Wie die Industrie unsere Lebensmittel schützt

 

An meinem neuen Buch schreibe ich dank Corona wie ein Bekloppter. Die meisten Probleme für meine Handlung kann ich aus dem Internet wegrecherchieren. Internet: Ganz tolle Sache. Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, wie toll das Internet ist, dass wir es gar nicht mehr so wahrnehmen. In all seiner Geilheit der Informationsvorkommen. Extrem praktisch und hilfreich. Und eben nicht nur die Geburtsstätte von Hass, Dummheit und Fehlinformationen. Leider kann man nur nicht alles im Internet recherchieren. Für mein Buch wollte ich ganz praktisch wissen:

Kann man ein Produkt in einem Supermarkt kaufen, um dann diese gekaufte Ware in einem anderen Supermarkt noch einmal auf die Kasse zu legen? Also: Kann man für ein und dieselbe Ware zweimal bezahlen?

Ich dachte okay. Höchstwahrscheinlich zieht der/die Kassierer/in das Produkt über den Scanner und es wird via Strichcode nur der Preis angezeigt und abgerechnet. Dabei leben wir in einer digitalen Gegenwart. Ich selbst komme aus dem Lebensmittelbereich und ich weiß was Chargen-Rückverfolgungen sind; jedes Produkt (sagen wir eine Zahnpasta-Tube) ist Teil einer bestimmten Produktionscharge. So eine Charge (bestehend aus z.B. einer Palette Zahnpasta-Tuben) wird von der Produktionsfirma ausgeliefert und kann im Fall der Fälle zurückverfolgt oder zurückgerufen werden. Bei jeder einzelnen Zahnpasta kann man also genau ermitteln, aus welcher Charge sie kommt, wann und wo sie hergestellt wurde. Sogar genau welche Grundstoffe und Produktionsmittel verwendet wurden, die wiederum aus anderen Chargen hervorgegangen sind. Dazu kommen die Mengenbestände in den Supermärkten selbst. Wenn mehr verkauft wird als vorhanden, müsste es doch auffallen. Wird dies also alles vernachlässigt und nur im Fall der Fälle abgerufen – oder „stört“ meine von einem Supermarkt in den Anderen gebrachte Zahnpasta-Packung am Supermarkt-Scanner den geregelten Zahlungsablauf?

Meine „Helden“ im Buch kaufen sich ein Produkt. Öffnen es. Verändern es. Und bringen es dann wieder in einen Supermarkt. Theoretisch würde sogar das gleiche Geschäft für die Aktion ausreichen. Bei der beispielhaften Zahnpaste müsste man den Alu-Verschluss von der Tube lösen und ihn nach der Behandlung einfach wieder ankleben. Theoretisch könnte man ganze Ravioli-Dosen austauschen und/oder behandeln, um sie danach wieder in den Supermarkt zu bringen. So ein papier-Etikett ist schnell gewechselt. Denn kaum jemand achtet ja darauf, ob man ein Produkt in den Supermarkt MITBRINGT. Denn kein normaler Mensch will im Zweifelsfall für das gleiche Produkt doppelt bezahlen. Also geht das? Oder sind unsere Produkte so gut geschützt, dass die Kasse zu blinken anfängt und sagt: Dieses Produkt kenne ich nicht! Das Produkt von diesem unschuldig involvierten Kunden könnte vergiftet sein!

Also bin ich zu „Rewe“ und habe mir eine Packung „Odol-med 3“ Zahnpasta gekauft. Habe sie in den „Edeka“ mitgenommen und geschaut was passiert. Natürlich habe ich im „Edeka“ noch ein paar andere Sache dazugelegt. Und als ich dann leicht nervös am Fließband an der Kasse stand, stellte ich zu meiner Belustigung fest, wie alt und langweilig ich geworden bin. Vor 10 Jahren habe ich noch Drogen gekauft, ständig eine große Klappe riskiert und bin keinem Streit aus dem Weg gegangen (Motto: Wenn ihr Ärger wollt, den könnt ihr haben!) und nun fühle ich Depp mich wie ein kleiner James Bond, nur weil ich eine Zahnpasta-Packung zweimal kaufe. Toller Held! Lange Rede, Sinn kurz: Ja, es funktioniert. Du kannst ohne Problem Produkte zuhause öffnen und sie wieder in den Supermarkt mitbringen. Was es damit genau auf sich hat, könnt ihr irgendwann in meinem neuen Buch erfahren. Aber. Habt ihr nicht auch von diesen irren Leuten gehört, die im Supermarkt Produkte vergiften? Mit Spritzen oder sie öffnen sie oder was weiß ich…. Warum machen die Trottel das vor Ort? Und warum schützt uns die Industrie nicht vor solchen Anschlägen? Die Daten werden eh erfasst. Die Chargen sind bekannt. Wahrscheinlich ist ihnen die Sicherheit ihrer Kunden einfach zu teuer.

Die Lügen der Wissenschaftler

„Die Diktatur der Angepassten“ ist ein Lied von Blumfeld. Der Text ist bei so einem Titel selbsterklärend und kann bei Interesse gegoogelt werden. Zusammengefasst geht es darum, dass die, ich sage mal, Durchschnittsmenschen, die mit dem System schwimmen, es aufrechterhalten und damit Millionen Menschen töten und den Planten gleich mit. Stimmt natürlich soweit. Oder? Ich bin jetzt kein Fan von Blumfeld. Ich hab die gar nicht auf dem Radar. Sie schwirren mir nur im Kopf herum. In dieser Zeit der Corona-Verschwörungstheorien (gelten Theorien nicht solange, bis sie widerlegt wurden?) klingt das gleich ganz anders: „Die Angepassten“ sind die, die sich für „dummverkaufen lassen“. Die Unangepassten müssen dann also die Klugen sein. Die Weitsichtigen. Die Alles in Frage stellen und auf die RICHTIGEN Ergebnisse kommen. Stimmt nur leider auch nicht. Freidenken und eigene Schlüsse ziehen ist eine tolle Sache. Ich bin großer Befürworter der dialektischen Denkmethode. Verschwörungstheoretiker (ich mag das Wort irgendwie nicht, klingt wie ein Oxymoron) behaupten immer, sie würden sich an Fakten halten. Dabei verdrehen sie, sie in den meisten Fällen nur, bis sie in ihr Weltbild passen. Oder sie glauben gleich irgendeinen Unsinn, den sie auf Whatsapp von „Manne“, „Frauke“ oder „Udo“ geschickt bekommen. Und das wird dann geglaubt. Da wird nicht einmal googelt, ob es im großen, schier unendlichen Internet eine andere Erklärung für diese kruden Videos gibt, die man sich so gerne ansieht. Ja. Videos. Die aber auch bitte sehr kurz. Zu lange ist langweilig. Und bitte auch nicht zu kompliziert. Und bitte bloß keinen längeren Text. Sonst steigt man eh gedanklich aus und wischt die Message weg. „Memes“ sind noch die beste Form von Verschwörungsbildung. Kurz. Knackig. Einfach. Ich will damit nicht einmal sagen, dass die Leute zu dumm sind um komplizierte Zusammenhängen zu verstehen. Sie sind nur zu faul. Zudem wissen sie nicht, wie wissenschaftlich gearbeitet wird. Was für Anforderung an eine Aussage geknüpft werden müssen, um sie fundiert (also wissenschaftlich) zu treffen. Es geht nicht um Gefühle. Dabei ist es so einfach:

Ich bin Bierbrauer. Und ein Bierbrauer ist ein Bierbrauer. Ich kenne nen Typen, der mag solche Whatsapp-Sachen sehr. Er liebt sie. Und der ist Schweißer. Und ein Schweißer ist ein Schweißer. Eine andere Bekannte von mir die gerne die bescheuerte „Bill-Gates-Corona“-Geschichte unterstützt arbeitet im Supermarkt. Und die ist… Nennt man das heute Kassierer? Nun. Sie räumt Regale ein und so. Ihr wisst schon. Und auch wenn ich das nicht schlecht reden will, macht sie halt unter anderem das. Und das ist in Ordnung. Es ist in Ordnung Bierbrauer zu sein. Es ist vollkommen in Ordnung Schweißer zu sein. Und es ist auch vollkommen okay, Regale einzuräumen oder sie über den Kassen-Scanner zu ziehen (auch wenn es diese Tätigkeit in Zukunft vlt so nicht mehr geben wird – siehe: Systemrelevanz… Egal). Es ist legitim diese oder andere Jobs zu haben. Würde die Gesellschaft diese Jobs nicht benötigen, gäbe es sie nicht mehr. Aber ein Schweißer ist halt kein Wissenschaftler. Ebenso wenig wie ein Bierbrauer Wissenschaftler ist. Ich lasse mir auch von einem Astrophysiker nicht erzählen, wie und unter welchen hygienischen Umständen ich Bier in Fässer abzufüllen habe. Ebenso wenig erkläre ich ihm, was auch immer ein Astrophysiker im Konkreten so treibt. Und das ist vollkommen in Ordnung. Das ist sogar logisch. Heute. In Zeiten der Überinformation denkt bloß jeder Bierbrauer oder Schweißer, er wäre ein Wissenschaftler/in. Wieso? Weil er einen Artikel auf Spiegel Online (hier in alter Schreibweise) gelesen oder KenFM ihm was erzählt hat? Das bedeutet doch nichts. Das sind nur verknappte und verdichtete Teilinformationen (bei KenFM eher nicht), die jedem verständlichen sein und eine breite Masse eine Ahnung von dem geben sollte, was Wissenschaftler/innen erforscht haben. Und ja. Auch die Wissenschaft kommt nie zu Ende. Es ist ein stetiger Prozess des Umwerfens, Forschens und Neubewertens. Wie bei allen Dingen gibt es Erkenntnisse, die mehr oder weniger feststehen, auf die sich eine ganze Berufsgruppe einigen kann. In hundert Jahren sieht es damit vielleicht wieder ganz anders aus. Aber dennoch gibt es evaluierte Fakten, mit denen man arbeiten kann. Wissenschaftlich.

Früher gab es einen gesellschaftlichen Konsens. Du machst mir z.B. ein Bier, ich erforsche Viren. Und man hat gesagt ja, das passt schon so. Was weiß ich vom Viren? sagt der eine. Was ich von Bier? Dann war es in Ordnung. Prost! Heute denkt jeder, er würde a) betrogen werden oder b) es besser wissen als Leute, deren Beruf es ist, es anders zu wissen. Was soll das? Man ist nicht dumm wenn man Leute vertraut, die etwas gelernt haben. Du kannst nun mal nicht alles wissen, auch wenn dein Smartphone dir vorspielt, du könntest es. Der Sinn einer Gesellschaft. Der Menschheit. Der Sinn deines eigenen Lebens. Das kannst du alles nicht googeln. Du kannst das Internet nach hilfreiche Teilaspekten durchforsten. Wie funktioniert ein Auto-Motor? Was ist eigentlich die Sonne? Warum können Fische unter Wasser atmen? Das kann man alles im Internet nachlesen. Gib „sag mir den Sinn des Lebens“ ein, wirst du keine befriedigende Antwort bekommen. Es ist zu komplex. Und es ist zu subjektiv. Und das ist in Ordnung. Denn es gibt keine leichten Antworten für komplexe Zusammenhänge. Und in den Tagen in der wir heute leben, ist es plötzlich zu einem Anzeichen von Schwäche geworden, Dinge nicht zu wissen oder zu verstehen. Warum? Es ist unmöglich alles zu wissen und zu verstehen. Es ist nicht einmal gesund zu allem eine Meinung zu haben. Deswegen gibt es den Konsens. Ich mache dir Bier. Du machst mir Viren weg. Prost! Und jetzt heißt es plötzlich: „Wie? Du glaubst Wissenschaftlern?“ Ja wem denn sonst? Du glaubst doch auch, dass das Bier das zu gerade trinkst mit bestem Wissen und Gewissen hergestellt wurde! Aber Wissenschaft lässt sich missbrauchen! Ja sicher lässt die sich missbrauchen! Ich kann dir auch ein vergiftetes Bier hinstellen. Geht ganz einfach (Räusper). Man muss halt auch Vertrauen haben. Vertrauen in die Gesellschaft. Und Vertrauen in die Kontrollmechanismen. Und plötzlich wird man als „Mitläufer“ oder eben (wieder bei Blumfeld) als der mit der „angepassten Meinung“ abgestempelt. Warum? Weil ich kein Wissenschaftler/in bin und bestimmte Dinge annehmen muss? Weil es vernünftig ist, an gewisse Klischees des Zusammenlebens zu glauben? Das nimmt krude Formen an. Plötzlich stehe ich da und muss in der Arbeit die Politik von Angela Merkel verteidigen – hätte ich so jetzt auch nie gedacht…  Ich! Wozu mich diese Verschwörungsbesessenen treiben! Aber es ist halt auch vernünftig zuhause zubleiben wenn es eine Krankheit gibt, für die es kein Gegenmittel gibt… Und jetzt haben die Menschen schon Angst vor einer Impfung, die noch gar nicht entwickelt wurde. Das ist echt das allergeilste…

Kritisch sein. Natürlich. Seid kritisch! Immer und überall. Wenn ihr unbedingt glauben wollt, der Virus sei irgendwo ausgebrochen: Okay! Das ist eure Meinung. Wenn ihr glaubt der 11.9 war ein Komplott, glaubt das auch. Wie ihr wollt. Meinung soll jeder haben und sie auch vertreten dürfen. Aber es ist ein Unterschied ob ihr euch und andere durch eure Meinung gefährdet.

