlich und von keinem Wissenschaftler vorhergesehen eine ganze Kleinstadt verschluckt und erledigt, gleich einem Arzt, zu dem die Angehörigen eines Unfallopfers voller Hoffnung rennen, der aber nur vom Misslingen der Operation und der Grenzen der Medizin berichten kann, gleich einem Ertrinkenden, der feststellen muss, dass es nichts gebracht hat bis zum letzten Moment und mit allen Kräften um sein Leben zu kämpfen.

Katha seufzte über all den Lärm des Technoclubs hinweg. Es war ein geradezu Bibliches Seufzen.

Irgendwie…“, brachte Paul noch hervor. „Ich komme heute einfach nicht so ganz klar.“

Ich weiß“, erklärte Katha darauf, „das ist es ja. Du kommst halt nie besonders gut klar…“

Aber ich würde es gerne…“

Dann mach doch…“

Ich weiß nicht wie… Du hast halt was besseres verdient.“
„Du bist so ein…“ Sie lächelte ihn mit großen Drogenaugen an. Voll Verständnis und aller verlorener Hoffnung zugleich. Dann blinzelte sie. Stand auf und ging hinüber zu Sarah, die ein paar Lärmmeter entfernt mit irgendjemanden an der Bar stand. Irgendwas wurde geredet, worauf Sarah den Kopf schüttelte und schüttelte und wütend wurde. Paul sah dem zu. Innerlich weinend. Vernichtet. Dabei extrem drauf und erfüllt von den Drogen. Der lächerlichste Zustand, den man sich vorstellen könnte. Am Liebsten wäre er von einer Brücke gesprungen. Nur hatte er nicht einmal die zur Verfügung. Paul wollte einfach nur gehen. Paul wollte einfach nur bleiben. Paul wollte im Erdboden verschwinden. Und er wollte zu Katha hinüber gehen und sagen, dass es ihm leid tue. Was auch immer. Dass es ein Missverständnis sei. Welches auch immer. Die Frauen sahen ihn an. Er sah zurück. Und nichts geschah.

Sekunden wurden zu Ewigkeiten. Jede Minute zur Folter.

Paul versuchte einen klaren Gedanken zu fassen. Sein Bestreben glich der einer Kompassnadel, die sich krampfhaft einnorden wollte und sich dabei hilflos im Kreis drehte, ohne auch nur den Hauch einer Ahnung zu haben, wo Norden denn nun lag und was es überhaupt helfen sollte, die Richtung zu finden. Mehr als ein „Katha ist toll. Ich ein Idiot“ konnte er in sich selbst nicht finden. Er fühlte sich ebenso verzweifelt, wie er drauf war. Ein wirrer, taumelnder Zustand. Voller Schmerz und Glück, wie ein 14 jähriger Jugendlicher, der zum ersten Mal in seinem Leben sagenhaft unglücklich verliebt ist. Die ganze Zeit hatte er zu Katha und Sarah hinüber gesehen und dennoch stand die Frau seiner Träume mehr plötzlich als überraschend neben ihm, als er es für den Hauch einer Sekunden verstehen konnte. „Dann lass uns halt Tanzen“, lächelte sie ihn an. Mit ihren wunderschönen, wunderschönen druffen Augen. Für sie war das ja auch nicht leicht. Ebenso so verstrahlt, wenn auch nicht übernächtigt wie Paul; jede Beziehung hat zwei Seiten, zwei Geschichten, hunderte Perspektiven.

Es wurde getanzt.

Tanzen muss nicht immer leicht und fröhlich sein. Nicht immer locker und glücklich. Es kann von der Last der Lebens und den Umständen der Gegenwart beschwert sein, während es sich dumm und falsch anfühlt.

Wie kann man in so einem Moment nur Tanzen?

Wie kann man jetzt nur so tun, als wäre nichts gewesen?

Bis es dann geschieht. Bis die Bewegung und die Musik. Bis der Brettharte Sound einer amtlichen „Adam Beyer“-Platte. Alle Zweifel fürs erste Mal zur Seite schiebt. Und man sich wieder ernsthaft ehrlich anlächeln kann. So als wäre das Vorhin nicht gewesen. Als würde es nur die Zukunft geben.

