Absolution 44 – Liebe hat nichts damit zu tun

„Ende gut. Alles gut“, sprach Paul wortwörtlich in sich hinein. Pflichtbewusst und pünktlich wie immer stand die Sonne am Himmel und schien auf all die glücklichen wie unglücklichen Ameisen auf den Planeten Erde hinab. Katha und Paul hatten zusammen gefrühstückt und auch das hatte gut funktioniert. Schließlich waren sie seit Jahren befreundet gewesen, bis diese Nacht unwiderruflich alles verändert hatte. Der gemeinsame, frisch aufgebrochene Alltag fühlte sich ebenso seltsam wie natürlich an.  Sie hatten die Semmeln mit Frauen-Brotaufstrichen beschmiert, dessen Geschmacksrichtungen ebenso fremd gewesen waren, wie die Topfpflanzen an Kathas Fenstern. Der Kaffee war ein wenig zu schwach, was in Ordnung war. Dabei tönte irgendein Radiosender aus der kleinen tragbaren Anlage. Auf eine seltsam lustige Art zauberte die Radiomusik die größte Verwunderung in Pauls Lachen: „Tatsächlich, ich höre Radio – und es gefällt mir.“ Er musste es nicht aussprechen. Katha kannte Pauls Verhältnis zur Radiomusik, die er immer als „Volksverblödung“ abgetan hatte. Nun nickte er lächelnd mit, während die Sonne ihre ersten Strahlen auf Kathas wunderschöne Erscheinung warf. Sie beobachtete ihn genau. Sah die Verwandlung einsetzen die sie für ihn geplant hatte und erfreute sich an ihrem „Freund“; was immer dieser Ausdruck im Deutschen bedeuten konnte.

Pauls Herz schlug spürbar locker und fröhlich vor sich. Er konnte sein eigenes Herz spüren, vor Freude. Ein Gefühl, das er kaum mehr kannte. Sein Herz war ihm bisher nur aufgefallen, wenn es unverhofft und unnatürlich in seinem Herzen vor sich hin stolperte, sich scheinbar überschlug. Die Frage ob er Katha gegenüber echte Liebe empfand, stellte sich nicht. Dafür war er viel zu heiter und ausgelassen. Die großen Fragen mussten warten und würden, der Methode der Erfahrung folgend, erst im Nachhinein beantwortet werden, wenn alles zu spät war. So. War es immer gewesen.

Als Paul seine Wohnungstür geschlossen hatte, überlegte er 5 Sekunden lang, wie der Tag weitergehen würde. Es war ein Sonntag und Katha hatte sich schon beim Frühstück entschuldigt, dass sie heute mit Familiendingen beschäftigt sein würde – am liebsten hätten sich die Beiden nach dem Frühstück gleich wieder zurück ins Bett verdrückt, um es nie wieder zu verlassen. Doch da das nach all den Jahren, die die Vorbereitung der Katha/Paul-Geschichte benötigt hatte, die vergangene Nacht nun doch mehr als überraschend doch zustande kam, mussten die Stelldicheins auf die kommende Woche verschoben werden. Paul hatte den Rest des Tages frei. Nur. Was machen „normale Menschen“ an einem freien Tag? Familie hatte er erst gesehen; und eh keine Lust drauf. Was mit Fettsack machen? Chris? Na ja. Wäre eine Möglichkeit. Aber. Irgendwie schien das eine zu darke und deepe Wendung genommen. Vielleicht sollte er die mal in Ruhe lassen.  Tatsache war: Paul hatte noch Amphetamine da. Einen guten Haufen sogar. Ganz sicher. Die Frage war nur, ob das jetzt überhaupt noch Sinn machte. Jetzt wo er im echten Leben das hatte, was er sich Jahrelang so gewünscht hatte…  