„Man darf ja nichts mehr sagen“. Das regt mich auch so was von auf. Wenn du in einem Land lebst, in dem man nichts mehr sagen darfst, dann darfst du es WIRKLICH nicht. Die sperren dich ein. Die bringen dich um. Da hast du keine 2 Millionen Follower. (schöner Sidekick: „Der hat 2 Millionen Follower! Der muss Recht haben!“ „80 Millionen glauben aber was Anderes.“ „Du wirst doch nicht dem glauben, der in der Mehrheit ist!!!“ „Momentmal, hast du nicht gerade genau andersherum argumentiert?“).

Hab mich ein wenig verrannt… Sorry.

Zurück zu Blumfeld. Mich würde mal interessieren was diese ganzen „Anti-Künstler“ jetzt zu ihren Texten sagen. Die „Revolution“ die sie immer besungen haben. Das „Dagegensein“ gegen die Angepasstheit. Und jetzt seht ihr wer euch folgt. Nicht einmal Menschen mit Zweifel. Nein. Die Deppen. Die Deppen, die glauben, mehr zu sein als sie sind. Ungebildete Narzissten.

Also ja. Ich oute mich jetzt: „Ich weiß nicht alles. Ich bin nicht Gott.“ Bist du es?

Ach ich hab keinen Bock mehr.

Zertifiziert geht die Welt zugrunde. Oder: Die Deutschen – auf ewig Nazis?

Okay, krasser Titel. Vielleicht ein wenig überspitzt. Dabei will ich auf ein etwas anderes Thema hinaus, als der eine oder die andere vermuten. Es ist allseits bekannt, dass die Deutschen (wir Deutschen) nicht die größten Völkermörder aller Zeiten sind. Mao und Stalin hatten viel mehr Menschenleben auf dem Gewissen als Hitler (hier geht es um die reinen Zahlen an Ermordeten). Dennoch sind die Nazis als die größten Völkermörder aller Zeiten in die Geschichte eingegangen. Diese Annahme fußt darauf, WIE unsere Vorfahren gemordet haben: Kalt und industriell. Jeder kennt die abscheulichen Bilder aus den Konzentrationslagern. Berge von ausgehungerten, zu Tode gequälten Menschen. So einen Wahnsinn an korrekt geplanten und durchgeführten Massenmord haben die Deutschen exklusiv.

Schlagen wir den Bogen zurück zur Überschrift. Ich mache ja gerne extreme Vergleiche. Und wenn man sieht wie Deutschen nach der Nazi-Zeit die Industrialisierung vorangetrieben haben. Mit extremer Genauigkeit. Detailversessenheit. Korrekt bis auf den letzten Millimeter ihrer Auto- und sonstigen Produktion. Engagiert auch das kleinste Problem mit deutscher Ver- und Besessenheit zu lösen und zu optimieren. Nun. Da drängt sich mir die Frage auf, ob die Deutschen mit ihrer überzogenen Art industriell und penibel zu arbeiten, nicht genau da weitergemacht haben, wo die Nazis aufgehört haben. Denn die Industrialisierung wird aus der heutigen Perspektive nicht nur als die Bahnbrechende Idee angesehen, die uns alle reich gemacht hat. Sie gilt auch als das Werkzeug, welches die Existenz der Menschen auf diesen Planeten gefährdet. Doktor Mark Benecke zufolge lässt sich der Klimawandel nicht mehr aufhalten und das Schicksal der Menschheit so wie wir sie kennen ist auf kurz oder lange besiegelt. Und wer hätte den Klimawandel stärker befeuert als die tüchtige Leistung aus deutschen Industrie-Schloten? Wenn wir in der Arbeit gute Dinge (Werkzeuge, Produktreste oder das Produkt selbst – in meinem Fall „Bier“) unter dem Deckmantel, dass wir ein Zertifizierter Betrieb sind und Vorgaben erfüllen müssen, einfach wegschmeißen oder sonst irgendwie vernichten, obwohl sie noch „gut“ sind, sage ich gerne meinen Slogan: „Zertifiziert geht die Welt zugrunde.“ Und das stimmt.

Ich bin mir sicher, dass die Deutschen noch ein paar Tage vor ihrer Auslöschung darauf bestehen werden, alles KORREKT zu machen. Bis auf die Zahl nach dem Komma. So sind wir nun einmal. Besonders ich. Wir machen die meisten Dinge exakt wie ein Nazi. Und. Um den Deckel auf meine These zu machen. Vielleicht werden unsere Nachfahren eines Tages auf die Generation meiner Väter zurückblicken. Die Vater-Generation. Also die Nachgeborenen des Krieges. Die auf eine andere Art, unbewusst, doch mit überdeutscher Präzession genau dort weitergemacht haben, wo die Nazis aufgehört haben: Mit ihren Taten auf industrielle Weise so viele Menschen wie möglichen zu töten. Nicht mit Absicht. Doch mit deutscher Genauigkeit. Wenn es darum geht Vorgaben zu erfüllen machen die Deutschen Millionenüberstunden. Die Schlote müssen für uns immer qualmen. Egal ob es Leichen sind, die wir in unseren Öfen verbrennen. Oder ob der Rauch das Klima erwärmt und wir alle Menschen für unseren Wohlstand opfern. Korrekt muss es nur sein. Bis auf die zweite Stelle nach dem Komma. Ich weiß, gewagte These. Na und?