Tanzen ist das Erste-Hilfe-Pflaster des Kosmos.

Absolution – 30 – Welcher Tag ist heute?

Er wartete bis der ANFALL vorbei war. Ein paar Gläser Wasser. Eine kleine Nase Speed. Schon ging das wieder. An Schlaf war eh nicht zu denken, auch wenn das Treffen mit Katha erst in vielen Stunden sein würde. Und sicherlich würde er nicht nur Katha alleine treffen. Vielleicht war Sarah dabei. Stevo (kannte der Katha überhaupt?) Chris. Sonstwer. Da blieb noch genug Zeit um noch einmal tüchtig über die Katha-Geschichte nachzudenken… Natürlich fasste sich Paul dabei an.

Bevor er spätnachmittags aufbrach, duschte Paul zur Sicherheit zwei Mal um den Geruch von dem Sex, den er mit sich selbst gehabt hatte, los zu werden. Nichtsdestotrotz fühlte er sich schmutzig. Dreckig. Vergiftet von dem, was ihm so viele Stunden so unglaublichen Spaß breitet hatte. Die Ironie war, dass er am Liebsten hier geblieben wäre. Warum sich „in Echt“ mit dieser blöden Katha-Situation auseinandersetzen? Wie könnte man ihn auch lieben? Alles was er in Wirklichkeit brauchte war eine neue Flasche Gleitcreme. Ohne Geschmack. Was bedeutet ohne Geruch: Den Gerüche stören die Träume.

Die Ma-Fag und Mi-Cock hatte Paul totalst vergessen, als er mit panischen Drogenpupillen ausgestattet seine Haustüre hinter sich schloss. Ein müdes Lächeln rang das Baugerüst an seiner Fassade ihm dann aber doch ab.

Verdammt, es war Sonntagnachmittag. Er hatte ein „Date“ mit der Frau die er… Mit der irgendwas war. Im Endeffekt wussten sie es selbst nicht genau. Und er hatte noch keine Minute geschlafen. Paul. Sah erbärmlich aus. Das wusste er. Und er fühlte sich bombig. Noch Megadrauf. Die letzte Line war eine zu viel gewesen. Und die davor. Und die davor. Und die… Okay. Die Viertletzte war wohl mehr als angebracht. Irgendwie muss man doch durch den Tag kommen.

Logischerweise ging Paul nicht gleich zu Katha. Ne. Erst einmal musste er in den Bosporus. Zum Fettsack. Er würde ein paar Teile mitnehmen. Denn. Die könnten sicherlich nicht schaden. Die besten Momente mit Katha hatte er immerhin auf Drogen mit ihr gehabt. Der Fettsack gab sie ihm gerne, nicht ohne den väterlichen Zusatz: „Hol das Zeug lieber bei mir als woanders. Dann bekommst du sauberes Zeug. Nicht den Dreck, den du über 3 Hände bekommst…“ Und nicht ohne sich Auslachen zu lassen: „Es ist Samstag! Du blöder Hund! Nicht Sonntag!“ Selten hatte Paul den bekifften Fettsack so vor Freude Lachen und Weinen sehen. Nicht dass das selten vorkam. Dieses Lachen/Weinen wenn er bekifft war. Nur halt nicht SO sehr…

Paul. War noch mehr neben der Spur als vorhin. Als… Als wann eigentlich? Irgendwas war auch schon vorhin „komisch“ gewesen. Aber jetzt ergab es einen Sinn, dass diese Bauarbeiter am Samstagmorgen an seiner Balkontüre gerüttelt hatten: Es war gar nicht Samstagmorgen gewesen – es war Freitagnachmittag. Sein Verstand hatte ihm einen Streich gespielt. Da war was mit der Zeit durcheinander gekommen. Verwirrt aber glücklich lachte Paul mit seinem tollen Freund, der ihm die Drogen geschenkt hatte. Nur. War dass Paul noch nie passiert. Denn Normalerweise wurde die Zeit auf Drogen immer SCHNELLER. Nicht langsamer… Das hatte er in all seinen User-Tagen noch nie erlebt… Immer war er zu spät. Nie zu früh…

Alter… Geil… Aber…

Bei einem Bier und einer Zigarette dachte er gleich mal gar nicht mehr darüber nach.