Der Kopf musste die Frage gar nicht beantworten. Pauls Körper lief wie ferngesteuert los und holte mit einem gekonnt blinden Griff sein Pep vom Küchenschrank. Ja. Ja. Das war ja alles ganz toll mit Katha. Er war so glücklich. Wahrscheinlich liebte er sie wirklich. Aber. Nur. Er war halt auch ganz gerne richtig gut drauf. Da musste er ehrlich zu sein selbst sein. Warum nicht einfach ein paar Lines platt machen und sich noch einmal in die letzte Nacht zurück träumen? Denn. Genau. Das würde er jetzt machen. In der Drogenerinnerung noch einmal seine Seele über Kathas Körper gleiten lassen. Im Rückspiegel noch einmal ganz nah bei ihr sein. So wie FRÜHER. Nichts da mit irgendwelchen Fantasy-Urvölkern. Das war doch nur ein hohler, blöder Ersatz für einen Mangel an Liebe gewesen. Jetzt musste er sich nicht mehr dorthin verabschieden. Denn nun war alles anders. Jetzt. War Katha. Okay. Penibel ausgedrückt war jetzt Drogenzeit. Nicht Katha. Mit Liebe hat das aber nichts zu tun. Dann saugte er gleich noch eine dritte Line in sich hinein. Sein Leben konnte gar nicht besser sein.

Das übersteigerte Bewusstsein der Menschen

Beim Frühstück im Urlaub mit Ei im Mund kann man sich die wunderbarsten Fragen stellen. Schön, wenn man zu viel Zeit hat. Ein Zustand, den ich mir selbst selten zugestehe. Dumm wie ich bin. Gerade poppte die Frage in mir auf, weshalb der Mensch beim Sex Lust empfindet. Würde der Mensch keine Lust beim Sex empfinden, hätten wir sehr viele Probleme auf dem Planeten weniger. Es gäbe nicht nur weniger Kriege auf dem Planeten (spontan muss ich da an die alten Griechen denken: Paris, der mit Helena durchbrennt – zum Thema Liebe kommen wir später – worauf das Resultat Krieg ist) auch die Pubertät wäre viel leichter zu ertragen usw. usf.

Die Lust wurde in vergangenen Zeiten oft als „viehisch“ bezeichnet, was für mein Befinden totaler Unsinn ist. Sexuell erfüllt sieht ein Fisch beim Laichen nicht aus. Zugvögel pimpern auch nicht unkontrolliert voller Lust in der Gegend herum, sie warten viel mehr auf die richtigen Umstände um eine Nachkommenschaft zu gründen. Und auch bei den Säugetieren wird nicht jeden Tag gevögelt bis zum geht nicht mehr. Die Tiere ficken eigentlich mit viel mehr Vernunft als wir Menschen, unsere Art, die mindestens ein Jahrzehnt im Leben extrem, wenn nicht gar ein ganzes Leben lang auf Sex fixiert ist. Ich hab auch nie davon gehört (wie immer kann ich gerne darüber berichtigt werden), dass sich Affen oder Löwen stundenlang zum Kuscheln und tagelangen Ficken irgendwo verstecken würden. Klar. Der Affe verhält sich ähnlich wie der Mensch (oder war es umgekehrt?), jedoch bei weitem nicht so extrem.

Zusammengefasst: Extremer Sex und Perversionen (gibt es die heute überhaupt noch in unserer hyperliberalen Gesellschaft?) sind typisch menschliche Eigenschaften. Niemand lebt und empfindet seine Lust so sehr wie wir.

Bei unserer Gattung wird gerne mit der Vernunft argumentiert. Wir Menschen sind die Vernunftgesteuerten, die ein Bewusstsein über ihr Tun besitzen. Was richtig ist. Bewusstsein ist genau dass, was uns vom Tier unterscheidet. Aber macht uns das per se vernünftiger? Es ist ein alter Hut wenn ich jetzt mit der Zerstörung unseres Lebensraumes komme (was ich an dieser Stelle leider muss), so wie all den unvernünftigen Entscheidungen, die ein Mensch im Laufe seines Lebens trifft, sei es nun Selbstzerstörung (Rauchen, Trinken, Drogen, usw.) oder Selbstvernachlässigung (falsche Ernährung, falsche Entscheidungen usw.). Zwar können wir auch Flugzeuge und Smartphones bauen. Aber der Mensch ist nicht von seinen Grundzügen aus vernünftig. Er ist vernünftig genug um durch den Alltag zu kommen und viel zu alt zu werden. Dabei kann er aber auch gleichzeitig höchst unvernünftig agieren. Eben. Weil der Mensch bei „Bewusstsein“ ist (was auch immer das bedeuten soll). Der Mensch ist sich nämlich nicht nur dessen bewusst, dass er tot ist wenn er von einem Auto überfahren wird. Er ist sich auch dessen bewusst, wie viel Spaß es macht schnell Auto zu fahren oder viel Sex mit vielen verschiedenen Partnern zu haben; zwei Punkte, die gute Beispiele dafür sind, wie der Mensch sich selbst schadet und seine Art zerstört. Der Mensch hat ein übersteigertes Bewusstsein entwickelt, dass ihm bestimmte Dinge wichtiger erscheinen, als im Einklang mit sich und seinem Planeten zu leben. Dabei ist noch kein einziger Mensch außerhalb des Planeten gestorben (höchstens vlt noch in dessen Atmosphäre). Das ist von einem vernünftigen Standpunkt ausgesehen gelebter Wahnsinn. Ebenso ist der Humanismus den ich vertrete, gelebter Wahnsinn. Es gibt nun einmal viel zu viele Menschen, die nicht mehr im Einklang mit der Natur leben – eigentlich fast alle. Wäre es da nicht vernünftiger Milliarden von ihnen zu vernichten um die Menschheit an sich zu retten? Wäre es nicht am Klügsten vor allem alle „erste Welt-Menschen“ auszurotten, da wir maßgeblich an der Vernichtung unseres Lebensraumes beteiligt sind? Sind wir denn nicht die eigentlichen Wilden, die ihr Leben wie wild und ohne Rücksicht auf Verluste führen? Gehören denn nicht gerade die Deutschen ausgerottet? (Hier: gewollte Provokation).

