Das ewige Leben

Ich habe mir gestern den Film „Das ewige Leben“ mit Josef Hader angesehen, ganz, obwohl ich nur die Anfangssequenz sehen wollte. Der vierte Film um Simon Brenner (gespielt von Josef Hader) beginnt damit, dass der Brenner am Bodensatz der Gesellschaft angekommen ist. Er ist seit Jahren arbeitslos, ist nicht mehr sozialversichert, hat kaum Anspruch auf Rente und ist selbstverständlich finanziell total abgebrannt. Familie hat er auch keine die sich um ihn kümmern könnte, doch beim Thema „Familie“ erinnert er sich an ein altes Haus welches er geerbt hat, in Graz, zu welchem er in der erwähnten Eröffnungsszene mit dem Zug fährt.

Es schüttet wie aus Kübeln und als der bis auf die Knochen durchnässte Brenner das Häuschen erreicht, hat dieses ein Loch im Dach (durch das es natürlich hineinregnet) und keinen Strom. Er setzt sich an den dunklen Küchentisch, blickt ins Nirgendwo, und setzt dann, um im Haus wenigstens etwas gegen die Kälte zu unternehmen, seine Wintermütze auf. Dann wird der Titel des Filmes eingeblendet, quasi als Kommentar zur Szene: „Das ewige Leben“.

Dieses Bild fand ich schon damals im Kino ungeheuer traurig und stark.

Gestern fragte ich mich, wieso wir das überhaupt wollen: Ewig Leben. Denn unterbewusst leben wir so, als würden wir es ewig können, dieses leben,  auch wenn wir es vielleicht gar nicht bewusst wollen. Alle wollen krampfhaft lange leben, ganz egal wie lebenswert dieses Hiersein überhaupt ist. Oder ob es. Sich dabei nicht eher um einen Fluch handelt. Dieses scheinbar ewige Leben.

Wenn man jung ist hält man sich für unsterblich. Man denkt nicht allzu viel über die Zukunft nach und geht an seine Körperlichen und Physischen Grenzen, ohne Gnade und Rücksicht auf sich selbst; man nimmt die Verluste gerne in Kauf. Wenigstens war das in meiner Jugend so. Vielleicht war das noch eine andere Generation. Keine Ahnung. Oberflächlich wird heute auf jeden Fall viel mehr vernünftelt.

Die Zukunft und die mit ihr verbundenen Probleme sind weit entfernt und man denkt recht wenig an die unterschwelligen Ergebnisse seines Handelns. Zwar habe ich immer gewusst, dass mein Tun Konsequenzen haben würde, richtig geglaubt habe ich es aber nie. Wer wollte schon ernsthaft 50 werden?

Am liebsten wäre ich einfach mit 27 tot umgefallen. Ein finaler Schlag gegen mich Selbst, oder anders ausgedrückt: Die Erlösung.

Dieses Feeling von damals hing damit zusammen, dass ich mit mir und meinem Leben unglücklich war und ich es mir schwer mit allen möglichen Mitteln „besorgte“, um die Trauer und den Schmerz zu überspielen, nicht das Leben zu leben, das ich gerne hätte. Unterbewusst wollte ich vielleicht gar nicht mehr leben, auf jeden Fall (und ganz sicher) nicht ewig. Das Leben läuft in Wellen ab, in Phasen, und das ist kein Geheimnis. Irgendwie weiß das jeder, dass es gute und schlechte Tage gibt, sehen und verstehen will das dann aber auch irgendwie kaum jemand. Bist du in einer schlechten Phase, glaubst du, dass es nie wieder besser werden kann, und auch in guten Zeiten bist du blind für das Unglück, welches vielleicht schon vor deiner Türe steht. Ich wusste nie wo ich in 5 Jahren bin.

Die Freunde um mich herum bekamen Kinder, finanzierten Häuser, bauten sich ein bürgerliches Leben auf, und ich blieb immer 20 Jahre alt und goss die Kübel meines Daseins achtlos ins Nichts. Was für eine überschwänglich gute und sorglose Zeit, und doch: Was für eine Verschwendung.

Jetzt sitze ich da, mit meinem abgenutzten Körper und schon jetzt mit den Folgen meines Tuns (kaputter Rücken, meine nervöse, unausgeglichene Art) und will mich gar nicht mehr verschwenden, sondern im Gegenteil, alles festhalten und gutmachen, was ich verschwendet habe, nur leider kann man ausgeschüttetes Wasser nicht mehr mit den Händen zurück in den Eimer kratzen.

Mir tut es nicht leid was ich 13 Jahre meines Lebens getan habe, ich würde es aber gerne anders gemacht haben, schonender, angenehmer, für mich und für die Menschen, die mich heute ertragen müssen. Die Zeit kann man aber nicht umkehren. Wohl aber kann man daran arbeiten.

Ich sehne mich nach der bürgerlichen (wenn auch nicht gleich konservativen) Ruhe die ich so lange so sehr abgelehnt habe und freue mich auf ein besseres, geordneteres Leben. Ironie, Ironie. Nun wo ich schon lange, aber immer noch glücklich, verliebt bin, will ich plötzlich ewig leben. Und spüre doch jeden Tag auf eine andere Weise, dass das nicht der Fall sein wird.