Außerdem war Sarah vorhin schon da und hat ein paar Teile geholte“, zwinkerte ihm sein Freund Fettsack zu, während der sich einen Dübel drehte. Fasziniert sah Paul ihm dabei zu. Ganz ergriffen von der Feststellung, dass er es noch nie erlebt hatte, dass der Fettsack zu bekifft war um sich einen Dübel zu drehen. Da blieb die Lust aufs Kiffen immer stärker als die eigene Kaputtness.

Wie? Sarah? Kommt die jetzt häufiger?“ Paul war nicht wirklich überrascht.

Ja“, antwortete der Fettsack mit hochgezogener Augenbraue. „Die KOMMT jetzt häufiger.“ Dass er bei dem doppeldeutigen Spruch nicht gezwinkert hat, war alles.

Aber ist doch cool wenn die Mädels schon Teile haben. Ich meine. Da weißt du schon mal worauf du dich einlassen kannst.“ Grinsend steckte der Fettsack sich sein architektonisches Meisterwerk mit einem Wegwerffeuerzeug an.

Ich weiß nicht…“, seufzte Paul. Nahm einen Schluck von seinem Bier und sah aus vom Rollladen verschlossenen Fenster. Der Fettsack redete irgendeine Weisheit auf ihn ein, während sich Paul darüber wunderte, welcher Tag es war.

Wo gehen wir eigentlich hin?“ wollte Paul wissen, nachdem er Katha und Sarah umarmt hatte. Miguel hatte er die Hand gegeben.

So etwas. War eher der Normalfall. Gerade war er noch war er beim Fettsack auf dem verranzten Designersofa gelegen. Bis er irgendwie plötzlich woanders war. So hatte das zu funktionieren mit der Wirklichkeit. Nicht andersherum. Denn er konnte sich sehr wohl erinnern, wie er hierher gekommen war. Es spielt nur keine Rolle mehr. Diese ganze Aufregung, die er sich vorher gemacht hatte. Sei es zuhause. Beim Fettsack. Auf dem Weg zu Katha. Genau jene Aufregung, die sich in dem Moment als er vor ihr stand, mehr als berechtig anfühlte.

Na Tanzen“, lächelte ihn Katha an. Mit diesen unglaublich tollen Augen. Die über Pauls Zustand einfach so hinweg lächeln konnten. „Das magst du doch oder?“

Absolution – 29 – Wie der Donner eines aufziehenden Gewitters eine Grundschule zum Schweigen bringt

Kamyor, der Stammesführer der Ma-Fag, erhebt sich. Seine Gefolgschaft verstummt wie ein einzelner Mund. „Wir können die Mi-Cock weder bei uns aufnehmen, noch können wir ihnen vertrauen. Töten, werden wir sie nicht. Wer weiß ob sie Recht behalten und dann sind es eines Tages wir, die Ma-Fag, die sich anderen Ortes Schutz suchen müssen; wie könnten wir dies vor dem Wald, vor dem Tages- und des Nachtgestirnen rechtfertigen?“ Der alte Mann beginnt zu seinen Wortgewordenen Überlegungen den Rat der Männer zu Umkreisen, so wie es schon unzählige Stammesführer vor ihm getan hatten, und es vielleicht nie wieder geschehen würde. „Wir müssen auf der Hut sein. Wir müssen Späher aussehenden, die nach diesen… Wie hat er sie genannt? Monster? Seltsam, dass das Volk der Mi-Cock keinen Namen für ihre Peiniger hat, die sie doch aus ihrer Heimat vertrieben haben sollen… Wir müssen diese Monster finden, bevor sie uns finden, um dann angemessen zu reagieren. Wir haben einen Vorteil, den diese Wesen nicht haben, denn wir wissen, dass jemand, wenn auch nicht WAS kommen wird. Deswegen sollten wir uns weiter mit Murdock und den seinen unterhalten, um mehr über unseren Feind zu erfahren. Seien es diese (er spricht das Wort verächtlich aus) MONSTER… Oder seien es in Wahrheit die Ma-Fag selbst. Sollte es“, fährt er mit einem beißend Ton denen gegenüber fort, die ihn für einen schwachen Führer halten mögen, „keine Monster geben, werden wir die Mi-Cock vertreiben – und weiter von unseren Spähern beobachten lassen. Sollten sie eine Finte vorbereiten, wird der Wald uns schützen. Denn ja. Dieses Volk mag uns an Kraft überlegen sein. Doch im Gegensatz zu uns, den stolzen Ma-Fag, wissen sie nicht den Wald zu lesen, was Banyardi und Paco bewiesen haben… Wir leben hier! Und! Wir sind im Vorteil! (Ruhiger) Was die Frauen betrifft, die überaus reifen und wohlgenährten Frauen der Mi-Cock, so werden wir sie – vorerst! – wie unsere Gäste behandeln. Wer weiß ob wir die starken Arme der Mi-Cock noch benötigen werden… Behandelt sie alle wie unsere Gäste! Nicht wie unsere Eroberung! Doch zuerst. In allen Belangen! Kommt unser Volk!“