Das Problem mit dem menschlichen Bewusstsein ist halt leider, dass sich unser Bewusstsein nur auf die Gegenwart bezieht. Wir können nur agieren, wie wir jetzt agieren. Natürlich können wir uns Dinge vornehmen, scheitern aber meistens doch ziemlich schnell an der Feststellung, dass es anders oft sehr viel leichter ist. Nämlich in dem wir bewusst auf die Zukunft scheißen. Jetzt geht es mir doch bewusst gut, was sollte mich die Zukunft interessieren? Oder was juckt es mich was woanders auf dem Planeten geschieht? Bewusstsein ist immer mit Ort und Gegenwart verbunden. Und ja, wir können lernen dieses Bewusstsein an einer höhere Vernunft anzukoppeln, um so unseren Lebensstil zu ändern (ähnlich wie wir uns die Regeln des Straßenverkehrs als göttliche Gebote eingeprägt haben), nur leider geht vorher alles den Bach runter, bevor wir unser Bewusstsein maßgeblich der veränderten Lebenslage angepasst haben. Das Umlernen dauert einfach zu lange.

Unser Bewusstsein ist also eine unfertige Sache. Ebenso wie unsere Vernunft. Und wir bilden uns so viel darauf ein. Dabei müssen wir nur einen scharfen Traummann/frau sehen, um unser ganzes Leben in Frage zu stellen. Oder nur ein Kind auf die Welt bringen. Um sämtliche Liebe die wir haben auf das Kind zu fokussieren – um ab diesem Zeit in den meisten Fällen alle andere Menschen als Untermenschen und weniger wichtig zu erachten.

Liebe ist nicht nur unsere Antriebsfeder. Liebe tötet uns.

Da ist ja auch das Geile: Wir Menschen sind bipolare Wahnsinnige, die auch noch stolz darauf sind und uns für sehr vernünftig halten. Selbst wenn die Lust unser Leben bestimmt. Nicht immer. Oft aber in den entscheidenden Momenten. 

Wir brauchen. Eine neue Form von Vernunft.

Dafür stehe ich hier mit meinem Namen.

Absolution – 32 – Gehen wir noch zu dir?

Sie verließen den Club nicht allzu spät (4 Uhr morgens) und fuhren mit der Bahn zurück. Katha und Paul taten so, als wären sie normale Freunde, während Sarah sichtlich von Miguels Annäherungsversuchen genervt war. Miguel erzählte ständig Geschichten um irgendwie doch noch interessant auf Sarah zu wirken, auch wenn seine Erzählungen an Belanglosigkeiten kaum zu überbieten waren; nur die über Story einer ihm bekannten Lesbe fand echten Anklang und Diskussionsbedarf. Die beschriebene Lesbe sei (laut Miguels dramatischer Darstellung, bei der er nicht aufhören konnte zu betonen, wie absolut wahr die Geschichte sei) ständig schwanger, da sie – Hölle Kleinstadt – ständig mit Typen ins Bett stieg, da es „auf dem Dorf“ keine LGBT-Szene gab, zu der sie sich zählen und von der sie zehren konnte.