Das Leben ist Fluch und Glück zugleich. Und man braucht jemanden im Leben, um das eigene Dasein in den koordinationslosen Gewässern der Möglichkeiten auf Kurs zu halten. Das Leben braucht einen konstanten Sinn. Denn egal was für überbordende Erfahrungen du einmal gemacht hast. Du kannst sie doch nicht mitnehmen. In das Später. Wenn du alt, greise und wund an deinem Küchentisch sitzt und das scheinbar ewige Leben als Last, oder aber als schöne Offenbarung erlebst. Denn auch in Zukunft zählt nur das JETZT, und ob es lebenswert ist. Genauso wie mit und vor 20 Jahren. Nur gab es damals eine Gegenwart ohne Vergangenheit. Heute und in Zukunft wird es nur eine Gegenwart durch Vergangenheit geben. Und ich freue mich darauf. Und bin dankbar, dass der Zug noch nicht abgefahren.

Und zum Glück.

Will ich immer noch nicht so sein, wie die anderen.

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Das furchtbar Blöde an Daily Soaps sind diese weltfremden Momente, wenn irgendeine Figur irgendetwas erfährt (Unfall, Tod, Betrug, Drama), somit mit einem menschlichen Drama konfrontiert wird und die Kamera auf das überrascht reaktionäre Gesicht des betreffenden Protagonisten zoomt, einzig, um dann die Szene in der Luft stehen zu lassen, bis später an einem ganz anderen Ort und mit anderen Leuten die Person über das Erfahrene debattiert, was man jetzt schon wieder erfahren hätte: Furchtbar.
Denn nach den Gesetzen der menschlichen Logik ist so etwas natürlich unmöglich, denn es gibt keine Zeitsprünge und die Menschen müssen IRGENDETWAS gesagt, getan oder irgendwie reagiert haben und sind nicht dann einfach so stillschweigend auseinandergegangen..

Das Leben geht ja immer weiter. Es kennt keine Gnade. Keine Pause, keine Erholung. Vor der Prüfung ist nach der Prüfung ist vor der Prüfung. Und selbst wenn die letzte Arbeit geschrieben wurde, tauchen neue Tests auf, die dir immer wieder irgendetwas abverlangen werden, neue Herausforderungen die durch die Kinder, die Eltern, den Staat oder sonstiges Umfeld (oder deine eigenen Bedürfnisse) entstehen; merkwürdig nur:
Sollten diese Dinge fehlen, kehrt Langeweile ein.

Denn das ist das Leben nun einmal in jenen Momenten, die nicht Film- oder Serienreif sind: Banal und oft sogar langweilig. Meinem Gefühl nach gibt es nichts Unvorstellbareres als die täglichen kleinen Verschrobenheiten und Banalitäten der Menschen, wenn sie unbeobachtet sind. Anonymität kehrt nun einmal nicht das Beste im Menschen hervor. Das ist bekannt. Möglich dass das beste Abbild des menschlichen Charakters ist. Denn das Leben ist kein 90 Minuten Film mit zehntausend Höhepunkten, es ist ein 10000 Tage Film mit 90 Höhepunkten (je nach Lebensdauer 😉 ).
Dabei kommt uns fast jeder Tag so vor, als gäbe es irgendwelche Höhepunkte. Irgendetwas Besonderes. Obwohl wir genau wissen, dass das nicht möglich ist.
Vielleicht ist es das altes Höhlenmenschendenken, als die Menschen noch jeden Tag mindestens fast zwei Mal vom Löwen gefressen wurden, bevor sie den Tag hinter sich hatten – vielleicht hat sich dieses mit den Jahrtausenden bei uns zu einer Art Instinkt weiterentwickel. Möglich dass wir uns deshalb immer wieder diese Stressmomente schaffen, weil wir eben nicht mehr der Gefahr gefressen zu werden aussetzen müssen, aber immer noch dieses Gefühl haben. Ja. Es BRAUCHEN. Dieses Adrenalin, was eigentlich gar kein WIRKLICHES Adrenalin ist, genauso wie unser Kalorienhunger kein echter, leidender Hunger ist.

Wahrscheinlich sehen wir deswegen fern (oder stürzen uns an Seilen von Brücken, fahren Motorrad usw. usf.) weil wir die Illusion von Action brauchen. Von Gefahr. Von Lebensgefahr.
Was man als junger Kopf noch missversteht ist im „richtigen Alter“ eine furchtbare Erkenntnis. Denn das Leben ist nun einmal banal und auch oft langweilig, und leider oder zum Glück geht das Leben immer weiter, ganz egal wie sehr man eine Chance nun verbockt oder wahrnimmt – es stimmt jetzt nicht, dass es egal wäre wie man eine Chance nutzt, aber es ändert nichts an der Lebendigkeit der Person. Das Leben selbst ist der erste Kreis der Hölle:
Denn es ist nicht so schlimm zum Penner werden, sondern ein Penner bleiben zu müssen.
Es ist nicht so schlimm seine Beine zu verlieren, sondern nie wieder welche zu haben.
Es ist schlimm einen geliebten Menschen zu verlieren, denn DIESEN Menschen wird es nie wieder geben.
Und es schmerzt zu Weinen – ganz egal wie oft und warum du es in deinem Leben machen wirst:
Es wird nicht besser.

Es gibt auch Lachen. Es gibt Spaß. Es gibt Sex. Es gibt Freundin/Freund, Eltern, Kinder, Familie. Doch sie werden nicht immer bei dir sein, sondern nur immer mal wieder.
Was bleibt sind die Banalitäten. Die Langeweile.
Das ist das Einzige, was sicher ist.