Die Ma-Fag nicken. So soll man es schreiben. Und so soll es sein.

Kamyor holt mit einer Geste Masiyo zu sich heran. Sie tauschen Worte. Blicke. Ihre Schultern nicken. So wie es in diesem Stamm üblich ist, wenn sich zwei Männer verstehen. Dann winkt Masiyo, der Dorflehrer, Banyardi zu sich heran, während Kamyor die Ma-Fag zu Bett schickt.

Lass uns ein paar Schritte gehen“, lächelt der Gebildete dem jungen Mann zu. Banyardi schrenkt die Ehre, mit dem Ältesten und dem Lehrer scheinbar ein Geheimnis zu haben, das Schlucken ein.

In diesem Dschungel gibt es keine Berge, keine Erhebungen, die die Gruppe von drei Männern erklimmen könnte, um, wie in einem Film, gedankenverloren, jedoch konzentriert, auf das Dorf, dass sie beschützen wollen, hinab blicken könnten. Es gibt auch keinen See, zu dem sie und um den sie spazieren könnten, in welchem sie sich voller Kriegsromantik am Anblick des Mondes suhlen könnten. Tatsächlich gehen die Männer auch zu keiner Glaubensstätte, an welcher sie sich ungestört fühlen würden, deren Winkel und Ecken jedoch mehr als genug Verstecke für lauschende Ohren besitzen könnte. Die Drei gehen einfach ein Stück in den Dschungel. Nahe genug hinein in die grüne Lunge ihrer Welt, um nicht gehört oder beobachtet zu werden. Doch weit genug von den Kreaturen entfernt, vor denen sich jeder Menschen und auch die Ma-Fag in der Nacht in Acht nehmen müssen. Die Monster mögen dort draußen sein oder nicht. Die hungrigen und zur Verteidigung bereiten Tiere sind es auf jedem Fall.

Hier ist es gut“, spricht der Dorflehrer in die Dunkelheit, worauf Kamyor nickt, was die anderen Beiden nur schemenhaft erkennen können. Der Älteste legt seine knochige Hand kalt auf Banyardis starke Schulter. „Für dich Banyardi habe ich einen Spezialgedanken. Denn du sollst dich mit dem blonden Mädchen anfreunden… Ich habe sie in den letzten Tagen beobachten lassen und ich bin mir sicher, dass ihr Vater auf sie hören wird.“

Sie ist also die Tochter von Murdock…“ flüstert Banyardi erkennend vor sich hin.

Natürlich ist sie dass“, raunt Masiyo Fleming an. „Wir haben doch gestern darüber gesprochen!“

Vorsicht! Denkt es da in Paul Fleming/Banyardi. Zwar teilen wir einen Körper in dieser Welt, doch ich weiß nicht, was die letzten Tagen geschehen ist… Wieso nur habe ich keinen Zugang auf Banyardis Erinnerungen?…

Aber wieso ich?“, bringt Paul verwirrt hervor. „Gerade sie hat doch gesehen wie ich ihren Beschützer getötet habe! Wäre es nicht klüger gerade mich als Kundschafter von den Mi-Cock weg zu schicken?“

Leise“, ermahnt Kamyor den Jungen mit den zwei Seelen. „Wir haben dich genau deswegen ausgewählt. Weil sie gesehen hat, dass du dazu fähig bist zu kämpfen und zu töten… Die Mi-Cock sind ein körperlich überraschend starkes Volk.“

Auch wenn sie in Gefangenschaft und mit weniger Nahrung diese Kraft verlieren werden“, wirft Masiyo ein.