AnnenMayKantereit in Neu-Ulm. Es war der 23.02.2020. Konzert-Erfahrung

Die auch noch? Ja. Die auch noch… Mit ihrem Debüt-Album gingen mir die vier Lappen ordentlich auf die Nerven. Dämliche Abiturienten-Band. Damit. Verband mich nun wirklich überhaupt nichts. Pocahontas überall. In der Arbeit nennen sie AnnenMayKantereit nur „der Pocahontas“. Soweit, so egal. Dann kam natürlich das unvermeidliche Lied mit KIZ. Und ja. Das war richtig gut. Jeder fand es gut. Und es war TROTZDEM gut. Obwohl sich jeder darauf einigen konnte. Dann schiss mich Youtube Monatelange mit „Ich geh heut nicht mehr tanzen zu“ aus ihrem zweiten Album zu. Ständig war es in den Vorschlägen. Und irgendwie blieb ich und dann auch meine Frau total auf dem zweiten Album „Schlagschatten“ hängen. „Das du so was hörst…“, wunderte sich meine Frau. Und dann sangen wir es zusammen. Und. Es wurde so etwas wie ein Schicksals-Album für meine Frau und mich. Nicht nur weil „Schlagschatten“ die ganze Zeit hoch und runterlief als wir letztes Jahr umgezogen sind. Es markierte auch den Punkt, als alles richtig scheiße wurde letzten Sommer. Als unser Leben abgrundtief in Scherben lag. Nachdem unser Kind gestorben war. Da wurde dann kein leichtes „Vielleicht Vielleicht“ mehr von AMK gehört. Es war Ende mit AMK. Das Album wurde unhörbar. Aber. Natürlich. Wollten wir mit den Monaten, mit der Zeit wieder zurückkehren in die eigentliche Normalität des Lebens. Und damit auch wieder zurück zu AMK. Es ist ehrlich gesagt einfacher als man es glauben mag äußerlich in sein normales Leben zurückzukehren. Innerlich bleibt man trotzdem… Nicht gleich tot. Aber. Es geht ein Teil von dir selbst verloren, mit so einem Schicksalsschlag. Das Lachen wird verlernt. Und wenn man lacht. Klingt es für dich selbst verlogen. Auch heute noch. Nun. Egal.

Das Konzert von AMK war unser erstes als so geplantes Sitzplatzkonzert. Und es wurde ein gutes Konzert. Ich war noch nie in der „Ratiopharm“-Arena in Neu-Ulm. Dafür aber ordentlich erkältet. Die Erkältung hatte ich mir vermutlich bei Deichkind geholt. Vielen Dank dafür. Deichkind und AnnenMayKantereit kann man selbstverständlich gar nicht vergleichen. Schließlich man macht es halt doch. Bei zwei Konzerten in der gleichen Woche liegt das nahe. Das Ergebnis des Vergleichs ist ein: Sind beides gute Bands, die einen ordentlichen Spirit erzeugen können. Von ihrer Art her halt total unterschiedlich. Leider. Und da hätte ich mich nach Deichkind gut dran gewöhnen können. Gab es eine Vorband bei AMK. Die wirklich kein Mensch gebraucht hat. Fürchterlich unwichtig. Dann AMK. Erst mit kleiner Bühnen. Bis dann die Vorhänge gefallen sind. Das kleine, karge Bühnenbild zu Beginn war ein wenig anbiedern an die alten Zeiten, als die Band noch Club-Konzerte oder gleich auf der Straße spielte. Wir sind ja so mega down-to-earth. Nun. Mir egal wieviel Peseten die Band auf der langen Bank haben. Das Image passt. Und jedem muss klar sein, dass so eine Band ordentlich Geld verdient. Sollen sie doch.

Los ging es mit „Marie“ und dann kam „Wegen dir“ (heißt das so?). Also original die ersten Lieder vom zweiten Album in Reihenfolge. Okay. Ich war doch ziemlich angeschlagen und saß dann tatsächlich fast die ganze Zeit. Meine Frau hopste daneben so rum. Sehr gut. Ansonsten war das Publikum schlechter als die Band. Anders als erwartet war das Konzert gar nicht so ein Kinderkonzert. Klar. Vor uns hüpften zwei so 16 jährige Mädels rum, die sich wie Bolle freuten, als wäre es eine Mega-Überraschung, das alle Hits gespielt wurden – süß.  Insgesamt waren die Leute in Neu-Ulm so eher Mitte 20. Und den Tanzschuh hatten die nicht an. Egal. Die Band spielte ihre Mitsing-Hits und dann leider viel zu viel neues Material. Neue Songs zu spielen (gerade zum ersten Mal), macht so ein Konzert immer außerordentlich authentisch. Es klingt halt nicht so wie vom Band runter. Und sich dann auf eine zweite Mini-Bühne mitten im Publikum zu stellen, kommt ja seit Kraftklub eh immer gut an. Wobei man da auch wieder an die Straßenmusiker zurückdenken soll und kann. Nur. Um wieder darauf zurückzukommen. Zogen die neuen Songs nicht besonders. Das klang einfach zu einfach. Da fehlte die Dichte in der Erzählung und der Sog der Arrangements. Machte Spaß. Okay. Nett. Aber nett ist halt auch nur…

Später dann natürlich „Pocahontas“ und „Barfuss am Klavier“. Und „Ich geh heut nicht mehr tanzen“. Gute Band-Performance. Sympathisches Auftreten. Eigentlich auch mit genug Druck von der Bühne, wenn denn dann doch mal Lieder gespielt wurden, die nicht gerade einer ausm Urlaub mitgebracht hatte. „Ausgehen“, der letzte Song des Abends gehört für mich eindeutig zu dieser Kategorie. Da könnte ihr auch gleich Schlager machen.

Trotzdem. Ich würde eindeutig wieder zu AMK gehen. War schon irgendwie geil. Dann aber gesund, bitteschön. Und Leute aus Ulm und Neu-Ulm. Wacht doch mal auf. Wenn man schon mal tanzen kann.