Tatsächlich hasst sie Männer mit ihren dummen Schwänzen. Es ist eine megamiese und eklige Situation. Sie ist nur so einsam, dass sie dann doch jeden über sich drüber lässt“, erklärte Miguel Achselzuckend.

Das ist ja wohl das Dümmste was ich jemals gehört habe“, verdrehte Sarah ihre Augen.

Aber es ist wahr!“

Sarah weiter: „Du hast doch gar keine Ahnung wie sich eine lesbische Frau fühlt! Die würde doch niemals! Das ist doch lächerlich! Aus Einsamkeit!“
Katha seufzte: „Ich kann schon verstehen aus sexueller Not lesbisch zu werden.“ Sie lachte noch schnell ein wenig falsch ihrer Aussage hinterher.

Was weißt DU denn davon lesbisch zu sein?!“ ging Miguel Sarah an. „Die Story ist wahr!“

Das ist doch nur eine Männerphantasie!“ lachte Sarah Miguel aus und die Frauen lachten zusammen.

Vielleicht ist das ganze Leben nur einer Männerphantasie“, setzte Paul mit einem schiefen Lächeln hinzu. Worauf nun Miguel zu Lachen begann und Paul, der gar nicht verstehen konnte warum, High-Five geben wollte. Es war wie immer: Keiner verstand irgendwen und alle redeten aneinander vorbei.

Die Umarmung zwischen Katha und Paul war merkwürdig und schön zu gleich. Dann öffnete sich die Zugtüre, worauf Miguel und sie aus Pauls Blickfeld entschwanden. Paul glaubte noch, bevor sich die Türe mit dem typischen mechanischem Rucken schloss, zu hören, wie Miguel sagte: „Ich hab die Alte doch AUCH geknallt!“

Vielleicht. War auch das nur eine Einbildung gewesen.

Puh“, seufzte Paul. Das war ja irgendwie eher beschissen gelaufen.

Ja… Puh…“, meinte Sarah mich hochgezogener Augenbraue. „Du bist´n Idiot.“

Wieder sein schiefes Lächeln. „Ja… Das bin ich wohl…“

Weißt du noch als wir in Stuttgart waren? Bei Carl Cox?“

Klar weiß ich das. Der war suuuper.“

Genau. Was du aber nicht mitbekommen hast, war, dass Katha dich da schon die ganze Zeit wie blöde Angegraben hat.“

Echt? Ja… Ne… Das weiß ich nicht mehr… Das denkst du dir doch gerade aus… Das ist doch… Monate her…“
„Du Idiot. Ich saß hinter euch im Zug zurück, als Katha zu dir sagte, dass ihr zwei doch bestimmt noch zu dir gehen würden. Und du dann so (verstellte Männerstimme) WAS WOLLEN WIR DENN BEI MIR??!!! NENENE! ICH GEHE JETZT SCHÖN ALLEIN NACH HAUSE! ES REICHT JA WOHL LANGSAM MIT FEIERN!“

Wirklich?“ Ein kurzes, echtes Lachen. „Das habe ich überhaupt nicht überrissen…“

Weil du ein Idiot bist. (Pause) Weißt du. Katha ist ein zu gutes Mädchen als dass sie das verdient hätte… Und das wird sie auch nicht ewig mitmachen.“

Die Haltestelle kam und sie stiegen aus.

Du bist´n Idiot Fleming“, sagte Sarah noch während der Abschiedsumarmung. Als sie sich getrennt haben zuckte Paul wieder mit den Schultern: „Ich weiß…“
„Irgendwann wird sie weg sein. Du… Magst sie doch? Oder?…“

Ich mag sie sogar sehr.“

Dann hör auf so ein Idiot zu sein!“

Wirst du mich jetzt immer so nennen?“

Oh ja. So lange bis du die Sache hinbekommen hast. Und hör auf dich ständig zuhause einzusperren. Warum auch immer…“

Ich hab dich lieb.“

Fick dich Paul.“

Lachend und Kopfschüttelnd trennten sie sich.

Auf dem Nachhauseweg war Paul klar wie der Tag weitergehen würde. Der PC und das Speed warteten schon auf ihn. Und trotzdem war er fassungslos darüber, dass er die Avancen Kathas nicht gerafft hatte, sondern heute wie damals nur nach Hause wollte, um weiter in seine Träume zu fliehen. Träume von Katha. Träume von der Zukunft. Träume davon, es beim nächsten Mal besser zu machen.