Möglich“, fährt Kamyor fort. „Dennoch scheinen sie im Herzen Krieger zu sein. Und Krieger verstehen oft nicht die Kunst der Verhandlung. Jedoch auch nicht der Intrige… Sie hat Respekt vor dir… Denn sie sehen dich auf einer Ebene mit ihnen… Da bin ich mir sicher… Kümmer dich um sie.“

Bei den Worten: „Kümmer dich um sie“ kam Paul, der echte, verschwitzte, wenig glamouröse und gar nicht kriegerische Paul Fleming zu seinem sexuellen Höhepunkt. Er war wieder in seiner Wohnung. Wieder alleine. Wieder. Ein Niemand. Unter Niemanden.

Nach einem Blick auf die Uhr – lächerliche 13 Stunden waren vergangen seit er nach hause gekommen war – und einem tiefen Schluck aus der Wasserflasche, blickte er, wie Menschen es in diesen Tages unbewusst machen, auf sein Handy.

Katha hatte ihm eine Nachricht geschrieben, in welcher sie sich für DIESEN Abend verabreden wollte; und Paul hatte darauf mit „Ja gerne“, geantwortet. Wenigstens stand das hier so. Auf seinem Display. Wobei sich Paul nicht daran erinnern konnte… Er war doch ständig in der Welt der Mi-Cock und Ma-Fag gewesen… Oder etwa nicht?… Wahrscheinlich… War er… Kurz wach gewesen… Und hatte vergessen, wie er sich mit Katha verabredet hatte… Vor gerade einmal 2 Stunden…

Wie konnte er so etwas vergessen?

Pauls Kreislauf klappte zusammen. So wie der Donner eines aufziehenden Gewitters, eine Grundschule zum Schweigen bringt.

Mein Junggesellenabschied mit Dixon in München und im Barfly Augsburg

Es war nicht zu erwarten, dass ich an meinem Junggesellenabschied mit Bauchladen oder Tutu durch deutsche Innenstädte oder ICEs ziehen würde. Scheiße nein. Warum seine Würde abgeben, wenn man heiratet? Ich wendete mich einfach an den meiner Freunde mit dem meisten Vorstellungsvermögen. Und ja, ich meine Geld. Zudem ist er mein ältester Freund, der nicht damit aufhören kann, mich seinen „besten“ zu nennen. Was kann da schon schief gehen?

Freund: „Ich kenn da ne voll geile Prostituierte über meinen Dealer, die für uns strippen kann!“

Ich: „Na ja. Ist ja sonst nicht soooo meins. Aber was soll´s? Ist ja nicht ein Tag wieder andere auch.“

Freund: „Okay. Koks und Stripperin!“

Eine Woche später.

Freund: „Ja das mit der Stripperin wird wohl besser nichts. Da hat meine Frau was dagegen!“

Ich: „Ähm. Okay…“

Freund: „Aber ich pack uns zwei Tussen in die Limo, die ein wenig ihre Ocken zeigen.“

Ich: „Okay… Warum nicht?“

Freund: „Cool.“

Eine Woche später.

Freund: „Jaaa… Das mit den Tittenweibern geht auch nicht… Hat meine Frau auch was dagegen…“

Ich: „Aha.“
Freund: „Muss ja nicht sein…“

Noch eine Woche später.

Freund: „Du, der Dave ist krank. Da sind wir eh nur 4 Leute, brauchen wir keine Limo! Ich fahr zum Bahnhof! Cool easy!“

Ich: „Wie? Dave ist krank? Das ist aber schade. Scheiß auf die Limo. Aber meine Freunde hätte ich gerne dabei gehabt…“

Ein Tag später.