Absolution 44 – Liebe hat nichts damit zu tun

„Ende gut. Alles gut“, sprach Paul wortwörtlich in sich hinein. Pflichtbewusst und pünktlich wie immer stand die Sonne am Himmel und schien auf all die glücklichen wie unglücklichen Ameisen auf den Planeten Erde hinab. Katha und Paul hatten zusammen gefrühstückt und auch das hatte gut funktioniert. Schließlich waren sie seit Jahren befreundet gewesen, bis diese Nacht unwiderruflich alles verändert hatte. Der gemeinsame, frisch aufgebrochene Alltag fühlte sich ebenso seltsam wie natürlich an.  Sie hatten die Semmeln mit Frauen-Brotaufstrichen beschmiert, dessen Geschmacksrichtungen ebenso fremd gewesen waren, wie die Topfpflanzen an Kathas Fenstern. Der Kaffee war ein wenig zu schwach, was in Ordnung war. Dabei tönte irgendein Radiosender aus der kleinen tragbaren Anlage. Auf eine seltsam lustige Art zauberte die Radiomusik die größte Verwunderung in Pauls Lachen: „Tatsächlich, ich höre Radio – und es gefällt mir.“ Er musste es nicht aussprechen. Katha kannte Pauls Verhältnis zur Radiomusik, die er immer als „Volksverblödung“ abgetan hatte. Nun nickte er lächelnd mit, während die Sonne ihre ersten Strahlen auf Kathas wunderschöne Erscheinung warf. Sie beobachtete ihn genau. Sah die Verwandlung einsetzen die sie für ihn geplant hatte und erfreute sich an ihrem „Freund“; was immer dieser Ausdruck im Deutschen bedeuten konnte.

Pauls Herz schlug spürbar locker und fröhlich vor sich. Er konnte sein eigenes Herz spüren, vor Freude. Ein Gefühl, das er kaum mehr kannte. Sein Herz war ihm bisher nur aufgefallen, wenn es unverhofft und unnatürlich in seinem Herzen vor sich hin stolperte, sich scheinbar überschlug. Die Frage ob er Katha gegenüber echte Liebe empfand, stellte sich nicht. Dafür war er viel zu heiter und ausgelassen. Die großen Fragen mussten warten und würden, der Methode der Erfahrung folgend, erst im Nachhinein beantwortet werden, wenn alles zu spät war. So. War es immer gewesen.

Als Paul seine Wohnungstür geschlossen hatte, überlegte er 5 Sekunden lang, wie der Tag weitergehen würde. Es war ein Sonntag und Katha hatte sich schon beim Frühstück entschuldigt, dass sie heute mit Familiendingen beschäftigt sein würde – am liebsten hätten sich die Beiden nach dem Frühstück gleich wieder zurück ins Bett verdrückt, um es nie wieder zu verlassen. Doch da das nach all den Jahren, die die Vorbereitung der Katha/Paul-Geschichte benötigt hatte, die vergangene Nacht nun doch mehr als überraschend doch zustande kam, mussten die Stelldicheins auf die kommende Woche verschoben werden. Paul hatte den Rest des Tages frei. Nur. Was machen „normale Menschen“ an einem freien Tag? Familie hatte er erst gesehen; und eh keine Lust drauf. Was mit Fettsack machen? Chris? Na ja. Wäre eine Möglichkeit. Aber. Irgendwie schien das eine zu darke und deepe Wendung genommen. Vielleicht sollte er die mal in Ruhe lassen.  Tatsache war: Paul hatte noch Amphetamine da. Einen guten Haufen sogar. Ganz sicher. Die Frage war nur, ob das jetzt überhaupt noch Sinn machte. Jetzt wo er im echten Leben das hatte, was er sich Jahrelang so gewünscht hatte…  

Der Kopf musste die Frage gar nicht beantworten. Pauls Körper lief wie ferngesteuert los und holte mit einem gekonnt blinden Griff sein Pep vom Küchenschrank. Ja. Ja. Das war ja alles ganz toll mit Katha. Er war so glücklich. Wahrscheinlich liebte er sie wirklich. Aber. Nur. Er war halt auch ganz gerne richtig gut drauf. Da musste er ehrlich zu sein selbst sein. Warum nicht einfach ein paar Lines platt machen und sich noch einmal in die letzte Nacht zurück träumen? Denn. Genau. Das würde er jetzt machen. In der Drogenerinnerung noch einmal seine Seele über Kathas Körper gleiten lassen. Im Rückspiegel noch einmal ganz nah bei ihr sein. So wie FRÜHER. Nichts da mit irgendwelchen Fantasy-Urvölkern. Das war doch nur ein hohler, blöder Ersatz für einen Mangel an Liebe gewesen. Jetzt musste er sich nicht mehr dorthin verabschieden. Denn nun war alles anders. Jetzt. War Katha. Okay. Penibel ausgedrückt war jetzt Drogenzeit. Nicht Katha. Mit Liebe hat das aber nichts zu tun. Dann saugte er gleich noch eine dritte Line in sich hinein. Sein Leben konnte gar nicht besser sein.

Das übersteigerte Bewusstsein der Menschen

Beim Frühstück im Urlaub mit Ei im Mund kann man sich die wunderbarsten Fragen stellen. Schön, wenn man zu viel Zeit hat. Ein Zustand, den ich mir selbst selten zugestehe. Dumm wie ich bin. Gerade poppte die Frage in mir auf, weshalb der Mensch beim Sex Lust empfindet. Würde der Mensch keine Lust beim Sex empfinden, hätten wir sehr viele Probleme auf dem Planeten weniger. Es gäbe nicht nur weniger Kriege auf dem Planeten (spontan muss ich da an die alten Griechen denken: Paris, der mit Helena durchbrennt – zum Thema Liebe kommen wir später – worauf das Resultat Krieg ist) auch die Pubertät wäre viel leichter zu ertragen usw. usf.

Die Lust wurde in vergangenen Zeiten oft als „viehisch“ bezeichnet, was für mein Befinden totaler Unsinn ist. Sexuell erfüllt sieht ein Fisch beim Laichen nicht aus. Zugvögel pimpern auch nicht unkontrolliert voller Lust in der Gegend herum, sie warten viel mehr auf die richtigen Umstände um eine Nachkommenschaft zu gründen. Und auch bei den Säugetieren wird nicht jeden Tag gevögelt bis zum geht nicht mehr. Die Tiere ficken eigentlich mit viel mehr Vernunft als wir Menschen, unsere Art, die mindestens ein Jahrzehnt im Leben extrem, wenn nicht gar ein ganzes Leben lang auf Sex fixiert ist. Ich hab auch nie davon gehört (wie immer kann ich gerne darüber berichtigt werden), dass sich Affen oder Löwen stundenlang zum Kuscheln und tagelangen Ficken irgendwo verstecken würden. Klar. Der Affe verhält sich ähnlich wie der Mensch (oder war es umgekehrt?), jedoch bei weitem nicht so extrem.

Zusammengefasst: Extremer Sex und Perversionen (gibt es die heute überhaupt noch in unserer hyperliberalen Gesellschaft?) sind typisch menschliche Eigenschaften. Niemand lebt und empfindet seine Lust so sehr wie wir.