Nicht um des Sex willens.

Für die Liebe.

Auf gar keinen Fall würde er in die Welt der Ma-Fag zurückkehren. Für so einen Unsinn hatte er nun wirklich keine Zeit. Er musste sein Liebesleben auf die Reihe bekommen.

Nein. Sein ganzes Leben.

Nur ein Traum

Wie meistens in meinen Träumen war einiges unklar. Irgendwas war da mit einem Gefangenlager im zweiten Weltkrieg. Definitiv kein Kriegsgefangenenlager von patriotischen Vaterlandsverteidigern, woher auch immer. Aber darum ging es auch gar nicht. Ich. Irgendwie ein Ich. War zu Kriegszeiten in Berlin. Bei einer Parade von Schiffen auf der Spree. Die Schiffe waren viel zu groß, viel zu Kriegsgigantisch, für die kleine Spree. Für das triste Berlin sowieso. In Berlin werden seit jeher Revolutionen nur geträumt, nie umgesetzt. Dafür ist Berlin mit seinen Ringen und Kreisen zu sehr ein Verbund von Dörfern, mit dörfischem Denken. Auf jeden Fall war ich dort mit einem Freund, der nicht aufhören konnte zu weinen. Er weinte und weinte und weinte, weil dort unten, am Fuß des Sitzplatzgerüstes auf dem wir saßen, fröhlich Kinder spielten. Warum mein Freund denn so weine, erkundigte sich die Frau neben mir. Sie war gerade und deutsch, störrisch und direkt. Unweiblich. Unerotisch. Unverzehrbar. Eine echte Berlinerin. Ich sah die Frau nur traurig an und belog sie: Mein Freund weinte wegen den Kindern, die er vor einer Weile aus einem Fluß gerettet hätte. Die Wahrheit war leider nur, dass er und ich ganz im Gegensatz die Kinder nicht gerettet hatten. Eigenhändig hatten wir sie ersäuft. Die Gegenwart der Umstände hatte uns keine Wahl gelassen. Denn im Krieg sind Kinder nicht nur Kinder. Sowie Taten keine Untaten sind. Welcher Fluss dass denn gewesen sei? Fragte die Berlinerin und ich sagte nur so für mich dahin, die Spree. Die Spree? Das könne wohl nicht sein. Überhaupt spräche ich den Begriff „Spree“ nicht richtig aus. So würde das keiner sagen, ich seie doch wohl kein Berliner. Worauf ich nur den Kopf schüttelte. Ne. Mein Freund sei Berliner. Ich nicht. Nun, woher ich denn nun komme? Darauf zuckte ich nur mit den Schultern. Und wie alt ich sei? 23, sagte ich. Ich bin 23. Als ich das sagte, erschrak die spröde Berlinerin. Ich konnte in ihren Augen lesen, dass sie mich auf 37 geschätzt hätte, im gleichen Alter wie sie. Doch nein. Ich war wirklich 23. Nur der Krieg, das Morden und das Elend ließ mich fast 15 Jahre älter aussehen. Ich könnte gar nicht sagen ob ich ein schlechter Mensch war, in diesem Traum. Ich wachte nur auf, war wieder 37 und fühlte mich doch wieder wie ein 23 Jähriger, dessen Untaten ihn vor der Zeit altern ließen. Die Wände die mich umgaben waren die, die mein Großvater mit seinen eigenen Händen errichtet hatten, als er nach dem Krieg, nach der Gefangenschaft, versuchte hier Wurzeln zu schlagen. In Wahrheit war er nie aus dem Krieg zurückgekehrt. Sowie ich nach dem Erwachen. Ich spürte die Last, wie die Schuld meiner Vergangenheit. Wie die Gräueltaten eines Anderen, die in mir schlummern. Vielleicht ist meine Angst vor Kindern nur die Schuld eines anderen Lebens, als ich pflichtschuldig zu viele von ihnen getötet hatte. Und wenn nicht, dann liegt das Potential in mir vergraben. Ein guter Deutscher zu sein.