Freund: „Wohin willst du denn zum Essen gehen?“

Ich: „Ach. Nichts großartiges. Murphys Law. Da bekommt man was zu Essen und zu Trinken.“

Freund: „Ja locker! Da muss ich keinen Tisch reservieren.“

Ich: „Ja… Ähm… Momentchen mal. Ich würde es schon ganz gut finden, wenn da ein Tische reserviert wäre…“
Freund: „Aha…“

Da wurde es mir dann langsam zu bunt. Ich wusste, dass Dixon in einer kleinen Open-Air-Bar im Münchner Olympiapark auflegen würde. Und schlug dass dann vor. Mein Freund: „Klar. Organisier dass doch mal. Ach. Und Koks gibt’s gerade keins. Willst du nicht lieber Pep?“

Ich: „Ich wollte eigentlich dieses Mal gerade kein Pep… Das ist immer so anstrengend. Und du weißt doch, dass ich ein Problem damit hatte… Aber wenn´s sein muss.“
Freund: „Dann kommst du vorher bei mir vorbei. Wir ziehen was und dann fahr ich zum Bahnhof.“

Ich: „Ich finde es eigentlich nicht so cool wenn du druff fährst.“

Freund: „Ach… Den Bullen fahr ich einfach davon…“

Eine Stunde später.

Ich: „Du. Ich hab darüber nachgedacht. Also bevor du uns druff in der Gegend herum fährst, fährt lieber meine VERLOBTE. Denn die will auch jemand haben der nicht vor der Hochzeit verunglückt!“

Freund: „Cool. Sie soll fahren.“

Und schon zu diesem Zeitpunkt war ich Bock sauer. Ich kaufte noch ein paar Dosen Mischgetränke und dann ging es los. Ich holte meinen anderen Freund ab (der auch noch Ärger wegen einer anderen Geschichte genau an diesem Tag hatte), brachte dessen Kinder noch zu gemeinsamen Freunden. Raste dann zu meinem „besten Freund“ wo wir noch schnell Pep zogen und meine VERLOBTE uns dann zum Bahnhof brachte, wo mein dritter Freund dazustieß. Ich kaufte alle Tickets für alle und dann fuhren wir los. Im Zug nach München. Yeah. Junggesellenabschied. Die Stimmung war verhalten. Wir tranken noch Alk und zogen noch etwas. Alle gut drauf. Bis auf meinen besten Freund, der schon einen Tag länger wach war und kein Wort sprach. Gar keins. Er war nur körperlich da. Schwitzte. Während die anderen sich um Schadensbegrenzung bemühten. Und ich dachte mir: Scheiß drauf. Das lass ich mir nicht kaputt machen.

Ich manövrierte unsere beschwipsten Ärsche vom HBF zum Olympiapark. Suchte die Location. Und dann ging es los. Wir wippten uns in den Sound ein. Und mein bester Freund stand an der Seite so als wäre er nicht da. Er starrte uns nur hohl an. Und A, der Typ, den wir am Bahnhof getroffen haben, sagte lachend zu mir: „Normal habe ich kein Mitleid mit dir. Aber heute tust du mir echt leid.“ Und so lächerlich es klingt: Diese Feststellung tat in diesem Augenblick unglaublich weh. Eine Nanosekunde lang hatte ich echte Tränen in den Augen. Ich hatte alles organisiert. Meine verdammte Verlobte hatte uns sogar zum Bahnhof gefahren. Zudem regnete es jetzt wie aus Kübeln in der spärlich überdachten Open-Air-Location am Olympiasee. Im Saluti da Capri.

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Der Alkohol und Dixon halfen. Und Zigaretten. Sehr viele Zigaretten. Wir drei anderen tauten langsam richtig auf. Mein bester Freund nicht wirklich. Auch wenn er versuchte guten Willen zu zeigen und ein paar Runden springen ließ. Wir anderen tanzten da so herum und machten das Beste draus. Und dann war es auch gut. Scheiß die Wand an. Wir waren hier. Es war mein verfickter Junggesellenabschied. Den hat man auch nur einmal im Leben. Der Dixon war für seine Verhältnisse auch ziemlich gut. Die letzte halbe Stunde tanzte ich sogar wirklich richtig; nicht dieses Pseudotanzen, wie man es manchmal abspult, sondern ganz versunken in die Musik. Deswegen mache ich das ja seit bald 20 Jahren.