Bei unserer Gattung wird gerne mit der Vernunft argumentiert. Wir Menschen sind die Vernunftgesteuerten, die ein Bewusstsein über ihr Tun besitzen. Was richtig ist. Bewusstsein ist genau dass, was uns vom Tier unterscheidet. Aber macht uns das per se vernünftiger? Es ist ein alter Hut wenn ich jetzt mit der Zerstörung unseres Lebensraumes komme (was ich an dieser Stelle leider muss), so wie all den unvernünftigen Entscheidungen, die ein Mensch im Laufe seines Lebens trifft, sei es nun Selbstzerstörung (Rauchen, Trinken, Drogen, usw.) oder Selbstvernachlässigung (falsche Ernährung, falsche Entscheidungen usw.). Zwar können wir auch Flugzeuge und Smartphones bauen. Aber der Mensch ist nicht von seinen Grundzügen aus vernünftig. Er ist vernünftig genug um durch den Alltag zu kommen und viel zu alt zu werden. Dabei kann er aber auch gleichzeitig höchst unvernünftig agieren. Eben. Weil der Mensch bei „Bewusstsein“ ist (was auch immer das bedeuten soll). Der Mensch ist sich nämlich nicht nur dessen bewusst, dass er tot ist wenn er von einem Auto überfahren wird. Er ist sich auch dessen bewusst, wie viel Spaß es macht schnell Auto zu fahren oder viel Sex mit vielen verschiedenen Partnern zu haben; zwei Punkte, die gute Beispiele dafür sind, wie der Mensch sich selbst schadet und seine Art zerstört. Der Mensch hat ein übersteigertes Bewusstsein entwickelt, dass ihm bestimmte Dinge wichtiger erscheinen, als im Einklang mit sich und seinem Planeten zu leben. Dabei ist noch kein einziger Mensch außerhalb des Planeten gestorben (höchstens vlt noch in dessen Atmosphäre). Das ist von einem vernünftigen Standpunkt ausgesehen gelebter Wahnsinn. Ebenso ist der Humanismus den ich vertrete, gelebter Wahnsinn. Es gibt nun einmal viel zu viele Menschen, die nicht mehr im Einklang mit der Natur leben – eigentlich fast alle. Wäre es da nicht vernünftiger Milliarden von ihnen zu vernichten um die Menschheit an sich zu retten? Wäre es nicht am Klügsten vor allem alle „erste Welt-Menschen“ auszurotten, da wir maßgeblich an der Vernichtung unseres Lebensraumes beteiligt sind? Sind wir denn nicht die eigentlichen Wilden, die ihr Leben wie wild und ohne Rücksicht auf Verluste führen? Gehören denn nicht gerade die Deutschen ausgerottet? (Hier: gewollte Provokation).

Das Problem mit dem menschlichen Bewusstsein ist halt leider, dass sich unser Bewusstsein nur auf die Gegenwart bezieht. Wir können nur agieren, wie wir jetzt agieren. Natürlich können wir uns Dinge vornehmen, scheitern aber meistens doch ziemlich schnell an der Feststellung, dass es anders oft sehr viel leichter ist. Nämlich in dem wir bewusst auf die Zukunft scheißen. Jetzt geht es mir doch bewusst gut, was sollte mich die Zukunft interessieren? Oder was juckt es mich was woanders auf dem Planeten geschieht? Bewusstsein ist immer mit Ort und Gegenwart verbunden. Und ja, wir können lernen dieses Bewusstsein an einer höhere Vernunft anzukoppeln, um so unseren Lebensstil zu ändern (ähnlich wie wir uns die Regeln des Straßenverkehrs als göttliche Gebote eingeprägt haben), nur leider geht vorher alles den Bach runter, bevor wir unser Bewusstsein maßgeblich der veränderten Lebenslage angepasst haben. Das Umlernen dauert einfach zu lange.

Unser Bewusstsein ist also eine unfertige Sache. Ebenso wie unsere Vernunft. Und wir bilden uns so viel darauf ein. Dabei müssen wir nur einen scharfen Traummann/frau sehen, um unser ganzes Leben in Frage zu stellen. Oder nur ein Kind auf die Welt bringen. Um sämtliche Liebe die wir haben auf das Kind zu fokussieren – um ab diesem Zeit in den meisten Fällen alle andere Menschen als Untermenschen und weniger wichtig zu erachten.

Liebe ist nicht nur unsere Antriebsfeder. Liebe tötet uns.

Da ist ja auch das Geile: Wir Menschen sind bipolare Wahnsinnige, die auch noch stolz darauf sind und uns für sehr vernünftig halten. Selbst wenn die Lust unser Leben bestimmt. Nicht immer. Oft aber in den entscheidenden Momenten. 

Wir brauchen. Eine neue Form von Vernunft.

Dafür stehe ich hier mit meinem Namen.

Absolution – 32 – Gehen wir noch zu dir?

Sie verließen den Club nicht allzu spät (4 Uhr morgens) und fuhren mit der Bahn zurück. Katha und Paul taten so, als wären sie normale Freunde, während Sarah sichtlich von Miguels Annäherungsversuchen genervt war. Miguel erzählte ständig Geschichten um irgendwie doch noch interessant auf Sarah zu wirken, auch wenn seine Erzählungen an Belanglosigkeiten kaum zu überbieten waren; nur die über Story einer ihm bekannten Lesbe fand echten Anklang und Diskussionsbedarf. Die beschriebene Lesbe sei (laut Miguels dramatischer Darstellung, bei der er nicht aufhören konnte zu betonen, wie absolut wahr die Geschichte sei) ständig schwanger, da sie – Hölle Kleinstadt – ständig mit Typen ins Bett stieg, da es „auf dem Dorf“ keine LGBT-Szene gab, zu der sie sich zählen und von der sie zehren konnte.

Tatsächlich hasst sie Männer mit ihren dummen Schwänzen. Es ist eine megamiese und eklige Situation. Sie ist nur so einsam, dass sie dann doch jeden über sich drüber lässt“, erklärte Miguel Achselzuckend.

Das ist ja wohl das Dümmste was ich jemals gehört habe“, verdrehte Sarah ihre Augen.

Aber es ist wahr!“

Sarah weiter: „Du hast doch gar keine Ahnung wie sich eine lesbische Frau fühlt! Die würde doch niemals! Das ist doch lächerlich! Aus Einsamkeit!“
Katha seufzte: „Ich kann schon verstehen aus sexueller Not lesbisch zu werden.“ Sie lachte noch schnell ein wenig falsch ihrer Aussage hinterher.