Santas Schoß

All dieser Firlefanz, die Lichter, Bäume, Kerzen, Rentiere, Krippen, die Musik… All das bräuchte es gar nicht. Doch es hilft. Da der Mensch von den jeweiligen Eltern dazu konditioniert wurde, dadurch in eine besinnliche Stimmung versetzt zu werden. Worauf besinnen sich die Menschen aber zur Weihnachtszeit? Auf sich? Auf andere? Auf das große Miteinander? Für ihn besann man sich seit jeher auf die Wahrheit. Eine echte Wahrheit, eine von jenen also, die man das ganze Jahr über, mehr als 11 Monate lang, abstreitet und vor sich geheim hält; diese unbesonnene Zeit ist die wahre „Närrische Zeit“. Die Zeit des Selbstbetrugs. In der man jeden Tag eine unsichtbare Narrenkappe trägt. Der selbstgezimmerte Balken vor den Augen, den wir freiwillig tragen, um mit der Gesellschaft und was sie von uns hält, klarzukommen.

 

Das ist die Geschichte von Klaus. Klaus ist in meinem Alter. Er hat eine ehemals hübsche Frau, die „immer noch hübsch für ihr Alter“ genannt wird, und zwei engelsgleiche Kinder. Klaus arbeitet als Bierfahrer für eine der größten Brauereien Deutschlands. Er macht seinen Job gerne, auch wenn er Abitur gemacht hat. Irgendwie kamen Frau und Kinder dazwischen. Doch Klaus gehört nicht zu den Menschen, die sich über verpasste Chancen grämen. Klaus ist umgänglich. Ein Pfundskerl. Ein Typ zum Pferdestehlen. Und Klaus ist pädophil. Wobei Klaus gar nicht weiß, ob diese Bezeichnung die Richtige für seine sexuelle Orientierung ist.

Ja. Klaus wird von Kindern sexuell aufs Äußerste erregt. Aber nein. Klaus hat noch niemals ein Kind betatscht, bedrängt oder ihm Gewalt angetan, damit er seine sexuellen Träume ausleben könnte. Klaus hat Klaus unter Kontrolle. Immer. Ohne wenn und aber. Und ganz gleich wie sehr ihn Kinder auch durch ihre bloße Präsenz aufgeilen, hat er niemals dieser Lust nachgegeben, die jeder von uns schon verspürt hat, wenn er endlich die/den Außerwählten des Herzens ins Bett bekommen hat.

Man muss verstehen, dass das was für uns natürlich ist, für Klaus unmöglich ist.

Wer diesen Schmerz versteht, der versteht auch die ungeheure Selbstbeherrschung mit der Klaus durch das Leben streift. Denn Klaus ist seit jeher vollkommen bewusst, dass ein Kind niemals seine Form von Liebe, seine Triebe verstehen würde. Kinder. Haben keine sexuellen Bedürfnisse. Und ihm ist klar, dass sich das auch niemals ändern wird. Kein Kind dieser Welt würde ihm seine Wünsche erfüllen können. Und Klaus hat das akzeptiert. Denn Klaus ist ein sehr starker Mensch; Klaus ist der stärkste Mensch den ich kenne. Klaus. Ist mein Held.

Und doch…

 

An Weihnachten gibt Klaus gerne den Weihnachtsmann. Das ist der Moment, in dem für ein paar Stunden seine Fassade bröckelt. Nicht nach außen. Niemand sieht was IN Klaus los ist. Nicht nur wegen des roten Anzugs und des dichten struppigen Bartes. Klaus lässt auch seinen Körper nicht auf die Kinder reagieren, die auf seinen Beinen und manchmal unbeherrscht auf seinem Schoß herumrutschen. Nur innerlich, da bröckelt die Fassade ein wenig. Es wird ihm warm ums Herz, und er fühlt sich glücklich und frei, wie ein Knabe, der in seine beste Freundin verliebt ist und mit ihr in einem Bett liegt – auch wenn gar nichts passiert. Klaus. Ist einfach glücklich in diesen Moment. Seine Wangen sind so rot, dass es keiner Schminke bedarf.

 

Er weiß, dass er keine Linie überschreiten darf. Er weiß, dass es nur ein flüchtiger Moment der Besinnlichkeit ist. Aber er glaubt auch, dass einmal im Jahr, vielleicht nur, weil es Weihnachten ist, Klaus ein klein wenig auch Klaus sein darf. Zumindest im Herzen.