Während die Dixon-Crew und sein Publikum weiter ins „Blitz“ zogen (wo die gleichen Djs weiter auflegen würden), hatten wir vor wieder nach Augsburg zurück zu fahren. Ins Barfly. Der Pächter ist ein alter Bekannter von uns. Und ich so zu meinem besten Freund: „Du hast schon die Gästelisten-Plätze für uns klar gemacht?“ Er so: „Ja für dich und mich.“ „Und die anderen Beiden?“ „Ja ne….“ Ich also Handy raus und dem alten Bekannten geschrieben. Der super nett und freundlich: „Kein Problem. Ich entschuldige mich jetzt schon für die Musik.“ Da musste ich schmunzeln.

Wir also wieder zum HBF, ich als Reiseleiter. Kennt sich ansonsten sonst keiner aus mit den Öffis. Am HBF dann knapp der Zug nach Augsburg verpasst. Der best friend: „Nehmen wir ein Taxi. Ich zahl.“ Eigentlich ne gute Idee. Bis wir eine Stunde oder anderthalb verloren, weil wir im Stau standen. Die Stauumfahrung des Navis funktionierte nicht. Und irgendwann war ich mit den Nerven fix und fertig. Es hatte GAR NICHTS funktoniert. Nichts. Ich war wirkich fertig als wir gegen eins oder halb 2 im Barfly ankamen, dass nur noch bis 4 auf haben würde: Ich bestellte krasse Jägermeister-Runden. Und der eine – von wem kann wohl die Rede sein? – der bis zur Taxi-Fahrt von München nach Augsburg nach München kaum das Maul aufbekommen hatte, faselte Unsinn oder redete lieber mit Türstehern – oder war gar nicht aufzufinden. Es war mir inzwischen egal. Mir war alles egal. Ich ließ es mir einfach nicht nehmen. Da war auch die volle Ladung „Backstreet Boys“ und „Britney Spears“ egal. Wir drei brachten das anständig zu Ende. Und im Taxi zurück ins Kuhkaff ging das wirre Gerede meines besten Freundes weiter. Ich war natürlich auch nicht mehr nüchtern und ließ es gut sein.

Ein paar Schlaflose Stunden später schrieb ich meinem „besten Freund“ eine Nachricht, wie enttäuscht ich von allem war. Dass ich alles selbst planen musste. Und der ruft mich an: Und gibt mir die Schuld. Schließlich hätte ICH den langweiligen DJ ausgesucht! Er hätte ja gar nicht nach München gewollt! Außerdem hätte ich so krasse Nasen Pep aufgelegt! Er wäre einfach nicht klar gekommen darauf. Ich sei der Krasse! Außerdem habe er den Masterplan in der Hinterhand gehabt! Ich hab ihn nur durchkreuzt. ER hätte eine Agentur in der Hinterhand gehabt!

Ich so: Als du nicht einmal einen Tisch im Murphys Law reservieren konntest, habe ich mir einfach Sorgen gemacht. Das war immerhin drei Tage vor dem Junggesellenabschied. Den Dixon hatte ich damals in Paris nicht gehört. Zugegeben. Warum auch nicht? Ist doch mein Tag. Da kann ich doch den DJ hören, den ich hören will! Und welche Agentur stellt innerhalb von drei Tagen einen Junggesellenabschied auf die Beine, wo man Nachts sicherlich noch ins Barfly gehen würde, was er fest eingeplant hatte? Und ich habe ihm keine einzig Line gelegt. Die zuhause hatte er sich selbst gemacht, auch die im Zug. Zwar hatte ich das Pep ausgebreitet ja, aber ich hatte auch die Verpackung viel zu weit aufgerissen und war deswegen damit beschäftigt, das überall herum pudernde Pep in einer Tempoverpackung zu retten, als er sich seine Line machte und zog. Ich machte mir meine erst danach… Es war einfach alles gelogen.

Und er. Ein unfähiger Trottel.

Das ist dabei nicht einmal überraschend, wenn man seinen ständigen Lebenswandel kennt. Wenn man aber die ganze Zeit als „bester Freund“ tituliert wird. Hätte man sich ein wenig mehr erwartet. Einfach. Irgendwas.