Was weißt DU denn davon lesbisch zu sein?!“ ging Miguel Sarah an. „Die Story ist wahr!“

Das ist doch nur eine Männerphantasie!“ lachte Sarah Miguel aus und die Frauen lachten zusammen.

Vielleicht ist das ganze Leben nur einer Männerphantasie“, setzte Paul mit einem schiefen Lächeln hinzu. Worauf nun Miguel zu Lachen begann und Paul, der gar nicht verstehen konnte warum, High-Five geben wollte. Es war wie immer: Keiner verstand irgendwen und alle redeten aneinander vorbei.

Die Umarmung zwischen Katha und Paul war merkwürdig und schön zu gleich. Dann öffnete sich die Zugtüre, worauf Miguel und sie aus Pauls Blickfeld entschwanden. Paul glaubte noch, bevor sich die Türe mit dem typischen mechanischem Rucken schloss, zu hören, wie Miguel sagte: „Ich hab die Alte doch AUCH geknallt!“

Vielleicht. War auch das nur eine Einbildung gewesen.

Puh“, seufzte Paul. Das war ja irgendwie eher beschissen gelaufen.

Ja… Puh…“, meinte Sarah mich hochgezogener Augenbraue. „Du bist´n Idiot.“

Wieder sein schiefes Lächeln. „Ja… Das bin ich wohl…“

Weißt du noch als wir in Stuttgart waren? Bei Carl Cox?“

Klar weiß ich das. Der war suuuper.“

Genau. Was du aber nicht mitbekommen hast, war, dass Katha dich da schon die ganze Zeit wie blöde Angegraben hat.“

Echt? Ja… Ne… Das weiß ich nicht mehr… Das denkst du dir doch gerade aus… Das ist doch… Monate her…“
„Du Idiot. Ich saß hinter euch im Zug zurück, als Katha zu dir sagte, dass ihr zwei doch bestimmt noch zu dir gehen würden. Und du dann so (verstellte Männerstimme) WAS WOLLEN WIR DENN BEI MIR??!!! NENENE! ICH GEHE JETZT SCHÖN ALLEIN NACH HAUSE! ES REICHT JA WOHL LANGSAM MIT FEIERN!“

Wirklich?“ Ein kurzes, echtes Lachen. „Das habe ich überhaupt nicht überrissen…“

Weil du ein Idiot bist. (Pause) Weißt du. Katha ist ein zu gutes Mädchen als dass sie das verdient hätte… Und das wird sie auch nicht ewig mitmachen.“

Die Haltestelle kam und sie stiegen aus.

Du bist´n Idiot Fleming“, sagte Sarah noch während der Abschiedsumarmung. Als sie sich getrennt haben zuckte Paul wieder mit den Schultern: „Ich weiß…“
„Irgendwann wird sie weg sein. Du… Magst sie doch? Oder?…“

Ich mag sie sogar sehr.“

Dann hör auf so ein Idiot zu sein!“

Wirst du mich jetzt immer so nennen?“

Oh ja. So lange bis du die Sache hinbekommen hast. Und hör auf dich ständig zuhause einzusperren. Warum auch immer…“

Ich hab dich lieb.“

Fick dich Paul.“

Lachend und Kopfschüttelnd trennten sie sich.

Auf dem Nachhauseweg war Paul klar wie der Tag weitergehen würde. Der PC und das Speed warteten schon auf ihn. Und trotzdem war er fassungslos darüber, dass er die Avancen Kathas nicht gerafft hatte, sondern heute wie damals nur nach Hause wollte, um weiter in seine Träume zu fliehen. Träume von Katha. Träume von der Zukunft. Träume davon, es beim nächsten Mal besser zu machen.

Nicht um des Sex willens.

Für die Liebe.

Auf gar keinen Fall würde er in die Welt der Ma-Fag zurückkehren. Für so einen Unsinn hatte er nun wirklich keine Zeit. Er musste sein Liebesleben auf die Reihe bekommen.

Nein. Sein ganzes Leben.

Nur ein Traum

Wie meistens in meinen Träumen war einiges unklar. Irgendwas war da mit einem Gefangenlager im zweiten Weltkrieg. Definitiv kein Kriegsgefangenenlager von patriotischen Vaterlandsverteidigern, woher auch immer. Aber darum ging es auch gar nicht. Ich. Irgendwie ein Ich. War zu Kriegszeiten in Berlin. Bei einer Parade von Schiffen auf der Spree. Die Schiffe waren viel zu groß, viel zu Kriegsgigantisch, für die kleine Spree. Für das triste Berlin sowieso. In Berlin werden seit jeher Revolutionen nur geträumt, nie umgesetzt. Dafür ist Berlin mit seinen Ringen und Kreisen zu sehr ein Verbund von Dörfern, mit dörfischem Denken. Auf jeden Fall war ich dort mit einem Freund, der nicht aufhören konnte zu weinen. Er weinte und weinte und weinte, weil dort unten, am Fuß des Sitzplatzgerüstes auf dem wir saßen, fröhlich Kinder spielten. Warum mein Freund denn so weine, erkundigte sich die Frau neben mir. Sie war gerade und deutsch, störrisch und direkt. Unweiblich. Unerotisch. Unverzehrbar. Eine echte Berlinerin. Ich sah die Frau nur traurig an und belog sie: Mein Freund weinte wegen den Kindern, die er vor einer Weile aus einem Fluß gerettet hätte. Die Wahrheit war leider nur, dass er und ich ganz im Gegensatz die Kinder nicht gerettet hatten. Eigenhändig hatten wir sie ersäuft. Die Gegenwart der Umstände hatte uns keine Wahl gelassen. Denn im Krieg sind Kinder nicht nur Kinder. Sowie Taten keine Untaten sind. Welcher Fluss dass denn gewesen sei? Fragte die Berlinerin und ich sagte nur so für mich dahin, die Spree. Die Spree? Das könne wohl nicht sein. Überhaupt spräche ich den Begriff „Spree“ nicht richtig aus. So würde das keiner sagen, ich seie doch wohl kein Berliner. Worauf ich nur den Kopf schüttelte. Ne. Mein Freund sei Berliner. Ich nicht. Nun, woher ich denn nun komme? Darauf zuckte ich nur mit den Schultern. Und wie alt ich sei? 23, sagte ich. Ich bin 23. Als ich das sagte, erschrak die spröde Berlinerin. Ich konnte in ihren Augen lesen, dass sie mich auf 37 geschätzt hätte, im gleichen Alter wie sie. Doch nein. Ich war wirklich 23. Nur der Krieg, das Morden und das Elend ließ mich fast 15 Jahre älter aussehen. Ich könnte gar nicht sagen ob ich ein schlechter Mensch war, in diesem Traum. Ich wachte nur auf, war wieder 37 und fühlte mich doch wieder wie ein 23 Jähriger, dessen Untaten ihn vor der Zeit altern ließen. Die Wände die mich umgaben waren die, die mein Großvater mit seinen eigenen Händen errichtet hatten, als er nach dem Krieg, nach der Gefangenschaft, versuchte hier Wurzeln zu schlagen. In Wahrheit war er nie aus dem Krieg zurückgekehrt. Sowie ich nach dem Erwachen. Ich spürte die Last, wie die Schuld meiner Vergangenheit. Wie die Gräueltaten eines Anderen, die in mir schlummern. Vielleicht ist meine Angst vor Kindern nur die Schuld eines anderen Lebens, als ich pflichtschuldig zu viele von ihnen getötet hatte. Und wenn nicht, dann liegt das Potential in mir vergraben. Ein guter Deutscher zu sein.