 

Nachdem er den Anzug und den Bart abgegeben, und allen freundlich und lachend ein frohes Weihnachten gewünscht hat, steigt Klaus in sein Auto. Auf seinem Schlüsselanhänger, den er von seinem Arbeitgeber geschenkt bekam, steht: „Das Beste WIR der Welt.“ Und Klaus seufzt wie er das liest, im beschlagenen Auto, er ist von niemand draußen zu sehen. Ein kurzer Moment der Freiheit… Ja. Auch wenn seine Wünsche als Einzelner nicht zählen, so fühlt er sich doch als Teil eines größeren Ganzen. Eines WIRs. Eines UNS…

Klaus, der Pädophile, der noch niemals einem Menschen etwas Böses tat, startet sein Auto und fährt mit seinem Geheimnis nachhause und feiert mit seiner Familie Weihnachten. Die Narrenkappe sitzt wieder fest auf seinem Kopf. Sie war ohnehin nur verrutscht.

Grenzen

Wir sahen uns diese Woche  die Daily-Soap GZSZ an, in welcher der böse Joe Gerner scheinbar ein Grundstück vergiften ließ, auf dem ein Aktionsbündnis ein Flüchtlingsheim errichten wollte; Gerner wollte das Grundstück für seine Firma und wendete eine Finte an. Aber natürlich sind die guten Aktivisten schon dabei die Lunte zu riechen.

 

Ich (Ironie an): „Bestimmt haben die bösen Flüchtlinge selbst das Gelände versucht, um Gerner eins auszuwischen.“

Bekannte/Freundin: „Erinnerst du dich noch als ich in der Gärtnerei gearbeitet habe?“

„Klaro.“
„Dort habe ich auch mit Flüchtlingen zusammengearbeitet. Aus Afrika. Wo will man denn auch Leute einsetzen, die die Sprache nichts sprechen und nichts können?“

„Auf dem Feld.“

„Das haben die sich vom Amt wohl auch gedacht. Deswegen schicken sie immer wieder welche zu meinem Chef.“

„Immer wieder?“

„Ja. Der muss sie die ganze Zeit wieder loswerden. Weil die nicht zur Arbeit kommen. Und wenn dann, wann sie wollen. Die kennen das nicht aufstehen zu müssen wenn es Zeit ist. Die sind es gewohnt aufzustehen wenn sie aufwachen. Genau (es fällt ihr wieder ein), aus Eritrea waren die.“

„Dann müssen die das gelernt bekommen.“

„Ja. Das stimmt schon. Wenn man aber auf Feldern arbeitet kann sich die Arbeit nicht um die Arbeiter drehen, die Pflanzen stehen im Mittelpunkt. Mein Chef konnte mit diesen Leuten nichts anfangen, denen seine Pflanzen egal waren und sich nicht um sie kümmerten. Deutschland ist von Natur her kein besonders fruchtbares Land.“
„Hm… Das ist ja echt scheiße.“
„Außerdem waren die, wenn sie denn kamen, faul. Die hatten keine Lust zu arbeiten. Und von mir ließen die sich sowieso nichts sagen…“

„Weil du eine Frau bist.“

„…Weil ich eine Frau bin ja. Weißt du wie sich das anfühlt wie Luft behandelt zu werden und wenn man dann – zwangsläufig – lauter wird, mit abschätzigem Blick angesehen zu werden als ob du nichts wert bist? Und dann geht der einfach und lässt dich die Arbeit machen?“

„Das ist natürlich hart… Aber Eritrea ist eines der ärmsten Länder der Welt. Die sind einfach ungebildet. Und auf dem Feld arbeiten da sicherlich nur Frauen.“

„Das stimmt wahrscheinlich. Das hilft mir und meinem Chef nur sehr wenig. Er würde gerne mehr von denen nehmen. Die taugen aber nichts. Die Meisten verstehen nicht, dass wir hier nicht einfach so im Wohlstand leben, dass wir dafür hart arbeiten.“

„Aber es sind nicht Alle so.“

„Ne. Natürlich nicht.“

Pause. Irgendetwas bescheuertes, doch irgendwie Wichtiges geschieht in der falschen Welt von „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ auf RTL, dann fügte sie noch hinzu:
„Ganz bestimmt nicht Alle. Aber die, die ich kennen gelernt habe.“

Erklärung:

Ich habe jetzt lange überlegt ob ich so einen Eintrag schreibe, da er eine gewisse Stimmung generiert. Aber. Die Geschichte wurde mir von ihr so erzählt und ich glaube ihr – was würde es bedeuten sie absichtlich zu verheimlichen?