Santas Schoß

All dieser Firlefanz, die Lichter, Bäume, Kerzen, Rentiere, Krippen, die Musik… All das bräuchte es gar nicht. Doch es hilft. Da der Mensch von den jeweiligen Eltern dazu konditioniert wurde, dadurch in eine besinnliche Stimmung versetzt zu werden. Worauf besinnen sich die Menschen aber zur Weihnachtszeit? Auf sich? Auf andere? Auf das große Miteinander? Für ihn besann man sich seit jeher auf die Wahrheit. Eine echte Wahrheit, eine von jenen also, die man das ganze Jahr über, mehr als 11 Monate lang, abstreitet und vor sich geheim hält; diese unbesonnene Zeit ist die wahre „Närrische Zeit“. Die Zeit des Selbstbetrugs. In der man jeden Tag eine unsichtbare Narrenkappe trägt. Der selbstgezimmerte Balken vor den Augen, den wir freiwillig tragen, um mit der Gesellschaft und was sie von uns hält, klarzukommen.

 

Das ist die Geschichte von Klaus. Klaus ist in meinem Alter. Er hat eine ehemals hübsche Frau, die „immer noch hübsch für ihr Alter“ genannt wird, und zwei engelsgleiche Kinder. Klaus arbeitet als Bierfahrer für eine der größten Brauereien Deutschlands. Er macht seinen Job gerne, auch wenn er Abitur gemacht hat. Irgendwie kamen Frau und Kinder dazwischen. Doch Klaus gehört nicht zu den Menschen, die sich über verpasste Chancen grämen. Klaus ist umgänglich. Ein Pfundskerl. Ein Typ zum Pferdestehlen. Und Klaus ist pädophil. Wobei Klaus gar nicht weiß, ob diese Bezeichnung die Richtige für seine sexuelle Orientierung ist.

Ja. Klaus wird von Kindern sexuell aufs Äußerste erregt. Aber nein. Klaus hat noch niemals ein Kind betatscht, bedrängt oder ihm Gewalt angetan, damit er seine sexuellen Träume ausleben könnte. Klaus hat Klaus unter Kontrolle. Immer. Ohne wenn und aber. Und ganz gleich wie sehr ihn Kinder auch durch ihre bloße Präsenz aufgeilen, hat er niemals dieser Lust nachgegeben, die jeder von uns schon verspürt hat, wenn er endlich die/den Außerwählten des Herzens ins Bett bekommen hat.

Man muss verstehen, dass das was für uns natürlich ist, für Klaus unmöglich ist.

Wer diesen Schmerz versteht, der versteht auch die ungeheure Selbstbeherrschung mit der Klaus durch das Leben streift. Denn Klaus ist seit jeher vollkommen bewusst, dass ein Kind niemals seine Form von Liebe, seine Triebe verstehen würde. Kinder. Haben keine sexuellen Bedürfnisse. Und ihm ist klar, dass sich das auch niemals ändern wird. Kein Kind dieser Welt würde ihm seine Wünsche erfüllen können. Und Klaus hat das akzeptiert. Denn Klaus ist ein sehr starker Mensch; Klaus ist der stärkste Mensch den ich kenne. Klaus. Ist mein Held.

Und doch…

 

An Weihnachten gibt Klaus gerne den Weihnachtsmann. Das ist der Moment, in dem für ein paar Stunden seine Fassade bröckelt. Nicht nach außen. Niemand sieht was IN Klaus los ist. Nicht nur wegen des roten Anzugs und des dichten struppigen Bartes. Klaus lässt auch seinen Körper nicht auf die Kinder reagieren, die auf seinen Beinen und manchmal unbeherrscht auf seinem Schoß herumrutschen. Nur innerlich, da bröckelt die Fassade ein wenig. Es wird ihm warm ums Herz, und er fühlt sich glücklich und frei, wie ein Knabe, der in seine beste Freundin verliebt ist und mit ihr in einem Bett liegt – auch wenn gar nichts passiert. Klaus. Ist einfach glücklich in diesen Moment. Seine Wangen sind so rot, dass es keiner Schminke bedarf.

 

Er weiß, dass er keine Linie überschreiten darf. Er weiß, dass es nur ein flüchtiger Moment der Besinnlichkeit ist. Aber er glaubt auch, dass einmal im Jahr, vielleicht nur, weil es Weihnachten ist, Klaus ein klein wenig auch Klaus sein darf. Zumindest im Herzen.

 

Nachdem er den Anzug und den Bart abgegeben, und allen freundlich und lachend ein frohes Weihnachten gewünscht hat, steigt Klaus in sein Auto. Auf seinem Schlüsselanhänger, den er von seinem Arbeitgeber geschenkt bekam, steht: „Das Beste WIR der Welt.“ Und Klaus seufzt wie er das liest, im beschlagenen Auto, er ist von niemand draußen zu sehen. Ein kurzer Moment der Freiheit… Ja. Auch wenn seine Wünsche als Einzelner nicht zählen, so fühlt er sich doch als Teil eines größeren Ganzen. Eines WIRs. Eines UNS…

Klaus, der Pädophile, der noch niemals einem Menschen etwas Böses tat, startet sein Auto und fährt mit seinem Geheimnis nachhause und feiert mit seiner Familie Weihnachten. Die Narrenkappe sitzt wieder fest auf seinem Kopf. Sie war ohnehin nur verrutscht.